Drachenkonstruktion durch die Erfindung der ÷Kastendrachen÷. Er fand die
mit »Z« bezeichneten vielflügeligen Drachen von 0·102 × 0·381 ¯m¯
Fläche, welche mit ihren Flügeln um 108° gegeneinander geneigt waren,
obwohl sie relativ gut flogen, doch nicht stabil genug.
[Illustration: Fig. 81. Dom- oder Haubendrache.]
[Illustration: Fig. 82. Hargrave-Drache.]
Besser entsprachen solche mit gewölbten Flächen, am besten aber
kastenförmig gebaute. Die Fig. 83-87 geben einige der versuchten Typen
wieder. Diese Drachen werden an einem Stabe angebracht und sind einer
Honigzelle ähnlich geformt. Es soll ziemlich einerlei sein, was für
Abteilungen und welche Zahl die Zellen haben. Die rechtwinkeligen Zellen
sind am leichtesten zu konstruieren, wenn der Stock zwischen den beiden
Zellen in der Mitte angebracht ist. Es sei auch gleichgiltig, welche
Seite nach oben kommt.
[Illustration: Fig. 83. Hargrave-Drache.]
[Illustration: Fig. 84. Hargrave-Drache.]
Diese Drachen haben einen größeren Winkel als diejenigen, welche Kinder
steigen lassen und die unter einem Winkel von 45° hochgehen.
[Illustration: Fig. 85. Hargrave-Zellen-Drache.]
Beim Drachen E ist die obere Fläche konvex nach aufwärts gebogen. Dieser
Drache hat einen doppelt so großen Zug als ein gleich gebauter und
gleich schwerer Drache (F), dessen obere Fläche aber eben ist. Der
Drache A war ähnlich wie der Drache B geformt, nur noch mit sieben
innerhalb der äußeren Hülle angebrachten, runden Zellen gefüllt.
Die folgende Tabelle gibt einige Daten über diese z. T. oben
abgebildeten Hargrave-Drachen.
[Illustration: Fig. 86. Hargrave-Drache.]
Spaltenüberschriften:
T: Type
Z: Zahl der Zellen in jeder Sektion (Abteilung)
L: Länge jeder Zelle parallel zu dem betreffenden Stab in Zentimetern
B: Breite jeder Zelle in horizontaler Lage in rechten Winkeln, in
Zentimetern
H: Höhe jeder Zelle in der Vertikalen mit Bezug auf die rechten Winkel
des Stabes, in Zentimetern
R: Radius der horizontalen, mit Kurven
versehenen Oberfläche, in Zentimetern
S: Länge des Stabes zwischen den Abteilungen, in Zentimetern
Material: Material, aus dem die Oberflächen gemacht sind
P: Der Befestigungspunkt der Schnur ist entfernt von der vorderen
Abteilung in Zentimetern
G: Gewicht des Drachen in Gramm
++===+====+======+======+======+====+======+=================+======+=====++
|| T | Z | L | B | H | R | S | Material | P | G ||
++---+----+------+------+------+----+------+-----------------+------+-----++
|| A | 7 | 5·0 | 9·5 | 9·5 | -- | 60·9 | Papier | 10·1 | 71 ||
|| B | 1 | 14·0 | 33·0 | 33·0 | -- | 83·8 | Aluminium | 27·9 | 419 ||
|| C | 16 | 7·6 | 7·6 | 7·6 | -- | 55·8 | Kartenrand | 16·5 | 30 ||
|| D | 3 | 10·1 | 33·7 | 10·1 | 14 | 80·0 | Holz und Papier | 30·5 | 32 ||
|| E | 1 | 10·1 | 29·0 | 16·0 | 14 | 54·5 | » » » | 19·0 | 92 ||
|| F | 1 | 10·1 | 29·0 | 16·0 | -- | 54·5 | » » » | 19·0 | 92 ||
++===+====+======+======+======+====+======+=================+======+=====++
Der ÷Hargravesche÷ Kastendrache, wie er auf meteorologischen Stationen
sehr häufig angewendet wird, besteht aus vier Flächen und läßt sich am
besten mit einem oben und unten geöffneten Kasten vergleichen.
Neuerdings hat ÷Hargrave÷ noch eine Form, die in Fig. 87 dargestellten
Drachen, konstruiert.
