... Det sache nochmal, un denn kriste so lange den Schuh um de Ohren,

bis et dir vorkommt, det du 'ne Mutter von Drillinge bist. Nu raus! Un

nu laß dir nich wieder blicken!

Die Piperkarcka

will fort. Rüttelt an der Tür, die aber verschlossen ist.

Hat mir jeschlagen, zu Hilfe, zu Hilfe! Brauche mir nich jefallen zu

lassen! -- (weinend) -- Aufmachen! Hat mir mißhandelt, Frau John!

Frau John

vollkommen umgewandelt, umarmt Pauline, sie so zurückhaltend.

Pauline, um Jottet willen, Pauline! Ick weeß nich, wat in mir jefahren

hat! Sein Se man jut, ick leiste ja Abbitte! Wat soll ick tun? Pauline,

soll ick fußfällig uf de Knie, Pauline, Pauline! Abbitte tun?

Die Piperkarcka

Was haben mir ins Jesicht jeschlagen? Ick jehe zu Wache und zeigen an,

det mir hier ins Jesicht jeschlagen hat. Ick zeigen an, ick gehen zu

Wache.

Frau John

hält ihr Gesicht hin.

Da! hauste mir wieder in't Jesicht! denn is et jut! denn is er

verjlichen.

Die Piperkarcka

Ick jehe zu Wache ...

Frau John

Denn is et verjlichen. Ick sache, Mächen, denn is et, Mächen, sag ick,

akkurat mit de Wage verjlichen! Wat wiste nu, Mächen? Nu jeradezu.

Die Piperkarcka

Wat soll mich nützen, wenn Backe jeschwollen is.

Frau John

haut sich selbst ein Backenstreich.

Da! Meine Backe is och jeschwollen. Mächen, hau zu, und jeniere dir

nich. -- Un denn komm, denn raus, watte uf 'n Herzen hast. Ick will

mittlerweile ... ick koche inzwischen for Sie und for mir, Freilein

Pauline, 'n rechten juten Bohnenkaffee, Jott weeß et, und keene

Zichorientunke.

Die Piperkarcka

weicher.

Warum sin denn auf einmal so niederträchtig und jrob zu mich armes

Mächen, Frau John?

Frau John

Det is et! det mecht ick alleene wissen! Komm Se, Pauline, setzen sich.

So! Scheenecken sag ick! Setzen sich! Scheen, det Se mich ma besuchen

komm! Wat ha ick von meine Mutter deswechen schon for Schmisse jekricht,

ick bin doch aus Brickenberch jebürtig! weil ick mir manchmal ja nich

jekannt habe. Die hat mehr wie eemal zu mich jesacht: Mädel paß uf: du

machst dir ma unglücklich. Det kann och sin, det se recht haben dut. Wie

jeht's, Pauline, wat machen Se denn?

Die Piperkarcka

legt Scheine und Silbergeld, die Handvoll, ohne zu zählen, auf

den Tisch.

Hier is det Jeld: ick brauchen ihm nicht.

Frau John

Ick weeß doch von keenen Jelde, Pauline.

Die Piperkarcka

Oh, werden woll janz jut wissen von Jeld! Et hat mir jebrannt. Et war

mich wie Schlange unter Kopfkissen ...

Frau John

I wo denn ...?

Die Piperkarcka

Is vorjekrochen, wo ick müde bin einjeschlafen. Hat mir jepeinigt, hat

mir umringt! hat mir jequetscht, wo ick habe laut aufjeschrien und meine

Wirtin hat mir jefunden, wo ick fast abjestorben, längelang auf Diele

jelegen bin.

Frau John

Lassen Se det man jut sind, Pauline! -- Trinken Se erst ma 'n kleenen

Schnaps! -- (Sie gießt ihr Kognak ein.) -- Un dann essen Se erst ma 'n

Happen-Pappen: mein Mann hat jestern Jeburtstag jehat.

Sie holt einen Streußelkuchen, von dem sie Streifen schneidet.

