Eine Sommernacht bringt man doch lieber im Freien zu, wenn man im

übrigen doch nicht schlafen kann. Und ich habe nicht eine Minute

geschlafen.

John

Dem wollt ick ma sehn, der in Dalles is und jut schlafen kann! Wer in

Dalles is, hat och in Freien de meeste Jesellschaft. -- (Er vergißt

plötzlich zu kauen.) -- Komm ma her, Selma, sache nochma janz jenau, wie

det mit det fremde Mächen und det fremde Kind, det se hier aus de Stube

jeholt hat, jewesen is.

Selma

Ick weeß nich, det frächt mich 'n jeder, frächt mir Mama jetzt 'n lieben

langen Dach! ob ick Brunon Mechelke jesehn habe! ob ick wissen soll, wer

oben uf'n Boden bei de Kammedienspieler Kleider jestohlen hat! Wenn det

so fortjeht ...

John

energisch.

Mächen, wat haste nich Lärm jeschlagen, wie der Herr und det Freilein

dir dein Brüderken aus'n Wachen jenommen hat?

Selma

Jeschieht ihm ja nischt, dacht ick! krist ma reene Wäsche.

John

faßt Selma beim Handgelenk.

Na nu komm ma mit, wollen ma rieber bei deine Mutter jehn.

John mit Selma an der Hand ab.

Sobald John verschwunden ist, fällt Spitta über das Frühstück her.

Bald darauf erscheint Walburga. Sie ist in großer Eile und sehr

aufgeregt.

Walburga

Bist du allein?

Spitta

Augenblicklich ja. Guten Morgen, Walburga.

Walburga

Komm ich zu spät? Ich habe mich ja nur mit der allergrößten Schlauheit,

mit der allergrößten Entschlossenheit, mit der allergrößten

Rücksichtslosigkeit, komme was wolle, von Hause losgemacht. Meine

jüngere Schwester hat mir die Tür vertreten. Das Dienstmädchen! Ich

sagte aber zu Mama, wenn sie mich nicht durch das Entree hinausließen,

so möchten sie nur die Fenster vergittern: sonst würde ich drei Stock

hoch durchs Fenster direkt auf die Straße gehn. Ich fliege. Ich bin mehr

tot wie lebendig. Aber ich bin zum letzten bereit. Wie war es mit deinem

Vater, Erich?

Spitta

Wir sind auseinander. Er meinte, ich würde Treber fressen wie weiland

der verlorene Sohn, und ich möchte mir ja nicht einfallen lassen, als

Luftspringer oder Kunstreiter, wie er sich auszudrücken beliebt, jemals

wieder die Schwelle des Vaterhauses betreten zu wollen. Für Gesindel

öffne sich seine Haustür nicht. Ich werd's verwinden! Nur meine arme

gute Mutter bedaure ich. -- Du kannst dir nicht denken, mit welchem

abgrundtiefen Haß ein solcher Mann gegen alles und alles, was mit dem

Theater zusammenhängt, geladen ist! Der schrecklichste Fluch ist ihm

nicht stark genug. Ein Schauspieler ist in seinen Augen von vornherein

der allerverächtlichste, schlechteste Lumpenhund, der sich denken läßt.

Walburga

Ich habe auch nun herausgekriegt, wie Papa dahintergekommen ist.

Spitta

Mein Vater hat ihm dein Bild gegeben.

Walburga

Erich, Erich, wenn du wüßtest, mit welchen schrecklichen, mit welchen

grauenvollen Ausdrücken mich Papa in der Wut überschüttet hat, und ich

mußte zu allem stillschweigen. Ich hätte ihm etwas sagen können, das

hätte ihn vielleicht mit seinen Tiraden von hoher Moral stumm und

hilflos vor mir gemacht. Beinahe wollt' ich es auch: doch ich schämte

mich so entsetzlich für ihn! Meine Zunge versagte! Ich konnte nicht,

Erich! Mama mußte schließlich dazwischentreten. Er hat mich geschlagen.

Er hat mich acht oder neun Stunden lang in den finsteren Alkoven

eingesperrt, um meinen Trotz zu brechen, wie er sagt, Erich. Nun, das

gelingt ihm nicht, Erich! Er bricht ihn nicht.

Spitta

nimmt Walburga in den Arm.

Du Brave! du Tapfere! Siehst du, jetzt weiß ich erst, was ich an dir

besitze! weiß ich erst, was für ein Schatz du eigentlich bist. -- (heiß)

-- Und wie schön du aussiehst, Walburga.

