Drittel der Schlepptaue, also 667 ¯kg¯, verlor, die auch als Ballast
dienen sollten. (Im ganzen rechnete Andrée mit 1749 ¯kg¯ Ballast.)
Dadurch stieg der Ballon schon nach einigen Minuten statt auf 300 ¯m¯
bis auf 700-800 ¯m¯ Höhe. Wir müssen also auch im günstigsten Falle
dieses Gewicht von dem disponiblen Ballastvorrate abziehen, indem wir
annehmen, es sei Andrée gelungen, die verstümmelten Schlepptaue durch
die 404 ¯kg¯ Ballastleinen zu reparieren; es bleiben also noch 1082
¯kg¯, welche, durch 111 ¯kg¯ dividiert, nicht völlig zehn Tage geben,
während welcher der Ballon schwebend erhalten werden konnte. Nehmen wir
ferner noch an, es wurden, im äußersten Notfalle, die Gondel samt deren
Inhalte, die Segel und fast alles vom Inhalte des Tragringes
fortgeworfen, was jedoch für die Reisenden eine ernste Gefahr in sich
barg, so konnten noch 650 ¯kg¯ geopfert werden, folglich der Ballon noch
weitere sechs Tage schweben, d. h. nahezu 16 Tage im ganzen.
Diese Berechnungen aber gelten nur, wenn es Andrée gelungen ist, die
Schlepptaue zu reparieren, in welchem Falle er also durch die
Freiluftfahrt nicht mehr als 667 ¯kg¯ Ballast verloren hätte, sonst
würde die Tragkraft des Ballons noch viel früher erschöpft worden sein.
Hieraus geht hervor, daß die Expedition von Anfang an keine Aussicht
hatte, das ganze Polargebiet, wie es Andrée ursprünglich beabsichtigt
hatte, zu durchqueren.
Nach der Auffahrt Andrées, Fränkels und Strindbergs am 11. Juli 1897
segelte um 2 Uhr nachmittags der »Oernen« (Adler), welcher die
Expedition nach Spitzbergen gebracht hatte, vom Virago-Hafen, dem
Ausgangspunkte der ganzen Expedition (unter 79° 43·4' nördlicher Breite
und 10° 52·2' östlicher Länge von Greenwich gelegen), ab.
Die Geschwindigkeit des Windes wurde etwa auf 44 ¯km¯ geschätzt.
Folglich wäre, wenn der Ballon fortwährend in dieser Weise sich bewegt
hätte, der Nordpol nach 25 Stunden und die Behringsstraße nach 83
Stunden (3-1/2 Tagen) erreicht worden.
[Illustration: Fig. 27. Virago-Hafen mit Umgebung. Auffahrtsstelle der
Andrée-Expedition.]
Am 17. August 1897 kam die erste Nachricht von Andrée. Sie lautete:
»13. Juli, 12 Uhr 30 mittags, 82° 2' nördlicher Breite, 15° 5' östlicher
Länge. Gute Fahrt nach Ost, 10° Süd. An Bord alles wohl. Dies ist meine
dritte Taubenpost. Andrée.«
Die Trägerin dieser Nachricht wurde am 15. Juli vom Kapitän des
norwegischen Fangschiffes »Alken« unter dem 80° 44' nördlicher Breite,
20° 20' östlicher Länge geschossen.
Eine am 14. Mai 1899 an der Küste von Island unter 65° 34' nördlicher
Breite und 21° 28' westlicher Länge gefundene Andrée-Boje enthielt
folgende von Strindbergs Hand geschriebene Mitteilung:
»Boje Nr. 2. Diese Boje wurde von Andrées Ballon abgeworfen, um 10 Uhr
55 Minuten abends. G. M. T., am 11. Juli 1897 auf etwa 82° Breite und
25° Länge, Greenwich. Wir schweben 600 ¯m¯ hoch. Alles wohl. Andrée,
Strindberg, Fränkel.«
[Illustration: Fig. 28. Der Ballonkorb des Andréeschen Ballons.]
