Die »Deutsche Gesellschaft zur Förderung der Luftschiffahrt« hat unter

der direktesten und ausgiebigsten Förderung Sr. Majestät des Deutschen

Kaisers im verflossenen Decennium eine große Reihe von Ballonfahrten

veranstaltet, die im höchsten Grade interessant waren und auf dem

Gebiete der Meteorologie geradezu epochemachende Ergebnisse zutage

förderten. Als Resultat dieser zahlreichen Studienfahrten erschien ein

drei Bände starkes Werk, das den Titel führt: »÷Die wissenschaftlichen

Luftfahrten÷ von ÷R. Aßmann÷, ÷W. Berson÷, und ÷H. Groß÷.« Das Werk ist

mit Unterstützung des deutschen Kaisers erschienen und ihm auch

gewidmet. Es enthält eine Geschichte der wissenschaftlichen

Luftschiffahrten überhaupt und schildert dann 75 wissenschaftliche

Luftfahrten, die in Berlin in den Jahren 1888-1899 stattgefunden haben.

Es bietet die genaue Beschreibung dieser Fahrten, sowie der ganzen

Ausrüstung der dabei gebrauchten Ballons, der gemachten Aufzeichnungen

etc. etc., enthält einen großartigen Atlas mit graphischen Darstellungen

der Flugbahnen und zahllosen Illustrationen und Tabellen mit allen

Beobachtungen über Luft, Temperatur, Verteilung des Wasserdampfes,

Wolkenbildung, Geschwindigkeit und Richtung des Windes, Sonnenstrahlung,

Luftelektrizität u. s. w.

Die nächste internationale Konferenz fand im $Jahre 1900$ während der

Weltausstellung in Paris statt. Dort wurde beschlossen, daß vom November

1900 an am ersten Donnerstag eines jeden Monats in Paris, Trappes,

Straßburg im Elsaß, München, Wien, Krakau, Przemysl, Bath, Berlin und

St. Petersburg zugleich Aufstiege von ÷bemannten÷ $und$ ÷unbemannten÷

Ballons stattfinden. Diese Auffahrten werden $Simultanfahrten$ genannt

und bezwecken die wissenschaftliche Erforschung der Erdatmosphäre und

der Veränderungen, denen diese unterworfen ist.

Zu dem Behufe werden die Ballons sämtlich mit Instrumenten zur Messung

des ÷Luftdruckes÷, der ÷Temperatur÷ und der ÷Feuchtigkeit÷ ausgerüstet.

[Illustration: Fig. 49. Hauptmann Groß.]

Die ÷unbemannten÷ Ballons tragen in einem leichten, zum Schutz gegen die

Sonnenstrahlung mit Silberpapier überzogenen Korb verpackt,

selbstregistrierende Apparate und steigen mit diesen in Höhen, welche,

wenigstens mit den jetzigen Hilfsmitteln, für Menschen unerreichbar

sind.

In den ÷bemannten÷ Ballons besteht die meteorologische Ausrüstung in

einem Quecksilberbarometer, einem Aspirationspsychrometer, einem

Haarhygrometer und, was auch nicht vergessen sein darf, in einer Uhr.

Das ÷Aspirationspsychrometer÷ ist ein Thermometer, dem durch ein

Windrädchen mit Uhrwerk immer frische Luft zugeführt wird, damit

tatsächlich die Lufttemperatur und nicht die strahlende Sonnenwärme

gemessen wird. Das ÷Haarhygrometer÷ dient zur Bestimmung des

perzentuellen Feuchtigkeitsgehaltes der Luft. Die Ablesung und

Registrierung besorgt ein Herr des meteorologischen Institutes.

Alle Resultate der Beobachtungen, sowohl die der bemannten als auch die

der unbemannten Ballons, werden von den meteorologischen Anstalten der

genannten Städte, wo Simultanfahrten stattfinden, an das Straßburger

Institut geschickt. Dort werden sie gesammelt und von Professor Dr.

÷Hergesell÷ wissenschaftlich verarbeitet. Vereinzelt haben die

Beobachtungen, wie schon erwähnt, ziemlich wenig Wert.

