Nein, Teufel, ich bin bei sehr schlechter Laune! Sie sind ein Symptom.

Also nehmen Sie sich nicht etwa wichtig! -- Sie sind eine Ratte! aber

diese Ratten fangen auf dem Gebiete der Politik -- Rattenplage! -- unser

herrliches neues geeinigtes Deutsches Reich zu unterminieren an. Sie

betrügen uns um den Lohn unserer Mühe! und im Garten der deutschen Kunst

-- Rattenplage! -- fressen sie die Wurzeln des Baumes des Idealismus ab:

sie wollen die Krone durchaus in den Dreck reißen. -- In den Staub, in

den Staub, in den Staub mit euch!

Käferstein und Dr. Kegel wollen ernst bleiben, brechen indessen bald

in lautes Gelächter aus, in das der Direktor hineingerissen wird.

Walburga macht große Augen. Spitta behält seinen Ernst.

Nun steigt Frau John über die Leiter vom Boden herunter, nach

einiger Zeit folgt ihr Quaquaro, der Vizewirt.

Direktor Hassenreuter

bemerkt Frau John, weist heftig mit beiden Armen auf sie, wie

wenn er eine Entdeckung gemacht hätte.

Da kommt Ihre tragische Muse, Spitta.

Frau John

die sich unter dem Gelächter des Direktors, Kegels und

Käfersteins genähert hat, verdutzt.

Wat ha ick denn an mir, Herr Direkter?

Direktor Hassenreuter

Alles Gute und Schöne, beste Frau John! Danken Sie Gott, wenn Ihr

stilles, eingezogenes, friedliches Leben Sie zur tragischen Heldin

ungeeignet macht. -- Aber sagen Sie, haben Sie etwa Gespenster gesehen?

Frau John

mit unnatürlicher Blässe.

I, weshalb denn nu det?

Direktor Hassenreuter

Etwa gar wieder den famosen Soldaten Sorgenfrei, der dort oben als

Deserteur ins bessere Jenseits seine Militärkarriere beschlossen hat?

Frau John

I, wenn't 'n lebendicher Mensch wär, det kennte sind: vor tote Jeister

furcht ick mir nich.

Direktor Hassenreuter

Na, wie war's, Herr Quaquaro, unter den Bleidächern?

Quaquaro

der einen schwedischen Reiterstiefel mitbringt.

Ick habe mir allens jut umjesehen un bin zur Iberzeijung jekomm, det

mindestens obdachloses Jesindel oben, durch wat for'n Zujang weeß ick

noch nich, jenächtigt hat. Un denn hab ick det hier in Stiefel jefunden.

--

Er zieht aus dem Reiterstiefel ein Kinderfläschchen mit

Gummipfropfen, halb mit Milch gefüllt.

Frau John

Det erklärt sich: ick ha oben zu'n rechten jesehn und ha Adelbertchen

bei mich jehat. -- Ick bin an die janze Jeschichte unschuldig!

Direktor Hassenreuter

Das Gegenteil hat wohl auch niemand behauptet, Frau John.

Frau John

Wo Adelbertchen zur Welt kam ... wo Adelbertchen jestorben war ... der

soll ma komm und soll mir sachen, wat eene richtiche Mutter is ... aber

nu muß ick fort, Herr Direkter ... Nu kann ick zweer Tage och drei nich

oben komm. Atje! ick muß ma bißken mit Adelbertchen bei meine Schwächern

zeichen uf Sommerfrische. --

Sie trottet durch die Flurtür ab.

Direktor Hassenreuter

Was hat sie da durcheinander gefaselt?

Quaquaro

Schon wo se det erste Kindeken hatte, nu jar nachdem, wie et jestorben

is, wa eene Schraube los bei die John. Seit se nu jar det Zweete hat,

wackeln zweee. Hinjejen, deswechen, rechnen kann se. Die hat manchen

juten Jroschen bei schene Prozente uf Fänder ausjeborcht.

