Für einen Augenblick sagte niemand etwas.
Der Gouverneur sah Senjora Yanyez an in einer Weise, als sähe er sie
nicht.
Dann sprach die Frau erregt: „Er kann ja gar nicht schreiben, der
Hacinto. Hat es nie gelernt. Kann auch nicht lesen. Alles, was zu
schreiben ist auf der Hazienda, das schreibe ich. Ich habe es in der
Schule gelernt. Bin sieben Jahre in die Escuela Mixta, in die gemischte
Schule in Tuxpam gegangen. Jetzt schreibt alles der Domingo hier, den
wir auch in die Schule geschickt haben. Aber Hacinto kann nicht
schreiben.“
„Also Hacinto kann nicht schreiben“, sagte der Gouverneur und setzte
sich wieder.
Die Frau, die noch immer die Dokumente in der Hand hielt, blickte wie
verloren noch einmal über die Unterschriften, sah auch die Unterschrift
der Quittung, verglich beide Unterschriften und sagte dann: „Außerdem,
Senjor Gouverneur, ist der Name falsch geschrieben. Wir schreiben
unseren Familiennamen nicht mit einem Y in der Mitte, sondern mit einem
N und mit einer Tilde darüber. Nur am Anfang schreiben wir den Namen mit
einem Y, in der Mitte nicht.“
Der Gouverneur nahm die Dokumente der Frau aus den Händen, sah
gleichfalls auf die Unterschriften und sagte: „Das ist richtig. Ist mir
zuerst gar nicht aufgefallen. Die Amerikaner schreiben Yanyez in der
Mitte mit einem Y, weil sie kein N mit Tilde haben. Aber Mexikaner
schreiben den Namen nie in der Weise. Wunder, daß dies dem Konsul nicht
aufgefallen ist.“
„Kein Wunder“, mischte sich der Sekretär ein, „daß es dem Konsul nicht
aufgefallen ist. Es kann jedermann seinen Namen schreiben, wie es von
seinem Vater übernommen wurde. Auf die Schreibung von Namen finden die
Regeln der Orthographie keine Anwendung. Und ob der Name so oder so
geschrieben wird, er bleibt in der Aussprache ja immer der gleiche.“
„Hören Sie nun gut zu, Donja Concepcion“, sagte der Gouverneur
freundlich zu Senjora Yanyez. „Wir werden sofort eine Untersuchung
darüber einleiten, was hier an der Sache richtig und was unrichtig ist.
Ich darf Ihnen hier amtlich nicht sagen, was ich denke; denn die
Dokumente sind gesetzlich einwandfrei, ganz gleich, was dahinter an
Unrichtigkeit verborgen sein mag. Ich bin verpflichtet als Gouverneur,
die Dokumente als zu recht bestehend anzuerkennen, und ich bin
verpflichtet, dem, der auf Grund dieser Dokumente das Recht hat, sich
Besitzer zu nennen, zu seinen Rechten zu verhelfen. Wenn nicht anders,
dann mit militärischer Gewalt.“
„Das heißt also“, sagte Senjora Yanyez erschreckt, „daß wir die Hazienda
nicht mehr besitzen, daß wir und alle Leute herunter müssen von unserm
Land.“
„Das ist richtig, Donja Concepcion. Die Company ist augenblicklich im
Vorteil. Da können wir nichts tun. Die Company kann auf Grund der
Dokumente hier die amerikanische Regierung anrufen, und die
amerikanische Regierung wird dann auf diplomatischem Wege unsere
Regierung zwingen, die Hazienda an den neuen Besitzer zu übergeben und
ihn in jeder Weise in seinen Rechten zu unterstützen, selbst gegen ihre
eigenen Bürger. Wenn Sie, Donja Concepcion, ähnliche Dokumente vorweisen
können auf eine Hazienda, die in den Staaten ist, dann müßte Ihnen die
amerikanische Regierung dort oben genau so gut helfen wie unsere
Regierung den amerikanischen Bürgern hier in Mexiko helfen muß, wenn
einwandfreie Dokumente die Besitzrechte klarstellen. Das sind
internationale Rechte, die hier walten. Und nur dann, wenn wir in der
Lage sind, zu beweisen, daß die Dokumente auf ungesetzliche oder gar
verbrecherische Weise erlangt wurden, daß also die Dokumente den
wirklichen Tatbestand unrichtig wiedergeben, können wir eingreifen und
die Besitzübernahme vertagen, bis eindeutig und unzweifelhaft der
wirkliche Besitzer festgestellt ist. In einem solchen Falle würde
derjenige im Besitz und in der Nutznießung der Hazienda bleiben, der sie
augenblicklich im Besitz hat. Das wären also Sie und Ihr Sohn. Aber wir
können Sie nicht in dem Besitz lassen, weil bis jetzt die Dokumente als
echt angesehen werden müssen. Klar gesagt, die Dokumente an sich sind
echt. Wir, aber nur wir hier, bezweifeln die Echtheit der Unterschrift
des Don Hacinto. Daß diese Unterschrift unecht ist, müssen wir erst
beweisen.“
„Aber Hacinto kann doch nicht schreiben“, wiederholte die Frau
eigensinnig.