Walburga

Nicht! Nicht! -- Ich vertraue dir, Erich, weiter ist es doch nichts.

Spitta

Und du sollst dich nicht täuschen, süße Walburga. Sieh mal, ein Mensch

wie ich, in dem es gärt und der was Besonderes, Dunkles, Großes will,

was er einstweilen noch nicht recht deutlich machen kann, hat mit

zwanzig Jahren die ganze Welt gegen sich und ist aller Welt lästig und

lächerlich. Aber glaub' mir: einst wird das anders werden. In uns liegen

die Keime. Der Boden lockert sich schon! Wir sind, wenn auch noch

unterirdisch, die künftige Ernte! Wir sind die Zukunft! Die Zeit muß

kommen, da wird die ganze weite, schöne Welt unser sein.

Walburga

Sprich weiter, Erich, das ist mir so wohltätig.

Spitta

Walburga, ich habe gestern abend meinem Vater auch von der Leber weg die

Anklage des Verbrechens an meiner Schwester ins Gesicht geschleudert.

Das hat den Bruch unheilbar gemacht. Er sagte verstockt: von einer

Tochter, wie der von mir geschilderten, wisse er nichts. Sie existiere

in seiner Seele nicht und, wie es den Anschein habe, werde auch bald

sein Sohn dort nicht mehr existieren. O diese Christen! O diese Diener

des guten Hirten, der das verlorene Schaf doppelt zärtlich in seine Arme

nahm! O du lieber Heiland, wie sind deine Worte verkehrt, deine ewigen

Lehren in ihr Gegenteil umgefälscht worden. Aber als ich heut nacht bei

Donnerrollen und Wetterleuchten auf einer Bank im Tiergarten saß und

gewisse Berliner Hyänen um mich herumschlichen, da fühlte ich die

ruhelose und zertretene Seele meiner Schwester neben mir. Wie oft mag

sie selbst im Leben Nächte hindurch obdachlos auf solchen Bänken und

vielleicht auf derselben Tiergartenbank gesessen haben, um in ihrer

Verlassenheit, Ausgestoßenheit und Entwürdigung darüber nachzudenken,

wie triefend von Menschenliebe, triefend von Christentum zweitausend

Jahre nach Christi Geburt diese allerchristlichste Welt sich

manifestiert. Aber was sie auch dachte, ich denke so: Die arme Dirne,

die Sünderin, die vor neunundneunzig Gerechten geht, die von dem Drucke

der Sünde der Welt belastet ist, die arme Aussätzige und ihre

fürchterliche Anklage soll in meinem Inneren lebendig sein! Und alles

Elend, allen Jammer der Gemißhandelten und Entrechteten werfen wir mit

in die Flamme hinein! Und so soll die Schwester leben, Walburga, und

soll Herrlicheres wirken vor Gott durch das Ethos, das meine Seele

beflügelt, als die ganze kalte, herzlos böse Moralpfafferei der Welt

nicht vermag.

Walburga

Du warst die Nacht im Tiergarten, Erich? Deshalb sind deine Finger noch

so eiskalt, und du siehst so entsetzlich müde aus. Erich, du mußt mein

Portemonnaie nehmen! Erich! nein bitte, du mußt! Ich versichere dich!

Was mein ist, ist dein! Sonst liebst du mich nicht, Erich! Erich, du

darbst! Wenn du meine paar Groschen nicht nimmst, verweigere ich zu

Hause jede Nahrung! bei Gott, ich tu's! bis du vernünftig wirst.

Spitta

würgt Tränen hinunter. Muß sich setzen.

Ich bin nur nervös. Ich bin abgespannt.

Walburga

steckt ihr Portemonnaie in seine Hosentasche.

Nun sieh mal, Erich, deshalb habe ich dich eigentlich hier zu Frau John

bestellt. Zu allem Unglück bekomme ich gestern noch hier diese

gerichtliche Vorladung.

Spitta

betrachtet ein Schriftstück, das sie ihm gereicht hat.

Du? Und weshalb denn das, sag' mal, Walburga.

Walburga

Ich bin mir sicher, daß es mit den gestohlenen Sachen auf dem Oberboden

zusammenhängt. Aber es macht mich furchtbar unruhig. Wenn Papa das

erfährt ... ja, was tu ich dann?

