Der Motor wiegt 0·9 ¯kg¯ pro Pferdestärke und ist ein Wunder, was

compendiöse Bauart betrifft. Ich machte zwei Versuchsfahrten mit meiner

Maschine. Bei beiden Fahrten landete der Apparat, ohne im geringsten

verletzt worden zu sein. Beim ersten Versuche wurden 100 ¯kg¯ Ballast

aufgenommen, so daß das Gesamtgewicht 226·5 ¯kg¯ betrug. Als der Motor

arbeitete, fuhr der Apparat circa 30 ¯m¯, verließ dann den Boden und

flog circa 1-1/2 Minuten. Beim zweiten Versuche (eine Stunde später),

nahm ich den Ballast heraus und stieg selbst hinein. Das Gefühl, das ich

hatte, werde ich nie vergessen. Der Erfolg war derselbe wie beim ersten

Versuche. Die Dauer des Fluges war 1-1/2 Minuten und die durchflogene

Distanz 1270 Meter.«

3. Schraubenflieger.

Eine weitere große Gruppe von Flugmaschinen bilden die Schraubenflieger.

Das Charakteristische dieser Flugmaschine ist der Umstand, daß sie ihr

ganzes Gewicht allein durch eine einzige Schraube oder durch ein System

von Tragschrauben in die Luft erheben und durch sie forttreiben lassen

kann.

Soviel auf dem Gebiete der Drachenflieger experimentiert wurde, so wenig

wurde verhältnismäßig jenes der Schraubenflieger kultiviert.

Nachdem es nicht Zweck dieses Buches ist, eine Geschichte der

dynamischen Luftschiffahrt zu schreiben, so begnüge ich mich, hier auf

eine Anzahl von Projekten und Experimenten hinzuweisen, welche in dem

sehr empfehlenswerten und interessanten, 1894 in New-York erschienenen

Buche von ÷Chanute÷ »Progress in Flying Machines« näher beschrieben

sind:

Ich erwähne von ihnen hier nur einige Namen: Lannoy & Bienvenu (1784),

Degen (1816), Cossus (1845), Auband (1851), Bright (1859), de la

Landelle (1865), Ponton d'Amécourt (1865), Pénaud (1870), Trouvé (1871),

Dieuaide (1877), Melikoff (1877), Castel(1878), Forlanini (1878), Trouvé

(1886), Jarolimek (1893), Koch (1902).

Nur die folgenden, besonders interessanten Experimente seien kurz

angeführt:

Fast vergessen ist heute das schöne Experiment von $Degen$, welcher

einen Hubschraubenflieger von 6 ¯kg¯ konstruierte; derselbe war mit

einer leichten Gondel aus Rohr und Seide ausgerüstet und von einer

zweiflügeligen Schraube betrieben, die durch ein Uhrwerk bewegt wurde.

Im Juni 1817 stieg dieses hübsche Modell im Prater, nachdem es

öffentlich gezeigt worden war, 160 ¯m¯ hoch. In der Höhe öffnete sich

ein Fallschirm und die Gondel fiel langsam herab.

$Cossus$, 1845, baute einen »Großschraubenflieger« mit drei

nebeneinander situierten, durch Dampf betriebenen Schrauben.

Als Beispiel eines gegenläufigen Schraubenfliegers kann das Modell von

$Le Bris$ 1850 und von $Bright$ 1859 -- so primitiv es ist -- angesehen

werden.

Die beiden Schrauben standen übereinander und bewegten sich jede in

entgegengesetzter Richtung.

Viel Aufsehen erregte seinerzeit der gegenläufige Schraubenflieger von

$De Ponton d'Amécourt$. Er war mit einem Schlangenrohrkessel und einer

Maschine von Aluminium ausgerüstet, wog 2 ¯kg¯, die Stärke des Motors

betrug 1/2 Pferdestärke.

Der Schraubenflieger lief auf Rädern und bewegte sich bei

Inbetriebsetzung seines Motors stoß- und sprungweise vorwärts.

$De la Landelle$ baute 1863 einen Apparat mit Etagenflügeln.

Als erstes Beispiel einer Kaptivschraube ist der Apparat von $Castel$

anzusehen. Auf einem Wagen mit hohem Gerüste befanden sich acht schmale

Schrauben, wovon je zwei auf einer Achse befestigt waren. Je zwei

solcher Etagenschrauben standen sich einander gegenüber.

