Da hört sie vom Wohnhaus her schreien: »Mamma! Mamma!«

»Was ist?«

»Das Wasser ist in der Stube!«

Also zurück.

Jetzt wollen die Bretter schon nicht mehr halten. Tritt man darauf, so

gleiten sie seitwärts, und man sieht sich im Wasser bis über die Waden.

Aber man kommt doch noch immer zurück.

Richtig! Das Wasser steht in der Stube. Gar nicht wie ein Gast, der

nicht hingehört. Hat sich ganz häuslich eingerichtet. Und man kann sich

drin spiegeln.

Die Marjellen sehen sie vorwurfsvoll an und sagen: »Wo sollen wir nun

sitzen?«

»Setzt euch auf den Tisch,« sagt die Erdme. Ihr sind die Beine wie Eis.

Sie sucht einen Wollenlappen, um sie zu reiben, und öffnet den Kasten.

Da ist das Wasser schon an den Kleidern hochgeklettert und hat alles

verfeuchtet. So setzt sie sich auf die Ofenbank und hebt die Beine an

der heißen Ziegelwand hoch, denn geheizt ist noch worden. Das wärmt sie

wieder ein bißchen.

Die Marjellen haben sich richtig auf den Tisch gehuckt, wo das Frühstück

noch 'rumsteht. Sie brechen sich Brotkampen ab und stupsen sie in die

Schmalzschüssel. Zum Schmieren sind sie zu träge ...

Die Erdme will die Füße zur Erde sinken lassen, aber erschrocken zieht

sie sie wieder zurück, denn das Wasser reicht auch hier schon bis über

die Knöchel. Und von unter dem Bett her kommen Kartoffeln geschwommen

und der Schmandtopf zum Buttern.

Den fischt sich die Urte glücklich auf, und da nun doch nicht gebuttert

wird, so trinken sie ihn umzech aus, und jede freut sich an dem weißen

Schnurrbart der anderen.

»Mamma,« sagt die Katrike, »wenn wir hier 'raus müssen, wer wird uns

dann abholen kommen?«

»Der König wird einen Prinzen schicken,« sagt die Erdme, die sich zu

ärgern anfängt.

Und sie wollen sich schief lachen.

Aber da fällt ihnen ein, daß ihre Wichsschuhe in dem Kleiderschrank auf

dem Boden stehen und notwendig naß werden müssen.

»Ach, Mamma,« sagt die Katrike, »du hast ja schon sowieso kalte Füße.

Sei so gut und hol uns die Schuhe.«

»Holt sie euch selber,« sagt die Erdme, die immer noch zittert.

Darüber sind sie sehr ungehalten, aber da die Katrike am Mittwoch zum

Unterricht muß, so gibt sie sich drein und schiebt mit dem Fuß einen

Stuhl bis in die Gegend des Schrankes. Auf dem Sitz kniet sie nieder und

öffnet die Schranktür. Die Schuhe schwimmen schon längst, und einer ist

umgekippt, so daß beim Hochheben das Wasser im Bogen herausläuft.

Nun fangen sie an zu heulen, als ob jetzt erst ein Unglück geschehen

ist. Wenn _die_ eine Ahnung hätten, was ihnen bevorsteht!

Die Erdme fühlt sich immer ratloser werden.

»Paßt auf, ob der Vater kommt,« sagt sie zu den Marjellen.

Die kucken zum Fenster 'raus und sagen nach einer Weile: »Der Nachbar

Witkuhn will das Vieh auf den Weg treiben, aber sie gehen nicht.«

»Ist es schon so weit?« denkt die Erdme, und das Herz steigt ihr hoch.

Doch dann gibt sie sich einen Stoß und springt von der Ofenbank 'runter.

Wie oft hat sie im eiskalten Grabenwasser gestanden, stundenlang -- sie

wird auch das aushalten können.

»Kommt mit in den Stall,« sagt sie.

Die beiden glauben nicht recht gehört zu haben. Quer durch die

Überschwemmung -- o pfui doch!

»Dann ersauft meinetwegen hier,« sagt sie.

Da leuchtet es ihnen schon eher ein.

Draußen reicht das Wasser bereits bis an die Knie, und den Marjellen

noch höher. Sie heulen und schimpfen, aber hinterher laufen sie doch.

Das Vieh ist ganz wie verrückt. Die Schweine drehen sich quiekend im

Kreise, und die Kühe reißen ihr mit den Halftern die Hände wund. Nur das

Pferdchen steht voll Ergebung und zittert.

Mein Gott, und der Vater kommt immer noch nicht!

Da plötzlich steht der Nachbar Witkuhn hinter ihr -- naß bis gegen den

Nabel.

»Ich hab' mein Vieh dem Smailus mitgegeben,« sagt er. »Die Schweine sind

in den Graben geraten und werden ertrinken. Eure kriegt ihr schon nicht

mehr heraus.«

»Was wird werden, Nachbar?« Sie ringt die Hände.

