ein und begann am Nachmittage um 2 Uhr mit der Füllung seines 1043 ¯m^3¯
großen Ballons »L'Orient«. Die Aussicht auf die geplante Überfahrt war
anfänglich wegen südlicher Winde bei strömendem Regen eine sehr geringe.
Als abends gegen 6 Uhr der Regen aber aufhörte und der Wind aus Westen
blies, wurde der Entschluß gefaßt, die Fahrt zu wagen. Erst um 7 Uhr 30
Minuten abends konnte das Kommando »Los!« erfolgen. Bei der inzwischen
eintretenden Dunkelheit hielt Faure sich niedrig, um den Kurs zu
erkennen. Der Leuchtturm von Chatham, sowie die von ihm überflogene
Stadt Canterbury gaben den Luftfahrern die Sicherheit, daß sie auf
rechter Straße sich befanden. Gegen 11 Uhr abends erreichten sie die
Meeresküste. Bei nebeligem Wetter flogen sie in einer Höhe von etwa 700
¯m¯ weiter. Es war nichts zu erkennen als die Lichter der Leuchttürme
der englischen Küste und diejenigen der unter ihnen fahrenden Schiffe.
Um 2 Uhr 30 Minuten früh erkannten sie die Lichter von ÷Boulogne÷. Der
Ballon war etwas gegen Süden abgetrieben worden und landete im Dorfe
Alettes in der Nähe von Pas-de-Calais.
Doch alle diese Fahrten sind Kinderspiele gegen die von Graf de la Vaulx
geplante Mittelmeerfahrt, welche aber noch nicht gelungen ist, und gegen
eine von $Godard$ projektierte Atlanticfahrt.
Dieser will von ÷New York÷ aus den Atlantischen Ozean im Luftballon
übersetzen. Die Distanz zwischen dem europäischen und amerikanischen
Festlande beträgt circa 5000 ¯km¯. Godard hat hierbei die Möglichkeit
erwogen, daß der Ballon im Falle unerwarteter Windströmungen die Fahrt
in einem Dreieck zurückzulegen hätte, dessen Ecken New York, das Nordkap
und das Kap der guten Hoffnung bilden. Die Fahrtdistanz würde dadurch
auf 7500 ÷km÷ ausgedehnt werden. Der Ballon, mit dem Godard diese Reise
durch die Lüfte unternehmen will, soll ein Volumen von 11.000 ¯m^3¯
besitzen. Mit reinem Wasserstoffgas gefüllt, besäße er eine Tragkraft
von 12.100 ¯kg¯.
Diese Tragkraft soll in folgender Weise ausgenutzt werden: das komplette
Ballonmaterial wägt 5250 ¯kg¯, das Gewicht der Apparate und eines Bootes
beträgt 1150 ¯kg¯. Nach Einrechnung des Gewichtes der zehn Luftschiffer
(800 ¯kg¯) und der Lebensmittel für zwei Monate (1500 ¯kg¯) bleibt noch
ein freier Auftrieb von 4400 ¯kg¯, welcher teilweise durch Ballast
ausgeglichen werden muß. Die Gondel wird 3 ¯m¯ lang, 2·5 ¯m¯ breit und 2
¯m¯ tief sein. Die Herstellungskosten des Ballons werden auf etwa
200.000 Franken veranschlagt. Die Ballonhülle wird aus doppelter Seide
hergestellt.
Godard berechnet, daß sein Ballon im Laufe von je 24 Stunden etwa 1·5%
seines Kubikinhaltes an Gas verlieren dürfte. Das würde einen täglichen
Verlust von 165 ¯m^3¯ Gas und von 181·5 ¯kg¯ Auftrieb geben. Diese
Verluste abgerechnet, bleibt dem Ballon eine Reisefähigkeit von 27
Tagen. Godard glaubt, daß er die Fahrt bei schwachem Winde in acht
Tagen, und bei unvorhergesehenen Abweichungen von der Geraden, in zwölf
Tagen werde zurücklegen können.
Sosehr ich den Enthusiasmus der Berufsluftschiffer für solche
extravagante Fahrten mitfühle, so kann ich als klar denkender,
praktischer Luftschiffer doch nicht diesen Enthusiasmus teilen. Schon
die Mittelmeerfahrt des Grafen de la Vaulx zeigte uns die große Menge
von Schwierigkeiten, mit welchen so eine Ballonfahrt zu kämpfen hat.
