Bei der Hand gefaßt sitzen sie noch ein Weilchen im blanken Sonnenschein
und denken: »Schöner kann es eigentlich gar nicht mehr kommen.«
Aber es kommt doch noch schöner! Viel schöner kommt es.
Als sie gerade wieder an die Arbeit gehen wollen wie alle Tage, da
bemerkt die Erdme, daß ein Wagen auf der Knüppelstraße daherfährt, ein
Herrschaftswagen, wie er hier selten zu sehen ist.
Und Jons erkennt die zwei Braunen aus der »Germania« und denkt
natürlich, es sind Herren von der Regierung, die im Moor nach dem
Rechten sehen wollen.
Aber wie der Wagen immer noch näher kommt, erkennen sie beide, daß keine
Herren darin sitzen, sondern bloß eine Dame. Und eigentlich sitzt sie
auch nicht, sondern steht und hält einen weißen Sonnenschirm in der Hand
-- mit dem winkt sie und winkt sie und winkt.
»O Jezau!« sagt die Erdme und fällt wie leblos auf die Bank zurück.
Da biegt der Wagen auch schon nach dem Zufahrtsweg ein und hält vor dem
Hoftor.
Die Katrike kommt aus dem Hause gestürzt, Brennschere und Seidenpapier
noch in der Hand, und rings um die Stirn sitzen die gewickelten
Knötchen.
Also wirklich: es ist die Urte, die jetzt Ortrud heißt. In einem feinen
graukarierten Wollenkleide springt sie aus dem Wagen, und hinter ihr her
springt ein Hund, wie ihn noch nie eines Menschen Auge sah. Mit
schneeweißen Locken, größer noch als ein Wolf und magerer als ein
Schmalreh.
Doch daß die Urte mager ist, kann man nicht sagen. Einen Busen hat sie
-- der ist kein Leichenbrett! Und der Veilchenstrauß im dritten
Knopfloch wiegt sich wie auf der Schaukel. Und die blauen
Kornblumenaugen hat sie noch immer, aber goldene Haare hat sie
inzwischen gekriegt und Lippen so rot wie Rübensaft.
Nachdem die Erdme sie abgeküßt hat, da kniet sie vor ihr und befühlt das
Kleid und betastet die Schuhe, und wie sie das Kleid ein wenig hebt, was
kommt da zum Vorschein? Ein Unterrock von lauter -- du wagst es gar
nicht auszusprechen, nicht auszudenken wagst du es! -- ein Unterrock von
lauter Seide, von resedagrüner, ruschelnder, klingender Seide.
Wie wenn der Wind durch die Quitschen geht, so klingt bei jeder Bewegung
die Seide.
Der Jons steht eingeklemmt zwischen Hoftor und Zaun und traut sich an
die hochgeborene Tochter gar nicht heran. Sie muß ihn selber bei der
Hand nehmen und aus dem Winkel hervorziehen. Und sie küßt auch ihn, aber
man sieht: sehr gerne tut sie es nicht.
Die Katrike ist rasch einmal ins Haus gelaufen, sich die gebrannten
Wickel auszukämmen, und wie sie wiederkommt, hat sie das Rotgeblümte an
und möchte auch für sich was Bewunderndes hören, doch das sagt ihr heut
keiner.
Der weißgelockte Hund, von dem man glauben könnte, man zerbricht ihn,
wenn man ihn anfaßt, steht in der Mitte des Hofes, sieht mit erstaunten
Menschenaugen um sich und streckt den witternden Schlangenkopf bald nach
rechts und bald nach links, als kann er sich nicht erklären, wie er
plötzlich in eine so schlecht riechende Gesellschaft geraten ist. Den
belfernden Köter, der mit seiner Kette wie verrückt über die Bude
springt, würdigt er keines Blickes. --
Der Koffer wird ausgepackt. Es ist ein lackglänzender Lederkoffer, hoch
wie ein Haus und wohlriechend wie russische Gurten.