Direktor Hassenreuter

Was soll ich nun als Bestohlener tun?

Quaquaro

Det kommt druf an, wo Verdacht hin is.

Direktor Hassenreuter

In diesem Hause? -- Sagen Sie selbst, Herr Quaquaro ...

Quaquaro

Det is ja nu wahr, aber et is nu doch och so weit, det nächstens bißken

jesäubert wird. De Witwe Knobbe mit ihren Anhang wird rausjeschmissen!

Und denn is eene Blase uf Flijel B, wo Schutzmann Schierke mir hat

jesacht, det sich schwere Jungen mang mang befinden: wo de Polizei

nächstens ausheben wird.

Direktor Hassenreuter

Irgendwo hier im Hause ist doch ein Gesangverein. Ich höre wenigstens

manchmal wirklich hübsche Männerstimmen »Deutschland, Deutschland über

alles«, »Wer hat dich, du schöner Wald«, »In einem kühlen Grunde« und

dergleichen absingen.

Quaquaro

Det sind se! det sind se! die singen so jut wie de blaue Zwiebel! det

sind se, jewiß! Wo man singt, da laß dir jeruhig nieder, heeßt et zwar,

aber det wollt ick keenen raten ... Ick wage mir och man mit mein Prinz,

wat meine Bulldogge is, mang die feine Jesellschaft rin. Immer

anzeichen, anzeichen, Herr Direkter.

Quaquaro geht ab.

Direktor Hassenreuter

Sein Auge blitzt Kaution. Sein Wort heischt Preußisch-Kurant. Seine

Faust bedeutet Kündigung. Wer um Ultimo nicht von ihm träumt, kann von

Glück sagen. Wer von ihm träumt, der brüllt nach Hilfe. Ein

scheußlicher, schmalziger Kerl! aber ohne ihn bekämen die Pächter dieser

Staatsbaracke die Miete nicht, und der Militärfiskus könnte die Pacht in

den Rauchfang schreiben. -- (Die Türschelle geht.) -- Das ist Fräulein

Alice Rütterbusch! die junge Naive, die ich leider bei dem Hangen und

Bangen auf die Entscheidung der Straßburger Stadtväter mir noch immer

kontraktlich nicht sichern kann. Nach meiner Ernennung, zu der Gott mir

helfe, wird ihr Engagement meine erste direktoriale Handlung sein. --

Walburga und Spitta, marsch auf den Oberboden. Zählt die sechs Kisten

durch, wo der Vermerk Journalisten steht, daß wir im geeigneten

Augenblick mit der Inventur fertig sind. -- (Zu Käferstein und Dr.

Kegel) -- Sie mögen derweil in die Bibliothek treten.

Er geht, um die Flurtür zu öffnen.

Walburga und Spitta verschwinden eilig und sehr bereitwillig auf den

Oberboden. Käferstein und Kegel gehen in die Bibliothek.

Direktor Hassenreuter

im Hintergrund.

Bitte, kommen Sie nur herein, meine Gnädige! Pardon! Bitte sehr um

Pardon, mein Herr! Ich erwartete eine Dame ... ich erwartete eine junge

Dame ... Aber bitte, treten Sie doch herein.

Der Direktor kommt mit Pastor Spitta wieder nach vorn. Pastor

Spitta, sechzig Jahre alt, ist ein etwas verbauerter kleiner

Landpfarrer. Man könnte ihn ebensogut für einen Feldmesser oder

kleinen Gutsbesitzer nehmen. Er ist von kräftiger Erscheinung,

kurznackig, wohlgenährt und hat ein etwas zusammengequetschtes,

breites Luthergesicht. Er trägt Schlapphut, Brille, Stock, einen

Lodenmantel überm Arm; ungeschlachte Stiefel und die Verfassung

seiner übrigen Kleidung zeigt, daß sie an Wetter und Wind schon seit

lange gewöhnt sind.

