Ich denke, du hast gar kein Kind vom Boden heruntergebracht?
John
Und von die janze Jeschichte, Mutter, wißt du nischt wissen? -- (Frau
John sieht ihn starr an, Selma blickt hilflos und verwirrt auf Frau
John.) -- Mutter, du hast det Kindchen von Brunon und die polsche Person
beiseite jeschafft und denn wo se jekomm is, haste det Würmiken von de
Knobbe unterjeschoben.
Walburga
sehr bleich, mit Überwindung.
Sagen Sie mal, Frau John, was ist denn an jenem Tage geschehen, wo ich
dummerweise, als Papa kam, mit Ihnen auf den Boden geflüchtet bin? Ich
will dir das später erklären, Papa. Damals habe ich, wie mir nach und
nach deutlich geworden ist, das polnische Mädchen und zwar erst mit Frau
John und dann mit ihrem Bruder zusammengesehn.
Direktor Hassenreuter
Du, Walburga?
Walburga
Ja, Papa. Bei dir war damals Alice Rütterbusch und ich hatte mich mit
Erich verabredet, der dann auch, aber ohne mich zu treffen, denn ich
blieb versteckt, zu dir gekommen ist.
Direktor Hassenreuter
Ich kann mich dessen nicht mehr erinnern.
Frau Direktor Hassenreuter
zum Direktor.
Das Mädel hat um dieser Sache willen, Papa, wirklich schon schlaflose
Nächte gehabt.
Direktor Hassenreuter
Wenn Ihnen an dem Rate eines ehemaligen Juristen, der durchs
Referendarexamen gepurzelt und dann erst zur Kunst abgesprungen ist ...
wenn Ihnen an dem Rat eines solchen Mannes irgendwie etwas liegt, so
lassen Sie sich jetzt sagen, Frau John, daß in Ihrem Fall ganz
rücksichtslose Offenheit die beste Verteidigung ist.
John
Jette, wo habt ihr dem Kindeken hinjeschafft? Kriminalinspektor hat mich
jesacht, det fällt mir jetzt in, det se nach det Kind von de dote Person
suchen. Jette, um Jottet Himmelswillen! mag sind wat will, bloß det du
dir nich in Verdacht kommen dust, det du um Folchen von Liederlichkeit
von dein Bruder womeglich aus de Welt zu schaffen, dir an det Neujeborne
vergriffen hast.
Frau John
lacht.
Ick? und mir an Adelbertchen vergreifen, Paul.
John
Hier redet keener von Adelbertchen -- (zu Selma) -- Ick dreh dir den
Hals um oder du sachst, wo det Kleene von Brunon und det polsche Mächen
-- uf de Stelle! -- jeblieben is.
Selma
Et is doch bei Sie in Verschlage, Herr John.
John
Wo is et, Jette?
Frau John
Det sach ick nich. --
Das Kind beginnt zu schreien.
John
zu Selma.
Wahrheet! oder ick iberliefer dir uf de Polizei, vastehst de! siehste
dem Strick! an Hände und Fieße zusammenjebunden.
Selma
in höchster Angst, unwillkürlich.
Et schreit doch! Se kenn doch det Kindeken janz jut, Herr John.
John
Ick? --
Er sieht verständnislos erst Selma, dann den Direktor an. Ihn
durchblitzt eine Ahnung, als er seine Frau ins Auge faßt. Er glaubt
zu begreifen und gerät ins Wanken.
Frau John
Laß dir von so'ne niederträchtiche Lieche nich umjarnen, Paul. Det is
allens von ihre feine Mutter aus Rache bloß mit det Mächen anjestellt!
Paul, wat dust du mir denn so ankieken?
Selma
Det is Jemeenheet, det Se mich nu och noch wolln schlecht machen, Mutter
John. Dann wer' ick mir hieten, noch Blatt vorn Mund nehmen. Wissen janz
jut, det ick ha det Kindchen von det Freilein runterjetragen und ha bei
Ihn hier in frisch jemachte Bettchen jelegt. Det kann ick beschwören!
det will ick beeidigen!
Frau John
Lieche! Du sagst, det mein Kind nich mein Kindeken is?