Diese Schrauben wurden mit komprimierter Luft in Bewegung gesetzt, die

ein Schlauch zugeleitet hatte. Dieser Schraubenflieger erhob sich und

zerschellte beim Experimentieren an einer Wand.

Der von Prof. $Forlanini$ im Jahre 1877 gebaute, mit vier Hubschrauben

ausgerüstete Schraubenflieger war an einem Gerüste angebracht und wurde

durch eine Maschine, die mittels überhitzten Wasserdampfes betrieben

wurde, in rasche Rotation gesetzt.

Der Motor war eine Dampfmaschine. Als Übertragungsmechanismus wurden

Zahnräder und Kurbeln angewendet.

Unten hing eine, mit überhitztem Wasserdampfe angefüllte Kugel. Das

Gewicht dieses Generators betrug 1 ¯kg¯. Die Schraubenoberfläche war

2 ¯m^2¯. Die vom Motor geleistete Arbeit betrug 1/3 - 1/2 Pferdestärke.

Das Gesamtgewicht belief sich auf 3-1/2 ¯kg¯. Bei acht Atmosphären

Spannung erhob sich das Modell 13 ¯m¯ hoch und schwebte durch 20

Sekunden lang in einem Saale vorwärts. Auffallend erscheint das Fehlen

von Nachrichten über weitere Versuche, nachdem dieser als gelungen

bezeichnet werden muß.

Wenn wir diese Projekte studieren, und in das Wesen der Schrauben näher

eingehen, so finden wir, daß die ÷Hub÷schrauben und Universalschrauben

stets kleine Neigungen, die ÷Trieb-÷ oder Zugschrauben stets große

Neigungen bekommen müssen.

Vor Konstruktion eines Schraubenapparates muß die eingehende Erprobung

der dabei verwendeten Schrauben, und zwar ÷in natura÷ vorausgehen, weil

man hier nicht, so wie bei Wasserschrauben, aus Analogien schließen

darf.

Es ist bedauerlich, daß fast gar keine Detailprojekte über

Schraubenflieger veröffentlicht werden, an denen man Studien machen

kann.

Für den geschulten Flugtechniker ist kein Gebiet so interessant, wie

dieses. Kein anderes ist aber auch für den Laien so schwer verständlich,

weil ohne in die Theorie der Schrauben und in mathematische

Kalkulationen einzugehen, sein Verständnis sehr schwer fällt.

Vor der Ausführung von Schraubenfliegern müssen Detailversuche über die

beste Schraubenform, über die Art und Zahl der Gänge, die Gestalt, die

Lage, den Druckmittelpunkt der Flügel, Art und Größe der Steigung etc.

vorangehen. Über die hier in Betracht kommenden Details siehe mein Buch:

»Lenkbare Ballons« pag. 209-214, wo ein Teil dieser Dinge angedeutet

erscheint.

Für den Fernerstehenden ist der Gedanke, ein Versagen auch nur einer

einzigen Schraube könnte ein Unglück zur Folge haben, recht peinlich.

Betrachtet man die Sache jedoch näher, so steht es nicht so schlimm. Man

ist ja nicht genötigt, ÷einer einzigen÷ Schraube allein sein Leben

anzuvertrauen, sondern kann ein System von Schrauben, die ja auch nicht

alle von einem ÷einzigen÷ Motor getrieben werden müssen, anwenden.

Mir, für meine Person, scheint, wie ich schon an anderen Orten

hervorgehoben habe, der Schraubenflieger unter allen Flugmaschinen die

meiste Aussicht auf endgiltigen Erfolg zu besitzen.

4. Schaufelradflieger.

Denkt man sich eine Drachenfläche durch ein Schaufelrad vorwärts bewegt,

dessen Achse senkrecht oder etwas schief zur Fahrtrichtung gestellt ist,

so erhält man den Typus eines Schaufelradfliegers.

[Illustration: Fig. 153. Schaufelradflieger von Koch.]

Die Schaufeln können nun entweder senkrecht zur Achse des Rades oder

schief gegen dieselbe gestellt sein.