In derselben Boje befand sich eine Karte mit dem in Blei eingetragenen
Kurse, den der Ballon bisher genommen hatte, welcher in gerader Linie
vom Auffahrtspunkte Virago-Hafen nach dem 82° nördl. Breite, 19-1/2°
östl. Länge hinzeigt.
Der neueste Fund ist im nördlichen Norwegen, am Meeresufer der Provinz
Finnmarken, bei Skjervoe Ende August 1900 gemacht worden. Man fand eine
Andrée-Boje mit einem Zettel folgenden Inhaltes:
»Boje Nr. 4 als erste am 11. Juli 10 Uhr abends Greenwicher Normalzeit
geworfen. Die Reise ist bis jetzt gut gegangen. Wir fahren fort, in
einer Höhe von ungefähr 250 ¯m¯ zu segeln. Richtung anfangs nördlich,
zehn Grad östlich, später nördlich, 45° östlich. Vier Brieftauben wurden
um 5 Uhr 45 Minuten nachmittags abgesandt. Sie flogen westlich. Wir sind
jetzt über dem Eise, das sehr verteilt nach allen Richtungen ist. Wetter
herrlich. Laune ausgezeichnet. Andrée, Strindberg, Fränkel«.
Der Ballon war also nach fast zweitägiger Fahrt nicht weiter als 220
¯km¯ gefahren.
Aus der Andréeschen Depesche scheint hervorzugehen, daß der Wind am 13.
Juli um Mittag in 82° nördl. Breite und 15° östl. Länge, d. h. 220 ¯km¯
gerade nördlich von West-Spitzbergen, N z W war. Nach Schiffsleutnant
Celsing wehte gleichzeitig an der Dänen-Insel ein mäßiger Nordwest.
Aus dem Tagebuche des Eismeerschiffers Edward ÷Johannesen÷ sind die
folgenden für Andrée wichtigen Windverhältnisse entnommen:
»Am 11. Juli (dem Tage der Abfahrt Andrées) Südwest, am 12. Stille, dann
frischer West, am 13. Westnordwest, dann Süd, am 14. Süd, am 15. starker
Südwind, am 16. frischer Süd, am 17. West, dann Süd, am 18. starker
West, am 19. bis 24. Süd und Südwest, vom 25. ab während langer Zeit
nördlich.«
Aus diesen Windverhältnissen geht, wie Ekholm berichtet, mit großer
Wahrscheinlichkeit, hervor, daß eine Cyklone (barometrisches Minimum)
vom 11. bis 13. Juli nördlich von Spitzbergen von Westen nach Osten
vorüberging. Ihre Gestalt war mutmaßlich länglichrund mit der Längsachse
in Nordsüd.
