Aber der Jons! Der Jons! »Jons, steh auf, wir müssen in die Wiesen!«

Und wahrhaftigen Gott, er steht auf. Er läßt sich auch den Pelz

anziehen, mit dem er über Nacht bedeckt war.

Aber nun 'runter. Wie schafft man ihn 'runter? Denn auch ihn aufs Dach

werfen -- das geht nicht. Er würde abrutschen und ins Wasser stürzen.

»Jons, spring! Nimm Vernunft an und spring!«

Aber das tut er nicht. Er muß ja in die Wiesen.

Da kommt sie auf den Gedanken, Heu durch die Luft zu werfen, so daß es

das Rohrdach in Haufen bedeckt.

»Jons, sieh, da steht das Fuder! Spring 'rauf, sonst fahren wir ohne

dich nach Haus.«

Heufuder! Das leuchtet ihm ein. Und -- Gott sei gesegnet! Er springt.

Bleibt in dem Rohrloch stecken, und da ist er geborgen!

Das Vieh kann natürlich nicht mitgeführt werden. Die Kühe haben Futter,

aber das Schwein muß verhungern, wenn es sich nicht von dem Miste

ernährt.

Also los!

Und der Alte wendet und stakt dem Chausseedamm entgegen.

»Willst du denn keinem sonst helfen, Nachbar?«

»Wer hat mir geholfen -- hä?«

»Der Taruttis hat für dich gebetet.«

»Aber gesprochen hat er nicht mit mir -- und der Taruttis ist auch schon

weg.«

»Aber der Witkuhn ist noch da und seine todkranke Frau.«

»Der Witkuhn soll ersaufen. Ersaufen sollen sie alle.«

»Der Witkuhn wird _nicht_ ersaufen. Und wenn du mir nicht gehorchst --

ich bin stärker als du und schmeiß' dich ins Wasser.«

»Ist das der Dank, du Bestije?«

»Ob Dank oder nicht -- ich schmeiß' dich ins Wasser.«

Sie hat Fäuste wie Eisen -- das merkt er sofort und läßt schimpfend die

Stake in ihrer Hand.

Und sie lenkt hinüber zum Weg -- an den eingefrorenen Birken entlang und

über den Weg hinweg. Langsam geht es -- o Gott, wie langsam! -- Das Eis

knirscht, als fletscht es ihr tausend grimmige Zähne entgegen, und der

Alte tanzt hin und her und droht, er wird die Axt holen und sie

erschlagen; aber sie lacht nur und stakt, bis die Witkuhnsche Wirtschaft

dicht vor ihr liegt.

»Nachbar! Nachbar Witkuhn!«

Nichts rührt sich. Keine Seele scheint mehr lebendig. Nur die Katze

sitzt auf dem Dachfirst und knaut. Und das Wasser spült über das

zersplitterte Eis weg rund um den Giebel.

»Nachbar Witkuhn!«

Da -- was schiebt sich aus der schwarzen Luke langsam ins Helle? Ein

Bett kommt gekrochen, und in dem Bett liegt mit Stricken beschnürt die

tote Frau, und der Nachbar geht hinterher und schiebt.

Das Bett planscht ins Wasser, und der Nachbar schwimmt hinterher. Und

schließlich kommt auch die Katze gesprungen. Wie das Bett hinten

festgebunden ist, klettert der Nachbar zu ihnen herein.

»Wie fandst du sie?«

»Ob sie ertrunken ist oder erfroren, das weiß ich nicht. Als ich sie auf

den Boden hob, war sie längst tot.«

Weiterfahren!

Der Nachbar Witkuhn reicht dem Alten dankbar die Hand. Und der nimmt sie

auch und hält sie ganz gierig, als hätte _er_ die Rettung vollbracht.

Und nun will er auch wieder staken. Er verspricht, an keiner Wirtschaft

vorbeizufahren, aus der noch Rufe erschallen. Er hat am Retten Geschmack

gefunden, seitdem eine Menschenhand in der seinigen lag.