Darnach lassen sich folgende Typen aufstellen:

Nach der ÷Lage der Radachse÷ zur Fahrtrichtung:

¯a¯) Schaufelradflieger mit normal gestellten Achsen;

¯b¯) Schaufelradflieger mit ebenen, schief gestellten Achsen;

¯c¯) Schaufelradflieger mit räumlich schief gestellten Achsen.

Nach der ÷Anordnung der Schaufeln÷ am Rade:

¯d¯) Schaufelradflieger mit parallel zur Achse gestellten

Schaufeln;

¯e¯) Schaufelradflieger mit schief zur Achse gestellten Schaufeln.

Offenbar kommen auch hier, wie bei den Segelradfliegern, nur 2/5 aller

Flächen zur Wirkung.

Es laufen somit stets 3/5 derselben tot mit.

Das ganze Gewicht der Schaufeln wird immer ein sehr großes sein; eine

rationelle Ausnützung aller Flächen der Schaufeln ist also unmöglich.

[Illustration: Fig. 154. Kochs Schaufelradflugmaschine. Seitenansichten

und Vorderansicht.]

Um einigermaßen günstige Resultate zu erzielen, wird man Etagenflächen

anwenden.

[Illustration: Fig. 155. Schaufelrad von Kochs Schaufelradflugmaschine.]

Der bekannte Flugtechniker Gustav ÷Koch÷ in München hat sich nebst

vielen anderen Zweigen seines Faches auch dem Studium der

Schaufelradflieger zugewendet.

In der Figur 155 sehen wir ein dem Oldhamrad nachgebildetes Schaufelrad

mit beweglichen Schaufeln, welche, bei ihrer Umdrehung auf die Luft

schlagend, den erforderlichen Auftrieb liefern sollen. Welche

Dimensionen aber ein solches Luftschaufelrad erhalten soll, erkennt man

bei Betrachtung der Figur 156. Dabei ist es noch fraglich, ob der durch

dasselbe hervorgerufene Effekt wirklich genügt, oder ob man das Rad im

gegenteiligen Falle nicht noch größer und damit noch ungelenkiger machen

solle? Dies ist der Grund, warum sich Koch neuerdings auch den

Schraubenfliegern zugewendet hat.

[Illustration: Fig. 156. Stahldrahtgerüst des Schaufelradfliegers von

Koch. Nach einer Originalphotographie.]

In den Figuren 154 und 157 ist das Modell eines von Koch entworfenen und

von dem Ingenieur Alexander ÷Schirmann÷ konstruierten Flugrades

abgebildet. Koch gibt dazu einen ausführlichen Motivenbericht, dem wir

auszugsweise nachfolgendes entnehmen:

»Das im Velocipedradsystem konstruierte, innerhalb eines doppelten

Stahlrohrrahmens gelagerte Schaufelrad ist zugleich Lauf- und

Schwungrad, an dessen Achse der mehrzylindrige Benzinmotor, wie

überhaupt das ganze Gewicht des Apparates aufgehängt erscheint.

Der dem Rade adjustierte, sogenannte Oldham-Mechanismus bewirkt, daß die

Schaufeln während der Rotation des Rades sich auch ihrerseits drehen und

zwar in dem der Rotationsrichtung des Letzteren entgegengesetzten Sinne

und so, daß die Schaufeln während einer vollen Umdrehung des Rades nur

je eine halbe Tour machen.

[Illustration: Fig. 157. Kochs Schaufelradflugmaschine. Draufsicht.]

Infolgedessen funktioniert der untere Teil der Schaufeln, wie die das

Wasser treffenden Schaufeln des Raddampfers, rein vortreibend, während

die oberen die Luft mehr oder weniger flach durchschneiden und die

vorderen und hinteren Schaufeln wie die Flügel der Luftschraube wirken.

Die das Umkippen am Boden verhindernden, mit Laufrollen versehenen,

schiefstehenden Ständer sind an ihrem oberen Ende in der Längsrichtung

des Fahrzeuges beweglich, so daß der Führer desselben den Neigungswinkel

der feststehenden, ähnlich wie beim Gleitapparate angeordneten, circa

100 ¯m^2¯ messenden Tragflächen und damit den Grad des Auftriebes

während der, den Flug einleitenden kurzen Fahrt, am Boden beliebig

regulieren kann.

