daß er sein Amt als mexikanischer Syndikus der Condor Oil niederlege,
weil er mit anderen Geschäften zu überhäuft sei.
Nachdem er den Brief geschrieben und in den Umschlag gesteckt hatte,
überlegte er eine Weile.
Dann sagte er zu sich: „Das wäre eine Dummheit. Wenn ich helfen will und
Einfluß haben will, muß ich drinbleiben und darf nicht hinausgehen.
Nicht mehr drin, bin ich völlig machtlos. Dann kriegt vielleicht so ein
Weiberfeger, der seine Zeit und sein Geld in den Kabaretts verludert,
das Amt. Und um mit seinen Weibern und seinen Kognakflaschen fertig zu
werden, ist er immer hinter den Dollars her und verkauft seine Seele und
die Seele aller anderen und tut alles, was die da drüben kommandieren,
ob Ehre oder nicht Ehre.“
Er zerriß den Kündigungsbrief und blieb Syndikus. Schrieb jedoch in den
anderen Brief noch hinein, daß er dringend rate, die Rosa Blanca aus dem
Spiele zu lassen, weil die Stimmung im Lande gegen die fremden
Öl-Companien und gegen ihre Manipulationen zur Zeit nicht gerade sehr
gut sei.
Als Mr. Collins den Brief las, sagte er zu dem ersten Vizepräsidenten:
„Dieser Licenciado Perez ist einer der besten Anwälte, die wir da unten
haben können. Er steht glänzend mit der Regierung und mit den drei
Gouverneuren, mit denen wir zu tun haben. Er ist ein kluger Bursche.
Diplomat. Aber er ist nicht smart. Für bestimmte Sachen ist er nicht zu
gebrauchen. Wir werden besser tun, uns nebenbei einen Curbstone
Polisher, einen Eckensteher, zu halten, der den Daumennagel auf die
Knöchelsehnen zu drücken versteht. Werde darüber nachdenken.“
9
1
Wer Mr. Chaney Collins nicht näher kannte, der mochte glauben, daß er
die Rosa Blanca aufgegeben und vergessen habe. Denn er regte sich nicht
auf, als die Telegramme und Briefe von Senjor Perez kamen. Die ganze
Erregung, die er der Rosa Blanca je zu widmen gedacht hatte, war zum
Ausdruck gekommen an jenem Tage, als der Bescheid von Senjor Perez
einlief, daß Don Hacinto nicht verkaufen wolle, selbst nicht für den
Phantasiepreis, der ihm angeboten worden war. In jener erregten Stunde,
als die eine und eine halbe Million Dollar Verpflichtung auf ihm
lasteten, versprach er sich, daß er die Rosa Blanca haben müsse. Mit
diesem Versprechen, das er sich selbst gab, war die Angelegenheit für
ihn dauernd entschieden. Die Rosa Blanca nun zu bekommen, war nur noch
eine Frage der Zeit und der darauf verwendeten Kleinarbeit.
Mr. Collins war gleich einem großzügigen Mörder. Die höchste Erregung
äußerte sich nur in jener Stunde, in der ein Mord beschlossen wurde. War
der Mord, also die Tat, erst einmal beschlossen, dann wurde er kalt und
nüchtern, konnte ruhig und klar darüber nachdenken wie über die Lösung
einer mathematischen Aufgabe. Nicht eine Spur von Erregung konnte jetzt
mehr seine Pläne beeinflussen. Das war eine andere Ursache seiner Größe
und seiner Erfolge, daß er die Erregung des Spielers nur in der Stunde
der Entscheidung hatte, in der Stunde, in der ein Plan oder richtiger
ein Ziel bestimmt wurde, und daß er, nachdem das Ziel gesetzt war, sich
in dieser Sache nie wieder erregte, sondern nüchtern blieb. Seine
Gedanken arbeiteten rein mechanisch, wenn es galt, die einzelnen
Schachzüge zu tun. Hatte er das Ziel gesetzt, so gab es für die
Betroffenen kein Entrinnen mehr. Sie waren wie eingeschlossen in einen
großen Raum. Sie glaubten sich noch frei, weil sie Türen sahen; aber sie
wußten nicht, daß die Türen geschlossen waren.
Aber die Wände des Raumes schoben sich immer enger und enger zusammen,
schlossen den Gefangenen immer dichter ein, bis endlich der Tag kam, an
dem die Wände den Gefangenen erdrückt hatten und er herausgenommen
wurde, zerbrochen und tot, um auf den Kehrichthaufen der früheren Opfer
geworfen zu werden.
2
Mr. Collins hatte die eine und eine halbe Million Dollar auf Kredit von
seiner Bank nehmen müssen. Er war die Verpflichtung eingegangen, diesen
Kredit innerhalb einer bestimmten Frist abzulösen. Und da er es
unternommen hatte, nicht nur jene eine und eine halbe Million zu decken,
sondern noch drei und eine halbe Million hinzuzuschaffen, um Betty die
eleganteste Jacht der Erde zu kaufen und noch einiges andere mehr, so
war er im Grunde vorläufig genau so gut ein Gefangener wie die Opfer,
die er sich ausgesucht hatte. Nur war er ein Gefangener, der Willen,
Aktivität und Bewegungsfreiheit hatte, Ziel und Wege kannte, um sich aus
der Gefangenschaft zu befreien, während seine Opfer in der Verteidigung
waren und statt Aktivität nur Passivität besaßen. Sie konnten nicht
angreifen, und sie mußten sich verteidigen nach seinem Willen, mit dem
er den Angriff leitete. Sie waren auch schon darum im Nachteil, weil sie
nicht sahen, wo der Feind war, wer der Feind war, mit welchen Waffen er
kämpfte, welche Verbündete er hatte und wo er angriff. So war für sie
die Niederlage schon entschieden im selben Augenblick, in dem er den
Angriff eröffnete.
Aus den laufenden Geschäften der Company hätte er das Geld, das er
herbeischaffen wollte, auch herausholen können; aber es hätte mehr Zeit
gekostet, als er darauf verwenden konnte.
Statt gleichzeitig zwanzig neue Brunnen anzubohren, konnte er den Befehl
erteilen, daß gleichzeitig fünfzig neue Brunnen gebohrt wurden. Er
durfte damit rechnen, daß von fünfzig Brunnen etwa zehn bis fünfzehn
Brunnen mit Öl einkamen. Aber nach den Erfahrungen in den Feldern, in
denen gebohrt wurde, war kaum zu erwarten, daß die einzelnen Brunnen
mehr brachten als zwischen zweitausend und achttausend Hektoliter
täglich. Ob ein Brunnen tot wird, also kein Öl zutage fördert, oder ob
ein Brunnen tausend Hektoliter Öl täglich produziert oder hunderttausend
Hektoliter täglich, das ist gleich, so weit die Bohrungskosten in Frage
kommen. Jeder Brunnen zu bohren kostet so ziemlich das gleiche, ob er
tot wird oder ob er produziert.
Wenn also Mr. Collins in einer verhältnismäßig kurz beschränkten Zeit
fünf Millionen Dollar mehr verdienen wollte als sein übliches Einkommen
war, so mußte die Condor Oil Co., die C. O. C., wie sie im Ölgeschäft
kurz genannt wurde, um keine Zeit mit langen Worten zu verlieren,
innerhalb kurzer Zeit zweihundert Millionen Dollar durch eine besonders
hoch getriebene Produktion mehr verdienen als bisher, damit auf die
Aktien, die Prämien und die Tantiemen des Mr. Collins jener Betrag extra
kommen konnte.
Wird die Produktion durch geglückte Bohrungen und durch geschickte
Spekulationen und Manipulationen auf dem Markte derart hoch getrieben,
so verdiente nicht nur Mr. Collins in wenigen Wochen mehr als bisher,
sondern ebenso auch alle übrigen Aktionäre und Aufsichtsratsmitglieder.
