Faure traf am 1. September mit seinem Freunde Graf ÷Kergarion÷ in London

ein und begann am Nachmittage um 2 Uhr mit der Füllung seines 1043 ¯m^3¯

großen Ballons »L'Orient«. Die Aussicht auf die geplante Überfahrt war

anfänglich wegen südlicher Winde bei strömendem Regen eine sehr geringe.

Als abends gegen 6 Uhr der Regen aber aufhörte und der Wind aus Westen

blies, wurde der Entschluß gefaßt, die Fahrt zu wagen. Erst um 7 Uhr 30

Minuten abends konnte das Kommando »Los!« erfolgen. Bei der inzwischen

eintretenden Dunkelheit hielt Faure sich niedrig, um den Kurs zu

erkennen. Der Leuchtturm von Chatham, sowie die von ihm überflogene

Stadt Canterbury gaben den Luftfahrern die Sicherheit, daß sie auf

rechter Straße sich befanden. Gegen 11 Uhr abends erreichten sie die

Meeresküste. Bei nebeligem Wetter flogen sie in einer Höhe von etwa 700

¯m¯ weiter. Es war nichts zu erkennen als die Lichter der Leuchttürme

der englischen Küste und diejenigen der unter ihnen fahrenden Schiffe.

Um 2 Uhr 30 Minuten früh erkannten sie die Lichter von ÷Boulogne÷. Der

Ballon war etwas gegen Süden abgetrieben worden und landete im Dorfe

Alettes in der Nähe von Pas-de-Calais.

Doch alle diese Fahrten sind Kinderspiele gegen die von Graf de la Vaulx

geplante Mittelmeerfahrt, welche aber noch nicht gelungen ist, und gegen

eine von $Godard$ projektierte Atlanticfahrt.

Dieser will von ÷New York÷ aus den Atlantischen Ozean im Luftballon

übersetzen. Die Distanz zwischen dem europäischen und amerikanischen

Festlande beträgt circa 5000 ¯km¯. Godard hat hierbei die Möglichkeit

erwogen, daß der Ballon im Falle unerwarteter Windströmungen die Fahrt

in einem Dreieck zurückzulegen hätte, dessen Ecken New York, das Nordkap

und das Kap der guten Hoffnung bilden. Die Fahrtdistanz würde dadurch

auf 7500 ÷km÷ ausgedehnt werden. Der Ballon, mit dem Godard diese Reise

durch die Lüfte unternehmen will, soll ein Volumen von 11.000 ¯m^3¯

besitzen. Mit reinem Wasserstoffgas gefüllt, besäße er eine Tragkraft

von 12.100 ¯kg¯.

Diese Tragkraft soll in folgender Weise ausgenutzt werden: das komplette

Ballonmaterial wägt 5250 ¯kg¯, das Gewicht der Apparate und eines Bootes

beträgt 1150 ¯kg¯. Nach Einrechnung des Gewichtes der zehn Luftschiffer

(800 ¯kg¯) und der Lebensmittel für zwei Monate (1500 ¯kg¯) bleibt noch

ein freier Auftrieb von 4400 ¯kg¯, welcher teilweise durch Ballast

ausgeglichen werden muß. Die Gondel wird 3 ¯m¯ lang, 2·5 ¯m¯ breit und 2

¯m¯ tief sein. Die Herstellungskosten des Ballons werden auf etwa

200.000 Franken veranschlagt. Die Ballonhülle wird aus doppelter Seide

hergestellt.

Godard berechnet, daß sein Ballon im Laufe von je 24 Stunden etwa 1·5%

seines Kubikinhaltes an Gas verlieren dürfte. Das würde einen täglichen

Verlust von 165 ¯m^3¯ Gas und von 181·5 ¯kg¯ Auftrieb geben. Diese

Verluste abgerechnet, bleibt dem Ballon eine Reisefähigkeit von 27

Tagen. Godard glaubt, daß er die Fahrt bei schwachem Winde in acht

Tagen, und bei unvorhergesehenen Abweichungen von der Geraden, in zwölf

Tagen werde zurücklegen können.

