÷Wilfrid de Fonvielle÷ hielt der »Société de Navigation-Aérienne« einen

Vortrag über das in Rede stehende Luftschiff, Type 6, wobei er sich sehr

richtig äußerte, daß das neue Luftschiff, wenn man von der Ballonhülle

absieht, im großen und ganzen eine Wiederholung des Ballons »La France«

sei, welcher seinerzeit von Renard-Krebs konstruiert worden ist. Das

Verdienst des jungen Brasilianers ist es, den elektrischen Motor, der in

den Jahren 1884-1885 Verwendung fand, durch einen zeitgemäßen

Benzinmotor ersetzt zu haben. Santos-Dumont hat mit einem Ballon, dessen

kubischer Inhalt nur ein Drittel des Renardschen Ballons ausmacht, eine

um ein Sechstel größere Geschwindigkeit als Renard erzielt. Dabei wiegt

Dumonts Motor nur ein Zehntel des Renardschen und kann trotzdem zehnmal

so lang arbeiten wie dieser.

[Illustration: Fig. 68. Aufstieg des lenkbaren Ballons von

Santos-Dumont.]

Vielfach wird darauf hingewiesen, daß der Gewinn einer

Fahrtgeschwindigkeit von 1 ¯m¯ gegen die Experimente von Renard-Krebs

kaum ein Fortschritt zu nennen sei. Sehr richtig erwidert darauf Viktor

÷Silberer÷ in der »Allgemeinen Sportzeitung«: Man dürfe bei der

Beurteilung der Leistungen des Vehikels von Santos-Dumont nicht einzig

und allein die erreichte mittlere Eigengeschwindigkeit ins Auge fassen,

sondern bedenken, daß Santos-Dumont an einem vorher angegebenen Tage

eine ganz genau vorgeschriebene Bahn zurückgelegt hat, während bei der

berühmten Fahrt der »La France« vom 9. August 1884 diese Forderungen

nicht gestellt waren. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, bedeutet

die letzte Fahrt um den Eiffelturm ganz zweifellos einen Fortschritt

gegenüber den Fahrten der »La France«.

Wie groß die Ehren sind, die Dumont durch den Gewinn des Deutsch-Preises

einheimste, geht aus nachfolgenden Aufzeichnungen hervor, die gewiß von

zeitgenössischem Interesse sind.

Der panamerikanische Kongreß, der in New-York tagte, beglückwünschte

Santos-Dumont in einer eigenen Kabeldepesche.

[Illustration: Fig. 69. Santos-Dumonts lenkbarer Ballon Nr. 5 auf der

Fahrt über dem Bois de Boulogne.]

Der Stadtrat von ÷Saint-Cloud÷ hat den Beschluß gefaßt, eine der

Straßen, welche zum Ballonpark führen, nach Santos-Dumont zu benennen.

Am 9. November gab die »Alliance Française« zu Ehren Santos-Dumonts eine

Soirée, an welcher gegen 2000 Personen teilnahmen.

Der Präsident der Republik Brasilien, Campos-Sallas, ließ eine goldene

Ehrenmedaille für Santos-Dumont prägen.

Der brasilianische Kongreß hat in einer außerordentlichen, am 13.

November abgehaltenen Sitzung eine Summe von 125.000 Franken für

Santos-Dumont votiert, als Anerkennung seiner außerordentlichen

Verdienste um die Förderung der Luftschiffahrt.

Dumont hat seine Versuche mit seinem Luftschiffe in diesem Frühjahre in

Monaco fortgesetzt und fünf Fahrten über dem Meere unternommen.

Die Auffahrten fanden vom Hangar Bed de la Condamine aus, das ist einer

am Meeresufer erbauten 51 ¯m¯ langen, 11 ¯m¯ breiten und 15 ¯m¯ hohen

Ballonhalle statt. Die Füllung des Ballons begann am 22. Januar und

dauerte ungemein lang. Man spricht von zwei Tagen.

Dumont machte folgende ÷Auffahrten÷: Erste am 28. Januar um 10 Uhr 45

Minuten bei Windstille; zweite Auffahrt dauerte 40 Minuten, dritte am

10. Februar um 2 Uhr 10 Minuten, Dauer 23 Minuten. Wind blies »ziemlich

stark«; vierte am 12. Februar 2 Uhr nachmittags, Dauer 30 Minuten;

fünfte und letzte Auffahrt am 14. Februar. Ballon platzte in der Luft

und sank ins Meer.