Darum hat Mr. Collins alle jene Leute als Verbündete, weil auch sie alle
ihre besonderen Mehrausgaben für ihre Betties, Jachten und ähnliche
notwendige und unentbehrliche Zerstreuungen haben. Manche von ihnen
begrüßen eine erhöhte Dividende aus ihren Aktien mit noch größerer
Freude als vielleicht Mr. Collins; denn alle sitzen trotz ihrer
Riesenvermögen irgendwo fest, sind irgendwo verwickelt in Spekulationen,
müssen Erpresser und Erpresserinnen befriedigen, sind Käufe und
Verpflichtungen eingegangen und haben jeder einzelne ein Heer von
Faulenzern, die in Luxus leben wollen, an den Rockzipfeln hängen, ein
Heer von Verwandten und Nichtverwandten, die sich nicht abschütteln
lassen. Da zahlreiche ihrer Geschäfte, wohl die meisten ihrer Geschäfte,
immer gerade noch so haardicht an den Maschen des Gesetzes
entlanggleiten und zuweilen, in unbedachten Momenten, in die Maschen
hineinschlüpfen, so müssen Polizeigewaltige, Richter und politische
Athleten bezahlt und immer aufs neue bezahlt werden, Hunderttausende von
Dollar müssen an die politische Partei, die am Ruder ist, sagen wir, die
Republikanische Partei, bezahlt werden, und ist eine Sache gar zu heiß
geworden, dann muß eine Kirche gebaut werden oder ein Hospital oder eine
Bibliothek, um sich wieder aus den Maschen zu befreien. Heere von
Agenten und Spitzeln sind im ständigen Gehalt. Zeitungen müssen
aufgekauft oder gut ausbezahlt werden.
Die Verbündeten also, die Mr. Collins hat, sind die besten Verbündeten,
die man haben kann. Sie brauchen eine unerwartet hohe Nebeneinnahme so
dringend wie er. Und sie sind auch darum gute und die besten
Verbündeten, weil alle ihre Beziehungen haben. Der Schwager des einen
ist Polizeipräsident, der Bruder des andern Oberstaatsanwalt, der Vetter
eines andern Kongreßmitglied und die Schwester wieder eines andern hat
zu ihrem zweiten Bettgenossen ein Mitglied des Kabinetts.
Mit solchen Verbündeten läßt sich natürlich gut und leicht kämpfen.
Der Indianer Hacinto Yanyez hat solche gute Verbündete nicht. Darum ist
er auch hier wieder im Nachteil.
Was immer Mr. Collins auch tun mag, um seine Ziele zu erreichen und
seine Pläne durchzusetzen, solange jene Pläne den Erfolg haben, den man
von ihnen erwartet, also höhere Dividenden herauszuholen, wird es
sanktioniert von allen, die an der großen Schüssel sitzen. Und alle tun
ihre Bestes dazu, daß die Pläne sich verwirklichen. Denn in den langen
und verzweigten Kanälen fließen einige zehn Dollar gelegentlich selbst
bis zu jenem Polizisten, der von seinem ordentlichen Gehalt auf keinen
Fall seine große Familie ernähren und seine Söhne und Töchter auf das
College zum Studieren schicken kann, damit sie nicht wie er Polizisten
zu werden brauchen oder Stenotypisten, sondern Bankbeamte, und sie
dadurch dem Schüsselrande näher kommen als der Vater war.
3
Die sozialistischen und die kommunistischen Zeitungen haben zuweilen
sogenannte Brumm-Redakteure, die alle Strafen, die auf die Zeitung
fallen, in irgendeiner Form abzubrummen haben, damit die wertvolleren
Arbeitskräfte der Zeitung erhalten bleiben.
Einen solchen Brummer hatte auch die Condor Oil Co. Dieser Brummer war
gegenwärtig ein Mr. Abner. Ursprünglich deutscher Herkunft. Sein Vater
hatte noch Ebner geheißen. Mr. Abner hatte College und Universität
besucht. Hätte er das nicht getan, so wäre er vielleicht ein ehrenwerter
Chauffeur oder Mechaniker geworden und hätte sich recht und wacker
durchs Leben geschunden, hätte gute amerikanische Bürger gezeugt, wäre
endlich eines Tages mit Anstand gestorben und eine Woche lang von seiner
zurückgelassenen Witwe und jenen neuerzeugten amerikanischen Bürgern,
nach Einkassierung seiner Lebensversicherung, geziemend beweint und
sachgemäß betrauert worden.
Aber Mr. Abner wollte im weißen Kragen gehen, auch des Werktags. Und
darum kam er nach Beendigung seiner Studien als Junior in ein
Anwaltsbüro, wo er alle die kleinen Schundsachen machen mußte, die ein
Anwalt mit aufnimmt, um sein Büropersonal beschäftigen zu können, damit
es nicht an den Bleistiften saugt und zum Fenster hinaussieht.
Mr. Abner war auch schon in jenem Anwaltsbüro ein Brummer gewesen. Jede
dreckige und jede windige Sache, die bei dem Anwalt unterlief, hatte Mr.
Abner, der Juniorteilhaber der Firma, zu verantworten. Er war der
stinkende Anwalt, während der Senior immer reine Hände behielt und alles
Geld einkassierte, ob es aus dem Gestank einer schmierigen Ehescheidung
kam oder aus dem Mistpfuhl einer Erpressung oder aus den
Schadenersatzklagen eines Gauners, der sich mit einem Stein das
Schienbein zerschlug, sich dann vor ein elegantes Automobil warf, von
dem er nicht überfahren, sondern nur gestreift wurde, und endlich aus
der Versicherung des Autobesitzers dreitausend Dollar herausschindete,
von welchem Betrag der Seniorteilhaber des Mr. Abner die Hälfte abbekam.
Auf allerlei verzwickten und gewundenen Pfaden und mit Hilfe eines
Ladenfräuleins, durch die er Bettschwager eines Aufsichtsratsmitgliedes
der Condor Oil wurde, gelang es Mr. Abner endlich, in der Condor Oil
Company zu landen. Er erhielt fünfundsiebzig Dollar die Woche, einen
jährlichen Weihnachtsbonus von dreihundert Dollar und wurde sechster
Syndikus der Condor Oil Company.
Mr. Collins, der ein gutes Auge für die Talente seines großen Personals
hatte, erkannte bald die weiten Fähigkeiten des Mr. Abner als Brummer.
Um ihn vorteilhafter gebrauchen zu können, machte ihn Mr. Collins zum
dritten Junior-Vizepräsidenten mit hundertfünfundzwanzig Dollar die
Woche, gab ihm zwei Aktien und Anrecht auf Prämien für Dinge, die Mr.
Abner geknobelt hatte. Mr. Collins hatte ihm bei der Rangerhöhung und
Lohnerhöhung gesagt, daß er, Mr. Abner, für alle Dinge, die er schiebe,
die volle Verantwortung zu übernehmen habe, daß er jetzt ablehnen könne,
wenn er wolle, daß er aber, wenn er akzeptiere, gebunden sei.
Mr. Collins war ehrlich. Er hatte gefunden, daß es sich besser arbeiten
läßt, wenn man jemand offen sagt, wozu er gut ist und wozu nicht. Und er
sagte Mr. Abner auch gleich, daß, falls er annehme und daß, wenn Dinge
rauchig werden, er etwa gar das Maul verdrehe, daß man ihn so blasen
würde, daß er sich glücklich schätzen würde, wenn er dann noch irgendwo
in den Staaten die Stiefel putzen dürfte.
Mr. Abner war ja kein Grünhorn und wußte sofort, was Mr. Collins damit
meinte. Abends, in einem Winkel, gab es Senge. Und was für welche! Und
wenn die Senge abgeheilt war, so konnte Mr. Abner nach Osten oder nach
Westen ziehen, nach Süden, Norden oder Zentral, er war keine zwei Wochen
in Stellung und das Haus bekam einen Brief mit dem Inhalt, daß sich Mr.
Abner eines unerhörten Vertrauensbruches schuldig gemacht habe, daß er
unzuverlässig sei, weil er ein wackliges Maul habe. Selbst wenn das Haus
Mr. Abner hätte behalten wollen, weil vielleicht hier ein verwackeltes
Zungenwerk keinen Schaden stiften konnte, so wollte es doch kein Haus,
sei es klein oder groß, mit dem mächtigen Mr. Collins verderben, und Mr.
Abner mußte weiterziehen, und wenn er großes Glück hatte, konnte er als
Reporter arbeiten auf Provision. Und das ist ein stachliges Bettchen,
Gnade Gott dem Schächer.
Aber Mr. Abner war nicht verwöhnt. Skrupel kannte er nicht. Schlimmere
Dinge als in seinem ersten Anwaltsbüro konnten nicht vorkommen.
Außerdem, eine Condor Oil Company läßt niemand, der ihren Dreck
gefressen hat, im Gefängnis verrosten. Eine Condor Oil Company kennt den
Wert einer Arbeit und bezahlt den vollen Wert. So nahm Mr. Abner den
Brummerposten an mit allen Bedingungen, die damit verknüpft waren und
noch verknüpft werden konnten, ohne daß sie jetzt erwähnt wurden.
