Zu Anfang des vorigen Jahrhunderts war es keinem Experimentator

geglückt, Flugapparate von auch nur 50 ¯g¯ Gewicht mit mechanischen

Mitteln durch die Luft zu treiben und alle diesbezüglichen Versuche

beschränkten sich auf unbedeutende Spielereien. Zu Anfang der

Siebzigerjahre konstruierten die Franzosen ÷Pénaud÷ (ein Schüler des

durch seine Momentphotographien und hochinteressanten, physiologischen

Studien auf dem Gebiete des Vogelfluges bekannten Professors ÷Marey÷),

÷Hureau de Villeneuve÷ und ÷Jobert÷ ihre ersten mechanischen Vögel,

welche sich aber alle ebenfalls in sehr bescheidenen Größenverhältnissen

bewegten und nicht mehr als einige Zehntel Kilogramm wogen.

1879 verfertigte ÷Pichancourt÷ ein ähnliches Modell von fast 3/4 ¯kg¯

Gewicht, und ÷Tatin÷ konstruierte einen vertikal aufsteigenden Aëroplan,

welcher durch zwei, mit komprimierter Luft angetriebene Schrauben bewegt

wurde und etwas über 1 ¯kg¯ wog.

Nachfolger dieser Franzosen finden wir von nun an in Deutschland,

England und Österreich (÷Kreß÷) mit ähnlichen Flugmodellen.

In Italien kultivierte 1877 ÷Forlanini÷ die reinen Schraubenflieger. Das

von ihm mit Hilfe von zwei Schrauben und einer vertikalen Fläche mit

Dampf betriebene Modell wog 3·5 ¯kg¯, hob sich 13 ¯m¯ hoch und schwebte

20 Sekunden lang in der Luft.

In Amerika arbeitete ÷Phillips÷ an jalousienartigen Drachenfliegern, in

Australien ÷Hargrave÷ an Flügelfliegern, beide mit relativ günstigem

Erfolge. Die Maschine des letzteren flog im Jahre 1889 mit einer

Gesamtbelastung von 1·6 ¯kg¯ mit 46 Flügelschlägen 156 ¯m¯ in

horizontaler Richtung durch die Luft. Dieser kleine Apparat wurde durch

Dampf in Bewegung gesetzt. Ein anderes fliegendes Modell von Hargrave

wog 1·85 ¯kg¯.

Auch ÷Maxims÷ und ÷Langleys÷ Apparate zählen in diese Gruppe.

2. Drachenflieger.

Alle Anhänger der dynamischen Luftschiffahrt behaupten übereinstimmend:

»Zum Fliegen gehört in erster Linie Gewicht.« Ein Ballon sei ein

Spielball des Windes. Ihr, von ÷de la Landelle÷ ausgegebenes Schlagwort

lautet daher: »Plus lourd que l'air!«

Unter den Methoden, welche mittels dieser Art das Fliegen realisieren

wollen, haben die Drachenflieger die meisten Anhänger. Sie alle haben

das gemeinsam, daß sie gegen den Horizont schräggeneigten Flächen, durch

motorischen Antrieb (vermittels Schrauben) eine Geschwindigkeit

erteilen, welche einen Auftrieb hervorrufen, der groß genug ist, um die

ganze auf dem Apparate untergebrachte Last im Schweben zu erhalten. Die

Form der Ausführung kann unendlich verschieden sein. Nach dem Vorbilde

der großen Flieger soll die Breitenform die der Länge überwiegen. Als

Hauptvorteil gegenüber den Ballons wird der geringe zu überwindende

Stirnwiderstand hervorgehoben; dadurch soll große Geschwindigkeit

erzielt werden, welche großes Tragvermögen hervorruft.

Um bezüglich dieser drei Punkte klar zu sehen, gebe ich folgende kleine

Zusammenstellung, bezüglich der Tragkraft und des Stirnwiderstandes

einer unter verschiedenen Neigungswinkeln und verschiedenen

Geschwindigkeiten vorwärts bewegten Ebene. Angenommen, wir hätten eine

ebene Fläche von 100 ¯m^2¯ Inhalt. Diese sei einmal 1°, dann 5° und dann

10° gegen den Horizont geneigt und werde in jeder dieser Positionen

einmal mit 10 ¯m¯, dann mit 20, 50 und 100 ¯m¯ Geschwindigkeit durch

irgend eine auf sie wirkende Kraft vorwärtsgetrieben. Wir nehmen weiters

der Einfachheit wegen an, die Fläche sei eine mathematische, ebene und

habe eine Länge und Breite von 10 ¯m¯.