Der Ballon, der bei der Abfahrt 2/3 der Schlepptaue verloren hatte und
deshalb in einer Höhe von etwa 700 ¯m¯ frei schwebte, folgte genau
demselben Wege wie der Wind, d. h. schief nach innen gegen das Zentrum,
wo er nach einigen Stunden still blieb und sich nahezu auf den Boden
senkte, indem die an der östlichen Seite des Zentrums herrschende trübe
Witterung mit Niederschlägen das Ballongas abkühlte. In dieser Weise
dürfte der Ballon bis zum Abende des 12. oder zum Morgen des 13. Juli
still geblieben sein. Wir können annehmen, diese Zeit wurde von Andrée
dazu benutzt die Schlepptaue und die Ablenkungsvorrichtung in Ordnung
zu stellen, was vielleicht durch die Worte »Alles wohl an Bord«
angedeutet wird. Dann wurde der Ballon von den westlichen oder
nordwestlichen Winden erfaßt, die an der Rückseite der Cyklone wehten,
und befand sich am Mittage des 13. Juli, als das Telegramm abgesandt
wurde, in dem Gebiete dieser frischen Winde. Am Nachmittage desselben
Tages drehte sich der Wind aber wieder nach Süden zurück, was offenbar
daher rührt, daß, wie es der Fall zu sein pflegt, eine neue Cyklone aus
Westen nahte. Durch ihren Einfluß wurde der Ballon wieder eine Strecke
nach Norden getrieben, bis er auch in der zentralen Stille dieser Wirbel
eine Weile ruhig blieb. Vielleicht gelang es Andrée, bis zu einem
gewissen Grade vermittelst der Ablenkungsvorrichtung den zentralen Teil
zu vermeiden, in diesem Falle würde das Vordringen gegen Norden etwas
weiter gehen als sonst. Jedenfalls aber hat bei der Ostwärtsbewegung der
neuen Cyklone die zentrale Stille den Ballon bald erreicht, so daß er
wieder eine Zeitlang unbeweglich verweilen mußte. Dann dürfte eine neue
Cyklone ihn abermals vorwärts getrieben haben u. s. w. Die
wahrscheinliche Bahn des Ballons ist also eine zickzackförmige Linie mit
Anhaltspunkten bei den Winkeln. Das in dieser Weise gewonnene
Fortschreiten in geradliniger Richtung war offenbar verhältnismäßig sehr
langsam. Wenn wir die Dauer der Reise nach der Strecke von 120 Seemeilen
berechnen, die in den ersten zwei Tagen durchflogen wurden, so bekommen
wir eine Zeit von 33 Tagen, bis der Ballon die 2000 Seemeilen von
Spitzbergen nach dem östlichen Sibirien oder Alaska durchlaufen hätte.
Der Ballon aber hatte, wie wir sahen, ÷nicht÷ das Vermögen so lange in
der Luft zu bleiben. Die Reisenden mußten also früher herunter und auf
den mitgenommenen Schlitten die Heimreise aus der Eiswüste antreten.
Die englische Expedition Jackson hat auf Franz Josefs-Land, der Berliner
Lokal-Anzeiger und die schwedische Expedition selbst auf Spitzbergen
genügend Lebensmittel hinterlassen, deren Aufbewahrungsort den
Luftschiffern bekannt war.
Ob die Armen schließlich von Eskimos ermordet wurden, wie eine Version
lautet, oder auf andere Weise ihrem Schicksale zum Opfer fielen, wer
wird das je ergründen? Wir beklagen dieses Verhängnis, ohne es ändern zu
können. Vor Ausführung der Expedition ertönten von berufenster Seite
genug warnende Rufe, welche leider ungehört verhallten.
2. Ballonfahrten über die Alpen.
Die Alpen in ihrer ganzen Breite in den Lüften mit dem Ballon zu
überqueren, wurde schon vielfach versucht, ist aber eigentlich noch
immer nicht gelungen. Trotzdem sind einige recht interessante, in dieses
Gebiet gehörige Fahrten zu verzeichnen.
[Illustration: Fig. 29. Der Ballon »Wega« zur Abfahrt über die Alpen
bereitgestellt.]
Die Fahrt der »Wega« über die Alpen, welche am $3. Oktober 1898$ von
÷Spelterini÷ als Ballonführer mit Professor ÷Heim÷ und Dr. ÷Maurer÷ von
Sitten aus unternommen wurde, gehört in dieses Gebiet.
Der Ballon »Wega«, Fig. 29, hatte 18·44 ¯m¯ Durchmesser, und einen
Fassungsraum von 3350 ¯m^3¯, bei 1065 ¯m^2¯ Oberfläche. Er bestand aus
sechsmal gefirnißter Seide, trug einen Ballonkorb von 1·03 ¯m¯ Höhe,
1·85 ¯m¯ Länge und 1·43 ¯m¯ Breite und war mit 1525 ¯kg¯ Sandballast
ausgestattet, von denen 1465 ¯kg¯ während der Fahrt verbraucht wurden.