Um von den schon zahlreich ausgeführten Simultanfahrten nur eine zu

erwähnen, führe ich kurz die vom 12. Mai 1901 vor. Das hierbei

durchforschte Gebiet hat eine Ausdehnung von fast zwölf Parallelgraden

und über fünfzehn Längegraden. Der Hauptzweck der Fahrten war die

Beobachtung der atmosphärischen Verhältnisse und Veränderungen zur Zeit

der »Eismänner«, deren Einfluß nach den Berichten des Grafen de la

Vaulx, dem Lenker des Pariser Ballons »Aëro-Klub«, auch in den höheren

Regionen sehr stark fühlbar war. Die Beobachtungen wurden im »Aëro-Klub«

von M. Vallot, dem Direktor des Montblanc-Observatoriums, in einer Höhe

von 3500 ¯m¯ angestellt.

Ich freue mich, konstatieren zu können, daß Österreich sich sehr lebhaft

an diesen Simultanfahrten beteiligt, was in erster Linie ein

unbestreitbares Verdienst des Leiters der militär-aëronautischen

Anstalt, des Hauptmanns ÷Hinterstoißer÷ und der Wiener Meteorologen (Dr.

Margules, Trabert, Valentin u. a.) ist. Seine k. und k. Hoheit Herr

Erzherzog ÷Leopold Salvator÷, welcher der Luftschiffahrt ein großes

Interesse entgegenbringt und schon viele Freifahrten absolviert hat,

stellt zu diesen Auffahrten seinen Ballon »Meteor« bei. Auch der »Wiener

Aëro-Klub«, unter der Leitung des Altmeisters der österreichischen

Luftschiffahrt, Viktor ÷Silberer÷, beteiligt sich an diesen

wissenschaftlichen Luftfahrten.

Diese Simultanfahrten besitzen einen ganz außerordentlichen Wert und es

ist nur sehr zu wünschen, daß dies auch in der Zukunft von allen

beteiligten Kreisen stets in so warmer Weise empfunden werde, wie es

gegenwärtig der Fall ist. Dann wird das große, internationale Streben

einst von herrlichem Erfolge begleitet sein.

Im $Jahre 1902$ tagte die »Internationale Kommission für

wissenschaftliche Luftfahrten« vom 20. bis 25. Mai in ÷Berlin÷. Ohne

Anspruch auf Vollzähligkeit seien folgende Namen von Teilnehmern

genannt:

÷Cailletet÷ (Paris), ÷Kovanko÷ (St. Petersburg), ÷Palazzo÷ (Rom),

÷Rotch÷ (Boston), ÷Rykatschew÷ (St. Petersburg), ÷Valentin÷ (Wien),

÷Ebert÷ (München), ÷Teisserenc de Bort÷ (Paris), ÷v. Schrötter÷ jun.

(Wien), ÷Violle÷ (Paris), ÷Alexander÷ (Bath), ÷Köppen÷ (Hamburg),

÷Bruce÷ (London), ÷de Fonvielle÷ (Paris), ÷Vives y Vich÷ (Madrid),

÷Assmann÷ (Berlin), ÷Berson÷ (Berlin), ÷Linke÷ (Potsdam), ÷Süring÷

(Berlin), ÷Hergesell÷ (Straßburg), ÷Neureuther÷ (München).

Die Verhandlungen begannen unter dem Ehrenpräsidium Sr. Königl. Hoheit

des Prinzen ÷Friedrich Heinrich÷ am 20. Mai vormittags 10 Uhr, im

Sitzungssaale des Reichstagsgebäudes.

Die Ergebnisse der diesjährigen Kommission waren sehr befriedigend.

Es wurden unter anderem folgende Beschlüsse gefaßt:

»Die Kommission drückt den Wunsch aus, daß auf diplomatischem Wege

Verhandlungen gepflogen werden, um ihr zu ermöglichen, bei ihren

Auffahrten alle notwendigen wissenschaftlichen Apparate unbehindert

mitzuführen. Sollten bei Landungen auf fremdem Gebiete photographische

Platten ausnahmsweise Anlaß zur Beanständung bieten, so wären diese

einer zuständigen Behörde, welche der internationalen Kommission namhaft

zu machen ist, zur Entwicklung und Beurteilung abzuliefern.