Der Führer ist hinter dem Schaufel- und Laufrade, durch eine Barriére

davon getrennt, postiert, da er an dieser Stelle den geringsten

Luftwiderstand findet und durch das Rad nicht am Ausblicke gehindert

ist, indem dessen Schaufeln und Speichen bei deren rascher Rotation für

das Auge verschwinden.«

Hat die Fahrt am Boden eine gewisse Geschwindigkeit erreicht (etwa

15 ¯m¯ pro Sekunde), wozu nach Kochs Meinung nur einige Sekunden Zeit

und wenige Pferdestärken erforderlich sind, so vergrößert der Führer

des Fahrzeuges die Neigung der hinteren, durch die Reaktionswirkung des

Motors niedergedrückten Ständer, das Vehikel kommt dadurch in eine

drachenartig nach hinten geneigte Stellung und muß infolge des nun

auftretenden Luftdruckes gegen die Unterseite der Tragflächen wie ein

Drache aufsteigen.

Mit dem Verlassen des Bodens entwickelt der Motor erst seine volle

Kraft, circa 24 Pferdestärken, welche, nach Kochs Meinung, sowohl nach

den gepflogenen theoretischen Ermittlungen, als auch gemäß den

gemachten, praktischen Erfahrungen mehr als hinreichen, das Fahrzeug

durch Beibehaltung der bei der Fahrt am Boden erlangten Geschwindigkeit

in der Luft schwebend zu erhalten.

5. Segelradflieger.

Während die bis nun besprochenen Systeme schon fast eine hundertjährige

Geschichte hinter sich haben, ist der Segelradflieger noch nicht zehn

Jahre alt.

Professor ÷Wellner÷ führte ihn in der Versammlung des Österreichischen

Ingenieur- und Architekten-Vereines am 15. Dezember 1893 das erste Mal

vor, und der Enthusiasmus, mit dem er aufgenommen wurde, war so groß,

daß sich sofort ein Komitee konstituierte, das Professor Wellner bei

Ausführung seiner Versuche materiell unterstützte.

Die Folge davon war die Aufstellung und Erprobung eines Modellsegelrades

im großen.

Das Segelrad besitzt im Kreise trommelartig um die Achse angeordnete

Tragflächen, deren Vorderkanten sich bei der Rotation jedesmal in den

oberen Positionen nach außen, also nach oben, und in den unteren

Positionen nach innen, also ebenfalls nach oben stellen.

Dies geschieht am bequemsten durch Anbringen eines festen Exzenters mit

Exzenterstangen. Während die festen Radarme umlaufen, schieben die

Exzenterstangen die gelenkig drehbaren Tragflächen derart in die

richtigen Lagen, daß die Vorderkanten abwechselnd auswärts und einwärts

gegen den mittleren Umlaufskreis zu stehen kommen. Auf diese Art wird

sowohl im oberen als im unteren Segelradhalbkreise in günstiger Weise

Hebekraft geliefert. Die Mittelstellungen sind Übergangspositionen oder

Leitlagen.

Der Mechanismus der Segelräder ist demjenigen der Morganräder bei

Raddampfern analog, nur ist die Wirkungsweise der schwingenden Flächen

eine andere.

Wellner hält den Segelradmechanismus für ganz ausgezeichnet, gerade für

die Zwecke, welche eine dynamische Flugmaschine zu erfüllen hat. Die

Luft wird von oben und von den Seiten herangezogen und nach unten

geworfen, wie es die Linien und die Pfeile auf dem Bilde andeuten.

Beizufügen wäre noch, daß das Luftmedium in dieser Richtung ungemein

empfindlich ist, und eine geringfügige Änderung der Gangart eines Motors

schon genügt, um relativ bedeutende Ablenkungen zu erzeugen.

[Illustration: Fig. 158. Längs- und Querschnitt des Segelradfliegers von

Wellner.]

Wellner hat mit Hilfe eines Probesegelrades recht interessante Versuche

gemacht. Er ist von einer weiteren Ausführung abgekommen, weil die

Schwierigkeiten seiner Herstellung im großen, bei den heutigen

Baumaterialien noch unüberwindliche sind. Wer sich näher für diese

Apparate interessiert, den verweise ich auf Wellners Originalabhandlung

in der »Zeitschrift des Österreichischen Ingenieur- und

Architekten-Vereines« 1893, pag. 661-666, 1894 pag. 561-566 und 573-575

und auf meine Besprechung in den »Technischen Blättern«, Prag 1895,

XXVI. Jahrgang, 3. und 4. Heft, wo auch die Versuchsresultate Wellners

kritisch beleuchtet sind.