Die Piperkarcka

I wo denn, ick mag nich essen, Frau John.

Frau John

Det stärkt, det dut jut, det mussen Se essen! Aber ick muß mir doch

freuen, Pauline, det Se doch wieder mit Ihre jute Natur bei Ihre Kräfte

jekommen sin.

Die Piperkarcka

Nu will ick et aber mal sehn, Frau John.

Frau John

Wat denn, Pauline? Wat woll'n Se denn sehn?

Die Piperkarcka

Hätt' ick laufen jekonnt, wär' ick früher jekomm. Das will jetzt sehn,

warum jekommen bin.

Frau John, deren fast kriechende Freundlichkeiten von angstvoll

bebenden Lippen gekommen sind, erbleicht auf eine unheilverkündende

Weise und schweigt. Sie geht nach dem Küchenschrank, reißt die

Kaffeemühle heraus und schüttet heftig Kaffeebohnen hinein. Sie

setzt sich, quetscht die Kaffeemühle energisch zwischen die Knie,

faßt die Kurbel und starrt mit einem verzehrenden Ausdruck

namenlosen Hasses zur Piperkarcka hinüber.

Frau John

So? -- Ach! -- Wat wißte sehen? -- Wat wißte nu jetzt uf eemal sehn? --

Det, det wat te hast mit deine zwee Hände erwürchen jewollt.

Die Piperkarcka

Ick? --

Frau John

Wißte noch liechen? Ick werde dir anzeigen.

Die Piperkarcka

Nu haben mir aber jenug jequält und bis auf't Blut jemartert, Frau John.

Mir nachjestellt! mir Schritt und Tritt nich Ruhe jelassen. Bis haben

Kind auf Oberboden auf Haufen alter Lumpen zu Welt jebracht. Mich

Hoffnung jemacht, mich schlechten Spitzbubenjungen Angst jemacht. Mich

Karten jelegt von wegen mein Bräutigam un weiterjehetzt, bis bin wie

verrückt jeworden.

Frau John

Det bist du och noch! Jawoll: du bist janz und jar verrückt! Wat, ick

hab dir jequält? Wat hab ick? Ick habe dir aus 'n Rinnstein jelesen! Ick

hab dir jeholt bei Schneejestöber, bei de Normaluhr, wo de hast mit

verzweifelte Ochen -- un wie de hast ausjesehen! -- hintern

Lanternanzünder herjestarrt. Jawoll: denn ha ick dir nachjestellt, det

dir der Schutzmann, det dir der jrüne Wagen, det dir der Deibel nich hat

holen jekonnt! Ick habe dir keene Ruhe jelassen, ick ha dir jemartert,

bis det de nich sollst mit dein Kind unterm Herzen in't Wasser jehn. --

(Äfft ihr nach.) -- Ick jeh im Landwehrkanal, Mutter John! Ick erwürche

det Kind! Ick ersteche det Wurm mit meine Hutnadel! Ick jeh, ick lauf,

wo der Lump von Vater sitzen un Zither spielen dut, mitten in't Lokal,

und schmeiß ihn det tote Kind vor die Fiße. Det haße jesacht, so haste

jesprochen, so jing et den lieben langen Dach, un manchmal de halbe

Nacht noch dazu, bis ick dir hab hier ins Bette jebracht un so lange

jestreichelt, det de bist endlich einjeschlafen un bist mittags um

zwölf, wie die Glocken von alle Kirchen jeläut't haben, an andern Dache

erst wieder ufjewacht. Jawoll, so ha ick dir angst jemacht, wieder

Hoffnung jemacht, so ha ick dir keene Ruhe jelassen! Haste det allens

verjessen! wat?

Die Piperkarcka

Aber et is doch mein Kind, Mutter John ...

Frau John

schreit.

Denn hol et dir aus'n Landwehrkanale!

Sie springt auf, läuft umher und nimmt bald diesen, bald jenen

Gegenstand in die Hand, um ihn sogleich wieder wegzuwerfen.