Frau John, das Kind auf dem Arm, straßenmäßig angezogen, sehr

gehetzt, sehr verstaubt, kommt herein.

Frau John

erschrocken, mißtrauisch, halblaut.

Nu? Wat wollt ihr hier? Is Paul schon zu Hause? Ick war eben ma 'n

bißken mit det Kindken uf de Jasse jejangn.

Sie trägt das Kind hinter den Verschlag.

Walburga

Bitte, Erich, sprich doch mal über meine Vorladung mit Frau John.

Frau John

Paul is ja zu Hause, da liejen ja seine Sachen.

Spitta

Fräulein Hassenreuter wollte Sie gern mal sprechen. Sie hat nämlich,

wahrscheinlich wegen der gestohlenen Sachen, Sie wissen ja, auf dem

Oberboden, eine gerichtliche Vorladung.

Frau John

tritt aus dem Verschlage.

Wat? Eene Vorladung ham Sie jekricht, Freulein Walburga? Na, denn nehm

sich in Obacht! Ick spaße nich! un phantasieren Se womeglich von

schwarzen Mann.

Spitta

Was Sie da sagen, Frau John, ist unverständlich.

Frau John

zur häuslichen Beschäftigung übergehend.

Habt ihr jehert, det draußen in eene Laubenkolonie vor't Hallesche Tor

der Blitz heute morchen Mann, Frau und 'n Mächen von sieben unter eene

hohe Pappel erschlagen hat?

Spitta

Nein, Frau John.

Frau John

Et pladdert schon wieder.

Man hört, wie ein Regenschauer niedergeht.

Walburga

ängstlich.

Komm Erich, wir wollen trotzdem ins Freie gehn.

Frau John

lauter und lauter werdend.

Und wissen Se wat: ick habe die Frau kurz vorher noch jesprochen, wo

nachher von Blitze erschlachen is. Die hat jesacht -- nu hern Se ma zu,

Herr Spitta .... een dotet Kindeken, det man in Kinderwachen legt und

raus in die warme Sonne rickt -- det muß aber Sommersonne und

Mittagssonne sind, Herr Spitta! -- det zieht Atem! det schreit! det is

wieder lebendig! -- Det jloben Se nich? wat? det ha ick mit meine Ochen

jesehn.

Sie geht in eigentümlicher Weise im Kreise herum, ohne scheinbar

mehr etwas von der Gegenwart der beiden jungen Leute zu wissen.

Walburga

Du, die John ist unheimlich, komm!

Frau John

noch lauter.

Det jloben Se nich, det det wieder lebendig is? Denn kann Mutter kommen

und nehmen. Denn muß et jleich Brust kriejen.

Spitta

Adieu, Frau John.

Frau John

noch lauter.

Bringt, seltsam aufgeregt, die beiden jungen Leute bis zur Tür.

Sie jloben det nich! Det is aber heilig so, Herr Spitta.

Spitta und Walburga ab.

Frau John

hält die Tür in der Hand, ruft noch auf den Flur hinaus.

Wer det nich jlobt, der weeß von det janze Jeheimnis, wo ick entdeckt

habe, nischt.

Maurerpolier John steht in der Tür und tritt gleich darauf ein.

John

I, da bist du ja, Mutter! Schen willkomm! Von wat for'n Jeheimnis

sprichst du denn?

Frau John

wie aufwachend, faßt sich an den Kopf.

Ick? -- Ha ick denn von 'n Jeheimnis jesprochen?

John

Na ick denke doch, wenn ick nich schwerherig bin. Biste nu 'n Jeist oder

bistes wirklich?

Frau John

befremdet, ängstlich.

Woso soll ick 'n Jeist sind?

John

schlägt seine Frau gutmütig auf den Rücken.

Jette, beiß mir man nich. Ick freu mir ja reichlich deswechen, det de nu

wieder mit dein Patenjeschenk bei mich bist! -- (Er geht hinter den

Verschlag.) -- Et sieht aber 'n bißken miserich aus, Jette.

Frau John

Et vertrug de Milch nich. Det kommt, weil draußen uf'n Lande de Kühe

schon jrienet Futter kriejen. Hier von de vereinichte Molkerei ha ick

wieder welche, wo trocken jefüttert is.

John

erscheint wieder.

Ick sag's ja, was biste erst mit det Kind uf de Bahn und raus aus de

Stadt jeturnt! Ick spreche, die Stadt is an allerjesindsten.

Frau John

Nu bleib ick och wieder zu Hause, Paul.

