Diese Leiterdrachen bestehen dem Wesen nach aus drei hintereinander

gestellten Hargrave-Zellen. Jede Zelle ist, um zwei Flügel

herzustellen, in zwei Teile geschnitten. Die Wurzel jedes Flügels ist an

dem Hauptrahmen derart mit Angeln befestigt, daß der Flügel an demselben

in horizontaler Richtung nach vor- oder rückwärts schwingen kann. Diese

Bewegung wird jedoch durch Gummischnüre entsprechend gehemmt. Der

Hauptrahmen selbst ist in Scharnieren beweglich und kann nach Bedarf aus

einer rechteckigen Form in eine rhombische übergehen. Selbstverständlich

folgen die Drachenflächen diesen Bewegungen des Hauptrahmens und bilden

eine Art von Stufen, daher der Name der Drachen.

[Illustration: Fig. 110. Der amerikanische Flugtechniker Octave

Chanute.]

Die Flügel sollen rückwärts und vorwärts, innerhalb gewisser Grenzen,

wie der Wind wechselt, schwingen und auf diese Art die Stellung des

Luftdruckmittelpunktes und auch den Einfallswinkel des Drachen

verändern.

[Illustration: Fig. 111. Leiterdrache von Chanute (Ladder Kite).]

Der Drache fliegt nach Chanute mit einem Einfallswinkel von ungefähr

30°, »wie wenn er am Himmel befestigt wäre«.

Nach diesem Prinzipe bauten die beiden Amerikaner eine Anzahl von

Apparaten, welche abwechselnd von ihnen selbst und von zwei Assistenten

gelenkt, in den öden, unfruchtbaren Sanddünen, 48 ¯km¯ von Chicago

(Illinois) entfernt, erprobt wurden. Sie berichteten über ihre Flüge

folgendes:

»Die Maschine schwankte im Winde und erforderte von dem Ausübenden große

Schnelligkeit und Beweglichkeit um das Gleichgewicht zu bewahren.

Nachdem die Maschine sehr häufig gebrochen und wieder hergestellt war,

haben wir sie endlich gänzlich fallen lassen, nicht ahnend, daß binnen

sechs Wochen Lilienthals bedauerlicher Unfall unsern Entschluß als den

richtigen bestätigen würde.«

Durch diese Mißerfolge ließen sie sich aber nicht entmutigen, sondern

trachteten ihrem Ziele auf eine andere Weise beizukommen.

3. Die Vielflügel-Gleitmaschine.

(÷Multiple-winged-Gliding Machine.÷)

[Illustration: Fig. 112. Im Jahre 1896 ausgeführter Flugsprung mit einer

vielflügeligen Gleitmaschine.]

Eine ihrer interessantesten Maschinen, die sie in der Folge bauten, war

die »Multiple-winged«, welche aus zwölf übereinander gelagerten Flügeln

mit einer Gesamtfläche von 16·45 ¯m^2¯ bestand. Nach und nach

eliminierte man die Zahl der Flügel, konzentrierte nur vier Paar

bewegliche Flügel von 11·57 ¯m^2¯ Fläche in der Front und setzte darüber

eine feste, konkave Drachenfläche von 1·77 ¯m^2¯. Hinten befindet sich

noch ein Paar Flügel (2·74 ¯m^2¯) so angebracht, daß der rückwärtige

Teil beweglich ist. Der Rahmen besteht aus geradgemaserter Pechtanne,

die Flügel sind mit japanischer Seide überzogen und mit ÷Pyroxilin-÷

(Schießbaumwolle-) Firnis überstrichen, welche die Eigenschaft hat,

alle damit behandelten Fabrikate einschrumpfen zu lassen. Der ganze

Apparat wiegt einschließlich des Sitzes von Netzwerk und zweier Bügel,

die den Zweck haben, die Flügel mit den Füßen rückwärts und vorwärts zu

bewegen, 15·25 ¯kg¯. Auch hier hing der Ausübende mit den Achselgruben

über dem Hauptrahmen.

Mit dieser Maschine wurden circa 200 Gleitflüge mit einem Fall von 1 : 4

gemacht. Der Apparat war im Winde bis zu 12 ¯m¯ in der Sekunde ganz

sicher und lenksam, auch waren die Bewegungen des Fahrenden auf 50 ¯mm¯

reduziert statt auf 125 ¯mm¯, wie bei den früheren Maschinen.