Andrée hat seinen -- ich sage es frei heraus -- unzeitgemäßen Wagemut
mit seinem eigenen und dem Tode seiner zwei Gefährten bezahlt.
Der Kugelballon ist nicht geeignet, den Kampf mit dem nassen Elemente in
der Weise, wie es ihm hier zugemutet wird, aufzunehmen. Er ist als
Fesselballon verwendet, zu schwach, Stürmen zu trotzen, und frei
schwebend gebraucht ein Spielball der Winde.
Darum bescheiden wir uns mit der großen Rolle, welche ihm trotzdem noch
immer zufällt und lassen von Bemühungen ab, die einmal ÷gelingen können÷
und zehnmal ÷mißlingen werden÷. Wenden wir unsere Kräfte daran, den
Gasball lenkbar zu machen, dann können mit viel mehr Beruhigung und
Wahrscheinlichkeit eines guten Gelingens, Meere und Wüsten überflogen
werden.
7. Die Jagd nach dem Ballon.
Vielen Luftschiffern ist wohl schon, gleich mir, der Fall passiert, daß
nach seinem Ballon geschossen wurde, sei es bei Überschreiten der
Grenzen oder beim Überfliegen von großen Forsten. Dieser Verirrungen
übereifriger Grenzwächter oder unbedachter Jäger sei mit diesen Zeilen
kurz gedacht, sie sind es aber nicht, welche uns im Nachfolgenden
beschäftigen sollen.
Unter »Jagd nach dem Ballon« oder »Ballonjagd« kurzweg verstehe ich das
Einholen eines von einem bestimmten Punkte aufgefahrenen Freiballons
durch Zweiräder oder Automobile.
Der »Touring-Club de France« besitzt seinen eigenen Ballon, der den
Radfahrern Gelegenheit bietet, ihre Ausdauer und Findigkeit durch
Verfolgung seines Fluges und Auffinden seiner Landungsstelle zu schulen,
aber es hat den Anschein, als ob diese Art der Verbindung von Aëronautik
und Radfahrsport nicht recht lebenskräftig wäre. Den Anstrengungen der
Verfolgung eines Ballons sind doch immer nur wenige, gut trainierte
Radfahrer gewachsen und letztere wieder sind lediglich gewohnt,
stumpfsinnig ihren »pace makers« nachzuradeln. Bei Verfolgung eines
Ballons ist der Radler gezwungen, neben Kraft und Ausdauer auch
Intelligenz zu zeigen; er muß sich orientiert halten im Gelände, um ohne
Aufenthalt die kürzesten und besten Straßen zu finden, die in der
Windrichtung liegen, welcher der Ballon folgt, abgesehen davon, daß er
sich selbstverständlich bemühen muß, den Ballon nicht aus dem Auge zu
verlieren; andernfalls muß er seiner Spur durch Auskundschaften der
Landbewohner folgen, was immerhin Aufenthalt und Mißverständnis in sich
schließt.
Diese Jagd nach dem Ballon mit Zweirädern ist sehr schwierig, und heute
schon durch die Ballonjagd mit ÷Automobilen÷ verdrängt.
Der Automobilwagen ist imstande, einem Ballon auf weite Entfernungen zu
folgen. Er gestattet den Mitfahrenden, in Ruhe die beste Straße, die sie
zur Verfolgung wählen müssen, für jeden Fall rechtzeitig zu erwägen, und
er besitzt fast immer die nötige Geschwindigkeit, um einem Ballon folgen
zu können.
Für den Automobilsport allein liegt die Aufgabe und der Reiz darin,
zuerst am Landungsplatze des Ballons zu sein. Den Balloninsassen können
die Automobilgenossen hierbei oft eine wünschenswerte Hilfe sein.
Anderseits kann dem Ballonführer die Aufgabe gestellt werden, sich nicht
erreichen zu lassen, und ein Versuch in dieser Beziehung ist vor kurzem
von Eugène Godard und dem Comte de la Valette von Épernay aus gemacht
worden. Der Ballon, anfangs von Godard geführt, landete mitten in einem
Walde, um der Verfolgung durch die Automobile des Herrn Lemaître zu
entgehen; aber es war umsonst, Godard wurde gefangen genommen.