[Illustration: Fig. 70. Lenkbarer Luftballon von Santos-Dumont von unten

gesehen.]

Der Motor und ein Teil des Ballontraggerüstes fielen dabei Neptun zum

Opfer. Glücklicherweise konnte Santos-Dumont selbst gerettet werden.

Damit hatten die Monakoer Fahrten des Brasilianers ihr Ende erreicht.

Bekanntlich beabsichtigte Santos-Dumont im Monate Februar (inklusive

einer zweistündigen Rast auf Korsika) die Fahrt von Monako nach Calvi

auf der korsikanischen Insel, d. i. 400 ¯km¯ in 10 Stunden hin und

zurückzulegen.

Bis zu der Zeit, wo diese Zeilen geschrieben wurden, hat Dumont geplant,

einen neuen Ballon zu bauen, und wollte gelegentlich der

Krönungsfeierlichkeiten in London, in Brighton und in New-York

auffahren. Von einer Durchführung dieser Absichten hat bis jetzt nichts

verlautet.

Endlich sei erwähnt, daß nach Santos-Dumonts System ein Engländer, Mr.

÷Spencer÷, mit einem bei Lachambre in Paris gebauten Ballon am 19.

September 1902 eine erfolgreiche Luftfahrt über London (Abfahrt in

Sydenham, Ankunft in Yarrow) unternommen hat.

[Illustration: Fig. 71. Der Ballon von Santos-Dumont in der Bucht von

Monte Carlo manövrierend.]

Weiters hatte ÷New-York÷ am 1. Oktober 1902 das seltene Schauspiel, zwei

lenkbare Ballons sich zu gleicher Zeit in der Luft begegnen zu sehen.

Der eine war der von Santos-Dumont an Mr. Edward C. ÷Bosce÷ verkaufte

letzte Apparat, welcher in einer Höhe von 300 ¯m¯ um das nördliche Ende

von Brighton Beach-Hotel und Island segelte und nach 2-1/2 ¯K¯ ohne

Unfall landete. Der zweite Apparat wurde von einem Mr. ÷Stevens÷

gesteuert.

6. Neueste Ballonprojekte.

Unzweifelhaft hat die Aëronautik durch Santos-Dumont neue Impulse

erhalten. Vermehrt wurden diese noch durch die Ausschreibung großer

Preise, so durch den Preis von Deutsch (100.000 Franken) und jenen von

St. Louis (200.000 Dollars), welch letzterer im Jahre 1904 zur Vergebung

kommt, u. a.

Ebenso augenscheinlich ist aber auch das Mißgeschick, welches die Sache

der lenkbaren Luftschiffe seit dem Mißerfolge Dumonts in Monako

verfolgt. Da ist in erster Linie der Tod des bedeutendsten deutschen

Aëronauten Bartsch von ÷Sigsfeld÷ gelegentlich einer scharfen Landung in

diesem Frühjahre zu verzeichnen und der Absturz des Luftschiffes »Pax«,

bei dem sein Erbauer ÷Severo÷ und dessen Mechaniker Saché den Tod

fanden.

$Severo$, gleichfalls ein Brasilianer, verfolgte Dumonts Triumphe mit

lebhaftem Interesse, meinte aber die Lenkbarkeitsfrage in besserer Weise

durch ein eigenes Projekt fördern zu können.

[Illustration: Fig. 72. »Lenkbarer Ballon Bartolomeu de Gusmão« von

Severo.]

Schon vor einigen Jahren baute er ein »lenkbares Luftschiff« (Figur 72),

das die Antriebpropeller in der Ballonachse und ein festes

Ballontraggerüst besaß, in Buenos-Ayres. Dieser Ballon soll zu schwer

ausgefallen sein. Auf eigene Kosten konstruierte er dann im Jahre 1902

in Paris sein Luftschiff »÷Pax÷« (Figur 74), welches sich durch

gedrängtere Bauart und manche interessante Details, wie zum Beispiel ein

festes Gerüst im Balloninnern mit darüber gestülpter Hülle, horizontale

Steuerschrauben etc. auszeichnete.

