De halbe Nacht hab' ick mit ihr jetanzt. Nu sind wir uf de Straße

jejang. Denn war 'n Herr mitjekomm, vastehste! Und wie det ick jesacht

habe, det ick von meinswechen mit die Dame 'n Hihnchen zu pflicken habe

und 'n Schneiderring aus de Bucksen jezogen, hat er natierlich Reißaus

jenomm. -- Nu ha ick zu ihr jesacht: ängsten sich nich, Freilein! wo

jutwillig sind und wo keen Lärm schlachen, und nie nich mehr bei meine

Schwester nachfrachen nach ihr Kind, soll allet janz jitlich in juten

vereinigt sind! und denn is se mit mich jejondelt 'n Sticksken.

Frau John

Na und?

Bruno

Na und? -- Und da wollte se nich! -- Und da fuhr se mit eemal nach meine

Jurjel, det ick denke ... wie 'n Beller, der toll jeworden is! und hat

noch Saft in de Knochen jehabt ... det ick jleich denke, det ick soll

alle werden! Na, und da ... da war ick nu och 'n bißken frisch -- und

denn war et -- denn war et halt so jekomm.

Frau John

in Grauen versunken.

Um welche Zeit war et?

Bruno

So 'rum zwischen vier und drei. Der Mond hat 'n jroßen Hof jehat. Uf'n

Zimmerplatz hinter de Planken is een Luder von Hund immer rufjesprung

und anjeschlagen. Denn dreppelte et und denn is 'n Jewitter

niederjejang.

Frau John

verändert, gefaßt.

'S jut! Nu jeh! Die verdient et nich besser.

Bruno

Atje! Na nu sehn wa uns ville Jahre nich.

Frau John

Wo wiste denn hin?

Bruno

Erst muß ick ma Stunde zweee längelang uf'n Ricken liechen. Ick och! Ick

jeh zu Fritzen, wo eene Kammer in't olle Polizeijefängnis jejenieber de

Fischerbrücke zu Miete hat. Dort bin ick sicher. Wo Ufstoß is, kannste

mich Nachrich zukomm lassen.

Frau John

Wiste det Kindeken nochma ankieken?

Bruno

zittert.

Nee.

Frau John

Warum nich?

Bruno

Nee Jette, in diesen Leben nich! Atje Jette! -- Wacht ma Jette: hier is

noch 'n Hufeisen! -- (Er legt ein Hufeisen auf den Tisch.) -- Det ha ick

jefunden! Det bringt Glick! Ick brauche ihm nich.

Bruno Mechelke, katzenartig, wie er gekommen, ab. Frau John blickt

mit entsetzt aufgerissenen Augen nach der Stelle, wo er verschwunden

ist, wankt dann einige Schritte zurück, preßt die wie zum Gebet

verkrampften Hände gegen den Mund und sinkt in sich zusammen, immer

mit dem vergeblichen Versuch, Gebetsworte gegen den Himmel zu

richten.

Frau John

Ick bin keen Merder! ick bin keen Merder! det wollt ick nich!

Fünfter Akt

Zimmer bei Johns. Frau John liegt schlafend auf dem Sofa. Walburga

und Spitta treten vom Flur her ein. Man vernimmt von der Straße

herauf laute Militärmusik.

Spitta

Es ist niemand hier.

Walburga

Frau John! Doch Erich! Hier liegt ja Frau John.

Spitta

mit Walburga an das Sofa tretend.

Schläft sie? Wahrhaftig. Das begreife einer, wie man bei diesem Lärm

schlafen kann. --

Die Militärmusik ist verklungen.

Walburga

Ach Erich, pst! diese Frau ist mir grausenvoll. Verstehst du denn

übrigens, weshalb unten am Eingang Polizeiposten stehn und weshalb sie

uns nicht auf die Straße lassen? Ich hab' eine solche furchtbare Angst,

daß man womöglich arretiert wird und mit zur Wache muß.

Spitta

Aber gar keine Idee! Du siehst ja Gespenster, Walburga.