Ein in Straßburg verwendeter Hargrave-Drache, beiläufig nach Fig. 88
gebaut, hatte folgende Dimensionen: Ganze Stablänge: 1·4 ¯m¯, Breite
1·1, respektive 0·4 ¯m¯, Zwischenraum zwischen den beiden Teildrachen
0·6 ¯m¯. Auf dem Blue Hill-Observatorium kamen bis 1897 folgende
Hargrave-Drachen in Verwendung:
[Illustration: Fig. 87. Zwei Hargrave-Drachen neuesten Modells.]
Column headings:
WD: Weite des Drachen in Metern
LD: Länge des Drachen in Metern
TZ: Tiefe der Zellen in Metern
WZ: Weite der Zellen in Metern
H: Hubfläche in Quadratmetern
Quer-Abteilung: Quer-Abteilung der Stangen in Millimetern
TG: Totalgewicht des Drachen in Kilogrammen
GQ: Gewicht pro Quadratmeter der Hubfläche in Kilogr.
++======+======+======+======+======+========================+======+======++
|| | | | | | Quer-Abteilung | | ||
|| WD | LD | TZ | WZ | H +---------+--------------+ TG | GQ ||
|| | | | | | lateral | longitudinal | | ||
++------+------+------+------+------+---------+--------------+------+------++
|| 1·52 | 1·80 | 0·57 | 0·58 | 3·58 | 240 | 320 | 2·47 | 0·69 ||
|| 1·12 | 1·32 | 0·46 | 0·41 | 1·84 | 200 | 200 | 1·56 | 0·85 ||
|| 0·91 | 1·22 | 0·41 | 0·41 | 1·49 | 40 | 80 | 0·82 | 0·55 ||
|| 1·22 | 1·82 | 0·46 | 0·46 | 2·13 | 110 | 110 | 1·64 | 0·77 ||
++======+======+======+======+======+=========+==============+======+======++
Solche Schachteldrachen verband ÷Chanute÷ zu einem ganzen Drachensystem
(Fig. 89). Es war nur 0·76 ¯m¯ breit und bestand aus zwölf einzelnen
Hargrave-Drachen zu einem Ganzen verbunden. Seine Oberfläche hatte etwas
mehr als 0·9 ¯m^2¯. Trotzdem betrug das gehobene Gewicht bei einem Winde
von circa 56 ¯km¯ pro Stunde, das ist circa 16·5 ¯m¯ pro Sekunde rund
24·5 ¯kg¯ inklusive des Eigengewichtes des Drachen von 1·8 ¯kg¯.
Der in der Figur 90, abgebildete vielzellige Drache von ÷Lecornu÷
erhielt im Jahre 1900, gelegentlich des aëronautischen, internationalen
Kongresses den ersten Preis. Er maß etwa 1·2 ¯m¯ im Gevierte und hatte
16 Zellen.
[Illustration: Fig. 88. Drache von Hargrave.
Breite: 76 ¯cm¯, Höhe: 38 ¯cm¯, Länge (28+20+28) = 76 ¯cm¯.]
[Illustration: Fig. 89. Chanutes System von gewölbten Schachteldrachen.]
C. Lamsonsche Drachen.
Der Hargrave-Drache ist gelegentlich seiner Versuche, welche den
persönlichen Kunstflug betrafen, von ÷Clayton÷ noch vereinfacht und an
ihm eine Vorrichtung angebracht worden, durch welche bei zunehmendem
Winde die Oberfläche des Drachen erheblich verkleinert werden konnte.
So wurde er stabiler und eignet sich vorzüglich dort, wo häufige
Wirbelwinde auftreten. Er kommt daher wegen dieser seiner größeren
Stabilität von nun an als ÷Gipfeldrache÷ in Verwendung.
Der ÷Kieldrache÷ ist ein verbesserter malayischer Drache, mit einem an
der Vorderseite in der Längsachse angebrachten Kiel; der ÷Lamsonsche÷
Drache besitzt Rippen und eine gekrümmte Oberfläche. Die Zahl der
Drachen und die Wahl ihres Systems muß jederzeit von der zu erreichenden
Höhe und der Art des Windes abhängig gemacht werden, erfordert daher
schon bedeutende Fachkenntnis. Das Gewicht des Drachen betrug etwa
760 ¯g¯ für den Quadratmeter hebende Oberfläche.
[Illustration: Fig. 90. Vielzelliger Drache von Lecornu.]
