Senjor Perez fuhr erschreckt auf: „Was sagen Sie da? Nicht zurück?“

„Nein, er ist nicht zurück“, wiederholte der Gouverneur. „Niemand daheim

hat irgendeine Nachricht von ihm erhalten. Niemand weiß, wo er ist,

niemand weiß, wo das Geld ist, das er empfangen hat.“

„Das ist doch nicht möglich, Gobernador“, sagte der Licenciado, immer

erregter werdend. „Das kann doch gar nicht sein!“

„Es ist aber so“, nickte der Gouverneur. „Und nun will ich Ihnen sagen,

was ich denke. Don Hacinto hat den Kontrakt nicht unterschrieben; denn

erstens wollte er die Rosa Blanca nicht verkaufen, und zweitens konnte

er nicht schreiben. Don Hacinto hat die Hazienda nicht verkauft. Die

Unterschrift hat irgendein mexikanischer Arbeiter für ein paar Dollar

gezeichnet. Das war schlau, denn wir schreiben ja die Buchstaben ein

wenig anders als die Amerikaner. Hätte ein Amerikaner unterschrieben, so

würde man sofort gesehen haben, daß der Unterzeichner nicht Mexikaner

war. Man hat einen Arbeiter oder einen Schuljungen hergenommen, um die

Unterschrift so ungelenk erscheinen zu lassen, wie gewöhnlich die

Unterschrift eines wenig schreibgewandten Landmannes aussieht. Nach

meiner festen Überzeugung ist Don Hacinto dort oben ermordet worden, als

er nicht zu bewegen war, die Hazienda zu verkaufen.“

„Aber das ist ja unerhört, was Sie da sagen, Senjor!“ rief der

Licenciado.

„Keineswegs unerhört“, sagte der Gouverneur ernst. „Sie haben mir ja

soeben bestätigt, wie solche Verträge unterzeichnet werden, daß also die

Unterzeichner nicht alle am gleichen Ort und zu gleicher Zeit bei der

Unterzeichnung zugegen zu sein brauchen, weil sich eine Person auf die

Rechtschaffenheit der andern verläßt. Ich gebe zu, daß dies eine

rechtsgültige Handlung ist, weil – Sie gaben mir ja die Gründe an – es

sonst oft nicht möglich sein würde, einen Vertrag abzuschließen, denn

man kann die Personen nicht alle immer beisammen haben. Ich unterzeichne

auch die meisten Verträge und Briefe, die mir von meinen Leuten hier

vorgelegt werden, im Vertrauen auf die Zuverlässigkeit meiner Sekretäre.

In dem Falle des Don Hacinto freilich gab das eine Möglichkeit, einen

Vertrag zu erschleichen. Ich bin überzeugt, daß Don Hacinto das Geld

nicht bekommen hat, und wenn er es bekam, so wurde es ihm wieder

abgenommen, sobald er ermordet war.“

„Ich kann das nicht glauben“, sagte Senjor Perez. „Ich kenne den

Präsidenten der Company, den Mr. Collins, persönlich. Er macht auf mich

nicht den Eindruck, daß er zu einer so grauenhaften Tat seine Zustimmung

geben würde.“

„Sie als Anwalt, lieber Perez, sollten doch recht vorsichtig sein, die

Menschen lediglich nach ihrem Eindruck, den sie auf andere Menschen

machen, zu beurteilen. Es handelt sich ja nicht um einen gemeinen Mord

im üblichen Sinne. Einen gemeinen Mord begeht ein solcher Mann natürlich

nicht. Aber hier ist der Mord nach der Auffassung des Mannes nötig im

Interesse seiner Company. Er, jener Präsident, betrachtet einen solchen

Mord mehr als einen politischen Mord. Und bei politischen Morden nimmt

das Gewissen gewöhnlich eine andere Stellung ein als bei einem Morde,

der rein persönlichen Interessen dient. Vielleicht lag der Mord nicht in

den Plänen des Präsidenten. In seinen Plänen lag nur der Besitz der

Hazienda. Er gab dann einem Subjekte den Auftrag, den Verkauf der

Hazienda durchzusetzen um jeden Preis. Jenes Subjekt, nicht die

Intelligenz und Ruhe des Präsidenten besitzend, wählte dann den

kürzesten und rohesten Weg, um den Auftrag, der ihm gegeben war, zu

erfüllen. Jenes Subjekt mag der Mann gewesen sein, der auf der Hazienda

war und der Don Hacinto nach den Staaten gelockt hat. Aber das ist nur

eine Vermutung.“

„Sollte nicht vielleicht alles nur Vermutung sein, was Sie mir hier

gesagt haben, Gobernador?“ fragte Senjor Perez.

„Gestern war alles nur Vermutung. Heute, nach der Unterredung mit Ihnen,

die mir Aufklärung gab über die Art und Weise, wie solche Verträge

unterzeichnet und bestätigt werden, bin ich gewiß, daß meine Vermutung

richtig ist oder wenigstens, daß sie der Wahrheit sehr nahe kommt. Wir

haben jetzt nur noch eine Möglichkeit, die Wahrheit herauszufinden. Bei

allen Verbrechen wird immer ein Fehler gemacht. Es wird auch hier ein

Fehler gemacht worden sein. Und ich vermute – ich betone diesmal, ich

vermute nur –, daß der Vertrag unterzeichnet wurde, nachdem Don Hacinto

bereits ermordet war oder nachdem man ihn geschickt – wie das dort oft

gemacht wird – in irgendeiner Weise verunglücken ließ, auf der Jagd oder

auf der Bahn oder im Auto oder beim Baden oder beim Segeln. Wir müssen

versuchen, seinen Leichnam zu finden und festzustellen, wann er starb.

Können wir dann vergleichen, daß der Vertrag unterzeichnet wurde,

nachdem Don Hacinto tot war, dann haben wir den Betrug erwiesen.“

„So etwas dürfte schwerfallen“, meinte der Licenciado.

„Das weiß ich, Senjor Perez. Es ist nur eine Idee von mir. Aber ich

werde dieser Idee folgen. Ich möchte Sie bitten, mir hierbei zu helfen.