Die Arbeiten scheinen aber zu überhastet betrieben worden zu sein, auch

hatten die beiden Lenker des »÷Pax÷« in der Führung eines Luftschiffes

nicht die erforderliche Routine. Ein Hauptfehler lag in der Anwesenheit

des mit explosiven Gasen vollen Schlitzes, knapp unter welchem die

beiden Motoren arbeiteten. Durch eine unvollständige Explosion scheint

ein Funke diese Gase entzündet und so die Katastrophe herbeigeführt zu

haben. Man spricht davon, daß die brasilianische Regierung das Projekt

Severos durch eigene Ingenieure in besserer Form ausführen lassen will.

Diese Regierung hat sich auch gelegentlich des Unglücks in großartiger

und hochherziger Weise der Hinterbliebenen angenommen und Severo ein

glänzendes Begräbnis veranstaltet. Den Angehörigen Sachés ließ sie ein

Legat von 25.000 Franken einhändigen; Severos Witwe und Kinder wurden

von Staats wegen versorgt.

Ein interessantes Projekt ist gegenwärtig in Paris in Ausführung

begriffen. Es hat den bekannten Großindustriellen $Deutsch de la

Meurthe$ zum Urheber, und den gewiegten Aëronauten $Tatin$ als

ausführenden Konstrukteur. Dieses Luftschiff, dessen Hülle aus

chinesischer Seide besteht, soll ein Volumen von 2100 ¯m^3¯ bei einer

Länge von 60 ¯m¯ und einem Durchmesser von 8 ¯m¯ erhalten. Die treibende

Kraft liefert ein 63 Pferde starker Mors-Motor von 370 ¯kg¯ Gewicht. Er

macht 930 Umdrehungen in der Minute und soll nur 25 ¯kg¯ pro Stunde

verbrauchen.

[Illustration: Fig. 73. Severo.]

Die Hülle besitzt drei Abteilungen und zwei Ballonets, welche für die

Permanenz der Form gewährleisten sollen.

Die Gondel ist 7 ¯m¯ von der Hülle entfernt und auf 40 Stahldrähten von

je 2 ¯mm¯ Durchmesser aufgehängt. Sie mißt 30 ¯m¯ in der Länge, wiegt

200 ¯kg¯, besteht aus 21 Holztraversen und ist mit Drähten versteift.

Die Gondel ist mit einem feinen Seidenstoff überzogen, damit sie der

Luft möglichst wenig Widerstand bietet. Ein Balancegewicht von 250 ¯kg¯

kann im Innern der Gondel auf einer 12 ¯m¯ langen Schienenbahn

verschoben werden. Die zweiflügelige Schraube hat 7 ¯m¯ Durchmesser,

wägt 100 ¯kg¯ und ist zum Teil aus Stahl gebaut.

Man sieht im übrigen, daß sich auch dieses neueste Luftschiff auf

althergebrachter Bahn bewegt. Es verfügt, im Vergleich zu früheren

Projekten, über eine gewaltige Arbeitsmenge und wird daher größere

Eigengeschwindigkeiten als jene erzielen können, wenn sonst alles

klappt.

Ähnliches gilt von dem Luftschiffe, welches L'Hoste projektierte und das

in Figur 77 schematisch dargestellt ist.

Es besitzt zwei wohl miteinander verbundene, aber doch unabhängige

Gondeln, von denen jede ihren eigenen 30 Pferde starken Motor und

Schraube besitzt. Die vordere Schraube ist verstellbar. Auffallend groß

ist das Steuerruder.

[Illustration: Fig. 74. Generelle Längs- und Querschnitte von Severos

Ballon Pax.]

Der Ballon ist durch Querwände geteilt, damit das von vielen Seiten

beobachtete, schädliche Schwanken des Gases hintangehalten werde. Die

Querwände bestehen aus einem starken Gerippe von drei konzentrischen

Ringen aus Röhren. Diese Röhren sind durch Speichen, welche ihrerseits

wieder mit Schrauben reguliert werden, fixiert. Ein Stabilisator soll

die stets horizontale Lage des Luftschiffes sichern.

Zum Schlusse soll noch ein recht abenteuerlich gestaltetes Luftschiff

Erwähnung finden. Es ist dies der lenkbare Ballon von Cuyer, welcher

seinem Äußeren zufolge das Aussehen eines umgestürzten Pontons besitzt.

Die untere breite Fläche ist als Drachenfläche verwertbar gedacht. Zwei

mächtige Luftschrauben, welche ihren Impuls von starken, unter der Hülle

situierten Motoren erhalten, sollen die Vorwärtsbewegung bewirken.

