Vier Minuten nach drei hieß es »Halt!«, nach und nach hatten wir den

verfügbaren Ballastvorrat verbraucht und nur vier mäßige Sandsäckchen

von insgesamt 60 ¯kg¯ Gewicht waren übrig, die denn doch für den Abstieg

aufbewahrt werden mußten. Wir befanden uns in 8320 ¯m¯ Höhe bei 271 ¯mm¯

Luftdruck und -34·1° Lufttemperatur, beide bei Sauerstoffatmung, die ich

sogar gelegentlich auf volle Minuten aussetze, wenn sie mich bei der

Hantierung mit den Apparaten störte, ganz wohl und munter, wenn auch

freilich in der eigentümlichen, mit Worten nicht wiederzugebenden

Verfassung, in welche der gesamte Organismus, der physische wie der

geistige, in dieser dünnen und kalten Luft trotz aller Palliative

versetzt wird. Als nun der Ballon nach ganz geringem Fall wieder umbog

und wir uns andauernd in dieser großen Höhe hielten, wurde bei der schon

tiefstehenden Sonne die Kälte besonders empfindlich, um so mehr, als wir

uns im Drange der Vorbereitungen zur Abfahrt gegen dieselbe gar nicht

vorgesehen, sondern die Pakete mit warmer Wollwäsche friedlich auf dem

Rasen der Anlagen zurückgelassen hatten und genau so gekleidet waren,

wie es für einen heißen Sommertag in London eben paßte -- was bei einer

Wärmeabnahme von 61° C. allerdings nicht mehr genügte. Zur

Entschuldigung muß ich hinzufügen, daß ich nur sehr geringe Hoffnung

hatte, zu zweien mit dem nicht sehr großen Ballon tatsächlich so

erhebliche Höhen und damit so tiefe Temperaturen erreichen zu können.

Aber bald ging der Ballon wieder von selber herab, was wir nun geschehen

ließen; ja, als uns ein kurzes Studium der scharf gezeichneten Landkarte

unter uns zu verraten schien (bei der großen Höhe und sehr langsamen

Vorwärtsbewegung war es schwer, Sicheres festzustellen), daß wir uns nun

mit zunehmender Geschwindigkeit dem gewaltigen, breiten Wassergeäder der

Themsemündung (dem »Sea Reach« der Londoner) näherten, beschleunigten

wir durch Ventilziehen geflissentlich seinen Fall. Ein kräftiger

Aufprall auf die Erde ist ja noch immer dem Hinausgetragenwerden auf das

offene Meer -- der schlimmsten, einzigen großen Gefahr für den

Luftschiffer -- vorzuziehen. Nun, dieser Aufprall blieb uns denn auch

nicht erspart; der Ballon durcheilte einen Kilometer nach dem anderen

nach unten zu, die oberen 4000 Meter in 16, die untere Hälfte, unter dem

mildernden, doch nicht ganz nach Wunsch erfolgenden Einflüsse des

sukzessive über Bord geworfenen Ballastsandes, in 20 Minuten. Es gelang

mir während des Abstieges noch eine kurze, doch zur Kontrolle durchaus

genügende Reihe von Beobachtungen auszuführen und meine Instrumente beim

schnellen Heraneilen der Erde so gut wie möglich zu verpacken. Ich werfe

einen Blick nach unten; verschwunden sind wieder See und Küste und

schließlich sogar die Themse, im Fluge dehnen sich und wachsen Felder

und Wälder und Weiler in die Breite, wir überfliegen noch das

Doppelgeleise einer Bahnlinie, der Schleppgurt legt sich ringelnd auf

den Boden -- ein Krach, ein Ruck nach oben und wieder ein Aufprall,

kräftig, doch nicht zu arg; eine Minute später schaue ich auf meine Uhr

und sage zu Mr. Spencer: »um 3.55 sind wir gelandet«.

Dann folgen die gewöhnlichen Begleitbilder einer Ballonlandung: atemlos

an den Korb herankeuchende und fragende Menschen, vor Aufregung hochrote

Kindergesichter, wirre Kommandorufe beim Verpacken des Aërostaten,

kichernde Dorfmädchen, ein liebenswürdiger Reverend, der uns mit seiner

Familie herzlichst zum Tee einladet, alles wie bei uns, alles ohne eine

Spur von dem bei uns in Gesprächen so beliebten »englischen Phlegma«.

