Ick ha dir jesacht, Selma, du kannst immer komm, ma Milch un ma Brot

holen. Aber wo hier mein Adelbertchen womechlich mit Auszehrung oder

derjleichen anfliejen dut, laß du det arme Wurm drieben bei seine feine

Mama drieben.

Selma

weinerlich.

Mutter is jestern und heut nich zu Hause jekomm. Ick kann nachts nich

schlafen mit det Kind. Helfjottchen quarrt de janze Nacht iber. Ick muß

doch ma schlafen. Ick spring zum Fenster 'raus, oder ick laß

Helfjottchen mitten uf de Straße und nehme Reißaus, det mir keen

Polizist nich mehr finden kann.

John

betrachtet das fremde Kind.

Sieht bese aus! Mutter nimm dich ma mit det Häufchen Unglick 'n bißken

an.

Frau John

resolut, drängt Selma mit dem Kinderwagen hinaus.

Marsch, fort aus der Stube. Det jeht nich, Paul. Wer Eegnet hat, kann

sich mit Fremde nich abjeben. Soll de Knobben sehn, wo se bleiben dut.

Wat anders is Selma! Du kannst immer rieber komm. Du kannst dir hier och

hernach 'n bißken uf's Ohr lechen.

Selma mit dem Kinderwagen ab. Frau John verschließt die Tür hinter

ihr.

John

Hast dir doch frieher mit die Knobbeschen Rotznäsen immer bekümmert!

Frau John

Det vastehste nich. Det sich Adelbertchen womechlich mit schlimme Ochen

un Krämpfe von een andret anstecken dut.

John

Det mag sind. Bloß nenn ihm nich Adelbertchen, Mutter. Det dut nich jut,

'n Kind 'n selbichten Namen zu jeben, wie een andret, det mit acht

Dache, unjedoft, mit Dot abjejang'n is. Det laß man! davon ha' ick

Manschetten, Mutter.

Es wird an die Tür geklopft. John will öffnen.

Frau John

Wat denn?

John

Na, Jette, 't will eener rin.

Frau John

dreht hastig den Schlüssel herum.

Ick wer' mir woll, wo ick marode bin, von alle Welt ieberlofen lassen.

-- (Sie horcht und ruft dann): -- Ick kann nich ufmachen: wat wollen Se

denn?

Eine Frauenstimme

aber tief und männlich.

Ich bin Frau Direktor Hassenreuter.

Frau John

überrascht.

Ach Jott nee! -- (Sie öffnet die Tür.) -- Nehm Se 't nich iebel, Frau

Direkter! Ick ha ja nich ma jewußt, wer 't is.

Frau Direktor Hassenreuter ist nun, gefolgt von Walburga,

eingetreten. Sie ist eine kolossale, asthmatische Dame, älter als

fünfzig. Walburga ist ein wenig unscheinbarer gekleidet als im

ersten Akt. Sie trägt ein ziemlich umfangreiches Paket.

Frau Direktor Hassenreuter

Guten Tag, Frau John! Ich wollte doch nun -- obgleich mir das

Treppensteigen schwer wird ... wollte doch nun mal sehen, wie's nach dem

frohen Ereignis ... ja ... Ereignis mit Ihnen beschaffen ist.

Frau John

Et jeht mir, Jott sei Dank, wieder so hallweche, Frau Direkter.

Frau Direktor Hassenreuter

-- Das ist doch wahrscheinlich Ihr Mann, Frau John? Das muß man sagen

... muß man sagen -- daß Ihre liebe Frau -- sich in der langen Wartezeit

niemals beklagt und immer ... immer fröhlich und guter Dinge -- ihre

Arbeit oben bei meinem Mann im Theatermagazin verrichtet hat.

John

Det is och. Se hat ihr mächtig jefreit, Frau Direkter.