Die Kommission hält es für eine dringende Notwendigkeit, daß ein

offizielles Publikationsorgan geschaffen wird, in welchem das

Beobachtungsresultat der Simultanfahrten so schnell als möglich

veröffentlicht wird.«

Mit großem und verdientem Beifalle wurde die Mitteilung des Herrn

÷Palazzo÷ (Rom) aufgenommen, daß Italien demnächst an der

internationalen wissenschaftlichen Erforschung der hohen Atmosphäre

teilnehmen werde. Es sind drei Stationen, hauptsächlich für

Drachenbetrieb, in der Einrichtung begriffen, eine 2265 ¯m¯ hoch am

Monte Cimone, eine 2942 ¯m¯ hoch auf dem Ätna und eine dritte in

Mittelitalien in der Nähe des Forts von Monte Mario. Auch sei vom

Kriegsministerium befohlen, daß die Auffahrten der Offiziere der

Luftschifferabteilungen an den Tagen der internationalen Fahrten

stattfinden sollen. Ferner wurde Mitteilung gemacht von dem in

Einrichtung begriffenen neuen Observatorium für die Physik der

Atmosphäre auf dem ÷Monte Rosa÷, das bei 4560 ¯m¯ Höhe in seiner

Höhenlage nur durch das französische Institut auf dem ÷Mont Blanc÷

übertroffen wird.

Auch über die Vornahme ÷luftelektrischer Messungen÷ über Verwendung von

Drachen und die Mittel zur Positionsbestimmung von Freiballons und über

viele andere einschlägige Gegenstände wurden Beratungen und interessante

Meinungsaustausche gepflogen.

Die künftigen Ziele der internationalen aëronautischen Kommission

bewegen sich innerhalb weiter Grenzen.

Nur über einen kleinen Teil Europas gelangten bisher die simultanen

Ballonfahrten zur Ausführung. Erst in diesem Jahre hat Italien seinen

Beitritt dazu angemeldet und ist so Repräsentantin des Südens geworden.

Es gilt aber auch die nördlichen Länder und besonders England

heranzuziehen, damit sich nach und nach über den ganzen Erdball ein Netz

von Beobachtungsstationen verbreite. Auch der Ozean muß diesen Zwecken

dienen. Nordamerika zeigt großes Interesse für diese Forschungen und

auch Japan hat durch die Entsendung eines Delegierten in die Kommission

bewiesen, wie ernst ihm diese Kulturbestrebungen sind.

Alles in allem genommen, bemerkt auch der fernstehende Beobachter,

welche mächtige Rolle der Ballon im Dienste der Physik der Atmosphäre

übernommen hat, und mit welchem Geschicke sie ausgeführt wird.

Der schöne Wahlspruch unseres erhabenen Monarchen »Viribus unitis« hat

sich hoch oben in den Lüften glänzend bewährt.

V. Kapitel.

Der lenkbare Luftballon.

1. Einleitendes.

Wir wollen nun von den Bestrebungen sprechen, den Luftozean uns

dienstbar zu machen.

Will man von einem Punkte der Erde nach einem anderen gelangen, so

bedarf man irgend einer Straße, auf der sich das Fuhrwerk bewegt. Auf

Wasserwegen geschieht die Fortbewegung mit dem kleinsten Widerstande,

die Fahrzeuge fassen große Lasten, die Transportkosten sind billig.

Auf ÷Landstraßen÷ können nur kleine Lasten in kleinen Quantitäten auf

einmal befördert werden, die Straßen müssen gebaut und erhalten werden.

Die Fortbewegungsgeschwindigkeit ist eine geringe, die Transportkosten

sind teuerer.

Auf den ÷Eisenbahnen÷ ist die Geschwindigkeit eine große, aber die Bau-

und Betriebskosten sind sehr bedeutend und der Verkehr ausschließlich an

den Schienenweg gebunden.

[Illustration: Fig. 50. Henry Giffard, der Erbauer des ersten lenkbaren

Dampf-Luftballons (1852).]

Beim Verkehr durch die ÷Luft÷ entfällt eine gebaute Straße auf der Erde

ganz, also auch die Kosten für deren Anlage und Erhaltung. Man bedarf

nur fast überall leicht errichtbarer Abfahrts- und Ankunftsbahnhöfe und

des Vehikels selbst. Dabei ist die voraussichtliche Geschwindigkeit

eine kaum hinter jener der Eisenbahn zurückbleibende. Einmal entriert,

wird die Luftschiffahrt wohl bald gewaltige Umwälzungen hervorrufen, die

aber mehr in einer Erweiterung als in einer Abnahme des Verkehrs von

anderen Transportmitteln, sich dokumentieren dürfte.