4
Dieser Mr. Abner war es, der nun in die Privatoffice des Mr. Collins
gerufen wurde.
Nachdem sich Mr. Abner gesetzt hatte, nachdem ihm eine der besten
Zigarren angeboten worden war, setzte sich Mr. Collins ihm gegenüber.
„Abner, ich habe eine Spezialsache für Sie“, begann Mr. Collins. „Eine
Sache, die ich nur Ihnen anvertrauen möchte, weil ich unter allen Herren
keinen weiß, der diese Sache geschickter und klüger handeln könnte als
Sie.“
So war noch nie in seinem Leben mit Mr. Abner geredet worden. Mr.
Collins hätte jetzt von ihm verlangen dürfen, daß er allein nach Tibet
reisen, dort die Buddha-Figur aus dem Tempel stehlen und nach Amerika
bringen müßte. Mr. Abner hätte es getan oder wenigstens versucht.
„Die Sache liegt so, Abner. Wir haben da unten in Mexiko, im Staate
Veracruz, große Ölländereien unter Kontrolle. Mitten drin, und sehr
unbequem für uns, ist eine Farm, oder wie man da unten wohl sagt, eine
Hazienda. Heißt La Rosa Blanca. Blöder Name für eine Farm. Aber die
Leute sind einmal so. Können wir nicht ändern, ehe wir da nicht einmal
fest zugreifen.
Na also, die Hazienda müssen wir haben, weil sie uns in unserer
Bewegungsfreiheit hindert. Hat schwer Öl. Wir rechnen mit Brunnen von
fünfzigtausend und vielleicht von achtzigtausend Barrels in jenem
Gelände. Der Besitzer ist ein verlauster Indianer. Halb verblödet, wie
diese Indianer alle sind. Weiß nicht, was er will. Ein Faß Branntwein
täte es. Und ein paar tausend blanke Dollar dem Bürgermeister der
Gemeinde, zu der die Hazienda gehört, in die Hände geschoben. Aber seit
der Revolution haben die Leute da unten ja alle den Größenwahn bekommen.
Reden sich die Mäuler aus dem Gelenk und denken, sie müßten alles Öl für
sich allein haben oder für die Nation, wie sie sagen. Wir haben dem
verrückten Nigger, der die Hazienda besitzt, tausend Dollar für den
Hektar angeboten, rund vierhundert Dollar für den Acre. Denken Sie,
dieser Feuerfresser will dafür verkaufen? Er will nicht. Und der Hektar
da unten ist wert zwei Dollar im Durchschnitt. Wir haben unter dem
Regime des alten Ruprecht Porfirco Diatsch, oder wie der alte Fuchs
geheißen hat, Tausende von Hektar Land für fünfundzwanzig Cent den
Hektar gekauft. Natürlich mit einem Tausender für den Bonzen, der da
amtlich was zu sagen hat. Aber wie erwähnt, seit der Revolution sind
diese Schmierkadetten bockbeinig geworden wie alte Mules. Die Anwälte,
die wir da unten haben, sind keine Haselnuß wert. Kosten uns eine
Unmasse Geld und tun nichts. Sitzen den ganzen Tag und die ganze Nacht
in ihrem Harem. Wissen Sie doch, daß da unten in Mexiko noch die
Vielweiberei herrscht?“
„Weiß ich“, bestätigte Mr. Abner. „Hab’s erst gestern wieder gelesen in
einer Novelle in der Zeitschrift Action Stories.“
„Ja, na dann kennen Sie ja das Land und die Leute, die da hausen. Wissen
Sie, wieviel Generale die da unten haben? Das wissen Sie nicht. Aber ich
habe es von Mr. Halburn, der im letzten Sommer unten war. Die haben so
viel Generale, daß jeder einzelne Soldat seinen eigenen General hat. Und
wenn ein Soldat stirbt, dann duellieren sich zwei Generale, und der
General, der überlebt, bekommt dann wieder einen Soldaten, den er
kommandieren darf, damit er General bleiben kann. Die Agenten, die wir
da unten haben, taugen auch nichts. Telegraphieren nur immerfort um
Diäten und Bestechungsgelder, die sie zu zahlen haben, aber wenn wir was
haben wollen von ihnen, dann schreiben sie, es sei gegenwärtig nichts zu
machen, ehe wir nicht Waffen schicken, um den Banditen und Rebellen zu
helfen, die Regierung zu stürzen.
Sie sehen also, Abner, daß man da direkt und auf geradem Wege nichts
erreichen kann. Die Leute sehen nicht, wo ihr Glück ist. Ich habe nun
die Überzeugung gewonnen, daß weder die Anwälte noch die Agenten
ernsthaft etwas getan haben, um den Kauf der Hazienda durchzubringen.
Die Leute verstehen nicht die Psychologie des Kaufens. Darum kommen sie
auch zu nichts und betteln uns ewig an. Wenn wir direkt mit dem Indianer
– er läuft nackt herum, wie mir gesagt wurde – verhandeln könnten, dann
könnten wir ihm klarmachen, welche Vorteile es für ihn hat, seine
Hazienda für gutes Geld zu verkaufen und sich irgendwo anders in Mexiko
oder in Arizona eine größere und schönere Farm dafür zu kaufen, mit
allen Maschinen und guten Straßen und einem guten Absatzmarkt für seine
Produkte.“
Mr. Abner unterbrach hastig und sagte: „Jetzt verstehe ich, Mr. Collins,
was zu tun ist. Wir müssen den Indianer hierherbringen in die Office.
Dann können wir ihn unter Feuer nehmen.“
5
Mr. Collins hatte eigentlich nicht daran gedacht, den Indianer Hacinto
nach San Francisco zu bringen. Er hatte mehr daran gedacht, daß man
versuchen sollte, eine Zusammenkunft mit Hacinto in seinem Lande zu
ermöglichen, vielleicht in Mexiko City oder in San Luis Potosi, daß man
dann tüchtige Leute mit ihm verhandeln ließe und daß man ihn in der
Stadt zerstreue, betrunken mache, mit ihm in die Lichtspiele ginge, daß
man ihn mit Geschenken für ihn und seine Frau übertölpele und seine
Abreise verzögere mit allen Mitteln, bis er zugestimmt habe. Mehr in
dieser Weise hatte sich das Mr. Collins gedacht, als er sagte, daß man
direkt mit ihm verhandeln müßte.
Aber der Einwurf des Mr. Abner brachte ihn auf die bessere Idee. Wenn es
gelingt, Hacinto nach den Staaten, vielleicht gar nach San Francisco zu
locken, dann ist der Ankauf der Rosa Blanca gesichert.
Und nachdem Mr. Abner den Vorschlag selbst gemacht hatte, änderte Mr.
Collins sofort seinen Plan und sagte: „Das ist das beste, das einzige,
was wir tun müssen. Wir müssen den Mann hierherbekommen, hier nach San
Francisco, in unsere Office. Hier können wir mit ihm den endgültigen
Preis festsetzen und ihm in Ruhe die Vorteile klarmachen, die er durch
den Verkauf erzielen kann. Wir können ihm hier schöne Farmen zeigen und
sie ihm zum Tausch anbieten. Die werden ihn schon verlocken. Kann er
doch dann selbst sehen, was sich mit Geld alles machen läßt. Er wird gar
nicht mehr zurück wollen auf seine alte verluderte und verdreckte
Hazienda. Die Leute sind da noch so weit zurück. Sie werden es nicht
glauben, Abner, aber es ist wahr, die reiben den Mais noch auf einem
Stein wie die Höhlenmenschen.“
Mr. Collins war oft in Mexiko gewesen. Manches Jahr zweimal, um die
Felder zu inspizieren und sich Informationen an der Quelle zu holen.
Aber wie alle seinesgleichen, wußte er von dem Lande und von den
Menschen, die es bewohnen, gar nichts. Wo sollte er es auch herwissen?
Er wohnte im Hotel Imperial in Tampico, aß nur in amerikanischen
Restaurants und raste im Auto von Ölfeld zu Ölfeld. In den Feldern sah
er sich die mexikanischen Arbeiter überhaupt nicht an. Kaum daß er mit
den amerikanischen Drillern und Timekeepern einige Worte redete über die
Art des Geländes, in dem sie bohrten. Und wenn er mit seinem Auto übers
Land sauste, dann flog er an den Hütten der indianischen Landleute
vorüber, ohne auch nur einen Blick in das Leben jener Menschen zu tun.