Die Piperkarcka

Soll ick mein Kind nich ma sehen dürfen?

Frau John

Spring in't Wasser un such et! denn haste et! Weeß Jott, ick halte dir

nu weiter nich.

Die Piperkarcka

Jut! Mejen mich schlajen, mejen mir prügeln, mejen mir schmeißen

Wasserflasche an Kopp: eh' nich weiß wo Kind is, eh' nich haben mit

Augen jesehn, bringen mich keiner und niemand von Stelle fort.

Frau John

einlenkend.

Pauline, ick ha et in Flege jejeben!

Die Piperkarcka

Lieche! Ick hör et doch schmatzen, wo et janz jenau hintern Vorhang is!

-- (Das Kind hinter dem Tapetenverschlag beginnt zu schreien. Die

Piperkarcka eilt auf den Vorhang zu, dabei nicht ohne falsche Note, ein

wenig pathetisch weinerlich rufend): -- Weine nicht, armes, armes

Jungchen, jutes Mutterchen kommen schon!

Frau John

fast von Sinnen, ist vor den Eingang gesprungen, den sie der

Piperkarcka verstellt.

Die Piperkarcka

ohnmächtig wimmernd, mit geballten Fäusten.

Soll mir jetzt zu mein Kinde reinlassen.

Frau John

furchtbar verändert.

Sieh mir ma an, Mächen! Mächen, sieh mir ma in't Jesicht! -- Jlobst du,

det mit eene, die aussieht wie ich ... det mit mir noch zu spaßen is? --

(Die Piperkarcka hat wimmernd Platz genommen.) -- Setz dir! flenne!

wimmere! bis dir, ick weß nich wat ... jammere, bis det dir die Jurjel

verschwollen is! det, wenn de hier rin willst -- denn bist du tot oder

ick bin tot -- un denn is och det Jungchen nich mehr am Leben!

Die Piperkarcka

erhebt sich entschlossen.

Denn jeben acht, was jeschehen, Frau John.

Frau John

wiederum einlenkend.

Pauline, die Sache is zwischen uns richtig un abjemacht. Wat wollen Se

sich mit det Kindchen behängen, wo jetzt mein Kindeken und in beste

Hände jeborjen is? Wat wollen Se denn mit det Kindeken ufstellen? Jehn

Se zu Ihren Breitijan! da sollen Se woll mit den Besseres zu tun haben

als Kinderjeschrei, Kindersorchen und Kimmernis.

Die Piperkarcka

Erst recht! Nu jerade! Nu muß er mir heiraten! -- Haben alle ... hat

Frau Kielbacke, als ick mir mussen haben behandeln lassen, zu mich

jesacht. Soll nich nachjeben! Muß mir heiraten. Auch Standesbeamte gab

mich Rat. Hat jesacht, janz wütend, als ick haben erzählt, wohin

jekrochen un habe Kind auf Dachboden Welt jebracht ... schreit janz

wütend: ick muß nich nachlassen. Hat jesacht: arme jeschundene Kreatur

zu mich, Tasche jejriffen, Taler zwei Jroschen Jeld jeschenkt. Jut!

lasse mir weiter nich ein, Frau John. Adje! Bin bloß jekommen, sowieso,

daß morjen nachmittag fünf zu Hause sind. Warum? weil morjen

einjesetzter Pfleger von Jemeinde nachsehn kommt. Ick werde mir weiter

hier noch rumärgern.

Frau John

starr, entgeistert.

Wat? du hast et jemeld uf't Standesamt?

Die Piperkarcka

Etwa nich? Ick soll woll Jefängnis komm?

Frau John

Wat hast du jemeldet beim Standesbeamten?

Die Piperkarcka

Sonst janischt, als det mit Knaben niederjekommen bin. Ick hab mir

jeschämt, o Jott! bin über un über rot jeworden! Mir is, ick sink jleich

in de Erde rin.