Walburga

Als der Mann in Zivil auf dich zutrat und uns anblickte und du ihn

fragtest, wer er sei und er seine Legitimationsmarke aus der Tasche

nahm, wahrhaftig, da fing sich Treppe und Flur auf einmal um mich im

Kreise zu drehen an.

Spitta

Sie suchen einen Verbrecher, Walburga. Das ist eben eine sogenannte

Razzia, eine Art Kesseltreiben auf Menschen, wie die Kriminalpolizei sie

zuweilen veranstalten muß.

Walburga

Und außerdem kannst du mir glauben, Erich, ich habe Papa'ns Stimme

gehört, der laut mit jemand geredet hat.

Spitta

Du bist nervös. Du kannst dich getäuscht haben.

Walburga

die John spricht im Schlaf, Walburga erschrickt.

Horch mal, die John.

Spitta

Große Schweißtropfen stehen ihr auf der Stirn. Komm mal, sieh mal das

alte rostige Hufeisen, das sie mit beiden Händen umklammert hat.

Walburga

horcht und erschrickt wieder.

Papa!

Spitta

Ich verstehe dich nicht. Laß ihn doch kommen, Walburga. Die Hauptsache

ist, daß man weiß, was man will und daß man ein reines Gewissen hat. Ich

bin bereit. Ich ersehne die Aussprache.

Es wird laut an die Tür geklopft.

Spitta

fest.

Herein!

Frau Direktor Hassenreuter erscheint, mehr als sonst außer Atem.

Über ihr Gesicht geht ein Ausdruck der Befreiung, als sie ihrer

Tochter ansichtig wird.

Frau Direktor Hassenreuter

Gott sei gelobt! Da seid ihr ja, Kinder. -- (Walburga fliegt zitternd in

ihre Arme.) -- Mädel, wie du deine alte Mutter geängstet hast! --

Längeres Atmen und Stillschweigen.

Walburga

Verzeih, Mama: ich konnte nicht anders.

Frau Direktor Hassenreuter

Nein! Solche Briefe mit solchen Gedanken schreibt man an eine Mutter

nicht. Besonders an eine Mutter wie mich nicht, Walburga! Hast du

Seelensnöte, so weißt du auch, daß du mich noch immer mit Rat und Tat

dir zur Seite hast. Ich bin kein Unmensch und auch früher mal jung

gewesen. Aber ins Wasser springen ... ins Wasser springen und so

dergleichen, mit solchen Drohungen spielt man nicht. Ich habe doch

hoffentlich recht, Herr Spitta. Und nun auf der Stelle ... wie seht ihr

denn aus? -- auf der Stelle kommt mit mir beide nach Hause mit! -- Was

hat denn Frau John?

Walburga

Ja hilf uns! steh uns bei! nimm uns mit, Mama! Ich bin so froh, daß du

da bist. Ich hab' plötzlich eine so lähmende Angst gehabt.

Frau Direktor Hassenreuter

Also kommt, das wäre noch schöner, daß man sich von Ihnen, Herr Spitta,

und diesem Kinde solcher verzweifelter Torheiten zu gewärtigen hat. Man

hat Mut in Ihren Jahren! Man verfällt nicht auf Ausflüchte, wenn alles

nicht gleich nach dem Schnürchen geht, bei denen man nur -- man lebt ja

nur einmal! -- zu verlieren und nichts zu gewinnen hat.

Spitta

O ich habe Mut! Ich denke auch nicht daran, etwa als Lebensmüder feige

zu endigen! außer wenn mir Walburga verweigert wird. Dann freilich ist

mein Entschluß gefaßt! Daß ich vorläufig arm bin und meine Suppe hie und

da in der Volksküche essen muß, untergräbt meinen Glauben an mich und

eine bessere Zukunft nicht. Auch Walburga ist sicherlich überzeugt, es

muß ein Tag kommen, der uns für alle trüben und schweren Stunden

entschädigt.