Pastor Spitta

Wissen Sie, wer ich bin, Herr Direktor?

Direktor Hassenreuter

Nicht durchaus bestimmt, aber ...

Pastor Spitta

Wagen Sie's nur daraufhin, Herr Direktor: nennen Sie mich bis auf

weiteres Pastor Spitta aus Schwoiz in der Uckermark, dessen Sohn Erich

Spitta, jawohl, in Ihrer Familie als Hauslehrer oder so ähnlich, tätig

gewesen ist. Erich Spitta: das ist mein Sohn. Das sag' ich mit schwerer

Bekümmernis.

Direktor Hassenreuter

Zunächst freue ich mich, Sie begrüßen zu können. Ich möchte Sie aber im

gleichen Atem bitten, Herr Pastor, des bewußten Seitensprunges wegen,

den Ihr Sohn Erich sich leistet, nicht allzu bekümmert, nicht allzu

besorgt zu sein.

Pastor Spitta

O ich bin sehr besorgt. Ich bin sehr bekümmert! -- (Er sieht sich mit

großem Interesse, auf einem Stuhl sitzend, in dem seltsamen Raume um.)

-- Es ist schwer zu sagen, äußerst schwer begreiflich zu machen, bis zu

welchem hohen Grade ich bekümmert bin. Aber verzeihen Sie eine Frage,

Verehrtester: ich war im Zeughaus. -- (Er berührt mit dem Stock einen

der Pappenheimschen Kürassiere.) -- Was sind das für Rüstungen?

Direktor Hassenreuter

Das sind Pappenheimsche Kürassiere.

Pastor Spitta

Ah ah, ich stellte mir Schiller ganz anders vor! -- (Sich sammelnd.) --

O dieses Berlin! Es verwirrt mich ganz! Sie sehen in mir einen Mann,

Herr Direktor, der nicht nur bekümmert, nicht nur durch dieses Sodom

Berlin im Innersten aufgewühlt, sondern geradezu durch die Tat seines

Sohnes gebrochen ist.

Direktor Hassenreuter

Eine Tat? Welche Tat?

Pastor Spitta

Das fragen Sie noch? Der Sohn eines redlichen Mannes und ... und ...

Schauspieler.

Direktor Hassenreuter

gereckt, mit Haltung.

Mein Herr, ich billige den Entschluß Ihres Sohnes nicht. Aber ich

selbst, der ich, _hony soit qui mal y pense_, der Sohn eines redlichen

Mannes und selber, will ich hoffen, ein Mann von Ehre bin, ich, wie ich

hier stehe, ich war selbst Schauspieler und habe noch vor kaum sechs

Wochen bei einem Lutherfestspiel in Merseburg .... ich bin

Kulturkämpfer! nicht nur als Regisseur, sondern auch als Schauspieler

meinen Fuß auf die weltbedeutenden Bretter gestellt. In bezug auf

bürgerliche Ehre und vom Standpunkt der allgemeinen Ehrenhaftigkeit

dürfte also, nach meinen Begriffen wenigstens, der Entschluß Ihres Herrn

Sohnes nicht zu beanstanden sein. Aber es ist ein schwerer Beruf, und

man muß auch außerdem dazu sehr viel Talent haben. Auch geb' ich zu: für

schwache Charaktere ist es ein Beruf, der besonders gefährlich ist. Und

schließlich habe ich selbst die ungeheure Mühsal meines Standes so bis

auf die Nagelprobe kennen gelernt, daß ich jeden davor behüten möchte.

Deshalb gebe ich meinen Töchtern Ohrfeigen, sobald auch nur der leiseste

Gedanke zur Bühne zu gehen sich geltend macht, und eh' ich sie an einen

Mimen verheiratete, würde ich jeder von ihnen einen Stein um den Hals

hängen und sie ertränken im Meer, wo es am tiefsten ist.