Sie sind ja nicht nur der Vertreter jener Company, Sie sind ja auch

Mexikaner, nicht wahr, Senjor Perez?“

„Mit ganzem Herzen, Senjor Gobernador, das brauche ich nicht zu

versichern“, sagte der Licenciado offen. „Und in einem solchen Falle,

angesichts einer so schäbigen Tat, wo es sich um nackten Raub unseres

Landes handelt, bin ich Mexikaner erst recht und allen zum Trotz. Trotz

seiner Eigensinnigkeit und seiner Schwerfälligkeit habe ich Don Hacinto

achten und schätzen gelernt während meiner mehreren Besuche auf seiner

Hazienda. Und ich darf Ihnen offen eingestehen, daß, als er, trotz der

aufgehäuften Goldstücke auf seinem Tische, endgültig von jedem Verkauf

abstand, ich einen tiefen Respekt vor dem Manne bekam. Und obgleich mir

eine hohe Provision verlorenging, war ich im Herzen doch froh, daß er

dieses schöne Stück Heimat nicht an die Amerikaner verkaufte, daß ein so

schönes Stück Erde, das solche Menschen erzeugte, wie er war und wie

alle übrigen dort sind, die ich kennenlernte, nicht in ein stinkendes

und lärmendes Ölkamp verwandelt wurde. Und das ist meine ehrliche

Meinung, Gobernador.“

„Nun gut“, sagte der Gouverneur, „kommen wir zum Handeln. Schreiben Sie

der Company, daß Sie die Bestätigung der Registrierung noch nicht

erhalten hätten, was ja der Wahrheit entspricht. Sie dürfen ruhig

hinzufügen, daß nach privaten Mitteilungen, die Sie erhalten hätten, die

Registrierung erfolgt sei. Dann schreiben Sie ferner, daß hier bei der

Regierung inzwischen Bedenken aufgetaucht seien. Sagen Sie offen, es

habe sich herausgestellt, daß Don Hacinto nicht schreiben konnte. Und

sagen Sie endlich, daß die Regierung ein Interesse habe, zu erfahren, wo

sich Don Hacinto befinde, um ihn über einige Einzelheiten in dem

Vertrage zu vernehmen.“

„Halt!“ unterbrach der Licenciado. „Das werde ich nicht schreiben. Denn

gesetzt den Fall, Don Hacinto ist noch am Leben, dann wird man nun

versuchen, ihn noch nachträglich zu beseitigen, um einen so unbequemen

Zeugen loszuwerden.“

„Das ist wahr. Daran hatte ich nicht gedacht“, sagte der Gouverneur.

„Sagen Sie einfach, Don Hacinto sei hier noch nicht wieder

zurückgekehrt, und seine Familie habe ein Interesse daran, zu wissen, wo

er sei, ob man dort nichts über ihn erfahren könnte.“

14

1

Auf der Hazienda Rosa Blanca arbeiteten die Ingenieure nun mit voller

Kraft.

Die Maisfelder, Zuckerstauden, Orangen- und Zitronenbäume wurden

niedergemacht, um Platz zu schaffen für die Bohrtürme. Eine Straße wurde

geschlagen und geebnet, um auf den schweren Lastautozügen das Material,

die Dampfkessel und Maschinen heranzufördern. Jede Familie, die so

kurzerhand von ihrem Feld herunter und aus ihrer Hütte heraus mußte,

erhielt von den Ingenieuren je zweihundertfünfzig Peso ausbezahlt, um

ihren Abzug zu beschleunigen. Das Abstandsgeld, das gleichzeitig als das

Abstandsgeld für den Verlust der reifenden Ernten galt, wurde in

silbernen Ein-Peso-Stücken ausbezahlt, damit es recht viel aussehen

sollte und damit mit diesem Silberhaufen der Schmerz um die sterbende

Heimat gelindert und kuriert werden sollte. Es dauerte nur wenige Tage,

dann mußte auch die Familie des Don Hacinto die Hazienda verlassen.

Die Ingenieure waren gutmütig. Sie sahen das Weh der Menschen, die von

ihren Urwurzeln gerissen wurden. Und um ihnen gefällig zu sein und ihnen

zu zeigen, daß sie keine Schuld an diesem Zerbrechen einer Heimat

trugen, fuhren sie mit den leer zurückgehenden Autos die Habe der

Familien dort hin, wohin die Leute zu wandern gedachten.

Die Compadres brachten ihre Familien in kleine Orte, die nahe ihrer

verlorenen Heimat lagen, weil die Männer alle in dem neu aufgelegten

Kamp gutbezahlte Arbeit erhielten. Sie bekamen vier Peso und vier Peso

fünfzig den Tag.

Der Mestize Frigillo hatte die Kommission für die Anwerbung dieser Leute

bekommen. Nie vorher hatte er eine so leichte und angenehme Kommission

in seinem Leben gehabt. Er brauchte nicht zu reisen, um Leute zu suchen,

brauchte deren Reisegeld nicht zu bezahlen, und er hatte überhaupt keine

Mühe. Denn alle Leute waren gleich zur Hand, weil sie ja nicht wußten

wohin und weil sie noch froh waren, so schnell ein anderes Einkommen zu

finden, nachdem ihnen die Ernten, gegenwärtige und zukünftige, genommen

waren.

Die Familie des Don Hacinto siedelte sich in Tuxpam an. Sie hatte für

Haus und Ernte eine Abstandssumme von zweitausend Peso bekommen. Die

Frau wollte das Geld nicht annehmen. Aus Stolz. Sie wollte kein Geld von

Räubern und Mördern in Händen haben, wie sie sagte. Aber der Sohn war

vernünftiger. Er wußte, daß die Mutter, die ja nicht mehr jung war, und

auch die jüngeren Geschwister das Geld gut gebrauchen konnten. Und so

nahm er das Geld in Empfang und gab es seiner Mutter, als sie in Tuxpam

eine kleine Tienda, einen kleinen Kramladen, kauften, damit die Mutter

eine Beschäftigung und ein kleines sicheres Einkommen haben möge.

Er selbst, der Sohn, arbeitete eine Zeitlang als Kolonnenführer in dem

neuen Kamp. Die Ingenieure, immer darauf bedacht, zu lindern und zu

heilen, wo sie nur konnten, lernten ihn nach einigen Wochen als

Chauffeur an, und Domingo fuhr die Material-Autos von Tuxpam zum Kamp.

