Drachen-Stationen über das Land verteilt und eingerichtet, von denen
wichtige Förderung für den Dienst der Wetterprognose zu erwarten ist.
Allerdings mußten einige Stationen wegen Mangel an Wind wieder
aufgelassen werden.
Mit Freude und Genugtuung erfüllte es Mr. Rotch und seine Mitarbeiter am
Blue Hill-Observatorium, daß die im Jahre 1896 in Paris tagende
Konferenz von Direktoren meteorologischer Institute den Entschluß faßte,
die Anstellung von Drachenversuchen, wie solche auf dem
Blue-Hill-Observatorium gemacht werden, auch anderwärts als sehr
wünschenswert zu empfehlen.
Der rührige ÷Straßburger÷ Luftschiffahrtsverein, unter der bewährten
Führung von Dr. ÷Hergessel÷ und (damals) Hauptmann ÷Moedebeck÷, ist
meines Wissens der erste, der diesem Aufrufe gefolgt ist und die
mühsamen, aber auch Erfolg verheißenden Drachenexperimente auf dem
Kontinente in Angriff genommen hat. Hierauf hat ÷Teisserenc de Bort÷ in
seinem »Observatoire de Météorologie dynamique« in Trappes bei Paris
sich diesem Forschungszweige unter Aufwendung beträchtlicher, eigener
Mittel mit hervorragendem Erfolge zugewendet.
Einen großen Fortschritt in Drachenaufstiegen hat Rotch dadurch erzielt,
daß er in antizyklonalem, fast windstillen Wetter ÷Drachen auf einem
Dampfschiffe÷ emporschickte. Am 22. August 1901 stiegen auf einem
Dampfer, der von Boston aus mit 4-1/2 ¯m¯ p. S. unter einem Winkel von
45° gegen den Wind fuhr, drei Hargrave-Drachen 800 ¯m¯ hoch, bei einer
Kabellänge von 1100 ¯m¯. Leider war nicht mehr Kabel an Bord. Die
Versuche wurden zweimal -- am Morgen und am Abend desselben Tages --
ausgeführt. Die Drachen erhoben und senkten sich so leicht und stetig,
daß keinerlei Gefahr für Drachen oder Apparate vorhanden war. Rotch will
nun, wie er auf dem letzten aëronautischen Kongreß detailliert
ausführte, den Atlantischen Ozean in der Richtung auf die afrikanische
Westküste kreuzen, um aus diesen Breiten, von deren Verhältnissen in den
hohen Schichten der Atmosphäre wir so gut wie nichts wissen, womöglich
Beobachtungen über die ÷Gegenpassate÷ zu sammeln.
4. Drachen-Observatorien.
In gewohnter energischer Weise wurden die Drachenaufstiege auch in
Berlin begonnen und dazu ein eigenes Etablissement gegründet, welches
Geheimrat Prof. Assmann leitet.
»Das ÷aëronautische Observatorium des königl. meteorologischen
Institutes÷« am Tegeler Schießplatze bezweckt, an Stelle der bisher nur
gelegentlich ausgeführten, wissenschaftlichen Luftschiffahrten eine
feste Organisation mit bestimmten, ihr im Budget zugewiesenen Mitteln zu
setzen, um mit Hülfe von Drachenballons und Drachen regelmäßig und ohne
Unterbrechung meteorologische Untersuchungen der erreichbaren Schichten
der Atmosphäre vorzunehmen.
Für diesen Zweck wurde ein Grundstück an der Grenze des Tegeler
Schießplatzes zugewiesen, auf dem später die vom Tempelhofer Felde nach
Tegel verlegte militärische Luftschiffer-Abteilung Nachbarin wurde.
Die Errichtung dieses Gebäude-Komplexes, dessen regelmäßiger Betrieb im
Jahre 1901 eröffnet wurde, ist nicht ohne erhebliche Schwierigkeiten vor
sich gegangen. Professor Assmann und Dr. Berson, die vor endgiltiger
Feststellung der Baupläne in Paris waren, um das dort vorhandene Vorbild
zu studieren, erkannten bei dieser Gelegenheit schon, daß die
Nachbarschaft hoher Bäume und eines viel benutzten Schieß- und
Exerzierplatzes besondere Maßnahmen notwendig machen würden, um die
Kabel der Ballons und Drachen vor Beschädigung zu schützen und Klagen
wegen Störung der militärischen Übungen zu verhüten.