Pastor Spitta

Ich wollte niemand zu nahe treten. Ich gebe auch zu, ich habe als

schlichter Landpfarrer von alledem keine Vorstellung. Aber denken Sie

sich einen Vater an, eben einen solchen armen Landpfarrer, der seine

Pfennige mühsam zusammenkratzt, um seinem Sohne das Studium zu

ermöglichen. Denken Sie, daß dieser Sohn kurz vor seinem Examen steht

und daß Vater und Mutter -- ich hab eine kranke Frau zu Haus! -- mit

Schmerzen oder mit Sehnsucht, wie Sie wollen, auf den Augenblick warten,

jawohl, wo er in irgendeiner Pfarre seiner Bestimmung von der Kanzel die

Probepredigt halten wird. Und nun kommt dieser Brief! der Junge ist

wahnsinnig. --

Die Erregung des Pastors ist nicht gerade gespielt, aber beherrscht.

Das Zittern, womit er nach seinem Briefe in die Brusttasche greift

und ihn dem Direktor hinhält, ist nicht ganz überzeugend.

Direktor Hassenreuter

Junge Leute suchen. Allzusehr dürfen wir uns nicht wundern, wenn eine

Krise im Leben eines jungen Mannes zuweilen nicht zu vermeiden ist.

Pastor Spitta

Nun, diese Krise war zu vermeiden. Sie werden aus diesem Briefe unschwer

erkennen, wer verantwortlich für den verderblichen Umschwung in der

Seele eines so jungen, braven und immer durchaus gehorsamen Menschen zu

machen ist. Ich hätte ihn nie sollen nach Berlin schicken. Jawohl: die

sogenannte wissenschaftliche Theologie, die mit allen heidnischen

Philosophen liebäugelt, und die uns den lieben Herrgott in Rauch, den

Herrn und Heiland in Luft verwandeln will, die mache ich für den

schweren Fehltritt meines Kindes verantwortlich. Und nun kommen dazu die

anderen Verführungen: Herr Direktor, ich habe Dinge gesehen, wovon zu

sprechen mir ganz unmöglich ist! Hier habe ich Zettel in allen Taschen:

Elite-Ball! Fesche Damenbedienung! und so fort. Ich gehe halb ein Uhr

nachts ganz ruhig durch die Passage zwischen Linden und Friedrichstraße,

schmeißt sich ein scheußlicher Kerl an mich an, halbwüchsig und fragt

mit einer schmierigen, scheuen Dreistigkeit: ob der Herr vielleicht

etwas Pikantes will? Und nun diese Schaufenster, wo neben den Bildern

der hohen und Allerhöchsten Herrschaften nackte Schauspielerinnen,

Tänzerinnen, kurz die anstößigsten Nuditäten zu sehen sind! Und dann

dieser Korso, dieser Korso! wo die geschminkte, aufgedonnerte Sünde die

Bürgersfrau vom Bürgersteig auf die Straße drängt! Das ist einfach

Weltuntergang, Herr Direktor!

Direktor Hassenreuter

Ach Herr Pastor, die Welt! die geht nicht unter! nicht wegen der

Nuditäten und ebensowenig der heimlichen Sünde wegen, die Nachts durch

die Straßen schleicht. Sie wird mich und wahrscheinlich das ganz skurile

Menschheitsintermezzo noch überleben.

Pastor Spitta

Was diese jungen Leute vom rechten Wege ablenkt, ist das böse Beispiel,

ist die Gelegenheit.

Direktor Hassenreuter

Mit Erlaubnis, Herr Pastor: ich habe eigentlich eine Neigung zum

Leichtsinn in Ihrem Sohne niemals bemerkt. Er hat einen Zug zur

Literatur, und er ist nicht der erste Pastorensohn -- Lessing, Herder

_etcetera_, der in den Weg der Literatur und Poeterei eingebogen ist.