Es liegt mir ferne, hier eine ÷Entwicklung der Luftschiffahrt÷ geben zu

wollen, es sei nur darauf hingewiesen, daß die Fachaëronauten sich in

zwei Lager teilen, in solche, welche die Frage mit Hilfe von »lenkbaren

Ballons« und in solche, die sie mit Hilfe von »Flugmaschinen« lösen

wollen.

[Illustration: Fig. 51. Drei berühmte französische

Ballon-Konstrukteure.]

Wenden wir uns zunächst den ÷lenkbaren Ballons÷ zu.

Als ich vor einigen Jahren behufs Quellenstudiums die Bände der

»Zeitschrift für Luftschiffahrt« durchblätterte, fiel mir die Tatsache

besonders merkwürdig auf, daß in ihren ersten Jahrgängen fast durchwegs

Projekte über lenkbare Ballons besprochen wurden, die alle anderen

Themen in den Hintergrund drängten. Nach und nach werden jedoch diese

Artikel immer seltener und machen solchen über dynamische Luftschiffe

Platz.

An diesem Rückschlage war besonders die Nichterfüllung der vielen

Hoffnungen, die man auf frühere Luftschiffprojekte setzte, schuld. Wohl

wird (darüber, glaube ich, ist man sich heute schon einig) der lenkbare

Ballon nie ein allgemeines Lasten-Verkehrsmittel werden, dazu würde er

schon aus rein finanziellen Gründen untauglich sein, aber er ist für

sportliche, postalische, militärische und wissenschaftliche Zwecke gut

brauchbar. Vorausgesetzt natürlich, daß er Geschwindigkeiten erlangen

könne, welche ihn befähigten, die weiter oben geforderten Bedingungen zu

erfüllen.

[Illustration: Fig. 52. Charles ÷Renard÷.]

Als unterste Grenze seiner Leistungsfähigkeit würde ich eine

Eigengeschwindigkeit von 14 ¯m¯ per Sekunde durch drei Stunden hindurch

nominieren.

Früher befaßten sich die ÷Franzosen÷ (siehe Figuren 50 bis 52) sehr viel

mit dem Baue lenkbarer Ballons, auch in ÷Deutschland÷ und ÷Österreich÷

wurden vereinzelt, praktische Versuche unternommen, letztere konnten

aber hauptsächlich wegen Geldmangel nicht zu einem gedeihlichen

Abschlusse gebracht werden.

[Illustration: Fig. 53: Der Renard-Krebssche Ballon vom Jahre 1884,

erreichte 6 Meter Geschwindigkeit per Sekunde und kam unter sieben

Fahrten fünfmal wieder auf seinen Auffahrtsplatz zurück.]

Man darf nicht erwarten, ein solch großes Unternehmen, wie es die

Ausführung eines lenkbaren Ballons ist, müsse mit einem Wurfe gelingen.

Dazu gehört vielmehr jahrelange systematische Arbeit. -- Vieles muß

erprobt und dann ohne Zaudern verworfen werden, wenn man besseres

ersann. Das Geld für Experimente darf nicht fehlen. Das Personale,

welches an dem Ballon arbeitet, wird sich erst im Laufe der Zeit die

nötige Routine den erforderlichen Blick erwerben können. Deshalb müssen

jene Faktoren, die an der Herstellung des lenkbaren Ballons ein

Interesse haben, diese Umstände gut berücksichtigen und vordenken.

[Illustration: Fig. 54. Die Gondel vom »Lenkbaren Ballon« ÷Schwarz÷ von

vorne gesehen.]

Die Fortschritte in der Motorentechnik und in der Ballon-Konstruktion

sind seit einigen Jahren sehr große, so daß man in Bezug auf lenkbare

Ballons wieder mit Vertrauen in die Zukunft blickt.