6. Flügelflieger.

Die Flügelflieger sind Flugapparate, welche ihre ganze motorische Kraft

durch das Schlagen von eigenen Flächen (Flügeln) erzeugen. Das

Charakteristische dabei ist das Wachsen der Geschwindigkeit von Null bis

zur Maximalgröße und dann wieder ein Erheben, um den Schlag erneuert

auszuführen.

Die meisten Vögel und ein Teil der Insekten bedienen sich mit großem

Erfolge dieses Flugvorganges. Die Flügel der Tiere sind aber

außerordentlich komplizierte Gebilde, teils von Muskeln, Adern, Nerven

durchzogen, mit Tastorganen (Fledermäuse) ausgestattet, die sich jedem

Lufthauche anschmiegen können, respektive jedem Winde accomodieren.

[Illustration: Fig. 159. Flügelfliegermodelle von Pichancourt 1889.]

Ganz anders liegt die Sache bei von Menschen erzeugten Flügeln. Diese

sind auf einem relativ ungelenkigen Gerüste mit starren Flächen bedeckt,

ohne Gefühl ausgestattet. Deshalb ist es so schwer, wirklich praktisch

verwendbare Flügel zu bauen.

Einen ÷Motor÷ samt dazugehörigem Übersetzungsmechanismus, welcher solche

Flügel in Bewegung versetzt, stellt die Fig. 160 dar. An einem

zweiarmigen Hebel sind die Flächen entsprechend montiert.

Modelle von kleinen Flügelfliegern haben u. A. ÷Jobert÷ (1871), ÷Pénaud÷

(1872), ÷Hureau de Villeneuve÷ (1872), ÷Kreß÷ gebaut. Größere Projekte

stammen von ÷Trouvé÷ (1878), ÷Frost÷ (1890), ÷Middleton÷ etc.

$Pichancourt$ hat die in der Figur 159 dargestellten Modelle

angefertigt. Auch andere haben sich auf diesem Gebiete mit Erfolg

versucht, so z. B. ÷Stentzel÷ in Hamburg, ÷Hargrave÷ in Australien,

÷Moore÷ in England; einen durchschlagenden Erfolg hat aber noch niemand

erzielt, obwohl es eine bekannte Tatsache ist, daß der durch

Schlagwirkung erzeugte Luftwiderstand viel mehr Auftriebskraft liefert,

als wenn dieselbe Fläche mit stets gleicher Geschwindigkeit sich

vorwärtsbewegt.

[Illustration: Fig. 160. Motor eines Flügelfliegers mit führenden

Mechanismen.]

Die von $Stentzel$ konstruierte Flugmaschine gleicht äußerlich ziemlich

genau einem riesigen Vogel. Die aus Stahlrippen mit Mosettig-Battist

überzogenen Flügel, welche später durch seidene ersetzt wurden, hatten

eine Spannweite von 6·36 ¯m¯ und 1·68 ¯m¯ Breite, waren im Verhältnis

1 : 12 gewölbt und besaßen inklusive Steuer 8·125 ¯m^2¯ Fläche. Sie

konnten eine Schlagwirkung von einem Winkel von 90° ausführen. Ihr

Gewicht betrug inklusive der starren Achse 10 ¯kg¯. Leider mußte ihr

Konstrukteur die Versuche wegen Geldmangels einstellen.

Der 17·5 ¯kg¯ schwere Motor von drei Pferdestärken bewegte den Apparat,

welcher auf einem 18 ¯m¯ langen Stahlkabel auf Rädern lief. Die Versuche

ergaben nach Stentzel folgendes Resultat: Um das Gesamtgewicht von

34 ¯kg¯ zum freien Fluge zu bringen, brauchte der Apparat 6·5 Atm. = 1·5

HP. Dabei machte er pro Sekunde 1·4 Flügelniederschläge, die so kräftig

waren, daß eine Person von 75 ¯kg¯ Gewicht momentan in Schwebe gehalten

wurde. Die Flügel drücken auf die Luft nach unten mit einer Kraft von

1·5, nach oben mit 0·5 derjenigen Kraft, mit der eine ebene Fläche von

gleicher Größe und bei gleicher Geschwindigkeit auf die Luft drückt. Die

zu erlangende Geschwindigkeit soll im Mittel 15 ¯m¯ pro Sekunde betragen

= 54 ¯km¯ pro Stunde.