Noch bessere Resultate erzielten die beiden Experimentatoren mit einem

im Nachfolgenden beschriebenen Fallschirmflieger.

Der Apparat Fig. 113 bestand in seiner endgiltigen Entwicklung aus vier

Paar Flügeln, vorn übereinander gestellt und mit Bändern zusammen

verbunden, die 11·57 ¯m^2¯ Fläche mit einer Höhlung von 1/16 ihrer

Breite haben. Die Flügel sind mit ihrer Wurzel mittels einer vertikalen

Stange verbunden, die in Kugellagern ruht, damit sie sich rückwärts und

vorwärts bewegen können, welch letztere Bewegung durch entsprechende

Federn eingeschränkt wird. Eine konkave, feste Drachenfläche, 1·77 ¯m^2¯

groß, wird über das Ganze befestigt, um die tragende Fläche bis auf

13·34 ¯m^2¯ zu vermehren. Es dürfte, wie Chanute berichtet, vielleicht

besser sein, diese ganze Fläche in den Flügeln zu konzentrieren.

[Illustration: Fig. 113. Die vielflügelige Gleitmaschine.]

Diese ÷Flügel÷ sind in der Praxis nicht benützt worden, da die ÷Dauer÷

der Gleitflüge (7-8 Sekunden) ihre Anwendung nicht gestattete; der

Ausübende hing mit den Achselgruben über dem Hauptrahmen. Die Hauptidee

dieses Apparates ist, wie oben gesagt, die, daß der Ausübende ruhig

bleiben kann, und die Bewegung von den Flügeln ausgeführt wird.

4. Die Doppelflächen-Gleitmaschine.

(÷Double surfaced.÷)

Bessere Resultate wurden mit der Doppelflächen-Gleitmaschine erzielt,

welche mit dem Regulierapparat des Mr. Herring versehen war. Sie glitt

weiter und mit flacherem Einfallswinkel als der »Vielflügel-Apparat«

(multiple winged). Sie zeigte sich leicht lenkbar, richtete sich selbst

nach den Veränderungen des Windes derart, daß sie denselben

Einfallswinkel beibehielt, und trug mit Leichtigkeit ein Gesamtgewicht

von 81 ¯kg¯ (70 ¯kg¯ des Lenkers) bei Winden, die eine Geschwindigkeit

von 7-14 ¯m¯ pro Sekunde hatten. Mit dieser Maschine wurden Hunderte von

Gleitflügen gemacht. Die folgenden sind von einer Versuchsreihe

ausgesucht, die bei einem Winde von 13·8 ¯m¯ pro Sekunde gemacht wurden.

[Illustration: Fig. 114. Fallschirmflieger von Chanute aus dem Jahre

1896.]

Die umstehende Tabelle gibt uns Kunde von der Zeitdauer und Weite der

einzelnen Flugsprünge.

++========+==========+===========+============+===========+============++

|| Länge | Zeit | | Gesamtfall | | Kilogramm- ||

|| in | in | Einfalls- | in | Anlage | meter pro ||

|| Metern | Sekunden | winkel | Metern | des Falls | Sekunde ||

++--------+----------+-----------+------------+-----------+------------++

|| 60·6 | 8·0 | 10° | 10·5 | 1 zu 5·75 | 106·31 ||

|| 71·3 | 8·7 | 7° 30' | 9·3 | 1 » 7·67 | 86·58 ||

|| 78·0 | 10·2 | 8° | 10·9 | 1 » 7·18 | 86·55 ||

|| 109·5 | 14·0 | 10° | 18·9 | 1 » 5·75 | 109·35 ||

++========+==========+===========+============+===========+============++

[Illustration: Fig. 115. Die Doppelflächen-Gleitmaschine.]