Wieviel kann die Fläche in jedem der einzelnen, gegebenen Fälle tragen?

Also wieviel kann ihr Eigengewicht mehr der motorischen und Nutzlast

betragen und wie groß ist in jedem dieser einzelnen Fälle der zu

überwindende Stirnwiderstand? Das Gewicht darf -- horizontalen Flug

vorausgesetzt -- offenbar die größte Vertikalkomponente des geweckten

Luftwiderstandes nicht übersteigen, sondern muß ihr gleich sein.

In der folgenden, nach den Loesslschen Grundformeln berechneten Tabelle

bedeuten die oberen Ziffern den geweckten Vertikalwiderstand R_{y},

also den Auftrieb oder das in Schwebe gehaltene Gewicht, die unteren den

geweckten Horizontal-, also den Stirnwiderstand R_{x}; beide in

Kilogrammen.

++=================+==============+======================================++

|| Neigung der | | Geschwindigkeit in Meter per Sekunde ||

|| Fläche gegen | Auf- } Trieb +-------+--------+--------+------------++

|| die Horizontale | Vor- } | 10 | 20 | 50 | 100 ||

++-----------------+--------------+-------+--------+--------+------------++

|| 1° | R_{y} | 21·7 | 86·8 | 542·5 | 2170·0 ||

|| | R_{x} | 0·4 | 1·54 | 9·5 | 38·0 ||

|| 5° | R_{y} | 108·0 | 432·0 | 2700·0 | 10800·0 ||

|| | R_{x} | 9·4 | 37·6 | 235·0 | 940·0 ||

|| 10° | R_{y} | 214·0 | 856·0 | 5350·0 | 21400·0 ||

|| | R_{x} | 37·5 | 150·0 | 937·5 | 3750·0 ||

++=================+==============+=======+========+========+============++

Sehr leicht läßt sich daraus zum Beispiel für horizontale Fahrt die

erforderliche motorische Arbeit (Anzahl der Pferdestärken [N]) rechnen.

In der folgenden Tabelle bedeuten die eingesetzten Ziffern die Anzahl

Pferdestärken, welche nötig sind, um diesen Stirnwiderstand zu

überwinden.

++==============+=========+=====================================++

|| | | Bei einer Horizontalgeschwindigkeit ||

|| Flächen-Nei- | | von x-Meter resultiert ein ||

|| gungswinkel | Pferde- | Aufwand an Pferdestärken ||

|| gegen die | stärke +--------+--------+--------+----------++

|| Horizontale | | 10 | 20 | 50 | 100 ||

++--------------+---------+--------+--------+--------+----------++

|| 1° | | 0·05 | 0·2 | 1·3 | 5·1 ||

|| 5° | N | 1·3 | 5·0 | 31·0 | 130·0 ||

|| 10° | | 5·0 | 20·0 | 125·0 | 500·0 ||

++==============+=========+========+========+========+==========++

Trägt man auf der Abszissenaxe für einen bestimmten Grad die

Geschwindigkeiten und auf der Ordinatenaxe die Hebekräfte, respektive

den zu überwindenden Widerstand und die dazu nötige Anzahl von

Pferdestärken auf, so erhält man in der dadurch entstehenden Kurve ein

übersichtliches Bild über deren Verlauf.

Diese wenigen Andeutungen werden genügen, um den für die Sache sich

interessierenden, besonders wenn er selbst Bleistift und Zirkel in die

Hand nimmt, über die nötigen Anhaltspunkte zur Beurteilung der bei

Drachenfliegern auftretenden, hauptsächlichsten Faktoren, das sind über

die Flächenwinkel, die Geschwindigkeit, Arbeitskraft und Hebewirkung, zu

orientieren.

Das genaue Einstellen und das Beibehalten des Flächenwinkels gegen die

Horizontale wird wohl praktisch schwer möglich sein; es ist dies aber

nicht von so großem Belange als man meinen sollte. Der praktische

Flugtechniker sagt: »Die Flächen stellen sich von selbst in diejenigen

Winkel ein, die ihren Bewegungs- und Stabilitätsverhältnissen eben

entsprechen.« Darauf einzugehen, würde hier zu weit führen.