Aber Erdme gibt die Stange dem Nachbar Witkuhn, denn er ist naß und darf

nicht erklammen. Jetzt erst hat sie Zeit, sich umzusehen. Die beiden

Marjellen sitzen zusammengekrochen im Winkel, und der Jons stöhnt oben

im Rohrdach.

Komisch ist die Behausung. Nicht viel geräumiger als ein

Ziegenverschlag. Der Fußboden besteht aus langen Rudern, den Putschinen,

mit denen die Flößer ihre Holztriften lenken. Die hat er dicht neben

einander gelegt und die Ritzen mit Sorgfalt verstopft und verteert. Ein

Bett und ein eiserner Ofen -- viel mehr steht nicht drin. Und da kein

Herd da ist, der einen Untergrund braucht, so kann das Ganze vom

steigenden Wasser sich hochheben lassen, wie irgend ein Floß oder Prahm.

Noch aus drei Häusern holen sie die nassen und steifgefrorenen Bewohner.

Die dürfen ins Innere kriechen und sich erwärmen, denn Kohlen zum Heizen

sind auch da.

Der alte Raubmörder geht immer von einem zum andern und kriegt nicht

genug Hände zu schütteln. Wer es nicht will, den beschimpft er.

So kommen sie näher und näher an den Chausseedamm, an dessen Höhe dem

Wasser kaum noch ein Zoll fehlt.

Das Vieh steht dort und brüllt nach Stall und nach Fütterung, und auf

den Wagen weinen die frierenden Kinder, und Frauen rennen herum mit

Eimern voll dampfendem Kaffee.

Und überall die Stimme des Moorvogts. Vorne und hinten, in Streit und in

Jammer -- überall ist der Moorvogt und schlichtet und hilft und schiebt

die Achsen und halftert das Vieh und ordnet die allmähliche Abfahrt.

Er ist auch der erste, der das Haus heranschwimmen sieht und den

Bootshaken streckt, an dem man sich festhält.

»Also das war dein Kunststück,« sagt er zu dem aussteigenden Alten. Und

der nicht faul, verlangt sofort seine Pension.

»Erst geht in mein Haus und wärmt euch,« sagt der Moorvogt. Da gewahrt

er das Bett mit der toten Frau, das immer noch hinterherschwimmt. Sein

Gesicht, das von dem zweinächtigen Tagewerk wild gedunsen und rot ist,

wird lang und grau. Er schlägt sich mit den Fäusten vor die Stirn, und

wie einer, den beim letzten kleinen Anlaß Verzweiflung überkommt, sagt

er leis' vor sich hin:

»Alles umsonst. Zwanzig Jahre Arbeit umsonst.«

Aber in demselben Augenblick hat er sich schon einen Ruck gegeben und

ist obenauf. Niemand als die Erdme hat den heimlichen Aufschrei gehört.

Das Bett wird losgemacht und an den Chausseedamm herangefischt. Und

während es langsam dem Wasser entsteigt, ziehen die Männer die Mützen

vom Kopf. Einer stimmt an, und alle bis weit in die Ferne hinein, auch

jene, die noch nicht wissen können, was los ist, singen das alte

Begräbnislied:

_Jau su Diewu gywenkite_

_Jus mylimi, ne werkite,_

_Kunelí manó dekite_

_I zemé ir pakaskite._

Das heißt auf deutsch:

»Lebt in Gottes Schutz, ihr Lieben,

Weint nicht, nun ich selig werde,

Und den Leib, der hier geblieben,

Senket in die dunkle Erde.«

Laut und andächtig singen sie, denn wenn es, Gott sei gedankt, auch nur

wenig Tote gab, jeder hat ja eine Hoffnung begraben.

Bloß einem geht es so gut wie noch nie.

Das ist der alte Raubmörder.

