Die einwandfreie größte Höhe, die von einem Menschen je erreicht wurde,

beträgt 10.500 ¯m¯. Sie wurde von dem in Berlin lebenden Österreicher

A. ÷Berson÷ und von Dr. R. ÷Süring÷ am $31. Juli 1901$ mit dem Ballon

»Preußen« erreicht.

Dieser von der Continental Kautschuk- und Guttapercha-Compagnie in

Hannover erbaute, 8400 ¯m^3¯ fassende Ballon ist Eigentum des

aëronautischen Observatoriums des königlich preußischen Institutes in

Potsdam, welches ihn vom Baumeister ÷Enders÷ zum Geschenk erhielt. Se.

Majestät, der ÷deutsche Kaiser÷ widmete 10.000 Mark für die damit

anzustellenden Experimente.

[Illustration: Fig. 15. Gefüllte Kugelballons im aëronautischen Park von

Vincennes, zur Fahrt bereit.]

Über die Fahrt selbst berichtet Berson Folgendes:

»Um 10 Uhr 50 Minuten erhob sich der Ballon bei ganz schwachem Nordwind

und heiterer sommerlicher Witterung. Mit einer Vertikalgeschwindigkeit

von rund 1-1/2 ¯m¯ per Sekunde stieg er, bis er bei 4500 ¯m¯ prall voll

war; von jetzt an wurden in kurzen Intervallen meist zwei Säcke

gleichzeitig abgeschnitten und dadurch ein für die meteorologischen

Ablesungen sehr günstiges stufenweises Emporgehen erzielt. Die Luft war

nach unten sehr klar, jedoch hinderten zahlreiche kleine Kumuli, die

sich am Horizont zu einer festen Mauer zusammenschlossen, die weite

Fernsicht, welche in der Maximalhöhe bei idealen Verhältnissen ein Areal

von etwa dem Umfange des Königreiches Preußen hätte umfassen können. Die

Cirrusbewölkung nahm im Laufe des Tages zu, die Sonnenstrahlung war

infolgedessen relativ gering; über 10.000 ¯m¯ befanden wir uns ungefähr

in gleichem Niveau mit den Cirren. Diese Beobachtung wird durch die

Wolkenhöhenmessungen am Potsdamer Observatorium bestätigt.

Da alle körperlichen Arbeiten im Korbe möglichst eingeschränkt wurden,

war unter 6000 ¯m¯ ein Bedürfnis nach Sauerstoffatmung kaum vorhanden;

