[Illustration: Fig. 19. Bilder der berühmtesten französischen

Kugelballons-Luftschiffer der Gegenwart und zwar von links nach rechts:

Graf Castillion de St. Victor, Hervieu, Balsan, Faure, Graf de la Vaulx,

Juchmès, Maison.]

Die sechs ÷längsten÷ Ballonfahrten, welche die Geschichte der

Luftschiffahrt verzeichnet, sind derzeit:

Dauer Balloninhalt Kilo

Stund. Min. Ballast

De La Vaulx, 9. Oktober 1900 35 45 1630 1100

J. Balsan, 16. September 1900 35 09 3000 ?

De La Vaulx, 20. Oktober 1899 29 05 1630 ?

J. Balsan, 20. Oktober 1899 27 05 3000 1120

M. Farman, 9. Dezember 1900 26 30 1850 670

Carton, H. Silberer, 30. Aug. 1901 23 24 1200 370

Die fünf ersten Fahrten wurden von Paris aus unternommen, die letzte von

Wien aus.

Herbert ÷Silberer÷ beschreibt diese Fahrt in der Allgemeinen

Sportzeitung vom 8. September v. J. Die hierbei beobachteten ÷Aureolen÷

werden folgendermaßen charakterisiert:

»Die erste Form trat um 1/2-1 Uhr auf. Um diese Zeit schien der Schatten

des Ballons mitsamt der Gondel von einem sehr großen Regenbogen

(Aureole) ganz umgeben. Bald ging die Erscheinung in die zweite Form

über. Der Farbenkreis ober dem Schatten des Ballons selbst verblaßte,

und der Schatten unserer Gondel wurde der Mittelpunkt eines kleineren

Kreises, der rechts, links und unter der Gondel intensiv, ober der

Gondel, wo der Ballonschatten auffiel, aber blaß gefärbt war. Der

Farbenkreis war meist dreifach sichtbar. Rot, orange, gelb, grün,

lichtblau, indigo und violett dreimal in dieser Reihenfolge so

angeordnet, daß violett immer wieder in rot überging.

Die dritte Form der Aureole, welche erst von 3/4-2 Uhr an auftauchte,

ist folgende: Der Ballon und die Gondel werden scheinbar nicht in ihrer

Form als Schatten projiziert, sondern es bildet sich um die Sehachse des

beschauenden Auges als Achse (beziehungsweise um den Augpunkt als

Mittelpunkt) ein Strahlenkreuz; die Strahlen sind schattenartig dunkel

und reichen bis zu einem sehr großen weißlichen Ring hinaus. Dieser Ring

umfaßt im Durchmesser vielleicht 90 Grad, vom Auge des Beschauers an

gemessen. Er ist rein weiß (keine Spur von Spektralfarben) und hebt sich

ziemlich stark von der übrigen Wolkenfläche ab. Mit etwa 1/4-1/5 des

Radius von diesem Ring ist der äußere Kreis der dreifachen Aureole

selbst beschrieben. Die Aureole erstreckt sich nach innen ziemlich weit

bis zum Mittelpunkt. Die oben genannten, dunklen Strahlen dringen durch

die Aureole durch und gehen, immer blasser werdend, bis zu dem großen

Ring hinaus. Die Strahlen bewegen sich, wenn der Beschauer seine

Stellung ändert.«

Interessant ist, was Graf de La Vaulx über das bei seiner Dauerfahrt am

÷26. August÷ 1900 Gesehene, speziell über die in der Nacht beobachteten

Leuchttürme schreibt. Er hielt sich ober den Wolken auf und glaubte in

nordsüdlicher Richtung der Westküste der Halbinsel Cotentin entlang

gefahren zu sein. Nach der Farbe und Stellung der Leuchtfeuer zu

urteilen, ist er jedoch über die Minquiers im Süden von Jersey gekommen

und durch dieselbe Luftströmung wieder auf das Festland gebracht

worden, von welcher Juchmès nach Mayennes getrieben wurde.