Der sitzt in der guten Stube des Moorvogts mitten auf dem gestreiften

Sofa, hat die Hände um einen Topf mit heißem Kaffee gelegt, keift,

speit, zeigt die Gaumen und erzählt allen, die ihn voll Achtung

umstehen, wie klug vorausschauend er einst sein Haus umgebaut hat und

wie vielen durch seine Guttat heute das Leben erhalten blieb. Darum und

aus noch vielen anderen Gründen wird er jetzt auch vom Staat eine

Pension bekommen und hochgeehrt seine Tage beschließen.

14

Wie kann der Frühling so unbarmherzig sein!

Je wärmer die Tage werden, desto frostigere Nebel haucht das

durchkältete Moor; je heller die Sonne scheint, desto mehr Elend bringt

sie zutage.

Der Jons ist von seiner Lungenentzündung aufgestanden und schleicht am

Stock wie ein nichtsnutziger Greis. Im Kreislazarett hat er gelegen, und

Erdme mitsamt den Marjellen ist derweilen bei Fremden in Pflege gewesen.

Nun sich das Wasser verläuft, können die Moorleute endlich wieder

zurück.

Aber Gott behüte uns vor dem, was sie da finden!

Das Wohnhaus, das Jons und Erdme vor fünfzehn Jahren erbauten, das steht

zwar noch -- aber nur dem Scheine nach steht es. Wenn einer stark

schüttelt, dann fällt die Kabache zusammen. Tritt man ein, so stinkt es

nach Moder und Verwesung. Der Estrich ist aufgequollen, der Herd

auseinandergespellt, und was von dem Ofen übrig blieb, sieht aus wie ein

mächtiger Maulwurfshaufen. Die ganze Stube füllt es mit Lehm und mit

Ziegeln bis in die Tischecke hin.

Ein Wohnen darin ist unmöglich.

Darum beschließt die Erdme, mit dem noch krankenden Mann und den

Töchtern zum Stall hin überzusiedeln. Das Vieh ist von den Pionieren

geholt worden, die an jenem Tage im Extrazug aus Königsberg kamen. Und

das Pferdchen fand sich richtig auf dem Chausseedamm. Die müssen sich

alle mit der linken Seite behelfen, die rechte, wo früher die Schweine

hausten, wird Wohnung.

Jons ist mit allem zufrieden, aber die Marjellen wollen nicht 'ran. In

einem Schweinestall zu wohnen, hätten Besitzerstöchter nicht nötig. Das

sei eine Entwürdigung. Besonders wenn man dicht vor der Fräuleinschaft

steht.

Doch das Bösesein hilft ihnen nichts, und der trostlose Zustand dauert

nicht ewig. Denn dort, wo vor jenen Zeiten Jons und Erdme sich mühten,

um mit Hilfe der Nachbarn aus vier Kieferstangen und vier Dutzend

Schwarten ein Haus zu errichten, rücken eines Tages die Zimmerleute an,

und langgestreckte Gefährte bringen Balken und Bretter.

Das ist nun freilich ein anderer Hausbau als damals! -- Der

Raiffeisenverein hilft, und was noch fehlen mag, liegt auf der Sparbank.

Der Meister hat einen Grundriß gemacht für eine Große und eine Kleine

Stube, für Kammern und Klete, und statt des lehmbeschmierten

Ziegelgestells wird ein glitzernder Kachelofen herrlich erstehen.

In die gleiche Zeit fällt ein Ereignis, das den Stolz der Familie noch

weiter in die Höhe hebt.

Das Unglück, das dem Moor widerfuhr, ist in der weiten Welt nicht

unbemerkt geblieben. Die Zeitungen der Hauptstadt haben lange

Schilderungen gebracht, und sowohl die rettende Arche Noah als auch die

Frauenleiche im schwimmenden Bett sind beschrieben und abgebildet

gewesen. Wenn die arme Frau Witkuhn, die auf Erden so lange und so still

gelitten hat, vom Himmel herabschauen könnte, so sähe sie sich zu ihrem

Erstaunen als eine Berühmtheit gefeiert.