»Euer Heuboden hat Raum. Es ist das Beste, ihr schafft die Kühe hinauf.«

Die Erdme glaubt nicht recht gehört zu haben. Seit wann kann eine Kuh

die Leiter hochklettern?

»Bringt Säge und Schaufeln,« sagt er. »Auch Mistgabeln bringt, ich

werd's euch zeigen. Dann muß ich 'rüber, meine Frau auf den Boden

tragen. Die liegt im Bett und kann sich nicht rühren.«

Säge und Schaufeln sind da. Auch zwei Mistgabeln.

»Draußen liegen Ziegel vom Bau her,« sagt er weiter, »die klaut aus dem

Wasser und schafft sie herein.«

Und wie die Marjellen nicht wollen, da gibt er jeder einen Stoß gegen

den Hintern. Das hilft. Nun bringen sie auf nassen Armen die Ziegel, und

die Katrike schimpft, sie wird sich erkälten.

Der Nachbar Witkuhn breitet eine Schicht auf dem Estrich aus, gerade

unter der Luke, und dann noch eine. Darauf stellt er die Rotbunte, die

ihm willig folgt. Und dann fängt er Mist zu staken an, der Kuh immer

unter die Hufe, so daß sie höher steigt, ob sie will oder nicht.

»So macht's weiter,« sagt er und schwingt sich hinauf durch die Luke.

Deren Bretter sägt er ringsum entzwei und macht das Loch so groß, daß

eine Kuh ohne Beschwerde hindurch kann.

Die Rotbunte reicht mit dem Kopf schon gegen die Decke, aber unten

weicht das Wasser die Mistschicht auf, so daß sie wegfließen will.

»Stemmt Bretter gegen!« sagt er. Die Marjellen tun's. Nun sie naß sind

bis gegen den Hals hin, arbeiten sie kräftig. Denn das ist das einzige,

was sie vor dem Erstarren bewahrt.

Die Schweine stehen auf den Hinterläufen und trippeln an der Wand

entlang wie große Ratten im Käfig.

Wer wird sie heben können? Denn um stille zu halten, sind sie zu dumm.

»Manneskraft fehlt,« sagt der Nachbar. Dann, sich vor die Stirn fassend,

stöhnt er leise: »Und sie liegt und kann sich nicht rühren.«

Man sieht, ihm schlägt das Gewissen, aber er bleibt. Es ist ja die

Erdme, die ihn braucht.

Und wie die Rotbunte eben schon oben ist, da steht der Jons mit einem

Male da -- naß wie eine ertränkte Katze.

»Ich hatt' einen Kahn beschafft für euch,« sagt er, »da haben die

anderen mich 'rausgeschmissen. Im Kampf ist der Kahn umgeschlagen, und

ein Kind ist ertrunken. Von nun kommt keiner mehr zu Fuß bis an den

Chausseedamm.«

Die Erdme befühlt ihn. Seine Glieder sind starr. Nur ein Rucken zeigt,

daß noch Leben in ihnen ist.

»Nachbar,« sagt der Witkuhn, »die eine Kuh ist oben. Versuch's mit der

anderen. Die Erdme weiß, wie. Das Pferd laß 'raus, das schwimmt zum Damm

von alleine. Aber die Schweine müssen ersaufen.«

»Vielleicht krieg' ich sie auch noch 'rauf,« sagt der Jons.

»Unmöglich ist nichts,« sagt der Nachbar und planscht zur Tür.

»Wo willst du hin?« fragt der Jons.

»Meine Frau liegt im Bett und kann sich nicht rühren!«

»Dann bet ein Vaterunser für sie,« sagt der Jons. »Jenseits des Wegs ist

jetzt Strömung. Durch die kannst du nicht durch. Und erklammen tust du

auch.«

»Ich muß!« sagt der Nachbar und geht. --

Sie tragen den Misthaufen ab. Dessen Stücke schwimmen nun 'rum. Auch die

Schwarzweiße folgt willig auf die Ziegelerhöhung, doch der Mist will

unter dem Wasser jetzt nicht mehr halten. Der Jons bricht die Raufen

entzwei und nimmt den Schweinen die Tröge weg. So kommt Festigkeit in

den Bau.

Die Schweine in ihrer Todesangst klettern jetzt an den Menschen hoch --

man muß sie mit Mühe abwehren --, und auch das Pferdchen wird unruhig.

Jons führt es hinaus, und richtig! Nachdem es eine Weile lang in den

Stall zurückgewollt hat, begibt es sich klug auf die Reise.

Sie schaufeln und staken und staken und schaufeln und nutzen jeden Eimer

und jede Tonne, um selber so hoch wie möglich zu stehen.

Wie sie auch die Schwarzweiße oben haben, da liegt schon das eine der

Schweine regungslos auf dem Wasser. Das andere, das immer noch quiekt,

schieben sie den Mistberg hoch, so daß es halb erwürgt oben ankommt.