„Das weiß ich, Senjora. Aber wir müssen es beweisen. Und das ist
schwer.“
„Schwer?“ rief die Frau erstaunt aus. „Schwer, wenn ich alles schreiben
mußte, weil er nicht schreiben konnte?“
„Es kann ihm ja jemand die Hand geführt haben, Donja Concepcion. Wir
wissen das jetzt noch nicht.“
Daran hatte Senjora Yanyez nicht gedacht. Sie sah alle Hoffnungen, die
aufgekeimt waren, schwinden.
„Sie müssen bedenken, Senjora“, sagte der Gouverneur, „daß die
Unterschrift und der Verkaufsabschluß von mehreren Zeugen bestätigt
worden sind. Alles Leute, die in angesehenen Stellungen sind.“
„Diese Leute sind Betrüger“, schrie Senjora Yanyez.
„Sie dürfen das sagen, ich nicht. Der Kontrakt und die Unterschriften
sind außerdem amtlich bestätigt von einem vereideten Notar.“
„Alle Notare und Licenciados sind Betrüger“, sagte die Frau.
„Mag sein“, lachte der Gouverneur. „Aber wenn ich oder unser Konsul in
San Francisco sagen, der amerikanische Notar ist ein Schwindler, so kann
das sehr wohl zu einem Kriege zwischen unserm Lande und den Staaten
führen. So schlicht läßt sich die Angelegenheit nicht zu Ihren Gunsten
lösen. Leider nicht. Ich glaube nicht, daß Hacinto die Rosa Blanca
verkauft hat. Das ist sicher. Aber was ich glaube, das gilt amtlich
nicht. Ich komme also zu dem, was ich Ihnen nun sagen muß, Donja
Concepcion. Es tut mir wehe, es Ihnen sagen zu müssen, aber es ist meine
Pflicht als Gouverneur. Die Company ist im nominellen Besitz der
Hazienda. Sie müssen ihr weichen, und alle Leute müssen hinaus. Da ist
nichts dagegen zu tun. Wenn ein Betrug vorliegt und wenn wir den Betrug
beweisen können, dann erhalten Sie die Rosa Blanca zurück mit allem
Schaden ersetzt, den Sie materiell erlitten haben. Aber augenblicklich
sind Sie im Nachteil. Ich werde mich sofort mit der Company in
Verbindung setzen, und ich werde versuchen, die Company zu bewegen, daß
Sie und so viele Familien wie möglich auf der Hazienda bleiben dürfen,
bis sie alle die Ernte herein haben. Die Company beginnt wohl nicht
gleich an allen Stellen zur selben Zeit zu bohren, so daß genügend Raum
offen bleibt für Sie und für zahlreiche andere Familien.