Ein anderes zeitgenössisches Projekt stammt von einem Engländer

÷Barton÷, dessen Beschreibung man in meinem Werke »Lenkbare Ballons«,

Seite 312, nachlesen wolle. In diesem Buche finden sich im übrigen noch

die, wenn auch mitunter kurzen Beschreibungen von circa 100 »lenkbaren

Ballons«. Siehe die Seiten: 13-58, 233-245, 306-314.

[Illustration: Fig. 75. Deutsch de la Meurthe.]

Zum Schlusse sei noch des Ballons ÷Bradsky÷ Erwähnung getan, welcher nun

mit dem Tode seines Erfinders der Geschichte angehört. Sein kleines

Volumen von 850 ¯m^3¯, die geringe Anzahl der mitgeführten Pferdestärken

(16 bei einem Durchmesser des Ballons von d = 6 ¯m¯), das Vorhandensein

nur einer Vortrieb- und einer Hubschraube, gaben von allem Anfange an in

Fachkreisen wenig Hoffnung auf guten Erfolg. Auch hier wurden, sowie bei

Severo, an dem fertigen Ballon nachträglich viele Änderungen

durchgeführt, so an der Hülle, an der Aufhängevorrichtung etc. Zwei

Segeln von 12 ¯m¯ Länge und 1-1/2 ¯m¯ Breite beiderseits des Äquators

zur Verhinderung des Stampfens angebracht, gaben Veranlassung, daß man

von einem Ballon sprach, welcher mit der Luft nicht vollkommen

equilibriert sei. Im großen ganzen bewegte sich das Luftfahrzeug in der

althergebrachten Form der lenkbaren Ballons, nur wurde infolge des

geringen Ballonvolumens überall aufs äußerste an Gewicht gespart. Darum

ersetzte Bradsky auch die Halteleinen durch Klaviersaitendraht. Alle

zusammen trugen anstandslos das Gewicht des 17-1/2 ¯m¯ langen, armierten

Trägers, in welchem die 5 ¯m¯ lange Gondel untergebracht war. Als jedoch

die Hubschraube zu arbeiten begann und das Kräftespiel sich fühlbar

machte, wurden diese Drähte durch Torsionskräfte und durch die

schlagartigen Erschütterungen stark überanstrengt, so daß einige Drähte

rissen, worauf die anderen, zu schwach, die Last zu halten, nun umso

schneller ihren Dienst versagten.

[Illustration: Fig. 76. L'Hoste, französischer Luftschiffer, welcher den

Canal La Manche mehrmals mit seinem Ballon überflogen hat.]

Der Tod der beiden unglücklichen Luftschiffer ist tief zu beklagen, aber

man kann sich der Überzeugung nicht entschlagen, daß auch hier, wie bei

Severo, recht untechnisch vorgegangen wurde. Kapital aus diesen

Katastrophen gegen die lenkbaren Ballons im allgemeinen zu schlagen,

wäre schon deshalb unbillig, weil es sich hier um ganz vereinzelte

Versuche handelt, gegen welche schon vor der Realisierung von berufener

Seite, wie man jetzt sieht, berechtigte Einsprache erhoben wurde.

[Illustration: Fig. 77. Schematische Skizze von L'Hostes »Lenkbarem

Ballon«.]

Noch im Bau begriffen sind die Luftschiffe der Gebrüder Paul und Pierre

Lebaudy, Marquis de Dion, Dr. Barton und Charles Mary.

[Illustration: Fig. 78. »Lenkbarer Ballon« Cuyer.]

7. Schlußwort zu den lenkbaren Ballons.

Das Kapitel »Lenkbare Ballons« möchte ich nicht gerne schließen, ohne

nochmals hervorzuheben, welch große Zukunft ich diesen Fahrzeugen dort

prophezeie, wo es gilt, relativ größere Lasten in die Luft zu erheben.

Wohl ist der Leidensweg, den sie bisher zurücklegten, ein langer und

dornenvoller gewesen, und vielfach mit Leichen bedeckt; aber doch sehe

ich in nicht weiter Ferne eine glückliche Zukunft winken.

[Illustration: Fig. 79. P. J. Janssen, Direktor des

physikalisch-aëronautischen Observatoriums zu Meudon.]