Zur Erzeugung des erforderlichen Quantums Wasserstoffgases wurden 30.000
¯kg¯ Schwefelsäure und 20.000 ¯kg¯ Eisenfeilspäne verbraucht, d. h. um
circa 1 ¯kg¯ Steigkraft zu erhalten, mußten 12-1/2 ¯kg¯ feste
Materialien verwendet werden -- ungerechnet bleiben dabei die
erforderlichen Behältnisse.
Über die Fahrt selbst ist von Dr. ÷Heim÷ ein sehr interessanter Bericht
erstattet worden, aus dem ich Nachfolgendes entnehme:
»Unsere Ballonfahrt ist weder die höchste, noch die weiteste, die bisher
ausgeführt worden ist. Aber sie ist die erste, die ein bedeutendes
Gebirge überquert hat und sie ist auch die erste, deren Bahn nicht nur
auf wenige Momente, sondern sehr lange und sehr weit sich in Höhen über
5000 und 6000 ¯m¯ gehalten hat. Sie war »Hochfahrt«, »Weitfahrt«,
»Schnellfahrt« und »Dauerfahrt« zugleich.«
In geradezu klassischen Worten, die jedem Luftschiffer aus der Seele
geschrieben sind, schildert Heim die Bilder, welche sich den kühnen
Fahrern darboten.
»In einer unendlichen Pracht umgibt uns die Welt, und im Vordergrunde
aller Gefühle steht die staunende Bewunderung. Niemand kann Worte
finden, dieses selige Genießen im Schauen zu schildern. Man ahnt auf dem
Boden unten nicht, wie schön dies Gewebe von Wald und Wiese, von Feld
und Wasser, Berg und Tal, Fels und Schnee ist, wie duftend, wie
freundlich und lieblich die Dörfer und Städte aussehen, als wäre in
ihnen eine Sünde unmöglich, und wie freundschaftlich und traulich die
Straßen und Wege die Wohnstätten der Menschen miteinander verbinden. Es
ist wie eine herrliche Dichtung, was unter unserem Auge vorüberzieht.
Ja, ich erkenne die Dörfer, die Täler, die Berge; sie sind mir ja alle
vertraut, aber sie sind doch anders, sie sind wie verklärt, so rein, so
farbenduftig. Ist alle diese Pracht wirklich Wahrheit? Ich taste am
Fahrkorb, an den Seilen, ich taste an den Gefährten, um zu versuchen, ob
ich vielleicht bloß in einem schönen Traume schlafe, oder ob greifbare
Wirklichkeit mich umgebe. Im Schauen gebannt, ist es schwer, anderes
über die Lippen zu bringen, als nur beständige Ausrufe der Bewunderung
und des Entzückens. Ich habe es gesehen, wie manche in eine Art
Glücksrausch, in ein Gefühl unaussprechlicher Seligkeit verfallen.
Manche lachen, andere weinen, wieder andere werden stumm. Es ist schwer,
den Geist zur wissenschaftlichen Beobachtung zu sammeln. Man darf fast
sagen: vor Staunen und Entzücken steht einem der Verstand still. Die
paar Stunden sind verronnen wie ebenso viele Minuten. Wir haben auf
manches Einzelne genau geachtet, aber in einer Art Sinnesbetäubung durch
die Pracht, habe ich, trotz Vorsatz, noch viel mehr zu beobachten,
übersehen. Das Entzücken lähmt. Ich glaube, der Dichter ist einmal im
Ballon gefahren, der den Adler hoch in den Lüften sagen läßt: „Ach war'
doch immer das stolze Glück, ach müßt' ich doch nimmer zur Erde zurück.”
[Illustration: Fig. 30. Blick vom Ballon »÷Wega÷« aus einer
Höhe von 4100 ¯m¯ bei seiner Fahrt über die Alpen 1899 auf die
Rhonetalgletscher.]