In den großen Städten haben die schönen jungen Damen zugunsten der

Überschwemmten getanzt, gegessen, gesungen und Theater gespielt. Haben

Bonbons, Ansichtskarten, Hutnadeln, Schaumwein und Küsse verkauft und

sind, wenn das Glück gut war, dabei zu einem Gatten gekommen.

Vor allem aber hat man seine Schränke durchwühlt und dabei vielerlei

Sachen gefunden, die den ihrer Habe beraubten Moorleuten von höchstem

Werte sein mußten: Festkleider von vor sechs Jahren, durchgescheuerte

Unterröcke, zerpliesertes Pelzwerk, Sportjacken mit Mottenlöchern,

vertanzte Seiden-, vertretene Lackschuhe, gespenstische Bademäntel und

zu alledem Hüte für jede Jahreszeit, verblaßt, verbogen, verbeult,

verregnet, aber jenen Hinterwäldlern gewiß der Inbegriff aller irdischen

Pracht.

Auch die feinen Herren haben das ihre getan. Die einen haben alte

Hochgebirgskostüme geliefert, weil ihnen etwas vom Hochmoor erinnerlich

war. Die anderen haben weißen Flanell bevorzugt, weil so ein Moor doch

nahe am Seestrand liegt. Aber fast alle haben dem ländlichen Wesen der

Notleidenden entsprechend ihren Gaben den Charakter der Sommerfrische

gegeben. Nur einzelne meinten, so auf gute Weise ihr altes Ballzeug

loswerden zu können.

Kisten und Kisten wurden verfrachtet und gingen per Eilzug an den

Heydekrüger Frauenverein. Endlich, endlich werden die armen, nackten

Moorleute was anzuziehen kriegen!

Wie die Vorstandsdamen den bunten Tand vor sich liegen sehen, schlagen

sie voll Entsetzen die Arme über dem Kopf zusammen und meinen, ihn ihren

Pflegebefohlenen gar nicht erst anbieten zu dürfen. Sie kramen alles

heraus, was sich allenfalls brauchen läßt, und wollen das andere

verstecken. Aber da kennen sie unsere Moorleute schlecht.

Kaum haben die erfahren, was für Herrlichkeiten für sie ins Land

geflogen sind, da stürmen sie den Schmidtschen Speicher und suchen mit

List und Gewalt das Feinste des Feinen für sich zu erraffen. Wunder

auch! Wer, der sein Lebtag mit schmutzigen Lumpen behängt den schwarzen

Erdenschlamm knetet, wird es sich nehmen lassen, des Abglanzes fernher

leuchtender Paradiese teilhaftig zu werden?

Ein neidisches Hadern erhebt sich um jeden flittrigen Fetzen. Wer was

Warmes und Dunkles in Händen hält, fühlt sich verachtet, betrogen.

Schandworte fliegen herum, und draußen kommen Tauschgeschäfte zustande,

die wohl zehnmal zurückgehen und erst mit sinkender Nacht in einer

Tracht Prügel ein Ende nehmen.

Auf dem Heimwege ziehen viele schon an, was das Glück ihnen zuschanzte,

und haben ein Aussehen, als kämen sie stracks aus dem Tollhaus. Manche

spiegeln sich nach jedem hundertsten Schritte im Wasser der Gräben, und

alle fürchten sich voreinander, denn keiner ist sicher, ob ihm in der

Dämmerung nicht was weggegrapscht wird. Den alten Raubmörder will einer

gesehen haben, wie er, gegen einen Chausseebaum gelehnt, barhäuptig

dastand und einen geheimnisvollen Zylinderhut bald auf der Brust

plattdrückte, bald wieder nachdenklich hochknallen ließ.

Auch die Erdme und ihre zwei Töchter kommen reich beladen nach Hause.

Sie haben die lichten und leichten Gewebe verschmäht und sich mehr an

das Schwere und Feierliche gehalten, denn Erdme war ihres alten Schwures

gedenk, daß ihre Kinder dereinst in Samt und Seide einhergehen sollen.