Auch in weiteren Kreisen fängt die Erkenntnis seiner praktischen

Verwendbarkeit zu reifen an. Man hat sich besonders durch den Triumph

der Automobile und den der drahtlosen Telegraphie gewöhnt, an die

Realisierung des Unerhörtesten zu glauben. Warum soll der lenkbare

Ballon sich nicht auch als nützlich und ausführbar erweisen?

Keine Naturerkenntnis spricht gegen ihn. Im Gegenteile! Auf Grund vieler

Berechnungen habe ich gezeigt, daß vom ÷theoretischen÷ Standpunkte aus

nichts der Verwirklichung dieses fast ältesten, menschlichen Traumes

entgegenstehe. Nach und nach verlieren auch die Baumaterialien, die

Motoren etc. ihre gefürchteten und abschreckend hohen Gewichte. Sein

Wesen ist durch viele Experimente und Studien uns nicht mehr so

fremdartig wie früher. Männer von großem Opfermute finden sich, um ihn

zu realisieren, alles Bedingungen, welche ein glückliches Prosperieren

dieses Stiefkindes der Technik mit Bestimmtheit erwarten lassen.

Der berühmte französische Gelehrte ÷Janssen÷, Mitglied der Akademie,

sprach gelegentlich der Eröffnungsrede des internationalen,

aëronautischen Kongresses am 15. September 1900 in begeisterten Worten

über die Zukunft der Luftschiffahrt und ihre Aufgaben. Aus dieser

glänzenden Rede sollen nachstehende Zeilen hierhergesetzt werden, welche

beweisen mögen, wie ernst man in hochwissenschaftlichen Kreisen von der

Realisierbarkeit der Beschiffung des Luftozeans überzeugt ist.

»Schon im Altertum hatten große Geister die ganze Macht des flüssigen

Elementes in den Beziehungen der Nationen vorausgesehen. ÷Themistokles÷

sagte: „Der Herr des Meeres ist der Herr der Erde.” Hat nicht dieser

geniale, schon zu jener Zeit wahre Ausspruch, in unseren Tagen eine noch

viel packendere Wahrheit? Welche Übermacht hat eine benachbarte Nation

nicht aus der Überlegenheit ihrer Flotten zu ziehen gewußt, welche die

Meere beherrschen, die Erdteile einschließen und es dahin zu bringen,

Herren fast aller telegraphischen Verbindungen auf dem Erdball zu sein!

Wenn nun das Meer der Nation, die sich seiner zu bemächtigen verstand,

eine solche Macht gab, wie groß erst wird die Gewalt derjenigen sein,

die sich zur Herrin der Atmosphäre aufschwingt? Das ÷Meer÷ hat seine

Grenzen und Schranken, die $Atmosphäre$ kennt ÷keine÷. Das Meer gibt dem

Schiffer nur ÷eine÷ Oberfläche, der Luftschiffer gebietet über die

÷ganze Tiefe des Luftraumes÷. Das Meer trennt Erdteile, die Atmosphäre

÷verbindet÷ und ÷beherrscht÷ alles.

Man fragt sich nun, was aus den politischen Grenzen, aus den Schranken

zwischen den verschiedenen Staaten werden soll, wenn Armeen in

luftfahrenden Flotten dieselben mit völliger Gefahrlosigkeit werden

überschreiten können?

Wir sind ohne Zweifel noch weit entfernt von den Tagen, die solche

Resultate sehen werden, aber seien Sie überzeugt, daß diese Tage kommen

und daß der Mensch nicht eher nachläßt, als bis ihm die vollständige

Eroberung des Luftraumes, des letzten seinem Tätigkeitsdrang gebliebenen

Bereiches, gelungen ist.«

VI. Kapitel.

Drachen im Dienste der Meteorologie.

1. Einleitendes.

In neuester Zeit wurden Drachen vielfach zu meteorologischen

Beobachtungen herangezogen. Die großen Erfolge sowohl technischer als

auch wissenschaftlicher Natur, rechtfertigten ein näheres Eingehen in

ihr Wesen.

Schon im Jahre ÷1752÷ stellte ÷Franklin÷ seine bekannten Drachenversuche

an, und vor etwa mehr als 60 Jahren bildete sich in Philadelphia eine

Gesellschaft, der »÷Franklin Kite-Klub÷« genannt, dessen Mitglieder den

Drachenflug auf mehr oder minder wissenschaftliche Weise betrieben.