Selma
Sie haben iberhaupt jar keen Kind nich jehat, Frau John.
Frau John
umklammert Johns Knie.
Det is ja nich wahr.
John
Laß mich in Ruh! beschmutze mir nich, Henerjette.
Frau John
Paul, ick konnte nich anders, ick mußte det tun. Ick war selber
betrochen, denn hat ick dir in Brief nach Hamburg Bescheed jesacht. Denn
warste vajnügt, und denn mocht ick nich mehr zurick und denn dacht ick,
et muß sind! Et kann och uf andere Weise sind, und denn ...
John
unheimlich ruhig.
Laß mir man iberlechen, Jette. -- (Er geht an eine Kommode, zieht
einen Schub auf und schleudert allerlei Kinderwäsche und
Kinderkleidungsstücke, die er daraus nimmt, mitten in die Stube.) --
Versteht eener det, wat se Woche um Woche, Monat um Monat, janze Tage
und halbe Nächte lang mit blutige Finger jestichelt hat?
Frau John
sammelt in wahnsinniger Hast die Wäsche und Kleidungsstücke auf
und versteckt sie sorgfältig im Tischschub oder wo sonst.
Paul det nich! Allens kannste dun! aber reiß mich nich Fetzen von
nackten Leibe!
John
hält inne, faßt sich an die Stirn, sinkt auf einen Stuhl.
Wenn det wahr is, Mutter, da schäm ick mir ja in Abjrund rin. --
Er kriecht in sich zusammen, legt die Arme über den Kopf und
verbirgt sein Gesicht. Es tritt eine Stille ein.
Direktor Hassenreuter
Wie konnten Sie sich nur auf einen solchen Weg des Irrtums und des
Betruges drängen lassen, Frau John? Sie haben sich ja verstrickt auf das
allerfurchtbarste! Kommt Kinder! Wir können hier leider nichts weiter
tun.
John
steht auf.
Nehm Se mir man mit, Herr Direkter.
Frau John
Jeh! immer jeh! ick brauche dir nich!
John
wendet sich, kalt.
Also det Kind haste dich beschafft und wie Mutter hat wieder haben
jewollt, hast se lassen von Brunon umbringen?
Frau John
Du bist nich mein Mann! Wat soll det heeßen? Du bist von de Polizei
jekoft! Du hast Jeld jekricht, mir an't Messer zu liefern! Jeh Paul! du
bist jar keen Mensch! Du bist eener wo Jift in de Ochen, und Hauer wie
Welfe hat! Immer pfeif, det se kommen und det se mir festnehmen! Immer
zu doch! Nu seh' ick dir, wie det du bist! Ick verachte dir bis zun
Jüngsten Dache.
Frau John will durch die Tür davonlaufen. Da erscheinen Schutzmann
Schierke und Quaquaro.
Schierke
Halt! Aus die Stube raus kommt keener nich.
John
Immer komm rin, Emil! Herr Schutzmann, immer komm Se ruhig rin. Et is
allens in Ordnung! Allens is richtich.
Quaquaro
Reg dir nich uf, Paul, dir betrifft et ja nich.
John
mit aufsteigendem Jähzorn.
Hast du jelacht, Emil?
Quaquaro
I, Menschenskind! Herr Schierke soll bloß det Kleene per Droschke in't
Waisenhaus wechschaffen.
Schierke
Jawoll. So is et. Wo steckt det Kind?
John
Soll ick wissen, wo jedet ausgestoppte Balch von Lumpenspeicher, womit
olle Hexen mit Besen Fets treiben, an Ende hinjekomm is? Paßt ma uf
Schornstein uf, det se nich oben rausfliechen.
Frau John
Paul!! -- Nu soll et nich leben! Nu jerade! Nu och nich! Nu brauch et
nich leben! Nu muß et mit mich mit unter de Erde komm.
Frau John war blitzschnell hinter den Verschlag gelaufen. Sie kommt
mit dem Kinde wieder und will mit ihm zur Tür hinaus. Der Direktor
und Spitta werfen sich der Verzweifelten entgegen, in der Absicht,
das Kind zu retten.