Frau John

So! -- Wenn de dir so jeschämt hast, Mächen, warum haste's denn aber

anjezeigt?

Die Piperkarcka

Weil mich meine Wirtin und och Frau Kielbacke, wo mich hinjeführt hat,

mich partout nich Ruhe jejeben.

Frau John

So! -- Denn wissen se't also uf't Standesamt?

Die Piperkarcka

Na ja, det mussen se wissen, Frau John.

Frau John

... Aber ha ick dir dat nich einjeschärft ...? ...

Die Piperkarcka

Det muß man melden! Soll ick denn abjeführt Untersuchung und Plötzensee

gesteckt?

Frau John

Ick ha doch jesacht: ick jeh et anmelden.

Die Piperkarcka

Habe jleich bei Standesbeamte jefracht. Is keene jekommen hat anjemeldt.

Frau John

Un wat haste nu also anjejeben?

Die Piperkarcka

Daß Aloisius Theophil heißen soll un daß bei Sie, Frau John, in Pflege

is.

Frau John

Un morjen will eener nachsehn komm?

Die Piperkarcka

Det is een Herr von de Vormundschaft. Was is denn weiter? Nun sin doch

ruhig un sin vernünftig. Haben mich wirklich vorher Schrecken in alle

Jlieder jejagt.

Frau John

abwesend.

Nu freilich: det is nu nich mehr zu ändern. Det is ja nu och in

Jottesnamen nu jroß weiter nischt.

Die Piperkarcka

Gelt, un kann nu mein Kindchen auch sehn, Frau John.

Frau John

Heute nich! Morjen, morjen, Pauline.

Die Piperkarcka

Warum nich heut?

Frau John

Weil det det Beschreien nich jut dut, Pauline! Also morjen, um Uhre

fünfen nachmittag?

Die Piperkarcka

Steht jeschrieben, sagt mir Wirtin, daß Herr von die Stadt, Uhren fünfen

morjen nachsehn kommt.

Frau John

indem sie die Piperkarcka hinausschiebt und selbst mit hinausgeht,

im Tone der Abwesenheit.

Jut so. Laß er man kommen, Mächen.

Frau John ist einen Augenblick auf den Flur hinausgetreten und kommt

ohne die Piperkarcka wieder herein. Sie ist seltsam verändert und

geistesabwesend. Sie tut einige hastige Schritte gegen die

Verschlagstür, steht jedoch plötzlich wieder still mit einem

Gesichtsausdruck vergeblichen Nachsinnens. Dieses Grübeln

unterbricht sie, heftig gegen das Fenster zu eilend. Hier wendet sie

sich und wieder erscheint der hilflose Ausdruck schwerer

Bewußtlosigkeit. Langsam, wie eine Nachtwandlerin, tritt sie an den

Tisch und läßt sich daran nieder, das Kinn in die Hand stützend. Nun

erscheint Selma Knobbe in der Tür.

Selma

Mutter schläft, Frau John. Ick ha solchen Hunger. Kann ick 'n Happen

Brot kriejen?

Frau John erhebt sich mechanisch und schneidet ein Stück von einem

Laib Brot, wie unter dem Einfluß einer Suggestion.

Selma

der die Verfassung der Frau auffällt.

Ick bin's! -- Wat is denn? -- Schneiden sich man bloß nich etwa mit

Brotmesser.

Frau John

mit trockenem Röcheln, das sie mehr und mehr überwältigt, indem

sie Brot und Brotmesser willenlos auf den Tisch gleiten läßt.

Angst! -- Sorje! -- Da wißt Ihr nischt von!

Sie zittert und sucht einen Halt, um nicht umzusinken.

Dritter Akt

Alles wie im ersten Akt. Die Lampe brennt. Auf dem Gange schwaches

Ampellicht.