trotzdem wurden alle Vorkehrungen zum Schutze gegen die großen Höhen

recht frühzeitig getroffen. Bis gegen 9000 ¯m¯ war in dieser Weise der

Zustand relativ behaglich; jedoch machte sich zuweilen -- zum Teil wohl

gerade begünstigt durch die Bequemlichkeiten im Korbe -- etwas

Schlafbedürfnis geltend, das sich vollkommen ungezwungen durch die

vorangegangene kurze Nachtruhe von kaum 3-4 Stunden und den ermüdenden

Aufenthalt auf dem Ballonplatze seit 6 Uhr früh erklären läßt. Diese

Müdigkeit ging jedoch allmählich in eine nicht unbedenkliche Apathie, in

ein vorübergehendes, unbeabsichtigtes Einschlummern über, von dem man

sich allerdings durch Aufruf oder Schütteln erweckt, sofort wieder

völlig erholte, so daß alsdann die Beobachtungen mit etwas Überwindung,

aber doch ohne besondere Anstrengung ausgeführt werden konnten. Das

Einsaugen von Sauerstoff erwies sich zur vollen Belebung als ganz

ausreichend. Irgendwelche schwere Bewußtseinsstörungen oder

Krankheitssymptome traten bei beiden Insassen bis zur letzten

Beobachtungsreihe in 10.250 ¯m¯ Höhe nicht ein, Quecksilber-Barometer

und Aneroïd ließen sich bis auf Zehntel-Millimeter ablesen; das Bild des

Aspirations-Psychrometers erschien im Fernrohr ganz klar und machte --

trotzdem es umgekehrt war -- keine Schwierigkeit bei der Ablesung; die

Notizen sind von denen in geringerer Höhe in der Schrift kaum

verschieden. Die Erschöpfung bei ÷körperlicher÷ Arbeit, z. B. dem

Aufziehen des Uhrwerkes am Psychrometer, Aufsteigen auf den Sitzkasten

des Korbes, oder dem Durchschneiden einer Leine, nahm dagegen rapid

zu.«

Über 10.250 ¯m¯ sind die Vorgänge den Teilnehmern nicht mehr völlig

klar. Jedenfalls zog Berson, als ihm der Schlafzustand bei Süring

bedrohlich erschien, zweimal das Ventil und zwang dadurch den Ballon zum

Abstieg, brach jedoch dann ohnmächtig zusammen. Vor oder nach diesem

Ventilziehen versuchte auch Süring in lichten Augenblicken seinem

schlafenden Kollegen durch verstärkte Sauerstoffatmung aufzuhelfen, aber

vergebens. Schließlich werden vermutlich beide Insassen ihre

Atmungsschläuche verloren haben und dann in eine schwere Ohnmacht

gesunken sein, aus welcher sie ziemlich gleichzeitig bei etwa 6000 ¯m¯

wieder erwachten.

Die Maximalhöhe, welche der Ballon erreicht hat, läßt sich nicht mit

Sicherheit bestimmen. Nach dem Barographen wären mindestens 10.800 ¯m¯

erreicht; jedoch war die Tinte eingefroren, so daß die Aufzeichnungen

über 10.000 ¯m¯ derartig lückenhaft und schwach sind, daß man sie nicht

als einwandfreies Dokument gelten lassen kann.

[Illustration: Fig. 16. Dr. ÷Süring÷ erreichte am 31. Juli 1901 mit

Berson zusammen die bis jetzt größte erstiegene Höhe von 10.500 Meter.]

Unmittelbar vor dem Ventilziehen las Berson mit schnellem Blick am

Quecksilber-Barometer einen Stand von 202 ¯mm¯ ab, was einer Höhe von

rund 10.500 ¯m¯ entspricht. Der Ballon befand sich aber noch im Steigen,

denn es waren eben vorher zwei Sandsäcke abgeschnitten. Jedenfalls ist

man berechtigt mindestens 10.500 ¯m¯ als Maximalhöhe anzunehmen. Die

Temperatur betrug bei 10.000 ¯m¯ -40° C.; es ist das ein wenig wärmer,

als für diese Höhe im Juli normal sein dürfte. Es muß übrigens betont

werden, daß nach der noch vorhandenen Ballastmenge, der »Preußen« unter

genügender Reservierung von Abstiegsballast, noch sicher 1000 ¯m¯ mehr

erreichen konnte, also eine Maximalhöhe von 11.500 ¯m¯ bis 12.000 ¯m¯.

Damit jedoch Menschen in so großen Höhen dauernd ungefährdet verweilen

können, ist außer Sauerstoffatmung noch die Mitnahme einer hermetisch

abgeschlossenen Ballongondel erforderlich, welche nur mit großem

Gewichtsaufwand hergestellt werden kann. Dies führt uns aber auch hier

zum Gebrauche von Riesenballons von etwa 10.000-15.000 ¯m^3¯. Daß es

höchst gefährlich erscheint, in solche Höhen vorzudringen, braucht man

kaum besonders zu betonen. Mit Recht bewundern wir den Mut und die

Energie, mit welcher die Männer der Wissenschaft in derem Dienste,

gleich Soldaten im Felde, ihr Leben zum Wohle der Menschheit aufs Spiel

setzen.

4. Weitfahrten.

Die weiteste Luftreise, welche bis vor drei Jahren gemacht wurde, war

durch Jahrzehnte jene geblieben, welche 1870 während der Belagerung von

Paris der Ballon »÷La ville d'Orléans÷« vollbrachte, mit dem die beiden

Franzosen Paul ÷Rolier÷ und ÷Deschamps÷ von Paris bis nach Norwegen

kamen.

Im Jahre 1899 haben zwei Herren des Pariser Aëro-Klubs eine Fahrt

unternommen, mit der sie die obige Leistung überboten, indem sie von

Paris aufstiegen und bis nach Schweden kamen, wobei die von ihnen

zurückgelegte Strecke größer war als jene im Jahre 1870. Die Herren,

welche diese besonders weite Ballonfahrt vollführten, sind: Graf de

÷Saint-Victor÷ und M. ÷Mallet÷. Über ihre Reise lieferten sie folgenden

interessanten Bericht:

»Wir sind mit unserem 1600 ¯m^3¯ fassenden Ballon »Centaure« Samstag,

den $30. September 1899$ um 1/4-7 Uhr abends aufgefahren. Das Wetter war

an jenem Tage nicht ermutigend; schon der Vormittag war schlecht, ebenso

ein Teil des Nachmittags, so daß wir uns kaum recht an die Füllung

trauten. Die vom meteorologischen Amt herausgegebene Karte brachte, wie

gewöhnlich, nur ziemlich unbestimmte und unvollkommene Angaben über die

atmosphärischen Verhältnisse.