[Illustration: Fig. 39. Fallschirmballon von Louis ÷Capazza÷.]
Nicht besser erging es dem Grafen de la Valette, welcher demnächst die
Führung des Ballons übernahm. Nach Angabe der Luftschiffer wäre die
Windgeschwindigkeit eine zu geringe gewesen und dadurch die Aufgabe dem
Automobilwagen sehr erleichtert worden. Der letztere soll eine auf 100
¯km¯ pro Stunde geschätzte Geschwindigkeit erreicht haben.
Sehr interessante Versuche hat der französische Luftschiffer Louis
÷Capazza÷ gemacht. Er stieg von Brüssel aus auf, nahm an, diese Stadt
sei vom Feinde belagert und er solle (ähnlich wie es in Paris 1870/71
tatsächlich der Fall war) Depeschen aus dieser Stadt befördern und die
Rückantwort durch Brieftauben spedieren. Vor den Toren der Stadt
warteten Automobile auf den Ballon, um ihn abzufangen. Capazza erhob
sich zu beträchtlicher Höhe, ließ sich von den oben bekanntlich stärker
wehenden Winden schnell forttreiben, verwandelte dann den Ballon durch
Zerreißen in einen Fallschirm und bewerkstelligte auf diese Art stets
erfolgreich und schnell seinen Abstieg und konnte sich so seinen
Verfolgern entziehen.
Man sieht, die Jagd nach dem Ballon hat für beide Teile ihre
ausgesprochenen Reize, übt Blick und Gewandtheit, und kann einst im
Ernstfalle -- womit der Krieg gemeint ist -- gute Früchte tragen.
IV. Kapitel.
Meteorologische Luftschiffahrt.
1. Einleitendes.
Die Änderungen der Witterungserscheinungen, womit sich die Meteorologie
befaßt, wird durch Veränderungen der einzelnen meteorologischen
Elemente, wie der Temperatur, der Feuchtigkeit, des Druckes, der
Elektrizität in der Atmosphäre etc. bedingt. Es muß daher dem
Meteorologen zur Erfüllung seiner Aufgabe von hoher Wichtigkeit sein,
den ÷Gang÷ und die ÷Tendenz dieser Änderungen÷ rechtzeitig zu erfahren
und womöglich vorausahnend zu bestimmen.
Um zur Kenntnis der Vorgänge in der Veränderung der Atmosphäre zu
gelangen, begnügte man sich bis vor kurzem, ÷Beobachtungen÷ bezüglich
der betreffenden, Einfluß ausübenden, primären Erscheinungen ÷auf der
Erde÷ selbst anzustellen. Hierbei handelte es sich zumeist darum, den
Gang der Temperatur, des Druckes, sowie der Feuchtigkeit der Luft und
den Wechsel des Windes durch chronometrische Registrierungen auf der
Erdoberfläche zu bestimmen. Nun leben wir aber auf dem ÷Grunde÷ eines
ungeheuren Luftmeeres und nehmen infolgedessen nur die Ausläufer oder
die Anfänge der meteorologischen Einflüsse wahr. Diese selbst vollziehen
sich im allgemeinen in viel höheren Regionen. Man errichtete daher auf
den Gipfeln hoher Berge meteorologische Observatorien, wie z. B. auf dem
Sonnblick, Mont Blanc, Brocken, Säntis, Pic du Midi, Pikes Peak, Ben
Nevis etc., anderseits zog man auch hochaufragende Türme, so besonders
den Eiffelturm, zu diesen Zwecken heran.
Da die Gipfel der hohen Berge weit in die Luftmasse hineinragen, geben
die dortselbst angestellten Versuche verläßlichere Daten, weil sie
weniger von der umgebenden Erde beeinflußt sind. Dennoch macht sich
auch bei diesen Bergstationen die Nähe der festen Erde störend fühlbar.
Die Messungen zeigen nicht die wahren Werte der Temperatur, Feuchtigkeit
und Windgeschwindigkeit der Atmosphäre, sondern sind sehr stark durch
die Bodenbedeckung und lokale Erscheinungen beeinflußt. Auch kann man
von diesen Hochobservatorien nicht den Gang der Änderungen der
meteorologischen Elemente -- die Transformationen, denen die
Luftteilchen auf ihrem Wege durch den Luftraum unterworfen sind --
verfolgen.