Es wird Höhe gerechnet und Temperatur beobachtet (noch immer 24°) und

telegraphiert und gekabelt, Tee getrunken, »cake« und »jam« gegessen und

zum Bahnhof gefahren; und während alledem Fragen, Fragen und endlose

Fragen beantwortet und Gefühl von Hitze und dicker, dumpfer Luft.

Schon am nächsten Tage schwamm ich auf der Nordsee, der Heimat zu; den

gestern von oben so glatten Spiegel bedeckte eine frische Ostbrise mit

ganz artigen Wellenköpfen.«

4. Fahrt des Méditerranéen über das Mittelländische Meer.

Bedeutend ungefährlicher als die Andréesche Ballon-Nordpol-Expedition

ist eine Überquerung des Meeres. Zu wiederholten Malen ist zum Beispiel

der Kanal »La Manche« überflogen worden und wenn dabei auch schon

Menschenleben zum Opfer fielen, so ist der wahrscheinliche Prozentsatz

für ein Verunglücken doch viel geringer als bei arktischen

Ballonfahrten, bei denen das Opfer dreier, mutiger Männer hoffentlich

für alle Zeit genug ist.

Will man mit Hilfe des Kugelballons über ein Meer gelangen, so bieten

sich uns zwei Mittel dar. Man benützt dazu entweder einen Kugelballon

als frei schwebendes Luftschiff und vertraut sich nach genauen Studien

der meteorologischen Verhältnisse dem günstigen Winde an, hoffend er

bewahre die Treue, oder man verankert den Ballon mittels Derivatoren im

Meere und macht so aus dem freien Ballon einen Fesselballon. Im

letzteren Falle können uns Schiffe folgen, und wenn der Wind nachläßt

oder es sonst nötig erscheint, uns aufnehmen.

Die größte Dauerfahrt, welche je unternommen wurde, ist die in ihrer

Endabsicht eigentlich mißglückte Fahrt des Grafen de la Vaulx, am 12.

Oktober 1901 von Toulon aus begonnen, mit dem Vorhaben, in Afrika zu

landen. Er ist bei dieser Fahrt 41 Stunden in der Luft gewesen.

Über dieses gewiß sehr interessante Unternehmen, welches eine Art

Gegenstück des Andréeschen darstellt, ist folgendes zu berichten:

In dem Ballon, Méditerranéen genannt, war ein zweiter kleiner Ballon

angebracht, welch letzterer von der Gondel aus mit Luft aufzublasen war,

um dem großen Ballon bei Gasverlust die Form zu bewahren.

Der Ballon besaß zwei ÷Ventile÷; ein großes Ventil für die Landung und

ein Manövrierventil. Zur größeren Sicherheit war auch eine

Reißvorrichtung vorhanden. Die Maße des ÷Korbes÷ betrugen 280 × 320

¯cm¯. Er war mit wasserdichtem Stoff ausgelegt und derart eingerichtet,

daß er sich für den Fall seines Aufsetzens auf das Meer, lange Zeit wie

ein Boot an der Oberfläche halten würde.

[Illustration: Fig. 35. Gefüllter Ballon an Bord eines französischen

Schiffes.]

Leider traten, wie wir aus den Berichten des l'Aérophile entnehmen, bei

dem Versuche zahlreiche Schwierigkeiten auf, welche nur zum Teile

behoben werden konnten.

Schon bei der Füllung, welche durch einen fahrbaren

Wasserstoffgaserzeuger bewirkt wurde, ergab sich die Tragfähigkeit des

Wasserstoffgases, statt, wie berechnet, zu 1·1 ¯kg¯, nur zu 0·84 ¯kg¯

Auftrieb pro Kubikmeter.

Infolge dieses Umstandes mußte ein großer Teil der Apparate

zurückgelassen werden. Unter dem Eindrucke der ungeduldig harrenden

Zuschauermenge und der Befürchtung, daß ein neuer Sturm ihnen alles in

Frage stellen könne, haben die Luftfahrer sich dann trotzdem

entschlossen, die ganz anders gedachte und geplante Fahrt auszuführen.