Die Versuche mit lenkbaren Ballons währen schon drei Jahrhunderte

hindurch. Es gibt eine große Klasse Flugtechniker und wir finden

Kapazitäten unter ihnen, deren Namen in der wissenschaftlichen Welt von

ganz bedeutendem Klange sind, die versichern, es sei ganz unmöglich,

dieses Problem jemals zur Zufriedenheit zu lösen. Dies war der Grund,

weshalb ich in meinem Buche »Lenkbare Ballons« diese einer eingehenden,

kritischen Studie unterzogen habe, welche als Resultat ergab, daß bei

voller Berücksichtigung der ÷Wind-÷ und sonstigen Verhältnisse eine

gedeihliche Lösung der so lange gesuchten Probleme schon mit den

heutigen Mitteln der Technik ganz gut erwartet werden kann.

[Illustration: Fig. 55. Die Gondel des »Lenkbaren Ballons« ÷Schwarz÷ von

rückwärts gesehen.]

Daß es zu Ende des vorvorigen Jahrhunderts nicht möglich war, ein

praktisch verwertbares lenkbares Luftschiff zu bauen, ist einleuchtend.

Damals waren die Motoren noch sehr schwer; die Technik befand sich auf

einer gegen heute relativ tiefen Stufe; anders stand die Sache schon zu

Ende des kurz verflossenen Jahrhunderts. Wir datieren daher den Anfang

ernster zu nehmender Projekte erst mit den Versuchen ÷Renard-Krebs÷

1884, deren Ballon unter sieben Fahrten fünfmal an den Anfangspunkt

wieder zurückgekommen ist.

Anfangs überschätzte man nicht nur in Frankreich die Erfolge von

÷Renard-Krebs÷ bedeutend, bis nach und nach eine große Ernüchterung

eintrat und die Erkenntnis von der mit unzulänglichen Mitteln

unternommenen Bewältigung dieser Frage sich Bahn brach.

Trotz der Erfolge von ÷Santos-Dumont÷ bleibt aber bis heute das

÷Renard-Krebs÷sche Luftschiff in seinen Grundzügen noch der relativ

beste lenkbare Ballon, welcher sich in die Lüfte erhoben hat.

Das Aluminiumluftschiff des Österreichers ÷Schwarz÷, von dessen Gondel

und Traggestänge die Figuren 54 und 55 ein recht anschauliches Bild

geben, war mehr ein technisches Kunstwerk, denn ein wirklich Erfolg

versprechendes Vehikel. Es ist im übrigen, wie speziell betont werden

soll, nicht so, wie es sein Erfinder projektierte, in die Luft

gestiegen, sondern ÷ohne Hubschraube÷, also ohne einen seiner

integrierendsten Bestandteile. Auch hat sein Führer, ohne je eine

Freifahrt gemacht zu haben, jener technischen Fertigkeit entbehrt,

welche zur Beherrschung eines solchen Fahrzeuges absolut erforderlich

ist.

Was endlich das Luftschiff des Grafen von ÷Zeppelin÷ (Fig. 57-58)

anbelangt, so ist es unter drei Fahrten ÷einmal÷ wieder an seinen

Ausgangspunkt zurückgekommen und hat damit gezeigt, daß unter

entsprechenden Verhältnissen auch dieses, mit großen Kosten gebaute und

mit manchen technischen Neuerungen ausgestattete, ebenso instruktive wie

interessante Luftschiff zu reussieren imstande ist.

Im großen und ganzen hat es sich aber, so wie bei seinen Vorgängern, nur

um ein ÷Experiment÷ gehandelt, allerdings um eines, bei dem die

Reklametrommel -- nicht von Zeppelin selbst, und nicht auf seine

Veranlassung, wohl aber von manchen seiner Freunde -- allzuviel gerührt

worden ist.

Wer sich für dieses Luftschiff interessiert, den erlaube ich mir auf

meine genau detaillierte Beschreibung in der Zeitschrift des österr.

Ingenieur-und Architekten-Vereines (auch bei Lehmann und Wentzel, Wien,

in Separatabdruck erschienen) und auf die Seiten 35-52 meines Buches

»Der lenkbare Ballon, Rückblicke und Aussichten« zu verweisen. Der

Ballon wurde mit vieler Fachkenntnis ausgeführt und war gewiß, das steht

außer allem Zweifel, ein recht interessantes Studienobjekt. Es ist eine

Verurteilung desselben ebensowenig am Platze, als dessen Verhimmlichung;

die Wahrheit bleibt, wie bei so vielen anderen Dingen, so auch hier,

ziemlich in der Mitte. Es wäre sehr instruktiv, wenn das Projekt

Zeppelin, die relativ starke Ballonhülle betreffend, systematisch weiter

verfolgt würde.