Frau Direktor Hassenreuter

Nun, da wird man wohl auch ... da wird Ihre Frau wohl die Freude haben

-- Sie öfters ... öfters als wie bisher -- zu Hause zu sehn.

Frau John

Ick ha'n juten Mann, Frau Direkter, wo sorjen dut und solide is. Und

deshalb, weil Paul auswärts uf Arbeet jeht, denn hat er mir längst nich

sitzen lassen. Aber for so 'n Mann, wo 'n Bruder schon 'n Jungen von

zwölf in de Unteroffiziersschule hat ... det is och keen Leben, ohne

Kinder! denn kricht er Jedanken! denn macht er in Hamburg schenet Jeld!

denn is alle Dache Jelejenheet, un denn will er fort nach Amerika

auswandern.

John

I, Jette, det war ja man bloß so 'n Jedanke.

Frau John

Sehn Se, det is mit uns kleene Leite ... det is 'n sauer verdientes

Durchkommen, wo unsereens hat, aber jedennoch ... -- (Sie fährt John

schnell mit der Hand durchs Haar.) -- Wenn och eener mehr is un Sorchen

mehr sin -- sehn Se, det Wasser läuft ihm de Backen runter! -- denn

freut er sich.

John

Det is, wir haben schon vor drei Jahre 'n Jungchen jehabt, und det is

mit acht Dache einjejang.

Frau Direktor Hassenreuter

Das hat mir mein Mann ... mein Mann bereits ... hat mir mein Mann

bereits gesagt -- wie sehr Sie sich -- um den Sohn gegrämt haben. Sie

wissen ja ... wissen ja, wie mein braver Mann -- Aug' und Herz ... Herz

und Auge für alles hat. Und wenn es sich gar ... gar um Leute handelt --

die um ihn sind und ihm Dienste leisten -- da ist alles Gute ... und

Schlimme ... alles Gute und Schlimme ... was ihnen zustößt ... zustößt,

so, als wär' es ihm selbst passiert.

Frau John

klopft John auf die Schulter.

Ick seh ihm noch, wie er mit det kleene Kindersärgiken uf beede Knie

dazumal in Kinderleichenwachen jesessen hat. Det durfte d'r Dotenjräber

nich anrihren.

John

wischt sich Wasser aus den Augen.

Det war och so. Det jing och nich.

Frau Direktor Hassenreuter

Denken Sie ... denken Sie, heute mittag bei Tisch -- mußten wir ...

mußten wir plötzlich Wein trinken. Wein! wo Leitungswasser in den

letzten Jahren ... Karaffen mit Leitungswasser -- unser einziges ...

einziges Getränk bei Tische ist. Liebe Kinder, sagte mein Mann. -- Er

ist, wie Sie wissen, elf oder zwölf Tage in den Elsaß verreist gewesen!

... Also ich trinke, sagte mein Mann, auf meine gute, brave Frau John,

weil ... rief er mit seiner schönen Stimme! ... weil sie ein sichtbares

Zeichen dafür ist, daß unserem Herrgott ... Herrgott der Schrei eines

Mutterherzens nicht gleichgültig ist. -- Und da haben wir auf Sie

angestoßen! -- So! -- und nun bringe ich ... bringe ich Ihnen hier im

ganz besonderen ... ganz besonderen Auftrage meines Mannes einen

sogenannten Soxhlet-Kinder-Milchapparat. -- Walburga, du magst den

Kessel mal auspacken.

Direktor Hassenreuter tritt ohne Umstände durch die nur angelehnte

Flurtür herein. Er trägt Zylinder, Sommerpaletot, Handschuhe,

spanisches Rohr mit Silbergriff, im ganzen die etwas abgeschabte

Garnitur des Wochentags. Er spricht hastig und fast ohne Pausen.

Direktor Hassenreuter

sich den Schweiß von der Stirn wischend.