So verlief die Fahrt unter den denkbar ungünstigsten Bedingungen.

Von den Schwimmapparaten wurde nur die große Holzschlange von 600 ¯kg¯

Gewicht (serpent stabilisateur) und der kleinere Abtreibanker, der noch

nicht erprobt war, mitgenommen. Jeder Komfort, elektrische Zeichen,

Waffen, Munition, Öl zur Beruhigung der Wellen, der stark wirkende

Abtreibanker u. s. w. mußten zurückgelassen werden.

Am Abend des 12. Oktober fand mit 540 ¯kg¯ Ballast in Toulon von der

»Rade des Sablettes« aus die Auffahrt des »Méditerranéen« statt. Die

Versuchsballons, welche Graf de la Vaulx eine halbe Stunde vor der

Abfahrt steigen ließ, zeigten einen in der Richtung zwar günstigen, aber

sehr schwachen Wind an. Um 10:50 stiegen Graf de la Vaulx, der Führer

der Expedition, und seine drei Begleiter, Graf Castillon de

Saint-Victor, Ingenieur Henri Hervé und Schiffsleutnant Tapissier in die

geräumige Gondel, M. Mallet leitete die Auffahrt. Um 11:09 ertönte sein

»lâchez tout!« und majestätisch erhob sich der riesige Ballon in die

mondlose Nacht. Man hoffte mit dieser Ballastmenge bei entsprechender

Dichtigkeit des Ballons sich fünf Tage in den Lüften halten zu können.

Gleich bei der Abfahrt versenkten die Luftschiffer den

Stabilisationsapparat ins Meer, der sie in einer Höhe von etwa 25 ¯m¯

ober dem Meeresspiegel im Gleichgewichte hielt. Der Ballon glitt dahin,

die Holzschlange auf dem Wasser schleppend. Der folgende Kreuzer »Du

Chayla« konnte anfangs den still im Dunkeln dahinfliegenden Ballon mit

seinem Scheinwerfer nicht finden; später fuhr er, ihn fortwährend

beleuchtend, mit 1000 ¯m¯ Abstand hinterher. Der Abtreibanker veranlaßte

einen Abtrieb von etwa 30°. Er schwamm in einer Tiefe von 5-6 ¯m¯. Man

setzte ihn ein, als erkannt wurde, daß man sich der Küste nähere. Seine

Wirkung war überraschend.

Der Ballon wurde sorgfältig ausgerüstet. Die Gondel war sehr stabil

aufgehängt und zwar so, daß sie bei normalem Winde stets in horizontaler

Lage blieb. Über der Gondel war ein Stück Leinwand mit einer Hängematte

als Schlafzimmer für die Luftschiffer ausgespannt und außerhalb der

Gondel ein elektrischer Accumulator für den Austausch der Signallichter

mit dem Begleitschiff, dem Kreuzer »Du Chayla«, angebracht.

[Illustration: Fig. 36. Die Ausrüstung des Ballonkorbes des

Méditerranéen Nr. 1. am Vorabend der Auffahrt.]

Die beschränkte Lenkung des Ballons sollten die sogenannten Deviatoren

bewerkstelligen, von welchen es zweierlei Typen gab.

÷Maximal-Deviatoren÷, das sind gebogene Holzplatten, die wie die Leisten

der Fensterjalousien, drehbar zwischen zwei Parallelstangen befestigt

sind und wagerecht von der Gondel ins Wasser herabhängen und deren

Stellung vom Luftschiff aus geregelt werden kann. Sind sie in das Wasser

hinabgelassen, so füllt und belastet das Wasser die Höhlung der Platten

derart, daß sie, wie vorhergegangene Versuche in der Seine erwiesen

haben, dem Ballon eine Kursänderung von 80° gegen die von der Luft

auferlegte Richtung geben können. Die Deviatoren sollen nur bei ziemlich

ruhiger See versucht werden.

Die zweite Art sind die ÷Minimaldeviatoren÷, d. h. flache, in derselben

Art angebrachte Holzplatten, die je nach ihrem von den Luftschiffern

gestellten Neigungswinkel dem Wasser zwar weniger Widerstand leisten,

die aber den Kurs des Ballons, namentlich hinsichtlich der

Geschwindigkeit, immer noch erheblich beeinflussen können.