Dazu eignen sich einzig und allein vom Luftballon aus unternommene
Beobachtungen.
2. Beobachtungen vom Fesselballon aus.
Anfangs benützte man dazu Fesselballons, und zwar gewöhnliche
Kugelballons, welche an einem Seile mit meteorologischen Instrumenten
hochgelassen wurden; in neuester Zeit dagegen Drachenballons nach dem
System Parseval-Sigsfeld.
Der in den Jahren 1892-1894 in Berlin in Verwendung gestandene
gefesselte Kugelballon »Meteor« hatte, sowie alle übrigen Kugelballons,
den großen Nachteil der geringen Stabilität, das heißt er war großen
Schwankungen unterworfen, und die gefundenen Daten gaben daher auch nur
Durchschnittswerte. Ein längeres Verweilen in einem solchen Fesselballon
endete fast stets mit einer Seekrankheit, während dieser Fehler bei dem
Drachenballon Parseval-Sigsfeld, wie er von Moedebeck und Hergesell in
Straßburg und in Berlin von Aßmann zu Beobachtungen verwendet wird und
den Wienern von der Jubiläumsausstellung her bekannt ist, bedeutend
verbessert erscheint.
Es hat ziemlich lange gebraucht, bis man von der Erkenntnis der
Unzweckmäßigkeit des schädlichen Verhaltens des Kugelballons zu einer
Konstruktion gelangte, welche diese Übelstände nicht besaß. Zuerst
versuchte man oberhalb des Ballons eine Drachenfläche anzubringen. Der
auf sie ausgeübte Luftdruck sollte mit seiner hebenden Komponente den
Gasdruck vermehren und so zu der gewünschten Stabilität verhelfen. Der
Umstand jedoch, daß die erforderlichen Tragflächen sehr große
Dimensionen erhalten mußten, um ausgiebig zu wirken, brachte Sigsfeld
und Parseval auf die Idee, dem Ballon eine längliche Form zu geben,
welche sich erfahrungsgemäß von selbst in die Richtung des herrschenden
Windes einstellt.
[Illustration: Fig. 40. Ballon mit Drachenflächen, wie er ursprünglich
zur Erhaltung einer entsprechenden Stabilität geplant wurde.]
Damit sich aber bei den naturgemäß eintretenden Erschütterungen die
Hülle stets prall erhalte, mußte eine Vorrichtung ersonnen werden,
welche dies bewirkt. Die beiden genannten Ballonkonstrukteure erreichten
diesen Zweck durch die Anbringung einer verhältnismäßig einfachen und,
was die Hauptsache ist, automatisch wirkenden Vorrichtung. Sie fügten in
den rückwärtigen Teil des Ballons eine schief verlaufende Querwand,
welche durch einen herumgelegten Füllsack nach Bedarf mehr oder minder
aufgebaucht werden konnte, das Gas somit mehr oder weniger, wenn auch
nur ganz schwach komprimieren konnte und so die Gestalt der Ballonform
beständig erhielt. Der Füllsack hatte vorne auf der dem Winde
zugekehrten Seite ein nach innen sich öffnendes Ventil, welches den
Füllsack jederzeit straff gespannt erhält. Auf der Rückseite des
Füllsackes befindet sich ein Sicherheitsventil, welches sich jederzeit
dann automatisch öffnet, wenn der Luftdruck im Füllsacke eine bestimmte
Grenze überschreitet. Derart kann also stets die abschließende Hülle
sich nach Bedarf ausdehnen und zwischen der Kompression im
Wasserstoffgasballon und zwischen jener im Luftsacke automatisch das
richtige Verhältnis bestehen.
[Illustration: Fig. 41. Drachenballon aus der Ballonfabrik von A.
Riedinger in Augsburg auf der Jubiläums-Ausstellung in Wien.
Konstruktion von Parseval und Bartsch von Sigsfeld.]
Beiderseits des Ballons angebrachte Lappen und Windruten, ähnlich dem
Schwanze der bekannten Spielzeugdrachen, helfen die Stabilität erhöhen.