Will man mit Aëroplanen höher oder tiefer steigen oder horizontal

fahren, so gelten nachfolgende Relationen:

Es muß beim Horizontalfluge R_{y} = G

» fallenden Fluge R_{y} < G

» steigenden Fluge R_{y} > G sein.

Die Erzeugung von R_{y}, d. i. dem Auftriebe, liegt in der Hand des

Aëroplanführers, d. h. je nachdem er seine Maschine stärker oder

schwächer arbeiten läßt, also schneller oder langsamer fährt, wird er

mehr oder weniger Hebekraft erzielen. Ist der Drachenflieger mit einer

Schraube ausgestattet, so lehrt eine einfache Überlegung, daß einer

gewissen Umdrehungszahl der Horizontalflug, einer geringeren der abwärts

gerichtete, einer größeren aber der Aufwärtsflug entsprechen müsse.

In die mathematischen Relationen bei den verschiedenen Luftschiffen

einzugehen, liegt nicht im Zwecke dieser Schrift, es soll aber nicht

versäumt werden, darauf hinzuweisen, wie wichtig sie für dieses Fach

sind. Kein Flugtechniker darf daher diese Studien vernachlässigen.

Wenn man für eine bestimmte Leistung die Größe des Drachen rechnet, so

findet man meist, daß sie sehr voluminös ausfallen werden. So große

Flächen zu konstruieren hält aber schwer. Man ist daher bestrebt, diese

Flächen kleiner zu bauen und durch entsprechende Konstruktionen die

gleich große Hebekraft zu erzielen.

Den ÷gewölbten÷ Flächen schreibt man eine solche Eigenschaft zu.

Luftwiderstandsversuche mit gewölbten Flächen ergaben bei deren

Vortrieben, im Vergleiche zu ebenen, einen unverhältnismäßig größeren

Auftrieb, welcher wächst, je kleiner der Neigungswinkel zur Horizontalen

wird. Allerdings wächst damit auch die Größe der erforderlichen Arbeit.

Eine zweite Art, kleinere Flächen zu erlangen, besteht in ihrer

Teilung. Diese kann nun im horizontalen Sinne geschehen, durch

Nebeneinandersetzen mehrerer Flächen, oder dadurch, daß man die Flächen

übereinander setzt.

Experimente über die Abstände, welche solche Flächen im vertikalen Sinne

einnehmen sollen, sind nur sehr spärlich und lückenhaft veröffentlicht.

Meist nimmt man an, der Abstand solle das Doppelte der Breite betragen,

damit bei einer Fortbewegung im horizontalen Sinne, die Summe der beiden

Flächen geradesoviel trage als eine einzige.

Breite Flächen haben mehr Stirnwiderstand als lange, auch darüber sind

die Daten sehr spärlich. Einen großen Einfluß hat auch hier der

Reduktionskoeffizient.

Behufs Erzielung der nötigen Stabilität werden vertikale Flächen

angeordnet oder gegen die Längsachse schief geneigte. Diese sind zur

Verminderung der sonst unausbleiblichen Schwankungen stets anzuwenden.

Die Vorwärtsbewegung endlich ist fast ausschließlich mit Hilfe einer

oder mehrerer Schrauben mit horizontalen oder schwach gegen die

Horizontale geneigten Achsen gedacht.

Der Haupteinwurf gegen die Drachenflieger besteht in ihrem Unvermögen,

in der Luft stille zu stehen und in der Gefährlichkeit des Landens. Auf

freiem Lande verankert, widerstehen sie halbwegs schärferem Winde noch

viel weniger, als der von den Aviatikern so sehr verlästerte Ballon.

Die Hauptbedingung für ihre tadellose Funktionierung ist eben das

schnelle Hinschießen im Luftozean! -- Was geschieht aber dann, wenn

irgend ein wichtiger Bestandteil bricht oder die Maschine versagt? --

Die zur Abfahrt erforderliche Geschwindigkeit kann durch schnelle Fahrt

auf der Erde, vielleicht auf Schienen oder dergleichen erreicht werden;

wie aber soll die Landung vor sich gehen? Gewiß werden heftige Stöße

unvermeidlich sein. Lassen sie sich so abschwächen, daß sie der

Konstruktion nicht schaden und wenn Vorrichtungen dazu angebracht sind,

wird der Führer Zeit und auch stets die Geistesgegenwart haben, sie

anzuwenden?