Eine zweite, besondere Vorrichtung sind die ÷Stabilisatoren÷. Diese

sollen die Höhe des Ballons während der Fahrt regeln. Hierzu dient

zunächst die sogenannte Stabilisatorschlange, eine Art hölzerner

Schlauch von 4-1/2 ¯m¯ Länge und schwerem Gewicht. Die Schlange schwimmt

vertikal im Wasser. Soll der Ballon sinken, so wird ein Teil der

Schlange aus dem Wasser gezogen. Das dadurch entstehende Mehrgewicht

bewirkt ein Sinken des Ballons. Ein Steigen wird natürlich umgekehrt

bewirkt.

Ein zweiter ÷hydraulischer Stabilisator÷ sollte die Wirkung ausgleichen,

welche die Ausdehnung des Wasserstoffgases durch die strahlende

Sonnenwärme hervorruft und die ein starkes Steigen des Ballons zur Folge

haben würde. Dieser Stabilisator besteht aus zwei zylindrischen Röhren,

die je 150 ¯l¯ Wasser fassen können. Die Röhren sind an beiden Enden

durchbohrt und offen, ohne jeden Verschluß. Sie werden ins Wasser

hinabgelassen und können mittels einer Luftpumpe entleert werden. Die

Folge ist, daß sofort das Wasser in sie einströmt.

Durch eine andere Einrichtung sind die Luftschiffer auch in der Lage

gewesen, selbst das Meerwasser als Ballast zu verwenden.

Der Fregattenkapitän ÷Serpette÷ hatte den Auftrag, mit dem Kreuzer »÷Du

Chayla÷« dem Ballon zu folgen. Der »Méditerranéen« hatte übrigens noch

einen zweiten Begleiter, nämlich die »Jeanne Blanche« eine

Vergnügungsyacht eines M. Faulquier aus Montpellier.

Längere Zeit konnte man noch den Ballon, den der mächtige Scheinwerfer

des »Du Chayla« beleuchtete, vom Ufer aus sehen, dann verschwand er in

süd-südwestlicher Richtung.

Eine Ballondepesche, durch Brieftauben überbracht, meldete: »Schwache

Brise Ost. Gute Route. Bewegung sehr langsam auf die Balearen zu.«

[Illustration: Fig. 37. Der »Méditerranéen« auf seiner Fahrt über dem

Mittelländischen Meere.]

Am zweiten Abende der Fahrt wurde der Ballon durch einen starken Ostwind

nach der Pyrenäengegend getrieben. Als die Aëronauten erkannten, daß

eine Landung an der algerischen Küste nicht mehr möglich wäre, faßten

sie im Angesichte der felsigen, spanischen Küste um 4 Uhr 20 Minuten den

Entschluß, sich auf dem Meere in der Nähe des sie begleitenden

Kriegsschiffes »Du Chayla« niederzulassen. Mit einiger Mühe

gelang das Manöver in der Gegend von ÷P. Venders÷, unweit der

spanisch-französischen Grenze. Die Aëronauten bestiegen den »Du Chayla«,

der sie nach Toulon zurückbrachte. Die Luftfahrt hatte 41 Stunden

gedauert.

Am 13. Oktober 4 Uhr 40 Minuten hatte man noch keinen Ballast

ausgeworfen, was entschieden für die Güte des Stoffes spricht. Die

Ortsbestimmung mit dem Sextanten durch Tapissier am 4. Oktober 7 Uhr

vormittags gelang gut.

Mit der Aufnahme der Passagiere des Méditerranéen an Bord des »Du

Chayla« war die Fahrt dieses Luftschiffes beendet, das Ziel -- in Afrika

zu landen -- aber nicht erreicht.

Graf de la Vaulx ließ sich durch diesen Mißerfolg nicht abschrecken und

unternahm am $22. September 1902$ um 4 Uhr 30 Minuten früh mit einem

anderen Ballon, dem »Méditerranéen Nr. 2«, eine neue Auffahrt, diesmal

jedoch von Palavas les Flôts bei Montpellier aus.