Die Fig. 30 gibt uns ein schwaches Bild des herrlichen, vom Ballon aus
geschauten Panoramas. An der Fig. 31 erkennt man, in welch großer Höhe
der Ballon geschwebt haben muß, wenn der Ausblick so gewaltig weit
erscheint.
»Beim Blick vom Ballon herab auf das Land, klare Luft und hellen Himmel
vorausgesetzt, überrascht stets am meisten die wunderbare Kraft und
Harmonie der Farben. Die Wälder sehen aus, wie das schönste, saftigste
Moos, die verschiedenen Farbentönungen verschiedener Baum- oder
Waldarten sind viel klarer zu sehen, als in der Regel unten auf der
Erde. Die Farbunterschiede von Kulturwiese und Naturwiese, von
verschiedenen Feldern, Obstbäumen etc. bilden ein herrliches Gewebe.
Dazu kommt, daß vom Ballon gesehen, man häufig jeden Baum sich noch von
seinem eigenen Schatten abheben sieht.
Die Seen erscheinen mehr in ihrer tiefen blauen oder grünen Eigenfarbe,
wenn wir nahe über denselben stehen, während sie uns, unten an der Erde
betrachtet, stets zu einem mehr oder weniger großen Teil oder auch ganz
gespiegelte Himmelsfarben bieten. Alle Farbenunterschiede in der
Landschaft erscheinen vom Ballon aus viel stärker und lebhafter, viel
farbenfrischer, die Luftperspektive ist viel geringer als unten. Dennoch
ist das ganze nicht grell, sondern ein wunderbarer harmonischer Duft
durchwebt es. Steigen wir höher und höher, so werden die
Farbunterschiede geringer, ein feiner Dunstschleier legt sich allmählich
zwischen uns und die Landschaft zu unseren Füßen. Bei über 4000 ¯m¯ Höhe
hat er eine blaßviolette Färbung. Bei über 6000 ¯m¯ schien mir das ganze
Land unter uns stets leicht blaß, violett, dumpf abgetönt zu sein. Es
ist ein viel größerer Genuß, in geringer Höhe, in 1000 bis 2000 ¯m¯,
über dem Boden zu fahren, als in 3000 bis 5000 ¯m¯.«
[Illustration: Fig. 31. Blick vom Ballon »÷Wega÷« aus auf den Genfer See
und dessen Umgebung.]
Am $1. August 1900$ stieg ÷Spelterini÷ vom $Rigifirst$ aus, 1450 ¯m¯
über dem Meere, zu einer Fahrt über die Alpen auf. Die Fig. 32 zeigt
das malerische Bild der Situation, in welcher sich der Ballon vor der
Auffahrt befand.
Zu allen den Schwierigkeiten des Hinaufschaffens des gesamten
Ballonmaterials und der 200 Gasflaschen, aus denen der Aërostat gefüllt
wurde, trat auch noch schlechtes Wetter ein. Die für den 29. Juli
projektierte Fahrt konnte deshalb erst am 1. August vor sich gehen. Zum
Glücke gelang es, den Ballon über die Wartezeit gefesselt zu erhalten.
Bei dieser interessanten Auffahrt war Spelterini noch von Emile Gautier,
einem Mitarbeiter des Pariser »Figaro«, und von Julius Ernst aus
Winterthur begleitet. Der Ballon flog nach Nordosten und erhob sich nach
einer Stunde auf ungefähr 4160 ¯m¯. Entzückend soll der Anblick der
vielen Gletscher vom Mont Blanc bis zur Ortlergruppe gewesen sein.
[Illustration: Fig. 32. Spelterinis Auffahrt vom Rigi aus.]
Am wunderbarsten empfindet man im Kugel-Ballon die vollständige Ruhe und
dazu die feierliche Stille in der Höhe. Beide wirken geradezu erhebend.
