Direktor Hassenreuter

Ah, da ist ja Herr Schierke! Was wünschen Sie denn?

Schierke

Herr Direkter, ick habe erfahren, det zwee Frauensleute hier oben

jeflichtet sind.

Direktor Hassenreuter

Zwei Frauen sind hier. Aber wieso denn geflüchtet?

Frau Kielbacke

Wir sind nich jeflichtet.

Direktor Hassenreuter

Sie fragten nach meiner Aufwärterin.

Schierke

Erlauben Se, det ich se och mal wat frache.

Direktor Hassenreuter

Bitte.

Die Piperkarcka

Laß er man frachen. Deswechen kann ruhig sind.

Schierke

zur Frau Kielbacke.

Wie heißen Sie?

Frau Kielbacke

Ick bin Frau Kielbacke.

Schierke

Woll von det Landeskindererziehungsheim. Wo wohnen Sie?

Frau Kielbacke

In de Linienstraße neun.

Schierke

Ist das Ihr Kind, was Sie bei sich haben?

Frau Kielbacke

Det is Freilein von Piperkarcka ihr Kind.

Schierke

zur Piperkarcka.

Ihr Name?

Die Piperkarcka

Paula von Piperkarcka aus Skorzenin.

Schierke

Die Frau will behaupten, das wäre Ihr Kind. Wollen Sie das also auch

behaupten?

Die Piperkarcka

Herr Schutzmann, ick muß erjebenst um Schutz bitten, weil hier

unrechtmäßigerweise verdächtigt bin. Is Herr von die Stadt mit mich hier

jewesen. Haben mein Kind aus Stube Frau John, wo in Flege jewesen,

rausjeholt ...

Schierke

mit durchbohrendem Blick.

Et kann och die Tire jejenüber bei de Restaurateurswitwe Knobbe jewesen

sind. Wer weeß, wat Sie mit det Kindeken vorhaben, wovon Sie abjesandt

und bestochen sind. 'N jutes Jewissen haben Se nich. Jenommen un denn

hier rufjeschlichen, weil det die rechtmäßige Mutter, Witwe Knobbe, wo

bestohlen is, Treppen und Jänge absuchen, und weil schräg jejenüber

Polizeiwache is.

Die Piperkarcka

Is mich janz jleichgiltig Polizeiwache, bin ...

Direktor Hassenreuter

Sie sind widerlegt, meine beste Person! Wollen Sie denn das gar nicht

begreifen? Sie sagen, unsere John hätte kein Kind. Sie sagen, wollen Sie

bitte gefälligst aufpassen, Sie hätten Ihr Kind, das angeblich für das

von Frau John gegolten habe, aus Frau Johns Zimmer herausgeholt! Nun

also: wir alle hier kennen Frau Johns Kind und das, was Sie da haben,

ist ein anderes! Verstanden?! Was Sie behaupten also, kann, nach Adam

Riese unter gar keinen Umständen zutreffend sein! -- Übrigens wär mir's

jetzt lieb, Herr Schierke, Sie nehmen die Damen mit sich fort, und ich

könnte hier meinen Unterricht fortsetzen.

Schierke

Ja, denn kommen wir bloß mang die Knobben mit ihren Anhang rin. Nämlich

das Kind ist jestohlen worden.

Die Piperkarcka

Aber nich von mich. Is jeraubt von Frau John.

Schierke

Schon jut! -- (Unbeirrt zum Direktor.) -- Und es soll ja, wie't heeßt,

von Vaters Seite, blaublütig sind. Die Knobbe meent ja, et is 'n

Komplott von Feinde, weil man ihr die Rente un womeglich

Kadettenerziehung in 'ne jewisse Jejend nich jennen dut. -- (Es wird mit

Fäusten an die Tür geschlagen.) -- Det is de Knobbe. Da is se schonn.