Direktor Hassenreuter gibt seinen drei Schülern, Spitta, Dr. Kegel

und Käferstein, dramatischen Unterricht. Er selbst sitzt am Tisch,

öffnet fortgesetzt Briefe und schlägt skandierend mit dem Falzbein

auf den Tisch. Vorn stehen auf der einen Seite Kegel und Käferstein,

auf der anderen Spitta einander als beide Chöre der Braut von

Messina gegenüber. Ihre Füße befinden sich innerhalb eines Schemas

aufgestellt, das mit Kreide auf den Fußboden gezeichnet ist und

diesen in die vierundsechzig Felder des Schachbretts einteilt. Auf

dem Kontorbock am Stehpult sitzt Walburga, in ein großes Kontobuch

eintragend. Im Hintergrund, wartend, steht der Vizewirt oder

Hausmeister Quaquaro, ein vierzigjähriger, vierschrötiger Mensch,

der Inhaber eines wandernden Zirkus und, als Athlet, Hauptmitglied

desselben sein könnte. Seine Sprache ist tenorhaft guttural. Er

trägt Schlafschuhe. Die Beinkleider durch einen gestickten Gürtel

gehalten. Ein offenes Hemd, nicht unsauber, ein leichtes Jackett und

die Mütze in der Hand.

Dr. Kegel und Käferstein

mit gewaltiger Pathetik.

»Dich begrüß ich in Ehrfurcht,

Prangende Halle,

Dich, meiner Herrscher

Fürstliche Wiege,

Säulengetragenes herrliches Dach.

Tief in der Scheide« ...

Direktor Hassenreuter

schreit wütend.

Pause! Punkt! Punkt! Pause! Punkt! Sie drehen doch keinen Leierkasten!

Der Chor aus der Braut von Messina ist doch kein Leierkastenstück! »Dich

begrüß ich in Ehrfurcht« nochmal von Anfang an, meine Herren! »Dich

begrüß ich in Ehrfurcht, prangende Halle!« Etwa so, meine Herren! »Tief

in der Scheide ruhe das Schwert.« Punktum! »Herrliches Dach« wollt' ich

sagen: punktum! Meinethalben fahren Sie fort.

Dr. Kegel und Käferstein

»Tief in der Scheide

Ruhe das Schwert,

Vor den Toren gefesselt

Liege des Streits schlangenhaarigtes Scheusal.

Denn ...

Direktor Hassenreuter

wie vorher.

Halt! Wissen Sie nicht, was ein Punkt bedeutet, meine Herren? Haben Sie

denn keine Elementarkenntnisse? »Schlangenhaarigtes Scheusal.« Punkt!

Denken Sie sich einen Pfahl eingerammt: halt! Punkt! Alles ist

totenstille! als wenn Sie gar nicht mehr in der Welt wären, Käferstein!

Und dann raus mit der Posaunenstimme aus der Brust! Halt! Um Gottes

willen nicht lispeln! -- »Denn ...« weiter! los!

Dr. Kegel und Käferstein

»Denn des gastlichen Hauses

Unverletzliche Schwelle

Hütet der Eid, der Erinnyen Sohn ...«

Direktor Hassenreuter

springt auf, brüllt, läuft umher.

Eid, Eid, Eid, Eid!! Halt! Wissen Sie nicht, was ein Eid ist,

Käferstein? »Hütet der Eid!! -- der Erinnyen Sohn.« Der Eid ist der

Erinnyen Sohn, Dr. Kegel! Stimme heben! Tot! Das Publikum, bis zum

letzten Logenschließer, ist eine einzige Gänsehaut! Schauer durchrieselt

alle Gebeine! Passen Sie auf: »Denn des Hauses Schwelle hütet der Eid!!!

-- der Erinnyen Sohn, der furchtbarste unter den Göttern der Hölle!« --

-- Nicht wiederholen, weiter im Text! Sie können sich aber jedenfalls

merken, daß ein Eid und ein Münchner Bierrettich zwei verschiedene Dinge

sind.

Spitta

deklamiert.