Ob der Ballon rasch steige oder falle, ob er mit mehr als
Schnellzugseile dahinfahre, das alles kann man gar nicht empfinden. Man
fühlt sich selbst in der absolutesten Ruhe. Erst wenn man Punkte auf der
Erde unten fixiert, sieht man dieselben sich verschieben, um so
langsamer in je größerer Höhe man fährt; oder der Erdboden scheint
langsam tiefer zu sinken oder gegen uns heraufzusteigen, die Bäume
scheinen größer zu werden. Erst durch Überlegung erkennt man daraus,
daß man selbst fährt, steigt oder sinkt. Nur ganz selten, etwa bei
plötzlichem Windwechsel oder Übergang von einer Windschichte in eine
andere, fühlt man einen Moment ein Wehen. Sonst bemerkt man
selbstverständlich nicht den leisesten Luftzug, da man ja gleich schnell
mit dem Wind geht. Das Luftschiff pustet nicht und raucht nicht, es
schwebt stumm dahin, sanft, still, ohne Zittern, ohne Schwanken. Bei
2000 ¯m¯ über dem Boden vernimmt man noch den Lokomotivenpfiff oder das
Rasseln des Bahnzuges über eine Brücke. Bei 5000 ¯m¯ wird es fast
vollständig still. Man bemerkt zuerst mit Erstaunen, wie es überhaupt
ist, wenn gar kein Geräusch ans Ohr schlägt, ein Zustand, den wir unten
auf der Erde kaum jemals erleben.
[Illustration: Fig. 33. Ballonauffahrt von Turin aus.]
Auffahrten, welche von Italien aus unternommen werden, führen oft in das
Alpengebiet, es ist bis jetzt aber noch nie gelungen etwa von der
Po-Ebene aus über die Alpen nach Deutschland zu fliegen. Solch eine
Lufttour bei klarem Wetter zu veranstalten, müßte in hohem Grade lohnend
sein.
3. Bersons Hochfahrt in England.
Eine der interessantesten Hochfahrten, welche je gemacht wurden,
beschreibt Berson in der Zeitschrift für Luftschiffahrt unter dem Titel:
»In den Fußstapfen Glaishers.«
Bis zum Jahre 1894 gebührte dem englischen Gelehrten ÷Glaisher÷ und dem
englischen Luftschiffer ÷Coxwell÷ der Ruhm, am höchsten in die
Atmosphäre eingedrungen zu sein. Durch die Fahrt des »Phönix« am $4.
Dezember 1894$ durch Dr. Berson wurden sie darin geschlagen. Damals war
÷Berson÷ von Staßfurt aus allein aufgestiegen und der Ballon mit 2000
¯m^3¯ reinem Wasserstoffgas gefüllt worden. Schon 1-1/2 Stunden nach der
Abfahrt erreichte er eine Höhe von 6750 ¯m¯ bei -29°. Hier begann er das
erstemal mit der Sauerstoffeinatmung, was von vorzüglicher Wirkung
begleitet war, doch durfte die künstliche Atmung von circa 8000 ¯m¯ an,
ohne Schwindel und gefährliches Nachlassen der Kräfte zu empfinden, auf
keine kürzere Zeit als auf höchstens fünf Sekunden unterbrochen werden.
Bei 8500 ¯m¯ war die größte Erhebung erreicht, die Glaisher am 5.
September 1862 an seinem Barometer ablas, worauf er in tiefe Ohnmacht
fiel, aus der er erst erwachte, als Coxwell den Ballon am weiteren
Steigen gehindert hatte. In 9000 ¯m¯ Höhe wurden die Cirrostratuswolken
durchschritten, welche merkwürdigerweise nicht, wie man gemeiniglich
annimmt, aus Eiskristallen, sondern aus wohlgebildeten kleinen
Schneeflocken bestanden. 2-1/3 Stunden nach der Abfahrt waren 9150 ¯m¯
Seehöhe erreicht, die Temperatur hatte -47·9° und der Luftdruck betrug
nur mehr 231 ¯mm¯ gegen 762 ¯mm¯ am Meeresspiegel.