Frau Direktor Hassenreuter

Das Leben ist lang. Und ihr seid heut noch Kinder. Es ist vielleicht

nicht so schlimm, wenn ein Student oder Kandidat in der Volksküche essen

muß. Für Walburga als Ehefrau wäre das ärger. Und ich möchte doch für

euch beide hoffen, daß da erst etwas vorher wie ein eigner Herd mit dem

nötigen Holz und der nötigen Kohle und so weiter geschaffen wird. Im

übrigen habe ich bei Papa eine Art Waffenstillstand für euch ausgewirkt.

Es war nicht leicht und wäre vielleicht unmöglich gewesen, wenn nicht

die Morgenpost seine definitive Ernennung und Wahl zum Direktor in

Straßburg gebracht hätte.

Walburga

freudig.

Mama! ach Mama! das ist ja ein Sonnenblick.

Frau John

hat sich mit einem Ruck emporgerichtet.

Bruno!

Frau Direktor Hassenreuter

entschuldigend.

Wir haben Sie aufgeweckt, Frau John.

Frau John

Is Bruno wech?

Frau Direktor Hassenreuter

Wer? Welcher Bruno?

Frau John

Na Bruno! Kenn Se denn Brunon nich?

Frau Direktor Hassenreuter

Richtig, so heißt ja Ihr jüngerer Bruder.

Frau John

Ha ick jeschlafen?

Spitta

Fest! Aber Sie haben eben im Schlaf laut aufgeschrien, Frau John.

Frau John

Ham Se jesehn, Herr Spitta, wo Jungs in Hof ... ham Se jesehn, wo Jungs

in Hof Adelbertchen sein Jräbken jesteenicht ham? Aber ick war zwischen,

wat? und ha rechts und links jar nich schlecht Maulschellen ausjeteilt.

Frau Direktor Hassenreuter

Demnach haben Sie also von Ihrem ersten verstorbenen Kindchen geträumt,

Frau John?

Frau John

Nee nee, det war wahr, ick ha nich jetraumt, Frau Direktor. Und denn

jing ick mit Adelbertchen, jing ick bein Standesbeamten hin.

Frau Direktor Hassenreuter

Aber wenn Adelbertchen nicht mehr am Leben ist ... wie können Sie denn

...

Frau John

I, wenn een Kindchen meinswechen jeboren is, denn is et jedennoch noch

in de Mutter, und wenn es meinswechen jestorben is, denn is et immer

noch in de Mutter. Ham Se den Hund jehert hintern Plankenzaun? Der Mond

hat'n jroßen Hof jehat! Bruno, du jehst uf schlechte Weche.

Frau Direktor Hassenreuter

rüttelt Frau John.

Wachen Sie auf, gute Frau! Frau John! Frau John! Sie sind krank! Ihr

Mann soll mit Ihnen zum Arzte gehen.

Frau John

Bruno, du jehst uf schlechte Weche. -- (Die Glocken beginnen wieder zu

läuten.) -- Sind det de Jlocken? --

Frau Direktor Hassenreuter

Der Gottesdienst ist zu Ende, Frau John.

Frau John

erwacht völlig, starrt um sich.

Warum wach ick denn uf? Warum habt ihr mir denn in Schlaf nich mit de

Axt iebern Kopp jehaut? -- -- -- -- -- -- Wat ha ick jesacht? Pst! Bloß

zu niemand een Sterbenswort, Frau Direktor. --

Sie ist aufgesprungen und ordnet ihr Haar mit vielen Haarnadeln.

Der Direktor erscheint durch die Flurtür.

Direktor Hassenreuter

stutzt beim Anblick der Seinigen.