Heiß! Berlin macht heiß, meine Herrschaften! In Petersburg ist die

Cholera! Sie haben meinen Schülern Spitta und Käferstein gegenüber

geklagt, daß Ihr Kindchen nicht zunehmen will, Frau John. Eigentlich ist

es ja ein Verfallssymptom unserer Zeit, daß die meisten Mütter ihre

Kinder selber zu nähren nicht mehr fähig oder nicht willens sind. Sie

haben schon einmal einen Jungen am Brechdurchfall eingebüßt, Mutter

John. Hilft alles nichts: wir müssen hier deutsch reden! Damit Sie nun

diesmal nicht wieder Pech haben und nicht etwa gar in die Scheren von

allerlei alten Basen fallen, deren gute Ratschläge meistens für

Säuglinge tödlich sind, hat Ihnen meine Frau auf meine Veranlassung

diesen Milchkochapparat mitgebracht. Ich habe damit meine ganze kleine

Gesellschaft, auch die Walburga, großgezogen ... Sapristi! da sieht man

ja auch mal wieder den Herrn John! Bravo! der Kaiser braucht Soldaten!

und Sie hatten einen Stammhalter nötig, Herr John! Gratuliere Ihnen von

ganzem Herzen.

Er schüttelt John kräftig die Hand.

Frau Direktor Hassenreuter

am Kinderwagen.

Wieviel ... wieviel hat es gewogen bei der Geburt?

Frau John

Et hat jenau acht Pfund und zehn Jramm jewogen.

Direktor Hassenreuter

jovial, laut und lärmig.

Ha ha ha, strammes Produkt! Acht Pfund zehn Gramm frisches

deutschnationales Menschenfleisch.

Frau Direktor Hassenreuter

Die Augen! das Näschen! der ganze Vater! -- Das Kerlchen ist Ihnen

wirklich ... wirklich wie aus dem Gesicht geschnitten, Herr John.

Direktor Hassenreuter

Sie werden den Bengel doch hoffentlich in die Gemeinschaft der

christlichen Kirche aufnehmen lassen.

Frau John

glücklich und gewichtig.

Det wird richtig in de Parochialkirche, richtig am Taufstein, richtig

von Jeistlichen wird et jetauft.

Direktor Hassenreuter

Sessa! Und welche sind seine Taufnamen?

Frau John

Det hat natierlich, wie Männer nu eemal sind, 'n langet Jerede

abjesetzt. Ick dachte »Bruno«! Det will er nich.

Direktor Hassenreuter

Aber Bruno ist doch kein übler Name.

John

Det mag immer sind, det Bruno weiter keen iebler Name is. Da will ick

mir weiter drieber nich ausdricken.

Frau John

Wat sachste nich, det ick 'n Bruder habe, wo Bruno heest und wo zwölf

Jahre jinger is: und jeht manchmal 'n bißken uf leichte Weche. Det is

bloß de Verführung! Der Junge is jut! Det jloobste nich!

John

bekommt einen roten Kopf.

Jette ... Du weeßt, wat det mit Brunon for 'n Kreuz jewesen is! -- Wat

wiste?! Soll unser Jungeken so 'n Patron krichen? -- Et is 'n Patron!

Aber eener, ick kann et nich ändern ... eener, wo unter polizeiliche

Ufsicht is.

Direktor Hassenreuter

lachend.

Um's Himmels willen, dann suchen Sie ihm einen anderen Patron!

John

Jott soll mir bewahren ... ick ha mir bei Brunon anjenommen, in de

Maschinschlosserei Stellung verschafft, nischt davon jehat, als Ärjer un

Schande! Jott soll bewahren, det er womeglich kommt un mein Jungeken

anfassen dut! -- (Er krampft die Faust.) -- denn Jette ... denn kennt

ick nich for mir jut sachen.

Frau John

Immerzu doch, Paul. Bruno kommt ja nich! -- So viel kann ick dir aber

jewißlich sachen, det mein Bruder mich in die schweren Stunden redlich

beiseite jewesen is.