Steigt man mit solchen Drachenballons auf, so spürt man ein beständiges
Zerren, Schütteln, Reißen und Brausen, das einer wohltätigen Ruhe Platz
macht, sobald sich der Drachenballon, was selten vorkommt, seiner Fessel
eigenmächtig entledigt und eine Freifahrt antritt.
Leutnant Milczewski des Colbergschen Grenadier-Regimentes Nr. 9 und
Oberleutnant Tauber der österreichischen Luftschifferabteilung lieferten
diesbezüglich interessante Berichte (S. III. aëron. Mitt. 1902, pag. 109
und 110. A. Riedinger: »Wie verhält sich der Drachenballon bei einer
Freifahrt«).
Diese Drachenballons haben sich sehr gut bewährt und trotz ihrer
unästhetischen Gestalt Eingang in alle Militärluftschiffer-Abteilungen
gefunden. Sie sind ein sehr gutes Hilfsmittel in Höhen von 400-1000 ¯m¯.
Einen Erfolg ersten Ranges hat der französische Forscher ÷Teisserenc de
Bort÷ mit dem ÷Drachenballon÷ erreicht, den er bis zu der bisher von
keinem dieser Ballons erstiegenen Höhe von 4360 ¯m¯ auffahren ließ.
3. Registrierballons (Ballons sondés).
Eine andere Art, sich Kenntnis über die Vorgänge der
Witterungserscheinungen in der freien Atmosphäre zu verschaffen, besteht
in der Anwendung von »Ballons sondés«, auch »Ballons perdus« genannt.
Es sind dies kleine, unbemannte Ballons, welche nur ihr eigenes Gewicht
und das der ihnen anvertrauten meteorologischen Instrumente (also keine
Beobachter oder Passagiere) hochzunehmen haben.
Der erste Urheber der Idee des unbemannten Ballons soll der, leider für
die Wissenschaft zu früh verstorbene Pariser Luftschiffer, Gaston
Tissandier, gewesen sein, der dem Geheimrat Assmann schon 1886 diese
Idee enthusiastisch auseinandersetzte. Doch sollten noch 10 Jahre bis
zur Verwirklichung vergehen.
Anfänglich ließ man die auch als Kinderspielzeug bekannten, kleinen
Pilotballons als »ballons perdus« aufsteigen, um aus ihrer Fahrt die
Richtung des Windes kennen zu lernen. Nach und nach fabrizierte man sie
auch in größeren Dimensionen.
Besonders waren es auf diesem Gebiete, die bekannten Franzosen G.
Hermitte und G. Besançon in Paris, welche seit dem Jahre 1892 von dem
Balkon ihrer Wohnung auf dem Boulevard de Sébastopol aus fast täglich
kleine, nur einen Kubikmeter fassende Ballons mit Fragekarten in die
Luft sandten und dabei neben interessanten Resultaten über die Richtung
und Stärke des Windes der oberen Luftströmungen die wichtige Erfahrung
machten, daß wenigstens die Hälfte dieser Ballons in dem Umkreise von
150 Kilometer wieder gefunden wurden.
[Illustration: Fig. 42. Wilfrid de Fonvielle, berühmter aëronautischer
Schriftsteller.]