Sieh da, sieh da Timotheus, die Kraniche des Ibikus! -- Sagten Sie

nicht, es wohne hier ganz in der Nähe ein Spediteur, Frau John? -- (zu

Walburga.) -- Jawohl, mein Kind: während du in deinem jugendlichen

Leichtsinn auf dein Vergnügen und wieder auf dein Vergnügen denkst, ist

dein Papa schon wieder drei Stunden lang in Geschäften herumgelaufen. --

(zu Spitta.) -- Sie würden es nicht so eilig haben, junger Mann, eine

Familie zu begründen, wenn Sie auch nur die geringste Ahnung davon

hätten, wie schwer es ist, es durchzusetzen, von Tag zu Tag mit Weib und

Kind wenigstens nicht ohne das elende und verschimmelte bißchen

täglichen Brotes dazustehn. Möge das Schicksal jeden davor bewahren,

sich eines Tages mittellos in die Suburra Berlins geschleudert zu

finden, um mit andern Verzweifelten, Brust an Brust, in unterirdischen

Löchern und Röhren, um das nackte Leben für sich und die Seinen zu

ringen. Gratuliert mir! In acht Tagen sind wir in Straßburg. -- (Frau

Direktor, Walburga und Spitta drücken ihm die Hand.) -- Alles übrige

findet sich.

Frau Direktor Hassenreuter

Papa, du hast wirklich für uns, und zwar ohne dir etwas zu vergeben, die

Jahre einen heroischen Kampf gekämpft.

Direktor Hassenreuter

Wie bei Schiffbruch, wenn der Kampf um die Balken im Wasser beginnt.

Meine edlen Kostüme, gemacht, um die Träume der Dichter zu

veranschaulichen, in welchen Lasterhöhlen, auf welchen schwitzenden

Leibern haben sie nicht, _odi profanum vulgus!_ damit nur der Groschen

Leihgebühr im Kasten klang, ihre Nächte zugebracht. Sessa! Wenden wir

uns zu heiteren Bildern. Der Rollwagen, alias Thespiskarren ist schon

angeschirrt, um den Transport unsrer Penaten in hoffentlich glücklichere

Gefilde zu bewerkstelligen. -- (plötzlich zu Spitta.) -- Und daß ihr

beide nicht etwa aus sogenannter Verzweiflung irreparable Dummheiten

macht, darauf verlang ich Ihr Ehrenwort, werter Herr Spitta. Zur

Kompensation verspreche ich Ihnen jeder wirklich vernünftigen Äußerung

Ihrerseits gegenüber nicht taub zu sein. -- Im übrigen komme ich zu Frau

John: erstlich weil Schutzleute in den Eingängen niemanden auf die

Straße lassen, ferner, weil ich gerne von Ihnen wissen will, weshalb ein

Mann wie ich, gerade in diesem Augenblick, wo seine Wimpel wieder

flattern, Gegenstand einer niederträchtigen Zeitungskampagne geworden

ist.

Frau Direktor Hassenreuter

Lieber Harro, Frau John versteht dich nicht.

Direktor Hassenreuter

Dann wollen wir also _ab ovo_ anfangen. Hier habe ich Briefe, -- (er

zeigt einen Stoß Briefschaften) -- eins, zwei, drei, fünf, zirka ein

Dutzend Stück! Darin wird mir in boshafter Weise von Unbekannten zu

einem Ereignis gratuliert, das angeblich oben auf meinem Magazinboden

vor sich gegangen ist. Ich würde die Sache nicht beachten, wenn nicht

gleichzeitig diese Lokalnotiz, wonach in der Bodenkammer eines

Maskenverleihers, _sic!_ ... eines Maskenverleihers in der Vorstadt ein

neugeborenes Kindchen gefunden worden ist! ... Ich sage, wenn diese

Lokalnotiz mich nicht stutzig machte. Zweifellos handelt sich's hier um

eine Verwechselung. Dennoch mag ich die Sache nicht auf mir sitzen

lassen. Besonders da dieser Lümmel von einem Reporter von dem Herrn

Maskenverleiher auch noch als einem verkrachten Schmierendirektor

spricht. Lies Mama: Adebar beim Maskenverleiher. Der Kerl bekommt

Ohrfeigen! Heut abend soll meine Ernennung in Straßburg durch die

Zeitungen gehn und gleichzeitig werde ich _urbi et orbi_ als

humoristischer Bissen ausgeliefert. Als ob man nicht wüßte, daß von

allen Flüchen der Fluch der Lächerlichkeit der schlimmste ist.