Die erste Wettfahrt am $17. Juni 1900$ war eine Dauerfahrt, an der elf

Ballons teilnahmen. Der größte davon hatte 2226 ¯m^3¯, der kleinste 540

¯m^3¯ Inhalt. Das Handicap erfolgte in der Weise, daß der Ballast nach

dem kubischen Inhalte des Ballons berechnet wurde, und zwar durfte jeder

Ballon nur ein Fünftel seines Kubikinhaltes in Kilogramm Sand mitführen,

d. h. also ein Ballon von 2000 ¯m^3¯ Rauminhalt durfte 400 ¯kg¯

Freiballast mitführen, ein Ballon von 1000 ¯m^3¯ 200 ¯kg¯ und ein Ballon

von 600 ¯m^3¯ 120 ¯kg¯. Was der Ballon mehr an Gewicht im Korbe

benötigte, mußte in plombierten Säcken mitgenommen werden, die

uneröffnet und unbenutzt wieder zu Hause abzuliefern waren.

[Illustration: Fig. 20. Halbgefüllte Ballons im aëronautischen Park von

Vincennes am 17. Juni 1900, 9 Uhr früh.]

Die beiden Figuren 20 und 21 geben uns eine Vorstellung von dem bewegten

aëronautischen Leben im Park von Vincennes gelegentlich der

Ballonwettfahrten in den Jahren 1900.

Der Sieger in dieser ersten Fahrt wurde ÷Balsan÷ mit 18 Stunden 4

Minuten, Zweiter: Faure mit 16 Stunden 47 Minuten.

Am $26. August$ fand die zweite Dauerfahrt statt. Es zeugt von den

großen Fähigkeiten und dem außerordentlichen persönlichen Mute der

Pariser Amateurluftschiffer, daß trotz des herrschenden Sturmes nicht

weniger als zehn Ballons auffuhren. Selbstverständlich konnte bei diesen

ungünstigen Witterungsverhältnissen von einer großen Dauer der Fahrt

keine Rede sein. Sieger wurde ÷Juchmès÷ mit 11 Stunden 52 Minuten.

Am $16. September$ starteten in Paris 25 Ballons -- noch nie waren an

einem Tage zuvor gleichzeitig so viele in die Luft gestiegen.

Während der Auffahrten des Abends wurden Versuche mit elektrischen

Scheinwerfern gemacht, die vortrefflich gelangen. In den Gondeln der

Ballons waren elektrische Glühlampen angebracht; die fliegenden Lichter

ließen sich natürlich leicht und weit verfolgen. Zum Schlusse wurden

Ballons steigen gelassen, welche Feuerwerkskörper enthielten und die

Nacht mit ihren bunten Feuergarben wunderhübsch erleuchteten.

[Illustration: Fig. 21. Füllung der Ballons im aëronautischen Park von

Vincennes am 17. Juni 1900, 9 Uhr früh.]

Von diesen 25 Ballons machten 17 eine Zielfahrt, acht Ballons je eine

Dauerfahrt, wobei Balsan 35 Stunden 9 Minuten in der Luft blieb.

Am $9. September$ gab es die letzte und großartigste Fahrt, nämlich eine

kombinierte Weit- und Dauerfahrt, bei welcher keine Beschränkung im

Ballast stattfand. An dieser Fahrt nahmen sechs Ballons teil. Hiebei

wurde die größte bisher zu verzeichnende Leistung erzielt: Graf ÷de La

Vaulx÷ legte nämlich in 35:45 nicht weniger als 1925 ¯km¯ zurück und

landete in Kiew (Rußland). Alle sechs Ballons aber kamen erst außerhalb

Frankreichs zur Erde. ÷Balsan÷ machte 1350 ¯km¯ in 27:15, ÷Faure÷ 950 in

19:25, ÷Maion÷ 650 in 16:30, ÷Hervieu÷ 585 in 18:58 und ÷Juchmès÷ 550

¯km¯ in 16:35. Es ist daher kein Luftschiffer unter 500 ¯km¯ weit

gefahren und keiner unter 16 Stunden oben geblieben.

Graf de ÷La Vaulx÷ berichtet, daß er bei der Landung noch mehr als 100

¯kg¯ Ballast im Korbe hatte und mit Leichtigkeit noch weiter hätte

fahren können. Er beendete seine Fahrt nur deshalb, damit er nicht über

die Grenzzone hinaus, ins innere Rußland käme, wo er dann durch die

Formalitäten der Ausstellung eines Passes lange aufgehalten worden wäre

und an der bevorstehenden Dauer- und Weitfahrt nicht hätte teilnehmen

können. Die lokalen Behörden haben nämlich nicht die Befugnis,

Reisepässe fürs Ausland auszustellen, ohne daß diese von St. Petersburg

aus bestätigt werden. Graf de La Vaulx wäre demnach zu einem sehr

unliebsamen Aufenthalt in Rußland gezwungen worden, umsomehr, als er

leicht in die ungeheueren, spärlich bewohnten Wälder Innerrußlands

getrieben worden wäre, wo der Transport des Ballons große

Schwierigkeiten verursacht hätte.