Möglicherweise hat er schon Stücke im Schubfach liegen. Allerdings muß

ich sagen: die Ansichten, die Ihr Herr Sohn auch auf dem Felde der

Literatur vertritt, sind selbst für mich mitunter beängstigend.

Pastor Spitta

Das ist ja furchtbar! das ist ja entsetzlich! und geht über meine

schlimmsten Befürchtungen weit hinaus. Und so sind mir die Augen denn

aufgegangen. -- Mein Herr, ich habe acht Kinder gehabt, von denen Erich

unsre schönste Hoffnung, seine nächstälteste Schwester unsre schwerste

Prüfung von Gott bedeutete und die nun, dem Anschein nach, beide von der

gleichen verruchten Stadt als Opfer gefordert worden sind. Das Mädchen

war früh entwickelt, war schön! -- doch -- Jetzt muß ich zu etwas

anderem kommen. -- Ich bin seit drei Tagen in Berlin und habe Erich noch

nicht gesehen. Als ich ihn heute aufsuchen wollte, war er in seiner

Wohnung nicht anwesend. Ich habe eine Weile gewartet und mich natürlich

dabei in seiner Behausung umgesehen. Nun: betrachten Sie dieses Bild,

Herr Direktor!

Er hat eine kleine Photographie, indem er Erichs Brief zurücklegt,

aus der Brieftasche genommen und hält sie dem Direktor unter die

Augen.

Direktor Hassenreuter

nimmt und betrachtet das Bild, bald wie ein Kurzsichtiger, bald

wie ein Weitsichtiger, stutzt.

Wieso?

Pastor Spitta

An dem albernen Lärvchen liegt weiter nichts. Aber lesen Sie bitte die

Unterschrift.

Direktor Hassenreuter

Wo?

Pastor Spitta

liest.

»Ihrem einzigen Liebsten, seine Walburga.«

Direktor Hassenreuter

Erlauben Sie mal! -- Was heißt das, Herr Pastor?

Pastor Spitta

Irgendein Nähmädchen heißt das! Wenn nicht gar irgendeine obskure

Kellnerin!

Direktor Hassenreuter

sehr bleich.

Hm. -- (Steckt das Bild ein.) -- Ich werde das Bild behalten, Herr

Pastor.

Pastor Spitta

In solchem Schmutz wälzt sich dieser Sohn. Und nun denken Sie sich in

meine Lage: mit welchen Gefühlen, mit welcher Stirn soll ich künftig vor

meiner Gemeinde auf der Kanzel stehn ......?

Direktor Hassenreuter

Donnerwetter, was geht mich das an, Herr Pastor! Was habe ich mit Ihrem

Sprengel, mit Ihren verlorenen Söhnen und Töchtern und dergleichen zu

tun? (Er zieht wieder die Photographie.) -- Und übrigens, was dieses

kernige, tüchtige Mädchen betrifft, »Kellnerin und dergleichen«, so

irren Sie sich! Weiter sage ich nichts! Alles weitere wird sich finden,

Herr Pastor. Adieu.

Pastor Spitta

Ich gestehe frei, ich begreife Sie nicht. Wahrscheinlich ist das der

Ton, der in Ihren Kreisen der übliche ist. Ich gehe und werde Sie nicht

mehr belästigen. Aber ich habe als Vater das Recht vor Gott, Sie, Herr

Direktor, zu verpflichten: verweigern Sie künftig, oder ich werde Mittel

und Wege zu finden wissen, meinem verblendeten Sohne diesen sogenannten

dramatischen Unterricht!

Direktor Hassenreuter

Nicht nur das, Herr Pastor: sondern ich werde ihm ganz direkt den Stuhl

vor die Tür setzen.

Er geleitet den Pastor hinaus, schlägt die Tür zu und kommt ohne ihn

wieder.

Direktor Hassenreuter

schleudert die Arme in die Luft.

Hier kann man nur sagen: Neandertaler! -- (Er stürmt die Bodentreppe

hinauf.) -- Spitta, Walburga, kommt mal herab.