John

Warum haste mir nich lassen kommen, Jette?

Frau John

So 'n Mann, wo Angst hat, mocht ick nich.

Direktor Hassenreuter

Sind Sie nicht Bismarckverehrer, John?

John

kratzt sich hinter den Ohren.

Det kann ick nu so jenau nich sachen: aber, wat meine Jenossen in't

Mauerjewerbe sind, die sind et nich.

Direktor Hassenreuter

Dann habt Ihr kein deutsches Herz im Leibe! Ich habe meinen ältesten

Sohn, der bei der Kaiserlichen Marine ist, Otto genannt! Und glauben Sie

mir, -- (er weist auf das Kindchen) -- diese neue künftige Generation

wird wissen, was sie dem Schmiede der deutschen Einheit, dem gewaltigen

Heros, schuldig ist. -- (Er nimmt den Blechkessel des Milchapparates,

den Walburga ausgepackt hat, in die Hände und hebt ihn hoch.) -- Also,

die ganze Geschichte mit diesem Milchapparat ist kinderleicht: das ganze

Gestell mit sämtlichen Flaschen -- jede Flasche zunächst ein Drittel mit

Milch und zwei Drittel mit Wasser gefüllt! -- wird in diesen Kessel mit

kochendem Wasser gestellt. Auf diese Weise, wenn man das Wasser im

Kessel anderthalb Stunde lang auf dem Siedegrade hält, wird der Inhalt

der Flaschen keimfrei gemacht: die Chemiker nennen das sterilisieren.

John

Jette, bei de Frau Mauermeester ihre Milch, womit sie die Zwillinge

ufziehen dut, wird et och sterilililililisiert.

Die Schüler des Direktors Hassenreuter, Käferstein und Dr. Kegel,

zwei junge Leute im Alter zwischen zwanzig und fünfundzwanzig, haben

angeklopft und die Tür geöffnet.

Direktor Hassenreuter

der seine Schüler bemerkt hat.

Geduld, meine Herren, ich komme gleich. Ich arbeite hier einstweilen

noch im Fache der Säuglingsernährung und Kinderfürsorge.

Käferstein

ausgesprochener Kopf, große Nase, bleich, ernster Gesichtsausdruck,

bartlos, ein immer schalkhafter Zug um den Mund. Mit

Grabesstimme, weich, zurückhaltend.

Wir sind nämlich die drei Könige aus dem Morgenlande.

Direktor Hassenreuter

der noch immer den Milchkochapparat hoch in den Händen hält.

Was sind Sie?

Käferstein

wie vorher.

Wir wollen das Kindelein grüßen.

Direktor Hassenreuter

Ha ha ha ha! Wenn Sie schon Könige aus dem Morgenlande sind, meine

Herren, dann fehlt doch, soweit ich sehn kann, der dritte.

Käferstein

Der dritte ist unser neuer Mitschüler auf dem Felde dramaturgischer

Tätigkeit, Kandidat der Theologie Erich Spitta, der durch einen

gesellschaftspsychologischen Zwischenfall einstweilen noch Ecke Blumen-

und Wallnertheaterstraße festgehalten ist.

Dr. Kegel

Wir machten uns eiligst aus dem Staube.

Direktor Hassenreuter

Sehen Sie, es steht ein Stern über Ihrem Hause, Frau John! -- Aber sagen

Sie mal, hat sich etwa unser braver Kurpfuscher Spitta wieder mal

öffentlich an die Heilung sogenannter sozialer Schäden gemacht? Ha ha ha

ha! _Semper idem!_ das ist ja ein wahres Kreuz mit dem Menschen.

Käferstein

Es war ein Auflauf, und da hat er wohl, wie es scheint, in der

Volksmenge eine Freundin wieder erkannt.

Direktor Hassenreuter

Meiner unmaßgeblichen Meinung nach würde der junge Spitta viel besser

zum Sanitätsgehilfen oder zum Heilsarmeeoffizier geeignet sein. Aber so

ist es: der Mensch wird Schauspieler.