Er sah nur die Schilfhütten, die Palmdächer, die Lehmhäuser, die nackten
Kinder, die barfüßigen Männer und Frauen, die herumlaufenden Schweine
und Hühner, die seinem Automobil immer im Wege waren. Aber vom Lande
wußte er nur das, was er in den amerikanischen Zeitungen und in den
Romanen und Novellen der Zeitschriften las, die Thriller, den Leser
aufregende Sensationsgeschichten, brachten. Wenn er von Mexiko hörte,
dann hörte er nur immer von Banditen, von Rebellionen, von Revolutionen,
von Revolverschießereien im Parlament, von Dreck, von Unwissenheit, von
abergläubischem Katholizismus. Das war das Mexiko, das er kannte.
Es war jedoch ein Gleichgewicht in der Welt vorhanden: Wenn der
Mexikaner von Amerika, von den Estados Unidos, hörte, so waren es immer
nur Millionäre und Milliardäre, die dort wohnten, denn Amerikaner, die
nicht wenigstens Millionäre waren, gab es nicht. Nicht für den
Mexikaner. Jeder Amerikaner ist Millionär, und wenn er nicht Millionär
ist, so ist er nicht Amerikaner. Nach der Meinung der Mexikaner leben
alle Amerikaner nur in Wolkenkratzern, weil es andere Häuser in Amerika
nicht gibt. Und es gibt nur einen einzigen Amerikaner, der etwas anderes
tut, als Geld zu machen und die armen Mexikaner auszurauben, und das ist
Mr. Limber, un hombre muy simpatico, ein sehr sympathischer Mensch,
dessen Name sich aber sehr schwer aussprechen läßt, weshalb der
Mexikaner statt Mr. Lindbergh einfach Mr. Limber sagt, und jeder weiß,
wer gemeint ist.
Diese eingehende Kenntnis eines Volkes gegenüber dem Nachbarvolke ist
der Aufklärungsarbeit der Zeitungen zu verdanken. Denn jeder weiß, daß
die Zeitung nur eine große Aufgabe zu erfüllen hat, die Menschen
aufzuklären und ihnen nichts als die reine Wahrheit zu verkünden.
Und was Mr. Collins nicht aus den Zeitungen und Zeitschriften über
Mexiko und über die Mexikaner lernte, das erfuhr er aus den Anekdoten,
die man sich im Hotel erzählte, um sich die Langeweile zu vertreiben,
Anekdoten, die nicht in Mexiko erfunden waren, sondern die dem Life, dem
Judge und anderen amerikanischen Witzblättern entnommen waren.
6
So war es durchaus erklärlich, daß Mr. Collins die Mexikaner, und nun
insbesondere den widerspenstigen Indianer Hacinto Yanyez, so
einschätzte, daß sie sich geräuschlos einfügten in seine Kenntnis von
Mexiko und von den Mexikanern. Daß es auf Erden Menschen geben konnte,
die den Wert des Geldes nicht begriffen, die nicht wußten, was für eine
wundervolle, was für eine heilige Sache tausend schöne blanke Dollar
sind, das war etwas, das Mr. Collins nicht verstehen konnte. Er glaubte
es auch nicht, daß es so etwas gäbe. Er glaubte nur, daß die Höhe einer
Summe einen Menschen bewegen könnte, etwas zu tun oder etwas nicht zu
tun. Daß es aber Menschen geben könnte, denen Geld gleichgültig war und
die andere Dinge viel höher schätzten als Geld, das glaubte er nicht.
Und wenn jemand behauptete, daß ihm irgendein Ding, ein materielles oder
ein seelisches Ding mehr wert sei als money, als selbst die höchste
Summe von money, so war das nach seiner Meinung nur ein Trick, um eine
höhere Summe herauszuarbeiten.
„So ist Ihnen nun Ihre Aufgabe klar, Mr. Abner“, fuhr Mr. Collins in
seiner Rede fort. „Sie haben den Mann, diesen Don Hacinto,
hierherzubringen. Ich überlasse es ganz Ihrer Klugheit, in welcher Weise
Sie das erzielen. Die Beträge, die für diesen Zweck notwendig sind,
stehen zu Ihrer Verfügung. Freilich warne ich vor einem: Kein
Verbrechen, Abner. Das decke ich nicht. Vor allen Dingen dürfen Sie den
Mann nicht kidnappen, nicht hinterrücks stehlen und entführen und
hierherbringen. Etwa gar narkotisiert. Das gibt eine Schweinerei, für
die Sie selbst zu bezahlen haben. Das sage ich Ihnen hiermit
ausdrücklich. Das würde uns auch nicht helfen. Die mexikanische
Regierung könnte den Vertrag dann anfechten, und wir sausen böse ab. Der
Mann muß freiwillig kommen. Wie Sie das zuwege bringen, ist nun Ihre
Sache. Ich halte Sie für klug und für intelligent genug, das geschickt
zu tun. Darum haben wir auch Sie, Mr. Abner, für diese schwierige
Aufgabe gewählt. Wenn der Mann hier in San Francisco ist, dann erhalten
Sie eine Sonderprämie von zehntausend Dollar. Vorausgesetzt natürlich,
wie ich bereits sagte, daß Sie keine Gewalt und kein Verbrechen ausgeübt
haben, ihn hierherzuschaffen. Ich habe mich doch klar ausgedrückt, Mr.
Abner? Nicht wahr? Gut. Wenn der Mann dann hier ist, wäre Ihre Aufgabe
in der Hauptsache erschöpft. Das übrige, was dann zu tun ist, wird die
Aufgabe anderer Herren sein, deren Spezialität es ist, Käufe
abzuschließen. Sie reisen vielleicht noch in dieser Woche hinunter nach
Mexiko, um den Fall an seiner Quelle zu studieren und die richtigen
Maßnahmen zu treffen. That’s all. Damit wären wir zu Ende. Sie kennen
Ihre Aufgabe. In den Einzelheiten verlasse ich mich ganz auf Ihre
Geschicklichkeit.“
7
So notwendig und so dringend wie Mr. Collins seine fünf Millionen Dollar
benötigte, so notwendig und dringend benötigte Mr. Abner eine Prämie von
zehntausend Dollar und eine besondere Anerkennung der Company für gute
Leistung.
10
1
Die wilde Gier des Mr. Collins nach dem Besitz der Rosa Blanca war
keineswegs eine reine Profitgier, wenngleich er nicht einen Moment lang
seine Absicht aus den Augen verlor, fünf Millionen Dollar
außerordentlichen Gewinn heranzuschaffen.
Seine Erklärung für sein brutales Vorgehen war nicht ganz so skrupellos
kapitalistisch, wie es dem Fernstehenden erscheinen mag. Er war durchaus
kein Unmensch. Als Mensch war er weder Mörder noch Spitzbube. Als Mensch
war er liebenswert. Andernfalls hätte Betty ihn nicht einen Tag lang als
ihren Freund und Geliebten geduldet. Hätte er die Rosa Blanca besucht,
hätte er die Fähigkeit gehabt, das Wesen der Weißen Rose, das ihres
Besitzers und ihrer Bewohner zu verstehen und zu begreifen, hätte er sie
mit Liebe sehen können, statt mit einem bloßen geschäftlichen Interesse,
dann wäre er gewiß der Mensch gewesen, der mit aller seiner Macht die
Weiße Rose vor dem Brechen und dem Verwelken geschützt haben würde.
Aber, fern von ihr, fern von ihrer Seele, sah er in ihr nur ein Objekt.
Er sah in ihr nur eine amerikanische Farm.
Keine einzige amerikanische Farm, die er kannte, war eine Heimat. Keiner
von den Farmern, die er kannte, dachte nur eine Minute lang daran, die
Farm, auf der er lebte, zu einer Heimat zu machen. Wer eine Farm kaufte,
rackerte sich halb zu Tode, um die Farm hochzubringen. Aber nicht
hochzubringen mit der Absicht, sie zu einem dauernden Heim zu gestalten,
sondern sie hochzubringen mit der Absicht, sie um fünfzig oder
hundertfünfzig Prozent teurer zu verkaufen, als er sie gekauft hatte.