Sosehr ich den Enthusiasmus der Berufsluftschiffer für solche

extravagante Fahrten mitfühle, so kann ich als klar denkender,

praktischer Luftschiffer doch nicht diesen Enthusiasmus teilen. Schon

die Mittelmeerfahrt des Grafen de la Vaulx zeigte uns die große Menge

von Schwierigkeiten, mit welchen so eine Ballonfahrt zu kämpfen hat.

Andrée hat seinen -- ich sage es frei heraus -- unzeitgemäßen Wagemut

mit seinem eigenen und dem Tode seiner zwei Gefährten bezahlt.

Der Kugelballon ist nicht geeignet, den Kampf mit dem nassen Elemente in

der Weise, wie es ihm hier zugemutet wird, aufzunehmen. Er ist als

Fesselballon verwendet, zu schwach, Stürmen zu trotzen, und frei

schwebend gebraucht ein Spielball der Winde.

Darum bescheiden wir uns mit der großen Rolle, welche ihm trotzdem noch

immer zufällt und lassen von Bemühungen ab, die einmal ÷gelingen können÷

und zehnmal ÷mißlingen werden÷. Wenden wir unsere Kräfte daran, den

Gasball lenkbar zu machen, dann können mit viel mehr Beruhigung und

Wahrscheinlichkeit eines guten Gelingens, Meere und Wüsten überflogen

werden.

7. Die Jagd nach dem Ballon.

Vielen Luftschiffern ist wohl schon, gleich mir, der Fall passiert, daß

nach seinem Ballon geschossen wurde, sei es bei Überschreiten der

Grenzen oder beim Überfliegen von großen Forsten. Dieser Verirrungen

übereifriger Grenzwächter oder unbedachter Jäger sei mit diesen Zeilen

kurz gedacht, sie sind es aber nicht, welche uns im Nachfolgenden

beschäftigen sollen.

Unter »Jagd nach dem Ballon« oder »Ballonjagd« kurzweg verstehe ich das

Einholen eines von einem bestimmten Punkte aufgefahrenen Freiballons

durch Zweiräder oder Automobile.

Der »Touring-Club de France« besitzt seinen eigenen Ballon, der den

Radfahrern Gelegenheit bietet, ihre Ausdauer und Findigkeit durch

Verfolgung seines Fluges und Auffinden seiner Landungsstelle zu schulen,

aber es hat den Anschein, als ob diese Art der Verbindung von Aëronautik

und Radfahrsport nicht recht lebenskräftig wäre. Den Anstrengungen der

Verfolgung eines Ballons sind doch immer nur wenige, gut trainierte

Radfahrer gewachsen und letztere wieder sind lediglich gewohnt,

stumpfsinnig ihren »pace makers« nachzuradeln. Bei Verfolgung eines

Ballons ist der Radler gezwungen, neben Kraft und Ausdauer auch

Intelligenz zu zeigen; er muß sich orientiert halten im Gelände, um ohne

Aufenthalt die kürzesten und besten Straßen zu finden, die in der

Windrichtung liegen, welcher der Ballon folgt, abgesehen davon, daß er

sich selbstverständlich bemühen muß, den Ballon nicht aus dem Auge zu

verlieren; andernfalls muß er seiner Spur durch Auskundschaften der

Landbewohner folgen, was immerhin Aufenthalt und Mißverständnis in sich

schließt.

Diese Jagd nach dem Ballon mit Zweirädern ist sehr schwierig, und heute

schon durch die Ballonjagd mit ÷Automobilen÷ verdrängt.

Der Automobilwagen ist imstande, einem Ballon auf weite Entfernungen zu

folgen. Er gestattet den Mitfahrenden, in Ruhe die beste Straße, die sie

zur Verfolgung wählen müssen, für jeden Fall rechtzeitig zu erwägen, und

er besitzt fast immer die nötige Geschwindigkeit, um einem Ballon folgen

zu können.

Für den Automobilsport allein liegt die Aufgabe und der Reiz darin,

zuerst am Landungsplatze des Ballons zu sein. Den Balloninsassen können

die Automobilgenossen hierbei oft eine wünschenswerte Hilfe sein.

Anderseits kann dem Ballonführer die Aufgabe gestellt werden, sich nicht

erreichen zu lassen, und ein Versuch in dieser Beziehung ist vor kurzem

von Eugène Godard und dem Comte de la Valette von Épernay aus gemacht

worden. Der Ballon, anfangs von Godard geführt, landete mitten in einem

Walde, um der Verfolgung durch die Automobile des Herrn Lemaître zu

entgehen; aber es war umsonst, Godard wurde gefangen genommen.