General von ÷Hahnke÷ überreichte bei Gelegenheit eines Vortrages des

Grafen von Zeppelin demselben im Namen des deutschen Kaisers den

Roten-Adler-Orden 1. Klasse und eine kaiserliche Kabinettsordre, in

welcher Kaiser Wilhelm II. den Grafen beglückwünschte und der

militärischen Luftschifferabteilung den Befehl erteilte, die Versuche

des Grafen auch fernerhin in jeder Weise zu unterstützen.

[Illustration: Fig. 56. Graf von Zeppelin.]

Graf von Zeppelin hat an den Vorstand des »Vereines deutscher

Ingenieure« das Ersuchen gerichtet, den Ausschuß, der im Jahre 1896 die

technischen und wissenschaftlichen Grundlagen seines Luftfahrzeuges

geprüft und dem Vorstande darüber ausführlich berichtet hatte, von Neuem

einzuberufen und ihn mit der Prüfung der seitdem durch die Arbeiten

Zeppelins gewonnenen Erfahrungen und Fortschritte auf dem Gebiete der

Luftschiffahrt zu beauftragen. Der Vorstand wird diesem Ersuchen unter

der Voraussetzung entsprechen, daß Graf von Zeppelin dem Ausschusse die

erforderlichen Mitteilungen und Berichte zur Verfügung stellt, und die

wissenschaftlichen Ergebnisse seiner Arbeiten, wie schon früher

verabredet, zur Erweiterung unserer Kenntnisse der Allgemeinheit

zugeführt werden sollen.

[Illustration: Fig. 57. Das Luftschiff des Grafen von Zeppelin in der

Luft.]

Man darf nicht vergessen, daß alle Fahrten mit lenkbaren Ballons, welche

bisher unternommen worden sind, nur Versuchsfahrten waren, welche gar

nicht den Anspruch auf Vollkommenheit erheben. -- Die in Rede stehenden

Luftfahrzeuge waren alle nur ÷Modelle÷ und ÷Studienobjekte÷, an welchen

wir die Entwicklung der Frage ÷studieren÷ können.

Die großen ÷Verdienste÷, welche sich ihre Erbauer um die Luftschiffahrt

erworben haben, sind von mir an anderen Orten eingehend besprochen

worden, weshalb hier nur darauf verwiesen werden soll.

2. Wesen und Theorie des lenkbaren Ballons.

Wer sich für das Wesen und die Theorie des »Lenkbaren Ballons«

interessiert, den erlaube ich mir auf mein vor einigen Monaten

abgeschlossenes Werk: »÷Lenkbare Ballons÷, ÷Rückblicke÷ und

÷Aussichten÷« erschienen bei ÷W. Engelmann÷ in Leipzig, zu verweisen, wo

ich die in Rede stehende Frage ausführlich behandelt habe.

Der Rahmen dieses Büchleins erfordert ein, wenn auch nur flüchtiges

Eingehen auf dieses interessante Gebiet der Luftschiffahrt, welcher ich

eine große Zukunft verheiße.

[Illustration: Fig. 58. Querschnitt durch die schwimmende Ballonhalle

des Grafen von Zeppelin mit ausziehbarem Floß, auf dem der Ballon

montiert war.]

Jeder lenkbare Luftballon besteht aus einer Reihe von Bestandteilen,

welche sich in folgende vier Gruppen zusammenfassen lassen:

1. ÷Hülle÷ samt Netz und Haltetaue,

2. ÷Traggerüst÷ zur Aufnahme des Motors und der Nutzlast,

3. ÷Motor÷, inklusive Schrauben, Steuer etc.,

4. ÷Nutzlast÷.

$ad 1.$ Die ÷Hülle÷ hat den Zweck, das erforderliche Traggas in sich

aufzunehmen. Sie wird von den einzelnen Konstrukteuren in sehr

verschiedener Form gebaut. Die Figuren 59 veranschaulichen einzelne

solcher Grundformen.