Und wenn die Urte sich bückt in ihrer vollbrüstigen Anmutigkeit und
ihrer rundhüftigen Ruhe, dann weiß man, daß sie die Männer führen kann,
wie man die Lämmer zu Markte führt.
Der Jons bekommt einen Tabakskasten, der ist von poliertem Holz und hat
silberne Einlagen. Auch etwas zum Essen bekommt er, und das soll noch
viel feiner sein als Ölsardinen. Es sieht aus wie schwarze, runde
Graupenkörner und schmeckt nach gesalzenen Fischen.
Für die Erdme kommt ein dunkles Seidenkleid zum Vorschein mit einem
Spitzeneinsatz und Rüschen am Hals und an Ärmeln. Und auch die Katrike
kriegt ein Kleid, ein hellblaues Jungmädchenkleid mit einer Tüllbluse
und einem hellgelben Strohhut dazu, der biegt sich und federt, wenn man
ihn anrührt.
Und das Allerschönste hab' ich noch gar nicht genannt: das ist der
Silberkranz. Kein Silberkranz aus Papierblättern, wie ihn die Katrike
beinahe geschenkt hätte, sondern aus wirklichem schweren, klirrenden
Silber, und ein gleiches Sträußchen noch außerdem, dem Jons ins
Knopfloch zu stecken.
Von nun an ist's mit den Heimlichkeiten vorbei. Die Erdme muß das
seidene Kleid anziehen und den silbernen Myrtenkranz aufsetzen, Jons
bekommt das Sträußchen wirklich ins Knopfloch gesteckt, und nun sitzen
sie beide im Brautwinkel, trinken fremden, süßen Wein und lassen sich's
gut sein.
Die Töchter sind um sie herum, und sogar die Jette, die abscheuliche
Kröt', tut sich lieblich, wer weiß wie. Sie hat aber auch eine grüne
Schürze geschenkt gekriegt und Wollenschuhe, damit sie des Morgens nicht
klappert.
Nur einer ist nicht zufrieden -- das ist der große, magere, weißlockige
Hund. Der schnüffelt und schnobert, und wenn man ihn 'reinzieht, läuft
er wieder hinaus. Auch das vorgesetzte Fressen rührt er nicht an. Die
Urte muß ihm von dem mitgebrachten Hundekuchen was geben, sonst würde er
am Ende verhungern.
Die Urte erklärt: »Das ist ein sibirischer Windhund, Barsoi genannt, aus
einer ganz alten vornehmen Zucht mit einem Stammbaum, der reicht wohl
hundert Jahre zurück.«
Sie hat ihn von einem russischen Grafen bekommen, der mit ihrem Freunde
befreundet war und auch mit ihr. Er hat den Namen Petruschka, und alle
lachen sehr, als sie ihn hören, denn Petruschka heißt »Petersilie«.
Erdme kann nichts den ganzen Tag lang, als die nach Hause gekommene
Tochter ansehen und ansehen.
Wenn die auf dem harten Bretterstuhle sitzt -- einen besseren gibt es ja
nicht -- und mit den dunkelroten Lippen lächelt und die goldenen Haare
geben Feuerstrahlen um sie herum, dann ist der Erdme, als muß sie in
einen finsteren Winkel kriechen und weinen und beten, daß Gott sie nicht
strafen wolle für dieses allzu große Glück.
17
Der Urte -- die jetzt Ortrud heißt -- ist in der Kleinen Stube ein Lager
bereitet, und Jons und Erdme wagen beim Aufstehen kaum, sich zu rühren
-- aus Angst, sie möchten die Tochter erwecken.
Aber die läßt sich nicht stören. Die schläft in Frieden bis in den
blanken Vormittag. Eine Stunde dauert ihr Anziehen, und wenn der Vater
zum Essen vom Felde kommt, ist sie seit kurzem erst fertig.
Die Erdme hat Kaffee gekauft, das Pfund zu zwei Mark, und läuft zwischen
Herd und Stubentür hin und her, um zu horchen, wann die Zeit zum
Frühstück gekommen ist. Dann trägt sie ihr alles ans Bett und sieht mit
Sorgen, ob die Urte sich's wohl schmecken läßt.