Direktor Hassenreuter
Halt! Hier greife ich ein! Hier bin ich zuständig! Wem das Knäblein hier
auch immer gehören mag -- um so schlimmer, wenn seine Mutter ermordet
ist! -- es ist in meinem Fundus geboren! Vorwärts, Spitta! Kämpfen Sie,
Spitta! Hier sind Ihre Eigenschaften am Platz! Vorwärts! Vorsicht! So!
Bravo! Als wär' es das Jesuskind! Bravo! Sie selber sind frei, Frau
John! Wir halten Sie nicht. Sie brauchen uns nur das Jungchen hier
lassen.
Frau John stürzt hinaus.
Schierke
Hier jeblieben!
Frau Direktor Hassenreuter
Die Frau ist verzweifelt! Aufhalten! Festhalten!
John
plötzlich verändert.
Jebt uf Muttern acht! Mutter! Ufhalten! Festhalten! -- Mutter! Mutter!
Selma, Schierke und John eilen Frau John nach. Spitta, der Direktor,
Frau Direktor und Walburga sind um das Kind bemüht, das auf den
Tisch gebettet wird.
Direktor Hassenreuter
der das Kind sorgfältig auf den Tisch bettet.
Meinethalben mag diese entsetzliche Frau doch verzweifelt sein! Deshalb
braucht sie das Kind nicht zugrunde richten.
Frau Direktor Hassenreuter
Aber liebster Papa, das merkt man doch, daß diese Frau ihre Liebe,
närrisch bis zum Wahnsinn, gerade an diesen Säugling geheftet hat.
Unbedachtsame harte Worte, Papa, können die unglückselige Person in den
Tod treiben.
Direktor Hassenreuter
Harte Worte habe ich nicht gebraucht, Mama.
Spitta
Mir sagt ein ganz bestimmtes Gefühl: erst jetzt hat das Kind seine
Mutter verloren.
Quaquaro
Det stimmt. Vater is nich, will nischt von wissen, hat jestern in de
Hasenheide mit eene Karussellbesitzerswitwe Hochzeit jemacht! Mutter war
liederlich! Und bei de Kielbacken, wo Kinder in Fleje hat, sterben von's
Dutzend mehrschtens zehn. Nu is et so weit: det jeht jetzt och zujrunde.
Direktor Hassenreuter
Sofern es nämlich bei dem Vater dort oben, der alles sieht, nicht anders
beschlossen ist.
Quaquaro
Meen Se Pauln? den Mauerpolier! Nu nicht mehr! dem kenn' ick! wo der
uf'n Ehrenpunkt kitzlich is.
Frau Direktor Hassenreuter
Wie das Kindchen da liegt! es ist unbegreiflich. Feine Leinwand! Spitzen
sogar! Schmuck und frisch wie ein Püppchen. Es wendet sich einem das
Herz um, zu denken, wie es so plötzlich zu einer von aller Welt
verlassenen Waise geworden ist.
Spitta
Wäre ich Richter in Israel ...
Direktor Hassenreuter
Sie würden der John ein Denkmal setzen! Mag sein, daß in diesen
verkrochenen Kämpfen und Schicksalen manches heroisch und manches
verborgen Verdienstliche ist. Aber Kohlhaas von Kohlhaasenbrück konnte
da mit seinem Gerechtigkeitswahnsinn auch nicht durchkommen. Treiben wir
praktisches Christentum! Vielleicht können wir uns des Kindchens
annehmen.
Quaquaro
Lassen Se da bloß de Finger von!
Direktor Hassenreuter
Warum?
Quaquaro
Außer det Se Jeld wollen los werden und uf de Quengeleien und
Scherereien mit de Armenverwaltung, mit Polizei und Jericht womechlich
happich sind.
Direktor Hassenreuter
Dazu hätte ich allerdings keine Zeit übrig.
Spitta
Finden Sie nicht, daß hier ein wahrhaft tragisches Verhängnis wirksam
gewesen ist?
Direktor Hassenreuter
Die Tragik ist nicht an Stände gebunden. Ich habe Ihnen das stets
gesagt.
Selma, atemlos, öffnet die Flurtür.
Selma
Herr John, Herr John, Herr Mauerpolier.