Der »Méditerranéen Nr. 2« faßt 3400 ¯m^3¯. Seine Hülle besteht aus

französischer Seide. Ein Ballonet, d. i. ein kleinerer Innenballon von

1100 ¯m^3¯ Fassungsraum soll die Permanenz der Form erhalten. Eine

riesige, 33 ¯m¯ hohe Ballonhalle in Palavas les Flôts bei Montpellier,

von M. Carlier erbaut, nahm das Gefährte auf, bis ein günstiger Wind

seine Abfahrt erlaubte.

Vom französischen Marineminister wurde dem Grafen de la Vaulx der

Torpedojäger »÷l'Épée÷« unter dem Kommando des Schiffsleutnants ÷Moulé÷

vom 11. September an zur Verfügung gestellt. Die mechanische Ausrüstung

des »Méditerranéen Nr. 2« wurde im Atelier ÷Duhanot÷ erzeugt. Es waren

dies vor allem der ÷Stabilisator÷, welcher aus schweren Holzblöcken im

Gesamtgewichte von 500 ¯kg¯ bestand, welche untereinander durch zwei

Ketten zusammenhingen. Beginnt der Ballon zu steigen, so hebt er soviel

Blöcke aus dem Wasser, als es seiner jeweiligen Auftriebskraft

entspricht. Er wird daher belastet und am weiteren Steigen gehindert.

Sinkt der Ballon, so legen sich die Blöcke ins Wasser und der Ballon

wird entlastet, sinkt also in der Folge nicht soviel, als ohne Gebrauch

des Stabilisators, welcher auf diese Weise den Ballon stets einige Meter

ober dem Meere hält. Die auch mitgenommenen ÷Hervéschen Deviatoren÷

sollten im Vereine mit einer sieben Meter im Durchmesser haltenden

Luftschraube, welche mit ihrem ÷Gobron-Brillié÷-Motor vor der Gondel

angebracht ist, dem Ballon eine Kursveränderung von ca. 90° gestatten.

Der Motor war 22 Pferde stark und wog dabei nur 147 ¯kg¯, wenn die

Angaben meiner Quelle (l'Auto-Velo) richtig sind. Es kämen da auf eine

Pferdestärke nur etwa 6·6 ¯kg¯, was ganz gut möglich ist. Die Flügel der

Schraube, welche von dem bekannten Konstrukteur ÷Hervé÷ gebaut wurde,

bestehen aus schmalen, um einige Zentimeter voneinander abstehenden,

parallelen Metallamellen.

Infolge der Verwendung des Propellers ließ man den Ventilator, welcher

bei dem ersten Ballon Verwendung finden sollte, entfallen.

Bei dem Aufstiege selbst, war Graf de la Vaulx noch von dem Grafen

Castillon de Saint-Victor, Ingenieur Hervé, M. Laignier und M. Duhanot

begleitet. Ein Detachement von Soldaten des 2. Genie-Regimentes unter

dem Kommando des Leutnants Magnet leisteten bei der Auffahrt die

erforderlichen Handgriffe.

In der Höhe von ca. 300 ¯m¯ wurde mit Hilfe von Versuchsballons und

Strohrauch reiner Nordwind konstatiert, welcher jedoch an der Oberfläche

des Meeres eine mehr nordöstliche, gegen Spanien zu wehende Richtung

besaß.

Der Ballon, welchem man aus fahrtechnischen Gründen keine größere Höhe

erreichen lassen wollte, segelte, in der oben angegebenen Weise

verankert, in einer Entfernung von nur 6 ¯m¯ ober dem Wasser in der

Richtung gegen Spanien dahin. Um sechs Uhr früh driftete der Ballon

infolge bis dahin eingetretenen, günstigeren Windes nach Cette und Cap

d'Agde ab. Dichter Nebel entzog den »Méditerranéen Nr. 2« um 10 Uhr früh

den Blicken der zahlreichen am Lande anwesenden Zuschauer. Er befand

sich damals etwa 40 ¯km¯ südlich der französischen Küste.

Am Morgen des 23. September wurde der Ballon von einem mittlerweile

eingetretenen, ausgesprochenen Südwinde erfaßt und an die französische

Küste zurückgetrieben.

Um drei Uhr 45 Minuten nachmittag landete er mit Hilfe der Reißleine --

einer bei den Franzosen sehr selten in Gebrauch genommenen Vorrichtung

-- bei Capite ca. 5 ¯km¯ von Marseille entfernt, auf einem sehr

ungünstigen Landungsterrain inmitten von Weingärten.