Ernster wurden diese Versuche aber erst im letzten halben Decennium in

Angriff genommen. Speziell sind es die Experimente der Amerikaner W. A.

÷Eddy÷, ÷Rotch÷ u. a., welche unser lebhaftes Interesse erregen. Es

gelang diesen Männern, sowie ÷Teisserenc de Bort÷ in Paris und ÷Assmann÷

in Berlin nicht nur außerordentlich große Höhen zu erreichen, sondern

auch selbst registrierende, meteorologische Apparate ÷stundenlang÷ in

großen Höhen zu erhalten.

Um diese Instrumente auf eine Höhe von 3000 ÷m÷ und darüber zu heben,

haben Drachen, sobald Wind herrscht, über Ballons nach A. Laurence

÷Rotch÷, Direktor des Blue Hille-Observatoriums (Amerika), folgende

Vorteile:

1. Sie sind billiger und das Risiko bei Verlusten daher geringer.

2. Ihre Höhe kann durch Triangulation genau bestimmt werden, was

bei einem Freiballon selten ausgeführt werden kann.

3. Die Thermometer sind gut untergebracht. Nicht nur ihre

Ventilation ist besser als in einem Freiballon, sie sind auch

nicht beeinflußt durch die strahlende Wärme des erhitzten

Gassackes. Weiterhin gestatten während des Aufstieges und

Abstieges zum Zwecke der trigonometrischen Höhenbestimmung

gemachte Pausen die Anpassung der Instrumente an die sie umgebende

Luft; der schnelle Flug eines Freiballons durch die Luft hat zur

Folge, daß die beim Aufstiege erhaltene Temperatur höher ist, als

die in gleichen Höhen beim Abstiege bestimmte. Bei Drachen fallen

beide Temperaturreihen, graphisch dargestellt (plotted), nahezu in

diejenige Linie, welche dem adiabatischen Temperaturgefälle

entspricht, wenigstens unterhalb der Wolkenhöhe (cloud level).

4. Auf- und Abstiege können in kurzen Zwischenräumen gemacht

werden, so daß die Zustände verschiedener Luftschichten

nacheinander und fast gleichzeitig erhalten werden.

5. Die Aufzeichnungen erhält man in einer relativ senkrechten

Linie über der Stationsbasis, die mit ununterbrochen tätigen

Registrier-Instrumenten versehen werden kann. Infolge der

zeitweisen Pausen können die Drachenaufzeichnungen bei genau

bestimmten Höhen eingehend mit den an der Erde gemachten

Aufzeichnungen verglichen werden. Die unter vier und fünf

angegebenen Methoden gestatten, die täglichen und nicht

periodischen Änderungen in verschiedener Höhe der Luft und auf dem

Erdboden zu studieren, wie Mr. ÷Clayton÷ es getan und im Bulletin

Nr. 2 of the Blue Hill Observatory unter dem Titel »Beispiele der

täglichen und zyklonischen Änderungen der Temperatur und relativen

Feuchtigkeit verschiedener Höhen der freien Atmosphäre«,

veröffentlicht hat.

2. Verschiedene Drachenkonstruktionen.

A. Eddy-Drachen.

Jedermann kennt den typischen Drachen, womit unsere Knaben sich

besonders zur Herbstzeit vergnügen. Tiefer Sinn liegt oft im kindlichen

Spiele, bewahrheitet sich auch bei dem Drachen.

Heute ist der Drache aus den Kinderhänden in die der Gelehrten

übergegangen und hat seine Form hundertfach variiert.

Im Folgenden will ich nur einige der bekannteren Typen kurz beschreiben.

÷Douglas Archibald÷ baute, gestützt auf die bekannte Tatsache des

Zunehmens der Winde mit größeren Höhen, im Jahre 1884 zwei seidene

Drachen, die an derselben Leine derart übereinander befestigt waren, daß

der obere hinter dem darunter befindlichen festgemacht wurde. Er

erreichte hierbei eine Höhe von 670 ¯m¯ und nahm ein Anemometer hoch.

Hierbei zeigte sich jedoch der Nachteil, daß der untere Drache in seinen

Bewegungen durch die Stöße des oberen stark beeinträchtigt wurde.