Es mußte deshalb, abweichend von Paris, wo das Institut auf einer
ringsum freien Ebene gelegen ist, ein Turm von 27 ¯m¯ Höhe in den
Bauplan aufgenommen werden, von dessen Plattform der Aufstieg
unbehindert vor sich gehen kann. Nächstdem hat auf dem Gelände ein
Dienstgebäude mit den nötigen Arbeitsräumen, sowie Wohnungen für einen
Ballonwärter und zwei Ballongehülfen, eine Ballonhalle und ein
Windenhaus Platz gefunden.
Letzteres, ein 3-1/2 ¯m¯ im Durchmesser haltendes, achteckiges Gebäude
mit Glasdach, enthält die Winde zum Auflassen und Einholen der Ballons
und Drachen. Zum Betriebe dieser Winde dient eine im Souterrain des
Dienstgebäudes aufgestellte Dampfmaschine, die aus der Fabrik des
leider viel zu früh dahingerafften Otto ÷Lilienthal÷ hervorgegangen
ist.
Die Dampfmaschine betreibt eine an derselben Stelle befindliche
Dynamomaschine, welche die Anstalt mit elektrischem Lichte versieht
und zugleich eine Accumulatorenbatterie speist, von der nach
Bedarf Elektrizität zum Antriebe eines die Winde betätigenden
Elektromotors entnommen wird. Die letztere besitzt, außer genauen
Registriervorrichtungen, die in jedem Augenblicke die Länge des
abgelaufenen oder noch nicht aufgelaufenen Kabels festzustellen
erlauben, als besonders wichtigen Teil eine den Zug des Kabels
aufzunehmende Rolle, wodurch bewirkt wird, daß letzteres in geringer und
stets gleichbleibender Spannung von der Trommel ab- oder auf sie
aufläuft. Dies ist notwendig, weil zeitweise bis 10.000 ¯m¯ Draht auf
der Trommel Platz finden, welche sich durch Hineindrücken der oberen in
die unteren Lagen verwirren würden, falls ein starker Zug auf den ab-
oder aufwickelnden Draht ausgeübt würde. Natürlich ist auch für ein ganz
gleichmäßiges Auflaufen, Windung neben Windung, automatische Umkehr nach
Vollendung einer Lage, stets gleichbleibende Umfangsgeschwindigkeit u.
s. f. gesorgt.
Von der Winde aus geht das den Ballon oder Drachen tragende Kabel nach
der Plattform des Turmes. Dort befindet sich die bei anderer Anordnung
neben der Winde stehende, sogenannte Erdrolle, deren Einrichtung
gestattet, sie in jeder Richtung einzustellen, die der herrschende Wind
vorzeichnet. Die Hinaufbringung der Aërostaten auf den Turm, sowie beim
Einziehen ihre Herabführung auf die Erde, hat besondere Vorrichtungen
nötig gemacht, welche indessen, nach den Berichten von Assmann, so
zufriedenstellend funktionierten, daß eine Berührung mit dem Turme, die
leicht Aufenthalte und Beschädigungen zur Folge haben könnte, ganz
vermieden wird. Im übrigen ist durch nachträgliche Verbreiterung des
Grundstücks auf 100 ¯m¯ ein Operationsraum von nahezu 50 ¯m¯ rechts und
links des Turmes gewonnen worden.
Der zur Zeit vorhandene, mit Wasserstoff gefüllte Drachenballon hat eine
Länge von 10 ¯m¯. An Drachen kommen alle möglichen Systeme in
Verwendung, u. a. viele Hargrave-Drachen von 2-1/2-5 ¯m^2¯. Als Kabel
dient beim ersteren verzinnter Tiegelgußstahldraht von 1.3 ¯mm¯
Durchmesser, bei den anderen solcher von 0.7 ¯mm¯ Durchmesser. Der
erstere besitzt eine Festigkeit von 300 ¯kg¯ und wägt pro 1000 ¯m¯
10 ¯kg¯, der letztere hat die Reißfestigkeit von 90 ¯kg¯ und wägt
3.7 ¯kg¯ pro 1000 ¯m¯.