Direktor Hassenreuter

Herr Schierke, Sie sind mir verantwortlich: dringen die Leute bei mir

ein und erleide ich eine Schädigung, so wende ich mich an den

Polizeipräsidenten: ich bin mit Herrn Maddei gut bekannt. Keine Furcht,

liebe Kinder, ihr seid meine Kronzeugen.

Schierke

an der Tür.

Draußen jeblieben! Hier rin kommen Se nich.

Ein kleiner Janhagel heult auf.

Die Piperkarcka

Soll schreien, was will, bloß mein Kindchen nich nah kommen.

Direktor Hassenreuter

Es ist besser so. Treten Sie einstweilen hier in die Bibliothek hinein.

-- (Er bringt die Piperkarcka, die Kielbacke und das Kind in die

Bibliothek.) -- Und jetzt, Herr Schierke, wollen wir meinethalben diese

Megäre da draußen herein lassen.

Schierke

der die Tür ein wenig öffnet.

So! Aber bloß de Knobben! Komm Se mal rin.

Frau Sidonie Knobbe erscheint. Sie ist eine hohe, abgezehrte

Erscheinung mit stark ramponierter modischer Sommertoilette. Ihr

Gesicht trägt die Stigmata der Straße, zeugt aber übrigens nicht von

schlechter Abkunft. Ihre Allüren sind merkwürdig damenhaft. Sie

redet mit Affektation, ihre Augen deuten auf Alkohol und Morphium.

Frau Knobbe

indem sie hereingesegelt kommt.

Es ist keine Ursache zur Besorgnis, Herr Direktor. Vorwiegend sind es

kleine Jungens und kleine Mädchen, da ich kinderlieb bin, wie Sie

wissen, die mit mir gekommen sind. Verzeihen Sie gütigst, wenn ich hier

eindringe. Eines der Kinder sagte mir, es hätten sich zwei Frauen mit

meinem Söhnchen zu Ihnen heraufgeschlichen. Ich suche mein Söhnchen,

genannt Helfgott Gundofried, da es tatsächlich aus meiner Wohnung

verschwunden ist. Ich möchte Sie aber nicht inkommodieren.

Schierke

Darum wollt' ick och janz jehorsamst bitten, verstehn Se mich.

Frau Knobbe

diese Worte mit hochmütiger Kopfbewegung übergehend.

Ich habe unten im Hof zu meinem Leidwesen einen gewissen Lärm erregt.

Man überblickt von da aus die Fenster, und ich habe mich bei den Leuten

erkundigt, bei der armen Zigarrenarbeiterin im zweiten Stock, bei der

kleinen schwindsüchtigen Näherin am Fenster im dritten Stock, ob meine

Selma mit meinem Söhnchen etwa bei ihnen ist. Es liegt mir fern, Skandal

zu erregen. -- Sie müssen wissen, Herr Direktor -- ich weiß sehr wohl,

daß ich hier unter den Augen eines Mannes von Bedeutung, ja, eines

berühmten Mannes bin! -- Sie müssen wissen, ich bin, was Helfgott

Gundofried angeht, gezwungen, auf meiner Hut zu sein! -- (Mit

schwankender Stimme, das Taschentuch zuweilen an die Augen führend.) --

Ich bin eine arme, vom Schicksal verfolgte Frau, mein Herr, die gesunken

ist und die bessere Tage gesehen hat. Aber ich will Sie damit nicht

langweilen. Ich werde verfolgt! man will mir die letzte Hoffnung nun

auch rauben.

Schierke

Sagen Se kurz, wat Se wünschen. Sputen Se sich.

Frau Knobbe

wie vorher.

Nicht genug: man hat mich veranlaßt, hat mich gezwungen, meinen

ehrlichen Namen abzulegen. Ich habe dann in Paris gelebt und schließlich

einen brutalen Menschen geheiratet, den Pächter von einem süddeutschen

Schützenhaus, weil ich den blöden Gedanken hatte, in meinen

Angelegenheiten dadurch gebessert zu sein. O diese Schurken von Männern,

Herr Direktor!!

Schierke

Det fihrt zu weit. Menagieren Se sich.