Berson fühlte sich, wie er sagte: »lächerlich wohl, viel wohler, als
kurz vorher,« dennoch durfte er nicht höher steigen, wollte er nicht
leichtsinnig und aëronautisch durchwegs inkorrekt handeln. Er landete,
nachdem der Ballon drei Stunden gefallen war, wohlbehalten in Schönwald,
westlich von Kiel.
Um die in den Sechzigerjahren von Glaisher und Coxwell unternommenen
Hochfahrten zu kontrollieren, wurde beschlossen, unter ganz ähnlichen
Voraussetzungen wie bei Glaisher, außer in Deutschland auch in ÷England÷
eine Auffahrt zu machen.
Über diese, im höchsten Grade interessante, am $14. September 1898$
ausgeführte Hochfahrt berichtet Berson u. a. folgendes:
»Fünf Minuten nach 2 Uhr fing mit einem Male der Kristallpalast an mit
den beiden ihn flankierenden Türmen in die Tiefe hinabzusinken, ein
Gewirr von Stimmen tönte herauf, und ehe wir uns recht umsehen konnten,
lag eine Provinz von Häusern und Straßen, mit hundert wirr
durcheinander laufenden Eisenbahnlinien, Strom und Landschaft und der
fern verschwindende, parkartige Horizont Südenglands, rasch sich
verkleinernd, tief zu unseren Füßen.
[Illustration: Fig. 34. Dr. Berson.]
Wir hatten infolge der, auf den nahen und hoch gelegenen, mit seinem
imposanten Zentralbau und seinen Türmen selber eine bedeutende Erhebung
darstellenden Kristallpalast, wehenden Windrichtung beim Verlassen der
Erde einen kräftigen ersten Auftrieb nehmen müssen, der wohl auch ein
wenig stärker als nötig ausgefallen war; denn der Ballon schoß mit
gewaltiger Geschwindigkeit nach oben. Es rauschte ordentlich in der
birnenförmig herunterhängenden Stoffmasse, zwischen deren Falten das
rapid zur Ausdehnung gezwungene Gas mit mächtigem Drucke einströmte, die
Leinen des Netzes streckten sich und knisterten, der schnellen
Gestaltänderung des Ballons nachgebend, der Korb war in einem dauernden
leichten Zittern begriffen. Der in der Luft im untern Teile des Ballons,
teilweise auch im Füllgase mitgerissene Wasserdampf kondensierte sich
rasch in der rapid zunehmenden Abkühlung und strömte von Zeit zu Zeit
wie weißlicher Qualm aus dem Füllansatze heraus. Schnell überflog das
Auge das ihm neue, von dem mir gewohnten nord- oder mitteldeutschen
grundverschiedene Landschaftspanorama -- und so oft es zu den Apparaten
zurückkehrte, fand ich das Thermometer um eine ganze Reihe von Graden
gefallen. Der »Exzelsior«, wie unser Ballon -- nebst zahlreichen seiner
Brüder -- hieß, stieg zeitweise mit einer vertikalen Geschwindigkeit von
5 bis 6 ¯m¯ per Sekunde empor -- und als er nach genau einer halben
Stunde die Höhe erreicht hatte, in welcher er voll und auch der erste
Auftrieb von circa 80 ¯kg¯ verbraucht war, befanden wir uns bei einem
Barometerstande von 315 ¯mm¯ und einer Temperatur von -26-1/2° in rund
7200 ¯m¯, so daß die mittlere Geschwindigkeit seines Aufwärtsfluges
noch immer 4 ¯m¯ in der Sekunde betragen hatte. Eine halbe Stunde lang
stiegen wir also in jeder Sekunde um ein Stockwerk höher.