Stentzel schreibt seinem Apparate folgende Vorzüge zu: »Eine völlig

willkürliche Anwendung des Apparates in Bezug auf motorische Kraft,

Flügelgeschwindigkeit, Schlagwinkel, das beliebige Übergehen vom

Arbeits- in den Ruhezustand, d. h. vom Fliegen zum Schweben und

umgekehrt, die große Stabilität und Sicherheit der Konstruktion.«

[Illustration: Fig. 161. Flügelflieger. Modell von Major Moore.]

Ein anderer Experimentator: $Moore$, hat sich den Flughund (Pteropos)

als sein Vorbild genommen.

Das Durchschnittsgewicht eines Kalongs beträgt 1350 ¯gr¯; die

Flügelspannweite 1·20 ¯m¯ bei einer Leibeslänge von 40 ¯cm¯, die Fläche

der Flughäute 814·9 ¯cm^2¯; die Länge der einzelnen Flügel 52·1 ¯cm¯.

Auf Grund zahlreicher Messungen hat Major Moore Formeln entwickelt,

welche die Veränderungen der Werte für Fläche und Länge der Flügel bei

verändertem Gewichte ergeben.

Für ein dem Flughund gleiches Tier von 90 ¯kg¯ Gewicht erhalten wir eine

Länge der Flügel von circa 2·30 ¯m¯ und eine Fläche von je 1·60 ¯m^2¯.

Die Beobachtungen eines gefesselten Kalongs in Bezug auf die

Schnelligkeit, mit der die Flügelschläge ausgeführt wurden, ergaben drei

Schläge pro Sekunde, wobei ein Weg von 6·3 ¯m¯ zurückgelegt wurde; bei

einmaligem Auf- und Abwärtsschlagen demnach 2·1 ¯m¯. Ungefesselt in

freier Luft ist die Geschwindigkeit eines Kalongs natürlich eine weit

größere.

Auf Grund eingehender Studien der Flugwerkzeuge fliegender Tiere entwarf

Moore mehrere Apparate. Bei seinem ersten Modelle hatten die Flügel eine

Neigung von 11° gegen den Horizont. Mit einem Elektromotor erzielte er

144 Flügelschläge. Der von ihm gebaute Flügelflieger soll vier Flügel

besitzen und je ein horizontales und ein vertikales Steuer.

Das Gesamtgewicht berechnet er auf ca. 113 ¯kg¯, die Fläche der vier

Flügel auf 9 ¯m^2¯; demnach kommen 12-1/2 ¯kg¯ Gewicht auf 1 ¯m^2¯. Die

Geschwindigkeit der ersten Flugapparate sei auf 23 ¯km¯ pro Stunde zu

veranschlagen.

Nach diesen Ausführungen erübrigt es mir nur mehr, auf die Frage

einzugehen, ob es dem Menschen je gelingen wird, ÷ohne Zuhilfenahme

eines Motors÷ wirklich zu fliegen. Dies glaube ich nach meinen

Studienergebnissen mit einem bedingungslosen »Nein« beantworten zu

müssen. Ich befinde mich damit in voller Übereinstimmung mit vielen

Aviatikern, wie z. B. Jarolimek, von Loessl, Popper etc. Allerdings gibt

es auch Vertreter der gegenteiligen Ansicht, so z. B. Freiherr von

Wechmar und andere, welche behaupten, der Mensch könne mit Hilfe seiner

Arm- und Fußmuskeln allein künstliche Flügel in Bewegung setzen.

Eine ziemlich einfache Vergleichsrechnung zeigt, daß die Flügel in einer

Größe von 10 bis 15 ¯m^2¯ hergestellt und mit einer Geschwindigkeit von

circa 12 ¯m¯ per Sekunde bewegt werden müßten. Die hierzu nötige Arbeit

könnte selbst von einzelnen, besonders starken Individuen auch nur

wenige Sekunden lang nicht aufgebracht werden. Die hierbei zu leistende

Arbeit betrüge etwa 200 Sekunden Kilogrammeter. Dies wäre selbst die

Muskelkraft des stärksten Athleten nicht zu leisten imstande. Der Mensch

ist eben von der Natur genetisch nicht zum Fliegen vorbereitet.