Frau Knobbe

Es freut mich, daß ich Gelegenheit finde, endlich mal wieder einem Manne

von Bildung und Geist in die Augen zu sehn. Mein Herr, ich könnte Ihnen

eine Geschichte vortragen ... im Volksmund heiße ich hier die »Gräfin«,

und Gott ist mein Zeuge, in meiner frühen Jugend war ich nicht weit

entfernt davon! Eine Zeitlang war ich auch Schauspielerin! Wie sagte

ich: eine Geschichte vortragen aus meinem Leben, aus meiner

Vergangenheit, die den Vorzug hat, nicht erfunden zu sein.

Schierke

Na wer weeß och.

Frau Knobbe

mit Emphase.

Mein Elend ist nicht erfunden. Trotzdem es erfunden klingt, wenn ich

sage, wie ich eines Nachts im tiefsten Abgrunde meiner Schande einen

Vetter, einen Jugendgespielen, der jetzt Garderittmeister ist, nachts

auf der Straße traf. Er lebt oberirdisch, ich unterirdisch, seit mich

mein adelstolzer Herr Vater verstieß, nachdem ich als junges Ding einen

Fall getan hatte. O Sie ahnen nicht, welcher Stumpfsinn, welche Roheit,

welche Gemeinheit in meinen Kreisen üblich ist. Ich bin ein zertretener

Wurm, Herr Direktor, und doch, dorthin, nach diesem glänzenden Elend,

sehne ich mich nicht eine Sekunde zurück.

Schierke

Nun woll'n wir jefälligst zur Sache kommen.

Direktor Hassenreuter

Bitte, Herr Schierke, mich interessiert das! unterbrechen Sie zunächst

mal die Dame nicht -- (zur Knobbe) -- Sie hatten von Ihrem Vetter

gesprochen. Sagten Sie nicht, daß er Garderittmeister ist?

Frau Knobbe

Er war in Zivil. Er ist Garderittmeister. Er erkannte mich, und wir

feierten schmerzlich selige Stunden alter Erinnerung. In seiner

Begleitung befand sich -- ich nenne den Namen nicht! -- ein blutjunger

Leutnant. Kerlchen wie Milch und Blut, aber zart und schwermütig. Herr

Direktor, ich habe die Scham verlernt! man hat mich neulich sogar aus

einer Kirche herausgewiesen: warum soll eine so zertretene, entehrte,

verlassene, mehrmals vorbestrafte Person vor Ihnen nicht offen bekennen,

daß er der Vater meines Helfgott Gundofried geworden ist.

Direktor Hassenreuter

Des Kindes, das Ihnen entwendet wurde?

Frau Knobbe

Wie die Leute sagen. Es kann ja sein! ich selbst, obgleich meine Feinde

mächtig sind und jedwedes Mittel in der Hand haben, ich bin noch nicht

ganz überzeugt davon. Vielleicht ist es aber doch ein Komplott, von den

Eltern des Vaters angezettelt, Menschen, die, Sie würden erstaunen,

Träger eines der ältesten und berühmtesten Namens und Geschlechtes sind.

Adieu! Herr Direktor, was Sie auch von mir hören sollten, denken Sie

nicht, mein besseres Fühlen ist in dem Sumpfe total erstickt, in den ich

mich stürzen muß. Ich brauche den Sumpf, wo ich gleich und gleich mit

dem Abschaum der Menschheit bin. Da, hier -- (sie weist ihren nackten

Arm vor) -- vergessen! Betäubung! Ich verschaffe es mir mittels Chloral,

mittels Morphium! Ich finde es in den menschlichen Abgründen. Warum

nicht? wem bin ich verantwortlich? Einst wurde meine geliebte Mama

meinetwegen von meinem Vater heruntergemacht! Die Bonne bekam

meinetwegen Krampfanfälle! Mademoiselle und eine englische Miß rissen

sich, weil jede behauptete, daß ich sie mehr liebte, in der Wut

gegenseitig die Chignons vom Kopf. Jetzt ...