Frau Direktor Hassenreuter

Der Lehrer der Kinder, Herr Spitta, wird Schauspieler?

Direktor Hassenreuter

Wenn du erlaubst, Mama, hat er mir die Eröffnung gemacht. -- Aber nun,

wenn Sie Weihrauch und Myrrhen bringen, packen Sie aus, lieber

Käferstein. Sie sehen, Ihr Direktor ist vielseitig. Bald verhelfe ich

meinen Schülern, die ihr nach dem Inhalt der Brüste der Musen durstig

seid, zu geistiger Nahrung, _nutrimentum spiritus!_ bald ...

Käferstein

klappert mit einer Sparkasse.

Nun, ich stelle also das Ding, es ist eine feuersichere Sparkasse, hier

neben die Equipage des jungen Herrn Maurerpolier, mit dem Wunsche, daß

er es mindestens mal bis zum Regierungsbaumeister bringen möge.

John

hat Schnapsgläschen auf den Tisch gestellt, nimmt und entkorkt

eine unangebrochene Likörflasche.

Na, nu muß ick det Danziger Joldwasser ufmachen.

Direktor Hassenreuter

Wer da hat, Sie sehen, dem wird gegeben, Frau John.

John

während er eingießt.

Det is nich jesacht, det for Mauerpolier John sein Kind nich jesorcht

wäre, meine Herrn! Aber ick rechen et mir an, meine Herrn. -- (Frau

Direktor und Walburga ausgenommen, ergreifen alle die Gläser.) --

Wohlsein! -- Mutter, nu komm, wir wolln och ma anstoßen.

Es geschieht, sie trinken.

Direktor Hassenreuter

im Ton der Rüge.

Mama, du mußt selbstverständlich mittrinken.

John

nachdem er getrunken hat, aufgeräumt.

Ick jeh nu och nich mehr nach Hamburg hin. D'r Meester mag ma 'n andern

hinschicken. Ick zerjle mir schonn mit 'n Meester deswechen drei Dache

rum. Ick muß mir nu wieder jleich mein Hut nehmen, hat mir wieder ma

jejen sechs uf's Büro bestellt! Wenn er nich will, denn laßt er't

bleiben: det jeht nich, det 'n Familienvater immer un ewich wech von

seine Familie is. Ick ha 'n Kollegen ... et kost mir een Wort, da wer'

ick, wo se de Fundamente lechen, bei't neue Reichstagsjebäude

einjestellt. Zwölf Jahre bin ick bei meinen Meester! Et kann ja och ma

wo anders sind.

Direktor Hassenreuter

klopft John ebenfalls auf die Schulter.

Sessa! ganz Ihrer Ansicht, Herr Maurerpolier. Unser Familienleben ist

eine Sache, die man uns mit Geld und guten Worten nicht abkaufen kann.

Kandidat Erich Spitta tritt ein. Sein Hut ist beschmutzt, sein Anzug

trägt Schmutzflecken. Er ist ohne Schlips. Er sieht bleich und

erregt aus und säubert mit dem Taschentuch seine Hände.

Spitta

Verzeihung. Könnte ich mich bei Ihnen mal eben 'n bißchen säubern, Frau

John?

Direktor Hassenreuter

Ha ha ha! Um Gottes willen, was haben Sie denn angebahnt, guter Spitta?

Spitta

Ich habe nur eine Dame nach Hause begleitet, Herr Direktor, weiter

nichts.

Direktor Hassenreuter

der an einem allgemeinen Lachausbruch ob der Worte Spittas

teilgenommen hat.

Na hören Sie mal an! Und da setzen Sie noch hinzu: weiter nichts? Und

verkünden es offen vor allen Leuten?

Spitta

verblüfft.