John

In Altona, Jette, is och nu allet in't reene jebracht. Jejen Mittag

treff' ick mit Karln zusamm, und denn will er mir sachen, wenn ick beim

neuen Meester antreten kann! -- Hör ma: ick ha och wat mitjebracht.

Er schüttelt eine kleine Kinderklapper, die er aus der Hosentasche

nimmt.

Frau John

Wat denn?

John

Det Leben wird in de Kinderstube, weil et doch in Berlin manchma immer

'n bißken zu stille is! -- Horch ma, wie't kräht. -- (Man hört das

Kindchen allerlei vergnügte Geräusche machen.) -- Nee Mutter, wenn so 'n

Kindeken kräht, dafor jeb ick Amerika.

Frau John

Haste schonn jemand jesprochen, Paul?

John

Nee! -- Ick ha hechstens heut morchen Quaquaron jesprochen.

Frau John

scheu, gespannt.

Nu? und?

John

I, laß man, jar nischt, et war weiter nischt.

Frau John

wie vorher.

Wat hat er jesacht?

John

Wat soll er jesacht haben? -- Na, wenn de schon keene Ruhe jeben dust --

wat soll det nitzen an Sonntag morchen? -- er hat mir ma wieder nach

Brunon jefracht.

Frau John

hastig, bleich.

Wat soll denn Bruno wieder jemacht haben?

John

Jar nischt! -- Hier, komm und trink 'n Schluck Kaffee, Jette, und ärjer

dir nich! -- Wat kannst de dafür, wenn eener so 'n sauberet Brüderken

hat? -- Wat brauchen wir uns um andre bekimmern?

Frau John

Det mecht ick wissen, wat so 'ne olle dußliche Dromlade, wo 'n janzen

Tag spionieren dut, immer von Brunon zu quasseln hat.

John

Jette, mit Brunon laß mir in Frieden! -- -- -- Sieh ma ... i wat denn?

... lieber nich! ... Aber wenn ick da wieder wat sollte von sachen: det

soll mir nich wundern, wo mit Bruno ma jelejentlich in Jefängnishof,

haste nich jesehn! ma'n schnellet Ende is. -- (Frau John läßt sich am

Tisch nieder, wird grau im Gesicht, stützt sich auf beide Ellenbogen und

atmet schwer.) -- Vielleicht och nich! nimm et dir man nich jleich so zu

Herzen! -- -- Wat macht denn de Schwester?

Frau John

Ick weeß et nich.

John

Na ick denke, de bist bei se draußen jewesen.

Frau John

sieht ihn geistesabwesend an.

Wo bin ick jewesen?

John

Siehste woll, Jette, det is mit euch Weiber! de schudderst ja! bein Arzt

und bein Doktor wiste nich hinjehn! womeglich det de noch nachträglich

zum Liechen kommst. Det is wenn eens die Natur vernachlässigt.

Frau John

fällt ihrem Mann um den Hals.

Paul, du wist mir verlassen! Jott in Himmel, Paul, sach et! sach et

bloß, tu mir nich hinters Licht fihren! Sach et! Fihr mir nich hinters

Licht.

John

Wat is mit dich heute los, Henerjette?

Frau John

plötzlich verändert.

Hör man nich druf, Paul, wat ick so herschwatze. Ick ha wieder die Nacht

keene Ruhe jehat! Und denn war ick früh uf, und denn is et nich anders,

als wie det ick 'n bißken von Kräfte bin.

John

Denn leg dir man lang und ruh dir 'n bißken. -- (Frau John wirft sich

lang auf das Sofa und starrt gegen die Decke.) -- Kannst dir dann och ma

'n bißken kämmen, Jette! -- -- Uf de Bahn war et wohl sehr staubig

jewesen, det de so ieber und ieber mit Sand injepulvert bist? -- -- --

(Frau John antwortet nicht, sie starrt gegen die Decke.) -- Ick muß ma

det Bengelchen 'n bißken an't Licht holen.

Er begibt sich hinter den Verschlag.

Frau John

Wie lange sind wir verheirat, Paul?

John

Die Kinderklapper geht hinterm Verschlag, dann:

Det war achtzehnhundertundzweeundsiebzig, jleich wie ick bin aus'n

Kriege jekomm.

Frau John

Nich, denn kamst de zu Vater hin? -- und denn hast de in Positur

jestanden? -- und denn hast de't eiserne Kreuz an de linke Brust jehat.