Die russischen Bauern, die zur Landung herbeigeeilt waren, glaubten

zuerst, der Aëronaut sei ein Deutscher; als sie aber hörten, er sei ein

Franzose, konnten sie sich vor Enthusiasmus nicht halten; sie stürzten

sich auf de La Vaulx und küßten ihm die Hände. Der überraschte Kapitän

des »Centaure« konnte sich ihrer kaum erwehren. Die Konversation ging

anfangs nicht gar leicht von statten; einige sprachen de La Vaulx auf

polnisch an, andere auf russisch, auf deutsch und auf schwedisch.

Endlich fand sich ein Edelmann aus der Nachbarschaft, der französisch

konnte.

Die Fahrt von Frankreich nach Rußland war seit der Alliance schon oft

versucht worden, aber niemals gelungen; Graf de La Vaulx ist der Erste,

der sie zuwege gebracht hat. Vom Pariser Aëro-Klub wurde ihm zur

Erinnerung an die schöne Fahrt eine Medaille verliehen.

Von einem anderen Konkurrenten, Jacques ÷Faure÷, der mit dem Ballon

»Aëro-Klub« auffuhr, wird folgende interessante Landungsszene berichtet:

»Um 5 Uhr morgens erwärmten die ersten Sonnenstrahlen den „Aëro-Klub”;

dieser erhob sich auf 5000 ¯m¯, wo er bis 9 Uhr blieb. Nun hatte Faure

nur mehr einen halben Sack Ballast übrig und war infolgedessen

gezwungen, herunterzugehen. Der Wind wehte noch ziemlich stark, doch

ging die Landung glatt von statten. Um sich noch ein wenig oben zu

halten und die Reise zu verlängern, warf Faure, als er dem Boden nahe

war, kurz entschlossen seinen Proviant und die mitgenommenen

Champagnerflaschen aus, denen bald auch die Reisedecken und Überkleider

folgten. Nun begann sich Faure auch auszuziehen, bis er schließlich in

sehr sommerlicher Toilette und nach einer kurzen Schleiffahrt über etwa

300 ¯m¯ auf einem Acker landete. Er war nur wenige Kilometer weit von

der russischen Grenze entfernt; die von Paris aus zurückgelegte Strecke

betrug 1250 ¯km¯. Faure hatte zu seiner Fahrt ungefähr 20 Stunden

gebraucht.

6. Fahrten bei Windstille.

Absolute Windstille ist ein Zustand, den unsere Atmosphäre eigentlich

nicht kennt.

Wenn man also von Windstille spricht, so meint man so schwache

Windströmungen, welche unserem Gefühle kaum merkbar sind. Es sind dies

Geschwindigkeiten, die 1/2-1 ¯m¯ per Sekunde nicht überschreiten und in

unseren Gegenden etwa an 20-30 Tagen im Jahre vorkommen.

Daß man bei lange dauernden Ballonfahrten keine weite Weglänge

zurückzulegen braucht, erfuhr schon mancher Luftschiffer zu seinem

Leidwesen. Nach Beispielen dieser Art darf man nicht lange suchen. So

kam Oberleutnant ÷Sojka÷ im Jahre 1890 in 23 Stunden nur von Wien nach

Tulln, wogegen ich selbst einige Tage vorher (in der Nacht vom 10. auf

den 11. Juli 1890 mit dem Ballon »Radetzky« in Gesellschaft des

Leutnants Eckert) in kaum 12 Stunden in einer Nacht von Wien über

Ungarn, Galizien, Rußland bis fast an die Ostsee gekommen war.