Wieso nicht? Es handelte sich um eine gutgekleidete Dame, die ich hier

im Hause auf der Treppe schon öfters gesehen hatte, und die leider auf

der Straße verunglückt ist.

Direktor Hassenreuter

Ach, was Sie sagen: erzählen Sie mal, bester Spitta. Augenscheinlich hat

die Dame Ihnen Flecke auf den Anzug und Schrammen auf die Hände gemacht.

Spitta

Ach nein. Das war wohl höchstens der Janhagel. Die Dame erlitt einen

Anfall. Ein Schutzmann griff sie dabei so ungeschickt, daß sie auf den

Straßendamm, und zwar dicht vor einem Paar Omnibuspferde niederfiel. Ich

konnte das absolut nicht mit ansehen, obgleich der Samariterdienst auf

der Straße im allgemeinen, wie ich zugebe, unter der Würde

gutgekleideter Leute ist.

Frau John schiebt den Kinderwagen hinter den Verschlag und kommt

wieder mit einem Waschbecken voll Wasser, das sie auf einen Stuhl

setzt.

Direktor Hassenreuter

Gehörte die Dame vielleicht jener internationalen guten Gesellschaft an,

die man je nachdem nur reglementiert oder auch kaserniert.

Spitta

Das war mir in diesem Falle ebenso gleichgültig, wie ich sagen muß, Herr

Direktor, wie dem Omnibusgaul, der seinen linken Vorderhuf geschlagene

fünf, sechs oder acht Minuten lang, um die Frau nicht zu treten, die

unter ihm lag, in der Schwebe gehalten hat. -- (Spitta erhält eine

Lachsalve zur Antwort.) -- Sie lachen! Für mich ist das Verhalten des

Gauls nicht lächerlich. Ich konnte ganz gut verstehen, daß einige Leute

ihm Bravo zuriefen, Beifall klatschten, andre eine Bäckerei stürmten und

Semmeln herausholten, womit sie ihn fütterten.

Frau John

fanatisch.

I, hätt' er man feste zujetreten! -- (Die Bemerkung der John löst wieder

allgemeines Gelächter aus.) -- Und ieberhaupt, wat die Knobben is: die

jehört öffentlich uf 'n Schandarmenmarkt, öffentlich uf de Bank

jeschnallt und jehörig mit Riemen durchjefuchtelt! Stockhiebe det det

Blut man so spritzt.

Spitta

Ich habe mir niemals eingebildet, daß das sogenannte Mittelalter eine

überwundene Sache ist. Es ist noch nicht lange her. Man hat eine Witwe

Mayer noch im Jahre achtzehnhundertundsiebenunddreißig hier in Berlin,

auf dem Hausvogteiplatz, von untenherauf geradebrecht. -- (Er zieht

Scherben einer Brille hervor.) -- Übrigens muß ich sofort zum Optiker.

John

zu Spitta.

Entschuldijen Se man. Se haben die feine Dame doch hier am Flur

jejenieber rinjebracht? Na ja! Det hat Mutter ja jleich jemerkt, det det

keen andrer Mensch wie de Knobben jewesen is, wo bekannt for is, det se

Mädel mit zwölf uf de Jasse schickt, selber fortbleibt, trinkt und

allerhand Kundschaft hat, um Kinder nich kümmert und wo berauscht is und

ufwachen dut, allens mit Fäuste und Schirme durchprijelt.

Direktor Hassenreuter

sich raffend und besinnend.

Allons, meine Herren, wir müssen zum Unterricht. Es fehlt uns schon eine

Viertelstunde. Meine Zeit ist gemessen. Unser Stundenschluß muß leider

heute ganz pünktlich sein. Komm Mama. Auf Wiedersehn, meine

Herrschaften.

Der Direktor gibt seiner Frau den Arm und geht, gefolgt von

Käferstein, und Dr. Kegel ab. Auch John nimmt seinen Kalabreser.

John

zu seiner Frau.

Adje, ick muß och zum Meester hin.