Walburga und Spitta kommen.

Direktor Hassenreuter

zu Walburga, die ihn fragend ansieht.

Geh auf deinen Kontorbock. Setz dich auf deinen humoristischen

Körperteil! -- Na, und Sie, lieber Spitta, was wollen Sie noch?

Spitta

Sie hatten gerufen, Herr Direktor.

Direktor Hassenreuter

Gut. Sehen Sie mir ins Angesicht!

Spitta

Bitte.

Er tut es.

Direktor Hassenreuter

Ihr macht einen dumm! Aber mich sollt ihr nicht dumm machen! Still! --

Kein Wort! Ich hätte mich von Ihnen eines anderen versehen, als eines so

exemplarischen Beweises von Undankbarkeit! -- Still! -- Im übrigen war

ein Herr hier! er fürchtet sich! Vorwärts! Gehen Sie ihm nach! --

Begleiten Sie ihn auf die Straße hinunter. Suchen Sie ihm begreiflich zu

machen, daß ich nicht Euer Schuhputzer bin.

Spitta

zuckt die Achseln, nimmt seinen Hut, geht ab.

Direktor Hassenreuter

schreitet energisch auf Walburga zu und zieht sie am Ohr.

Und du meine Liebe, du bekommst Ohrfeigen, wenn du mit diesem Schlingel

von verkrachtem Theologen noch jemals ohne meine Erlaubnis zwei Worte

sprichst.

Walburga

Au au, Papa.

Direktor Hassenreuter

Dieser Wicht, der mit Vorliebe schafsdumme Gesichter macht, als ob er

kein Wässerchen trüben könnte, und dem ich den Zutritt in mein Haus zu

eröffnen so unvorsichtig war, ist leider ein Mensch, hinter dessen Maske

die unverschämteste Frechheit lauert. Ich und mein Haus, wir dienen dem

Geiste der Wohlanständigkeit. Willst du den Schild unserer Ehre

beflecken, etwa wie die Schwester von diesem Burschen, die zur Schande

ihrer Eltern, wie es scheint, in Gasse und Gosse geendigt ist?

Walburga

Über Erich bin ich nicht deiner Ansicht, Papa.

Direktor Hassenreuter

Was?! Nun jedenfalls kennst du meine Ansicht! und weißt, einen Appell

gegen meine Ansichten gibt es nicht! Du gibst ihm den Laufpaß oder

siehst selber zu, wo du außerhalb deines Elternhauses mit deinem ehr-

und pflichtvergessenen lockeren Lebenswandel durchkommen wirst! Dann

fort mit dir! von solchen Töchtern mag ich nichts wissen!

Walburga

bleich, finster.

Du sagst ja immer Papa, du hast dir deinen Weg auch ohne deine Eltern

selbständig suchen müssen.

Direktor Hassenreuter

Du bist kein Mann.

Walburga

Gewiß nicht. Aber denke doch mal an Alice Rütterbusch.

Vater und Tochter sehen einander fest in die Augen.

Direktor Hassenreuter

Wieso? -- Bist du heiß? was? oder bist du irrsinnig? -- (Er lenkt ab,

merklich aus dem Konzept und pocht an die Bibliothek.) -- Wo blieben wir

stehen? Setzen Sie ein.

Kegel und Käferstein erscheinen.

Kegel, Käferstein

deklamieren.

»Weisere Fassung

ziemet dem Alter.

Ich, der Vernünftige

grüße zuerst.«

Geführt von Spitta erscheint die Piperkarcka, straßenmäßig

gekleidet, und Frau Kielbacke, die einen Säugling im Steckkissen

trägt.

Direktor Hassenreuter

Was wollen Sie? Mit was für Weibsleuten überlaufen Sie mich?

Spitta

Es ist nicht meine Schuld, Herr Direktor, die Frauen wollten zu Ihnen

hinein.