Von den genannten Experimentatoren wurden zahlreiche Versuche über
Vorzüge der einzelnen Drachentypen angestellt. Sie bezogen sich auf
deren ÷Größe÷, ÷Stabilität÷, ÷Steighöhe÷ und ÷Tragfähigkeit÷. Um nur
eines ihrer Resultate herauszugreifen, sei erwähnt, daß bei einer
Windstärke von 10 ¯m¯ per Sekunde per Quadratmeter Drachenfläche ein Zug
von durchschnittlich 5 ¯kg¯ ausgeübt wird.
Der Lamsonsche Drache ist eine aus dem Hargrave-Drachen hervorgegangene
Konstruktion. Ihre Form ist aus der Figur 93 zu ersehen. Diese
Lamsonschen Drachen sollen sich nach Berichten von Direktor Rotch als
die tragfähigsten erwiesen haben.
Die ÷Abmessungen÷ des in der Figur 93 dargestellten Drachens sind
folgende: Weite oder Flügelspannung 3·35 ¯m¯, ganze Länge 3·50 ¯m¯,
Breite der Stirntragefläche vorn und hinten etwa 0·77 ¯m¯, Abstand
zwischen den oberen und unteren Flächen 0·72 ¯m¯ und der Raum zwischen
der Stirn- und der hinteren Fläche 1·25 ¯m¯. Die Tragfläche beträgt etwa
6·5 ¯m^2¯, das Gewicht 6·3 ¯kg¯.
[Illustration: Fig. 91. Hargrave, australischer Flugtechniker.]
Die Stirnflächen sind vermittelst der 12 Längsrippen scharf gekrümmt und
so gesetzt, daß sie der Oberfläche eine leichte Drehung oder
Schraubenform geben, ähnlich wie die Flügel eines Vogels sie haben. Die
Kurvenhöhe beträgt etwa 3·7 ¯cm¯, sie nimmt nach den Spitzen hin ab. Die
Leine ist etwa in der Mitte zwischen der Spitze und dem Hauptarm
befestigt.
Das Gestell ist aus amerikanischem Tannenholze gefertigt und wird durch
Klaviersaitendrähte in seiner Form gehalten und gespannt. Überzogen ist
es mit dicht gewebtem, baumwollenem Battist.
[Illustration: Fig. 92. Lamsons Multiplan-folding-Drachen. Länge etwa
4 ¯m¯, Breite 2-1/4 ¯m¯.]
[Illustration: Fig. 93. Lamsonscher Drache.]
Lamson versendet solche Drachen zu einem Preise von 40 Dollars.
[Illustration: Fig. 94. Lamsonscher Drache in der Luft.]
D. Zimmermann-Drachen.
Außer den vorbeschriebenen Drachen gibt es noch eine große Anzahl, auf
die wir leider aus Mangel an Platz nicht näher eingehen können.
Interessant sind auch die Kiel-Drachen, so genannt nach ihrem in der
Mitte befindlichen, flächenartigen Kiele, wodurch der Drache eine
bedeutende Stabilität erhält.
[Illustration: Fig. 95. Seitenansicht von Zimmermanns Drachen.]
Oft sind diese Drachen auch recht abenteuerlich gestaltet. Man betrachte
z. B. die Figur 95.
Gewiß ist es aber erstaunlich, wieviel in der kurzen Zeit auf dem
Gebiete der Drachen geleistet wurde.
E. Russische Drachen.
Eine von der vorhergehend beschriebenen, ganz verschiedene Art von
Drachen sind die ÷russischen÷. Ein solcher ist in der Figur 96
abgebildet. Sie sollen sich als sehr stabil und tragfähig erwiesen
haben. Nach einem aus dem Russischen von Huther übersetzten Berichte,
wird er in zwei verschiedenen Größen gebaut. Die erste Art dient
Aufstiegen bei einem Winde von 7 bis 9 ¯m¯, die zweite Art solchen, bei
denen der Wind größer als 9 ¯m¯ ist. Letzterer ist natürlich schwer
gehalten. Die in der Figur 96 bemerkbaren Stäbe sind in eine Hülse von
Perkal oder Schirting eingesteckt. Eine genaue Beschreibung zweier
solcher Drachen findet man auf den Seiten 15-16 des Jahrganges 1899 der
»Illustrierten aëronautischen Mitteilungen«.
[Illustration: Fig. 96. Russischer Drache.]
Der Drache besitzt einen Schwanz aus mehreren Winddüten. Die Leine
greift an einem Haltestrick an, welcher an einem unterhalb des Drachen
situierten Querstabe (einem Zaum) angebracht ist.