Man sieht, welche Fülle von Fragen da zu beantworten ist und daß die

Theorie allein auf sie keine genügende Antwort erteilen kann. Theorie

und Praxis müssen Hand in Hand gehen, um Erfolge zu erzielen, wenn

solche auf diesem Gebiete überhaupt möglich sind.

Dr. W. ÷Köppen÷ erörtert im 4. Hefte der »Illustrierten aëronautischen

Mitteilungen« vom Jahre 1901 Flugmaschinen und Drachen in lichtvoller

Art. Im Nachstehenden folgen wir auszugsweise seinen Darlegungen und

werden dabei in instruktiver Weise in dieses interessante Gebiet weiter

eingeführt.

In Bezug auf ÷Stabilität÷ sind die an Drachen gestellten Forderungen

ähnlich, aber weitergehend, wie die an Flugmaschinen zu stellenden. Denn

erstens muß ihre Stabilität eine völlig automatische sein, während bei

der Flugmaschine die Handlungen des Insassen zu ihrer Erreichung

mitwirken können; zweitens aber ist ein Drache zeitweise einer viel

größeren relativen Luftbewegung ausgesetzt, als eine Flugmaschine es

sein würde, denn er muß seine Stabilität auch in einem Winde von 20 ¯m¯

per Sekunde wahren, während eine Flugmaschine in der Luft kaum auf eine

relative Bewegung von mehr als 10-15 ¯m¯ per Sekunde eingerichtet zu

sein braucht.

Bei Wind von weniger als 10 ¯m¯ per Sekunde fliegen aber auch weniger

vollkommene Drachen stabil, die stärkeren Wind nicht vertragen, und es

ist ein bekanntes Verfahren, Drachen, die bei starkem Winde

herabzuschießen drohen, dadurch zu beruhigen, daß der die Leine haltende

Mann die Spannung in dieser verringert, indem er einige Schritte mit dem

Winde läuft. Wir werden also sicher gehen, wenn wir von jeder

Flugmaschine verlangen, ihre Stabilität durch ruhigen Flug als Drache

unter verschiedenen Windstärken zu beweisen.

Als einfachstes Mittel, eine Flugmaschine vor dem Abfluge in geeignete

Höhe zu heben, ist deren Aufstieg als Drache anzusehen. In dieser Weise

können auch ohne Motor oder mit sehr einfachem Motor (fallendem Gewicht)

Flugmaschinen auf die Gesetze ihres Fluges und dessen Steuerung

untersucht werden.

Als weitere Forderung ist an eine Flugmaschine die Bedingung zu stellen,

daß sie genügende Tragfläche besitze, um den Insassen auch ohne sein

Zutun und ohne Motor, als Fallschirm, unbeschädigt zu Boden befördern zu

können.

Ferner muß die Flugmaschine den Insassen ÷in sich÷ aufnehmen können und

ihn nicht unter ihr hängend befördern, weil die letztere Lage sowohl in

der Luft als beim Landen die weit gefährlichere ist. Von geringerer

Bedeutung ist es, wenn an der Flugmaschine beim Landen gelegentlich

einige leicht zu ersetzende Stangen brechen. Zudem müssen Schwerpunkt

und Druckmittelpunkt annähernd zusammenfallen. Man bedarf daher keiner

»Gondeln«. Der Aufenthalt des oder der Insassen muß im Innern des

Gerüstes, zwischen den tragenden Flächen sein.

Daß alle diese Forderungen erfüllbar sind, hat sich bei den

Drachenaufstiegen, welche die Seewarte in Hamburg zu meteorologischen

Zwecken veranstaltete, gezeigt. Im Herbste 1901 hatte sich nämlich ein

großer Hargrave-Drache (Marvin-Modell, Tragfläche 6-1/3 ¯m^2¯) zweimal

losgerissen und den in ihm befindlichen, zart gebauten Meteorographen in

6, beziehungsweise 8-1/2 Minuten aus einer Höhe von 1470 ¯m¯,

beziehungsweise 1650 ¯m¯ zum Erdboden hinabgetragen und ihn 6·9,

beziehungsweise 9·8 ¯km¯ vom Aufstiegsorte unbeschädigt gelandet. Dies

ergibt einen Fallwinkel von 12°, respektive 9° 30'. Auch ein Nickelscher

Drache hat sich in einem ähnlichen Falle gut bewährt.