Um 3 Uhr nachmittags besinnt sich das Barometer endlich und steigt ein

wenig, die Witterung scheint sich aufheitern zu wollen, der Wind läßt

nach, und so entscheiden wir uns denn.

Wir nahmen außer unserem Proviant und den Instrumenten auch drei

Schleifleinen in den Korb mit, deren Längen 90, beziehungsweise 50 und

35 ¯m¯ betragen, dann einen Anker und 400 ¯kg¯ Ballast. Wir verzichteten

aber auf Wasseranker und Flaschenposten, da sie uns für die kurzen

Überfahrten, die wir beabsichtigten, nicht nötig erschienen.

[Illustration: Fig. 17. Ansicht der Encinte von Paris mit der

Ballonhalle und einem gefüllten Ballon im Park von Vincennes aus einer

Höhe von etwa 600 Meter.]

Nach der Abfahrt erhebt sich der „Centaure” alsbald in eine Höhe von

500 ¯m¯, die er übrigens auch während der Nacht annähernd beibehält. Die

Fahrtrichtung ist Nord-Ost. Der Himmel hellt sich auf, und bald zeigen

sich alle Sterne. Doch Eines beunruhigt uns: am nördlichen Horizont

bemerken wir in kurzen Zwischenräumen Wetterleuchten, welche Erscheinung

übrigens bis Mitternacht völlig verschwunden war. In rascher Fahrt geht

es über Compiègne, Noyon und St. Quentin hinweg; dann ändert sich die

Natur: ringsumher strahlen die Lichter der Städte, Fabriken und der

Hochöfen; die Tätigkeit der Menschen gibt sich lärmend kund.

Jetzt kommen wir über die Grenze. Drei Schüsse belehren uns darüber, daß

uns die Grenzwache signalisiert. Der »Centaure« aber kümmert sich nicht

um Grenzen, Wache und Verwaltung; er setzt ruhig seine Reise fort. Nach

und nach wird es dunkel; Lichter und Lärm sind hinter uns verschwunden.

Jetzt spiegeln sich plötzlich die Sterne auf der Erde, in breiten

Kanälen: wir müssen in Holland sein. Es ist ein merkwürdiger

Dekorationswechsel, den wir da sehen. Wirklich ein ergreifender Effekt!

Und jetzt weite, überschwemmte Flächen; wir setzen über einen Fluß,

jedenfalls ist es der Rhein, und nun wieder unermeßliche, öde, zum Teil

mit Wasser bedeckte Ebenen.

Um 1/2-5 Uhr beginnt es Tag zu werden; die Landschaft ändert sich nicht;

aus dem Plan entnehmen wir, daß wir uns über den Moorländern von

Hannover und Oldenburg befinden.

Wir fliegen mit einer Schnelligkeit von mehr als 100 ¯km¯; das Aneroïd

zeigt 500 ¯m¯ Höhe, das Thermometer zeigt 6° Wärme.

Wir geben uns ganz den Eindrücken der pfeilschnellen Fahrt hin,

sorgenlos und vertrauend auf unseren Ballon und die vielen Säcke

Ballast.

Wir fliegen noch immer nach Nord-Ost, müssen also die Eventualität einer

Meerfahrt ins Auge fassen. Wir erwägen die Chancen, und bald sind wir

entschlossen: wenn es darauf ankommt, setzen wir übers Meer hinweg. Wir

erkennen den Hafen von Bremen, wir kommen über die Elbe.

Endlich bemerken wir in der Ferne eine graue Färbung, die sich dann in

Blau verwandelt; nach und nach können wir deutliche Umrisse einer Küste

unterscheiden. Wir haben die Ostsee vor uns. Links, 20 ¯km¯ von uns

entfernt, liegt ein Hafen; wir schauen mit dem Fernrohr hin und erkennen

an den Kriegsschiffen den Kieler Hafen.