Die mit Registrierung versehenen Instrumente für meteorologische
Beobachtungen hängen vom Kabel etwas unterhalb seiner Befestigung am
Ballon oder Drachen herab.
Schwieriger als das Auflassen von Drachen ist häufig das Einholen,
namentlich wenn inzwischen der Wind abgeflaut hat, weil dann, um das
Fallen zu verhüten, durch sehr schnelle Drehung der Windentrommel
künstlich Wind erzeugt werden muß. Umgekehrt macht eingetretene
Verstärkung des Windes das Einholen, welches einer weiteren Verstärkung
des Windes gleichkommt, öfters zu einer, mit großer Vorsicht und sehr
langsam zu bewirkenden, oft schwierigen Arbeit, weil für das Kabel die
Gefahr der Überanstrengung und somit des Bruches naheliegt.
Von großem Interesse sind die anschaulichen Schilderungen der Tätigkeit
dieses aëronautischen Observatoriums, wie sie Geheimrat Professor
Assmann gelegentlich der Sitzung des letzten internationalen
aëronautischen Kongresses entworfen hat.
Daß bei dem Inslebenrufen einer so neuen und eigenartigen Schöpfung auch
kleinere Unfälle sich ereigneten, ist wohl selbstverständlich. So z. B.
rissen bei einem Aufstiege auf 4360 ¯m¯ fünf Drachen mit circa 6000 ¯m¯
Draht ab und verletzten dabei einen Knaben nicht unerheblich. Die beiden
obersten Drachen machten eine 140 ¯km¯ lange Fahrt nach Forst in der
Lausitz.
Am bedenklichsten schien bei dem Abreißen der Drachen die Gefahr, daß
der fortschleifende Draht sich auf die Drähte der dem Observatorium bis
auf 800 ¯m¯ genäherten elektrischen Bahnen lege. Es sind deshalb die
nächstgelegenen Bahnlinien mit seitlichen, zur Erde abgeleiteten
Schutzdrähten versehen, welche ein sofortiges Durchbrennen eines diese
und die Starkstromleitung berührenden Drachendrahtes bewirkt, worauf er
stromlos herabfällt.
Außerdem wird künftig dafür Sorge getragen werden, Drähte,
beziehungsweise Kabel von größerer Bruchfestigkeit zu verwenden, und in
das Kabel, außer den Hauptdrachen, noch Drachen mit Leinen von
geringerer Festigkeit einzuschalten, damit eventuell durch das Abreißen
dieser »÷Sicherheitsdrachen÷« der Zug am Kabel verringert werde.
Die in Berlin erzielten Resultate reihen sich den Erfolgen der
Amerikaner auf diesem Gebiete würdig an die Seite. So erreichten 60
Drachen schon eine Höhe von 5000 ¯m¯ und 35 eine noch größere Höhe.
Leider fehlt es an Platz, hier auch noch eingehender die einschlägigen
Bestrebungen der Franzosen zu behandeln. Es genügt, zu sagen, daß auch
sie den Drachen in ihren Dienst gestellt und vorzügliche Resultate mit
ihm erreicht haben. Besonders ist es wieder Teisserenc de Bort, der
darin Hervorragendes leistete.
5. Drachenaufstiege mit Menschen.
Im Jahre 1892 begann der bekannte englische Aëronaut ÷Baden-Powell÷
systematische Versuche mit großen Drachen, um festzustellen, ob man sie
an Stelle von Fesselballons zum Hochnehmen von Menschen verwenden könne.
Seine früheren Versuche hatten zu folgenden Ergebnissen geführt:
1. Ein Schwanz, wie er im allgemeinen bei Kinderdrachen angebracht wird,
ist unnötig.
2. Bei stürmischem, böigen Winde kann man Drachen vollkommen stabil in
der Luft halten, wenn man sie an zwei Leinen befestigt, deren
Haltepunkte auf der Erde etwas voneinander entfernt sind.
3. Die beste Drachenform, mit Hinsicht auf geringes Gewicht, leichte
Zusammenlegbarkeit, große Hebekraft, ist ein Sechseck, in welchem das
Gestell aus drei Stangen von gleicher Länge besteht, deren eine
senkrecht stehend von den beiden andern gekreuzt wird.