Wie ein Engelchen liegt sie da in ihrem weißen Spitzenhemd, mit dem
ruscheligen Goldhaar und den Grübchen unter dem Halse, und die Ringe,
die sie bloß zum Waschen abnimmt, blitzen wie rote und blaue Sonnen auf
der gewürfelten Decke.
Dies ist die Stunde, in der sie was zu erzählen pflegt. Aber viel ist es
nicht. Und lange Zeiten übergeht sie mit Schweigen. Daß sie weit in der
Welt herumgekommen ist, weiß die Erdme schon aus den Briefen, aber was
sie da überall getan hat, läßt sie im Dunkeln.
Viele Männer haben sie heiraten wollen, aber es ist nie etwas daraus
geworden. Bei den Reichen und Hochgestellten haben die Eltern es nicht
erlaubt, und den anderen hat sie selber den Laufpaß gegeben. Als sie in
Königsberg Kellnerin war, sind alle Studenten hinter ihr hergelaufen.
Viele haben sich duelliert, und einige haben sich totgeschossen.
Schließlich hat sie das große Blutvergießen nicht mehr mit ansehen
können und ist nach Berlin ausgerückt. Und dort hat das Leben erst recht
begonnen.
Wenn die Erdme sie fragt, was sie in Zukunft zu machen gedenkt, lächelt
sie mit ihren Blauaugen bloß so verschwommen ins Weite und sagt: »Mach
dir keine Sorgen, Mamusze. Für eine wie mich liegt der Reichtum nur auf
der Straße. Aber erst möcht' ich mich hier noch ein bißchen ausruhen.«
Und das tut sie auch gründlich. Niemals faßt sie mit an oder kümmert
sich um was. Sie sitzt bald drin im Fensterwinkel, bald draußen auf der
Gartenbank, blickt nach dem Himmel und lächelt. Nur ihre Kleider hält
sie in Ordnung, steckt die Schuhe auf Leisten und bürstet und bügelt,
und ihre Finger, die rund und lecker aussehen wie marzipanene Würstchen,
führen die Nadel schnell und mit Ruhe.
Die Erdme ist noch immer wie von einem Zauber befallen.
Was sie auch arbeitet, immer denkt sie an das heimgekommene Kind, macht
sich in ihrer Nähe zu schaffen und schleicht um sie 'rum, bloß um sie
still und andächtig zu betrachten. Oft ist ihr bange vor lauter Stolz,
so daß sie sagen möchte: »Sei doch einmal wieder wie früher.« Aber sie
weiß, das kann die Urte nicht mehr, dazu ist sie zu lange weggewesen und
hat zu viel deutsche Lehrer gehabt. Denn daß sie Schönschreiben kann und
Französisch, das hat die Urte erzählt, sogar Ballettstunden hat sie
gehabt. Erdme weiß zwar nicht recht, was das ist, aber es muß wohl das
Feinste sein, was auf der Welt gelehrt werden kann.
Manchmal nimmt sie den Jons bei der Hand und sagt: »Ach, freu dich doch!
Freu dich doch!«
Aber er freut sich nicht. Ihm ist es ängstlich, mit der Tochter
zusammenzusein, und er schämt sich vor ihr. Weiß nicht, was er mit ihr
reden und wie er den Löffel halten soll, und das Brot schneidet er
heimlich unter dem Tisch.
Anfangs hat sie ihn zu umschmeicheln gesucht, hat ihn »lieb Väterchen«
genannt und so. Wie er aber nicht darauf einging und wegsah, ist auch
sie ängstlich geworden und spricht bloß, was nottut. Es liegt noch nicht
Übles zwischen ihnen, bloß fremd sind sie sich und werden sich fremder
Tag für Tag.
Die Erdme sieht es mit Kummer. Das Herz will ihr zerbrechen bei seinem
stillschweigenden Abseitsstehen, aber man kann ihn doch nicht zwingen,
daß er sie lieb hat.