Graf de la ÷Vaulx÷ landete nach 15stündiger Fahrt am 4. Juni 1900 im

Weichbilde der Stadt Paris, von wo er aufgefahren war. Graf de la Vaulx

stieg in Begleitung von Herrn und Frau Fugué de la Fauconnerie gegen 5

Uhr früh mit seinem Ballon »Le Rêve«, der 1000 ¯m^3¯ faßt, in der

Gasanstalt zu Landy auf. Der Ballon erhob sich rasch auf eine Höhe von

1500 ¯m¯. Infolge des Zusammentreffens von ganz eigentümlichen,

meteorologischen Umständen kreiste gerade zu jener Zeit ein mächtiger

Zyklon über der Hauptstadt, so daß es den Aëronauten nicht gelang, sich

aus dem Bannkreise von Paris zu entfernen. Da man vor Eintritt der Nacht

die Landung bewerkstelligen wollte, zog Graf de la Vaulx gegen 9 Uhr die

Ventilleine. Als der Ballon ungefähr in einer Höhe von 30 ¯m¯ schwebte,

warf man den Anker aus.

III. Kapitel.

Besonders interessante Ballonfahrten.

1. Die Andréesche Nordpol-Ballonexpedition.

Den Nordpol zu erreichen, wurden schon die verschiedensten Mittel

angewendet. Weil es ÷auf÷ dem Eise schwer geht ÷über÷ das massenhaft

übereinander aufgestapelte, nasse Element zu gelangen, will man ÷ober÷

und auch ÷unter÷ dem Eise vorwärtsdringen. Eine Expedition mit Hilfe von

Unterseebooten gegen den Nordpol ist eben in Vorbereitung begriffen.

Der Gedanke, den ÷Luftballon÷ in der arktischen Forschung zu verwerten,

hängt, wie Moedebeck in den »Illustrierten aëronautischen Mitteilungen«

des Näheren ausführt, innig mit der Geschichte dieser Forschung selbst

zusammen. Als Franklin im Jahre 1845 mit den Schiffen »Erebus« und

»Terror« zur Erforschung der nordwestlichen Durchfahrt England verließ,

wies gleichzeitig der französische Luftschiffer ÷Dupuis-Delcourt÷ in

einem Berichte an sein Ministerium darauf hin, wie man mit Hilfe des

Ballons leicht den Nordpol erreichen könne, und dem »L'Aëronaute«

zufolge haben noch andere, wie ÷Mareschal÷, ÷Silbermann÷ und ÷Gustave

Lambert÷, auf die Vorzüge des Ballons für die Überwindung aller den

Nordpolfahrern sich bietenden Hindernisse, aufmerksam gemacht.

Während der zahlreichen Expeditionen zur Aufsuchung des unglücklichen

÷Franklin÷ in den Jahren 1848-1850 wurden den Schiffen große Mengen

kleiner Nachrichtenballons mitgegeben, die ein Engländer ÷Shepherd÷

erfunden und mit Erfolg in England probiert hatte. Mit Tausenden von

bedruckten farbigen Papierzetteln versehen, wurden sie dem Spiel der

Winde überlassen, um ihren hilfekündenden Inhalt über die arktische

Inselwelt Amerikas auszustreuen. Vermochten diese Rettungsboten dem

längst Toten auch keine Hilfe mehr zu bringen, so bewiesen sie doch den

ausgesandten Rettern, wiewohl sie dazu befähigt gewesen wären, denn man

fand zufällig derartige Zettel auf, in Entfernungen von 50 englischen

Meilen von ihrem Auflaßorte.

Wenn auch die einmal angeregte Idee der Polarforschung mittels

Luftballons in verschiedenen Romanen fortglomm, so treffen wir das erste

wissenschaftliche Projekt dieser Art doch erst im Jahre 1866, wo Dr. E.

$Meissel$, Direktor der städtischen Realschule zu Kiel, den Nordpol mit

Hilfe eines kombinierten Leuchtgas- und Warmluftballons und

verschiedener Luftströmungen erreichen wollte.

Der Leuchtgasballon sollte 22.500 ¯m^3¯, die unter ihm befindliche

Montgolfière 3750 ¯m^3¯ Inhalt haben. Gasverluste wollte Meissel durch

auf 12·5 Atmosphären komprimiertes, flüssiges Ammoniakgas ersetzen.

Zwölf Mann sollten von Petersburg aus in 7-1/2 Tagen nach dem Nordpol

gelangen. Im ganzen waren für die Reise 24 Tage und Proviant für 40 Tage

vorgesehen.