Um 9 Uhr geht der »Centaure« über die Meeresfläche, wieder nicht achtend

der Hindernisse und Gefahren. Wir hören das dumpfe Läuten einer

Turmglocke, Barken lösen sich vom Ufer los und scheinen uns zu Hilfe

kommen zu wollen, während wir in unserer Gondel auf das Gelingen der

Überfahrt lustig Champagner trinken. Die Feuchtigkeit und die Kälte ober

dem Meere verdichten in kurzer Zeit das Gas, wodurch der Ballon rasch

ins Fallen kommt. Wir haben uns aber für diesen Umstand vorgesehen, der

Ballast ist bereit. Wir hemmen also das Sinken bei 400 ¯m¯ über dem

Meer. Der Ballon steigt nun und bekommt sein Gleichgewicht in einer Höhe

von 1500 ¯m¯.

Wir haben eine Insel passiert; jetzt sehen wir ringsumher die blaue

Unendlichkeit, nur links am fernen Horizont einen gelben Streif; das muß

die Insel von Kopenhagen sein. Wir bewundern diese ewig schöne Szene auf

hoher See, ein Bild, das von 2000 ¯m¯ Höhe noch feenhafter erscheint;

das Auge verliert sich in der Unendlichkeit.

Das Meer kommt uns wie ein riesenhafter Spiegel vor, in dem sich unser

Ballon abbildet.

Mit dem Fernglase werden wir einiger Schiffe gewahr, die wie

Kinderspielzeuge aussehen. Hier bei diesem mächtigen Anblick tritt es

uns so recht vor Augen, wie schwach wir sind, anvertraut einem

gebrechlichen Weidenkorb und den blinden Elementen. Von unserer

Träumerei werden wir durch die Wolken erweckt, die sich jetzt bilden; es

sind leichte Flocken, die zerfließen, sich wieder formen, sich ballen;

die Flocken tun sich zusammen, sie verdichten sich schließlich -- wenn

ihrer nur nicht zu viele werden!

Glücklicherweise erlauben uns zahlreiche Lücken in der Wolkenschichte,

das Meer zu beobachten.

Endlich erblicken wir Küsten, denen wir uns rapid nähern; nach

dreieinhalbstündiger Überfahrt schwebt der »Centaure« ober dem

Schwedenlande und setzt seine Reise in der gleichen Schnelligkeit fort.

»Immer vorwärts« so scheint er uns zuzurufen. Die Wolken vermehren sich;

um sie zu meiden, müssen wir uns auf eine Höhe von 3000 ¯m¯ begeben,

welche die Maximalhöhe unserer Reise darstellt.

Nur in seltenen Zwischenräumen ist es uns vergönnt, die Erde zu sehen;

wir bewundern dann die Seen und die Waldungen, die dem Lande den

sanften, lieblichen Charakter verleihen. Mehr als vier Stunden schwebt

der »Centaure« so dahin, bis sich die Wolken in dem Augenblick, wo sich

die Sonne schon unter den Horizont neigt, verlieren und wir dadurch

freien Ausblick gewinnen: wieder das Meer. Eine Insel in der Ferne gibt

uns über unsere Position Aufschluß.

Sollen wir noch einmal unser Glück versuchen? Sollen wir uns übers Meer

wagen? Von dem Ballast bleiben uns noch 24 ¯kg¯, aber die Lebensmittel

sind bald zu Ende; es bleiben nur noch eine Leberpastete und eine

Flasche Champagner. Mit der Richtung, in der wir uns bewegen, müßten wir

die Ostsee in ihrer ganzen Länge überqueren und im nördlichen Finnland,

in diesen verlassenen Sümpfen, niederkommen. Nein, diesmal würden wir

keinen Erfolg haben; sehr bewegten Gemütes entschließen wir uns zur

Landung.

Wir suchen geeignete Flächen, sehen aber nur Wälder. Doch das Meer kommt

näher, wir müssen hinunter; schon einige Male sind wir über Wasser, über

die Arme eines Fjords geflogen. Also nicht lange besinnen; wir ziehen

auf gut Glück die Ventilleine, lassen beide Schleifleinen, die wir bis

jetzt nicht gebraucht haben, hinunter, ebenso den Anker. Unser Korb

senkt sich weich in die Zweige einer prachtvollen Tanne nieder. Der

Ballon legt sich zur Seite; eine zweite Tanne durchdringt ihn teilweise.