Mit dieser Maschine, sowie mit der noch besseren in der Fig. 115

abgebildeten »Double surfaced« mit dem Regulierungsapparate von Herring,

wurden in den Jahren 1897 und 1898 viele Hunderte von Gleitversuchen

gemacht, die trotz des oft bis 14 ¯m¯ starken Windes jederzeit ganz gut

ausfielen. Die Handhabung der Apparate ist sehr leicht zu erlernen, so

zwar, daß jeder gewandte junge Mann sie in einer Woche gebrauchen und

gleichmäßig sichere Gleitflüge und Landungen ausführen konnte. Diese

Gleitflüge hatten gewöhnlich eine Länge von 100 ¯m¯, mit einem

Fallwinkel von 9-1/2°. Der Sport war so beliebt, daß man den Apparat

sofort wieder auf den Hügel, von dem aus man abflog, hinauftrug, sobald

ein Mann seinen Flugsprung beendet hatte.

Es ist leicht, durch geringe Bewegungen des Körpers und der Beine, den

Flug wellenförmig zu gestalten. Eine von den vor mir liegenden

Momentaufnahmen zeigt eine geringe Steigung, eine andere zeigt eine

Fahrt, wo ein Ausübender in die Höhe gleitet, um einigen Zuschauern

auszuweichen. Da er hierbei an Geschwindigkeit verliert, gewinnt er sie

wieder, indem er seine Füße vorwärts wirft, wodurch er die vordere Kante

der Maschine herunterbringt.

[Illustration: Fig. 116. Querschnitt durch eine Gleitmaschine.]

Durch Seitenbewegungen kann man nach rechts oder links steuern, sogar

beinahe, wie Chanute behauptet, rechtwinklig gegen den Wind. Dieses ist

manchmal notwendig, um Bäumen auszuweichen, welche, wie die

Photographien zeigen, viel zahlreicher sind, als den Fliegern angenehm

ist. Das Landen wird ebenso wie bei Lilienthal ausgeführt. Der Körper

wird 10-15 ¯cm¯ zurückgeworfen, wodurch die vordere Kante des Apparates

gehoben und der Flug verlangsamt wird.

Noch eine dritte Maschine wurde zur selben Zeit auf Chanutes Kosten

gebaut. Es ist dies jene von Mr. William Paul ÷Butusow÷.

Sie bestand aus einem bootartigen Rahmen, Fig. 117, der mit Öltuch

bedeckt war. Der ganze Apparat hatte 24·7 ¯m^2¯ Oberfläche und wog

72·5 ¯kg¯. Mit weiterer Detailausrüstung kam er auf 85·5 ¯kg¯.

Der Apparat von Mr. Butusow, sowie der seinerzeitige von ÷Le Bris÷

(1876), hatte die Nachahmung des Fluges des Albatros als Grundgedanken.

Er wog mit seinem Lenker 145 ¯kg¯ und stieg in einem Winkel von 2° gegen

eine Windgeschwindigkeit von circa 10-12 ¯m¯ pro Sekunde auf.

[Illustration: Fig. 117. Flugapparat von Butusow.]

Chanute schreibt in seinem interessanten Aufsatze: »Recent experiments

in gliding flight« in »The Aëronautical Annual« 1897, pag. 53:

»Ich weiß nicht, wie viele solcher Versuche ich noch auf ähnliche Weise

anstellen werde. Sie waren alle auf meine Kosten, nur im Drange des

Wissens ohne Rücksicht auf pekuniären Gewinn gemacht. Es scheint mir

auch unmöglich, daß in kürzerer Zeit eine wirklich vollkommene Maschine

gebaut werden wird; dazu sind noch viele Forschungen notwendig. Ich habe

diese meine Arbeiten und Versuche hiermit niedergelegt, so daß ein

anderer Forscher vielleicht hier findet, was er braucht.«

5. Die Doppeldeck-Gleitmaschine.

(÷Doubledecked.÷)

Im weiteren Verlaufe ihrer Experimente kamen die Amerikaner auf den

Standpunkt, daß der komplizierte Schwanz an ihrer Maschine überflüssig

sei. Es genügte ihnen, an seinerstatt eine schwach schief gestellte

Fläche. Die beiden Hauptflächen können von den Fahrern nach Belieben

unter gewissen, aber beschränkten Winkeln während der Fahrt selbst

verstellt werden.

[Illustration: Fig. 118. Kochs Flügelflieger.]

Auch liegt der Luftschiffer in dem Flugapparate, ähnlich wie es schon

vor mehreren Jahren ÷Koch÷ (siehe Fig. 118) vorgeschlagen hat. Die

Doppeldeckmaschine Chanutes ist in der Figur 119 schematisch

dargestellt.