Der bekannte französische Luftschiffer $Sivel$ legte der »Société

française de navigation aérienne« ein interessantes Projekt zur Prüfung

vor. Er gedachte sich eines Wasserstoffgasballons von 18.000 ¯m^3¯

Inhalt zu bedienen. Abgesehen von der Sorgfalt in der Wahl und Dichtung

des Ballonstoffes, wollte Sivel den Gasballon außer mit einem Netze,

noch mit einer darüber befindlichen, glockenartigen äußeren Hülle

umgeben, an deren unterem Ende ein mit atmosphärischer Luft gefüllter,

stark gebauter, ringförmiger Sack (couronne) befestigt war.

Der Polarballon sollte an einem 500-600 ¯m¯ langen Schlepptau fahren.

Die Gondel war gedeckt und gleichzeitig als Boot und Schlitten

eingerichtet, eine Vereinigung, die dadurch erzielt werden sollte, daß

man dem Boote zwei Kiele gab. Für die Landung war eine Ausrüstung mit

Land- und Wasserankern projektiert. Für die Expedition waren zehn

Personen in Aussicht genommen. Die Ausrüstung mit Lebensmitteln wurde

für drei Monate vorgesehen. Der Ballon sollte nicht über 800 ¯m¯

steigen, was der Luftring im Vereine mit dem Schlepptaue automatisch zu

bewirken hatte.

Ein englischer Seeoffizier, John P. $Cheyne$, wollte, gleich Sivel mit

dem Schiff, soweit als möglich vordringen und dann aber mit drei

übereinander gefesselten Ballons, von nur je 900 ¯m^3¯, mit sieben

Personen den Nordpol erreichen.

Im Jahre 1892 traten die bekannten französischen Luftschiffer $Hermite$

und $Besançon$ mit einem Projekte hervor, von Spitzbergen aus mit fünf

Personen in 5-1/2 Tagen den Nordpol mit Ballon zu erreichen. Der Ballon

sollte 15.000 ¯m^3¯ besitzen und 16 kleine Gasballons, von je 180 ¯m^3¯

Inhalt, als Gasreservoirs, die sich bei 830 ¯m¯ Höhe öffneten,

mitnehmen. Der Ballon sollte ein 3000 ¯m^3¯ großes Ballonet haben und

eine 1600 ¯m¯ lange Schleifleine mit sich führen. Proviant war für 80

Tage vorgesehen.

[Illustration: Fig. 22. Andrée, der Führer der ersten

Luftballon-Nordpolexpedition.]

Der erste aber, und hoffentlich auch der letzte, welcher wirklich mit

einem Kugelluftballon die Reise nach dem Pol angetreten hat, war

$Andrée$ mit seinen Reisegefährten $Fränkel$ und $Strindberg$.

Nachdem Andrée schon im Jahre 1896 in Spitzbergen den Ballon gefüllt,

aber weil günstige Winde nicht eintraten, die Abfahrt auf das nächste

Jahr verschoben hatte, trat er die Reise in das ewige Eis und damit

gleichzeitig, wie wir heute leider als bestimmt annehmen müssen, in das

Jenseits, am 11. Juli 1897 an.

÷Vom 19.-22. Juni wurde der 5000 ¯m^3¯ fassende Ballon mit

Wasserstoffgas in 89 Stunden gefüllt.÷

[Illustration: Fig. 23. Fränkel, Teilnehmer an der Andrée-Expedition.]

Andrée trat mit seinem Vorschlage, den Nordpol mit Hilfe des Luftballons

zu erreichen, zuerst am 13. Februar 1895 in einem Vortrage in der

»Königlich schwedischen Akademie der Wissenschaften« und zwei Tage

später in einem ähnlichen Vortrage in der »Gesellschaft für

Anthropologie und Geographie« in Stockholm hervor.

Vier Bedingungen stellte er, als zur glücklichen Erreichung des Zieles

erforderlich, hin:

»1. Der Ballon muß eine so große Tragkraft besitzen, daß er drei

Personen mit ihrem Gepäck, alle zu den Beobachtungen

erforderlichen Instrumente, Lebensmittel für vier Monate, Geräte,

Werkzeuge, Waffen u. s. w. und Ballast tragen kann; alles zu einem

Gesamtgewichte von 3000 ¯kg¯ berechnet.