Frau John

An Hauseingang stehn Schutzleute, Herr Direktor?

Direktor Hassenreuter

Ja! Und zwar so, daß sogar das Kinderbegräbnis der Witfrau Knobbe ins

Stocken gekommen ist. Man läßt sogar den kleinen Sarg mit dem greulichen

Kerl von der Pietät, der ihn trägt, nicht in den Wagen hinaus.

Frau John

Wat wär' denn det for'n Kinderbejängnis?

Direktor Hassenreuter

Wissen Sie das nicht? Das Söhnchen der Knobbe, das auf eine mysteriöse

Weise von zwei fremden Weibsbildern zu mir heraufgebracht wurde und

förmlich unter meinen Augen, wahrscheinlich an Entkräftung gestorben

ist. A propos ...

Frau John

Det Kind von de Knobbe is jestorben?

Direktor Hassenreuter

A propos, Frau John, wollt' ich sagen, Sie sollten doch eigentlich

wissen, wie die Sache mit den beiden übergeschnappten Frauenspersonen,

die sich des Kindchens bemächtigt hatten, schließlich verlaufen ist?

Frau John

Nu sachen Se, is det nich Jottes Finger, det se womöglich nich

Adelbertchen erwischt haben und det nich mein Adelbertchen mit Dot

abjejang is?

Direktor Hassenreuter

Wieso? Diese Logik verstehe ich nicht. Dagegen habe ich mich schon

gefragt, ob nicht die wirren Reden des polnischen Mädchens, der

Kleiderdiebstahl auf meinem Boden und das Milchfläschchen, das Quaquaro

im Stiefel herunterbrachte, irgendwie mit der Zeitungsnotiz

zusammenzubringen sind.

Frau John

Da mang, Herr Direkter, is jar keen Zusammenhang. Haben Se Pauln jesehn,

Herr Direkter?

Direktor Hassenreuter

Paul? Ach so: Ihren Mann! jawohl! und zwar, wenn ich recht gesehen habe,

im Gespräch mit dem fetten Kriminalinspektor Puppe, der wegen des

Diebstahls auch schon mal bei mir gewesen ist.

Maurerpolier John tritt ein.

John

Na Jette, ha ick nu recht? Det is schnell jekomm.

Frau John

Wat denn?

John

Soll ick mich tausend Marcht verdien, wo mit Anschläche von

Polizeipräsidium an de Litfaßsäulen als Belohnung for Denungsiation is

bekannt jejeben?

Frau John

Woso denn?

John

Weeßte denn nich, det det janze Manöver mit Schutzleute und

Jeheimpolizisten Brunos wechen in Jange is?

Frau John

Wie denn? Wo denn? Wat denn? Warum denn in Jange?

John

Det Kinderbejängnis is sistiert und zwee Burschen von de Leidtrajenden,

wat richtig dufte Kunden sind, festjenomm! jawoll! Det is nu so weit,

Herr Direktor! Ick bin nu'n Mann, wo mit eene Frau verkuppelt is, wo een

Bruder hat, wo hinterher sind, mit Rejierungsräte und Mordkommission,

weil er draußen, nich weit von de Spree unter een Fliederstrauch eene

hat umjebracht.

Direktor Hassenreuter

Aber werter Herr John: das mag Gott verhüten.

Frau John

Det is jelochen! Mein Bruder tut so wat nich.

John

I, det is det Neieste, Jette. Herr Direkter, ick ha neilich schonn

jesacht, wat det for'ne Sorte Bruder is. -- (Er bemerkt und nimmt einen

Fliederstrauch vom Tisch.) -- Sehen Se ma det hier! Det Unjeheuer is

hier jewesen. Wo wiederkommt, bin ick der erschte, wo ihm, Hände und

Füße jebunden, an der Jerechtigkeet ausliefern dut.

Er sucht den Raum ab.