»Zürnend ergrimmt mir das Herz im Busen ...«

Direktor Hassenreuter

Halt! -- (Er läuft zu Spitta und biegt an seinen Armen und Beinen herum,

um eine gewünschte tragische Pose zu erzielen.) -- Erstlich fehlt die

statuarische Haltung, mein lieber Spitta. Die Würde einer tragischen

Person ist bei Ihnen auf keine Weise ausgedrückt. Dann sind Sie nicht,

wie ich ausdrücklich verlangt habe, von Feld I D mit dem rechten Fuß auf

II C getreten! Endlich wartet Herr Quaquaro: unterbrechen wir einen

Augenblick! -- (Er wendet sich an Quaquaro.) -- So, jetzt steh' ich zu

Diensten, Herr Vizewirt! das heißt, ich habe Sie bitten lassen, weil mir

leider, wie sich bei der Inventur herausstellt, mehrere Kisten mit

Kostümen abhanden gekommen, mit andern Worten gestohlen sind. Bevor ich

nun meine Anzeige mache, wozu ich natürlich entschlossen bin, wollte ich

erst mal Ihren Rat hören. Um so mehr, da sich auch sonst noch etwas, wie

soll ich sagen, eine sonderbare Bescherung, statt der verlornen

Kleiderkisten, in einem Winkel des Bodens angefunden hat: ein Fund, um

Virchow zu benachrichtigen. Erstlich ein blaukariertes Plumeau, wahrhaft

prähistorisch, und eine unaussprechliche Scherbe, deren Bestimmung im

ganzen harmlos, aber ebenfalls unaussprechlich ist.

Quaquaro

Herr Direkter, ick kann ja ma oben steigen.

Direktor Hassenreuter

Tun Sie das. Sie finden oben Frau John, die durch den Fund eigentlich

noch mehr wie ich selbst beunruhigt ist. Diese drei Herren, die meine

Schüler sind, lassen es sich partout nicht ausreden, daß da oben etwas

wie eine Mordgeschichte vorgefallen ist. Aber bitte: wir wollen keinen

Skandal schlagen.

Käferstein

Wenn bei meiner Mutter in Schneidemühl im Laden irgend etwas abhanden

kam, hieß es immer, das hätten die Ratten gefressen. Und wirklich, was

man in diesem Hause von Ratten und Mäusen sieht -- auf der Treppe hätt'

ich beinahe eine totgetreten! -- warum sollten Kisten und

Theatergarderobe, Seide schmeckt süß! nicht ebenfalls von ihnen vertilgt

worden sein?

Direktor Hassenreuter

Geschenkt, geschenkt! Alle weiteren Schnittwarenladen-Phantasien, ha ha

ha ha! sind Ihnen geschenkt, bester Käferstein. Es fehlt nur noch, daß

Sie uns Ihre Gespenstergeschichten nochmals auftischen, vom

Kavalleristen Sorgenfrei, der sich nach Ihrer Behauptung seinerzeit, als

das Haus noch Reiterkaserne war, mit Sporen und Schleppsäbel auf meinem

Boden erhangen hat. Und daß Sie den noch in Verdacht nehmen.

Käferstein

Sie können den Nagel noch sehn, Herr Direktor.

Quaquaro

Det wird in janzen Hause rum erzählt von den Soldat, namens Sorjenfrei,

der sich irgendwo hier oben in Dachstuhl mit 'ne Schlinge jeendigt hat.

Käferstein

Die Tischlersfrau auf dem Hof und eine Mäntelnäherin aus dem zweiten

Stock haben ihn wiederholt bei hellichtem Tage aus dem Dachfenster

nicken und militärisch stramm heruntergrüßen gesehn.

Quaquaro

Een Unteroffizier hat dem Soldaten Sorjenfrei ja woll eene Dunstkiepe

jenannt und 'n aus Feez eene 'rinjelangt. Det hat sich der Dämlack zu

Herzen jenomm.