Und das können sie fortan wirklich.

Da ist unter anderem ein Kleid von himmelblauem Samt, tiefausgeschnitten

und mit glitzernden Perlen bestickt.

Das soll die Katrike zur Einsegnung tragen und damit selbst die

vornehmsten Töchter der Deutschen ausstechen, die immer zum Ärger des

Volkes in weißen Mullkleidern um den Altar herumstehen.

Da die frühere Eigentümerin von mächtigem Leibesumfang gewesen sein muß,

so können beim Zurechtschneiden so viele Breiten herausgenommen werden,

daß sich auch für die Urte ein Staatskleid ergibt. Und als das fertig

ist, bleiben noch immer Streifen und Flicken genug, daß Erdme die eigene

Bluse reichlich damit besetzen kann.

So fahren sie also am Einsegnungstage alle drei in himmelblauem Samt zur

Kirche. Und die Heydekrüger sind neidisch und lachen hinterher.

Aber wer nicht lacht, das ist die Frau Pfarrerin.

Kaum kriegt sie die Katrike zu sehen, die lichterziehend und wie ein

Paradiesvogel bunt in dem Haufen der Einsegnungskinder auftaucht, da

packt sie sie an dem Samtschlafittchen und schiebt sie ins Pfarrhaus.

»Wie hat deine Mutter sich unterstehen können, Marjell, dich in solchem

Aufzug vor den Altar Gottes treten zu lassen?«

Und sie will sie wahrhaftig nach Hause schicken.

Aber wie die Katrike bittet und weint, da fühlt sie ein menschliches

Rühren, holt aus dem Schranke ein schwarzwollenes Tuch und wirft es ihr

um die Schultern.

Und so kann sie denn eingesegnet werden.

Gleich auf einer der vordersten Bänke sitzen die Baltruschats, von

neidischem Staunen umgeben. Nur des Jons muß man sich etwas schämen,

weil er nicht fein genug ist.

Die Erdme fühlt sich wohl bitter enttäuscht, wie sie den Stolz der

Familie zu schwarzer Unscheinbarkeit verdammt hinter dem Pfarrer

herkommen sieht, aber sie tröstet sich bald.

Steckt auch der Glanz noch in schlichtem Futteral, er ist doch schon da.

Und das ganze kommende Leben soll nur dazu dienen, ihn zu entfalten.

Sie umfaßt die Urte, deren Augen noch blauer sind als der Samt, den sie

anhat, und denkt beim Singen und Beten an die künftigen Bräutigams.

Und der Jons denkt beim Singen und Beten an das wachsende Haus, dessen

glatt behobelte Wände schon über das Moor hinleuchten.

Wer hätte vor jenen Jahren an so viel Pracht zu denken gewagt?

Und alles durch fleißiger Hände Arbeit aus dem Moorschlamm herausgeholt,

der zäh und unfruchtbar über dem schwarzen Grundwasser lagert, bereit zu

verschlingen, was sich ihm anvertraut.

Die Erdme faßt unter dem Tisch dem Jons seine zerarbeitete Hand und

denkt: Hat es zwischen uns keinen Hader gegeben, als wir es schwer

hatten, haben wir selbst die große Not einträchtiglich überstanden, --

wo sollte er herkommen, nun es leichter und leichter wird?

Und beide fühlen in Seligkeit, daß ihr Erntetag nah ist.

15

So! Nun mach' ich einen langen Atemzug -- der dauert volle zehn Jahre

lang --, und dann erzähl' ich, was aus dem Jons und der Erdme und den

zwei hoch hinaus wollenden Töchtern weiter noch wird.