Frau Kielbacke

Nee. Wir wollen man bloß Frau Mauerpolier John sprechen.

Die Piperkarcka

Ist doch immer bei Sie hier oben, Frau John?!

Direktor Hassenreuter

Ja! Aber ich fange an zu bedauern, daß das so ist, und wünschte

jedenfalls, daß sie ihre privaten Empfänge nicht hier bei mir, sondern

unten bei sich erledigt. Sonst richte ich nächstens vor der Tür

Selbstschüsse oder Fußangeln ein. -- Wo fehlt's Ihnen eigentlich, bester

Spitta? Sie müssen jetzt schon die Gnade haben und diese Damen nach

unten zurechtweisen.

Die Piperkarcka

Unten in ihre Wohnung war nich zu finden, Frau John.

Direktor Hassenreuter

Hier oben bei uns ist sie auch nicht zu finden.

Frau Kielbacke

Det junge Freilein hat nämlich ihr Söhneken bei die Frau Mauerpolier

John in Flege jehat.

Direktor Hassenreuter

Freut mich! Ohne Umstände los! Retten Sie mich, Käferstein.

Frau Kielbacke

Nun is 'n Herr von de Stadt als wie vormundschaftswechen, nachsehn

jekomm: wie't steht mit det Kind und det jut versorcht und in Stande is.

Und denn is er, denn sind wir bei Frau John mitsamt den Herrn sind wir

rinjejang. Denn stand det Kind und 'n Zettel bei, det Frau John hier

oben uf Arbeet is.

Direktor Hassenreuter

Wo ist das Kind in Pflege gewesen?

Frau Kielbacke

Bei de Frau Mauerpolier John.

Direktor Hassenreuter

ungeduldig.

Das ist vollkommen blödsinnig! Das ist unrichtig! -- Hätten Sie doch

lieber den alten humorvollen Herrn begleitet, dem ich Sie nachgesendet

habe, Spitta, statt mir diese Damen hier auf den Hals zu ziehn.

Spitta

Ich suchte den Herrn, aber er war schon verschwunden.

Direktor Hassenreuter

Die Damen scheinen mir nicht zu trauen. Sagen Sie ihnen doch, meine

Herren, daß Frau John kein Kind in Pflege hat, und daß sie also

bezüglich des Namens im Irrtum sind.

Käferstein

Ich soll Ihnen sagen, meine Damen, daß Sie wahrscheinlich bezüglich des

Namens im Irrtum sind.

Die Piperkarcka

heftig, verweint.

Hat Kindchen in Flege! Hat mein Kindchen in Flege jehabt. Is Herr von

die Stadt jekommen, hat jesacht, daß Kindchen in schlechte Hände,

verwahrlost is. Hat mich mein Kindeken zujrunde jerichtet.

Direktor Hassenreuter

Sie müssen unbedingt, meine Damen, bezüglich des Namens der Frau, von

der Sie reden, im Irrtum sein. Frau Maurerpolier John hat kein Kind in

Pflege.

Die Piperkarcka

Hat mein Kindchen in Klauen jehabt, hat verhungern lassen, zujrunde

jerichtet! Will sehn Frau John. Will auf Kopf draufsagen! Soll mich

jesund machen kleinet Kind! Muß vor Jericht! Herr hat jesacht, mussen

jehn an Jerichtstelle anzeichen.

Direktor Hassenreuter

Ich bitte Sie, sich nicht aufzuregen. Tatsache ist: Sie irren sich! Wie

kommen Sie nur auf den Gedanken, meine Damen, daß Frau John ein Kindchen

in Pflege hat?

Die Piperkarcka

Weil ick ihr selbst überjeben habe.

Direktor Hassenreuter

Frau John hat aber doch ihr eigenes Kind, mit dem sie, wie mir jetzt

einfällt, auf Besuch zu der Schwester ihres Gatten zu gehen

beabsichtigte.