Schon im Jahre 1894 gelang es Baden-Powell am 27. Juli einen Menschen
mit Drachen in die Luft zu heben. Bei einer Versuchsreihe benützte er
Drachen an zwölf verschiedenen Tagen, indem er »das Wetter nahm, wie es
gerade kam«. Hierbei wurde an neun Tagen ein Mensch durch den Apparat
emporgehoben, während nur an drei Tagen hindurch der Wind zu schwach
war. Oftmals stiegen alle Drachen bis zu 100-130 ¯m¯ empor, welche einen
Menschen zu heben vermochten.
Baden-Powell fand bei »gewöhnlichem« Wetter eine Drachenfläche von circa
50 ¯m^2¯ ausreichend, um das Gewicht eines Menschen zu heben. Bei hohen
Aufstiegen befestigte er einen Fallschirm über der unter dem Drachen
aufgehängten Gondel, in welcher der Beobachter Platz nahm.
Man kann entweder ÷einen÷ Drachen oder ÷fünf÷ kleine benützen. Das
Gewicht des ganzen Apparates beträgt kaum fünfzig Kilogramm und kann in
einer Rolle von 4 ¯m¯ Länge durch 2-3 Männer überallhin transportiert
und in wenigen Minuten (2-3) wieder zum Aufstiege klar gemacht werden.
In London erhält man solche Drachen für circa 1200 Kronen.
Die Fig. 101 zeigt einen Drachen nach System Hargrave, welcher einen
Beobachter, den Leutnant ÷Wise÷, hochhebt.
Major Baden-Powell nahm seine Drachen auch nach Afrika mit.
Im Aëronautical-Journal teilt er mit, welch große Schwierigkeiten es
zunächst bereitet hat, sie überhaupt nach dem Kriegsschauplatze zu
befördern. Nachdem sie als persönliches Gepäck zurückgewiesen worden
waren, ist es nur möglich geworden, sie unter der Bezeichnung von
»ärztlichen Zubehörstücken« nach dem Kaplande zu befördern.
Major Baden-Powell hat sodann im Lager am Modder-River verschiedene
Versuche gemacht, besonders mit Photographieren vom Drachen aus. Diese
Versuche sollen erfolgreich gewesen sein.
Weiterhin ist der Drache zufällig für die Telegraphie ohne Draht sehr
nützlich gewesen, weil die damit beauftragten Militärs bei ihrer Ankunft
nichts vorbereitet fanden, um die Empfangsdrähte hochzunehmen. Unter
diesen Verhältnissen waren die Baden-Powellschen Drachen von
unschätzbarem Werte, denn sie erlaubten, bald über 137 ¯km¯ weit die
Telegraphie aufzunehmen, während die Marconischen Apparate andernfalls
vollkommen nutzlos im Lager gelegen hätten.
[Illustration: Fig. 101. Aufstieg eines Beobachters mit Hilfe von
Hargrave-Drachen.]
Einen anderen Drachen, womit Menschen aufgehoben wurden, baute $Millet$.
Bei diesem in Fig. 102 abgebildeten Drachen soll ein Mann imstande sein,
im Falle des Reißens der Leine den Drachen sofort in einen Fallschirm zu
verwandeln, indem die großen Seitenflächen heruntergeklappt werden und
nun die Luft fangen. Ferner soll der Insasse es in der Hand haben, zu
steigen oder zu fallen.
Der Korb hängt deshalb auf einer losen Rolle und man kann ihn mittels
Tauen näher an die Hochlaßleine heranziehen oder ihn ablassen. Dadurch
wird die Lage des Schwerpunktes unter der Drachenfläche geändert und der
Drache bietet dem Winde seine Fläche unter einem größeren oder kleineren
Winkel dar; er steigt also oder fällt.
Sehr intensiv scheint man sich in ÷Rußland÷ für Drachenaufstiege mit
Menschen zu interessieren. Als Beweis dafür setze ich nachstehenden
Bericht, welchen ein Freund der »Illustrierten aëronautischen
Mitteilungen« diesen sendete, hierher. Er schreibt u. a.:
»Es wurden vier flache, sechseckige Drachen des ÷Luftschifferparks÷, die
zum Aufheben eines bemannten Korbes ausreichen, hochgelassen. Nachdem
400 ¯m¯ des Seils abgelassen worden waren, ergab sich ein Zug von
220 ¯kg¯. (Dynamometer Konstruktion Garut.)