Schierke

Sage ick Ihnen, jetzt hören Se uf: wir kenn hier Leute nich Freiheit

berauben. -- (Er öffnet die Bibliothekstür.) -- Jetzt sagen Se, ob det

hier Ihr Kindeken is.

Zuerst tritt die Piperkarcka mit haßerfüllten Augen, Frau Knobbe

anstarrend, aus der Tür. Die Kielbacke mit dem Kinde folgt. Schierke

nimmt das Tuch von dem Kindchen.

Die Piperkarcka

Was wollen von mich? Was kommen mir nachsetzen? Bin ick Zijeuner? Sollen

wohl Kinder stehlen in Häuser jehn? Was? Sind nich gescheit! Werden mich

schön hüten! Hab' selber für mich und mein Kind kaum Essen jenug! Wer

'rumjehn, wer fremde Kinder auflesen und jroß füttern, wo eijnes mir

schon jenug Kummer und Ärjer macht.

Frau Knobbe

glotzt, sieht sich fragend und hilfesuchend um. Holt dann

schnell ein Flakon aus der Tasche und gießt den Inhalt auf ihr

Schnupftuch. Das Schnupftuch führt sie dann an Mund und Nase und

saugt den Duft des Parfüms, um nicht ohnmächtig zu werden.

Hierauf glotzt sie wie vorher.

Direktor Hassenreuter

Ja warum sprechen Sie nicht, Frau Knobbe? Das Mädchen behauptet, daß sie

selbst und nicht Sie, Frau Knobbe, Mutter des kleinen Kindes ist.

Frau Knobbe

erhebt den Schirm, um damit zu schlagen. Man fällt ihr in den

Arm.

Schierke

Det jibt's nich! Det is hier nich Kindererziehung! Det machen Se, wenn

Se unter sich in de Kinderstube alleene sind! -- Die Hauptsache bleibt,

wen jehert hier det Kind? -- Und nu ... und jetzt ... Frau verwitwete

Knobbe, ieberlechen Se sich, det Se hier reenste Wahrheit sachen! So! Is

et Ihret? oder 'n fremdet Kind?

Frau Knobbe

bricht los.

Ich schwöre bei der heiligen Mutter Gottes, bei Jesus Christus, Vater,

Sohn und heiliger Geist, daß ich Mutter von diesem Kinde bin.

Die Piperkarcka

Und ick schwöre bei heilije Mutter Jottes ...

Direktor Hassenreuter

Halt, Fräulein, retten Sie Ihre Seele! -- Es mag meinethalben ein Fall

von den allerverwickeltsten Umständen sein! Sie schwören dabei

vielleicht vollständig gutgläubig, aber Sie werden mir das gewiß

zugeben: jede von Ihnen könnte zwar die Mutter von Zwillingen sein --

ein Kind mit zwei Müttern ist nicht zu denken!

Walburga

die unverwandt und starr, gleich Frau Knobbe, aus der Nähe das

Kind betrachtet.

Papa! Papa! So sieh doch mal erst das Kind.

Frau Kielbacke

weinerlich, entsetzt.

Ja, det Kindeken stirbt schon jlob ick, seit ick hier drin im Zimmer

jewesen bin.

Schierke

Wat?

Direktor Hassenreuter

Wie? -- (Er tritt energisch näher und betrachtet einige Zeit ebenfalls

das Kind.) -- Das Kindchen ist tot! Das ist ohne Frage! -- Hier ist ohne

Zweifel einer gewesen, unsichtbar, der über das unbeteiligte arme,

kleine Streitobjekt ein wahrhaft salomonisches Urteil gesprochen hat.

Die Piperkarcka

versteht nicht.

Wat jiebt denn?

Schierke

Ruhe! -- Komm Sie mit.