Die Piperkarcka

Hat kein Kind. Janz und jar nich, Frau John. Ick jeh unten auf

Polizeibureau. Hat jelogen, betrogen. Hat kein Kind. Hat mich mein

Aloischen zujrunde jerichtet.

Direktor Hassenreuter

Bei Gott, meine Damen, Sie irren sich.

Die Piperkarcka

Glaubt mich kein Mensch, daß ich Kindchen jehabt habe. Hat mich mein

Bräutijam Brief jeschrieben, daß nich wahr is, daß schlechtes,

verlogenes Frauenzimmer bin. -- (Sie berührt das Tragbettchen.) -- Is

mein! will nachweisen vor Jericht! Will schwören bei heilige Mutter

Jottes.

Direktor Hassenreuter

Decken Sie doch mal auf, das Kind. -- (Es geschieht. Direktor

Hassenreuter betrachtet den Säugling aufmerksam.) -- Hm! Die Sache wird

sich bald aufklären, sicherlich! -- Erstens ... ich kenne Frau John! --

hätte Frau John diesen Säugling in Pflege gehabt, er könnte ganz

unmöglich so aussehn! ganz einfach, weil Frau John, soweit Kinder in

Frage kommen, das Herz auf dem rechten Flecke hat.

Die Piperkarcka

Will sprechen Frau John. Weiter sagen nichts. Brauche mir nicht vor alle

Welt aufdecken. Alles will haarklein vor Jericht will aussagen, Tag,

Stunde, auch janz jenau Ort, wo jeboren is! Jlauben mir: sollten wohl

Augen aufreißen.

Direktor Hassenreuter

Sie meinen also, mein Fräulein, wenn ich Sie recht verstehe, die Frau

John besitze kein eigenes Kind, und das, was dafür gegolten hat, wäre

das Ihre.

Die Piperkarcka

Schlag Blitz mich nieder, wenn nich so is.

Direktor Hassenreuter

Und dies hier sei eben das strittige Kind? Gott möge Sie diesmal nicht

beim Wort nehmen! -- Nämlich, wie Sie mich sehen, ich bin der Direktor

Hassenreuter, und ich habe persönlich das Kind meiner Aufwartefrau, der

Frau John, drei- oder viermal in Händen gehabt. Ich hab' es sogar auf

der Wage gewogen. Es wiegt über acht Pfund. Dieses arme Wurm hier dürfte

noch nicht zwei Kilo wiegen. Auf Grund dieses Umstandes versichere ich

Ihnen, dies hier ist in der Tat nicht das Kind der Frau John. Es mag

richtig sein, daß es das Ihre ist. Ich könnte das schlechterdings nicht

bezweifeln. Das Kind der Frau John aber kenne ich und bin sicher, daß es

mit diesem durchaus nicht identisch ist.

Frau Kielbacke

respektvoll.

Nee nee, det muß wahr sind: et is nich identisch.

Die Piperkarcka

Det Kindken is janz jenug identisch, wenn och bißchen schlecht jenährt

und schwächlich is. Det is janz richtig hier mit det Kind! Will Eid

schwören, daß richtig identisch is.

Direktor Hassenreuter

Ich bin sprachlos. -- (Zu den Schülern.) -- Unser Unterricht steht heute

unter einem feindlichen Stern, werte Jünglinge! Ich weiß nicht wieso,

aber der Irrtum der Damen beschäftigt mich. -- (Zu den Frauen.) -- Sie

werden sich in der Tür geirrt haben.

Frau Kielbacke

Ick ha selbst mit det Freilein und mit den Herrn von die Vormundschaft

det Kindeken aus die Stube mit Schild Frau Mauerpolier John uf'n

Hausflur jeholt. Frau John war nich da und Mauerpolier John ist in

Altona abwesend.

Schutzmann Schierke kommt, behäbig und gemütlich.

Die Ratten: Berliner Tragikomödie · 第 4 / 8 段