Er bekam nun zehn Peso den Tag. Da er sehr anstellig und willig war,

lernten ihn die Ingenieure zum Tooldresser an, wobei er fünfzehn Peso

den Tag verdiente. Er ist später noch höher hinaufgerückt und wurde

endlich ein geschickter Driller, als der er fünfhundert Dollar Americano

den Monat verdiente und gute Prämien erhielt für jeden einkommenden

Brunnen, den er gebohrt hatte.

2

Der Erzähler dieser Geschichte hat nicht die Absicht, falsche

Sentimentalitäten zu erzeugen und stimmungsvolle Wirkungen zu erzielen,

damit der Zuhörer von einer schönen und rührenden Geschichte sprechen

kann, die von dem Knicken eines zarten Rösleins handelt. Darum sei der

Wahrheit gemäß mitgeteilt, daß nicht nur die Ingenieure, sondern auch

das Direktorium der Condor Oil Company gut halfen, die ehemaligen

Bewohner der Hazienda wenigstens in materieller Weise den Verlust ihrer

Heimat weniger hart fühlen zu lassen. Und es sei ferner, der Wahrheit

folgend, hier gesagt, daß viele der Männer, wenn nicht vielleicht alle,

sich nach wenigen Wochen so gut in die neuen Verhältnisse hineinfanden,

daß sie wohl bald kaum noch bereit gewesen wären, ihr neues Leben gegen

das frühere zu vertauschen. Sie alle trugen jetzt gute Kleider, alle

trugen jetzt Schuhe und Stiefel, auch die Frauen, alle Kinder besuchten

die Schule, und die Frauen arbeiteten weniger hart als vorher. Und alle

Leute ohne Ausnahme, insbesondere die Kinder, lebten jeden Tag mehr und

mehr modernen hygienischen Grundsätzen gehorchend.

Materiell betrachtet waren alle Betroffenen jetzt besser für das Leben

im allgemeinen gerüstet als vorher. Sie waren nicht mehr nur die

Bewohner eines kleinen Fleckchens Erde, wo sie nichts weiter von der

Welt und anderen Menschen wußten, als soweit ihr Auge den Horizont sah.

Sie wurden mehr und mehr Menschen, die bewußt in einer großen Welt

lebten, in einer größeren Heimat, in der mexikanischen Republik. Sie

fühlten die Größe der Welt und den Umfang menschlichen Zusammenarbeitens

über die ganze Erde hinweg. Ihre Feinde waren früher die Nachbarn auf

der zweitnächsten Hazienda gewesen. Aber diese Feindschaft verschwand

mit dem Wachsen in eine größere Welt hinein. Sie fühlten ganz leise das

erste Keimen jenes Gedankens, daß alle Menschen auf der Erde eine

Einheit sind, alle eine große Bruderschaft bilden. Sie sahen in den

Filmen, die eifrige geschäftstüchtige Unternehmer in den Kamp-Orten

vorführten, was andere Menschen, weit entfernt von hier, taten, wie sie

handelten, wie sie dachten, wie sie arbeiteten, wie sie liebten, wie sie

ihre Kinder behandelten, wie sie betrogen und schwindelten. So sahen

sie, daß andere Menschen nicht so sehr verschieden von ihnen selbst

waren. Und das verstärkte das brüderliche Band zu anderen Menschen und

anderen Völkern. Sie hörten dem Radio zu, das von den amerikanischen

Ingenieuren und Ölleuten in die Kamps gebracht wurde. Sie hörten Musik

und Worte aus anderen Ländern, hörten die Reden des Präsidenten der

Republik, hörten die Reden von Ärzten, Lehrern, Instruktoren, Künstlern,

Gesundheitsinspektoren, die im Auftrage der mexikanischen Regierung die

Mission zu erfüllen hatten, Kenntnisse und Wissen und guten Rat in die

fernsten Gegenden der Republik zu tragen. Sie trafen mit anderen

Arbeitern zusammen, die aus anderen Staaten der Republik kamen, die viel

gesehen und viel erlebt hatten. So eröffnete sich vor den körperlichen

und vor den geistigen Augen dieser Leute eine ganz neue Welt, von deren

Existenz sie nie etwas vorher gewußt hatten. Eine Welt, die ihnen einst

fern geschienen hatte wie ein Planet im Weltall. Und jetzt sahen sie

jene ferne Welt, lebten in ihr, lebten mit ihr, verstanden sie mehr und

mehr und fühlten sich bald als Glieder jener neuen größeren Welt, nicht

als geduldete, sondern als berechtigte und notwendige Mitbewohner jener

neuen Welt. Denn sobald sie sich erst einmal hier in dieser großen Welt

ein wenig mehr zurechtgefunden hatten, lernten sie, daß man sie in jener

großen Welt gebrauchte, daß sie notwendig waren, auch wenn sie nur

eiserne Rohre heranschleppten und dabei halfen, diese Rohre einzuheben

in die Bohrlöcher. Diese Arbeit war wichtig, denn wenn niemand die Rohre

ablud und heranschleppte, so konnten die Automobile kein Gasolin

bekommen und sie konnten nicht fahren. So fühlten sie auch bald heraus,

aus gutem echtem Naturinstinkt, daß sie ebenso wichtig in dieser großen

Welt waren wie die Ingenieure und Bohrer. Sie hatten eine schöne Heimat

verloren, eine liebe Heimat, von der sie einst glaubten, daß sie ihren

Verlust nicht überleben könnten. Aber als sie zu sehen lernten und als

sie begannen aufzuwachen aus ihrer Benommenheit, aus ihren kleinen

uralten Gewohnheiten, erkannten sie, daß sie an Stelle der kleinen,

engen Heimat eine größere gewonnen hatten, die auch ihre Schönheiten

hatte. Und während die alte kleine Heimat immer zu bleiben schien, was

sie war, so war die neue größere Heimat von anderer Art. Die neue Heimat

stand nicht still am Horizont. Sie wuchs und wuchs, wuchs mit jedem Tage

neuer Erkenntnis zu einer immer größeren Heimat, die keine Grenze zu

haben schien, die alle Menschen, alle Länder, alle Gedanken, die gedacht

wurden, umfaßte. An Seele freilich war viel mit dem Untergang der

ehemaligen kleinen Heimat verlorengegangen. Vieles sah nun häßlich aus.

Vieles fehlte ihnen, was sie einst reich machte in ihren Empfindungen,

in ihrer stillen natürlichen Freude.

