Ja, das ist sie.
Wie kann es bloß so viel Scheußlichkeit geben! Der Pukys mit dem
feurigen Schweif und der andere Drache, der Atwars, sind gar nichts
dagegen. Sie schreit und hält sich die Augen zu und weiß nicht, ob sie
weiterlachen oder noch einmal losweinen soll. Aber da der Ansas sie
beschützt, entscheidet sie sich fürs Lachen und nimmt die Schürze vom
Gesicht und macht: »Puff, Puff.« Genau so kindisch, wie die Elske machen
würde, wenn sie den Drachen sähe, mit dem die Leute spazieren fahren.
»Wohin fahren sie?« fragt sie dann, als die letzten Wagen vorbei sind.
Und Ansas belehrt sie: »Zuerst nach Insterburg und dann nach Königsberg
und dann immer weiter bis nach Berlin.«
»Wollen wir nicht auch nach Berlin fahren?« bittet sie.
»Wenn alles geordnet ist,« sagt er, »dann wollen wir nach Berlin fahren
und den Kaiser sehen.« Dabei wird er mit einmal steinernst, als ob er
ein Gelübde tut.
O Gott, wie ist das Leben schön!
Und das Leben wird immer noch schöner.
Wie sie auf dem Wege zur inneren Stadt an dem »Anger« vorbeikommen,
jenem großen, häuserbestandenen Sandplatz, auf dem die Vieh- und
Pferdemärkte abgehalten werden, da hören sie aus dem Gebüsch, das den
einrahmenden Spazierweg umgibt, ein lustiges Leierkastengedudel und
sehen den Glanz von Purpur und von Flittern durch die Zweige schimmern.
Nun möchte ich den Litauer kennen lernen, der an einem Karussell
vorbeigeht, ohne begierig stehen zu bleiben.
Die Sonne ist zwar bald hinter den Häusern, und morgen früh will Ansas
beim Kuhfuttern sein, aber was kann der kleine Umweg viel schaden, da
man ja so wie so an vierzehn Stunden kreuzen muß.
Und wie sie das runde, sammetbehangene Tempelchen vor sich sehen, dessen
Prunksessel und Schlittensitze nur auf sie zu warten scheinen, da weist
Ansas mit einmal fast erschrocken nach dem Leinwanddache, auf dessen
Spitze ein goldener Wimpel weht.
Sie weiß nicht, was sie da kucken soll.
Er vergleicht den Wimpel mit den Wetterfahnen rings auf den Dächern. Es
stimmt! Der Wind ist nach Süden umgeschlagen -- und das Kreuzen unnötig
geworden. In sieben Stunden kann der Kahn zu Hause sein.
Also 'rauf auf die Pferde! Die Indre wehrt sich wohl ein bißchen -- eine
Mutter von drei Kindern, wo schickt sich das? Aber in Tilsit kennt sie
ja keiner. Also, fix, fix 'rauf auf die Pferde, sonst geht's am Ende
noch los ohne sie beide.
Und sie reiten und fahren und reiten wieder, und dann fahren sie noch
einmal und noch einmal, weil sie zum Reiten schon lange zu schwindlig
sind. Die ganze Welt ist längst eine große Drehscheibe geworden, und der
Himmel jagt rückwärts als ein feuriger Kreisel um sie herum. Aber sie
fahren noch immer und singen dazu:
»Tilschen, mein Tilschen, wie schön bist du doch!
Ich liebe dich heute wie einst!
Die Sonne wär' nichts wie ein finsteres Loch,
Wenn du sie nicht manchmal bescheinst.«
Und die umstehenden Kinder, die schon dreimal Freifahrt gehabt haben,
singen dankbar mit, obwohl sie Text und Weise nicht begreifen können.
Aber schließlich wird der Indre übel. Sie _muß_ ein Ende machen, ob sie
will oder nicht. Und nun stehen sie beide lachend und betäubt unter den
johlenden Kindern und streuen in die ausgestreckten Hände die Krümel der
Konditorkuchen, die sie aus Versehen längst plattgesessen haben.
Ja, so schön kann das Leben sein, wenn man sich liebt und Karussell dazu
fährt!
Dann nehmen sie Abschied von den Kindern und den Kindermädchen, von
denen etliche sie noch ein Ende begleiten. Um ihnen den Weg zu zeigen,
sagen sie, aber in Wahrheit wollen sie bei Gelegenheit noch ein Stück
Kuchen erraffen. Und sie hätten auch richtig was gekriegt, wenn sie bis
zur Dekominschen Konditorei ausgehalten hätten. Aber die liegt ja, wie
wir wissen, am andern Ende der Stadt.
Daselbst lassen sie beide sich noch einmal ein schönes Paketchen
zurechtmachen, aber diesmal sucht die Indre aus. Der Ansas bestellt
derweilen noch zwei Gläschen von dem klebrigen Rosenlikör und nimmt zur
Sicherheit für vorkommende Fälle gleich die ganze Flasche mit.
Wie sie zu ihrem Kahn hinabsteigen, ist die Sonne längst untergegangen.
Aber das macht nichts, denn der Südwind hält fest, und der Mond steht
schon bereit, um ihnen zu leuchten.
Unter solchen Umständen ist ja die Fahrt ein Kinderspiel.
Ansas schöpft mit der Pilte das Wasser aus, damit die Bodenbretter
hübsch trocken sind, wenn die Indre sich etwa langlegen will. Aber sie
will nicht. Sie setzt sich auf ihren alten Platz vorn auf die Paragge,
damit sie dem Ansas zusehen und sich im stillen an ihm freuen kann.
Und dann geht es los.
Die Ufer werden dunkler, und eine große Stille breitet sich aus. Sie muß
immerzu daran denken, in welcher Angsthaftigkeit das Herz sie drückte,
als sie vor acht Stunden desselben Weges fuhr, und wie leicht sie jetzt
Atem holen kann.
Sie möchte am liebsten ein Dankgebet sprechen, aber sie will es nicht
allein tun, denn er gehört ja wieder zu ihr ... und nötig hat er es
auch.
Aber er hat jetzt nur Blick für Segel und Steuer, denn die
Brückenpfeiler sind da und viele Kähne, die auf beiden Seiten vor Anker
liegen.
Manchmal nickt er ihr freundlich zu. Das ist alles.
Alsdann breitet sich der Strom, und der Mond fängt zu scheinen an. Die
Wellchen sind ganz silbern in der Richtung auf ihn zu und setzen sich
und fliegen auf wie kleine weiße Vögelchen.
Sie kann den Ansas gut erkennen, er sie aber nicht, denn der Mond steht
hinter ihr. Darum sagt er auch plötzlich: »Warum sitzt du so weit von
mir weg?«
»Ich sitze da, wo ich bei der Hinfahrt gesessen hab',« sagt sie.
»Hinfahrt und Rückfahrt sind so verschieden wie Tag und Nacht,« sagt er.