F. Die Nickelschen Drachen.
Eine eigene Kategorie unter den Drachen bilden die Nickel-Drachen
(Wien).
Der ÷Nickelsche Drache÷, von welchem die Figuren 97 bis 99 ein
deutliches Bild geben, sind nach dem Prinzipe der Flächenteilung
konstruiert und mit einem Doppelsteuer, d. h. einem horizontalen und
einem vertikalen Steuer versehen.
Dimensionen der $Type$ ¯A¯ sind folgende: Länge 8 ¯m¯, Breite 4 ¯m¯,
Gesamtfläche 12·2 ¯m^2¯. Das Hauptgestell besteht aus zwei mäßig in der
Drachenebene gebogenen Fichtenstäben und senkrecht darauf, beiderseits
befestigten Querstäbchen, welche (untereinander und mit den beiden
Stäben durch ein brückenartiges Gitterwerk aus Stahldraht verbunden) die
Achse bilden und ihr eine große Steifheit verleihen. Auf der Achse sind
in bestimmten Abständen 6 Paar flügelförmige, aus Schirting und
Weidenruten hergestellte Drachenflächen angebracht, welche wieder
untereinander mit der Achse und mit den beiden Steuern fest verbunden
sind. Das Gewicht dieses Drachen beträgt bloß 7-1/2 ¯kg¯. Trotz dieses
geringen Gewichtes ist er verhältnismäßig fest und widerstandsfähig.
[Illustration: Fig. 97. Nickels Registrier-Drache. Ansicht von unten.]
Die ÷ersten Versuche÷ mit diesem Drachen wurden am 19. August 1899 auf
dem nächst ÷Krzeszowice÷ (in Galizien) östlich gelegenen Hügel Vinica
vorgenommen. Es wehte ein mäßiger Nordost, dessen Geschwindigkeit
zwischen 3-5 ¯m¯ schwankte. Schon beim Transporte konnte man die ganz
bedeutende Hebekraft des Drachen wahrnehmen. Auf dem Hügel angelangt,
wurde der horizontal bewegliche und mit einer Bandbremse versehene
Haspel an einem in die Erde getriebenen Pfahl befestigt und von der auf
100 ¯kg¯ Zug erprobten Leine in der Windrichtung circa 100 ¯m¯
abgewickelt. Nachdem der Drache angebunden und die Leine straff gespannt
war, wurde er langsam mit der Spitze von der Erde gehoben. Schon bei
einem Neigungswinkel von 45° erhob er sich rauschend in die Höhe und
blieb bei steiler Leine vollkommen ruhig stehen. Nun konnte die Leine
bei kontinuierlichem Höhersteigen des Drachen langsam bis auf ihre ganze
Länge von 340 ¯m¯ nachgelassen werden.
Überraschend war, wie Nickel berichtet, der erste Aufstieg hauptsächlich
deshalb, weil die sogenannte Wage sich selbst unter den günstigsten
Winkel einstellte, was er einfach auf die Art erzielte, daß der ÷Knoten÷
der rückwärtigen Wageschnur ÷nicht festgeknüpft÷, sondern ÷verschiebbar÷
befestigt wurde. Mehrfach vorgenommene Ballastproben ergaben bei einem
Winde von circa 5 ¯m¯ eine Tragfähigkeit von 8 bis 10 ¯kg¯, wobei die
Leine mit 45 ¯kg¯ nicht mitgerechnet erscheint.
[Illustration: Fig. 98. Vorbereitungen zum Aufstiege von Nickels
Drachen.]
Der Nickelsche Drache $Type$ ¯C¯ ist ähnlich wie das oben beschriebene
System der Type ¯A¯ konstruiert, hat aber etwas größere Ausmaße u. zw.
8·2 ¯m¯ Länge, 4·5 ¯m¯ Breite, 16 ¯m^2¯ Tragfläche und 15 ¯kg¯ Gewicht.