Früher, in ihrer kleinen Heimat, hatten sie reiche seelische

Empfindungen gehabt, aber es fehlte ihnen die Gabe, jene Empfindungen

richtig und klar auszudrücken und im Austausch mit anderen Leuten die

eigenen schönen Empfindungen zu vertiefen und zu erweitern.

Jetzt waren die seelischen Empfindungen oft weniger reich, aber sie

lernten mehr und mehr, diese Empfindungen in Worten anderen Menschen

klarzumachen und aus den Worten ihrer Mitmenschen, die wieder über deren

eigene Empfindungen und Erfahrungen sprechen konnten, neue Schätze

gewinnen, wodurch der Verlust früherer schöner Empfindungen durchaus

wettgemacht wurde. Es kam natürlich auch hier, im Verkehr mit anderen

Menschen, rohen, empfindungslosen, gedankenfaulen Menschen, oft manches

Häßliche und Böse in ihr Leben. Aber wer es abzuschütteln verstand, wer

genügend Robustheit aufbrachte, die harten Ellbogenstöße mancher rohen

Mitmenschen nicht zu beachten, den traf das Häßliche weniger, und er

nahm nur teil an dem, was gut und schön war.

Als Ganzes gesehen und vorurteilslos betrachtet, jede törichte

Sentimentalität ausschaltend, darf mit Gewißheit gesagt werden: Die

Menschen hatten viel verloren und bei dem Verlust viel gewonnen. Und es

kam ein Tag, Monate später oder Jahre später, aber der Tag kam, an dem

alle mit Recht sagen konnten: Wir sind reicher geworden als wir waren;

wir sind größer geworden als unsere Väter waren, denn wir sind heute

Bürger der Erde, und was mehr ist, wir sind heute bewußt Bürger der

Erde; wir sind bewußte Bürger der Erde, weil wir die Erde und die

übrigen Menschen begreifen und mehr und mehr verstehen. Und weil wir

mehr Menschen verstehen, darum ist unsere Liebe größer geworden. Was

Größeres kann der Mensch auf Erden gewinnen, als daß seine Liebe größer

wird!

15

1

Licenciado Perez hatte sein Schreiben direkt an Mr. Collins gerichtet,

um zu vermeiden, daß der Inhalt an untergeordnete Personen bekannt

wurde.

Mr. Collins ließ sofort Mr. Abner rufen.

„Was habe ich Ihnen gesagt, Abner?“ Er fuhr ihn verteufelt scharf an.

„Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß mir keine Sauerei gemacht wird? Ich

habe Ihnen auch gesagt, daß ich für Dummheiten keine Verantwortung

übernehme und daß ich Sie glatt und mitleidlos den Behörden ausliefere,

wenn Sie Dinge begehen, die ich nicht decken kann. Für Dummheiten kennen

wir keine Gnade. Ich lasse Sie fallen bis in die Hände des Henkers, wie

Sie es verdient haben, wenn Sie eine Aufgabe nicht klar durchführen

können.“

Mr. Abner war bleich geworden.

„Ist etwas herausgekommen?“ sagte er halblaut und furchtsam.

„Ja. Alles.“ Mr. Collins sagte es kalt und erbarmungslos.

„Dann kann ich mir nur noch einen Revolver kaufen“, sagte Mr. Abner

hilflos.

„Wenn Sie dazu noch Zeit haben, Abner. Sie werden kaum vierundzwanzig

Stunden haben, Mann. Und kaufen Sie einen guten, der nicht fehlt im

rechten Augenblick. Der mexikanische Konsul hat die Sache in den

Händen.“

Mr. Collins arbeitete, wie nur ein wahrhaft großes Genie zu arbeiten

weiß.

Er hatte seine Agenten und seine Detektive auf dem Plane gehabt die

ganze Zeit hindurch. Und es waren tüchtige Leute.

2

Auch der mexikanische Konsul hatte gute Detektive. Mexikaner, die in den

Staaten geboren waren und die von dem Konsul in der Hauptsache gebraucht

wurden, um diejenigen seiner Landsleute zu beobachten, die in den

Grenzstaaten der Vereinigten Staaten Revolutionen gegen ihr Heimatland

Mexiko anzettelten und Waffen über die Grenze nach Mexiko schmuggelten.

Sie nannten sich alle Patrioten. Einzelne waren ehrliche Leute, die

ernsthaft glaubten, daß sie ihrem Heimatlande nützten, wenn sie durch

Revolutionen und Rebellionen der gegenwärtigen mexikanischen Regierung

Unbequemlichkeiten bereiteten.

Diese Leute waren die Porfiristen, die Anhänger des gestürzten Regimes

des Diktators Porfirio Diaz. Jene Männer glaubten, ehrliche Leute zu

sein. Sie waren der Meinung, daß ihrem Lande nur dadurch gedient werden

kann, wenn das alte konservative System des Porfirio Diaz wieder zur

Macht gelangt. Sie waren der Meinung, daß Mexiko nur dann gedeihen kann,

wenn die Amerikaner, die Engländer, die Deutschen, überhaupt alle

Fremden ihr Kapital hereinbrachten, um die Naturschätze Mexikos

herauszuholen. Dieses System hatte mehr als dreißig Jahre in Mexiko

gewirtschaftet mit dem Erfolg, daß in der Blütezeit jenes Systems, im

Jahre 1910, fünfundneunzig Prozent der Mexikaner keine Schuhe an den

Füßen und nur Lumpen am Körper trugen, daß das ganze Volk, von einer

dünnen Oberschicht abgesehen, versklavt war wie selten ein Volk

versklavt gewesen ist, ein System, das so wenig an Bildungsarbeit getan

hatte, daß bei Ausbruch der Revolution achtzig Prozent des Volkes weder

lesen noch schreiben konnten.

Dann waren da jene ehrlichen mexikanischen Patrioten, die darum

Revolutionen anzetteln wollten, weil ihnen einige Personen in den

öffentlichen Ämtern der Republik nicht gefielen, sei es, weil sie jene

Posten gern selbst gehabt hätten, sei es, weil jene Personen, die in den

Ämtern saßen, ihnen nichts zu verdienen gegeben hatten.

Dann waren da jene halbehrlichen mexikanischen Patrioten, die von den

amerikanischen und englischen Kapitalisten als Werkzeuge gebraucht

wurden, ohne daß sie es wußten.