Auf der ganzen Fahrt hatte sich der Méditerranéen nicht auf mehr als 74

¯km¯ von der Küste entfernt. Es war das am 23. September um 10 Uhr

vormittags, um welche Zeit ihn dann ein heftiger Südwind gegen »Terres

Grâces« trieb. Die Gesamtdauer der Fahrt betrug nur 35 Stunden 45

Minuten, d. i. um 5-1/2 Stunden weniger als am 12. Oktober vorigen

Jahres, gelegentlich der Auffahrt des »Méditerranéen Nr. 1.« Von dem

Hervéschen Deviator wurde kein Gebrauch gemacht. Graf de la ÷Vaulx÷ will

im Sommer 1903 seine Mittelmeerfahrt wiederholen. Die große Ballonhalle

in Montpellier wurde am 1. Oktober 1902 durch einen Wirbelwind

vollständig zerstört.

Interessant sind die Bemerkungen des Präsidenten des Wiener »Aëro-Klub«,

Viktor ÷Silberer÷, bezüglich des Überfliegens des Mittelländischen

Meeres. Er führte in einem Vortrage im Wiener »Aëro-Klub« seine Ansicht

dahingehend aus, daß es weit leichter sei, mit dem Ballon von Afrika

nach Europa, als umgekehrt von Europa nach Afrika zu gelangen, erstens

wegen der in ersterer Richtung beständiger herrschenden Winde und

zweitens weil man an der Südküste Europas leichter wirtliche Gestade --

also gute Landungsplätze -- als an der Nordküste von Afrika anträfe.

Ich muß gestehen, diese Ansicht hat viel für sich.

5. Im Ballon über die Sahara.

Auch zum Übersetzen von Wüstengegenden soll der Ballon dienen. Schon

viele Jahre studierte man die Frage des Überfluges der Sahara. Dieses

Projekt, die Sahara mittels des Ballons zu überqueren, ist gegenwärtig

in ein neues Stadium getreten. Nach dem ersten Entwurfe, von dem

französischen Hauptmann Debureaux im Jahre 1894, würden die Kosten

dieser auf circa 2000 bis 2500 ¯km¯ Weglänge veranschlagten Ballonfahrt

(Aufstieg in Sabes, Tunis, Landung im Flußgebiet des Niger projektiert)

sich auf circa 300.000 Franken belaufen.

Der hierzu ausersehene Ballon hätte hiebei 14.000 ¯m^3¯ Fassungsraum.

Man will nun vorerst einen ÷unbemannten÷, aber mit selbstregistrierenden

meteorologischen Instrumenten ausgerüsteten Ballon diesen Weg machen

lassen. Dieser, der Probefahrt dienende Aërostat, ist mit einem

automatischen Gleichgewichtshälter und einem Ballastentleerer versehen,

welche den an Bord fehlenden Aëronauten ersetzen sollen. Zur Herstellung

des Gleichgewichtes dient ein schweres, starres Lenkseil aus Stahl (von

500 ¯kg¯ für einen Ballon von 3000 ¯m^3¯). Der automatische

Ballastauswerfer besteht aus einem 2400 ¯kg¯ Wasser fassenden Behälter.

Nähert sich der Aërostat auf mehr als 50 ¯m¯ der Erde, so löst sich auf

automatischem Wege 70 ¯kg¯ Wasserballast in einem Zeitraume von einer

halben Minute aus. Ferner ist der Ballon auch mit einem automatischen

Ballonet versehen. Wenn man die ungünstigsten Bedingungen annimmt, so

würde der Ballon mindestens zwölf Tage in der Luft sein.

Aus den Beobachtungen der Sahara-Forscher geht übereinstimmend hervor,

daß die Nord-Nordwestwinde von Oktober bis April jeden Jahres sehr

konstant über der mittleren Sahara-Gegend wehen, wobei auch das Wetter

vollkommen gleichmäßig und schön ist. Diese Winde werden das Lenkseil

mit einer mittleren Geschwindigkeit von 20 ¯km¯ per Stunde mitziehen.