Der Drache selbst hat bei oder nach dem Landen wohl einige leicht zu

reparierende Verletzungen erlitten, der im Drachen untergebrachte

Meteorograph aber ist beide Male völlig unverletzt geblieben und hat,

während des Fluges und auch auf dem Boden liegend, die Änderungen von

Luftdruck, Temperatur und relativer Feuchtigkeit aufgezeichnet; und zwar

zeigen die Aufzeichnungen mit dem Augenblicke des Abreißens von der

haltenden Leine ein Aufhören der heftigen Bewegungen und

Erschütterungen, denen der Drache bis dahin im starken Winde ausgesetzt

gewesen war; der freie Flug ist mithin in sehr ruhiger Weise vor sich

gegangen.

Die Geschwindigkeit des Falles betrug nach Obigem durchschnittlich 4·1

und 3·3 ¯m¯ per Sekunde, und zwar nahm sie während des Falles

von 4-5 ¯m¯ per Sekunde auf etwa 2 ¯m¯ per Sekunde ab. Die

durchschnittliche, horizontale Geschwindigkeit des Fluges war dagegen

in diesen beiden Fällen 14·2 und 15·5 ¯m¯ per Sekunde. Ausführlicheres

über beide Flüge findet man in der Zeitschrift »Prometheus«, Nr. 589

und 590 (XII 17 und 18). Ebendort ist von Köppen auch die Frage der

Steuerbarkeit eines solchen Drachen besprochen.

Eine Flugmaschine soll, nach ÷Köppen÷, auch ohne Motor die Fähigkeit

besitzen, sich relativ zur umgebenden Luft, wenn auch nicht aufwärts, so

doch vorwärts und rückwärts zu bewegen und nach links und rechts zu

wenden.

Wahrscheinlich wird sich ferner auch für den freien Flug aviatischer

Flugmaschinen ein Hülfsmittel von Vorteil erweisen, das beim

Drachenfluge unter Umständen sehr gute Ergebnisse liefert: Die

÷Fesselung mehrerer Drachen aneinander÷. Diejenige Fesselungsweise

bietet am meisten Aussichten, bei welcher die Leine des oberen,

kleineren Drachen an den Rücken des größeren, mit einem Insassen

bemannten Drachen, befestigt ist.

Um dieses System von Drachen, beziehungsweise diesen Drachenflieger

willkürlich nach Lösung der Verbindung mit dem Erdboden seine Höhe

erhalten oder vergrößern zu lassen, dazu wird im allgemeinen ein ÷Motor÷

erforderlich sein.

Was die Form der Drachen, beziehungsweise Drachenflieger betrifft, so

wäre es das Ratsamste, zunächst bei dem so vielseitig erprobten Modell

des Hargrave-Drachen, beziehungsweise einer seiner Modifikationen stehen

zu bleiben.

Über die ÷Dimensionen eines Drachenfliegers÷ zum Tragen eines Mannes und

des Zubehörs geben folgende Tatsachen einen Anhalt: Fallschirmen zum

Tragen einer Person (durchschnittlich 70 ¯kg¯) pflegt man eine ÷Fläche÷

von 38 bis 113 ¯m^2¯ zu geben. Auf der Versammlung der russischen

Naturforscher im Jahre 1898 wurde, wer wollte, durch zwei

Hargrave-Drachen von 60 und 40, zusammen 100 ¯m^2¯, vom Boden

emporgehoben. Baden-Powell dagegen verwendet zum Heben eines Mannes 4

oder 5 Drachen von je 52 oder 65 ¯m^2¯. Chanute gibt 0·15 ¯m^2¯

Tragfläche für jedes Kilogramm Last als richtiges Verhältnis für den

Gleitflug an. Es genügen also etwa 100 ¯m^2¯ Tragfläche, sowohl zum

Heben eines Menschen mittels Drachenwirkung, als zum nachfolgenden

Herabschweben. Diese Fläche wird man zweckmäßig so verteilen, daß etwa

70 ¯m^2¯ auf den Hauptdrachen 23 ¯m^2¯ auf den oberen Drachen und

7 ¯m^2¯ auf einen, diesen aufhebenden Pilotdrachen kommen.