Und endlich waren da noch jene herrlichen Patrioten, die ganz offen sich

von amerikanischen Companien und Magnaten bezahlen ließen, um

Rebellionen in Mexiko anzustiften, die den amerikanischen Companien und

Bankiers so willkommen sind, um finanzielle Spekulationen erfolgreich

durchführen zu können.

Alle diese Patrioten mußte die mexikanische Regierung in den Staaten

durch besondere Agenten überwachen lassen, um ihre Bürger und ihr Land

vor Schaden zu bewahren, soweit das in den Kräften der mexikanischen

Regierung stand.

Ein Fall wie der skandalöse verbrecherische Raub der Weißen Rose konnte

sehr wohl zu einer Rebellion in Mexiko oder zu einem bewaffneten

Einmarsch amerikanischer Truppen in das mexikanische Land führen, wenn

die mexikanische Regierung nicht sehr vorsichtig handelte. Diplomatische

Anfragen und Auseinandersetzungen über die Rechtmäßigkeit oder die

Unrechtmäßigkeit der Verkaufskontrakte konnten zu peinlichen

Verwicklungen führen, wenn man auf der einen Seite die Ruhe verlor, denn

die Beziehungen zwischen beiden Mächten waren seit der Revolution

gespannt genug, so daß es nur eines Funkens bedurfte, um das Feuer

ausbrechen zu lassen.

3

Eines Tages kam ein Mexikaner zum mexikanischen Konsul in San Francisco,

um die Geburt eines Sohnes dort registrieren zu lassen, damit der Sohn

mexikanischer Bürger bleibe.

Der Konsul betrat den Geschäftsraum gerade in dem Augenblicke, als ein

Beamter die Personalien jenes Mannes niederschrieb. Er fragte nach dem

Geburtsort des Mannes. Und der Mann antwortete laut: „Tuxpam, Estado

Veracruz.“

Darauf blieb der Konsul stehen und redete den Mann an: „Sie sind aus

Tuxpam, Senjor?“

„Si, Senjor, a sus ordenes.“

„Kennen Sie dort in der Nähe die Hazienda Rosa Blanca?“

„Kenne ich, Senjor.“

„Kennen Sie Senjor Hacinto Yanyez?“

„Kenne ich, er ist der Besitzer, der Duenjo, der Rosa Blanca.“

„Ja, den meine ich“, sagte der Konsul.

„Don Hacinto ist jetzt hier, in San Francisco, Senjor. Oder er war

wenigstens hier vor einiger Zeit.“

„Haben Sie mit ihm gesprochen?“

„Ja, wir waren verschiedene Male beisammen und haben in dem Restaurant

des Senjor Palido zweimal zusammen gesessen“, sagte der Mann.

„Hat Don Hacinto zu Ihnen etwas gesagt, daß er die Rosa Blanca verkaufen

will?“ fragte der Konsul.

„Er hat mir gesagt, daß er mit einem Amerikaner mit Namen Mr. Abner

hierhergekommen sei. Dieser Amerikaner hat ihn eingeladen, mit ihm nach

hier zu kommen, um ihm einige Zuchtesel und Zuchtstuten zu schenken als

Gegengeschenk für sechs Pferde, die ihm Don Hacinto geschenkt hatte. Mr.

Abner hat Don Hacinto überreden wollen, ihm die Rosa Blanca zu

verkaufen. Er hat ihm endlich eine halbe Million Dollar für die Hazienda

geboten. Ist sie gar nicht wert, die Rosa Blanca, Senjor.“

„Schon gut“, unterbrach ihn der Konsul. „Erzählen Sie weiter, was Sie

wissen.“

Der Konsul war von dem Gouverneur in Jalapa über alle Einzelheiten

inzwischen unterrichtet worden, so daß er wohl wußte, was und wie zu

fragen bei einer Gelegenheit, die sich ihm jetzt so günstig bot.

„Don Hacinto sagte mir“, fuhr der Mann fort, „daß er die Rosa Blanca

niemals verkaufen würde, auch nicht, wenn man ihm zwei Millionen Dollar

böte. Ich habe ihm gesagt, er müßte wissen, was er täte, und ich würde

die Hazienda verkaufen, wenn ich an seiner Stelle wäre. Aber er wollte

nichts davon hören und sagte, daß er nie daran dächte, die Rosa Blanca

zu verkaufen, er könnte es nicht der vielen Familien wegen, die darauf

lebten, und er wollte auch nicht, daß über die Gräber seines Vaters und

seiner Mutter die Automobile fahren.“

„Haben Sie den Don Hacinto hier einmal betrunken gesehen?“

„Etwas. Das kam mir dumm vor, weil Don Hacinto wenig trinkt. Er sagte

mir, daß Mr. Abner ihm immerfort zu trinken gegeben habe, und daß er

nicht ablehnen wollte, zu trinken, um nicht unhöflich zu sein.“

„Hat er etwas zu Ihnen gesagt, daß er auf dem Rancho des Mr. Abner

gewesen sei, um sich die Zuchttiere anzusehen?“

„Er sagte mir, daß Mr. Abner immer keine Zeit habe, um zum Rancho zu

fahren, und er sagte mir dann auch noch, daß er anfange zu glauben, daß

Mr. Abner gar keinen Rancho und gar keine Zuchttiere habe.“

Der Konsul fragte darauf: „Wohnte Don Hacinto bei Ihnen oder in einem

Hotel?“

„Er sagte mir, daß er mit Mr. Abner in dessen Hause wohnte. Das muß da

irgendwo in der Brenton Street sein.“

„Hat Don Hacinto Ihnen gesagt, daß er viel Geld bekommen habe?“

„Das Gegenteil, Senjor Konsul. Don Hacinto sagte mir am letzten Tage,

als ich ihn sah –“

„Halt, wann sahen Sie ihn das letztemal?“

„Mittwoch vor, vor – vier, fünf, sieben, Mittwoch vor elf Wochen.“

„Sie wissen den Tag genau?“

„Ja, Senjor. Denn an dem Tage hatte ich bei der Bank einen Scheck

gekauft, den ich nach Mexiko schicken mußte für Sarapes, die ich

importieren wollte. Vorher habe ich nie Sarapes hier gehandelt. Aber ich

habe gedacht, das könnte vielleicht ein gutes Nebengeschäft sein.“

„Und an dem Tage –“ Der Konsul zögerte.