Frau Knobbe scheint die Sprache verloren zu haben. Sie steckt ihr

Taschentuch in den Mund. Tief in ihrer Brust röchelt es. Schierke,

die Kielbacke mit dem toten Kinde, gefolgt von Frau Knobbe und der

Piperkarcka ab. Man hört Gemurmel auf dem Flur.

Der Direktor kommt wieder, nachdem er hinter den Abgehenden die Tür

verschlossen hat.

Direktor Hassenreuter

_Sic eunt fata hominum._ Erfinden Sie so was mal, guter Spitta.

Vierter Akt

Die Wohnung des Maurerpoliers John, wie im zweiten Akt. Es ist früh

gegen acht Uhr Sonntags.

Maurerpolier John befindet sich unsichtbar hinter dem Verschlage.

Man kann aus seinem Planschen und Prusten entnehmen, daß er bei der

Morgenwäsche ist. Quaquaro ist eben eingetreten und hat die Klinke

der Flurtür in der Hand.

Quaquaro

Sache ma, is deine Frau zu Hause, Paul?

John

hinterm Verschlag.

Noch nich, Emil. Meine Frau is mit den Jungen bei meine verheirate

Schwester in Hangelsberg. Will aber heut morchen noch wiederkomm. --

(John erscheint, sich abtrocknend, in der Tür des Verschlages.) Schen

juten Morchen, Emil.

Quaquaro

Morchen, Paul.

John

Na wat jibt et Neies? Ick bin vor 'ne halbe Stunde erst von de Bahn aus

Hamburch jekomm.

Quaquaro

Ick sah dir ins Haus jehn un Treppe rufsteichen.

John

aufgeräumt.

Na ja, Emil, du bist eben so 'n richticher Zerberus.

Quaquaro

Sache ma, Paul: wie lange is deine Frau mit det Kleene in Hangelsberg?

John

I, det muß so um die acht Dache so rum sind, Emil. Wiste wat von ehr?

Miete hat se doch woll richtich abjeführt. Ibrigens kann ick jleich

kindigen, Emil. Denn et is nu so weit: wir ziehn an erschten Oktober.

Ick ha Muttern nu endlich breit jekricht, det wir aus det olle wacklige

Staatsjebäude raus und in 'ne beßre Jejend ziehn.

Quaquaro

Nach Altona wiste nu nich mehr zurick?

John

Nee! bleibe in Lande und nähre dir redlich! Ick jeh nich mehr auswärts!

Nich in die Hand! -- Schon erstlich: immer uf Schlafstelle rumdricken!

und denn och: jinger wird eener nich! De Mächens wolln och all nich mehr

recht mehr so anbeißen ... Nee nee, et is jut so, det ma det ewiche

Wanderleben zu Ende is.

Quaquaro

Deine Frau hat et jut anjeschlachen, Paul.

John

gut gelaunt.

Na, junge Ehe, wo ebent erst Kindchen jekomm is!? Ick ha zum Meester

jesacht: ick bin jung verheirat! Denn hat er jefracht, ob meine erschte

Frau jestorben is? O konträr! Janz in't Jejenteil, hab' ick jeantwort:

die is so lebendig und quietschfidel, die hat sojar noch 'ne

quietschfidelen kleenen Berliner zujekricht! -- Wie ick heute Morchen,

Berlin--Hamburg--Stendal--Ültzen zum letztenmal uf'n Lehrter Bahnhof mit

mein janzes Zeug aus de vierte Klasse jestiegen bin, hab' ick 'n lieben

Jott, der Deibel hol mir! so alt wie ick bin, mit een Seufzer jedankt.

Er wird ihm wohl bei den Lärm uf'n Lehrter nich jehert haben.

Quaquaro

Haste jehert, Paul, det drieben de Knobbe ihr Jüngstes och wieder mit

Dot abjejang is?

John

Nee! Wie soll ick da von wat jehert haben. Aber wenn et dot is, denn is

et doch jut, Emil. Als ick det Wurm vor acht Dache jesehn habe, wo

Krämpfe hatte und Selma jekomm is und ick und Mutter haben ihm noch'n

Löffel Zuckerwasser injejossen, da war et doch schon reichlich reif

for't Himmelreich.