Der mehrfach erwähnte Marvin-Drache der Hamburger Seewarte hält

6-1/3 ¯m^2¯ Tragfläche bei je 2 ¯m¯ Länge und Breite und 82 ¯cm¯ Höhe.

Will man für den freien Flug beide Zellen mit je drei Flächen versehen,

so würden, um die elffache Tragfläche zu erreichen, die Dimensionen

dieses Drachen nur zu verdreifachen sein, auf je 6 ¯m¯ Breite und Länge

und 2-1/2 ¯m¯ Höhe.

Als ÷Halteleine÷ für das ganze Drachengespann genügt ein Stahldraht von

16fachem Querschnitt des für den Marvin-Drachen benutzten, also von

1/2 × 16 = 8 ¯mm^2¯, beziehungsweise von 3·2 ¯mm¯ Durchmesser, oder ein

Kabel von gleicher Festigkeit. Als Verbindungsleine zwischen dem

Hauptdrachen und dem Oberdrachen wäre, der leichteren Behandlung wegen,

Hanfschnur von 5-6 ¯mm¯ Durchmesser zu nehmen.

Ich führe nun im Folgenden einige tatsächlich ausgeführte Modelle vor,

welche wirklich sich in die Luft erhoben haben und Zeugnis geben von dem

Fleiße, mit dem gerade dieses Kapitel der Flugtechnik behandelt wird.

[Illustration: Fig. 122. Aéroplan von Pénaud aus dem Jahre 1871.]

$Pénauds$ erstes Modell im Jahre 1871 gebaut und Planophore genannt,

besteht aus zwei symmetrischen Flächen, welche an einem Stabe befestigt

waren. Diese Flächen bildeten das tragende Element, während eine kleine

mit Kautschuk betriebene Schraube den ganzen Apparat vortrieb. Er flog

in 13 Sekunden 60 ¯m¯ weit.

Pénaud stellte mehrere Variationen solcher Flieger her, welche auch mit

kleinen, vertikalen Steuern ausgerüstet waren und bei geschickter

Handhabung selbst im Kreise durch Türen, Fenster u. dgl. hereinflogen.

Diese Pénaudschen Flieger sind niedliche Spielzeuge und im gewissen

Sinne auch Studienbehelfe. Die in dem Kautschuk aufgespeicherte Kraft

ist eine relativ große.

$Tatin$ baute 1879 größere, mit Schrauben betriebene, aufwärtssteigende

Aëroplane. Bei einem Modelle war die Schraube in der Mitte angebracht

und durch Kautschukschnüre betrieben, bei dem andern Modelle, das in

Meudon gezeigt wurde, waren seitlich zwei mit komprimierter Luft

betriebene Schrauben angebracht. Die Geschwindigkeit des Aufstieges

betrug 8 ¯m¯ in der Sekunde.

Das interessanteste der bis nun in kleinem Stile gebauten Drachenflieger

sind aber unstreitig die von Mr. Lawrence $Hargrave$ in Sydney.

Es handelt sich laut Veröffentlichungen im »Engineering« sowohl um

Drachen-, als auch um Flügelflieger. Eines dieser Modelle hatte eine

Größe von 1·2 ¯m^2¯ bei 1 ¯kg¯ Eigengewicht. Bei einer durch Gummibänder

ausgeübten Arbeitsleistung von 30 ¯kg¯ flog der Apparat etwa 60 ¯m¯

horizontal.

[Illustration: Fig. 123. Drachenflieger von Henson.]

Auch Kreß, ein Schüler der Franzosen, und Oberingenieur Gerstner in

Wien, bauten ähnliche Apparate, welche zu wiederholten Malen in

Vortragssälen geflogen sind.

Von der zahlreichen Menge ausgeführter oder projektierter, großer

Drachenflieger seien nur einige erwähnt, weil sie für die Geschichte der

Drachenflieger von hervorragender Bedeutung geworden sind.

Eines der ältesten Projekte stammt von $Henson$ aus dem Jahre 1842.