Direktor Hassenreuter

Ha ha ha! Militärmißhandlungen und Geistergeschichten! Diese Verquickung

ist originell, aber zur Sache gehört sie nicht. Ich nehme an, der

Diebstahl oder was sonst in Frage kommt, ist während jener elf oder

zwölf Tage vor sich gegangen, als ich in Geschäften im Elsaß gewesen

bin. Also sehen Sie sich die Geschichte mal an und, bitte, Sie werden

mir nachher Bescheid sagen!

Der Direktor wendet sich seinen Schülern zu. Quaquaro steigt über

die Bodentreppe und verschwindet in der Bodenluke.

Direktor Hassenreuter

Allright, bester Spitta: schießen Sie los.

Spitta

rezitiert nur sinngemäß und ohne Pathos.

»Zürnend ergrimmt mir das Herz im Busen,

Zu dem Kampf ist die Faust geballt,

Denn ich sehe das Haupt der Medusen,

Meines Feindes verhaßte Gestalt.

Kaum gebiet' ich dem kochenden Blute

Gönn' ich ihm die Ehre des Worts?

Oder gehorch' ich dem zürnenden Mute?

Aber mich schreckt die Eumenide,

Die Beschirmerin dieses Orts,

Und der waltende Gottesfriede.«

Direktor Hassenreuter

hat sich niedergelassen und lauscht, den Kopf in die Hand

gestützt, voll Ergebenheit. Erst einige Sekunden, nachdem Spitta

geendet hat, blickt er wie zu sich kommend auf.

Sind Sie fertig, Spitta?! -- Ich danke sehr! --

Sehen Sie, lieber Spitta, ich bin nun Ihnen gegenüber wieder mal in die

allerverzwickteste Lage geraten: entweder, ich sage Ihnen frech ins

Gesicht, daß ich Ihre Vortragsart schön finde -- und dann habe ich mich

der allerniederträchtigsten Lüge schuldig gemacht! oder ich sage, ich

finde sie scheußlich, und dann haben wir wieder den schönsten Krach.

Spitta

erbleichend.

Ja, alles Gestelzte, alles Rhetorische liegt mir nicht. Deshalb bin ich

ja von der Theologie abgesprungen, weil mir der Predigerton zuwider ist.

Direktor Hassenreuter

Da wollen Sie wohl die tragischen Chöre wie der Gerichtsschreiber ein

Gerichtsprotokoll oder wie der Kellner die Speisekarte herunterhaspeln?

Spitta

Ich liebe überhaupt den ganzen sonoren Bombast der Braut von Messina

nicht.

Direktor Hassenreuter

Sagen Sie das nochmal, lieber Spitta.

Spitta

Es ist nicht zu ändern, Herr Direktor: unsre Begriffe von dramatischer

Kunst divergieren in mancher Beziehung total.

Direktor Hassenreuter

Mensch, Ihr Gesicht in diesem Augenblick ist ja geradezu ein Monogramm

des Größenwahns und der Dreistigkeit. Pardon! aber jetzt sind Sie mein

Schüler und nicht mehr mein Hauslehrer! Ich! und Sie!? Sie blutiger

Anfänger! Sie und Schiller! Friedrich Schiller! Ich habe Ihnen schon

zehnmal gesagt, daß Ihr pueriles bißchen Kunstanschauung nichts weiter

als eine Paraphrase des Willens zum Blödsinn ist.

Spitta

Das müßte mir erst bewiesen werden.

Direktor Hassenreuter

Sie beweisen es selbst, wenn Sie den Mund auftun! -- Sie leugnen die

Kunst des Sprechens, das Organ, und wollen die Kunst des organlosen

Quäkens dafür einsetzen! Sie leugnen die Handlung im Drama und

behaupten, daß sie ein wertloses Akzidenz, eine Sache für Gründlinge

ist. Sie negieren die poetische Gerechtigkeit, Schuld und Sühne, die Sie

als pöbelhafte Erfindung bezeichnen: eine Tatsache, wodurch die

sittliche Weltordnung durch Euer Hochwohlgeboren gelehrten und

verkehrten Verstand aufgehoben ist. Von den Höhen der Menschheit wissen

Sie nichts. Sie haben neulich behauptet, daß unter Umständen ein Barbier

oder eine Reinmachefrau aus der Mulackstraße ebensogut ein Objekt der

Tragödie sein könnte als Lady Macbeth und König Lear.