Frau John

Mach du Rotznäsen wat weeß von Jerechtigkeet. Jerechtigkeet is noch nich

ma oben in Himmel. Keen Mensch nich war hier! Und det bisken Flieder ha

ick von Hangelsberg mitjebracht, wo'n jroßer Strauch hinter'n Hause bei

deine Schwester is.

John

Du warst ja jar nich bei meine Schwester, Jette. Det hat mich Quaquaro

ja ebent jesacht! det ham se uf Polizei ja festjestellt. Se ham dir

jesehn bei de Spree in de Anlachen ...

Frau John

Lieche!

John

Und och in de Laubenkolonie wo du in 'ne Laube jenächtigt hast.

Frau John

Wat? Kommst du in dein eechnet Haus allens kurz und kleen demolieren?

John

Jut so! recht so! det so weit jekommen is. Nu is det mit uns weiter keen

Verstecken! Det ha ick allens vorausjewußt.

Direktor Hassenreuter

mit Spannung.

Hat sich das polnische Mädchen wieder gezeigt, das neulich wie eine

Löwin um das Knobbesche Kindchen gestritten hat?

John

Eben det is et. Det ham se heut morchen dot jefunden. Und det sach ick

so hin, ohne det mir de Zunge in Maule absterben dut: det Mächen hat

Bruno Mechelke ums Leben jebracht.

Direktor Hassenreuter

schnell.

Dann ist es wohl seine Geliebte gewesen.

John

Fragen Se Muttern! Det weeß ick nich! Det war meine Angst, deshalb bin

ick schonn lieber jar nich zu Hause jekomm, det mein eechnet Weib mit

so'ne Jesellschaft behaftet is und hat keene Kraft nich abzuschütteln.

Direktor Hassenreuter

Kommt Kinder!

John

Warum denn? Immer bleiben Se man.

Frau John

De brauchst nich jehn und Fenster ufreißen und alle Welt uf de Jasse

schrein! Det is schlimm jenug, wenn uns Schicksal mit so'n Unjlück

jetroffen hat. Plärr! aber dann siehste mir bald nich mehr wieder.

John

Jerade! Nu jerade! Ick rufe wer't wissen will von de Jasse, von Flur,

dem Tischler vom Hof, de Jungs, de Mächens, wo in de Konfirmationsstunde

jehn, die ruf ick rin und erzähle, wie weit eene Frau mit ihre

Affenliebe zu ihren Lump von Bruder jekommen is.

Direktor Hassenreuter

Diese hübsche junge Person, die das Kind beanspruchte, ist heute

tatsächlich tot, Herr John?

John

Kann sind, det se hibsch is, ick weeß et nich, ob se hibsch oder häßlich

jewesen is. Aber det se in Schauhaus liecht, det is sicher.

Frau John

Ick weeß et, wat se jewesen is! Een schlechtet jemeinet Weibstick is et

jewesen! Wo mit Kerle hat abjejeben und von een Tiroler, der nischt hat

von wissen jewollt, hat Kind jehat! Det hat se an liebsten in

Mutterleibe schon umjebracht. Denn is se 't holen jekomm mit de

Kielbacke, wo als Engelmachersche schon ma anderthalb Jahre Plötzensee

abjesessen hat. Ob se mit Brunon och wat jehabt hat, wo soll ick det

wissen? Kann sind, kann och nich sind! Und wat soll mir det allens

ieberhaupt anjehn, wat Bruno meinswechen verbrochen hat.

Direktor Hassenreuter

Also haben Sie doch das Mädchen gekannt, Frau John.

Frau John

Woso? ick ha jar nich jekannt, Herr Direkter! Ick sache bloß, wat'n

jeder, wie'n jeder von det Mächen jeäußert hat.

Direktor Hassenreuter

Sie sind eine ehrenhafte Frau, Sie ein ehrenhafter Mann, Herr John. Die

Sache mit Ihrem mißratenen Schwager und Bruder ist schließlich etwas,

was meinethalben eine furchtbare Tatsache ist, aber Ihr Familienleben

doch im Grunde nicht ernstlich erschüttert ... aber bleiben Sie ehrlich

...