Ohne jeden Stoß ist die Landung vor sich gegangen.

Allerdings erübrigt es uns noch, von dem gastlichen Baum

herunterzugelangen. Wir verlassen die Gondel und beginnen unseren

Abstieg auf den Ästen. Mit vieler Mühe und mit dem Gefühle, daß der Baum

recht hoch sei, klettern wir; endlich sind wir unten. Die Nacht ist

eingebrochen, wir müssen menschliche Wohnungen finden. Wir irren im

Walde umher, aber umsonst; wir finden nicht einmal einen Weg. Nach einer

halben Stunde Suchens waren wir stark ermattet, und mit einer gewissen

Angst fragten wir uns, ob wir denn noch einmal auf unseren Baum hinauf

sollten, um im Korbe die Nacht zu verbringen.

Endlich sehen wir mit großer Freude in der Dunkelheit einige Laternen

funkeln. Wir rufen, man antwortet uns; es ist eine brave

Schwedenfamilie, die uns zu Hilfe gekommen ist. Die Leute gestikulieren

lebhaft und glauben, es sei Andrée, der wiederkehre, so sehr hoffen sie

darauf, ihren mutigen Landsmann eines Tages zurückkommen zu sehen. Wir

enttäuschen sie leider. Nichtsdestoweniger nehmen sie uns gastfreundlich

auf.

Den nächsten Morgen benützten wir dazu, den Ballon von den Bäumen

herunterzuholen und uns in die nächste Stadt zu begeben, den Hafen

Vestewick, wo uns zahlreiche Reporter erwarten und wir großartig

empfangen werden. „Vive la France!”

Wir waren 23-1/4 Stunden in der Luft gewesen und haben den Weltrekord

geschlagen, indem wir 1330 ¯km¯ zurücklegten.«

In den ÷Weitfahrten÷ stehen die Franzosen obenan.

Gelegentlich der Ballonwettfahrten im Jahre 1900 fand am ÷12. August÷

die erste Weitfahrt statt, wobei sieben Ballons starteten. Sieger wurde

÷Juchmès÷ mit dem Ballon »Touring-Club«, zweiter: ÷Graf Castillon de St.

Victor÷. Dadurch, daß der Wind in der Richtung zum Atlantischen Ozean

wehte, wurde den Fahrten ein vorzeitiges Ziel gesetzt.

Am ÷9. September÷ 1900 fand die zweite Weitfahrt statt, bei der 14

Ballons starteten. Sieger wurde Graf de ÷La Vaulx÷, der 473 ¯km¯ in

22 Stunden zurücklegte. Zweiter wurde ÷Balsan÷, Dritter: ÷Faure÷.

[Illustration: Fig. 18. Blick aus 200 Meter Höhe von einem auffahrenden

Ballon aus auf den Auffahrtsplatz, wo noch 8 gefüllte Ballons zur Fahrt

bereit stehen.]

Am ÷30. September÷ 1900 erfolgte wieder eine Weitfahrt, an der zehn

Ballons teilnahmen, eine Konkurrenz, welche in Bezug auf die allgemeine

Durchschnittsleistung ein großartiges Resultat ergab. Diese Ballons

landeten nämlich in Rußland, in Preußen, in Russisch-Polen, in

Schleswig-Holstein, in Holland und in Westfalen. ÷Balsan÷ kam nach

Danzig, Graf de ÷La Vaulx÷ nach Rußland, nur ÷Contour÷ landete in ganz

entgegengesetzter Richtung, in Hâvre, was auf die in verschiedenen Höhen

verschieden wehenden Winde weist -- eine Erscheinung, mit welcher der

wissenschaftlich gebildete Luftschiffer rechnet.

Bei der kombinierten Weit- und Dauerfahrt vom $9. September$ überflog

Graf de ÷La Vaulx÷ in 35 Stunden 45 Minuten von Paris aus ganz

Deutschland seiner geographischen Länge nach und landete in Kiew. Er

legte die 1925 ¯km¯ lange Linie in 35 Stunden 45 Minuten zurück, was

einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 41 Stundenkilometern oder

11·4 ¯m¯ per Sekunde entspricht. Über diese hochinteressante Fahrt des

Ballons »Centaure« und die seines nächsten Konkurrenten des »Saint

Louis«, geführt von ÷Jacques Balsan÷, der in 27 Stunden 15 Minuten

1350 ¯km¯ zurücklegte, werden folgende interessante Daten berichtet:

Das verwitterte Logbuch des »÷Centaure÷« zeigt in den Eintragungen

dieser Fahrt als größte Höhe 5200 ¯m¯, als niedrigste Temperatur

24 Zentigrade unter Null. 24 Stunden nach der Auffahrt brechen die

Notierungen ab; eine von Graf de La Vaulx und Graf Castillon

unterschriebene Bemerkung sagt, daß die beiden Aëronauten die

Aufzeichnungen wegen der arktischen Kälte und des Schlafbedürfnisses

nicht mehr fortsetzen können. Mehrere Male erhob sich der Ballon auf

5000 ¯m¯. Jedesmal, wenn 4000 ¯m¯ erreicht waren, begannen die

Luftschiffer Sauerstoff zu inhalieren, wovon sie einen ziemlichen Vorrat

mitgenommen hatten. Nach 35-3/4 Stunden ununterbrochenen Wachens

entschlossen sie sich zu landen, obwohl sie noch 2-1/2 Säcke Ballast und

viel Proviant besaßen. Sie hätten außer den 2-1/2 Säcken Sand auch Seile

und andere schwere Gegenstände auswerfen und auf diese Weise

weiterfahren können. Sie waren aber begreiflicherweise durch die lange,

anstrengende Fahrt ganz erschöpft und beendeten darum ihre Reise. Sie

landeten glücklich drei Werst von Korostischew.

Der »Centaure« hatte infolge seiner partiellen Füllung mit Wasserstoff

(1400 ¯m^3¯ Wasserstoff, 200 ¯m^3¯ Leuchtgas) eine große Hubkraft,

nämlich 1680 ¯kg¯; dadurch ist es den Aëronauten möglich gewesen,

1100 ¯kg¯ Ballast mitzunehmen, während Jacques Balsans Ballon »Saint-Louis«

(3000 ¯m^3¯), welcher viel größer ist als der »Centaure« (1630 ¯m^3¯),

aber mit Leuchtgas gefüllt war, eine Tragkraft von 2100 ¯kg¯ besaß und

nur 1120 ¯kg¯ hochnehmen konnte. Der »Saint-Louis« hat also im

Verhältnis bedeutend weniger Ballast mitgenommen als der »Centaure« und

man muß diesen Umstand zur Beurteilung von Balsans Leistung mit in

Rechnung ziehen.

Von der Fahrt des »÷Saint-Louis÷« erzählt Louis ÷Godard÷, Balsans

Begleiter, Folgendes:

»Gegen 7 Uhr morgens (÷10. Oktober÷) erreichte der »Saint-Louis«

Koblenz, nachdem er die Nacht hindurch in einer Höhe von 1400-1600 ¯m¯

gefahren war. Die Sonnenhitze brachte den Ballon auf 4000 ¯m¯.

Wir sahen den „Centaure” aus einer Wolke vor uns herausragen, und

die zwei Ballons wanderten nun den ganzen Tag über miteinander.

Der »Saint-Louis« verlor eine Menge Ballast infolge von

Temperaturschwankungen, hervorgerufen durch häufige Verdunkelung der

Sonne durch Wolken.

Um 3 Uhr nachmittags schwebten der »Saint-Louis« und der »Centaure« in

einer Höhe von etwa 6000 ¯m¯ und waren voneinander kaum 12 ¯km¯

entfernt. Balsan machte alle möglichen Versuche, um die hohen Schichten

zu vermeiden, denn unser Sauerstoffvorrat ging zur Neige. Wir arbeiteten

den ganzen Tag und hatten kaum Zeit zu essen. Um 4 Uhr gelangte der

»Centaure« in eine neue Luftströmung, welche ihn bald unseren Blicken

entführte.

Wir kamen darauf in die Nachbarschaft von Posen oder Breslau. Es blieben

uns kaum 90 ¯kg¯ Ballast übrig. Der Ballon schien sich in 500-700 ¯m¯

Höhe langsam zu bewegen. Die Nacht brach herein.

Wir setzten über die deutsch-russische Grenze, doch nicht ohne Gefahr.

Wir hörten vier Gewehrschüsse und die Kugeln zischten in unangenehmer

Nähe an dem Ballon vorbei, der jetzt mit einer Geschwindigkeit von 70

¯km¯ östlich fuhr. Hinter uns erhob sich ein Sturm. Um 8 Uhr 15 Minuten

hatten wir nur mehr 30 ¯kg¯ Ballast, welche den Regen, der auf den

Ballon niederfiel, nicht kompensieren konnten.