Allgemein gibt man der Hülle, welche je nachdem aus gefirnißtem Perkal,

Seide, Kautschukstoff, Aluminium oder dgl. gefertigt wird, eine

längliche Gestalt, damit der Stirnwiderstand so gering als möglich

ausfalle. Die zur Verfügung stehende Auftriebskraft soll ziemlich groß,

der zu überwindende Widerstand dagegen möglichst klein werden.

Diese Hülle, welche entweder das Gas in nur einer Kammer (Ballon) oder

in einem System von Kammern enthält, überdeckt man mit einem ÷Netz÷

(Giffard), welches der flächenartigen, leichten Hülle die erforderliche

Festigkeit verleiht, oder mit einem ÷Netzhemd÷ (Renard-Krebs) oder man

schließt eine Serie von Ballons in eine große, gitterförmig gebaute

Röhre ein (Zeppelin), und befestigt das Netz mit Hilfe von Auslaufleinen

oder Haltestricken, oder die Röhre mit Gitterträgern (Schwarz) an das

Traggerüst des Ballons.

$ad 2.$ Dieses ÷Ballontraggerüst÷ hat sehr verschiedene Formen. Es besaß

z. B. bei ÷Giffard÷, ÷Dupuy de Lôme÷ die Form einer ÷Gondel÷, bei

÷Zeppelin÷ die Form von zwei ÷Pontons÷. Bei ÷Renard÷ hatte das

Ballontraggerüst das Aussehen einer aufgehängten Landungsbrücke und

÷Dumont÷ gab ihr eine ähnliche aber modifizierte Gestalt.

[Illustration: Fig. 59. Verschiedene Typen »Lenkbarer Ballons« u. zw.:

1. sphäroidaler Ballon von ÷Giffard÷ mit Tragstange (Quille), 2.

cylindrischer Ballon von ÷Haenlein÷, 3. fischförmiger Ballon von

÷Renard-Krebs÷.]

Wie verschiedenartig oft so ein Ballontraggerüst beschaffen sein kann,

davon geben die Figuren 53, 55, 60, 61 und 66 gute Beispiele.

$ad 3.$ Aus diesen Abbildungen kann auch ersehen werden, wie verschieden

die Anbringung der ÷Triebschrauben÷ sein kann.

Bei ÷Campbell÷ sehen wir zur Vorwärtsbewegung des Luftfahrzeuges sowohl

vorn als auch rückwärts Triebschrauben angeordnet und unter der

Ballonmitte eine wohl recht untechnisch konstruierte Hubschraube,

ähnlich, wie sie schon von Haenlein in den Sechzigerjahren projektiert

und patentiert wurde.

Beim Luftschiffe von ÷Debayeux÷ ist von dem Ballontraggerüste ausgehend

eine eigene Vorrichtung zur Ballonspitze angeordnet, welche es

ermöglicht, die Triebschraube an der Ballonhüllenachse anzusetzen.

[Illustration: Fig. 60. »Lenkbarer Ballon« von ÷Campbell÷ aus dem Jahre

1889.]

Was den ÷Motor÷ selbst betrifft, so kann er je nachdem entweder ein

÷Dampf-÷, ÷Explosiv-÷ oder ein ÷elektrischer Motor÷ sein.

Die ÷Anzahl÷ der Pferdestärken (eine Pferdestärke ist jene

Arbeitseinheit, welche ausgegeben wird, wenn 75 ¯kg¯ in einer Sekunde

einen Meter hochgehoben werden, oder, jene Leistung, die verbraucht

wird, um ein Kilogramm in einer Sekunde 75 ¯m¯ hoch zu heben), also

seine Energiemenge richtet sich nach dem zu überwindenden Widerstande.

In meinem Buche über »Lenkbare Ballons« ist dieses Thema auf den Seiten

130-133 ausführlich behandelt.

$ad 4.$ Was die zu befördernde ÷Nutzlast÷ betrifft, so soll sie stets in

einem gewissen Verhältnisse zur verausgabten Auftriebskraft stehen. Ich

selbst nehme sie mit 10-20% dieser letzteren an.

÷Renard-Krebs÷ haben schon 1884 mit ihrem Ballon »La France« eine

÷Eigengeschwindigkeit÷ von 6 ¯m¯ per Sekunde erreicht.

Die Luftschiffahrt der Gegenwart · 第 9 / 19 段