Quaquaro

Sache ma, haste denn von die Umstände jar nich jehert, wie und wo det

Kindchen zu Dode jekomm is?

John

Nee! -- (Er zieht eine lange Tabakspfeife hinter dem Sofa hervor.) --

Wart ma! ick brenne mir erst ma 'ne Pipe an. Nee! wo soll ick da von wat

jehert haben.

Quaquaro

Ick verwunder mir aber doch, det deine Frau dir nischt von jeschrieben

hat.

John

I, mit Jette und mit die Knobbekinder is det, seit det mir 'n eegnet

Kind haben, bei Muttern uf eema wie abjeschnappt.

Quaquaro

lauernd.

Deine Frau wollte ja doch immer brennend jerne 'n Sohn haben.

John

Na det is och! Meenste woll etwa, ick nich? For wat rackert eens denn?

For wat schind ick mir denn? Det is doch wat anders, wenn 'n scheenet

rundet Stück Jeld for'n eijnen Sohn oder for Schwesterkinder ufjespart

bleiben dut.

Quaquaro

Weeste denn nich, det 'n fremdet Mächen jekomm is, Paul, und hat

behauptet, det det Kind von de Knobbe jar nich ihr eechnet, sondern det

Kind von det fremde Mächen jewesen is?

John

Nanu? De Knobben und Kinderstehlen? Wenn't Mutter wär! aber de Knobben

doch nich. Sach ma, Emil, wat is denn det for 'ne Jeschichte.

Quaquaro

Na, nu, d'r eene sagt so, d'r andre sagt so. De Knobben sagt, det von

een Komplott mit Detektivs aus jewisse Kreise det kleene Balch

nachjestellt worden is. Un det is nu ja och richtig janz festjestellt:

et war det Kind von de Knobben jewesen! -- Kannst du mich irgendeenen

Wink jeben, wo de letzten Dache dein Schwager is?

John

Meenste dem Schlachtermeester in Hangelsberg?

Quaquaro

I nee, durchaus nich wat der Mann von deine Schwester, sondern von deine

Frau der Bruder is.

John

Da meenst du Brunon?

Quaquaro

Jewiß doch.

John

Na, noch wat, da kimmere ick mir noch wat eher drum, ob de Hunde noch

immer bei Prellsteine jehn. Von Brunon will ick weiter nischt wissen.

Quaquaro

Her mich ma zu, Paul. Ärjer dir nich. Nämlich uf Polizeistelle is

bekannt, det Bruno mit det polnische Mächen, wo uf det Kindeken Anspruch

machen wollte, jleich neulich hier vor de Haustür und dann och an eene

jewisse Stelle von de Uferstraße, wo de Jerber de Felle wegschwimmen,

jemeinsam jesichtet is. Nu is det Mächen janz jänzlich verschwunden.

Weiter wat Näheres weeß ick nu freilich nich! Bloß det se von Polizei

wechen det Mächen suchen.

John

stellt entschlossen die lange Pfeife weg, die er sich angesteckt

hatte.

Ick weeß nich, ick ha keen Justo heut morchen! -- Ick weeß nich, wat in

mir jefahren hat, ick war so verjnügt wie'n Eckensteher. Uf eemal is

mich so kodderig zumut, det ick an liebsten jleich wieder nach Hamburg

mechte un jar nischt weiter heren und sehn! -- Wat kommst de denn mir,

Emil, mit so 'ne Jeschichten?

Quaquaro

Ick wollte dir man bloß bißken ufklären, wat inzwischen, wo ja du un

wohl ja och deine Frau auswärts jewesen is, in deine Behausung jeschehn

is.

John

In meine Behausung?

Quaquaro

Det is ja! Jawoll! Selma hatte ja, heeßt et, det Knobbesche Jungchen in

Kinderwachen hier rieberjeschoben, wo et det fremde Frauenzimmer mit

ihre Begleitung aus deine Wohnung jenommen und wechjetragen hat. Oben

bei de Kammedienspieler is se ja dann noch jlicklich jestellt worden.