Die Farm war ein Geschäftsobjekt, wie ein Kaufladen oder wie ein
Holzplatz. Keinen Farmer verknüpfte mit seiner Farm irgendein seelisches
Band. Die Farm wurde nur angesehen nach ihrem Werte als geldmachendes
totes Objekt. So auch das Vieh, das darauf war, und so auch die
Fruchtbäume, die dort standen. Wenn ein Farmer neue Bäumchen anpflanzte,
so tat er es nicht in dem heiligen Gedanken, daß auch die nachkommenden
Geschlechter Apfel, Birnen, Nüsse, Apfelsinen haben wollten und daß wir
ihnen diese Früchte hinterlassen müssen, so wie unsere Vorfahren für uns
Bäumchen pflanzten. Der Farmer baute die Bäumchen nur darum an, weil er
eine Farm mit vielen angepflanzten Fruchtbäumchen teurer verkaufen
konnte als ohne Bäume, denn die Farm versprach dem neuen Besitzer einen
höheren Gewinn. Wenn ein Farmer eine billige Farm hochgebracht hatte
durch seine Arbeit, so beeilte er sich rasch, einen Käufer zu finden,
der ihm einen guten Preis zahlte, damit der jetzige Besitzer wieder
irgendwo anders eine billige Farm kaufen konnte, mit der Absicht, sie
hochzubringen und dann teurer zu verkaufen.
2
In solcher Umgebung lebend, nur solche Farmer kennend, wie konnte man
erwarten, daß Mr. Collins die Weiße Rose verstand. Er wußte ja nicht
einmal, daß Rosa Blanca bedeutete The White Rose, die Weiße Rose. Mr.
Collins sah in der Rosa Blanca nur eine Farm, nichts weiter, und in
ihrem Besitzer sah er nichts anderes, als einen eigensinnigen Mexikaner,
der von den Millionengewinnen gehört hat, die aus den Ölfeldern
herausgeholt werden und der nun versucht, den denkbar höchsten Preis aus
seiner Farm herauszuquetschen.
Wer nimmt sich das Recht heraus, einen Mr. Collins anzuklagen, einen
Mann, der das Produkt seiner Umgebung ist, wie ich ein Produkt meiner
Umgebung und meiner Erfahrung bin. Mr. Collins handelt durchaus
folgerichtig, entsprechend der Einflüsse, denen er unterliegt. Er kann
nicht anders handeln. Und würde er anders handeln, dann wäre er kein
Ölmagnat. Und folgen wir den Dingen bis zu ihrer letzten Konsequenz, so
kann es in der Tat dahin kommen, daß die Menschheit kein Öl hat, das Öl,
das sie so dringend gebraucht in dem Stande der gegenwärtigen
Zivilisation. Das Öl, das so wichtig, so unentbehrlich geworden ist, daß
der nächste große Krieg in seinem Grundziel nur um den Besitz des Öls
und seines kleinen Hilfsknechtes, den Kautschuk, geschlagen werden wird.
Jedes Stück Land, das Öl hat, kann schließlich eine Rosa Blanca sein für
die, die darauf leben. Und wenn jedes Stück eine Rosa Blanca wäre und
sentimental als Rosa Blanca gewertet werden wollte, so wäre eben kein Öl
da. Was dann geschehen müßte, um das notwendige Öl zu erhalten, wäre
genau dasselbe, vielleicht mit einigen Abänderungen, was jetzt Mr.
Collins tut, um die Weiße Rose zu brechen.
3
Für alle seine Handlungen hatte Mr. Collins eine Rechtfertigung, die es
ihm in jedem einzelnen Falle erleichterte, sein Gewissen zu beruhigen,
wenn ein Vergehen gar zu brüsk erschien und zuweilen gar Konsequenzen
hatte, die er weder gewollt noch vorausgesehen hatte. Eine nackte
Profitgier kann auf die Dauer selbst den hartgesottensten Geldmacher
nicht vor Selbstanklagen und unruhigen Gedanken schützen. Es ruht in
allen Menschen eine mehr oder weniger starke Furcht vor Vergeltung für
das, was er tut oder bereits getan hat. Diese Vergeltung hat nicht immer
etwas mit der Vergeltung nach dem Tode zu tun, an die manche Menschen
glauben. Noch hat diese Vergeltung etwas mit einer Vergeltung zu tun,
die auf strafrechtlichem Wege erzielt wird, daß also der Mensch mit dem
Gesetz in Konflikt kommt und vor einem Richter Rede und Antwort stehen
muß für seine Handlungen.
Nein, die Vergeltung, die hier gemeint ist und die alle Menschen in
ihrem Instinkt fühlen und fürchten, ist anderer Art. Die Menschen
fürchten, daß eine schäbige Tat, die sie begangen haben, sich an ihnen
oder an denen rächen könnte, die sie lieben. Manche Leute fürchten, daß
alles Gut, was sie auf unrechte und niederträchtige Art gewinnen, wieder
verlorengeht. Andere fürchten, daß sie nach einer bösen Tat von Unglück
in ihrem ferneren Leben verfolgt werden, daß sie krank werden oder
siech, und daß, wenn sie selbst nicht getroffen werden, ihre Kinder oder
Frauen oder besten Freunde dafür leiden müssen. Viele gehen so weit in
diesem Glauben, daß sie erwarten, daß ganz genau dasselbe, was sie
jemand antaten, ihnen selbst eines Tages angetan werden wird.
Das ist einer der psychologischen Gründe, die beinahe alle Menschen eine
Grenze ziehen läßt, über die sie nicht hinauszugehen wagen. Jeder Mensch
weiß, daß er nicht der Allmächtige, nicht der Allstarke ist. Jeder weiß,
daß er irgendwie in die Hände eines Stärkeren fallen kann, der ihn genau
so behandelt, wie er andere behandelt hat. Dieser Instinkt ist es, der
das soziale Zusammenleben und Zusammenwirken der Menschen allein
ermöglicht. Dieser Instinkt ist es, der einen bösartigen Menschen daran
hindert, nachts Eisenbahngleise zu zerstören. Einmal kann in dem Zuge
jemand sitzen, den der Mann auf keinen Fall vernichten möchte. Zum
andern kann eines Tages auch ein anderer das nachmachen und die Schienen
zerstören, wenn er selbst im Zuge sitzt und umkommen kann. Aus demselben
Grunde foltert und quält auch kein normaler Mensch einen anderen
Menschen, der in seiner Macht ist, und auch nur selten ein Tier, aus
reiner Freude am Foltern.
Jeder Mensch sucht nach einer Rechtfertigung, um das Niederträchtige und
Unsoziale, das er tut, vor sich zu begründen, um es dadurch weniger
niederträchtig und weniger unsozial erscheinen zu lassen.
Kein König, kein Präsident, keine Gruppe von Kapitalisten werden einen
Krieg anzetteln, ohne den Krieg zu rechtfertigen, daß er dem Gemeinwohl
diene, daß er aus diesen oder jenen Gründen nicht vermieden werden
könne, daß die Achtung vor anderen Völkern, also die Ehre, den Krieg
gebiete. Ohne eine moralische Rechtfertigung wird kein Krieg begonnen.
Und eine gute Rechtfertigung zu finden, ist die erste Aufgabe derer, die
glauben, einen Krieg zu benötigen. Je besser die Rechtfertigung ist, um
so sicherer ist der Erfolg in allen Handlungen, die eine Mitwirkung oder
die wohlmeinende Duldung anderer Menschen verlangen. Das verhindert
natürlich nicht, daß zahlreiche Handlungen begangen und viele Taten
verübt werden, wo nach einer Rechtfertigung gar nicht gesucht wird, weil
es zu schwer ist, eine gute Rechtfertigung zu finden und weil die
Ausführung der Tat aus irgendwelchen Gründen nicht aufgeschoben werden
kann. Dies war der Fall bei dem großen Raubzug des Mr. Collins in der
Kohlenverwirrung, die er heraufbeschworen hatte.
4
Die Rechtfertigung, die Mr. Collins für seine gegenwärtigen Handlungen
hatte, war keine erkünstelte, keine, die er sich in raffinierter Weise
ausgedacht und zurechtgelegt hatte, um vor sich und seinen Mitmenschen
unbefangen dastehen zu können.
Er sagte sich: Die Menschen brauchen Öl. Sie werden morgen noch viel
mehr Öl nötig haben als heute. Und nächsten Monat werden sie noch
hundertmal mehr Öl nötig haben. Und im nächsten Jahr werden die Menschen
fünftausendmal mehr Öl nötig haben als heute, wenn man erst einmal eine
Flugmaschine für fünfhundert Dollar kaufen kann und sie so einfach in
ihrer Handhabung ist, daß sie jeder ohne Gefahr für sich oder andere
fahren kann. Immer mehr Dieselmotoren verdrängen die Dampfmaschine,
immer mehr Eisenbahnen werden mit Öl gefeuert. Immer mehr andere
wichtige Produkte werden aus Öl heraus produziert. Also die Menschen
brauchen mehr und mehr Öl, wenngleich sie nur dieselben Mengen an
Weizen, Baumwolle und Leder gebrauchen.