John

erscheint, das Kind im Steckkissen auf dem Arme, die Kinderklapper

schwingend. Er sagt lustig:

Jawoll! det ha ick och heute noch, Mutter! Und wenn de't sehn willst,

denn stech ick's mir an.

Frau John

noch immer lang ausgestreckt.

Und denn kamst de zu mich, und denn hast de jesacht: ick sollte nich

immer so fleißig ... nich immer so hin und her, treppuf, treppab ... ick

sollte ma 'n bißken pomadich sind.

John

Det sach ick so jut och heute noch, Jette.

Frau John

Und denn haste mir mit dein Schnurrbart jekitzelt und hast mir links

hinter't Ohr jeküßt! -- Und denn ...

John

Denn sind wir wohl einig jeworden? --

Frau John

Denn ha ick jelacht und ha mir nach und nach, apee apee von oben bis

unten in alle Uniformknöppe abjespiejelt. Und da ha ick noch anders

ausjesehn! -- Und denn haste jesacht ...

John

I Mutter, de kannst dir wahrhaftig sehn lassen, det jlobt eener nich,

wat du for'n Jedächtnis hast.

Frau John

Und denn haste jesacht: wenn ick nu bald 'n Jungen krieje, der soll och

ma »mit Jott für Kenig und Vaterland« und »Wacht am Rhein« hinter de

Fahne her zu Felde ziehn.

John

singt, über das Kindchen, zur Klapper.

»Er blickt hinauf in Himmels Aun

wo Heldenväter niederschaun:

zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein!« ...

Nu ha ick so'n Kerlchen, und nu bin ick wahrhaftig jar nich so wilde

druf, det ick ihm mechte womeglich als Kanonenfutter in Krieg schicken.

Er geht mit dem Kindchen in den Verschlag.

Frau John

wie vorher.

Paulicken, Paulicken, det allens is hundert Jahre her!

John

kommt, ohne das Kind, wieder aus dem Verschlag.

Janz so lange woll doch nich, Jette.

Frau John

Sach ma, wie wär det? du nähmst mir mit und jingst mit mich und mein

Kindeken jingst du fort nach Amerika?

John

Na nu her ma, Jette: wat is mit dich? Wat is det? Bin ick denn hier von

Jespenster umjeben? Du weeßt, det ick uf'n Bau, und wenn de Arbeeter mit

Klamotten ibereinander her sind, ieberhaupt mir nich ufrege und, wat se

mir nennen, Paul is immer jemitlich, bin! Aber nu: wat is det? De Sonne

scheint! et is hellichter Tag! ick weeß nich: sehen kann ick et nich!

Det kichert, det wispert, det kommt jeschlichen! und wenn ick nach

jreife, denn is et nischt. Nu will ick ma wissen, wat an die Jeschichte

mit det fremde Mächen hier in de Stube Wahret is.

Frau John

Paul, du hast jehert, det Freilein is ieberhaupt jar nich mehr

wiederjekomm. Da draus kannst de sehn ...

John

Det sachst de zu mich mit blaue Lippen und machst Augen, wie wennste

jerädert bist.

Frau John

verändert.

Jawoll! Wat läßte mir jahrelang alleene, Paul? wo ick in mein Käfiche

sitzen muß und keen Mensch nich is, mir ma auszusprechen. Manch liebet

Mal hab' ick hier jesessen und jefracht, warum det ick immer rackern du?

warum det mir abdarbe, Jroschens mühsam zusammenscharre, dein Verdienst

jut anleche und wie ick uf jede Art wat zuzuverdien mir abjrübeln du.

Warum denn? Det soll allens for fremde Leite sind? Paul, du hast mir

zujrunde jerichtet!

Sie legt den Kopf auf den Tisch und bricht in Schluchzen aus.

In diesem Augenblick ist, katzenartig leise, Bruno Mechelke

eingetreten. Er hat seine Sonntagskluft an, hat Flieder an der Mütze

und einen großen Fliederzweig in der Hand. John trommelt ans Fenster

und bemerkt ihn nicht.

Frau John

hat Bruno wie eine Geistererscheinung nach und nach ins Auge

gefaßt.

Bruno, bist du's?

Bruno

der blitzschnell den Maurerpolier erkannt hat, leise.

Na jewiß doch, Jette.

Frau John

Wo kommst de denn her? Wat wiste denn?