Dies führte zu dem Gedanken, solche Ballons mit selbstregistrierenden
Instrumenten auszurüsten. Es wurden zu diesem Zwecke größere Ballons aus
mit Petroleum getränktem Papier von 26 bis 113 Kubikmeter Inhalt
hergestellt, welchen primitive Registrierapparate für Luftdruck und
Temperaturextreme anvertraut wurden. Nach mehreren mißlungenen Versuchen
gelang es am 11. Oktober 1892, einen aus Goldschlägerhaut gefertigten
Ballon von nur 0·5 Kubikmeter Inhalt mit einem 150 Gramm schweren
Registrierapparate bis zu einer Höhe von 1200 Metern steigen zu lassen,
wobei der Ballon eine Strecke von 75 Kilometern nach Ost zurücklegte. Am
28. November desselben Jahres erreichte man eine Höhe von 9000 Metern.
Hierbei wurde man bald auf die wichtige Einwirkung der Wärmestrahlung
aufmerksam, welche durch Erwärmung der Ballonhülle und dadurch auch des
Gases die Ballons in höhere Schichten trieb, als sie ihrer Größe und
ihrem Gewichte nach hätten erreichen können. Infolgedessen entschlossen
sich die unermüdlichen Forscher, wie W. de Fonvielle in seinem
interessanten Buche: »Les ballons sondés de Mrs. M. Hermitte et Besançon
et les ascensions internationales, Paris 1898« es näher ausführt, an
Stelle des bisher bevorzugten Papieres die zwar teueren, aber
außerordentlich leichten und viel mehr Wärmestrahlen absorbierenden
Goldschlägerhäutchen zu verwenden. So entstand der erste 113 Kubikmeter
fassende Ballon »L'Aërophile«, ohne Zweifel ein Muster an Leichtigkeit,
welches schwer zu übertreffen ist. Seine Hülle wog nur 11 ¯kg¯, das Netz
1 ¯kg¯, die Apparate 6 ¯kg¯.
Dieser Ballon erreichte am 21. März 1893 bei seiner ersten Auffahrt eine
Höhe von roh 15.000 ¯m¯ und verbrannte nach seiner zweiten Auffahrt. Es
wurde nun ein neuer 180 ¯m^3¯ fassender Ballon gebaut »L'Aërophile II«,
der in den Jahren 1895 bis 1896 aufstieg und bei 15.000 ¯m¯ eine
Temperatur von nur -70° antraf. Am 5. August 1896 stieg in Paris wieder
ein neuer Ballon »L'Aërophile III« genannt, auf, der aber aus
gefirnißter Seide verfertigt wurde, 380 ¯m^3¯ Inhalt hatte und am 14.
November zum erstenmale gleichzeitig mit ähnlichen Ballons in Straßburg,
St. Petersburg und Berlin auffuhr.
Die Versuche der Franzosen auf diesem Gebiete wurden bald in Deutschland
aufs eifrigste verfolgt und es entspann sich ein edler Wettstreit, von
welchem die Wissenschaft in hohem Maße profitierte. Jeder dieser beiden
Nationen gebührt in gleichem Maße der Ruhm, zur Entwickelung der
wissenschaftlichen Ballonfahrten beigetragen zu haben. In Deutschland
war es besonders der Berliner »Deutsche Verein zur Förderung der
Luftschiffahrt«, welcher unter der genialen Führung Dr. ÷Aßmanns÷ und
der tätigen Anteilnahme des Hauptmanns H. ÷Groß÷, sowie Dr. ÷Bersons÷
und anderer, mit echt deutscher Ausdauer und Gründlichkeit sich dieses
neuen Zweiges der Wissenschaft bemächtigte.
Anfänglich legten diese Ballons sondés auch ganz beträchtliche
Entfernungen zurück. Sie betrugen z. B. in einem Falle 1000 ¯km¯, in
einem anderen 900 ¯km¯. Diese Wege wurden von dem deutschen
Registrierballon »Cirrus« durchmessen, welcher einmal in Bosnien, ein
andermal in Rußland niederging und auch in Dänemark und Österreich
landete.
Die erreichten Höhen bei dem Registrierballon »Cirrus« betrugen am 6.
September 1894 18.500 ¯m¯, am 27. April 1895 rund 22.000 ¯m¯. Diese
letztere ist die größte aller bis jetzt gewonnenen Höhen. Der Ballon
setzte damals auf der dänischen Insel Laaland auf.
Die Minimaltemperatur betrug bei 9150 ¯m¯ Höhe -47·9° Celsius und bei
der Höhe von 18.500 ¯m¯ -67° Celsius, bei 16.325 ¯m¯ -53° Celsius.
Diese Ballons sondés kapseln sich gleichsam in die Luftschichten, in
denen sie schweben, ein und nehmen ihre Geschwindigkeit an. Sie schweben
auch während der größten Stürme vollkommen ruhig in der Luft. Der Ballon
ist nur dann sehr heftigen perpendikulären Schwankungen ausgesetzt, wenn
er innerhalb großer Kumuluswolken in Wirbelstürme gerät, was aber
ungemein selten ist. Eine solche Luftfahrt machte ich in Gemeinschaft
mit dem damaligen Leutnant Groß von Berlin aus im September 1888 mit.
(Siehe darüber mein Buch: »Lenkbare Ballons«, pag. 270.)