[Illustration: Fig. 119. Wilbur Wrights Flugdrache.]

Die Steuerung der Doppeldeckmaschine wird durch eine verschiedene

Neigung der Flächen bewirkt. Versuche mit diesem Apparate, welcher von

zwei Startern in der Höhe abgelassen wurde, fanden 1900 in Nord-Carolina

in Kitty Hawk bei einem Winde von circa 30-35 ¯km¯ pro Stunde statt.

Der Apparat hatte 15·3 ¯m^2¯ Fläche, von 3° Neigung. Bei stärkerem Winde

wurde er als Drache aufsteigen gelassen und hebt bei einer

Flächen-Neigung von 15-20° einen Mann.

Die Flüge gingen folgendermaßen von statten. Bei einem Winde von

26-32 ¯km¯ wurde von einem circa 30-35 ¯m¯ hohen, 10° geneigten

Sandhügel beim »Rill Devil« ein Anlauf genommen, nach wenigen Schritten

schon schwebte die Doppeldeckmaschine, in der der Fahrende lag, in der

Luft und glitt dann ruhig und sicher bergab. Schon dem leichtesten

Drucke des Steuerruders folgte der Apparat, der jederzeit wieder glatt

unter einem Winkel von 9-10° und ohne Chok landete. Die Versuche werden

fortgesetzt.

[Illustration: Fig. 120. Lamsonscher Flieger.]

Eine ähnliche Maschine hat ÷Lamson÷ erdacht. Ihr Äußeres zeigt die Figur

120, über ihre Funktion verlautet bis jetzt noch nichts Bestimmtes.

Ein französischer Luftschiffer, Capitaine ÷Ferber÷, Mitglied des Pariser

Aëro-Klub und Kommandant der 17. Gebirgs-Batterie, hat eine dem

Doppeldeckapparate ähnliche Maschine gebaut und damit in ÷Nizza÷ im

Ganzen mit Erfolg experimentiert, wenn auch im Laufe der Experimente ein

oder das andere Mal Havarien stattfanden. Er liegt in seinem

Flugapparate, welcher aus zwei übereinander gelagerten Flächen mit dem

dazu erforderlichen Gestelle besteht. Vier Männer lancieren die Maschine

von einem circa 20 ¯m¯ hohen Hügel derart, daß sie mit ihr gegen den

Wind laufen und sie dann im gegebenen Augenblicke freilassen. So fliegt

sie eine ziemliche Strecke gegen den Wind. Ferber hofft den Rekord von

Wright von 150 ¯m¯ noch zu übertreffen.

6. Wrights Grundsätze für den Gleitflug.

÷Wright÷, ein amerikanischer Flugtechniker, stellt folgende Sätze für

Gleitflugmaschinen auf.

1. Die Hubkraft einer großen Maschine, welche in geringer

Entfernung vom Erdboden im Winde stehend gehalten wird, ist viel

kleiner als die Lilienthal-Tabelle und unsere eigenen

Laboratoriumversuche es würden erwarten lassen. Wenn die Maschine

sich gleitend durch die Luft bewegt, scheint der Unterschied

geringer zu sein.

2. Die Beziehung von Zug zu Hub ist für gut geformte Tragflächen

bei Einfallwinkeln von 5° bis 12° geringer als bei einem Winkel

von 3°.

3. Der Druckmittelpunkt liegt in gewölbten Tragflächen bei 90° im

Mittelpunkte der Fläche, rückt aber in dem Maße allmählich nach

vorn, wie der Winkel kleiner wird, bis ein kritischer, von der

Form und Wölbungstiefe der Fläche abhängiger Winkel erreicht ist;

hiernach rückt er schnell nach der Achterkante, bis der Winkel

eintritt, bei welchem kein Hub mehr stattfindet.

4. Große Tragflächen können unter gleichen Umständen mit wenig

mehr Schwierigkeit beherrscht werden als kleine, wenn die

Regulierung durch die Tragflächen selbst, anstatt durch den Körper

des Fahrers bewirkt wird.

5. Der Stirnwiderstand des Rahmenwerks kann auf einen viel

geringeren Wert herabgebracht werden, als man gewöhnlich annimmt.