Bruno

Na, ick habe de Nacht durchjescherbelt, Jette. Det siehste doch, det ick

bei jute Laune bin.

John

hat Bruno bis jetzt unverwandt angesehen, wobei eine gefährliche

Blässe sein Gesicht überzogen hat. Jetzt geht er langsam zu einem

kleinen Schrank und zieht einen alten Kommißrevolver hervor, den

er ladet. Dies wird von Frau John nicht beobachtet.

Du! -- Hör ma! -- Nu will ick dir ma wat sachen! -- Wat, wat de

vielleicht verjessen hast -- det de weiter nu keene Ausrede hast, wenn

ick det Dinges hier uf dir abdricke! -- Du Lump! Unter Menschen jeherst

du nich! Ick ha dir jesacht, det ick dir niederknalle, det war vorichten

Herbst, wo du mich jemals wieder uf meine Schwelle unter de Auchen

trittst -- Nu jeh! sonst kracht et! -- Hast de verstanden?

Bruno

Vor deine Musspritze furcht ick mir nich.

Frau John

die bemerkt, daß John, seiner selbst nicht mächtig, den Revolver

langsam gegen Bruno erhebt.

Denn mach mir dot, Paul! Et is mein Bruder!

Sie ist John in den Arm gefallen, so daß sein Revolver gegen sie

gerichtet ist.

John

sieht sie lange an, scheint zu erwachen, wird anderen Sinnes.

Jut! -- (Er legt den Revolver wieder sorgfältig in das Schränkchen.) --

Hast och recht, Jette! -- Pfui Deibel, Jette, det dein Name och in de

Fresse von so 'n Schubiack is! -- Jut! -- Det Pulver wär och zu schade!

-- Det Dinges hat Blut von zwee franzesche Reiter jekost! Zwee Helden!

-- Nu soll et am Ende Dreck saufen.

Bruno

Det kann immer sind, det Dreck ... in dein Schädel ist! Und wenn du nich

jerade, det de bei meine Schwester uf Schlafstelle wärscht, denn hätt'

ick dir woll ma wat Luft jemacht, Rotzjunge, det de häst vierzehn Dache

't Loofen jekricht.

John

gewaltsam ruhig.

Sach noch ma, Jette, det det dein Bruder is.

Frau John

Paul, jeh man, ick wer' ihm schon wieder fortschaffen! Det weeßt de

doch, det ick et nu ma doch nich ändern kann, det Bruno von mich der

Bruder is.

John

Na, denn bin ick hier iebrig, denn schnäbelt euch man. -- (Er ist fertig

gekleidet und schickt sich zum Gehen an. Dicht bei Bruno steht er

still.) -- Schuft! du hast deinem Vater im Jrabe jeärgert! Deine

Schwester hätte dir sollen hinterm Zaune in Jraben verhungern lassen,

statt jroßjezogen, und det eenen Lumpenkanaille mehr uf de Erde is. In

eene halbe Stunde komm ick zurück! aber nich alleene! Ick komm mit'n

Wachmeester!

John geht durch die Flurtür ab, seinen Kalabreser aufstülpend.

Bruno wendet sich, sowie John hinaus ist, und spuckt ihm nach, gegen

die Eingangstür.

Bruno

Wenn ick dir ma in de Wuhlheide hätte.

Frau John

Woso kommste nu, Bruno? Sache, wat is!

Bruno

Pinke mußte mich jeben, sonst jeh ick verschütt, Jette.

Frau John

verschließt und verriegelt die Flurtür.

Wacht ma, ick schließe die Diere zu! -- Nanu, wat is? -- Wo kommste her?

Wo biste jewesen?

Bruno

Jetanzt ha ick, Jette, de halbe Nacht, und denn wa' ick 'n bißken jejen

Morchenjrauen in't Jrüne jejang.

Frau John

Hat dir Quaquaro sehn reinkomm, Bruno? Denn nimm dir in Obacht, det de

nich in de Falle sitzt.

Bruno

I Jott bewahre. Ick bin ieber'n Hof, denn bei mein Freind durch'n

Knochenkeller und hernach ieber'n Oberboden rinjekomm.

Frau John

Na? Und wat is nu jewesen, Bruno?

Bruno

Wuddel nich, Jette. Jieb Reisejeld! Ick jeh verschütt, oder ick muß

abtippeln.

Frau John

Und wat haste nu mit det Mächen jemacht?

Bruno

I, et hat Rat jejeben, Jette!