[Illustration: Fig. 39. Fallschirmballon von Louis ÷Capazza÷.]

Nicht besser erging es dem Grafen de la Valette, welcher demnächst die

Führung des Ballons übernahm. Nach Angabe der Luftschiffer wäre die

Windgeschwindigkeit eine zu geringe gewesen und dadurch die Aufgabe dem

Automobilwagen sehr erleichtert worden. Der letztere soll eine auf 100

¯km¯ pro Stunde geschätzte Geschwindigkeit erreicht haben.

Sehr interessante Versuche hat der französische Luftschiffer Louis

÷Capazza÷ gemacht. Er stieg von Brüssel aus auf, nahm an, diese Stadt

sei vom Feinde belagert und er solle (ähnlich wie es in Paris 1870/71

tatsächlich der Fall war) Depeschen aus dieser Stadt befördern und die

Rückantwort durch Brieftauben spedieren. Vor den Toren der Stadt

warteten Automobile auf den Ballon, um ihn abzufangen. Capazza erhob

sich zu beträchtlicher Höhe, ließ sich von den oben bekanntlich stärker

wehenden Winden schnell forttreiben, verwandelte dann den Ballon durch

Zerreißen in einen Fallschirm und bewerkstelligte auf diese Art stets

erfolgreich und schnell seinen Abstieg und konnte sich so seinen

Verfolgern entziehen.

Man sieht, die Jagd nach dem Ballon hat für beide Teile ihre

ausgesprochenen Reize, übt Blick und Gewandtheit, und kann einst im

Ernstfalle -- womit der Krieg gemeint ist -- gute Früchte tragen.

IV. Kapitel.

Meteorologische Luftschiffahrt.

1. Einleitendes.

Die Änderungen der Witterungserscheinungen, womit sich die Meteorologie

befaßt, wird durch Veränderungen der einzelnen meteorologischen

Elemente, wie der Temperatur, der Feuchtigkeit, des Druckes, der

Elektrizität in der Atmosphäre etc. bedingt. Es muß daher dem

Meteorologen zur Erfüllung seiner Aufgabe von hoher Wichtigkeit sein,

den ÷Gang÷ und die ÷Tendenz dieser Änderungen÷ rechtzeitig zu erfahren

und womöglich vorausahnend zu bestimmen.

Um zur Kenntnis der Vorgänge in der Veränderung der Atmosphäre zu

gelangen, begnügte man sich bis vor kurzem, ÷Beobachtungen÷ bezüglich

der betreffenden, Einfluß ausübenden, primären Erscheinungen ÷auf der

Erde÷ selbst anzustellen. Hierbei handelte es sich zumeist darum, den

Gang der Temperatur, des Druckes, sowie der Feuchtigkeit der Luft und

den Wechsel des Windes durch chronometrische Registrierungen auf der

Erdoberfläche zu bestimmen. Nun leben wir aber auf dem ÷Grunde÷ eines

ungeheuren Luftmeeres und nehmen infolgedessen nur die Ausläufer oder

die Anfänge der meteorologischen Einflüsse wahr. Diese selbst vollziehen

sich im allgemeinen in viel höheren Regionen. Man errichtete daher auf

den Gipfeln hoher Berge meteorologische Observatorien, wie z. B. auf dem

Sonnblick, Mont Blanc, Brocken, Säntis, Pic du Midi, Pikes Peak, Ben

Nevis etc., anderseits zog man auch hochaufragende Türme, so besonders

den Eiffelturm, zu diesen Zwecken heran.

Da die Gipfel der hohen Berge weit in die Luftmasse hineinragen, geben

die dortselbst angestellten Versuche verläßlichere Daten, weil sie

weniger von der umgebenden Erde beeinflußt sind. Dennoch macht sich

auch bei diesen Bergstationen die Nähe der festen Erde störend fühlbar.

Die Messungen zeigen nicht die wahren Werte der Temperatur, Feuchtigkeit

und Windgeschwindigkeit der Atmosphäre, sondern sind sehr stark durch

die Bodenbedeckung und lokale Erscheinungen beeinflußt. Auch kann man

von diesen Hochobservatorien nicht den Gang der Änderungen der

meteorologischen Elemente -- die Transformationen, denen die

Luftteilchen auf ihrem Wege durch den Luftraum unterworfen sind --

verfolgen.