6. Schwänze, sowohl vertikale wie horizontale, können beim Gleit-

und sonstigem Fluge entbehrt werden.

7. Die horizontale Körperstellung des Fahrers kann ohne Gefahr

angewendet werden und somit der Stirnwiderstand auf etwa ein

Fünftel gegen die aufrechte Stellung vermindert werden.

8. Ein Paar übereinander oder hintereinander angeordneter

Tragflächen ergibt weniger Hub im Vergleiche zum Zuge, als jede

Tragfläche einzeln ergeben würde, selbst dann, wenn der

Stirnwiderstand der Verbindungsglieder in Betracht gezogen wird.

7. Die weitere Entwicklung des persönlichen Kunstfluges.

Die weitere Entwicklung dieses Sportes dürfte sich, wie ich schon im

Jahre 1898 in der Wochenschrift »Die Zeit« ausführte, etwa

folgendermaßen gestalten:

Nach und nach wird man von immer größeren Höhen immer weitere

Luftsprünge, wie man diesen Flug nennen kann, unternehmen. Die Länge

eines solchen Sprunges hängt nämlich nur von der Absprunghöhe, sowie von

der Stärke des Luftstromes und von der Geschicklichkeit des Insassen ab.

Gelingt es, diesen Apparaten eine entsprechende Stabilität zu geben, so

können von hohen Bergen, ja selbst vom Luftballon aus, Sprünge von

einigen Kilometern Weite anstandslos bewirkt werden. Es kann daraus,

wenn nicht früher ein brauchbarer Flugapparat erfunden wird, ein neuer,

interessanter und beliebter Sport entstehen.

Diese Versuche, insoweit sie (ich sehe da von dem sportlichen, der

Unterhaltung dienenden Zwecke ab) die Konstruktion und Verbesserung

derartiger Apparate betreffen, sind sehr zeitraubend und äußerst

mühevoll. Erst dann, wenn endlich alle Konstruktionsfehler ausgemerzt

sein werden, wird man daran gehen können, Motor- und Forttreibapparate

anzuwenden.

Eben als der bedauerliche Tod Lilienthals viele Luftsegler geneigt

machte, dessen Methode in Mißkredit zu bringen und sowohl gleitende

Versuche als auch Apparate mit konkaven, übereinandergestellten Flächen

zu verwerfen, haben Chanute und Herring gezeigt, welch bedeutender

Verbesserungen diese Apparate fähig sind. Ein neuer Gedanke gab der

ursprünglichen Erfindung frische Impulse.

Vom theoretischen Standpunkte aus ist für uns Menschen nur die

Ausführung des ÷Gleitfluges÷ denkbar, wollen wir mit Hilfe unserer

Muskelkraft allein den Flug durch die Lüfte wagen. Dieser Gleitflug wird

durch Abspringen von hochgelegenen Punkten aus begonnen und hierbei ein

gewisses Maß lebendiger Kraft angesammelt, welche Arbeit dann, unter

Ausnützung günstiger, äußerer Umstände (wie stoßweise, entgegenwehender

Wind, der Schwerkraft und derjenigen minimalen Flugarbeit, die der

Mensch mit Hilfe seiner Muskeln, durch Verschiebung der Körperlage,

leisten kann), verwertet wird. Dieser Flugsprung präsentiert sich als

eine Nachahmung des Fluges der Flugbeutler, Flughörnchen, Heuschrecken

u. dgl. Tiere. Ein wirklicher Fortschritt in der bezeichneten Frage wäre

nur durch Zuhilfenahme eines leichten Motors zu erwarten.

Auch auf diesem Gebiete wird fleißig gearbeitet; die Versuche von

Stentzel, Moore etc. bieten für die Flugtechniker, wie wir später sehen

werden, manches Interesse. In ein entscheidendes Stadium sind diese

Experimente aber dermalen noch nicht getreten. Es gibt eben in dieser

Frage kein Hasten und kein Überstürzen, sondern nur ein gründliches und

konsequentes Experimentieren, welches gepaart mit energischem Handeln

allein zum Ziele führen kann.

VIII. Kapitel.

Flugmaschinen.