Von der jüngeren, der Urte, ist freilich vorderhand nicht viel zu

berichten. Als sie mit siebzehn Jahren nach Königsberg ging, um als

Kellnerin einzutreten -- denn das sollte die Schwelle sein zu dem

künftigen Glück --, da war sie ein appetitliches Marjellchen mit

kornblumenblauen Augen und einem süßen Schnauzchen, rund und feucht wie

eine betaute und gespaltene Pflaume; aber die Bilder von ihr, die sie

inzwischen geschickt hat, zeigen, daß sie schlank und hoch geworden ist

und überhaupt wie eine von den schönen Damen, die in dem früheren Hause

an den Wänden klebten. Sie schreibt bald von der Pariser

Weltausstellung, bald aus dem schönen Italien, sogar von der Spitze des

Monte Rosa hat sie eine Ansichtskarte geschickt, obgleich einem dort von

der großen Kälte die Finger erklammen.

Sie heißt jetzt auch nicht mehr Urte, sondern Ortrud, und auch

Baltruschat heißt sie nicht mehr -- so ein litauischer Name ist viel zu

gemein für sie --, sondern einmal schreibt sie sich Balté, ein andermal

Baldamus und ein drittes Mal sogar wie der katholische heilige

Balthasar.

Kurz: man weiß sich vor Stolz nicht zu lassen, wenn man ihrer gedenkt.

Die Katrike allerdings -- die ist noch etwas im Rückstand. Sie hat keine

Lust gehabt, sich ihr Glück aus der weiten Welt zu holen, und auch

daheim läßt es warten, denn ihren Rittergutsbesitzer hat sie immer noch

nicht. Woran das liegt, ist schwer zu sagen.

An Schönheit fehlt es ihr nicht. Etwas lang ist sie geraten -- das

wissen wir schon --, und die Straßenjungen in Heydekrug schreien hinter

ihr her: »Kiek -- die lange Latte!« Dafür ruft man sie zu Hause auch

»Pusze, Pusze«, das heißt »Miesekatzchen«, und dieser liebliche Name

macht viel wieder gut.

An Bildung fehlt es ihr auch nicht. Sie spricht ein sehr feines Deutsch

und spitzt den Mund dabei, soviel sie nur kann. Sie sagt zum Beispiel:

»Üch bün eune reuche Besützerstochter.« Und das soll ihr mal einer

nachmachen!

Viel tun -- tut sie nicht. Hat sie auch nicht nötig. Dafür ist jetzt die

Jette da, die Dienstmagd. Eine niederträchtige Kröt' übrigens. Die

spottet der Katrike doch immer nach. Wenn sie über den Hof geht, faßt

sie den Unterrock mit zwei Fingerspitzen, wackelt mit dem Hintern und

dreht den Kopf wie ein Truthahn. Aber man kann ihr nichts nachweisen.

Zum Dienengehen ist die Katrike natürlich zu schade. Eine Stelle als

Stütze oder Gesellschafterin müßte es sein. Aber sie will nicht. Sie

will lieber vor dem kleinen Handspiegel sitzen und sich mit der

Brennschere -- die hat ihr einmal die Urte geschickt -- die Haare in

Wickel drehen. Manchmal ist alles so kraus und so fettig und so graugelb

wie bei einem Mutterschaf auf der Scherbank.

Für das Überirdische ist sie sehr eingenommen. Sie liebt die Traumbücher

und die Zaubersprüche und liest darin morgens und abends.

Viel hat sie unter den Flöhen zu leiden, und die bespricht sie

fortwährend. An einem Ostermorgen ist sie sogar früh aufgestanden, hat

splitterfasernackt das Haus ausgefegt und das Gemüll ebenso nackt über

die Grenze getragen. Aber geholfen hat auch das nur für kurze Zeit. Die

Jette meint, sie solle es machen wie sie und die Flöhe mit einem

Spirituslappen betupfen, so daß sie nicht hoch können. Aber diese

Fangart ist ihr zu umständlich. Darum versucht sie es lieber mit

Zaubern.