Ganz verrückt ist die Katrike. Die will der Schwester alles nachmachen
und versteht es doch nicht. Putzt an den Nägeln, bepinselt die Lippen
und wäscht das Haar mit Kamillen. Aber die Nägel werden bloß noch
dreckiger, der Mund sieht aus wie ein Blutfleck, und das Haar steht ab
wie vertrocknetes Krummstroh.
Nur das lange Bettliegen gelingt ihr ohne Beschwerde.
Die Erdme erkennt den Unterschied wohl und macht sich ihre Gedanken.
Nicht daß sie die Katrike nun weniger liebte. Im Gegenteil, es ist wie
ein Vorwurf für sie, daß die so vernachlässigt dasitzt und sich in rein
gar nichts mit der Schwester vergleichen kann. Denn auch, wenn sie das
Hellblaue angezogen und den großen Strohhut aufgesetzt hat, ist es noch
immer wie Tag und Nacht.
Und sie zerquält sich, wie ihr zu helfen ist.
Die Schwestern stehen nicht schlecht miteinander. Die Urte unterweist
die Katrike in allem, was sie wohl wissen will, und schenkt ihr Kämme
und Rüschen und sonst alles mögliche Kleinzeug, so daß der Neid in ihr
nicht hochwachsen kann.
Aber auch die Urte sieht ein, daß es nicht länger so mit ihr geht.
»Wenn du die Ulele wärst,« sagt die Mutter, »dann würdest du jetzt einen
Mann für sie suchen.«
»Ich kann ebensoviel wie die Ulele,« sagt die Urte.
Und da sie's verlangt, wird eines Tages, als der Jons in die Wiesen
gefahren ist, der kleine Tuleweit bestellt, der schon für hundert
Vermittlungen seine Prozente gekriegt hat.
Der in seinem langen Pfarrersrock und den knallengen Hosen kommt forsch
herein und denkt, er wird hier wieder einmal den spaßigen Onkel spielen;
wie er aber die Urte zu sehen kriegt, die ihn in ihrer rosenfarbenen
Fleischlichkeit ankuckt, da wird ihm schon ganz anders.
»Aus was für 'nem Himmel ist denn _das_ hierher geflogen?« fragt er.
Und die Urte sagt: »Nehmen Sie Platz, Herr Tuleweit.« Und sie, die
Erdme, bringt von dem fremden, süßen Wein, von dem noch immer was da
ist.
Und die Urte sagt weiter: »Sie sehen es mir vielleicht nicht an, Herr
Tuleweit, daß ich aus diesen kleinen Verhältnissen stamme, aber das
macht nichts.« Und dann lobt sie ihn, weil ihr bekannt ist, daß er bei
seinen Vorschlägen immer das Richtige trifft.
Er bedankt sich und dienert.
»Nun bin ich aber drauf und dran,« sagt sie weiter, »eine große Partie
zu machen. Eine wirklich große Partie. Und da wär' es mir natürlich
angenehm, wenn ich durch meine Schwester nicht in Verlegenheit käme. Ein
Deutscher müßte es sein, und sein Eigenes müßte er haben, so daß man
sagen könnte: >Meine Schwester ist an einen Gutsbesitzer verheiratet.<
Das würde dann schon den richtigen Eindruck machen.«
Die Erdme denkt: »Sie ist noch klüger als die Ulele.« Und der ganze Herr
Tuleweit schwimmt wie Öl auf Zuckerwasser.
Was an seinen bescheidenen Kräften liege, das werde sicher geschehen,
aber letzten Endes sei es ja leider Sache der Mitgift.
»Natürlich, natürlich,« sagt die Urte. Und wäre sie schon verheiratet,
so würde es ihr auch nicht darauf ankommen, die Schwester reichlich
auszustatten. Aber für jetzt müßte man schon mit etwas Bescheidenem
vorlieb nehmen.
»Was heißt bei Ihnen >bescheiden<?« fragt der kleine Herr Tuleweit und
dienert nicht mehr.
Der Erdme schlägt das Herz hoch. Was wird sie sagen?