John

Nich in de Hand! In so'ne Nähe, bei solchet Jesindel bleib ick nich. --

(Er schlägt mit der Faust auf den Tisch, klopft an die Wände, stampft

auf den Fußboden.) -- Horchen Se ma, wie det knackt, wie Putz hinter de

Tapete runterjeschoddert kommt! Allens is hier morsch! Allens faulet

Holz! Allens unterminiert, von Unjeziefer, von Ratten und Mäuse

zerfressen! -- (Er wippt auf der Diele.) -- Allens schwankt! Allens kann

jeden Ojenblick bis in Keller durchbrechen. -- (Er öffnet die Tür.) --

Selma! Selma! -- Hier mach ick mir fort, eh' det allens een Schutthaufen

drunter und drieber zusammenbricht.

Frau John

Wat wißte mit Selma?

John

Selma nimmt det Kind und ick reise mit Selman und det Kind und bringe

mein Kind zu meine Schwester.

Frau John

Denn soßte Bescheid kriechen! Versuch det man!

John

Soll mein Kind in so'ne Umjebung jroßwachsen, womeglich det ma wie Bruno

ieber Dächer jehetzt und det och ma womeglich in Zuchthaus endet?

Frau John

schreit ihn an.

Det is jar nich dein Kind! Vastehste mich?

John

So? Det wolln wir ma sehn, ob een rechtlicher Mann nich Herr sollte sind

ieber sein eechnet Kind, wo Mutter nich bei Verstande is und in de Hände

von Mordjesindel. Det will ick ma sehn, wer in Rechte is un wer stärker

is! Selma!

Frau John

Ick schrei! ick reiße det Fenster uf! Frau Direkter, se wollen eene

Mutter ihr Kind rauben! Det is mein Recht, det ick Mutter von mein

Kindeken bin! Det is doch mein Recht? Ha ick nich recht, Frau Direkter?

Se umzingeln mir! Se wollen mir mein Recht versetzen! Soll mir det nich

jeheren, wat ick vor Wegwurf ufjelesen, wo vor Tod in Lumpen jelechen

hat und wo ick ha mihsam erscht missen reiben und kneten, bis bisken

Atem jeholt und langsam lebendig geworden is? Wo ick nich war, det wäre

schonn vor drei Wochen längst in de Erde verscharrt jewesen.

Direktor Hassenreuter

Herr John, zwischen Eheleuten den Schiedsmann spielen ist meine Sache im

allgemeinen nicht. Dazu ist dies Geschäft zu undankbar und man macht

dabei meistens böse Erfahrungen. Sie sollten aber in Ihrem zweifellos

mit Recht verwundeten Ehrgefühl sich nicht zu Übereilungen hinreißen

lassen. Denn schließlich ist doch Ihre Frau für die Tat ihres Bruders

nicht verantwortlich. Lassen Sie ihr das Kind! Machen Sie nicht das

Unglück schlimmer durch eine überflüssige Härte, die Ihre Frau aufs

empfindlichste kränken muß.

Frau John

Paul, det Kind is aus meinen Leibe jeschnitten! Det Kind is mit meinen

Blute erkoft. Nich jenug, alle Welt is hinter mich her und will et mich

abjagen! Nu kommst och du noch und machst et nich anders, det is der

Dank! als wenn det ick ringsum von hungrige Welfe umjeben bin. Mir

kannste dot machen! mein Kindeken soßte nich anfassen.

John

Ick komme zu Hause, Herr Direkter! Ick bin heut morchen erst mit mein

ganzes Zeug quietschverjnügt von de Bahn jekomm! Hamburg, Altona, allens

abjebrochen. Wenn och Verdienst jeringer is, dachte ick, wißt lieber bei

deine Familie sind! Bißken Kind uf'n Arm nehmen! Bißken Kind uf'n Knie

nehmen! Det war unjefähr so meine Inbildung ...