Auch John geht.

Spitta

Könnten Sie mir mal einen Schlips leihen?

Frau John

Ick will mal sehn, wat sich bei Paul in de Schublade vorfinden duht. --

(Sie öffnet den Tischschub und verfärbt sich.) -- Jesus! -- (Sie nimmt

ein durch ein buntes Band zusammengehaltenes Büschelchen Kinderhaar aus

der Schublade.) -- Da hab ick ja 'n Büschelschen Haar jefunden, wo mein

Jungeken, wo mein Adelbertchen schon in Sarch mit Vaters Papierschere

abjeschnitten is. -- (Tiefe, kummervolle Traurigkeit zieht plötzlich

über ihr Gesicht, das sich aber ebenso plötzlich wieder aufhellt.) -- Un

nu liecht et doch wieder in Kinderwagen! -- (Sie geht mit eigentümlicher

Fröhlichkeit, das Haarbüschel in der Hand, den jungen Leuten vorweisend,

zur Tür des Verschlages, wo der Kinderwagen, zwei Drittel sichtbar, sich

befindet. Dort angelangt, hält sie das Haarbüschel an das

Kinderköpfchen.) -- Na nu kommt mal, kommt mal! -- (Sie winkt mit

seltsamer Heimlichkeit Walburga und Spitta, die auch neben sie an den

Kinderwagen treten.) -- Seht mal det Häarchen und det! --? ob det nich

detselbiche ... ob det nich janz und jänzlich een und datselbiche

Häarchen is.

Spitta

Richtig! Bis auf die kleinste Nuance, Frau John.

Frau John

Jut so! jut so! mehr wollt ick nich!

Sie, mit dem Kinde, verschwindet hinter dem Verschlag.

Walburga

Findest du nicht, Erich, daß das Betragen der John eigentümlich ist?

Spitta

faßt Walburgas Hände und küßt sie scheu und inbrünstig.

Ich weiß nicht, weiß nicht -- ... oder ich zähle heut nicht mit, weil

ich alles von vornherein subjektiv düster gefärbt sehe. Hast du den

Brief bekommen?

Walburga

Jawohl. Aber ich konnte nicht herausfinden, warum du so lange nicht bei

uns gewesen bist.

Spitta

Verzeih, Walburga, ich konnte nicht kommen.

Walburga

Warum nicht?

Spitta

Weil ich innerlich zu zerrissen bin.

Walburga

Du willst Schauspieler werden? Ist's wahr? Du willst umsatteln?

Spitta

Was schließlich noch mal aus mir wird, steht bei Gott! Nur niemals ein

Pastor! niemals ein Landpfarrer!

Walburga

Du, ich habe mir lassen die Karten legen.

Spitta

Das ist Unsinn, Walburga. Das sollst du nicht.

Walburga

Ich schwöre dir, Erich, es ist kein Unsinn. Sie hat mir gesagt, ich

hätte einen heimlichen Bräutigam, und der sei Schauspieler. Natürlich

hab' ich sie ausgelacht und gleich darauf sagt Mama, du wirst

Schauspieler.

Spitta

Tatsächlich?

Walburga

Tatsächlich! Und dann hat mir die Kartenlegerin noch gesagt, wir würden

durch einen Besuch viel Not haben.

Spitta

Mein Vater kommt nach Berlin, Walburga, und das ist allerdings wahr, daß

uns der alte Herr etwas zu schaffen machen wird. -- Vater weiß das

nicht, aber ich bin mit ihm innerlich längst zerfallen, auch ohne diese

Briefe, die mir hier in der Tasche brennen und mit denen er meine

Beichte beantwortet hat.

Walburga

Über unserm verunglückten Rendezvous hat wirklich ein böser, neidischer,

giftiger Stern geschwebt. Wie habe ich meinen Papa bewundert! Aber seit

jenem Sonntag werde ich aller Augenblick rot für ihn, und so sehr ich

mir Mühe gebe, ich kann ihm seitdem nicht mehr gerade und frei ins Auge

sehn.