Somit eignet sich der Ballon vorzüglich zum Höhenobservatorium. Ein
Steigen und Fallen des beobachtenden Ballons ist durch Ballastauswurf
leicht zu bewerkstelligen.
Diese freien, wenn auch in Bezug auf die Richtung unlenkbaren Ballons,
werden selbst dann noch für meteorologische und physikalische Zwecke von
Wert sein, wenn das »lenkbare Luftschiff« längst erfunden ist.
Von erhöhtem Nutzen sind diese Ballonbeobachtungen, wenn sie zu gleicher
Zeit ÷von verschiedenen Orten÷ aus unternommen werden.
Bei Registrierballons, auch »÷Ballons sondés÷« genannt (das
sind solche Ballons, welche man mit Instrumenten versehen, ohne
Bemannung, hochläßt), hat man statt der direkten Ablesung
solche auf ÷photographischem÷ Wege oder mit Hilfe mechanischer
Übertragungsvorrichtungen bewirkte angewendet. Je komplizierter aber ein
Apparat ist, desto näher rückt die Gefahr des Versagens. Es darf daher
den ÷einzelnen÷ Beobachtungen im Ballon kein sehr hoher Wert beigelegt
werden. Erst die Vergleichung mehrerer Beobachtungen wird zu sicheren
Schlüssen berechtigen. Oft wird es das Richtige sein, mehrere, in nicht
weit auseinander liegenden Zeitpunkten bei ähnlichen Barometerständen
gemachte Thermometerablesungen zu einem Mittel zu vereinigen,
desgleichen die Barometerstände etc., um auf diese Weise die annähernde
Durchschnittstemperatur (oder Druck, Feuchtigkeitsgehalt etc.) einer
Luftschichte von ziemlicher Dicke und mittlerer Höhe zu erhalten.
Wie man sieht, wirken bei diesen Ballonbeobachtungen außerordentlich
viele Umstände zusammen, welche alle berücksichtigt werden müssen und
deren Kenntnis und richtige Beurteilung von hohem Werte sind. In dieser
Hinsicht verdienen die Aßmannschen Beschreibungen und Zusammenstellungen
der Resultate der Ballonbeobachtungen geradezu mustergültig genannt zu
werden.
Am 5. Mai 1902 wurde der 213. Registrierballon der internationalen
Kommission hochgelassen.
Wir haben weiter oben die Tatsache verzeichnet, wonach Ballons sondés
oft recht weite Fahrten zurückgelegt haben. Diese sind jedoch nicht das
Ideal der Meteorologen.
Die Erforschung der freien Atmosphäre wird in vielen Fällen viel besser
durch Apparate bewirkt, welche schnell emporsteigen, hierbei die
Temperatur, Luftdruck, Feuchtigkeit, Elektrizität, Gehalt der Luft etc.
etc. beobachten, u. zw. wo tunlich, in größeren, übereinander gelegenen
Schichten, und dann wieder unweit ihrer Aufflugsstelle landen, so daß
sie ihre Resultate rasch abliefern.
Dieses ersehnte Ziel aller Meteorologen ist im aëronautischen
meteorologischen Observatorium in Tegel bei Berlin von Aßmann und Berson
in geradezu idealer Weise erreicht worden.
Gelegentlich der dritten Sitzung der »Internationalen Kommission für
wissenschaftliche Luftfahrten« führte Geheimrat Aßmann einen
÷Gummiballon÷ vor, der nach einer neuen Methode von der »Continental
Caoutchouc Company« in Hannover hergestellt worden ist und ein Non plus
ultra von Ausdehnungsfähigkeit darzustellen scheint. Bei dem Versuch,
ihn durch einen Blasebalg mit Luft aufzupumpen, zeigte er sich bei 32
¯cm¯ Durchmesser leicht angespannt, aber erst bei einer Vergrößerung des
Durchmessers bis auf 134 ¯cm¯ platzte er. Das ergibt die 68fache
Vermehrung des Volumens und bei Anwendung von Wasserstoffgas einen
Auftrieb, welcher den Ballon vor seiner Vernichtung in Höhen bringen
würde, in denen ein Druck von nur 12-13 ¯mm¯ herrscht, d. i. auf 38
¯km¯!