Dies veranlaßte ÷Eddy÷, im Sommer 1890 in ÷Bergen Point÷ Versuche mit

sechseckigen, geschwänzten Drachen anzustellen, von denen aber jeder mit

einer besonderen Leine versehen war, welche dann ihrerseits wieder in

progressiven Abständen an der Hauptleine befestigt wurden. Bei einer

ganz geringen Windgeschwindigkeit von nur 5 ¯m¯ pro Sekunde erreichte

Eddy schon eine Höhe von 1200 ¯m¯.

[Illustration: Fig. 80. Eddy-Drache, wie er von Baden-Powell zum

Aufheben von Menschen Verwendung findet.]

Im weiteren Verlaufe seiner Experimente kam er dazu, sogenannte

÷malaysche÷ Drachen, das heißt solche ohne Schwanz und mit etwas

gewölbter Unterfläche zu verwenden. Diese »÷Eddy Malay Tailless Kite÷«,

wie er selbst sie nennt, sind leichter und können sich nicht mit den

Schwänzen bei schwachen Winden ineinander verwickeln. Sie steigen auch

steiler in die Höhe und müssen nicht, wenn der Wind an Stärke zunimmt,

(etwa von 4 bis zu 18 ¯m¯) zur Erde geholt werden. Außerdem können sie

bei sehr geringen Windstärken oder selbst bei Windstille, wenn nur die

haltende Person sich bewegt, läuft, reitet oder fährt, Verwendung

finden. Sie bestehen nur aus zwei leichten, gekreuzten Stäben und sind

mit japanischem Papier und chinesischer Seide überdacht. Wer die

Weltausstellung in Chicago besuchte, hatte täglich Gelegenheit, viele

solcher Drachen über dem malayischen Dorfe in der Luft stehen zu sehen,

wie sie die Malayen in ihrer Heimat benützen.

Der ÷malaysche Drache÷ erreicht die erforderliche Stabilität durch eine

sehr sorgfältige Konstruktion.

Ein in Straßburg verwendeter, derartiger Drache war 2 ¯m¯ lang und

breit. Die Querstange wurde in einer Entfernung von 0·36 ¯m¯ von der

vorderen Spitze der Längsachse befestigt und nach rückwärts umgebogen.

Diese Umbiegung ist sehr wichtig, weil sie das Abfließen des Windes

überhaupt möglich macht. Das Gestell war aus Bambus, der Überzug aus

japanischem Papier.

Über die auf dem ÷Blue-Hill÷-Observatorium in Gebrauch gestandenen

Eddy-Drachen gibt die folgende Tabelle Aufschluß.

+--------------+-------+------+-----------+-------------+--------+--------+

| Bezeichnung | |Querschnitt| Beiläufige | Total- |Gewicht |

| des Drachen | Länge der |der Stangen| Größe der |gewicht | pro |

| | | |Drachenfläche| des |Quadrat-|

| +-------+------+ | |Drachens| meter |

| |Mittel-|Quer- | | | | |

| |stange |stange| | | | |

| +-------+------+-----------+-------------+--------+--------+

| | Meter | Millimeter|Quadratmeter | Kilogramm |

+--------------+-------+------+-----------+-------------+--------+--------+

| 5 Fuß Drachen| 1·52 | 1·52 | 6·3 × 12·7| 1·07 | 0·4 | 0·37 |

| 6 » » | 1·83 | 1·83 | 9·4 × 19·0| 1·53 | 0·7 | 0·44 |

| 7 » » | 2·13 | 2·13 |12·7 × 22·1| 2·00 | 1·1 | 0·55 |

| 9 » » | 2·74 | 2·74 |12·7 × 25·4| 3·30 | 1·8 | 0·55 |

+--------------+-------+------+-----------+-------------+--------+--------+

Eine ganz eigenartige Drachenkonstruktion ist der sogenannte Dom-Drache,

welcher in der Fig. 81 abgebildet erscheint. Er besteht aus einer über

einem Gerüste gestülpten Haube, in die sich der Wind ordentlich

hineinlegen kann. Dadurch erklärt sich die große Hubwirkung dieses

Drachen. Er besitzt 2·9 ¯m¯ Länge und trägt einen Mann mit Leichtigkeit.

Zu seiner Vorwärtsbewegung jedoch würde er sehr viel motorischer Kraft

beanspruchen, deshalb ließ ÷Chanute÷, der amerikanische Flugtechniker,

die Experimente mit diesem System fallen.

B. Hargrave-Drachen.

Die Luftschiffahrt der Gegenwart · 第 11 / 19 段