Es folgt daraus in klarster Weise, daß ein persönlicher Kunstflug, wie

ihn der Vogel und die Fledermaus ausüben, dem Menschen mit Hilfe eines

einfachen, durch keine besonderen Kräfte bewegten Flugapparates, nicht

auszuführen möglich ist, weil kein Mensch imstande ist, auch nur Flügel

von 10 ¯kg¯ Gewicht -- und diese wären schon ein Meisterwerk der Technik

-- mit der nötigen Kraft, Schnelligkeit und Ausdauer zu bewegen.

Schlußwort.

Wer sich für Aviatik interessiert, wird unzählige Male die Klage hören,

es sei seit hundert Jahren kein nennenswerter Fortschritt auf dem

Gebiete der Luftschiffahrt und auf dem der Flugtechnik zu verzeichnen.

Dem oberflächlichen Beobachter erscheint dieser Ausspruch auch

berechtigt, denn tatsächlich war bis heute, die in bescheidenen Grenzen

gehaltenen »lenkbaren Ballons« ausgenommen, noch niemand imstande, ein

großes Luftfahrzeug durch mehrere Stunden frei und nach eigenem Willen

in einer vorher bestimmten Richtung im Luftozeane zu lenken.

Und dennoch wird der geschätzte Leser, nachdem er den Inhalt dieses

Büchleins sich zu eigen gemacht hat, sich gestehen müssen: auf dem

Gebiete der Luftschiffahrt sei gerade in der letzten Zeit ganz

außerordentlich viel gearbeitet und auch vieles erreicht worden.

Freilich, der ÷unlenkbare Ballon÷ weist noch immer seine alte Gestalt,

die so sehr an eine Kugel erinnert, auf. Doch ist an Material und

Ausgestaltung unzweifelhaft ein großer Fortschritt zu verzeichnen.

Die Wissenschaft, insbesondere die Physik der Atmosphäre, hat sich

seiner bemächtigt und groß, ja im gegenwärtigen Momente überhaupt nicht

absehbar groß, ist der Nutzen, welchen er ihr brachte. Mit seiner Hilfe

ist es uns gelungen, den Schleier der Geheimnisse über die Vorgänge in

den hohen Regionen zu lüften.

Dem Ballon getreulich zur Seite steht der ÷Drache÷, welcher über alle

Erwartungen in der kurzen Zeit von circa 10 Jahren sich zu einem

außerordentlich wichtigen Instrumentarium meteorologischer Forschungen

entwickelt hat und selbstregistrierende Instrumente in Höhen von mehr

als 5000 ¯m¯ nahm. Eben ist er daran, auch unsere Kenntnisse bezüglich

der atmosphärischen Vorgänge über den Ozeanen in ausgiebiger Weise zu

bereichern.

So sehen wir ÷Ballon und Drachen÷ im edlen Wettstreite miteinander

verbunden, um uns Kunde von den Veränderungen in der hohen Atmosphäre zu

bringen, deren Wichtigkeit heute wohl der Meteorologe allein ganz zu

beurteilen vermag. In ihren Endresultaten kommen sie aber zweifellos

allen Menschen zugute.

Was die ÷lenkbaren Ballons÷ anbelangt, so ist durch die Fortschritte der

mechanischen Technologie und jene auf dem Gebiete des Motorbaues die

Aussicht, endlich praktisch verwendbare Geschwindigkeiten zu erzielen,

recht nahe gerückt.

In meinem Buche: »÷Lenkbare Ballons, Rückblicke und Aussichten÷«,

erschienen bei Wilhelm Engelmann in Leipzig, habe ich auf Grund von über

20.000 Rechnungen, vielen Konstruktionen und eingehenden Detailstudien

dargetan, welcher großen Zukunft auf diesem Gebiete die Luftschiffahrt

entgegengehe. Alle unsere Studien ermuntern uns, auf den betretenen

Pfaden fortzuschreiten und nicht zu ruhen, bis das ersehnte Ziel

erreicht ist.

Ein anderes Gebiet, welches auch unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nahm,

sind die ÷Flugmaschinen÷.

Die Luftschiffahrt der Gegenwart · 第 17 / 19 段