Dazu eignen sich einzig und allein vom Luftballon aus unternommene

Beobachtungen.

2. Beobachtungen vom Fesselballon aus.

Anfangs benützte man dazu Fesselballons, und zwar gewöhnliche

Kugelballons, welche an einem Seile mit meteorologischen Instrumenten

hochgelassen wurden; in neuester Zeit dagegen Drachenballons nach dem

System Parseval-Sigsfeld.

Der in den Jahren 1892-1894 in Berlin in Verwendung gestandene

gefesselte Kugelballon »Meteor« hatte, sowie alle übrigen Kugelballons,

den großen Nachteil der geringen Stabilität, das heißt er war großen

Schwankungen unterworfen, und die gefundenen Daten gaben daher auch nur

Durchschnittswerte. Ein längeres Verweilen in einem solchen Fesselballon

endete fast stets mit einer Seekrankheit, während dieser Fehler bei dem

Drachenballon Parseval-Sigsfeld, wie er von Moedebeck und Hergesell in

Straßburg und in Berlin von Aßmann zu Beobachtungen verwendet wird und

den Wienern von der Jubiläumsausstellung her bekannt ist, bedeutend

verbessert erscheint.

Es hat ziemlich lange gebraucht, bis man von der Erkenntnis der

Unzweckmäßigkeit des schädlichen Verhaltens des Kugelballons zu einer

Konstruktion gelangte, welche diese Übelstände nicht besaß. Zuerst

versuchte man oberhalb des Ballons eine Drachenfläche anzubringen. Der

auf sie ausgeübte Luftdruck sollte mit seiner hebenden Komponente den

Gasdruck vermehren und so zu der gewünschten Stabilität verhelfen. Der

Umstand jedoch, daß die erforderlichen Tragflächen sehr große

Dimensionen erhalten mußten, um ausgiebig zu wirken, brachte Sigsfeld

und Parseval auf die Idee, dem Ballon eine längliche Form zu geben,

welche sich erfahrungsgemäß von selbst in die Richtung des herrschenden

Windes einstellt.

[Illustration: Fig. 40. Ballon mit Drachenflächen, wie er ursprünglich

zur Erhaltung einer entsprechenden Stabilität geplant wurde.]

Damit sich aber bei den naturgemäß eintretenden Erschütterungen die

Hülle stets prall erhalte, mußte eine Vorrichtung ersonnen werden,

welche dies bewirkt. Die beiden genannten Ballonkonstrukteure erreichten

diesen Zweck durch die Anbringung einer verhältnismäßig einfachen und,

was die Hauptsache ist, automatisch wirkenden Vorrichtung. Sie fügten in

den rückwärtigen Teil des Ballons eine schief verlaufende Querwand,

welche durch einen herumgelegten Füllsack nach Bedarf mehr oder minder

aufgebaucht werden konnte, das Gas somit mehr oder weniger, wenn auch

nur ganz schwach komprimieren konnte und so die Gestalt der Ballonform

beständig erhielt. Der Füllsack hatte vorne auf der dem Winde

zugekehrten Seite ein nach innen sich öffnendes Ventil, welches den

Füllsack jederzeit straff gespannt erhält. Auf der Rückseite des

Füllsackes befindet sich ein Sicherheitsventil, welches sich jederzeit

dann automatisch öffnet, wenn der Luftdruck im Füllsacke eine bestimmte

Grenze überschreitet. Derart kann also stets die abschließende Hülle

sich nach Bedarf ausdehnen und zwischen der Kompression im

Wasserstoffgasballon und zwischen jener im Luftsacke automatisch das

richtige Verhältnis bestehen.

[Illustration: Fig. 41. Drachenballon aus der Ballonfabrik von A.

Riedinger in Augsburg auf der Jubiläums-Ausstellung in Wien.

Konstruktion von Parseval und Bartsch von Sigsfeld.]

Beiderseits des Ballons angebrachte Lappen und Windruten, ähnlich dem

Schwanze der bekannten Spielzeugdrachen, helfen die Stabilität erhöhen.