Frau John

Wat heeßt det?

Bruno

Ick ha ihr soweit wenigstens bißken jefiege jemacht.

Frau John

Und det se nich wiederkommt is nu sicher!

Bruno

Jawoll! Det se nu nochma kommt, jlob ick nich! Aber det wa keen leichtet

Stick Arbeet, Jette. Du hast mich mit deine verdammte Pillenkrajerei --

ick ha Durscht, Jette, jieb mich zu saufen, Jette! ... hast du mir

kochend heeß jemacht.

Er trinkt eine Wasserflasche leer.

Frau John

Se haben dir vor de Diere jesehn mit det Mächen.

Bruno

Ick ha mir mit Artur verabred, Jette. Von mich wollt se nischt wissen.

Denn is Artur in feine Kluft anjetänzelt jekomm und hat ihr och richtig

verschleppt in Bolljongeller. Det hat se jejlobt, uf dem Leim is se

jekrochen, det ihr Breitjam dort warten tut!

Er trällert und tänzelt krampfhaft.

Unser janzet Leben lang

von det eene Ristorang

in det andre Ristorang

Frau John

Na und denn?

Bruno

Denn wollt se fort, weil Adolf jesacht hat, det ihr Breitjam jejangen

is! Denn ha ick wollen ihr noch 'n Stickchen bejleiten, Artur und Adolf

sind mitjejang. Denn sind wir bei Kalinich in de Hinterstube injefallen,

und denn is se ja och von den vielen Nippen an Groch und Schnäpse molum

jeworn. Und denn hat se in'n Bullenwinkel bei eene jenächtigt, wo Arturn

seine Jeliebte is. Den nächsten Dach sind wir immer zwee drei Jungs

hinterher jewesen, nich losjelassen, immer von frischen Quinten jemacht,

und in de Schublade is et ja nu och lustig zujejang.

Die Kirchenglocken des Sonntagmorgens beginnen zu läuten.

Bruno

fährt fort.

Aber 't Jeld is futsch. Ick brauche Märker und Pfenniche, Jette.

Frau John

kramt nach Geld.

Wieviel mußte haben?

Bruno

lauscht den Glocken.

Wat denn?

Frau John

Jeld!

Bruno

Der olle Verkümmler unten in Knochenkeller meent, det ick an liebsten

muß ieber de russische Jrenze jehn! -- Her ma, Jette, de Jlocken läuten.

Frau John

Weshalb mußte denn ieber de Jrenze jehn?

Bruno

Nimm ma 'n nasses Handtuch, Jette, un du och 'n bißken Essig druf. Ick

weeß nich, wat mich det Nasenbluten janze Nacht schon jeärjert hat.

Er drückt sein Taschentuch an die Nase.

Frau John

holt ein Handtuch, atmet krampfhaft.

Wer hat dir an Handjelenk so 'ne Striemen jekratzt, Bruno?

Bruno

lauscht den Glocken.

Heute morchen halb viere hätt' se det Jlockenläuten noch heren jekonnt.

Frau John

O Jesus, mein Heiland, det is ja nich wahr! det kann ja nich

menschenmeglich sein! Det ha ick dir nich jeheeßen, Bruno! Bruno! ick

muß mir setzen, Bruno. -- (Sie tut es.) -- Det hat ja Vater noch uf'n

Sterbebette zu mich vorausjesacht.

Bruno

Mit Brunon is nich zu spaßen, Jette. Wenn de zu Minnan hinjehst, denn

sache, det ick ma och uf sowat vastehe und det mit Karln und Fritzen det

Jehänsel 'n Ende hat.

Frau John

Bruno, wenn se dir aber festsetzen.

Bruno

Na jut, denn mache ick Bammelmann, und denn ha'm se uf Charité wieder ma

wat zum Sezieren.

Frau John

gibt ihm Geld.

Det is ja nich wahr! Wat hast du jetan, Bruno?

Bruno

Du bist 'ne olle vadrehte Person, Jette. -- (Er faßt sie nicht ohne

Gemütsanwandlung.) -- Ihr sagt immer, det ick zu jar nischt nitze bin,

aber wenn't jar nich mehr jeht, denn braucht ihr mir, Jette.

Frau John

Na und wie denn? Haste den Mächen jedroht, det se soll nich mehr blicken

lassen? -- Det haste jesollt, Bruno. Haste det nich?

Bruno

Die Ratten: Berliner Tragikomödie · 第 6 / 8 段