Unter diesen Umständen war es angezeigt, zu landen; M. Balsan zog zu

diesem Zwecke die Ventilleine. Trotz des starken Windes brachten wir

ohne Schwierigkeit den „Centaure” zum Stillstande. Es waren bald einige

Bauern zur Stelle. Der Ballon wurde nach Opoczno befördert.«

Die beiden Aëronauten wurden dort sehr freundlich aufgenommen und fuhren

am Morgen des 11. Oktober nach Warschau, um sich da von dem

französischen Konsulat Reisepässe ausstellen zu lassen. Die Luftschiffer

hatten nicht erwartet, in jener Gegend zu landen, und hatten daher keine

derartigen Pässe mitgenommen.

In der folgenden Tabelle sind die sechs besten ÷Weitfahrten÷

übersichtlich zusammengestellt.

Weitfahrten:

Kilometer Balloninhalt

Kubikmeter

De La Vaulx, 9. Oktober 1900 1925 1630[A]

J. Balsan, 9. Oktober 1900 1350 3000

Rolier, 24. November 1870 1336 3000

Castillon, 30. September 1899 1330 1630[A]

J. Faure, 9. Oktober 1900 950 1550

H. Silberer und E. Carton, 23. September 1901 805 1200

[A] Mit Wasserstoffgas!

Anschließend daran, erinnere ich, daß in Rußland landende Luftschiffer

mit einer amtlich beglaubigten Legitimation versehen sein müssen, die

ihre Identität bezeigt. Luftschiffer, welche sich mit derartigen

Bescheinigungen nicht ausweisen können, sowie jene Personen, welche in

Ballons nach Rußland kommen, um militärische Rekognoszierungen

vorzunehmen, werden angehalten und ihre Ballons verfallen der

Beschlagnahme. Die für Militärs hierfür bestehenden Vorschriften sind

diesen ja bekannt. Die Legitimationen für Zivilluftschiffer werden in

der Weise hergestellt, daß auf die Rückseite einer Photographie

in Kabinetformat die Mitgliedskarte geklebt und mit der

Identitätsbestätigung seitens der k. k. Polizeidirektion versehen wird.

5. Dauerfahrten.

Dauerfahrten sind jene, bei welchen der Ballon -- unbekümmert um den

zurückgelegten Weg -- am längsten in der Luft bleibt. Nachdem der Ballon

durch die Hubkraft seines Traggases sich in die Luft erheben und in ihr

schweben kann -- so ist es erklärlich, daß jene Ballons am längsten

fahren werden, welche die gasdichtesten Hüllen besitzen. Nachdem das Gas

stark diffundiert -- Wasserstoffgas diffundiert mehr als Leuchtgas -- so

werden theoretisch Wasserstoffgasballons bei gleicher Tragkraft weniger

weit fahren als Leuchtgasballons. Hat man aber Ballons von gleichem

Volumen, so wird natürlich ein Wasserstoffgasballon viel länger fahren

können, weil er circa über 5/11 mal mehr Ballast verfügt als sein

Konkurrent. Lassen sich daher zwei Ballons von verschiedenem Füllgas in

eine Wettdauerfahrt ein, so sind alle diese Verhältnisse wohl zu

erwägen; hierzu kommt dann allerdings noch ein sehr gewichtiger Faktor:

die Kunst des Ballonführers, jedem Fahrthemmnisse rechtzeitig und mit

den besten Mitteln Herr zu werden.

Die Konkurrenten haben sich selbstverständlich mit allem ausgerüstet,

was für eine lange Reise ins Ungewisse notwendig ist. Nebst Konserven

und Getränken haben sie warme Überkleider, Decken, viele meteorologische

Instrumente und selbstverständlich verschiedenes Geld mit, die meisten

auch elektrische Lampen, kleine Feldbetten und für alle Fälle

Schwimmgürtel. Last not least: recht viel Ballast. Einer der

Konkurrenten führte den Sand nicht in Säcken mit, sondern einfach auf

dem Boden der Gondel -- wie in einem Vogelkäfig -- ausgestreut; er

schöpfte den Sand nach Bedarf heraus.

Die Luftschiffahrt der Gegenwart · 第 3 / 19 段