John

Wat is se?

Quaquaro

Und da haben sich och de Knobbe un det fremde Mächen ieber det dote Kind

bei de Haare jekricht.

John

Wenn ick man wißte, wat mir det soll, Emil, wo doch alle Ochenblicke

hier mit Frauenzimmer een Jewürge is. Laß se man kampeln! Mir is det

jleichjiltig! Nämlich, Emil, wenn da nich sonst wat dahinter is!?

Quaquaro

Deshalb komm ick ja, Paul! Et is wat dahinter! Det Mächen hat nämlich

mehrmals vor Zeuchen ausjesacht: erstlich, det Wurm von de Knobbe, det

wär ihr Kind und det hätt' se ausdricklich bei deine Frau, Paul, in de

Flege jejeben.

John

stutzt, lacht befreit.

Der pickt et! der is woll ma nich janz unwohl jeworden!

Erich Spitta kommt.

Spitta

Guten Morgen, Herr John.

John

Juten Morchen, Herr Spitta. -- (Zu Quaquaro, der noch in der geöffneten

Tür steht.) -- 'S jut, Emil! Ick wer mir wissen zu richten nach.

Quaquaro ab.

John

fährt fort.

Nu sehn Se ma so 'n Männeken, Herr Spitta! Mit een Fuß steht er in't

Jefängnis, mit 'n andern is er Liebkind beim Bezirkskommissar uf't

Polizeibüro! un denn jeht er bei ehrliche Leute rumschnüffeln.

Spitta

Hat Fräulein Walburga Hassenreuter nach mir gefragt, Herr John?

John

Bis jetzt noch nich. Nee, det ick nich wißte! -- (Er öffnet die

Flurtür.) -- Selma! -- Entschuldjen Se mir ma 'n Ojenblick. -- Selma! --

Ick muß ma det Mächen wat aushorchen.

Selma Knobbe kommt.

Selma

noch in der Tür.

Wat is?

John

Mach ma de Tir zu, komm ma 'n bißken 'rin! Un nu sach mal, Mächen, wat

det hier in de Stube mit dein kleenet verstorbenet Briderchen und mit

det fremde Weibsbild jewesen is.

Selma

die, mit merkbar schlechtem Gewissen, lauernd näher getreten ist,

jetzt sehr wortgewandt.

Ick hatte den Kinderwachen hier rieber jeschoben. Ihre Frau war nicht da

und da dacht ick, det hier drieben, wo doch det Briderken sowieso krank

war und immer schrie, det hier drieben bei Sie mehr Ruhe is. Nu kam een

Herr un kam eene Dame un noch 'ne Frau kam uf eemal hier rin. Und denn

ha'm se det Kindeken hier aus 'n Wachen raus, frische Wäsche jewickelt

un mit fortjenomm.

John

Und denn hat die Dame jesacht, et wär ihr Kind und se hätt' et bei

Muttern, als wie det meine Olle is, hätt' se's, sagt se, in Flege

jejeben?

Selma

lügt.

I, jar keene Ahnung, da wißt ick wat von.

John

schlägt auf den Tisch.

Na zum Kreuzdonnerwetter, det wär ja och bledsinnig.

Spitta

Erlauben Sie mal, das hat sie gesagt: wenn nämlich von dem Vorfall

zwischen den beiden Frauen oben bei Direktor Hassenreuter die Rede ist.

John

Det haben Se mit anjesehn, Herr Spitta, wo de Knobben und de andere um

det Würmchen jezerjelt hat?

Spitta

Allerdings. Das hab' ich mit angesehn.

Selma

Weiter kann ick nischt sachen, und wenn mir och Schutzmann Schierke und

meinswechen der lange Polizeileitnam janzem zwee Stunden und länger

verhören dut. Ick weeß eben nischt. Ick kann eben nischt sachen.