„Aus allen den Gründen, die ich Ihnen sagte, möchte ich Sie bitten, den
Ingenieuren keine Schwierigkeiten dort zu bereiten. Die Ingenieure sind
ganz und gar schuldlos. Die sind Arbeiter, die von der Company bezahlt
werden und darum tun müssen, was die Company ihnen befiehlt. Wollen Sie
mir versprechen, Donja Concepcion, und auch Sie“ – er wandte sich an den
Sohn –, „meiner Bitte zu folgen und den Besitzwechsel vorläufig
anzuerkennen?“
„Den Besitzwechsel erkennen wir nicht an, nie, niemals“, rief die Frau
erregt. „Wir haben auch nicht einmal das Geld. Nur wenn mir Hacinto
selbst sagt, daß er die Hazienda verkauft hat, dann will ich es gern
glauben, auch wenn man ihm alles Geld gestohlen hat. Aber so lange mir
das Hacinto nicht selbst gesagt hat, erkenne ich nichts an und glaube
ich nichts und behaupte, das ist ein infamer Betrug der Gringos, die
unsere Hazienda haben wollen.“ Sie schwieg.
Der Gouverneur sah sie ruhig an, ohne ein Wort zu sagen.
Und unter dem Blick des Mannes, der so freundlich und so klar zu ihr
gesprochen hatte, der ihr Gast gewesen war und dort in ihrem Hause so
fröhlich gewesen war, begann sie sich zu beruhigen, als säße sie ihrem
Vater gegenüber, der ihr nur Gutes wollte.
Sie schluckte einige Male, als ob sie aufkommende Tränen unterdrücken
müßte oder Worte, die sie nicht sagen wollte.
Dann, noch immer unter dem ruhigen Blick des Gouverneurs stille haltend,
sagte sie endlich ganz leise: „Gut, Senjor Gobernador, die Ingenieros
mögen kommen und arbeiten, so viel sie wollen. Ich werde allen Leuten
sagen, daß man sie in Ruhe läßt.“
Der Gouverneur stand auf, ging um seinen Tisch herum, kam zu der Frau,
ergriff langsam ihre Hände wie einem Kinde, schüttelte die Hände, und
endlich küßte er sie. Dann sagte er ebenso leise, wie die Frau
gesprochen hatte: „Ich danke Ihnen, Conchita“ – Conchita ist der
Kosename für Concepcion –, „ich danke Ihnen, daß Sie mir mein Amt
erleichtern. Vergessen Sie nicht, daß Sie einen Freund in mir haben.
Nicht nur als Gouverneur, sondern mehr als Ihr Freund und als der Freund
Hacintos, verspreche ich Ihnen, daß ich mit allen Kräften arbeiten
werde, die Wahrheit herauszufinden. Und ich verspreche Ihnen, daß, wenn
ich die Wahrheit gefunden habe, daß dann die Weiße Rose nicht umsonst
gebrochen wurde. Wenn sie auch vielleicht nicht mehr blühen kann in
ihrer Schönheit, so soll sie doch nicht verwelken, nimmer verwelken. Sie
soll eine Frucht tragen, die reifen wird. Und der Beginn der Reife soll
der Anfang sein der Befreiung des Landes und seiner Bürger, damit wir
ein Land besitzen, in dem eine jede Rose, ob weiß, oder rot, die
Freiheit haben soll, zu blühen so schön sie will und so lange sie mag.“
Die Frau verstand seine Worte nicht. Aber sie fühlte ihren Sinn, und sie
trug ihn in ihrem Herzen gleich dem ewigen Glauben der Menschen an eine
endliche Erlösung aus aller Pein.
13
1
Der Gouverneur reiste Ende der Woche nach Mexiko City. Er suchte
Licenciado Perez auf, fand ihn aber nicht in seiner Office.
Am späten Nachmittag ging der Gouverneur in ein Restaurant, wohin er
sich mit einigen Senatoren verabredet hatte, um dort mehrere Sachen
politischer Natur mit ihnen zu beraten. Als er den großen Saal des
Restaurants betrat, sah er in einer Nische den Licenciado mit seiner
Frau sitzen und Tee trinken. Er ging sofort zu ihm und bat ihn um eine
kurze Unterredung. Die beiden Herren setzten sich an einen der kleinen
Tische.
„Don Hacinto hat die Rosa Blanca verkauft“, sagte der Gouverneur ohne
jede Einleitung.
„Ja, das ist richtig“, antwortete Senjor Perez, „ich habe als
gesetzlicher Vertreter die Akten zur Registrierung an die Regierung
geschickt.“
„Ist Ihnen an den Dokumenten etwas aufgefallen?“ fragte der Gouverneur.