2. Der Ballon muß so gasdicht sein, daß er während 30 Tage sich in

der Luft schwebend halten kann.

3. Die Füllung des Ballons mit Gas muß in den Polargegenden

geschehen können.

4. Der Ballon muß bis zu einem gewissen Grade lenkbar sein.«

Um die erste Bedingung zu erfüllen, schlägt er einen mit Wasserstoff

gefüllten Ballon von doppelter, gefirnißter Seide und 6000 ¯m^3¯

Volumen, vor. Dadurch glaubt er auch die zweite Bedingung ohne

Schwierigkeit erfüllen zu können, wenn er den Ballon durch Schlepptaue

so balanziert, daß derselbe in einer mittleren Höhe von etwa 250 ¯m¯

über der Erdoberfläche schwebt.

[Illustration: Fig. 24. Strindberg, Teilnehmer an der

Andrée-Expedition.]

Die wahrscheinliche, mittlere Geschwindigkeit des Ballons in dieser Höhe

während der Polarfahrt berechnet er zu 7·5 ¯m¯ in der Sekunde, d. h. 27

¯km¯ in der Stunde oder 648 ¯km¯ in einem Tage.

Den Grund, warum Andrée eine Minimalzeit von 30 Tagen festgestellt hat,

während welcher der Ballon schweben müßte, finden wir in den folgenden

Worten:

»Wenn die Fahrt während 30 Tage fortgeht, so wird der durchlaufene Weg,

nach den oben mitgeteilten Berechnungen über die wahrscheinliche

mittlere Geschwindigkeit des Ballons, etwa 19.400 ¯km¯ betragen. Die

Reise aber von Spitzbergen nach der Behringsstraße, eine Strecke von

3700 ¯km¯, erfordert nicht mehr als sechs Tage, d. h. ein Fünftel der

Zeit, während welcher der Ballon schweben kann.«

Andrée verlangte also von dem Ballon als Minimum eine fünffache

Sicherheit.

Die erforderliche Lenkung des Ballons wollte Andrée mit Hilfe eines

Segels und durch Verschiebung des Befestigungspunktes der Schlepptaue

erreichen.

Ursprünglich sollte auch Dr. Niels ÷Ekholm÷ mit Andrée fahren. Er trat

jedoch zurück, weil letzterer der Bedingung hinsichtlich der

Gasdichtheit des Ballons nicht zur Genüge zu entsprechen vermochte. Nach

÷Ekholms÷ Ansicht wäre der Ballon für das Unternehmen zu klein gewesen

und hätte nach der Probefüllung, welche am 27. Juli 1896 vollendet war,

zuviel Gas verloren.

Nach Messungen von Ekholm betrug die Abnahme der Tragkraft 509 ¯kg¯ in

20 Tagen, obgleich während dieser Zeit 780 ¯m^3¯ Wasserstoff nachgefüllt

wurden. Rechnen wir für 1 ¯m^3¯ Wasserstoff eine Tragkraft von 1·1 ¯kg¯,

so beträgt also die ganze durch die Nachfüllung bewirkte Vermehrung der

Tragkraft 858 ¯kg¯ und der ganze Verlust an Tragkraft in den 20 Tagen

1367 ¯kg¯ oder 68·3 ¯kg¯ pro Tag.

Aus diesen Daten ergibt sich ein Verlust an Tragkraft in den ersten drei

Tagen, also vor der Firnissung von etwa 100 ¯kg¯ pro Tag, in den acht

letzten Tagen aber (8.-16. August) von nur 60 ¯kg¯ pro Tag.

Wenn wir dagegen versuchen, diesen Verlust nur aus der Nachfüllung in

den 18 Tagen vom 27. Juli bis 14. August zu berechnen, so ergibt sich

ein täglicher Verlust von 43 ¯m^3¯ Wasserstoff, entsprechend einem

Tragkraftverluste von nur 47 ¯kg¯ pro Tag.

Ekholm berechnete aus diesen Messungen, daß der Ballon statt der

geforderten 30 Tage, nur 17 Tage sein Gas in entsprechender Weise

tragfähig halten könne.