Dem Jons paßt die Nichtstuerei der Katrike sehr wenig. Aber was soll er

machen? Die Erdme stellt sich vor sie, wo sie nur kann. Barfuß gehen

darf sie nicht, und die Hände zerreißen darf sie sich auch nicht, denn

wenn der reiche Freier kommt und findet sie nicht wie ein Fräulein, dann

zieht er sofort wieder ab.

Inzwischen ist der dicke kleine Tuleweit, der Allerweltsfreiwerber,

schon zweimal im Hause gewesen, hat das Glockenspiel gezeigt an seiner

Uhr und den Mohrenkopf auf seinem Spazierstock die Zunge ausstrecken

lassen und was er sonst noch für Kunststücke weiß, aber die Bräutigams,

die er anbot, waren bloß Kroppzeug. Nicht _ein_ richtiger deutscher

Besitzer ist darunter gewesen. Aber die Erdme hat's ihm auch vergolten.

Kaum soviel Schnaps bekam er vorgesetzt, um sich die Nase zu begießen.

Ja, die Erdme! Nun lebt sie mit dem Jons schon an die fünfundzwanzig

Jahr. Sehr schön ist sie nicht mehr, und ihr Fleisch hat auch

nachgelassen. Jetzt würde sich kein Nachbar mehr in sie verlieben. Hart

und knochig ist sie geworden, und einen bösen Blick hat sie gekriegt von

dem ewigen Sorgen und Bemißtrauen.

Denn es ist gar nicht auszusagen, wie viele ihnen ihr bißchen Wohlstand

beneiden und ihnen jede erdenkliche Heimsuchung an den Hals wünschen.

Schon manches liebe Mal hat sie einen Zauberbesen in den Quitschen

hängen gefunden, und wie oft der weiße Hexenspeichel an den Zaunlatten

hing, ist gar nicht zu zählen. Einer hat sogar bei dem katholischen

Pfarrer in Szibben für den Jons eine Totenmesse bestellt; es hat ihm

aber, Gott sei Dank, nichts geschadet, außer daß er das Reißen bekam.

Der Jons ist ein ziemlich alter Mann geworden. Sein Haar ist grau, und

sein Gesicht sieht aus wie ein dürrer Kartoffelacker bei Nachtfrost.

Was hat der Mann aber nicht alles in seinem Kopfe! Allein das viele Geld

zu verwalten! Denn es liegen fünftausend Mark auf der Sparbank. Und die

Wirtschaft wird staatsmäßiger Jahr für Jahr.

Das Wohnhaus mit seinen gehobelten Wänden glänzt in der Sonne wie

Silber, und der massive Schornstein zeigt jedem, der es versteht, was

der Moorgrund schon aushalten kann. Auch drinnen ist alles aufs beste.

Der Herd steht noch an der alten Stelle, aber der Hausflur, in dem er

den Platz hat, ist hoch und weit und voll von bemalten Türen.

Links geht's in die Große und in die Kleine Stube und rechts in die

Kammern. In keinem litauischen Hause kann es geräumiger sein. Wollte ich

erst den Hausrat schildern, die Kaiserbilder in goldenen Rahmen und den

glasierten, doppelten Ofen, -- von der Tapete mit ihren blanken

Sternchen gar nicht zu reden, -- weiß Gott, ich würde kein Ende finden!

Winklig zum Stall ist jetzt auch noch eine Scheune gekommen mit

Wagenschauer und Anklapp zum Trocknen des Torfes. Der Garten hat einen

richtigen Staketenzaun, und nicht bloß Raute und Riechblatt wachsen

darin und was man an Buntem wohl liebhat, sondern auch Möhren, Salat und

mannshohe Schoten, wovon man essen kann, soviel man nur will, selbst

wenn man Dienstags Körbe voll auf den Markt bringt.

So sieht es jetzt bei den Baltruschats aus, und keiner der Nachbarn kann

sich mit ihnen vergleichen.

Übrigens: der fromme Taruttis ist tot. Die Taruttene auch. Beide starben

am gleichen Tage, und als man ihnen die Leichenhemden anzog, hat der

Flachs in der Leinwand noch einmal zu blühen begonnen. Überall saßen die

blauen Sternchen. So fromm sind sie beide gewesen.