Steigt man mit solchen Drachenballons auf, so spürt man ein beständiges

Zerren, Schütteln, Reißen und Brausen, das einer wohltätigen Ruhe Platz

macht, sobald sich der Drachenballon, was selten vorkommt, seiner Fessel

eigenmächtig entledigt und eine Freifahrt antritt.

Leutnant Milczewski des Colbergschen Grenadier-Regimentes Nr. 9 und

Oberleutnant Tauber der österreichischen Luftschifferabteilung lieferten

diesbezüglich interessante Berichte (S. III. aëron. Mitt. 1902, pag. 109

und 110. A. Riedinger: »Wie verhält sich der Drachenballon bei einer

Freifahrt«).

Diese Drachenballons haben sich sehr gut bewährt und trotz ihrer

unästhetischen Gestalt Eingang in alle Militärluftschiffer-Abteilungen

gefunden. Sie sind ein sehr gutes Hilfsmittel in Höhen von 400-1000 ¯m¯.

Einen Erfolg ersten Ranges hat der französische Forscher ÷Teisserenc de

Bort÷ mit dem ÷Drachenballon÷ erreicht, den er bis zu der bisher von

keinem dieser Ballons erstiegenen Höhe von 4360 ¯m¯ auffahren ließ.

3. Registrierballons (Ballons sondés).

Eine andere Art, sich Kenntnis über die Vorgänge der

Witterungserscheinungen in der freien Atmosphäre zu verschaffen, besteht

in der Anwendung von »Ballons sondés«, auch »Ballons perdus« genannt.

Es sind dies kleine, unbemannte Ballons, welche nur ihr eigenes Gewicht

und das der ihnen anvertrauten meteorologischen Instrumente (also keine

Beobachter oder Passagiere) hochzunehmen haben.

Der erste Urheber der Idee des unbemannten Ballons soll der, leider für

die Wissenschaft zu früh verstorbene Pariser Luftschiffer, Gaston

Tissandier, gewesen sein, der dem Geheimrat Assmann schon 1886 diese

Idee enthusiastisch auseinandersetzte. Doch sollten noch 10 Jahre bis

zur Verwirklichung vergehen.

Anfänglich ließ man die auch als Kinderspielzeug bekannten, kleinen

Pilotballons als »ballons perdus« aufsteigen, um aus ihrer Fahrt die

Richtung des Windes kennen zu lernen. Nach und nach fabrizierte man sie

auch in größeren Dimensionen.

Besonders waren es auf diesem Gebiete, die bekannten Franzosen G.

Hermitte und G. Besançon in Paris, welche seit dem Jahre 1892 von dem

Balkon ihrer Wohnung auf dem Boulevard de Sébastopol aus fast täglich

kleine, nur einen Kubikmeter fassende Ballons mit Fragekarten in die

Luft sandten und dabei neben interessanten Resultaten über die Richtung

und Stärke des Windes der oberen Luftströmungen die wichtige Erfahrung

machten, daß wenigstens die Hälfte dieser Ballons in dem Umkreise von

150 Kilometer wieder gefunden wurden.

[Illustration: Fig. 42. Wilfrid de Fonvielle, berühmter aëronautischer

Schriftsteller.]