Licenciado Perez blickte scharf auf: „Warum, Senjor Gobernador? Ja. Mir
ist daran aufgefallen, daß die Dokumente nicht in der Office unseres
Konsuls unterzeichnet wurden. Aber das kann gute Gründe haben. Die
Urkunden sind rechtsgültig bestätigt vor einem öffentlichen
amerikanischen Notar. Alle Unterschriften und die Übersetzung sind
jedoch von unserm Konsul bestätigt, der alle Unterzeichner persönlich
kennt.“
„Kannte unser Konsul auch Don Hacinto persönlich, als er die
Unterschriften bestätigte?“ fragte der Gouverneur.
„Das kann ich nicht wissen“, antwortete Senjor Perez.
„Haben Sie von uns schon die amtliche Bestätigung erhalten, daß die
Dokumente registriert sind?“ fragte der Gouverneur.
„Die amtliche Bestätigung habe ich noch nicht in Händen, aber Senjor
Jazmines vom Registeramt hat mir auf meine Anfrage mitgeteilt, daß die
Registrierung erfolgt sei“, sagte Senjor Perez.
„Das ist richtig. Die Registrierung ist erfolgt“, bestätigte der
Gouverneur. „Ehe Sie der Company mitteilen, daß die Registrierung
erfolgt ist, möchte ich Sie noch sprechen. Wenn irgend möglich morgen
schon, weil ich übermorgen früh zurückreisen muß.“
„Gut“, antwortete der Licenciado. „Morgen ist zwar Sonntag, aber ich
werde um elf Uhr in meiner Office sein, und wir können dort allein und
ungestört sprechen.“
„Bueno, also morgen um elf“, sagte der Gouverneur. „Entschuldigen Sie
mich jetzt, Licenciado, dort sind die Herren, mit denen ich zu
verhandeln habe.“
2
Als der Gouverneur und der Licenciado am nächsten Morgen beisammensaßen,
schoß der Gouverneur sofort auf sein Ziel los: „Ist es Ihnen nicht
aufgefallen, daß Don Hacinto so rasch verkaufte, sobald er dort in San
Francisco war?“
„Nein, das ist mir nicht aufgefallen. Um so weniger, als man ihm nun in
Dollars zahlte, was ich ihm nur in Pesos geboten hatte. Einer so hohen
Summe konnte er wohl nicht widerstehen.“
„Don Hacinto hat den Kontrakt unterschrieben, im Original und in allen
Kopien“, sagte der Gouverneur.
„Ja, das hat er“, bestätigte der Licenciado.
„Wissen Sie, Licenciado“, fragte nun der Gouverneur scheinbar sehr
ruhig, „daß Don Hacinto nicht schreiben kann?“
„Was?“ schrie Senjor Perez. „Er kann nicht schreiben?“
„Nein, keinen einzigen Buchstaben.“
Nach einer Weile ruhigen Überlegens sagte Senjor Perez: „Man kann ihm
die Hand geführt haben. Das ist gesetzlich zulässig.“
„Richtig. Aber dann muß das in einem so wichtigen Dokument ausdrücklich
bestätigt werden von einem Notar, ebenso wenn an Stelle des Namens des
Unterzeichners, der des Schreibens unkundig ist, eine Figur oder drei
Kreuze gemalt werden.“
„Ja, Sie haben recht, Gouverneur“, sagte der Anwalt, „das hätte
bestätigt werden müssen, um Rechtskraft zu bekommen.“
Der Gouverneur dachte eine Weile nach.
Endlich sagte er: „Nun einige andere Fragen, Licenciado. Einige
Rechtsfragen.“
„Bitte, fragen Sie.“
„Halten Sie es für möglich, daß die Zeugen, die unterzeichnet haben, der
Syndikus, der Notar, der Vizepräsident, Schurken sind?“ fragte der
Gouverneur.