[Illustration: Fig. 102. Drache von Millet mit Korb für einen
Beobachter.]
Herr ÷Ulianin÷ führte zwei sehr große Drachen vor, die eine Abänderung
der Hargrave-Drachen bilden und etwa 60 ¯m^2¯ tragender Oberfläche
besitzen. Beide wurden hochgelassen und ihre Seile miteinander
verbunden. Am Verbindungsknoten befestigte man eine leichte Gondel, von
der zum Anziehen zwei Hilfsstricke nach unten liefen.
Die Aufstiege, welche viele Liebhaber fanden, waren nicht hoch, etwa
60 ¯m¯ und dauerten je 5 Minuten. Sie wurden 20mal wiederholt. Unter
anderen Mitgliedern der Konferenz hob man auch den Herrn Generalleutnant
÷Anossow÷, Kommandant der Stadt Kiew, hoch. Alle die aufgestiegen waren,
erklärten einen solchen Aufstieg für völlig ungefährlich. Die
Drachenkonstruktion erregte wegen ihrer großen Stabilität in der Luft
bei Anwendung von zwei oder drei Drachen Aufsehen.
Gleichzeitig wurde auch ein Drachenfallschirm-System ÷Niezchdanowsky÷
gezeigt, das sich ebenfalls bewährte.«
VII. Kapitel.
Der persönliche Kunstflug.
1. Lilienthals Versuche.
Durchblättert man die Geschichte der Luftschiffahrt, so wird man schon
im grauen Altertume Sagen von fliegenden Menschen finden, so z. B. bei
den Scythen und anderen Völkern.
Obwohl die Nachrichten hierüber nicht reichlich fließen, so läßt doch
manche Andeutung darauf schließen, daß mehr als ein Experiment in dieser
Hinsicht mit Erfolg gemacht worden ist.
Diesen Ausspruch dokumentieren nicht allein die uns aus allen Weltteilen
und von allen Völkern überlieferten Sagen über »fliegende Menschen«,
sondern auch eine Reihe meist unglücklich verlaufener Bestrebungen,
welche geschichtlich beglaubigt sind. Der Raum ist hier zu beschränkt,
um durch Namen und Zahlen diese Behauptung ausführlicher zu erhärten.
Deshalb sollen nur die in dieser Richtung in den letzten Jahren
erzielten Erfolge besprochen werden.
In erster Linie ist hierbei eines Mannes zu gedenken, der einen großen
Teil seines Lebens, und zuletzt dieses selbst, der Flugfrage opferte und
es auch schließlich dazu gebracht hatte, über 300 ¯m¯ weit sich in der
Luft fortzubewegen.
Es ist dies der Berliner Maschinenfabrikant Otto ÷Lilienthal÷, dem alle
Flugtechniker die größte Bewunderung und Dankbarkeit zu zollen Ursache
haben. Lilienthal hat seine Vorgänger in der Ausführung des
Schwebefluges bedeutend überholt, er war der erste, der ihn systematisch
betrieb, und Tausende von Flugversuchen mit erstaunlicher Kühnheit und
Sicherheit ausführte.
Das Prinzip, welches er verfolgte, ist die Ausführung des sogenannten
Drachenfluges, wobei er von einer Anhöhe aus mit Hilfe eigens zu diesem
Zwecke konstruierter Segelflächen den Flugsprung begann.
[Illustration: Fig. 103. Ingenieur Otto Lilienthal.]
Anfangs baute Lilienthal kleinere Apparate und fügte den einfachen
Segelflächen ein schwanzartiges, horizontales und ein darauf senkrecht
stehendes, vertikales Steuer hinzu, um hierdurch eine bessere
Einstellung gegen den Wind zu erreichen. Im Laufe der Jahre konstruierte
er dann eine große Anzahl von verbesserten und stets selbst erprobten
Apparaten. Sein im Jahre 1891 hergestelltes Modell bestand aus einem
flügelartigen Weidenholzgestelle, das mit wachsgetränktem Schirting
überzogen war. Die Flügelfläche wölbte sich im Verhältnisse 1 : 12
parabolisch, hatte die Gestalt ausgebreiteter Vogelflügel und maß von
Spitze zu Spitze sieben Meter Länge, 2-1/2 ¯m¯ der Breite nach und hatte
14 ¯m^2¯ Areal.