Spitta

Hast du mit deinem Papa auch Differenzen gehabt?

Walburga

Ach, wenn es bloß das wäre! Ich war stolz auf Papa! Und jetzt muß ich

zittern, wenn du es wüßtest, ob du uns überhaupt noch achten kannst.

Spitta

Ich und verachten! Ich wüßte nicht, was mir weniger zukäme, gutes Kind.

Sieh mal: ich will mit Offenheit gleich mal vorangehn. Eine sechs Jahr

ältere Schwester von mir war Erzieherin, und zwar in einem adligen

Hause. Da ist etwas passiert ... und als sie im Elternhaus Zuflucht

suchte, stieß mein christlicher Vater sie vor die Tür. Er dachte wohl:

Jesus hätte nicht anders gehandelt! Da ist meine Schwester allmählich

gesunken, und nächstens werden wir beide mal nach dem kleinen

sogenannten Selbstmörderfriedhof bei Schildhorn gehn, wo sie schließlich

gelandet ist.

Walburga

umarmt Spitta.

Armer Erich, davon hast du ja nie ein Wort gesagt.

Spitta

Das ist eben nun anders: ich spreche davon. Ich werde auch hier mit Papa

davon sprechen und wenn es darüber zum Bruche kommt. -- Du wunderst dich

immer, wenn ich erregt werde, und wenn ich mich manchmal nicht halten

kann, wo ich sehe, wie irgendein armer Schlucker mit Füßen gestoßen

wird, oder wenn der Mob etwa eine arme Dirne mißhandelt. Ich habe dann

manchmal Halluzinationen und glaube am hellichten Tage Gespenster, ja

meine leibhaftige Schwester wiederzusehn.

Pauline Piperkarcka, ebenso wie früher gekleidet, tritt ein. Ihr

Gesichtchen erscheint bleicher und hübscher geworden.

Die Piperkarcka

Jun Morchen.

Frau John

hinter dem Verschlage.

Wer ist denn da?

Die Piperkarcka

Pauline, Frau John.

Frau John

Pauline? -- Ick kenne keene Pauline.

Die Piperkarcka

Pauline Piperkarcka, Frau John.

Frau John

Wer? -- Denn wachten Se man 'ne Minute, Pauline.

Walburga

Adieu, Frau John.

Frau John

erscheint vor dem Verschlage, schließt sorgfältig den Vorhang

hinter sich.

Jawoll! Ick ha mit det Freilein wat zu verabreden. Seht ma, det ihr

'naus uf de Straße kommt.

Spitta und Walburga schnell ab. Frau John schließt die Tür hinter

beiden.

Frau John

Sie sind et, Pauline? Wat wollen Se denn?

Die Piperkarcka

Wat werde wollen? Et hat mir herjetrieben. Habe nich länger warten

können. Muß sehn, wie steht.

Frau John

Wat denn? Wat soll denn stehn, Pauline?

Die Piperkarcka

mit etwas schlechtem Gewissen.

Na, ob jesund is, ob jut in Stand.

Frau John

Wat soll denn jesund? wat soll denn in Stande sind?

Die Piperkarcka

Dat sollen woll wissen von janz alleine.

Frau John

Wat soll ick denn von alleene wissen?

Die Piperkarcka

Ob Kind auch nich zujestoßen is.

Frau John

Wat for'n Kind? un wat zujestoßen? Reden Se deitsch! Se blubbern ja man

keen eenziget richtiget deitsches Wort aus de Fresse raus.

Die Piperkarcka

Wenn ick nur sagen, was wahr is, Frau John.

Frau John

Na wat denn?

Die Piperkarcka

Mein Kind ...

Frau John

haut ihr eine gewaltige Backpfeife.

Die Ratten: Berliner Tragikomödie · 第 2 / 8 段