Essen fehlt. Trockene Kleider fehlen.

Der Jons kann nicht mehr. Er liegt im Heu und hat Krämpfe.

»Ich geh' ins Haus und hole, was nötig ist,« sagt die Erdme.

Die Marjellen schreien: »Du wirst ertrinken!« Aber sie macht sich nichts

draus.

Das Wasser auf dem Hofe geht ihr bis an die Brust. Es steht nicht mehr

still wie zuvor. Wirbel kreisen und führen Eisstücke mit sich, dicker

als Torfziegel. Die kommen sicher vom Strome. Es muß also ein Dammbruch

geschehen sein.

Aber die Luft ist ruhig. Es scheint frieren zu wollen über Nacht. Aus

der Gegend der Chaussee kommt ein dumpfes Gebrause von Menschen und

Tieren. Ab und zu ein Schrei wie aus Todesnot. Aber ringsum ist alles

still. Wie längst gestorben ist alles.

Im Hause reicht das Wasser schon bis gegen die Tischplatte. Die Stühle

schwimmen. Die im Schranke verwahrten Kleider sind oben noch trocken.

Nur das unterste Stück hängt ins Wasser.

Sie rafft, was sie raffen kann. Ein Glück ist's, daß dem Jons sein

Schafpelz zum Trocknen noch auf dem Ofen liegt. Er wenigstens wird Wärme

haben.

Zwei-, dreimal geht sie beladen hin und her, die Arme hochhaltend, und

immer schwieriger werden die Wirbel.

Dann zieht sie sich aus, reibt sich mit Heu die Glieder warm und wühlt

sich nackt in den Haufen. Und während die Marjellen kreischen und Jons

im Fieber sich schüttelt, schläft sie ein und schläft die ganze Nacht

durch wie ein Sack. --

* * * * *

Die Dämmerung ist rot, und auf dem Wasser glänzt eine dünne, blaßblaue

Eisschicht, in die schneegraue Blöcke eingefroren sind.

Sie denkt an die Prophezeiung des alten Raubmörders. Wer jetzt noch

gegen das Wasser an wollte, dem würde das haarscharfe Eis mit tausend

Messern das Fleisch zerschneiden.

Nun hat sich alles erfüllt, womit der Alte ihr einstmals drohte. Nur daß

sie nicht im Schornstein stecken. Freilich wären sie drüben im Hause

geblieben, weiß Gott, wie es dann aussähe! Das, was dort Dach heißt,

hätte sie niemals getragen. Die Pfosten stehen windschief, das Haus

sieht aus wie eine Roggenhocke kurz vor dem Umfall. --

Sie steht auf und zieht sich an. -- Die Röcke von gestern sind noch

patschnaß, aber die mitgebrachten scheinen fast trocken.

Die Marjellen schlafen, und Jons in seinem Fieber redet Dummzeug. Die

Kühe haben sich eingerichtet, und das Schwein will sein Frühstück.

Wie sie ordentlich auftritt, merkt sie, daß auch der Stall nicht mehr

festhält. Und der war doch wie für die Ewigkeit gebaut.

Wie geht's denn mit den Häusern ringsum? Heute ist klare Luft. Man sieht

sie, als wäre man dicht davor. Beim Nachbar Witkuhn läuft das Wasser zur

Bodenluke heraus. Ob er heimgekommen sein mag? Ob die Frau wohl noch

lebt? Beim Nachbar Smailus hat der Schornstein das Dach durchschlagen,

denn der bestand bis hoch oben aus Ziegeln.

Und dicht daneben? Was ist das? Da steht ja ein anderes Haus, das

gestern nicht da war! -- Wie kommt das dahin? Dafür ist die Kate des

alten Raubmörders von ihrem Platze verschwunden.

Um Himmelswillen -- das fremde Haus dicht neben dem Hofe des Smailus,

das ist sie ja!

Und sie steht auch da nicht einmal fest. Langsam, langsam treibt sie der

Wasserdrang vor sich her. In jedem Augenblick verschiebt sich die

Richtung gegen den Hof hin.

Oder ist es am Ende gar nicht das Wasser, das sie weiter bewegt? So viel

Kraft kann das kaum haben, denn dann gäb' es ja keine Eisschicht. Und

was bedeutet die Stange, die sich am hinteren Ende hebt und senkt?

Das ist gar keine Kate mehr, das ist ein Kahn. -- Ein Kahn, der sich

fortbewegt, ein Kahn, der gelenkt wird.

Und hat das alte Schreckgespenst nicht einst von einer Arche Noah

gesprochen?

Das ist sie ja. Da kommt sie ja. Langsam kommt sie, aber sie kommt.

Kommt sie nicht gar auf ihr Haus zu, oder fährt sie vorbei?

Litauische Geschichten · 第 31 / 69 题