Senjor Perez lachte laut heraus: „Aber, Senjor Gobernador, das ist eine
Frage! Wie kann ich wissen, ob alle diese Leute Schurken sind. Sie alle
sind angesehene Herren, achtbare Männer vor dem Gesetz und vor der
großen Öffentlichkeit. Was sie in ihrem wahren Charakter sein mögen, der
einer Öffentlichkeit nicht bekannt ist, kann natürlich niemand wissen.
Und was weder Gesetz noch Öffentlichkeit wissen, darf uns nicht kümmern,
was immer wir auch von jemand denken mögen in unserer privaten Meinung.“
„So ungewöhnlich ist jedoch meine Frage nicht“, rechtfertigte sich der
Gouverneur. „Ich will mich klarer aussprechen. Gesetzt den Fall, es
liegt hier ein Verbrechen oder, sagen wir milder, eine Ungesetzlichkeit
vor, glauben Sie, daß so viele achtbare Männer bei einer so
folgenschweren Ungesetzlichkeit Hilfe leisten würden?“
„Nein, das glaube ich nicht“, sagte der Licenciado. „Jeder einzelne
dieser Herren mag vielleicht eine schwere Ungesetzlichkeit begehen.
Warum nicht? Aber keiner von denen wird je irgend etwas Ungesetzliches
tun in Gemeinschaft anderer. Das ist gefährlich. Ein solcher Mann ist
immer in Händen dessen, der Zeuge war. Dazu sind solche Männer zu
intelligent und zu vorsichtig.“
„Das ist es, das ist es ganz genau, was ich dachte“, erwiderte der
Gouverneur. „Wenn also hier eine Ungesetzlichkeit vorgekommen ist, so
ist es durchaus möglich, daß keiner der Zeugen weiß, was vorgekommen
ist?“
„Ich verstehe nicht ganz, was Sie meinen, Gobernador.“
„Gut. Also ich meine: Waren alle Zeugen gleichzeitig zugegen, als Don
Hacinto den Kontrakt und die Kopien unterschrieb?“
„Das kann ich nicht wissen“, sagte der Licenciado der Wahrheit gemäß.
„Freilich nicht, Senjor Perez, freilich können Sie das nicht wissen;
denn Sie waren ja selbst nicht zugegen. Wie geht denn das gewöhnlich zu
bei einer solchen Vertragsabschließung?“
„Ah, Gobernador, jetzt endlich habe ich begriffen, worauf Sie
hinzielen“, sagte Senjor Perez. „Ein Vertrag, besonders ein so wichtiger
Vertrag wie dieser hier, wo es sich um ein großes Objekt handelt, soll
eigentlich, um allen Bedingungen gerecht zu werden, im Beisein aller
Unterzeichner abgeschlossen werden. Soll eigentlich, aber geschieht
meist nicht, und die Gesetze sagen wenig Genaues hierüber. In vielen
Fällen, ich kann aus meiner eigenen Praxis sagen, in den meisten Fällen,
geht das so vor sich: Ein Verantwortlicher der Company, hier also war es
der erste Vizepräsident, unterzeichnet den Vertrag, der ihm von dem
Syndikus oder einer andern Person vorgelegt wird. Er unterzeichnet ihn
in seiner Office gleichzeitig mit hundert andern Kontrakten und Briefen.