1. Allgemeines.

Wenden wir nun unsere Blicke einem anderen Zweige der Luftschiffahrt,

der Aviatik zu, das ist die Lehre, ohne Hilfe eines Ballons den Weg

durch die Luft zu finden. Beim Ballon ist es das Traggas, welches die

hebende Kraft liefert und der Schwerkraft der Erde entgegenwirkt. Es

handelt sich bei den Ballons nur darum, ihnen eine entsprechende

Eigengeschwindigkeit in horizontaler Richtung zu verleihen.

Bei den ÷Flugapparaten÷ muß die gleiche Art der Vorwärtsbewegung erzielt

werden, aber es kommt noch eine Arbeit zur Überwindung der Schwerkraft

hinzu, welche ebenfalls geleistet werden muß. Diese Arbeit kann nur in

der Betätigung einer Kraft, welche der Schwerkraft entgegenwirkt,

bestehen, und diese Kraft muß erst durch maschinelle Mittel geweckt,

also künstlich erzeugt werden.

Nachdem sich der Flugapparat in der ÷Luft÷ fortbewegt, so liegt es nahe,

die Kraft des Luftwiderstandes für diese Zwecke auszunützen und zwar

derart, daß man sich einen Luftwiderstand künstlich schafft, durch

dessen Überwindung die erforderliche Hubarbeit geleistet werden kann.

Eine zweite Methode besteht in der Ausnützung der Reaktionswirkung

explosiver Präparate, womit z. B. Geschosse, Raketen etc. durch die Luft

getrieben werden. Zur Beförderung der Menschen ist diese letzte Methode

aber dermalen nicht tauglich, deshalb wird hier auch nur der erste Fall

behandelt.

Ein Luftwiderstand kann durch jede Bewegung einer Fläche, besitze

dieselbe welche Gestalt immer, hervorgebracht werden, diese Fläche

braucht nur gegen die Fahrtrichtung eine schiefe Stellung einzunehmen.

Die Art und Weise, wie die Flächen sich durch die Luft bewegen, ist

charakteristisch für die Benennung der einzelnen Flugapparate.

Bleibt die Fläche im allgemeinen starr und dabei gegen die Fahrtrichtung

etwas nach aufwärts gerichtet, so haben wir es mit $Drachenfliegern$ zu

tun; rotieren diese Flächen um eine vertikale oder etwas schief

gestellte Achse, so nennen wir solche Flugapparate $Schraubenflieger$;

bewegen sich die Flächen schlagartig auf und ab, etwa um eine horizontal

oder annähernd horizontal gestellte Achse, so haben wir es mit

$Flügelfliegern$ zu tun. Die Flächen können aber auch um eine

horizontale oder annähernd horizontale Achse rotieren und dabei ihre

Lage zum Horizont stetig ändern -- in diesem Falle kommt ein

$Schaufelradflieger$ zum Vorschein.

Jede dieser Arten läßt sich in ungezählten Variationen ausführen und

nicht nach Hunderten, sondern nach Tausenden zählen in jeder dieser

Gruppen die Projekte, von welchen man eine Lösung der langgestellten

Frage erwartet.

[Illustration: Fig. 121. Patrick Alexander, aëronautischer

Schriftsteller.]

Die Literatur über Flugmaschinen ist ziemlich reichhaltig, leider aber

fehlen meist genaue Konstruktionspläne und sind nur Skizzen über viele

interessante, ausgeführte Experimente vorhanden. Wer sich eingehender

mit diesem Thema befassen will, der sei auf folgende zwei Werke

verwiesen: ÷Griffith Brewer÷ und ÷Patrick Y. Alexander÷: »Aeronautics«,

welches Buch viele Patente auch über lenkbare Ballons enthält, und

÷Chanute÷ »Progress in Flying Machines«, welches viele Flugmaschinen in

sehr ausführlicher Weise behandelt.

Im November des Jahres 1901 fand im Velodrome des »Parc des Princes« in

Paris eine ÷Ausstellung aviatischer Apparate÷ statt, welche mit einem

Wettbewerbe verbunden war. An diesem Wettbewerbe, welcher von den

Brüdern ÷Delagneau÷, mit Unterstützung des »÷Aéro-Club de France÷«, der

»÷Société Française de navigation aérienne÷« und des Direktors des

meteorologischen Observatoriums zu Trappes, ÷Teisserenc de Bort÷,

veranstaltet wurde, konnten sich alle ballonfreien, dynamischen

Flugapparate (appareils d'aviation plus lourds que l'air) beteiligen.