Das Gerippe besteht aus einer zweiteiligen, aus oblonggekrümmten,
überkantigen Stangen gebildeten Achse, welche mittels bikonvex
profilierten Traversen und darin eingelassenen Stützen eine gitterartige
Stahlverspannung trägt, wodurch sie steif und torsionsfest erhalten
wird. Auf dieser Achse sind nebst dem Horizontal- und Vertikalsteuer
mittels Schrauben sechs Armträger befestigt, welche beiderseits je drei
parabolisch nach abwärts gekrümmte Rippen tragen, auf deren Enden die
mit Ledertaschen versehenen Flächenüberzüge aus mit Wachs imprägniertem
Marzellin aufgesteckt werden können. Das Horizontalsteuer ist 10° zur
Drachenebene geneigt. Auf der Spitze ist noch ein kleines, dreieckiges
Segel angebracht. Mittels aushängbarer Stahldrähte sind die Flächen und
beide Steuer so mit der Achse fixiert, daß eine Verschiebung in der
Drachenebene vermieden wird.
Der Drache ist leicht zerlegbar und kann von drei Mann in zehn Minuten
montiert werden.
Einen der subtilsten Teile bildet die sogenannte Wage, richtiger das
Gehänge. Dieses ist dreiteilig und so eingerichtet, daß sich der hintere
Teil durch eine eingeschaltete Federwage bei Windüberdruck verlängert,
wodurch der Neigungswinkel verkleinert wird.
Das ÷Hochlassen÷ erfolgte ursprünglich durch einfaches Hochheben der
Spitze bis zu circa 45° gegen den Wind. Bei dem größeren Gewichte, der
Länge der Achse und der Steifheit der Tragflächen war dies nur schwer
möglich und konnten namentlich Seitenstöße des Windes gar nicht pariert
werden, was bei der Unstetigkeit der Windrichtung wiederholt ein Kentern
und in den meisten Fällen eine Beschädigung des Drachen nach sich zog.
Aus diesem Grunde befestigte Nickel auf der Spitze der Achse eine kleine
Aluminiumfahne, so daß sich deren Stange stets vertikal stellen konnte,
wodurch es ermöglicht war, in jedem Augenblicke die Windrichtung
wahrzunehmen und die Korrektion des Standes zu bewirken.
Um weiters das unheilvolle Kentern zu verhindern, wurden nahe der Spitze
zwei circa 10 ¯m¯ lange Sturmleinen befestigt und zum Hochheben des
Drachen eine 5 ¯m¯ lange, mit einer Gabel versehene Bambusstange
verwendet. Am Steuerhals ist überdies eine 20 ¯m¯ lange Landungsleine
angebracht.
Das Hochlassen erfolgt nunmehr in folgender Weise. Nachdem vom Haspel
ein genügendes Stück Stahldraht in der Windrichtung abgewickelt wurde,
kann das Drahtende mittels Karabiner an dem Gehänge befestigt werden.
Sodann wird der Meteorograph daran gehängt und mittels der Stange die
Spitze gehoben. Der Steuermann hält das Vertikalsteuer am Boden fest und
je ein Mann ergreifen die Sturmleinen. Auf das Kommando: »Einrichten!«
visiert der Steuermann über die Windfahne und läßt so lange den Drachen
rechts oder links bewegen, bis die Drachenachse und der Stahldraht mit
dem Haspel in der Richtung der Windfahne stehen, worauf er »Fertig!«
ruft. -- Darauf läßt man die Sturmleinen solange nach, bis der Drache
freischwebt. Ist der Wind günstig, wird »Los!« kommandiert, wobei die
Sturmleinen gleichzeitig freigelassen werden, und der Drache ruhig in
die Höhe steigt.
Mit dem Nickelschen Drachen wurden bei Windstille, von einer acht Meter
hohen Terrainwelle abspringend, Gleitflüge bis auf 30 Meter Entfernung
gemacht.
[Illustration: Fig. 99. Der Nickelsche Drache im Aufsteigen begriffen.
Links vor dem Drachen steht Offizial Hugo Nickel.]
G. Kabel und Kabelwinde.
Bis zum Jahre 1896 verwendete man hanfene ÷Drachenleinen÷. Diese besaßen
aber viele Nachteile; sie rissen bei größeren Windstößen ab, waren teuer
und boten durch ihre verhältnismäßige Dicke dem Winde eine sehr große
Angriffsfläche. Dies führte zur Verwendung von ÷Klaviersaitendraht÷.
Dieser ist doppelt so fest und außerdem um die Hälfte billiger als
Hanfleinen von demselben Gewichte. Dadurch, daß der Durchmesser der
Saite nur etwa 1/6 so groß ist als derjenige der Hanfleine, wurde die
dem Winddrucke ausgesetzte Oberfläche auch bedeutend reduziert.