Der alte Raubmörder hat richtig seine Pension gekriegt, und als er zu

Grabe getragen wurde, sind ihm nicht weniger als drei Gendarmen gefolgt.

Ob aus Hochachtung oder zur besseren Bewachung, hat niemand zu sagen

gewußt.

Der lange Smailus ist nun auch schon alt. Seine Vierte, von der niemand

was Gutes weiß, soll sich schließlich an ihm krank geärgert haben, und

wenn das Glück es will, kommt er dazu und nimmt sich noch eine Fünfte.

Die Ulele schreibt ein paarmal im Jahr, und die Seife, die sie schickt,

riecht immer noch schöner. Sie hat längst ihren Oberbuchhalter

geheiratet. Der ist Teilhaber an der Fabrik, und die beiden Besitzer

vertragen sich prächtig. -- Da sieht man, was ein tüchtiges Mädchen

kann!

Und der Nachbar Witkuhn? Mein Gottchen, wie ist der zusammengefallen!

Eine Dienstmagd besorgt ihm den Haushalt, und er selber robotet von früh

bis spät mit krummem Puckel und unkräftigen Armen und sucht aus dem

Boden herauszuschlagen, daß er gerade zu leben hat.

Aber raten und helfen, das tut er noch immer, und sieht an der Erdme

noch immer vorbei, und das Kinn zittert ihm. Doch das ist nun ganz und

gar seine Gewohnheit geworden, das wird wohl so bleiben, bis auch das

andere stille steht.

Wie ein treuer Wächter ist er, der heimlich über den Weg hin aufpaßt,

und wenn er gleich fremden Reichtum behütet, nicht danach fragt, ob ihn

selber friert oder schläfert.

16

Der Jons und die Erdme sitzen im Garten zwischen den eingefaßten Beeten

und haben sich lieb -- denn es ist ihr Silberner Hochzeitstag.

Fladen ist gebacken worden und ein Mohnstriezel, aber außer der Katrike

weiß keiner, weshalb.

Die Katrike hat ihnen einen Myrtenkranz aus Silberpapier schenken

wollen, hat auch schon Maß genommen und so, aber dann ist es doch

unterblieben, weil das Besorgen zu schwer war.

Und es ist gut so, denn nun kann es kein Gerede geben unter den Leuten.

Die liebe Frühlingssonne sticht ihnen auf die dünnbehaarten Köpfe. Jons

nimmt die Mütze, die neben ihm auf der Bank liegt, und setzt sie ihr

auf. Sie muß furchtbar lachen, denn solch einen Scherz hat er in all den

fünfundzwanzig Jahren nicht gemacht. Und sie fühlt so recht im innersten

Herzen, wie sehr sie ihn lieb hat.

Fünfundzwanzig Jahre sind sie nun fleißig und glücklich nebeneinander

hergegangen, und nie hat ein Zank ihren Frieden gestört. Betrunken hat

er sich nie -- außer bei Hochzeiten natürlich und ab und zu wohl am

Markttag, aber das gehört ja zum Leben, -- und geschlagen hat er sie

auch nicht.

Sie hat einen guten Mann gehabt, und dafür dankt sie ihm mit Tränen. Und

auch er weint ein bißchen, denn so ein Tag kommt nicht wieder.

Und sie gedenken des jungen Pfarrers mit den Traumdeuteraugen und der

zwei Trauzeugen, die auch am Sonntag nach Mist rochen. Und der

Abendstunde im Matzicker Chausseegraben gedenken sie auch und sehen sich

um, ob niemand sie hört.

»Denkst du daran,« sagt die Erdme, »was wir uns damals alles gelobt

haben? Leicht war es nicht, es zu halten, aber nun haben wir es doch

getan, denn nie hat ein Hader unseren Frieden gestört.«

Litauische Geschichten · 第 35 / 69 题