Diese Flugmaschine sollte etwa 3000 ¯kg¯ wiegen, eine Drachenfläche von

1370 ¯m^2¯ und 25-30 Pferdestärken besitzen.

Eine andere Drachen-Konstruktion, die ein Vorbild Maxims gewesen sein

mag, stammt von $Stringfellow$ (1868). Sie hatte bereits drei

übereinander gelegene Drachenflächen.

Schon $Wenham$ machte 1866 den Vorschlag, statt einer einzelnen

Aëroplanfläche, deren mehrere, übereinander liegende anzuwenden. Die

Luft ist ein außerordentlich elastisches Medium, das sehr leicht zu

Wirbelbildungen geneigt ist, und diese wieder verursachen

Tragkraftverluste. Die Luft muß bei ihrer Benützung mit ganz besonderer

Vorsicht behandelt werden, was bei kleinen Flächen viel leichter ankommt

als bei großen.

Deshalb schenkte auch $Philipps$ diesen geteilten Flächen eine besondere

Aufmerksamkeit. Vor 30 Jahren baute er Tragflächen von 3/4 bis 1 ¯m¯

Breite, fand jedoch, daß selbst diese anscheinend so geringe Dimension

noch zu breit sei und stellte nun bei seinen letzten Versuchen

Tragflächen zusammen, die er horizontal stellte und stark parabolisch

krümmte, vorne dick, rückwärts aber ganz dünn auslaufen ließ. Er nennt

diese Tragelemente »Mates«. Sie besitzen nur eine Breite von 38 ¯mm¯ und

sind 6·7 ¯m¯ lang. 80 solcher Mates sind zu einem Traggerüste vereint.

Von besonderer Wichtigkeit ist die Entfernung zweier Latten voneinander.

Diese beträgt bei Philipps 50 ¯mm¯, also nur circa 1·3 der

Breitendimension.

Diese 80 Mates sind nun in einen eisernen Rahmen eingespannt und geben

so dem Apparate das Aussehen einer großen Jalousie. Die Fläche würde

nach der Rechnung 20·4 ¯m^2¯ betragen. In den betreffenden Publikationen

im »Engineering«, »l'Aéronaute« etc. ist selbe mit 13·2 ¯m^2¯ angegeben.

Es ist bedauerlich, daß bei Veröffentlichung gerade solcher, lehrreicher

Experimente die Angaben von Zahlen so stark differieren.

Diese Flächen montierte er auf einem auf Schienen im Kreise fahrenden

Wagen und ließ diesen durch eine Luftschraube vorwärtstreiben. Bei einer

Geschwindigkeit von etwa 18 ¯m¯ per Sekunde hob sich der mit 25,

(respektive bei einem anderen Versuche mit 36 ¯kg¯) belastete Wagen vom

Geleise ab. Er erhielt auf diese Art wenigstens approximative

Anhaltspunkte über die Wirkung und das Verhalten seiner Tragflächen.

Zu Ende der Achtziger- und anfangs der Neunzigerjahre baute $Maxim$

mehrere Drachenflieger, dessen letzte Type mit besonders großem

Kostenaufwande hergestellt wurde.

Schon das in Fig. 125 dargestellte Modell läßt die gewaltigen

Konzeptionen des auf dem Gebiete der Schnellfeuerkanonen bekannten

Erfinders erkennen. Wir bemerken zwei große Drachenflächen in der Mitte,

je zwei seitlich ausladende, schief gestellte Flugflächen und unten den

Motor, welcher zwei mächtige, vierflügelige Schrauben antreibt. Der

ganze Apparat steht auf Rädern und bewegt sich auf einer großen

Schienenbahn in Baldwins-Park, dem Experimentierplatze des

Luftschiffers, fort.

Ein anderes Modell desselben Erfinders zeigen die Figuren 126-130, von

welchen die Figur 129 den Apparat in schneller Bewegung über die

Schienen darstellt. Soviel mir bekannt ist, flog diese Maschine nicht.

Der Apparat besaß nur eine einzige, aber große Fläche. Je zwei

zweiflügelige Schrauben, von einem Motor bewegt, trieben die Maschine,

so wie es die Figur anzeigt, auf dem Geleise nach vorwärts.

[Illustration: Fig. 124. Hiram Maxim.]

Die Luftschiffahrt der Gegenwart · 第 15 / 19 段