Sieht meist gar nicht hin, was er unterzeichnet, weil er sich auf sein
Personal verläßt. Dann wird der Vertrag dem andern Kontrahenten
vorgelegt, hier also dem Senjor Hacinto Yanyez. Auch der unterzeichnet
ihn an dem Orte, wo ihm der Vertrag vorgelegt wird, vielleicht in seinem
Hotelzimmer. Dann geht der Vertrag zu dem einen Zeugen und dann zu dem
andern, zu jedem allein. Alle diese Unterzeichner kennen sich meist
persönlich und kennen ihre gegenseitigen Signaturen, die auch meist
registriert sind. Der Vertrag geht dann, wenn es erforderlich ist, zu
dem Notar, der die Unterschriften bestätigt, weil er ebenfalls alle
Unterzeichner persönlich und deren Unterschriften kennt. Irgendwelche
Bedenken hat er nicht, weil ihm der Vertrag eingereicht wird von einer
angesehenen und bekannten Company, über deren Rechtschaffenheit kein
Zweifel besteht. Das wird so gemacht und muß meist so gemacht werden,
weil es sehr oft ganz unmöglich ist, alle Unterzeichner an demselben Ort
und zu derselben Zeit zusammen zu haben. Der eine wohnt vielleicht in
Chicago, der andere in Albany, wieder ein anderer in Phoenix. Kommt nun
ein Vertrag mit den Unterschriften so achtbarer und bekannter Herren und
mit der Beglaubigung eines Notars versehen zu unserm Konsul oder zu
einem andern Konsul, so wird der gar keine Bedenken haben, die amtliche
Bestätigung zu geben. Er hat meist gar keine Zeit, den Vertrag genau
durchzusehen und lange darüber nachzudenken, daß an den Unterschriften
etwas nicht stimmen könnte. Man muß heute sehr viel Vertrauen sich
gegenseitig entgegenbringen. Würde man das nicht tun, gäbe es solche
Zeitverluste, daß alles Wirtschaftsleben ins Stocken geriete.“
„Es ist also dann möglich“, sagte jetzt der Gouverneur, „daß eine andere
Person und nicht Don Hacinto unterzeichnet haben kann.“
„Das ist natürlich möglich. Und bei der ganzen Vertragsabschließung
braucht nur eine einzige Person wirklich die Wahrheit zu wissen, während
alle übrigen Unterzeichner in der Tat unschuldig sind und man ihnen nach
den obwaltenden Umständen nicht einmal vorwerfen kann, daß sie
fahrlässig gehandelt hätten, weil der ganze Geschäftsverlauf in der
üblichen und gewohnten Weise vor sich gegangen ist.“
„Ganz genau so, wie ich mir gedacht habe, daß es geschehen sein könnte“,
sagte der Gouverneur. „Betrachten wir den Fall weiter. Wenn nun einer
der wichtigsten Unterzeichner, sagen wir Don Hacinto, aus der Welt
verschwindet, dann kann nie der Beweis beigebracht werden, daß er den
Vertrag nicht unterzeichnet hat.“
„Doch, Senjor Gobernador“, erwiderte der Anwalt. „Man kann seine
Unterschrift, die auf dem Kontrakt und in den Kopien, von
Sachverständigen vergleichen lassen mit andern Unterschriften, die Don
Hacinto irgendwo und irgendwann gegeben hat und von denen man ganz
zweifelsfrei weiß, daß es sich um legitime Unterschriften seiner Person
handelt.“
„Ein solcher Beweis ist aber nicht zu erbringen“, wandte der Gouverneur
ein, „wenn frühere Unterschriften des Don Hacinto nicht existieren.“
„In einem derartigen Falle dann freilich nicht“, sagte Licenciado Perez.
Der Gouverneur dachte eine Weile nach. Dann: „Wahrscheinlich war der
Mann, der an Stelle des Don Hacinto unterzeichnete, ein Mexikaner, der
sich vielleicht gar als ein Mann mit dem Namen Yanyez ausweisen konnte.
Der Name Yanyez ist ja nicht gerade häufig, aber doch genügend oft
vorhanden, um jemand mit diesem Namen vorzuschieben. Sehr möglich, daß
der vorgeschobene Mann gar nichts wußte, unterschrieb da etwas, von
dessen Inhalt er wenig verstand. Man gab ihm einige Dollar in die Hand,
und der arme Teufel tat, was man von ihm verlangte, froh darüber, daß er
so leicht zwanzig oder fünfzig Dollar verdienen konnte. Möglich, daß
jener Mann nach der Unterzeichnung verschwand. Was gilt dort drüben ein
armer mexikanischer Arbeiter. Sie werden zu Dutzenden erschlagen, und
niemand erfährt es. Wenn hier in Mexiko ein Amerikaner von Banditen
erschlagen wird, dann erfährt es sofort die ganze Welt, und die ganze
Welt entrüstet sich über die Unsicherheit in Mexiko.“
Plötzlich, gleich einem Donnerschlag, schlug die Stimme des Gouverneurs
auf den Licenciado ein: „Wissen Sie auch, Perez, daß Don Hacinto noch
nicht zurückgekehrt ist aus den Staaten?“