Die Condor Oil Company ist eine der stärksten Companien der Erde. Die
Condor Oil Company hält einen gewaltigen Teil ölhaltiger Ländereien in
ihren Händen, in California, in Oklahoma, in Mexiko, in Venezuela, in
Columbia. Und weil das so ist, darum hat die Condor Oil Co. die
Verantwortung übernommen, den Menschen das erforderliche Öl zu
verschaffen. Mit der Verantwortung hat sie gleichzeitig die
Verpflichtung übernommen, das Öl heranzuschaffen, damit die Menschheit
nicht darbt an Öl. Da ich der Präsident der Condor Oil Co. bin, so habe
ich mit allen meinen Fähigkeiten darauf zu sehen, daß immer mehr Öl
vorhanden ist, als heute und morgen gebraucht wird. Denn übermorgen wird
mehr gebraucht, und wenn ich nicht vorsorge, wenn ich nicht erwäge, daß
alle Brunnen nach einer mehr oder weniger langen Frist leer laufen und
daß zahlreiche Brunnen, die gebohrt werden, nicht produzieren, so kann
es geschehen, daß die Menschen eines Tages nicht genügend Öl zur
Verfügung haben, ihre Maschinen nicht laufen, ihre Motoren verhungern,
die Eisenbahnen nicht fahren, die Schiffe keine notwendigen
Rohmaterialien aus fremden Ländern bringen und Zehntausende, ja
Hunderttausende von Arbeitern ohne Verdienst sind. Und wenn so etwas
geschehen sollte, dann macht man mir den Vorwurf, mir, dem Präsidenten
der mächtigen Condor Oil Company, ich bin dann verantwortlich für alles
Unheil, das aus dem Mangel an Öl entsteht. Was kann ich tun dagegen? Ich
muß das Öl heranschaffen und bereit halten für die Menschheit, damit sie
nicht Not leidet. Wenn ich dabei verdiene, sagen wir, sehr gut dabei
verdiene, so ist das nur eine Bezahlung, die die Menschheit mir schuldet
für meine Mühe, für meine Vorsorge, für meine schlaflosen Nächte, für
meine Geschicklichkeit, mit der ich das Öl herbeizuschaffen verstehe.
Was kann ich denn dafür, wenn Farmer von ihrem Lande vertrieben werden,
das ihnen Heimat geworden ist. Ich bin nicht verantwortlich dafür, wenn
sie vielleicht gar Selbstmord begehen, weil sie den Verlust ihrer Heimat
nicht verwinden können. Es haben sich ja auch ein paar alte Postillione
aufgehängt, weil die Leute nicht mehr ihr lustiges Peitschenknallen und
ihre Lieder auf dem Posthorn hören wollten, sondern vorzogen, mit der
Eisenbahn zu fahren, weil es billiger war, bequemer und rascher.
Daß dieser hundsgemeine Schurke, der Abner, ein Bursche, den ich nicht
riechen kann seiner Schäbigkeit wegen, jetzt da runtergeht, um der Rosa
Blanca das Genick zu brechen, ist ja fürwahr recht traurig. Verflucht
und gottverdammt noch mal. Aber tausendmal trauriger ist es, wenn die
Menschen eines Tages kein Öl haben. Ich habe diese Welt nicht
geschaffen. Das weiß der liebe Gott im Himmel droben. Darum bin ich auch
nicht verantwortlich für diese verrückte Welt. Ich habe auch das Öl
nicht erfunden und mich eigentlich nie ernsthaft darum gekümmert, wozu
die Menschen es überhaupt haben wollen. Aber die Menschen wollen es nun
einmal haben, weil sie es brauchen, und ich bin verpflichtet, es ihnen
zu geben, weil ich weiß, wo es ist. Warum hat denn der liebe Gott, der
so allweise und so allmächtig ist, nicht das alles anders und besser
gemacht? In vielen Dingen hätte ich mehr geleistet. Mr. Collins ist
vielleicht kein sehr hervorragender Mensch. Aber in seiner
Rechtfertigung findet sich kaum ein Fehler.
11
1
Mr. Abner hatte auf dem College Spanisch gelernt. Aber wie das immer so
geht mit einer fremden Sprache, die man in der Schule lernt: Als er nach
Mexiko kam, fand er, daß die Mexikaner – nach seiner Meinung – ihre
eigene Muttersprache nicht verstanden.
Er klaubte sich jedoch durch und war eines Tages in Tuxpam angelangt,
jenem kleinen Städtchen, von dem aus er seinen Angriff zu leiten
gedachte. Er machte sich nicht sofort auf den Weg zur Rosa Blanca, weil
er in Tuxpam erst einmal das Gelände, auf dem er zu fechten hatte,
studieren wollte.
Seine ersten Tage verbrachte er damit, sich in den Cantinas und in den
Pool-rooms, den Billardsälen, herumzudrücken. Er hoffte, daß er
vielleicht mancherlei hören könnte, das ihm nützlich sei.
Hier machte er die Bekanntschaft eines Mestizen, dessen Vater ein
Amerikaner gewesen war, der sich in diesem Lande des leichten Lebens
mehr und mehr hatte gehen lassen, völlig heruntergekommen war, sich ganz
dem Trunke ergab und mit einer Indianerin, mit der er lebte, ein Kind
fertiggebracht hatte, jenen Mestizen, dessen Name Frigillo war.
Frigillo war als Junge nach den Staaten gegangen, hatte hier in allen
nur denkbaren Erwerbszweigen gearbeitet, war mehrfach wegen Diebstahls
im Gefängnis gewesen, schließlich von den amerikanischen Behörden wieder
nach seiner Heimat Mexiko deportiert worden. Er sprach genügend
Englisch. Das half ihm ein gut Teil, wohlbezahlte Arbeit als
Kolonnenführer mexikanischer Peons in den Ölfeldern zu finden.
Diese geregelte Arbeit in den Feldern sagte ihm nicht zu. Er stellte
sich auf eigene Füße und wurde Anwerbungsagent für die Öl-Companien, er
warb für die Companien Peons an, die in den Feldern zu arbeiten hatten.
Für jeden angeworbenen Mann bekam er eine bestimmte Provision, die je
nach den Verhältnissen von drei Pesos bis zwölf Pesos für den Mann
betrug. Er verdiente damit ganz schönes Geld; denn die Leute wechselten
häufig. Und wenn sie nicht häufig genug wechselten, so verstand er es,
die Leute unter irgendeinem Vorwande fortzuschieben, damit die Company
wieder neue Leute bei ihm bestellen mußte.
Augenblicklich lag er müßig, weil alle Felder mit Leuten versorgt waren
und die Löhne so gut standen, daß die Leute es für besser hielten, nicht
so oft zu wechseln.
Frigillo hatte natürlich ein persönliches Interesse daran, daß neue
Felder zur Produktion aufgelegt wurden, weil das erneuten Bedarf an
Arbeitern gab und somit leichten Verdienst für ihn.
Nicht gleich am ersten Tage ihrer Bekanntschaft, aber noch in derselben
Woche begann Mr. Abner, der sich vom Glück begünstigt sah, diesen
Mestizen gefunden zu haben, von der Rosa Blanca zu sprechen. Er sagte
kein Wort davon, daß er der Rosa Blanca wegen in Mexiko sei. Er erzählte
Frigillo, daß er hier sei, um gutes Ölland zu kaufen.
La Rosa Blanca war bekannt dafür, reiches Ölland zu sein. Und noch
besser bekannt im ganzen Staate war die Tatsache, daß eine große
amerikanische Öl-Company die Rosa Blanca kaufen wollte, daß aber Don
Hacinto einem Verkaufe nicht zugestimmt habe. Es wurde von fünf
Millionen Dollar geredet, die jene Company Don Hacinto geboten hätte.
2
„Dieser Mann ist ja nicht richtig im Kopf“, sagte Frigillo zu Mr. Abner,
als sie den Fall besprachen. „Was könnte der Mann für ein herrliches
Leben führen. Und wieviel hundert Arbeiter, die heute nach den Staaten
auswandern müssen, könnten dort gute Arbeit finden. Sie sind dran,
Mister.“
Mr. Abner und Senjor Frigillo spielten Billard, und Mr. Abner ließ den
Mestizen gewinnen, um ihn freundlich und redselig zu stimmen.
„Aus. Sie haben’s wieder gemacht“, sagte Mr. Abner, während er dem
letzten Stoß des Frigillos zusah und sein Queue frisch ankreidete, um
damit anzudeuten, daß er einem neuen Spiel mit Erwartung entgegensähe.