Alle an dem Wettbewerbe teilnehmenden Apparate wurden in eine der

folgenden ÷drei Hauptklassen÷ eingeteilt:

I. $Schraubenflieger$ (hélicoptères). Zu dieser Klasse gehören alle

Apparate, welche ihren Auftrieb einzig und allein durch Schrauben

erhalten.

II. $Flügelflieger$ (orthoptères). In diese Klasse wurden alle jene

Apparate eingereiht, welche sich mittels Flügelschlägen nach Art der

Vögel erheben.

III. $Drachenflieger$ (aéroplanes). Zu dieser Gruppe wurden alle

Apparate gerechnet, bei denen die Tragkraft durch Luftverdichtung

unterhalb unbeweglicher, rasch durch die Luft vorwärts bewegter

Drachenflächen entsteht.

Für die an dem Wettbewerbe teilnehmenden Apparate galt folgendes

Reglement:

I. $Schraubenflieger.$

1. ÷Apparate, welche sich durch Eigenkraft erheben.÷

¯a)¯ Modelle von Schraubenfliegern, angetrieben durch Motoren,

deren Betriebskraft Dampf, Benzin, komprimierte Luft u. s. w.

bildet.

¯b)¯ Schraubenflieger-Spielzeuge, angetrieben durch gespannte

Federn, tordierte Kautschukfäden, künstliche Schmetterlinge,

fliegende Kreisel.

2. ÷Apparate, welche sich nicht durch Eigenkraft erheben.÷

¯a)¯ Schraubenflieger, welche sich, getrennt von ihrem Motor, nur

ein einziges Mal erheben;

¯b)¯ Spielzeuge von Schrauben ohne unabhängigen Motor:

Spiraliferen, Stropheors u. s. w.

II. $Flügelflieger.$

¯a)¯ Künstliche Vögel, deren Kraftmaschine durch Dampf, Benzin,

komprimierte Luft u. s. w. gespeist wird.

¯b)¯ Wissenschaftliche Spielzeuge mit beweglichen Flügeln,

angetrieben durch gespannte Federn, Kautschukfäden u. s. w.

III. $Drachenflieger.$

1. ÷Freie Drachenflieger.÷

¯a)¯ Drachenflieger, angetrieben durch einen Dampf- oder

Benzinmotor etc.

¯b)¯ Drachenflieger-Spielzeuge, bewegt durch gespannte Federn,

tordierte Kautschukfäden etc.

¯c)¯ Schleuder-Äeroplane: Pfeilflieger, Boomerangs.

2. ÷Kaptivdrachen.÷

¯a)¯ Drachen zur Anstellung meteorologischer Beobachtungen.

¯b)¯ Kinderdrachen von jeder beliebigen Konstruktion:

orientalische, japanische, chinesische Drachen, rotierende Drachen

etc.

Alle an dem Wettbewerbe teilnehmenden Apparate wurden in folgende zwei

Hauptgruppen eingeteilt:

1. Gruppe: Apparate wissenschaftlichen Charakters.

2. Gruppe: Apparate zur Demonstration oder Spielzeuge.

An der Konkurrenz konnten nur Apparate teilnehmen, welche sich vom Boden

erheben.

Die Jury nahm bei der ÷Prüfung÷ Rücksicht auf die Konstruktion, die

Festigkeit und das Gewicht der ausgestellten Apparate und stellte genaue

÷Messungen÷ an über:

1. das gehobene Totalgewicht;

2. die Zeit, während welcher der Apparat sich in der Luft erhält;

3. die erreichte Höhe;

4. die durchflogene Strecke.

Auch die ÷Stabilität÷ der Apparate wurde einer speciellen Prüfung

unterzogen.

Aus dieser gewiß nicht uninteressanten Aufzählung ersieht man schon die

große Mannigfaltigkeit dieses Gebietes der Luftschiffahrt.

Um nicht zu weitschweifig zu werden, sei vorerst in einleitender Weise

nur einiger, der von der Presse am häufigsten erwähnten Flugapparate

gedacht.

Die Luftschiffahrt der Gegenwart · 第 14 / 19 段