Ein solcher Stahldraht besitzt einen Durchmesser von 3/4 ¯mm¯ und etwa
130 ¯kg¯ absoluter Festigkeit -- eine horrende Ziffer -- dabei wägt ein
Kilometer nur 4-1/2 ¯kg¯. Gegen eine gleich tragfähige 3000 ¯m¯ lange
Hanfleine ist bei diesem Stahldraht um 11-1/4 ¯m^2¯ weniger Fläche dem
auf sie einwirkenden Winde ausgesetzt.
Der praktische Erfolg bei Anwendung dieses Stahldrahtes zeigte sich
dadurch, daß bei der gleichen Anzahl von Drachen nunmehr doppelt so
große Höhen erreicht wurden.
Hier sei noch eines ÷elektrischen Phänomens÷ Erwähnung getan, welches
sich anläßlich dieser Versuche zeigte. Sobald die als Leine dienende
Klaviersaite auf circa 1000 ¯m¯ aufgelassen war, bemerkte man
elektrische Funken, die von ihr ausgingen und unliebsame Schläge
erzeugten, weshalb man die Drahtleine mit der Erde in leitende
Verbindung setzen mußte. Diese Funken waren bei Schneestürmen besonders
stark, zeigten sich aber auch bei klarem und bei bedecktem Himmel.
Von großer praktischer Bedeutung war endlich die Verwendung einer
÷Dampfwinde÷ an Stelle der bisher gebrauchten von zwei Mann bedienten
Handwinde. Das Auflassen und Einholen der Drachen ist infolge der sich
in der langen Leinenleitung progressiv fortsetzenden Stöße mit
Schwierigkeiten verbunden und erfordert große Vorsicht. Es darf nur ganz
allmählich geschehen, um den Erschütterungen Zeit zu lassen, sich
auszugleichen. Mit Hilfe der Dampfwinde wird diese Manipulation
gleichmäßiger, wesentlich erleichtert und das Material geschont. Hierzu
trägt auch ein an der Winde angebrachter Apparat bei, der ohne weiteres
die Länge des abgelaufenen Kabels und die Höhe des Drachen unter
Berücksichtigung der Seildurchhängung abzulesen gestattet.
3. Drachenaufstiege.
Als das eigentliche Vaterland jener Drachen, welche uns hier speziell
interessieren, müssen wir Amerika bezeichnen.
Dortselbst prüfte ÷Eddy÷ vom 27. Juli bis 6. August $1894$ die
malayischen Drachen in größerem Umfange auf dem bekannten,
meteorologischen Observatorium, das auf dem 195 ¯m¯ über dem
benachbarten Atlantischen Ozean gelegenen »÷Blue Hill÷« bei Boston
errichtet ist. Am 1. August glückte es ihm, ein System von sieben
Drachen 1080 ¯m¯ hoch steigen zu lassen. Einige Tage später wurde ein
für diese Zwecke umgeänderter Richardscher Thermograph mitgenommen. Das
Instrument blieb volle vier Stunden in der Höhe von 425 ¯m¯.
Über die hierbei gemachten, meteorologischen Beobachtungen, bei welchen
auch das Vorkommen großer Luftwirbel unterhalb Kumuli-Wolken
nachgewiesen wurde, berichtet der Meteorologe Helm ÷Clayton÷
ausführlich.
Am $6. August$ versuchte man bei schwachen, westlichen Winden Drachen in
die Höhe zu bringen und hatte es auch durch Hin- und Herziehen der Leine
erreicht, einen Drachen von 1-1/2 ¯m¯ Durchmesser in einer geringen
Erhebung vom Erdboden zu erhalten. Als nun um 2 Uhr 20 Minuten eine
ziemlich große Kumulus-Wolke sich dem Zenith näherte, begann der Drache
plötzlich in fast senkrechter Richtung zu steigen, solange, bis die
Leine gänzlich abgelaufen war; er folgte dann der Wolke eine kurze
Strecke über den Zenith hinaus, um hierauf schnell auf die Erde
hinabzustürzen. Die Höhe, welche der Drache erreicht hatte, betrug
beiläufig 350 ¯m¯ über dem Erdboden.