Frau John

Paul! Hier Paul! -- (Sie tritt ihm ganz nahe.) -- Reiß mir det Herz

aus'n Leibe! --

Sie starrt ihn lange an, dann läuft sie in den Verschlag, wo man sie

laut weinen hört.

Selma kommt vom Flur. Sie trägt Trauerkleidung und einen kleinen

Grabkranz in der Hand.

Selma

Wat soll ick? Se ham mir jeruft, Herr John.

John

Zieh dir an, Selma. Frach deine Mutter, ob det de kannst mit mir jehn zu

meine Schwester nach Hangelsberg. Kannst dir'n Jroschen Jeld bei

verdienen. Nimmst mein Kindeken uf'n Arm und bejleitest mir.

Selma

Nee! det Kind faß ick nu nich mehr an, Herr John.

John

Woso nich?

Selma

Nee, ick furcht mir, Herr John. Ick ha so'ne Angst, so hat mir Mama und

Polizeileutnam anjeschrien.

Frau John

erscheint.

I, weshalb ham se dir anjeschrien?

Selma

heult los.

Schutzmann Schierke hat mich sojar eene runterjehaut.

Frau John

I, dem wer' ick nochma ... det soll der nochma versuchen.

Selma

Wat soll ick denn wissen, warum mich det polsche Mächen hat mein

Brüderken wegjenomm. Hätt ick jewußt, det mein Brüderken sterben soll,

ick hätt' ihr ja lieber an Hals jesprung. Nu steht Jundofriedchen in

Särjiken uf de Treppe. Ick jlobe, Mama hat Krämpfe jekricht und liecht

bei Quaquaron hinten in Alkoven. Mir wolln se in Firsorche schaffen,

Frau John. --

Sie flennt.

Frau John

Denn freu' dir! Schlimmer kann et nich komm, als et bei dich zu Hause

is.

Selma

Ick komm vor Jericht! womeglich wer' Moabit jeschafft.

Frau John

Woso det?

Selma

Weil ick soll haben det Kindeken, wat det polsche Freilein jeboren hat,

von Oberboden runter bei Sie, Frau John, in de Wohnung jetrachen.

Direktor Hassenreuter

Also ist tatsächlich oben ein Kindchen geboren worden?

Selma

Jewiß.

Direktor Hassenreuter

Auf welchem Boden?

Selma

Na, bei de Kamedienspieler doch! Wat jeht det mich an? Wat soll ick von

wissen? Ick kann bloß sachen ...

Frau John

Nu mach det de fortkommst! Selma, du hast'n reenet Jewissen! Wat de

Leute quasseln, kimmert dir nich.

Selma

Ick will ja och nischt verraten, Frau John.

John

packt Selma, die fortlaufen will, und hält sie fest.

Et wird nich jejang! et wird herjekomm! -- Wahrheet! Ick verrate nischt,

hast du jesacht: det ham Se doch och jehert, Frau Direkter? Hat Herr

Spitta und hat det Freilein jehert! -- Wahrheet! -- Bevor ick nich weeß,

wat mit Bruno und seine Jeliebte is und wo ihr womeglich det Kindchen

habt wechjeschafft, det is mich ejal, kommst du nich von de Stelle!

Frau John

Paul, ick schwere vor Jott, wechjeschafft ha ick et nich.

John

Na, und? ... Raus wat du weeßt, Mächen! Det ha ick schon lange jemerkt,

det zwischen dich und meine Frau een jeheimet Jestecke is. Det Zwinkern

und Anplinkern is jetzt verjebliche Mihe. Is det Kind tot oder lebt et

noch?

Selma

Nee, det Kind is lebendich, Herr John.

Direktor Hassenreuter

Was du unter deine Schürze oder sonstwie hier hast heruntergebracht?

John

Wenn et dot is, denn rechne druf, denn wirst du wie Bruno een Kopp

kürzer jemacht.

Selma

Ick sach't ja: det Kindeken is lebendich.

Die Ratten: Berliner Tragikomödie · 第 7 / 8 段