„Ja, es war genau an dem Tage. Denn ich traf Don Hacinto vor der Bank,

und wir sind zusammen hineingegangen, und er hat zugesehen, wie man das

macht, wenn man einen Scheck kauft. Viel Geld hatte er nicht, denn er

sagte mir, es könne sein, daß er sich von mir Geld borgen müßte für die

Rückreise, weil Mr. Abner gar nicht von der Rückreise spreche, die er

ihm doch zugesagt hatte.“

„Später haben Sie Don Hacinto nicht mehr gesehen?“

„Nein. Und ich glaubte, er sei nun abgereist. Aber ich war doch sehr

verwundert, daß er nicht kam, Adios zu sagen. Wir waren doch gute

Freunde auch von früher her. Er kennt meine Frau und kennt alle meine

Verwandten, die noch in der Nähe von Tuxpam leben.“

„Das ist gut. Lassen Sie Ihre Adresse hier. Ich brauche Sie vielleicht

noch. Ich will Ihnen auch gleich sagen, weshalb. Don Hacinto ist nicht

zurückgekehrt nach Mexiko. Er hat die Grenze nirgends rückpassiert. Und

wenn es ganz gewiß ist, daß Sie ihn an jenem Mittwoch vor elf Wochen zum

letzten Male gesehen haben, dann hat er fünf Tage später den

Verkaufskontrakt für die Rosa Blanca unterschrieben.“

„Das glaube ich nicht. Er wollte nicht verkaufen. Ich glaube es auch

sonst nicht. Hacinto konnte nicht schreiben, nicht einmal seinen eigenen

Namen.“

„Das ist richtig. Hat er Ihnen gesagt, daß er vielleicht seinen Namen

auf der Reise mit Mr. Abner oder in dessen Hause schreiben gelernt hat.

Vielleicht hat es ihn Mr. Abner gelehrt.“

„Glaube ich nicht, Senjor Konsul. So etwas wäre so wichtig in seinem

Leben gewesen, daß er davon gesprochen hätte zu mir.“

„Das denke ich auch“, sagte der Konsul.

„Hacinto ist auch nicht der Mann, der so schnell schreiben lernen

könnte, in so kurzer Zeit. Einen Buchstaben vielleicht oder zwei oder

drei. Aber nicht den vollen Namen. Hacinto nicht, Senjor.“

„Gut. Ich lasse Sie benachrichtigen, wenn ich Sie noch einmal benötige.

Einen Jungen haben Sie? Guter mexikanischer Bürger, eh?“

„Aber kräftig, Senjor.“

„Wie soll er denn heißen, der Muchacho?“

„Emilio, Senjor Konsul, a sus ordenes.“ – „Adios denn.“

Der Konsul ging in seine Office und telephonierte sofort an einen seiner

Agenten. Am Nachmittag diktierte er den Report nach Jalapa.

4

Mr. Collins sah Mr. Abner, der sich von seinem Schreck nicht zu erholen

schien, an und sagte: „Wissen Sie, daß dieser Mann Yanyez nicht

schreiben konnte? Nicht einmal seinen Namen?“

Mr. Abner setzte sich rasch, um nicht zu fallen.

„Verflucht! Daran habe ich nie gedacht“, sagte er schwitzend.

„Das ist es ja, was ich meinte“, sagte Mr. Collins. „Nicht daran

gedacht. Wer hat Ihnen denn den Auftrag gegeben, den Namen zu fälschen?“

Mr. Abner bekam einen Ruck von innen. Sein Gesicht, das wegzuschwimmen

angefangen hatte, bekam Festigkeit, und er sagte: „Ich habe doch den

Mann schreiben gelehrt auf der Reise und in meinem Hause.“

„Sehr klug, Abner. Aber es hilft Ihnen nichts. Sie haben nicht

aufgepaßt. Er hat einen Landsmann hier getroffen. Hat viel mit ihm

gesprochen. Der Landsmann hat geschwätzt. Beim Konsul. Ist alles schon

in den Akten. Licenciado Perez hat es hier schon im Brief. Dieser Mann

Yanyez hat hier seinem Landsmann erzählt, daß er nicht schreiben kann.“

Das war nicht richtig, was Mr. Collins hier sagte. Der Landsmann hatte,

nach dem Bericht des Senjor Perez, nur gesagt, daß ihm Senjor Yanyez

nichts davon erzählt hatte, daß er inzwischen schreiben gelernt hatte.

„Das mit dem Namen allein ist ja nun so wichtig nicht“, sagte Mr.

Collins. Er bereitete Größeres vor. Denn daß Senjor Yanyez nicht

ausdrücklich erzählt hatte, daß er inzwischen nicht schreiben gelernt

habe, war sehr gut. Das bedeutete die Rettung der Unterschrift und damit

die Rettung des Vertrages.

„Das mit dem Namen ist so wichtig nicht. Wir werden sofort notariell in

Ihrem Beisein und mit Ihrer Eidesversicherung festlegen lassen, daß Sie

Senjor Yanyez auf der Reise schreiben gelehrt haben, damit er die Grenze

passieren konnte.“

„Ja, das werde ich bestätigen“, sagte Mr. Abner, der glaubte, daß die

Schlinge sich zu öffnen beginne.

„Das mit dem Namen allein ist es nicht“, wiederholte Mr. Collins.

„Schlimmer ist, daß der Janitor, der Portier des Hauses, das Sie

gemietet hatten, Sie mit dem Yanyez hat im Automobil fortfahren sehen.

Daß Sie, jedoch nicht Yanyez, von der Fahrt am folgenden Tage

zurückgekommen sind, daß Agenten des mexikanischen Konsuls, die, uns

selbst unbekannt, in Ihrem Hause und in der Garage gewirtschaftet haben,

Blut und ein paar blutverschmierte schwarze indianische Haare in Ihrem

Auto gefunden haben. Ist photographiert. Die Haare sind im mexikanischen

Konsulat, wie ich von unseren Agenten weiß. So, und nun hören Sie mehr,

Abner, Sie blöder Draufschläger, der Sie sind.“

Mr. Abner saß zusammengekauert in seinem Stuhl und schien nicht mehr

zuzuhören.