John

'N Polizeileitnam hat dir ausjefracht?

Selma

knutscht.

Se wollen doch Maman in Kasten bringen, weil et Leute anjezeicht un

jelogen haben, det unser Kindeken vahungert is.

John

Ach! so! -- Na Selma, jeh, laß ma 'n Kaffee durchlofen.

Selma begibt sich an den Herd, wo sie den Kaffee für John

zubereitet. John selbst geht an den Arbeitstisch, nimmt den Zirkel

und zieht dann mit der Schiene einige Linien.

Spitta

mit Überwindung.

Eigentlich hoffte ich Ihre Frau hier zu treffen, Herr John. Mir hat

jemand gesagt, Ihre Frau hätte gegen Sicherheit mitunter kleine Beträge

an Studenten geliehen. Ich bin nämlich in Verlegenheit.

John

Det mag sind. Aber det is Mutterns Sache, Herr Spitta.

Spitta

Ganz offen gesagt, wenn ich bis heute abend kein Geld schaffe, werden

meine paar Bücher und Habseligkeiten von meiner Zimmerwirtin mit

Beschlag belegt und man setzt mich eigentlich auf die Straße.

John

Ick denke Ihr Vater ist Paster, Herr Spitta.

Spitta

Das ist er. Aber gerade deshalb, und weil ich selber nicht Pastor werden

mag, habe ich gestern abend einen furchtbaren Krach mit meinem Vater

gehabt. Ich werde von ihm keinen Pfennig mehr annehmen.

John

arbeitend.

Det jeschieht Vatern recht, wenn ick verhungern tu oder 'n Hals breche.

Spitta

Ein Mensch wie ich, wird nicht verhungern, Herr John. Geh ich aber

zugrunde, so ist mir's auch gleichgültig.

John

Det jlobt eener nich, wat unter euch Studenten for ausjehungerte arme

Ludersch sind. Aber keener will wat Reelles anfassen. -- (Ferner Donner.

John blickt durchs Fenster.) -- Heute wird schwule. Et donnert schon.

Spitta

Von mir dürfen Sie das nicht sagen, Herr John, daß ich etwas Reelles

nicht anfassen möchte: Stunden geben! für Geschäfte Adressen schreiben!

Ich habe das alles schon durchgemacht und damit, wie mit manchem anderen

Versuch, nicht nur Tage sondern auch Nächte um die Ohren geschlagen.

Dabei hab' ich gebüffelt und Bücher gewälzt.

John

Mensch, jeh nach Hamburg und laß dir als Maurer instellen! Wie ick so

alt war wie Sie, ha ick in Altona in Akkord schon bis zwelf Mark täglich

verdient.

Spitta

Das mag sein. Aber ich bin Geistesarbeiter.

John

Det kennt man.

Spitta

So?! Mir scheint nicht, daß Sie das kennen, Herr John. Vergessen Sie

aber bitte nicht: Ihre Herrn Bebel und Liebknecht sind auch

Geistesarbeiter.

John

Na jut! Denn komm Se! denn wollen wir man wenigstens frühstücken. Allens

sieht sich janz andersch an, wenn det eener 'n Happenpappen jefrühstückt

hat. Se haben woll noch nich jefrühstückt, Herr Spitta?

Spitta

Nein, offen gestanden, heute noch nicht.

John

Na denn machen Se man det Se wat Warmes in Leib kriechen.

Spitta

Das hat Zeit.

John

I nee, Se sehen sehr vakatert aus. Und ick ha och die Nacht uf de Bahn

jelejen. -- (Zu Selma, die ein Leinwandsäckchen mit Semmeln hereingeholt

hat.) -- Bring ma schnell noch 'ne Tasse ran.

Er hat breit auf dem Sofa Platz genommen, tunkt Semmel ein und

trinkt Kaffee.

Spitta

der noch nicht Platz nimmt.

Die Ratten: Berliner Tragikomödie · 第 5 / 8 段