Er teilte die Hauptpunkte seiner Bedenken rechtzeitig am 26. September

1896 der Physikalischen Gesellschaft in Stockholm in einer Abhandlung

»Über das Gleichgewicht und die Bewegung des Andréeschen Polarballons«

mit, in welcher er auch ausführte, daß die wahrscheinliche Dauer der

Ballonreise von Spitzbergen nach Asien oder Nordamerika etwa einen Monat

und bei ungünstigen Winden noch mehr betragen würde. Wegen der

Krümmungen der Windbahnen und der geringen Lenkbarkeit des Luftschiffes

mußte nämlich die durchlaufene Bahn wenigstens zwei- bis dreimal länger

als der gerade Weg zwischen diesen Ländern werden.

[Illustration: Fig. 25. Niels Ekholm, ist von der Andréeschen

Luftballon-Nordpolexpedition zurückgetreten.]

Schließlich war auch die von Andrée konstruierte Ablenkungsvorrichtung

wenig befriedigend. In der Tat befanden sich der Befestigungspunkt der

Schlepptaue und der Mittelpunkt des auf das ganze System wirkenden

Winddruckes fast in derselben Vertikallinie, wodurch ein unbestimmtes

und vielleicht selbst labiles Gleichgewicht des Luftschiffes um diese

Vertikallinie entstehen mußte. Dieser Fehler wurde schon im Frühjahr

1896 von Strindberg und Ekholm bemerkt; Andrée versprach zwar demselben

soweit als möglich abzuhelfen. Der Fehler schien aber noch im Sommer

1896 unverbessert und blieb auch noch später bestehen, weil das

Luftschiff beim Abfahren eine Umdrehung machte, so daß der

Befestigungspunkt der Schleppleinen sich voran, d. h. an die Leeseite

stellte. Hierdurch wurde natürlich die ganze Ablenkungsvorrichtung in

Unordnung gebracht.

Das unbedingte Vertrauen, das ÷Andrée÷ seiner Ballonausrüstung schenkte,

zeigte sich unter anderem auch darin, daß er das Anerbieten der

freigebigen Mäcenaten: Alfred ÷Nobel÷ und Oskar ÷Dickson÷, alle für die

von Ekholm geforderten Verbesserungen nötigen Geldmittel zu seiner

Verfügung zu stellen, ablehnte. Alfred Nobel selbst schlug Andrée vor,

einen neuen, größeren Ballon bauen zu lassen. Ebensowenig genehmigte

Andrée den nicht nur von Ekholm, sondern auch von seinen anderen

Freunden gemachten Vorschlag, die Tragkraft und Undurchdringlichkeit des

alten Ballons in Stockholm oder Paris dadurch zu prüfen, daß er

denselben in einem Ballonhaus mit Wasserstoff füllen und während zweier

Monate wägen sollte.

[Illustration: Fig. 26. Ballonhalle mit gefülltem Ballon im

Virago-Hafen.]

Im Winter des Jahres 1896-1897 vergrößerte Andrée das Volumen seines

Ballons um circa 300 ¯m^3¯, indem er den Ballon längs des Äquators

entzweischnitt und zwischen die beiden Halbkugeln ein ringförmiges,

gefirnißtes Seidenband von 1 ¯m¯ Breite einfügte.

Die Füllung des Ballons war am 22. Juni 1897 in Spitzbergen um 11 Uhr

abends beendet. Am 24. Juni wurden 100 ¯m^3¯ Gas ausgelassen, bis 11.

Juli im ganzen 1050 ¯m^3¯ Gas nachgefüllt. In den ersten 12 Tagen verlor

der Ballon, wie Messungen ergaben, etwa 47 ¯m^3¯, in den letzten 5 Tagen

zirka 70 ¯m^3¯ Gas durch Diffussion. Durch den am 7. und 8. Juli

herrschenden Sturm wurde die Hülle durch Andrücken und Reiben an der

Halle leider stark beschädigt, so daß er noch mehr Gas pro Tag einbüßte.

Es ergibt sich somit ein täglicher Verlust an Tragkraft von 111 ¯kg¯.

Wahrscheinlich war der Verlust während der Reise noch größer, denn

erstens erhielt der Ballon bei der Abfahrt einen heftigen Stoß gegen

einen Balken, zweitens wird natürlich der Verlust infolge der

Erschütterungen und des Winddruckes vermehrt.

Die Luftschiffahrt der Gegenwart · 第 4 / 19 段