Mr. Collins fuhr in dem, was er sagen wollte, mit einer eiskalten Stimme

ruhig fort: „Wir haben die Quittungen, daß Yanyez vierhunderttausend

Dollar in acht Schecks von uns empfangen hat. Diese Schecks sind bei der

Bank eingelöst worden. Auch das weiß das mexikanische Konsulat. Der Mann

Yanyez ist mit Ihnen zuletzt gesehen worden. Er hat in Ihrem Hause

gewohnt. Das Geld hat er nicht heimgeschickt. Wer denken Sie wohl,

Abner, wer das Geld haben muß? Meinen Sie nicht, daß der das Geld hat,

nach Meinung des Staatsanwaltes haben muß, der mit Yanyez in einem Auto

fortgefahren ist und allein wiederkam, in dessen Automobil Blut und

blutverklebte indianische Haare gefunden wurden, in dessen Hause Yanyez

lebte, in einem Hause, das kurz vor der Ankunft des Yanyez rasch

gemietet wurde? Meinen Sie nicht, Abner, daß man zuerst an den Mann

denken wird, der Yanyez von Mexiko lockte, um ihn hier in seinem Hause

zu haben, an den Mann, der am besten wußte, wieviel Geld Yanyez hatte

und wo er es aufbewahrte?“

Mr. Abner sagte nichts und rührte sich nicht. Er war grau und zerfallen.

Sein Haar wirr und naß.

Mr. Collins drückte auf einen Knopf.

Dann kamen der Notar, der erste Vizepräsident, ein Sekretär und der

erste Syndikus der Company.

Der Notar setzte das Affidavit auf, in dem Mr. Abner auf seinen Eid

bekundete, daß er Senjor Hacinto Yanyez auf der Reise seinen Namen

schreiben gelehrt habe, damit Yanyez die Grenze passieren könnte, und

daß er zugegen gewesen sei, als Yanyez den Verkaufskontrakt, die Kopien

und die Quittungen für die Schecks unterzeichnet habe.

5

Nachdem sich die Herren wieder entfernt hatten, Mr. Collins und Mr.

Abner allein waren, sagte Mr. Collins ruhig: „Sie sind aus unserer

Company entlassen. Hier ist das Zeugnis. Es ist darin gesagt, daß Sie

freiwillig gehen, um einen Posten in China zu übernehmen.“

„Danke“, sagte Mr. Abner kurz, als er das Zeugnis, das in einem Umschlag

war, in Empfang nahm.

„Brauchen Sie noch mehr Geld, Abner? Oder haben Sie genug an dem, das

Sie in der Sache bereits gemacht haben?“ fragte Mr. Collins.

Absichtlich oder unabsichtlich legte er einen ironischen Ton in seine

Frage.

„Ich könnte noch fünfzigtausend gebrauchen“, sagte Mr. Abner, der durch

die Amtshandlung des Notars seine knöcherne Ruhe wiedergefunden zu haben

schien.

„Sie sind unverschämt wie – ich weiß nicht, wie ich Sie vergleichen

soll“, sagte Mr. Collins.

Und frech erwiderte Mr. Abner: „Sagen Sie ruhig: Gierig wie der

Präsident einer Oil-Company.“

„Das konnten Sie sich sparen, Abner“, sagte Mr. Collins. „Das konnten

Sie sich wahrhaftig sparen, denn es ist zu billig. Aber es beweist mir

nur erneut, daß Ihnen Geist fehlt. Denn hätten Sie auch nur eine Spur

von Geist, dann hätten Sie nicht eine Reihe solcher Dummheiten machen

können. Man kann wohl eine Dummheit begehen, aber gleich drei Dutzend,

gleich ein halbes Hundert von Dummheiten zu machen, dazu gehört ein

Übermaß von Idiotie. Aber es ist ja nicht meine Aufgabe, Sie zu

erziehen. Einen Rat aber will ich Ihnen denn doch noch geben. Ich weiß

nicht, was Sie zu tun gedenken, den Revolver oder rasche Abreise, aber

was ich Ihnen rate, ist das: Was Sie auch immer zu tun gedenken, tun Sie

es innerhalb vierundzwanzig Stunden; denn wenn Huerta in Mexiko nicht

bald losschlägt, dann kommen Sie nicht mehr davon. Dann haben Sie nicht

einmal mehr Zeit, den Revolver zu laden.“

6

Mr. Abner hatte Glück. Huerta schlug los, wie die Oil-Companien erwartet

hatten. Ob sie es auch befohlen hatten, zu dieser Zeit loszuschlagen,

wird man so bald nicht erfahren.

Die mexikanische Regierung hatte keine Zeit mehr, sich um eine so kleine

Sache wie eine Weiße Rose zu bekümmern; denn die große Heimat

derjenigen, die das Land durch eine lange und schwere Revolution

gerettet hatten für das mexikanische Volk, kam in Gefahr, wieder

verlorenzugehen an diejenigen, die den Untergang alter verrotteter

Zustände beweinten und alles haßten, was nicht den Talmiglanz des

Porfirismo aufgeklebt hatte.

Huerta gelang es, mit Hilfe von Generalen, die in der neuen Zeit nicht

jene großen mühelosen Einkünfte erzielen konnten, die sie im alten

Regime gehabt hatten, Veracruz zu nehmen und zu halten. Der Gouverneur

in Jalapa mußte aus seinem Amte gehen. Als Colonel übernahm er ein

Bataillon, um mit der Regierung gegen Huerta zu kämpfen. Landsleute

gegen Landsleute. Väter gegen Söhne. Brüder gegen Brüder.

Die Huerta-Leute ergriffen auch Yucatan. Erschossen den

Arbeitergouverneur des Staates. Und um ganz sicher zu gehen, auch seinen

Sohn. Überall, wo Huerta hinkam, begann ein Erschießen und Erhängen der

Arbeiterführer und der Syndikalisten.

Öltankschiffe der amerikanischen Companien brachten in den Tiefen ihrer

leeren Tanks die Waffen herein, um das Land immer mehr und tiefer

aufzuwühlen.

Aber Tampico, das Huerta ebenso leicht hätte nehmen können, blieb

unbesetzt; denn von hier wurde der Reichtum des Landes, um den der

Bruderkrieg ging, das Öl, verladen. Dieser Hafen mußte offen bleiben, um

zu zeigen, wo die Auftraggeber wohnten und wer sie waren.

16

1

Die Rosa Blanca war nun geworden Lote Nr. 119 bis Lote Nr. 176. Hier

wurde gearbeitet. Hier wurde produziert. Hier wurden Milliarden gemacht,

während das mexikanische Volk zu vertrotteln schien und sich die Köpfe

zerschlug und die Leiber zerfleischte, damit hier in aller Ruhe und ohne

die unbequeme Aufsicht der Regierung das reiche, schwarze bebende Blut

der mexikanischen Erde, das Öl, in unerhörten Massen fortgeschafft

werden mochte.