Die interessanten und sehr instruktiven Ergebnisse dieser
Drachenversuche veranlaßten Herrn A. L. ÷Rotch÷, den bekannten
Meteorologen und Besitzer des Blue-Hill-Observatoriums, dieselben weiter
fortzusetzen. Unter seiner Leitung haben nun nach einem Berichte der
Boston »Commonwealth« vom $9. Mai 1896$ seine Assistenten, Helm
÷Clayton÷, ÷Fergusson÷ und ÷Sweetland÷, zahlreiche und mühsame
Untersuchungen angestellt, die sich zunächst auf die Art der zu
verwendenden Drachen bezogen.
Hierbei sind nach drei Seiten hin erfreuliche Fortschritte zu
verzeichnen. Diese beziehen sich auf die Anwendung neuer Drachensysteme,
eines Stahldrahtkabels und einer Dampfwinde.
Ausgerüstet mit allen diesen trefflichen Apparaten, erzielten die
Amerikaner Resultate, welche die Welt in gerechtes Erstaunen versetzten.
So gelang es ihnen schon bei dem am $15. Oktober 1897$ unternommenen
Versuche den ÷Meteorographen÷, welcher zugleich die Temperatur, den
Luftdruck und die Feuchtigkeit automatisch registrierte, $3370$ ¯m¯ hoch
über den Erdboden zu bringen. Der Gipfeldrache stieg noch 40 ¯m¯ höher
in die Luft. Am Ende des Kabels befand sich ein Lamsonscher und ein
verbesserter Hargrave-Drache von 6·6, beziehungsweise 3·35 ¯m^2¯
Oberfläche, während die beiden anderen kleineren Drachen Hargravescher
Konstruktion von je 2·13 ¯m^2¯ Fläche in Entfernungen von 2000 bis 2500
¯m¯ am Haltedraht befestigt waren. Die gesamte hebende Oberfläche belief
sich demnach auf mehr als 14 ¯m^2¯. Die Gesamtlänge des abgelaufenen
Kabels betrug 4600 ¯m¯, und den Maximalzug zeigte der Dynamograph mit
68 ¯kg¯ an. Ausgestattet mit dem vorzüglichen von Fergusson gebauten
Baro-Thermo-Hydrographen wurde so der Drache ein wertvolles
Inventarstück des meteorologischen Observatoriums.
Am $26. August 1898$ erreichte ein Lamson-Drache $3400$ ¯m¯ über seinem
Aufstiegsort oder 3680 ¯m¯ über dem Meeresspiegel. Mehrere kleinere
Hargrave-Drachen wurden an der Hauptleine 1600 ¯m¯ unterhalb des
Leitdrachens befestigt, um beim Heben des Drahtes mitzuwirken.
Am $19. Juli 1900$ erreichte auf dem Blue-Hill eine Gruppe von sechs
Drachen die Höhe von $4846$ ¯m¯. Die Drachen trafen bei ihrem Aufstiege
keine Wolken an, jedoch war der höchste Drache schließlich kaum mit
freiem Auge zu sehen. 7600 ¯m¯ Stahldraht wurden als Kabel ausgegeben.
Der Meteorograph erreichte eine Höhe von 4815 ¯m¯ über dem Meere. Die
Temperatur sank hier bis auf den Nullpunkt. Gleichzeitig herrschte große
Trockenheit und ein Nordwestwind von 12 ¯m¯ per Sekunde.
[Illustration: Fig. 100. Kurven, welche von an Drachen befestigten
Apparaten aufgenommen werden.]
Es konnte nicht fehlen, daß die auf dem Blue-Hill angestellten Versuche
in Fachkreisen und darüber hinaus die größte Aufmerksamkeit erweckten,
um so mehr, als die in kurzer Zeit hierbei gewonnenen Resultate weit
über das hinausgingen, was man von diesen Experimenten zunächst erwarten
zu können glaubte. Die Beschäftigung auf diesem Gebiete der Aëronautik
hat infolgedessen einen neuen und mächtigen Impuls erhalten, ganz
besonders in der Heimat dieser Versuche, den Vereinigten Staaten von
Nordamerika. So sind kürzlich eine Anzahl Gelehrter, an deren Spitze der
Direktor des Harvard-Observatoriums, Professor ÷Pickering÷, und der
frühere Präsident des Vereines amerikanischer Zivilingenieure O.
÷Chanute÷ stehen, in Boston zu einer Vereinigung zusammengetreten,
welche die Vervollkommnung der Drachentechnik zu ihrer Aufgabe gemacht
und zur Förderung dieses Zweckes Preise für die besten Lösungen
verschiedener spezieller Fragen ausgesetzt haben.