Frau Direktor Hassenreuter
Herr John ist nicht hier. Was willst du denn, Selma?
Selma
Herr John. Se solln uf de Straße kommn.
Direktor Hassenreuter
Nur Ruhe, Ruhe. Was gibt's denn, Selma?
Selma
atemlos.
Ihre Frau ... Ihre Frau ... Janze Straße steht voll ... Omnibus,
Pferdebahnwagen is jar keen Durchkommen ... Arme ausjestreckt ... Ihre
Frau liecht lang uf Jesichte unten.
Frau Direktor Hassenreuter
Was ist denn geschehen?
Selma
Herrjott, Herrjott in Himmel, Mutter John hat sich umjebracht.
Ende.
Gerhart Hauptmanns Gesammelte Werke in sechs Bänden
1. Bd.: Soziale Dramen: Einleitung / Vor Sonnenaufgang / Die Weber /
Der Biberpelz / Der rote Hahn.
2. Bd.: Soziale Dramen und Prosa: Fuhrmann Henschel / Rose Bernd /
Bahnwärter Thiel / Der Apostel.
3. Bd.: Familiendramen: Das Friedensfest / Einsame Menschen /
Kollege Crampton / Michael Kramer.
4. Bd.: Märchendramen: Hanneles Himmelfahrt / Die versunkene Glocke
/ Der arme Heinrich.
5. Bd.: Historische Dramen: Florian Geyer.
6. Bd.: Märchendramen und Fragmentarisches: Elga / Schluck und Jau /
Und Pippa tanzt / Helios / Das Hirtenlied.
In einer alten Frakturschrift auf bestem Papier sorgfältig
gedruckt. Titel und Einband von E. R. Weiß. Preis geheftet 24
Mark, in Halbpergament gebunden 30 Mark, in Ganzpergament
gebunden 36 Mark.
Gerhart Hauptmanns Werke in Einzelausgaben
Vor Sonnenaufgang. Soziales Drama. 13. Auflage.
Das Friedensfest. Bühnendichtung. 7. Auflage.
Einsame Menschen. Drama. 24. Auflage.
De Waber. Schauspiel. (Originalausgabe.) 2. Auflage.
Die Weber. Schauspiel. (Übertragung.) 40. Auflage.
Kollege Crampton. Komödie. 8. Auflage.
Bahnwärter Thiel -- Der Apostel. Novellistische Studien. 8. Auflage.
Der Biberpelz. Eine Diebskomödie. 14. Auflage.
Hanneles Himmelfahrt. Eine Traumdichtung. 20. Auflage.
Florian Geyer. 9. Auflage.
Die versunkene Glocke. Ein deutsches Märchendrama. 75. Auflage.
Fuhrmann Henschel. Schauspiel. (Originalausg.) 16. Aufl.
Fuhrmann Henschel. Schauspiel. (Übertragung.) 16. Aufl.
Schluck und Jau. Spiel zu Scherz und Schimpf. 10. Auflage.
Michael Kramer. Drama. 10. Auflage.
Der rote Hahn. Tragikomödie. 8. Auflage.
Der arme Heinrich. Eine deutsche Sage. 23. Auflage.
Rose Bernd. Schauspiel. 16. Auflage.
Elga. 7. Auflage.
Und Pippa tanzt! Ein Glashüttenmärchen. 10. Auflage.
Die Jungfern vom Bischofsberg. Lustspiel. 4. Auflage.
Kaiser Karls Geisel. Ein Legendenspiel. 6. Auflage.
Griselda. 6. Auflage.
Griechischer Frühling. 7. Auflage.
Der Narr in Christo Emanuel Quint. Roman. 18. Aufl.
Druck der Spamerschen
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Anmerkungen zur Transkription
Die Schreibweise und Zeichensetzung des Originales wurden weitgehend
beibehalten. Nur offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier
aufgeführt (vorher/nachher):
[S. 110]:
... skurile Menscheitsintermezzo noch überleben. ...
... skurile Menschheitsintermezzo noch überleben. ...
[S. 154]:
... würgt Tränen hinuter. Muß sich setzen. ...
... würgt Tränen hinunter. Muß sich setzen. ...