[Illustration: Fig. 104. Lilienthal mit seinem
Fächer-Fallschirmapparate.]
[Illustration: Fig. 105. Lilienthal im Momente des Abspringens mit
seinem Fallschirmapparate.]
In diese ziemlich primitive, 20 ¯kg¯ schwere Vorrichtung hängte er sich
mit seinen beiden Unterarmen in entsprechende Polsterungen des Gestelles
ein, erfaßte zwei Handgriffe, nahm einen Anlauf gegen den Wind und
schwebte kurze Zeit darauf in der Luft über die Köpfe der nie fehlenden
Zuschauer hinweg. Von fünf Auffahrtsplätzen, welche aus 15 bis 30 Meter
hohen Hügeln bestanden, unternahm Lilienthal im Laufe von zehn Jahren
seine immer vollkommener sich gestaltenden Versuche.
[Illustration: Fig. 106. Lilienthal mit einem seiner ersten
Fallschirmapparate in den Lüften.]
Die Lenkung bewirkte er durch einfache Verlegung des Schwerpunktes des
Körpers nach vorne oder rückwärts. Durch dessen Verlegung nach links
wurde sofort das infolge des stärkeren Luftdruckes gehobene linke
Flügelpaar gesenkt oder umgekehrt das rechte durch Verlegung des
Schwerpunktes nach rechts.
Mehr als einmal wurde bei den Versuchen die Ablenkung von der geraden
Flugrichtung soweit getrieben, daß Lilienthal zeitweilig auf seinen
Ausgangsplatz zuflog. Sehr unangenehm machten sich bei diesen Versuchen
jedoch stärker auftretende Windstöße fühlbar, weil dabei die Gefahr
vorlag, daß diese Stöße, wenn auch nur einen Augenblick, den Apparat von
oben treffen könnten, wodurch er unfehlbar in die Tiefe gestürzt und
zerschellt worden wäre.
[Illustration: Fig. 107. Lilienthal mit seinem Fallschirmflieger im
absteigenden Aste seiner Flugkurve, von unten gesehen.]
Sollte bei mäßigem Winde gelandet werden, so mußte der Apparat durch das
Zurücklegen des Körpers vorne gehoben und die Beine, wie beim Sprunge,
unmittelbar darauf schnell vorgeworfen werden. Bei etwas stärkerem Winde
senkte sich der Apparat ganz sanft zur Erde.
Zu Beginn seiner Experimente, also in der Periode der Lernzeit, waren
unangenehme ÷Fälle÷, ÷Verstauchungen÷ und ÷Verrenkungen÷ nicht selten;
stets aber waren sie, wie Lilienthal selbst humoristisch erzählte,
»rasch wieder geheilt« und er begann seine Luftfahrten aufs neue mit
ungebrochenem Mute.
Eine stattliche Reihe von Momentphotographien, alle Phasen dieses
Schwebefluges darstellend, haben sowohl Lilienthal selbst, als ihm
befreundete Herren zum Gegenstande.
Oft erhob sich Lilienthal, dank glücklich ausgeführter Luftsprünge, viel
höher, als es der Höhe der Abfahrtsstelle entsprach, er machte kleine
Bögen nach rechts und links oder stand zeitweilig in der Luft ganz
still. Die Dauer dieser Luftsegelpartien betrug 10 bis 30 Sekunden, der
Fall 1 : 10, manchmal sogar noch mehr.
In weiterer Folge baute Lilienthal einen Apparat, der ÷zwei Tragflächen÷
von je 9 ¯m^2¯ besaß, welche übereinander angeordnet waren, nur
5-1/2 ¯m¯ Spannweite besaßen und von welchen die obere Fläche die untere
etwas überragte.
[Illustration: Fig. 108. Lilienthal mit seinem Doppelsegelapparate in
den Lüften.]