Spitta

bleich, putzt seine Brille.

Vor der Kunst wie vor dem Gesetz sind alle Menschen gleich, Herr

Direktor.

Direktor Hassenreuter

So? Ach!? Wo haben Sie diesen hübschen Gemeinplatz her?

Spitta

unbeirrt.

Dieser Satz ist mir zur zweiten Natur geworden. Ich befinde mich dabei

vielleicht mit Schiller und Gustav Freytag, aber keinesfalls mit Lessing

und Diderot im Gegensatz. Ich habe die letzten zwei Semester mit dem

Studium dieser wahrhaft großen Dramaturgen zugebracht, und der gestelzte

französische Pseudoklassizismus bleibt mir durch sie endgültig

totgeschlagen, sowohl in der Dichtkunst als in den grenzenlos läppischen

späteren Goetheschen Schauspielervorschriften, die durch und durch

mumifizierter Unsinn sind.

Direktor Hassenreuter

So!

Spitta

Und wenn sich das deutsche Theater erholen will, so muß es auf den

jungen Schiller, den jungen Goethe des Götz und immer wieder auf

Gotthold Ephraim Lessing zurückgreifen: dort stehen Sätze, die der Fülle

der Kunst und dem Reichtum des Lebens angepaßt, die der Natur gewachsen

sind.

Direktor Hassenreuter

Walburga! Ich glaube, Herr Spitta verwechselt mich. Herr Spitta, Sie

wollen Privatstunden halten. Bitte, zieh dich doch mit Herrn Spitta zur

Privatstunde in die Bibliothek zurück! -- Wenn die menschliche Arroganz

und besonders die der jungen Leute kristallisiert werden könnte, die

Menschheit würde darunter wie eine Ameise unter den Granitmassen eines

Urgebirges begraben sein.

Spitta

Ich würde dadurch aber nicht widerlegt werden.

Direktor Hassenreuter

Mensch! Ich habe nicht nur zwei Semester königliche Bibliothek hinter

mir, sondern ich bin ein ergrauter Praktiker und ich sage Ihnen, daß der

Goethesche Schauspielerkatechismus A und O meiner künstlerischen

Überzeugung ist. Paßt Ihnen das nicht, so suchen Sie sich einen anderen

Lehrmeister.

Spitta

unbeirrt.

Goethe setzte sich mit seinen senilen Schauspielerregeln, meiner Ansicht

nach, zu sich selbst und zu seiner eigenen Natur in kleinlichsten

Gegensatz. Und was soll man sagen, wenn er dekretiert: jede spielende

Person, gleichviel welchen Charakter sie darstellen soll -- wörtlich! --

müsse etwas Menschenfresserartiges in der Physiognomie zeigen --

wörtlich! -- wodurch man sogleich an ein hohes Trauerspiel erinnert

werde. --

Käferstein und Kegel versuchen Menschenfresserphysiognomien.

Direktor Hassenreuter

Ziehen Sie doch das Notizbuch, mein guter Spitta, und schreiben Sie,

bitte, hinein, daß Direktor Hassenreuter ein Esel ist! Schiller ein

Esel! Goethe ein Esel! natürlich auch Aristoteles -- (er fängt plötzlich

wie toll zu lachen an) -- und, ha ha ha! ein gewisser Spitta ein

Nachtwächter!

Spitta

Es freut mich, Herr Direktor, daß Sie doch wenigstens wieder bei guter

Laune sind.

Direktor Hassenreuter

Die Ratten: Berliner Tragikomödie · 第 3 / 8 段