Dies führte zu dem Gedanken, solche Ballons mit selbstregistrierenden

Instrumenten auszurüsten. Es wurden zu diesem Zwecke größere Ballons aus

mit Petroleum getränktem Papier von 26 bis 113 Kubikmeter Inhalt

hergestellt, welchen primitive Registrierapparate für Luftdruck und

Temperaturextreme anvertraut wurden. Nach mehreren mißlungenen Versuchen

gelang es am 11. Oktober 1892, einen aus Goldschlägerhaut gefertigten

Ballon von nur 0·5 Kubikmeter Inhalt mit einem 150 Gramm schweren

Registrierapparate bis zu einer Höhe von 1200 Metern steigen zu lassen,

wobei der Ballon eine Strecke von 75 Kilometern nach Ost zurücklegte. Am

28. November desselben Jahres erreichte man eine Höhe von 9000 Metern.

Hierbei wurde man bald auf die wichtige Einwirkung der Wärmestrahlung

aufmerksam, welche durch Erwärmung der Ballonhülle und dadurch auch des

Gases die Ballons in höhere Schichten trieb, als sie ihrer Größe und

ihrem Gewichte nach hätten erreichen können. Infolgedessen entschlossen

sich die unermüdlichen Forscher, wie W. de Fonvielle in seinem

interessanten Buche: »Les ballons sondés de Mrs. M. Hermitte et Besançon

et les ascensions internationales, Paris 1898« es näher ausführt, an

Stelle des bisher bevorzugten Papieres die zwar teueren, aber

außerordentlich leichten und viel mehr Wärmestrahlen absorbierenden

Goldschlägerhäutchen zu verwenden. So entstand der erste 113 Kubikmeter

fassende Ballon »L'Aërophile«, ohne Zweifel ein Muster an Leichtigkeit,

welches schwer zu übertreffen ist. Seine Hülle wog nur 11 ¯kg¯, das Netz

1 ¯kg¯, die Apparate 6 ¯kg¯.

Dieser Ballon erreichte am 21. März 1893 bei seiner ersten Auffahrt eine

Höhe von roh 15.000 ¯m¯ und verbrannte nach seiner zweiten Auffahrt. Es

wurde nun ein neuer 180 ¯m^3¯ fassender Ballon gebaut »L'Aërophile II«,

der in den Jahren 1895 bis 1896 aufstieg und bei 15.000 ¯m¯ eine

Temperatur von nur -70° antraf. Am 5. August 1896 stieg in Paris wieder

ein neuer Ballon »L'Aërophile III« genannt, auf, der aber aus

gefirnißter Seide verfertigt wurde, 380 ¯m^3¯ Inhalt hatte und am 14.

November zum erstenmale gleichzeitig mit ähnlichen Ballons in Straßburg,

St. Petersburg und Berlin auffuhr.

Die Versuche der Franzosen auf diesem Gebiete wurden bald in Deutschland

aufs eifrigste verfolgt und es entspann sich ein edler Wettstreit, von

welchem die Wissenschaft in hohem Maße profitierte. Jeder dieser beiden

Nationen gebührt in gleichem Maße der Ruhm, zur Entwickelung der

wissenschaftlichen Ballonfahrten beigetragen zu haben. In Deutschland

war es besonders der Berliner »Deutsche Verein zur Förderung der

Luftschiffahrt«, welcher unter der genialen Führung Dr. ÷Aßmanns÷ und

der tätigen Anteilnahme des Hauptmanns H. ÷Groß÷, sowie Dr. ÷Bersons÷

und anderer, mit echt deutscher Ausdauer und Gründlichkeit sich dieses

neuen Zweiges der Wissenschaft bemächtigte.

Anfänglich legten diese Ballons sondés auch ganz beträchtliche

Entfernungen zurück. Sie betrugen z. B. in einem Falle 1000 ¯km¯, in

einem anderen 900 ¯km¯. Diese Wege wurden von dem deutschen

Registrierballon »Cirrus« durchmessen, welcher einmal in Bosnien, ein

andermal in Rußland niederging und auch in Dänemark und Österreich

landete.

Die erreichten Höhen bei dem Registrierballon »Cirrus« betrugen am 6.

September 1894 18.500 ¯m¯, am 27. April 1895 rund 22.000 ¯m¯. Diese

letztere ist die größte aller bis jetzt gewonnenen Höhen. Der Ballon

setzte damals auf der dänischen Insel Laaland auf.

Die Minimaltemperatur betrug bei 9150 ¯m¯ Höhe -47·9° Celsius und bei

der Höhe von 18.500 ¯m¯ -67° Celsius, bei 16.325 ¯m¯ -53° Celsius.

Diese Ballons sondés kapseln sich gleichsam in die Luftschichten, in

denen sie schweben, ein und nehmen ihre Geschwindigkeit an. Sie schweben

auch während der größten Stürme vollkommen ruhig in der Luft. Der Ballon

ist nur dann sehr heftigen perpendikulären Schwankungen ausgesetzt, wenn

er innerhalb großer Kumuluswolken in Wirbelstürme gerät, was aber

ungemein selten ist. Eine solche Luftfahrt machte ich in Gemeinschaft

mit dem damaligen Leutnant Groß von Berlin aus im September 1888 mit.

(Siehe darüber mein Buch: »Lenkbare Ballons«, pag. 270.)