Auch mit diesem Vehikel, das leichter gegen den Wind zu dirigieren war,
wurden zahlreiche Luftfahrten veranstaltet. Eben ging Lilienthal daran,
die Flügel beweglich zu gestalten und mit Hilfe eines kleinen Motors,
der mit allem Zubehöre nur 40 ¯kg¯ wog und während vier Minuten 2-1/2
Pferdestärken leistete, den Ruderflug der Vögel zu imitieren, als den
kühnen, zielbewußten Mann, zur Trauer aller Flugtechniker, sein
Schicksal am $9. August 1896$ ereilte.
Er stürzte aus 15 ¯m¯ Höhe mit seinem Apparate kopfüber zur Erde und
brach das Rückgrat. Ob ein plötzlicher, starker Windstoß, oder ein
Gebrechen an den Flügeln, oder eine andere Ursache das Unglück
veranlaßte, ist bis heute nicht recht aufgeklärt.
Lilienthal hat schon zu seinen Lebzeiten viele Nachahmer und Abnehmer
seiner Apparate gefunden. Nach seinem Tode forschte man den Ursachen
seines Unglückes nach, und glaubte, ein Stabilitätsgebrechen habe die
Katastrophe herbeigeführt.
[Illustration: Fig. 109. Ingenieur Percy S. Pilcher.]
Ein Schüler Lilienthals, der englische Flugtechniker $Pilcher$, welcher
mit ähnlichen Apparaten wie ersterer zu Stanford Park bei Market
Harborough manövrierte, fiel leider gleich diesem einem gleichen
Schicksale am $30. September 1900$ zum Opfer.
Neu ist die Methode, wie Pilcher sich künstlich vermehrten Wind schuf.
Der Apparat war an einer 3-400 ¯m¯ langen Leine befestigt, und wurde
durch ein Pferdegespann mit einem losen Flaschenzuge gegen den Wind
gezogen. An seinem Todessturze war ein in der Luft gebrochenes Steuer
schuld. Die Fallhöhe des sich jäh nach vorne überschlagenden Apparates
betrug nur 10 ¯m¯. Percy Sinclair Pilcher war seit 1897 eines der
eifrigsten Mitglieder der »Aeronautical Society of Great Britain« und
beschäftigte sich seit 1894 mit Lilienthalschen Apparaten, von denen er
einen käuflich erwarb.
2. Der Leiterdrache.
Angeregt durch die erfolgverheißenden Versuche Lilienthals,
beschäftigten sich in Amerika ÷Chanute÷ und ÷Herring÷ mit der Frage des
persönlichen Kunstfluges. Es lag nahe, sich zuerst ähnlicher Apparate
wie der Berliner Flugtechniker zu bedienen, speziell gilt dies von
Herring, welcher direkt solche Apparate gebaut hat. Bald jedoch
wandelten sie eigene Pfade, und zeigte es sich auch hier, daß der
Schüler den Meister übertraf.
Schon bevor Lilienthal verunglückte, gaben sie die Flugversuche mit
seinen Apparaten auf, weil sie ihnen zu wenig stabil erschienen. Sie
stellten die Frage nach der erforderlichen Stabilität allen anderen
Gesichtspunkten voran und behaupteten mit Recht, daß zur Förderung der
Sicherheit die Stabilität das erste Problem sei, welches, unter
zeitweisem Ausschluß aller anderen Probleme, gelöst werden müsse.
Das hauptsächlichste Streben sollte dahin gerichtet sein, eine
automatische Stabilität durch entsprechende Konstruktion der Maschine
selbst zu erreichen. Wir bemerken da zwei wohl zu beachtende
Unterschiede. Während Lilienthal die Stabilität seiner Maschine durch
entsprechende Körperbewegungen erzielte, blieb Chanute in ihr fast
unbeweglich, zwang dafür aber seine Maschine, durch selbsttätige
Verstellung ihrer Flächen, sich automatisch in der richtigen Lage zu
erhalten. Diesem Gedankengange folgend, bauten die Amerikaner Chanute
und Herring ihre Maschinen zur Vornahme der Gleitflugversuche. Sie
gingen von dem sogenannten ÷Leiterdrachen÷, der bei jeder Windstärke
große Stabilität gezeigt hatte, aus.