Was kümmerte sich der Mexikaner darum, daß die großen Companien in

dieser Zeit des Bruderkampfes tun durften und taten, was sie nur immer

wollten! Keine Konzessionen wurden geachtet, keine Verträge eingehalten,

Recht und Unrecht verwischten sich. Was man nicht freiwillig bekam,

wurde erzwungen durch Mord, durch Raub, durch Verschleppung. Der

Mexikaner war den Companien wieder einmal gefällig, tat, was sie

wollten. Er schlug sich mit seinen Brüdern herum, während die fremden

Magnaten ihm ruhig und lachend und höhnend den letzten Fetzen Hemd vom

Leibe zogen. Sein Land und die Wohlfahrt seines Volkes war dem Mexikaner

nicht wichtig. Viel wichtiger war ihm, daß nicht Senjor X.

Gouverneur war, und nicht Senjor Y. Präsident und nicht Senjor Z.

Oberbürgermeister. Wer Gouverneur oder Präsident oder Oberbürgermeister

werden sollte, das war ihnen auch gleichgültig. Wenn es nur der nicht

war, der es augenblicklich gerade war. Sie waren noch nicht so reif

geworden, um zu erkennen, daß sie mit ihrem Zerfleischen des eigenen

Volkes nur die Werkzeuge der Magnaten waren. Sie glaubten große

Patrioten zu sein, glaubten ihr Land zu befreien, und sie waren doch nur

die Sklaven der fremden Kapitalisten. Denn wenn es zum Ende kam,

bezahlten nicht die fremden Kapitalisten die Zeche, sondern wieder das

mexikanische Volk.

2

So konnte es geschehen, daß die Rosa Blanca vergessen wurde und daß Lote

Nr. 119 bis Lote Nr. 176 der Condor Oil Company Weltruf bekam. Rosa

Blanca war jetzt verschmiert, verölt, verräuchert, verqualmt, verdreckt.

Sie war erfüllt von dem Stöhnen, Ächzen, Dröhnen, Rattern und Fauchen

der Maschinen, der Pumpen, der schweren Lastautomobile. In ihrem

eintönigen ermüdenden Rhythmus rasselten die Bohrer auf und nieder, Tag

und Nacht und Nacht und Tag. Die Driller wurden von ausschwenkenden

Rohren erschlagen, die Tooldresser von fallenden Hebern zermalmt, die

Hilfsleute wurden eingeholt von dem schweren Stahlkabel und stückweise

aufgerädert auf das Seilrad. Aber die Bohrer rasselten auf und nieder,

auf und nieder, Tag und Nacht und Nacht und Tag. Wer zerfleischt wurde,

zählte nicht mehr mit und war sofort vergessen. Sofort war ein anderer

da, der den Bohrer Gott bediente. Denn man zahlte dreißig Dollar den Tag

dem Manne, der den Bohrer leitete, dem Driller. Und für dreißig Dollar

den Tag muß man etwas wagen.

Es wurde mit einer Raserei gearbeitet, die bis dahin unerhört gewesen

war. Die gute Zeit, daß sich die Mexikaner gegenseitig zersäbelten und

zerschossen, mußte ausgenutzt werden. Niemand sah während dieser Zeit

auf die Rechtsgültigkeit der Konzessionen und Kontrakte. Darum heraus

mit allem Öl, das nur herausgeholt werden kann! Denn wenn sich die

Mexikaner wieder vertragen, dann ist die schöne Zeit der Gesetzlosigkeit

vorüber; dann können sogar die Kontrakte der Rosa Blanca nachgeprüft

werden.

Darum heraus mit dem Öl!

Und die Compadres alle schleppten Rohre, und sie sahen aus wie in Ketten

laufende Sklaven. Alles, alles sah so aus, wie Hacinto es einst in

seiner Vision gesehen hatte.

3

Dann endlich kam der erste Brunnen auf der Rosa Blanca ein.

Hundertzwanzigtausend Hektoliter tägliche Produktion. Es wurde in die

ganze Welt hinaustelegraphiert. Alle Welt hörte davon. Nur nicht die

Mexikaner. Die kämpften darum, wer nicht Präsident sein sollte. Die

hatten keine Zeit, Telegramme zu lesen und nachzusehen, was man mit

ihrer Erde tat.

Vier Tage darauf kam der zweite Brunnen ein mit neunzigtausend

Hektoliter täglicher Produktion. Und jeder Hektoliter, jedes Barrel, ein

schöner grüner amerikanischer Dollar in die Taschen der Aktionäre der

Condor Oil Company.

In derselben Woche der dritte Brunnen mit hundertzehntausend Hektoliter

Tagesproduktion. Und so ging das nun jeden Tag. Hunderttausend Barrels,

sechzigtausend, hundertzwanzigtausend, vierzigtausend.

4

Mr. Collins saß in seiner Office und las die Telegramme der einkommenden

Brunnen. Die Brunnen schienen unter sich einen Wettlauf veranstaltet zu

haben, wer von ihnen die höchste Zahl an Barrels produzieren könnte.

„Die Jacht des Königs von England für Betty?“ sagte Mr. Collins. „Nicht

für mich. Nicht für Betty. Gegen die Jacht, die Betty jetzt bekommt,

soll die Jacht des Königs von England aussehen wie ein ausgedientes

Fischerboot.“

Er nahm das Telephon und sprach mit Betty. Redete sie an mit „My

empress“. Fürstin genügte ihm nicht mehr. Darum erhob er sie zur

Kaiserin. Ihm fehlte nur noch der Dom, in dem er sich zu krönen

gedachte, sie zur Seite. Aber da fiel ihm ein, daß er den Baptisten eine

Kirche versprochen hatte. Und es war schade, daß man sich in den Staaten

nicht zum Kaiser krönen lassen kann. Nicht um seiner selbst willen, wohl

aber Bettys wegen würde man ihm den Kaiser geglaubt haben.

Als er das Telephon absetzte, brachte seine erste Sekretärin, die Ida,

eine Zeitung herein.

Sie hielt die Zeitung aufgeregt in der Hand und sagte: „News, Mr.

Collins, große Neuigkeiten.“

Die Weiße Rose · 第 12 / 14 题