Das neue Spiel begann, und beide Männer redeten, wie nebenbei, immer von
der Rosa Blanca und von Don Hacinto, zwischendurch einige Worte über das
Spiel einschiebend.
„Da kann es jenem Manne und den armen Burschen, die da auf der Hazienda
für ein paar Centavos sich zu Tode arbeiten müssen, doch nur von Segen
sein, wenn das Land gut verkauft werden kann. Diese armen Leute haben
doch rein gar nichts vom Leben. Können sich kaum Stiefel kaufen, und in
ein Kino sind sie nie gekommen.“
„Aber, Mister“, sagte Frigillo, „das ist es ja gerade, was ich eben
sagen wollte. Was könnten die Leute verdienen und wie gut könnte es
ihnen gehen. Die können mit Lachen ihre vier und fünf Peso den Tag
einschieben, und das in acht Stunden. Was haben sie denn jetzt? Siebzig
Centavo den Tag. Wenn sie soviel überhaupt kriegen. Das glaube ich noch
nicht einmal, daß sie siebzig Centavo den Tag haben. Und dann geht das
vom ersten Hahnenkrähen bis in die tiefe schwarze Nacht hinein. Na,
wissen Sie, Mister, den Stoß, den Sie da eben gemacht haben, den macht
meine kleine linke Zehe besser. Wo haben Sie denn eigentlich
Billardspielen gelernt? Geben Sie jetzt mal fein acht, wie wir in Mexiko
einen solchen Ball nehmen. Nehme ich wie Ham and Eggs.“
„Na, so ist das nicht, Senjor, wir können auch Poolen. Warten Sie nur,
wenn ich Ihnen mal mit einem Bällchen komme. Da können Sie dann
vielleicht von New York bis Los Angeles reisen, und Sie werden einen so
eleganten Stoß nicht wieder zu sehen kriegen. Haben Sie das gesehen,
Hombre. So spielen wir mit Mexikanern. Und das kann ich gleich noch
einmal machen und viel pfeifender. Donner und Spucke, der ist
abgeglitscht. Was für eine dreckige Sorte von Kreide habt ihr denn hier.
Das ist überhaupt keine Kreide, das ist Lippenpomade. Warum verkauft
denn der Don Cazimpo –“
„Hacinto heißt er, H–atsche, a–a, c–ce, i–i, n–enne–t–te–o–o. Hacinto,
Hacinto Yanyez. Ja, warum er nicht verkauft? Quien sabe, was weiß ich.
Vielleicht nicht genug, was er geboten kriegt. Wird seinen Preis haben.“
Mr. Abner stieß das Queue auf den Boden und kreidete wieder. Dabei sagte
er: „Vielleicht verstehen die Licenciados, die mit ihm verhandeln, den
Mann nicht zu nehmen. Wissen nicht, wie man einen Mann von seinem
Vorteil überzeugt.“
Frigillo legte sich über das Billard, um einen schwierigen Ball zu
holen. Als es ihm geglückt war, meinte er: „Das wird es sein. Diese
Licenciados haben kein Interesse daran, ob er verkauft oder nicht. Sie
kriegen ihr Geld, und um das übrige kümmern sie sich nicht.“
„Ich habe wirklich eine gute Absicht, das Land zu kaufen“, sagte Mr.
Abner, während er dem Spielen des Frigillo zusah. „Ich habe dicke
Geldleute im Rücken, die jede Summe bezahlen.“
„Na, aber hören Sie“, warf Frigillo ein, „wenn Sie so dickes Geld hinter
sich haben, dann – dann – wissen Sie, Mister, warum laden Sie Don
Hacinto nicht ein, nach den Staaten zu kommen. Bezahlen ihm schön die
Reise, und wenn Sie ihn drüben haben, können doch die Leute, die das
Geld dranwagen wollen, in aller Ruhe mit ihm den Preis durchsprechen.“
„Das wäre eine Idee, Senjor. Aber denken Sie denn, daß er so eine Reise
macht?“
„Nein, das denke ich nicht“, sagte Frigillo. „Das denke ich sicher
nicht, daß Hacinto so eine Reise macht. Nicht so ohne weiteres, so ohne
Grund. Aber wenn Sie einen guten Grund finden. Warum nicht? Jeder Mensch
macht ja gern einmal eine Reise. Aber Hacinto – nein, das glaube ich
nicht, daß er so weit reist. Ohne Grund nicht. Freilich, er weiß ja
nicht, was weit ist. Ich glaube nicht, daß er je weiter gekommen ist in
seinem ganzen Leben als bis Jalapa.“
„Könnten Sie denn nicht einen Grund herausfinden, Senjor, der gut ist,
daß er in eine Reise einwilligt. Die Reise hin und auch wieder zurück
zahle ich ganz gern. Zahle auch dann, wenn er endlich nicht verkauft.
Aber wir haben doch dann wenigstens alles versucht.“
Frigillo sah über den Tisch, und während er einen Ball überlegte, wie er
ihn am besten fassen könnte, sagte er gedankenlos: „Grund. Einen Grund.
Ja, ich weiß nicht – na, ich nehme den Ball einmal von links und setze
ihn drüben auf die Kante, nahe der Ecke. Vorbei. Ich glaube wahrhaftig,
die Kreide taugt wirklich nichts. Aber, Mister, nein, wenn Sie sich nun
nicht besser hineinquetschen, dann kommen Sie heute nicht auf ein
einziges Spiel.“
„Der Tisch scheint nicht gut ausgekegelt zu sein. Der ist ganz bestimmt
nicht in der Waage. Der hängt schief. Verwette fünf Dollar, daß der
Tisch da in der linken Ecke überhängt.“ Mr. Abner ging um den
Billardtisch herum und blickte von allen Seiten waagerecht über ihn
hinweg mit einer Wichtigkeit, als ob die Geschicke der Welt davon
abhängig wären, daß der Tisch genau in der Waage steht. Nachdem er an
den Platz gekommen war, von wo aus er seinen Ball ansetzen wollte,
kreidete er wieder das Queue und sagte: „Sie kennen doch den Mann
Hacinto gut, Senjor?“
„Freilich kenne ich ihn“, antwortete Frigillo. „Kenne ihn so gut, als ob
er mein eigener Bruder wäre.“
„Dann sollte es Ihnen doch nicht schwerfallen, Senjor.“
„Was schwerfallen?“ fragte Frigillo.
„Einen Grund herauszufinden, daß Don Hacinto nach den Staaten reist.
Hören Sie, Senjor, mein Wort, ein Wort: Wenn es Ihnen glückt, einen
guten Grund zu finden, daß Don Hacinto mit mir reist, sollen Sie auch
daran verdienen.“
„Wieviel?“ fragte Frigillo, während er seinen Ball faßte.
„Sagen wir hundert Peso Gold“, sagte Mr. Abner.
„Hundert Dollar Americano.“ Dabei schob Frigillo seinen Ball, als ob
sich die hundert Dollar auf den Ball bezögen.
„Einverstanden, Senjor Frigillo, hundert Dollar Americano, wenn Don
Hacinto mit mir im Zuge sitzt.“
„Natürlich nicht schon morgen. So rasch geht das nicht“, sagte Frigillo.
„Ich rechne aber ganz klar auch damit, Mister, wenn Sie das Land kaufen
und auflegen für Produktion, dann bekomme ich die Kommission für die
Arbeiter, die hier gebraucht werden.“
„Da ist doch keine lange Rede darüber. Freilich bekommen Sie die
Kommission“, sagte Mr. Abner.