Schon vorher, bei etwa 6000 ¯m¯, hatte mir M. Spencer zugerufen, er
fange an, sich »so komisch« zu fühlen; ich wußte wohl aus früherer
Erfahrung, was das zu bedeuten habe und gab ihm den Rat, sogleich mit
der Sauerstoffatmung zu beginnen. Er tat es mit ausgezeichnetem Erfolge
und wenige Minuten später folgte ich seinem Beispiele. Ich kann es
angesichts gegenteiliger, meist vom grünen Tische aus geäußerter
Ansichten nicht kräftig genug betonen, in welch ausgezeichnetem Maße ich
noch bei jedem, mit dem ich Fahrten in große Höhen unternommen habe, und
bei mir selber, die erfrischende, kräftigende, Energie und Wohlbefinden
in gleicher Weise hebende Wirkung der künstlichen Sauerstoffzuführung
festgestellt habe.
In langsamer Vorwärtsbewegung hatte der Ballon indessen beinahe einen
Halbkreis beschrieben und schon vor drei Uhr unter Ballastauswurf 8000
Meter Höhe überschritten. Die Temperaturabnahme, welche zunächst nur in
den untersten 1000 Metern, in der Nähe der stark erhitzten Erde, schnell
erfolgte, dann aber bis über 4500 Meter mäßig war (wenig über 1/2° per
100 ¯m¯) nahm nun über diesen mittelhohen Schichten immer mehr zu, bis
auf 0,8 und O,9° per 100 ¯m¯ -- und rasch sah ich, trotz England und
ozeanischem Klima, trotz einer Wärme von 27° unten und barometrischem
Maximum und südwestlicher Luftströmung, meine Thermometer (Quecksilber-
und Alkohol-) den in diesen Höhen gewohnten, und von uns auch
erwarteten, tiefen Kältegraden zueilen. Schon unterhalb von 8000 ¯m¯ war
die Temperatur unter -30° gesunken und fiel noch immer rasch weiter. Wir
hatten die Themse östlich von London, ja noch östlich der „Isle of Dogs”
überflogen und schienen nun beinahe mit rein westlichem Winde zu gehen.
Aber diese Feststellungen waren nur das Ergebnis längerer, genauer
Verfolgung des Weges; für den unmittelbaren Blick des Auges war weder
eine Bewegung des Ballons bemerkbar, noch auch hatte man aus dieser
ungeheuren Höhe den Eindruck über einem vereinzelten Punkte der
Landschaft, einem Dorfe oder Stromarme, zu schweben. Dazu war denn doch
das vom Auge mit einem Male umspannte Panorama zu groß. Noch schien ganz
London zu unseren Füßen zu liegen und doch glaubten wir in unmittelbarer
Nähe der meeresartig sich verbreiternden Themsemündung zu sein; in
tiefen Einschnitten griff die See mit den Buchten von Chatham und
Whitstable, von Maldon, Colchester und Ipswich in das Land hinein, von
dem wir die Empfindung hatten, daß es uns gewissermaßen unter unseren
Füßen weggezogen werde. Während dem kundigen Ballonführer aus geringeren
Höhen eine nur leicht gewellte Hügellandschaft sich in Schatten und
Farbenstufen verrät, waren aus dieser Erhebung die Downs sowohl, wie der
Wald und die Hügel von Hertfordshire und Essex förmlich glattgestrichen;
in mächtigem Bogen umspannte das Meer mit mattsilbernem Spiegel
Südengland, breit ausladend sah man den Kanal von der Straße von Dover
gen Südwesten sich öffnen und aus dem weißlichen Dunst des durchsonnten
Horizontes in feinen, scharfen Umrissen den dunkleren Küstenstrich
jenseits, das Land zwischen Dünkirchen und Dieppe sich abzeichnen. Ich
habe auf hohen Alpengipfeln oft das Wort »unvergeßlich« gebraucht; aber
noch nie hatte ich es mit soviel Recht vor mich hingemurmelt, als bei
diesem, Länder und Meere umfassenden Anblicke.