Auf diese Weise kann der Ballon in 24 Stunden 480 ¯km¯ zurücklegen, er

könnte daher die erforderliche Strecke in rund fünf Tagen durchfliegen.

Würde der Ballon während dieser Zeit Schiffbruch erleiden, so nimmt man

an, daß der eine oder der andere der in der Wüste lebenden Nomadenstämme

dieses Phänomen bemerken würde und sich so durch Erzählungen darüber die

Nachricht, welchen Weg der Ballon zurückgelegt hat, verbreiten könnte.

Man hofft auf diese Weise ein Bild der Wegrichtung, welche der Ballon

genommen hat, zu erhalten, um die Spur desselben, sowie diesen selbst

samt dem wertvollen in den Registrierapparaten enthaltenen

Beobachtungsmateriale wiederzufinden. Dieser besprochene, projektierte

Versuchsballon würde nur den zwanzigsten Teil eines großen Ballons

kosten und auch im Falle des Mißlingens der Fahrt keine Menschenopfer

fordern. Die französische Militärverwaltung hat Debureaux einen Ballon

von 980 ¯m^3¯ zur Verfügung gestellt, welcher, von Mallet ausgerüstet,

zur Zeit der Ost-West-Passate lanciert werden soll.

6. Ballonfahrten über den Großen Ozean.

Für mich steht es außer Zweifel, daß man in kommenden Tagen statt des

Wasserweges den Luftweg zu Passagierreisen wählen wird. Über das »Wann«

wollen wir hier nicht unnötige Worte verlieren. Die Ballonfahrten,

welche man heute über Meeresflächen ausführt, bergen wegen der

unendlichen Wasserfläche noch vielfach Gefahren in sich, die nicht

unterschätzt werden dürfen. Schon mehr als ein Luftschiffer hat sein

nasses Grab in salziger Flut gefunden.

Nichtsdestoweniger wird auch diesem Sporte, denn mehr kann man es heute

noch nicht nennen, gegenwärtig ziemlich viel gehuldigt. Die Tatsache

kann aber nicht geleugnet werden, daß Meere im allgemeinen der

Luftschiffahrt Schranken setzen.

Zumeist ist es die Meerenge des Kanal »÷La Manche÷«, welche zu

überfliegen den Ehrgeiz der Luftschiffer bildet.

Als erster, welcher den Weg über diese Wasserstraße in der Luft nahm,

wird uns ÷Blanchard÷ genannt, L'Hoste hat drei solcher Fahrten

unternommen.

$L'Hoste$ war der erste Luftschiffer, welchem es glückte von ÷Boulogne

s. M.÷ aus nach England über den Ärmelkanal zu fahren. Das erstemal war

dies am 9. September 1883, das zweitemal am 7. August 1884 der Fall.

Bei einem im Vereine mit dem Luftschiffer ÷Mangot÷ unternommenen Versuch

am 13. November 1887 sind diese beiden Aëronauten leider verunglückt.

Bei seiner dritten Fahrt von Cherbourg aus (1886) benutzte ÷L'Hoste÷

einen Schwimmer und ein Segel. Die Überfahrt selbst verdankte er aber

auch diesmal lediglich einem günstigen Winde, weil, wie die Erfahrung

ergab, das Segel zu klein war, um irgend einen Effekt zu erzielen.

[Illustration: Fig. 38. Weg einiger Ballons über den Ärmel-Kanal.]

Im September desselben Jahres machten nun ÷Hervé÷ und ÷Alluard÷ eine

Fahrt von 24 Stunden Dauer von Boulogne aus mit einem (déviateur

aquatique) Wasser-Abtrieb-Apparat und anderen Apparaten für eine

teilweise Lenkbarkeit, die zu bedeutend günstigeren Resultaten führten.

Es gelang den kühnen Fahrern, nach den Angaben Hervés, einen

Ablenkungswinkel von 65-79° zu erreichen und nur diesem glücklichen

Umstande verdanken sie ihre schließliche Landung bei Yarmouth.

Ein anderer Luftschiffer, Jacques $Faure$, hat von London aus eine mit

seltenem Wagemut ausgeführte Überfahrt über den Ärmel-Kanal unternommen.

Die Luftschiffahrt der Gegenwart · 第 6 / 19 段