Somit eignet sich der Ballon vorzüglich zum Höhenobservatorium. Ein

Steigen und Fallen des beobachtenden Ballons ist durch Ballastauswurf

leicht zu bewerkstelligen.

Diese freien, wenn auch in Bezug auf die Richtung unlenkbaren Ballons,

werden selbst dann noch für meteorologische und physikalische Zwecke von

Wert sein, wenn das »lenkbare Luftschiff« längst erfunden ist.

Von erhöhtem Nutzen sind diese Ballonbeobachtungen, wenn sie zu gleicher

Zeit ÷von verschiedenen Orten÷ aus unternommen werden.

Bei Registrierballons, auch »÷Ballons sondés÷« genannt (das

sind solche Ballons, welche man mit Instrumenten versehen, ohne

Bemannung, hochläßt), hat man statt der direkten Ablesung

solche auf ÷photographischem÷ Wege oder mit Hilfe mechanischer

Übertragungsvorrichtungen bewirkte angewendet. Je komplizierter aber ein

Apparat ist, desto näher rückt die Gefahr des Versagens. Es darf daher

den ÷einzelnen÷ Beobachtungen im Ballon kein sehr hoher Wert beigelegt

werden. Erst die Vergleichung mehrerer Beobachtungen wird zu sicheren

Schlüssen berechtigen. Oft wird es das Richtige sein, mehrere, in nicht

weit auseinander liegenden Zeitpunkten bei ähnlichen Barometerständen

gemachte Thermometerablesungen zu einem Mittel zu vereinigen,

desgleichen die Barometerstände etc., um auf diese Weise die annähernde

Durchschnittstemperatur (oder Druck, Feuchtigkeitsgehalt etc.) einer

Luftschichte von ziemlicher Dicke und mittlerer Höhe zu erhalten.

Wie man sieht, wirken bei diesen Ballonbeobachtungen außerordentlich

viele Umstände zusammen, welche alle berücksichtigt werden müssen und

deren Kenntnis und richtige Beurteilung von hohem Werte sind. In dieser

Hinsicht verdienen die Aßmannschen Beschreibungen und Zusammenstellungen

der Resultate der Ballonbeobachtungen geradezu mustergültig genannt zu

werden.

Am 5. Mai 1902 wurde der 213. Registrierballon der internationalen

Kommission hochgelassen.

Wir haben weiter oben die Tatsache verzeichnet, wonach Ballons sondés

oft recht weite Fahrten zurückgelegt haben. Diese sind jedoch nicht das

Ideal der Meteorologen.

Die Erforschung der freien Atmosphäre wird in vielen Fällen viel besser

durch Apparate bewirkt, welche schnell emporsteigen, hierbei die

Temperatur, Luftdruck, Feuchtigkeit, Elektrizität, Gehalt der Luft etc.

etc. beobachten, u. zw. wo tunlich, in größeren, übereinander gelegenen

Schichten, und dann wieder unweit ihrer Aufflugsstelle landen, so daß

sie ihre Resultate rasch abliefern.

Dieses ersehnte Ziel aller Meteorologen ist im aëronautischen

meteorologischen Observatorium in Tegel bei Berlin von Aßmann und Berson

in geradezu idealer Weise erreicht worden.

Gelegentlich der dritten Sitzung der »Internationalen Kommission für

wissenschaftliche Luftfahrten« führte Geheimrat Aßmann einen

÷Gummiballon÷ vor, der nach einer neuen Methode von der »Continental

Caoutchouc Company« in Hannover hergestellt worden ist und ein Non plus

ultra von Ausdehnungsfähigkeit darzustellen scheint. Bei dem Versuch,

ihn durch einen Blasebalg mit Luft aufzupumpen, zeigte er sich bei 32

¯cm¯ Durchmesser leicht angespannt, aber erst bei einer Vergrößerung des

Durchmessers bis auf 134 ¯cm¯ platzte er. Das ergibt die 68fache

Vermehrung des Volumens und bei Anwendung von Wasserstoffgas einen

Auftrieb, welcher den Ballon vor seiner Vernichtung in Höhen bringen

würde, in denen ein Druck von nur 12-13 ¯mm¯ herrscht, d. i. auf 38

¯km¯!

Die Luftschiffahrt der Gegenwart · 第 7 / 19 段