Frigillo sah Mr. Abner an, legte den Kopf einmal auf die rechte
Schulter, dann auf die linke, und meinte endlich: „Wir müßten das ja
vielleicht etwas schriftlich machen. Aber ich bin ja kein Säugling und
weiß, daß Schriftliches auch seinen Haken hat. Aber zu meiner Sicherheit
will ich Ihnen doch hier gleich sagen, daß, wenn Sie die Abmachungen,
die wir hier getroffen haben, nicht einhalten, ich Ihnen eine solche
Dreckerei machen kann, daß Sie und alle Ihre dicken Leute nicht mehr
Hiss sagen können. Verstehen Sie? Gut, dann sind wir uns ja über alles
klar.“
„Es besteht nicht die kleinste Absicht“, sagte Mr. Abner, „die
Bedingungen zu umgehen. Wer hilft, dem wird wieder geholfen. Und einen
Agenten für die Anwerbung von Arbeitern brauchen wir. Also warum
streiten? Ob Sie die Kommission bekommen oder ein Senjor Z und X, das
ist für uns gleich. Aber Sie kennen wir, und darum werden Sie
vorgezogen. Ist doch klar und logisch.“
„Das ist Ihr Ball, Mister“, sagte darauf Frigillo. „Nehmen Sie ihn
vielleicht ganz scharf von rechts unten und halten Sie hier auf den
Punkt der Bande hier. Hier wo ich zeige. So würde ich ihn holen. Na, ich
dachte es ja vorher, den haben Sie schön verkracht. Der Teufel mag
wissen, wo Sie das gelernt haben, was Sie Billardspielen nennen. Ich
nenne das, was Sie da spielen, Eierwürfeln. Aber Leute haben ja manchmal
recht merkwürdige Auffassungen über Billardspielen. Es gibt auch hier
Gerechte und Sünder wie überall.“
3
Frigillo nahm sich Zeit in der Sache. Er mußte das alles gut ausdenken,
wie er zu Mr. Abner sagte. Er hatte auch nicht viel Interesse daran, daß
es schnell ging. Denn solange der Gringo hier war, konnte er ihm täglich
fünfzehn bis zwanzig Peso im Billard abnehmen. Man verdient das Geld
nicht immer so leicht, und wenn man eine einträgliche Beschäftigung
gefunden hat, muß man eine Weile bei ihr aushalten.
Aber dann eines Tages, etwa eine Woche später, schien Senjor Frigillo
mit seinem Plan fertig zu sein. Mr. Abner hatte inzwischen auch gelernt,
worauf die Verzögerung zurückzuführen sei. Er gab sich mehr Mühe, und
Frigillo verdiente nicht mehr so viel beim Billard. So verlor der
Mestizo das Interesse daran, den Gringo länger hierzubehalten. Der Plan,
den sich Senjor Frigillo ausgedacht hatte, wurde beraten, und Mr. Abner
fand ihn brauchbar.
Sie mieteten sich Pferde und ritten eines Morgens los, um Don Hacinto
und die Rosa Blanca zu sehen.
4
Sie kamen zur Hazienda. Der Mestize stellte Mr. Abner vor und sagte zu
Hacinto: „Don Hacinto, hier ist ein Americano, der gute und kräftige
Reitpferde kaufen möchte, die hier in dieser Gegend geboren und groß
geworden sind, weil er sie in den Ölfeldern gebrauchen möchte, für
Inspektionsritte.“
Der Indianer sah sich Mr. Abner an, und weil Mr. Abner ihn offen ins
Gesicht sah und anlachte, gefiel ihm der Fremde.
Er sagte endlich: „Ich habe Pferde, gute kräftige Pferde, die hier auf
der Hazienda geboren wurden. Es sind kleine, struppig aussehende
Caballitos, aber sie sind kräftig und zäh wie Mules. Gut in der
Fütterung. Nicht lastimado, keine einzige wunde Stelle auf dem Rücken.
Eingeritten. Kann Ihnen vier, fünf, vielleicht auch sechs verkaufen.
Wollen Sie die Caballos sehen? Dann werde ich Margarito rufen, und er
kann die Pferde auf der Pastura einfangen und herbringen.“
Mr. Abner hatte sich gegen einen Pfosten des Portico gelehnt und sagte
müde: „Es ist nun heute schon recht spät, Don Hacinto. Wir sind auch
herzlich müde von dem langen Ritt. Vielleicht bleibe ich ein oder zwei
Tage hier, und wir können das Geschäft in Ruhe durchsprechen. Ich möchte
auch die Pferde, die ich kaufe, hier ein wenig umherreiten, um zu sehen,
wie sie unter dem Sattel sind.“
Er verstand gar nichts von Pferden.
Der Indianer sagte: „Es su casa, Senjor, das Haus gehört Ihnen. Ich
stehe zu Ihren geschätzten Diensten, Senjor, a sus apreciables ordenes.“
Dann rief er über den weiten Hof: „Miguelito, nimm die Pferde der
Caballeros, reite sie zum Fluß hinunter zum Trinken und bringe sie dann
auf die eingezäunte Weide. Gib acht, daß der Hengst sie nicht beißt.
Schmiere ihnen da auf die aufgeriebenen Satteldrücke Bickmorin zum
Abheilen und hier vorn am Hals des Prieto pinsele Kreolin ein, daß die
Maden herauskommen.“
Er klopfte die Pferde auf die Schinken und faßte sie mit Daumen und
Zeigefinger in die Nasenlöcher. Die Pferde schnüffelten und wieherten,
als sie Kameraden auf der Weide rochen.
„Muy bien, Patron, werde ich alles tun“, sagte Miguel, und er begann
sich mit den Pferden zu befassen.
5
Die Männer traten ins Haus.
Ein Indianerjunge brachte eine Schüssel mit Wasser, Seife und einem
Handtuch und bot das den Männern an. Sie wuschen sich die Hände. Dann
brachte der Junge auf einem Tablett zwei große Gläser Wasser, und die
beiden Angekommenen spülten sich den Mund aus und gurgelten die Kehle
sauber von dem Staub des Weges.
Don Hacinto hatte inzwischen die Habaneroflasche herbeigeholt, drei
Gläser eingeschenkt, und mit einem „Salud!“ tranken sie sich Willkommen.
„Guter Habanero“, sagte Frigillo und besah sich die Flasche und das
Etikett.
„Ist gut“, erwiderte Don Hacinto. „Ist von San Juan Bautista, Tabasco.
Ist aus Weintrauben.“
Mr. Abner, um auch etwas zu sagen, warf ein: „Ja, ihr Mexikaner seid gut
dran. Ihr seid ein freies Volk. Wir haben es nicht so gut wie ihr. Wenn
wir einen trinken, wissen wir nie, ob wir hinterher blind sein werden.
Die können auf die Flaschen Etikette kleben, die ganz grau sind vom
Alter, mit Scotch Whisky draufgedruckt in altfranzösischen Lettern. Das
ist gar kein Beweis, daß dann auch in der Flasche wirklich Whisky drin
ist. Es kann auch eine Zyankalilösung sein, und man muß froh sein, daß
man es merkt, ehe man einen zu großen Schluck genommen hat. Dieser
Habanero ist wirklich gut. Das wußte ich auch gar nicht, daß ihr in
Mexiko einen so guten Brandy machen könnt.“
„Wollen Sie noch einen zum Nachspülen, Senjor?“ fragte Hacinto lachend
und gutgelaunt.
„Gut, well then, noch einen. Aber halt, nur halb voll, Senjor. Wir – ich
fürchte – wir, ja wir haben die Gewohnheit verloren und fallen lang um
nach einem Fingerhut voll.“
Sie alle tranken noch einen dreiviertel voll zum Nachspülen, und damit
der erste sich im Magen nicht allein langweilen sollte, wurde endlich
noch ein ganzer nachgeschüttet.
Darauf fühlten sich alle wohl und zufrieden.
Es wurden drei grobgearbeitete Schaukelstühle in den Portico gebracht,
und die Männer begannen zu reden über alles mögliche.
Der Mestize brachte zuerst das Gespräch auf die Staaten. Wie reich die
Leute dort seien, wie hoch die Häuser wären, was man in den Theatern
alles sehen könnte, daß in New York die Eisenbahn unter der Erde liefe
und an anderen Stellen hoch über den Häusern hinweg, daß die Eisenbahn
sogar unter dem Fluß entlang liefe, daß man, in seiner Wohnstube
sitzend, mit dem Radio die Musik hören könnte, die zwanzigtausend Meilen
weit entfernt in Rußland oder in China gespielt würde, daß die Doktoren
einen Menschen ganz der Länge nach aufschneiden, alles aus dem Körper
herausnehmen und auswaschen und dann wieder hineinstecken und den ganzen
Körper wieder zunähen, und am nächsten Tage kann der Mann schon wieder
spazierengehen. Don Hacinto wußte ja, daß so etwas alles nicht wahr sei,
daß man es hier nur erzählte, um sich zu unterhalten. Freilich wußte er
doch, daß manches wohl wahr sei; denn er hatte ja ein Flugzeug eines
Tages gesehen, das über die Hazienda dahinschwirrte.
Aber Mr. Abner zeigte Bilder vor aus den Staaten, und da konnte Don
Hacinto sehen, daß wirklich die Häuser so groß seien und daß man
wirklich tief unter die Erde kriechen mußte, um in den Zug einsteigen zu
können, der unter der Erde dahinraste. So war vielleicht alles wahr, was
hier erzählt wurde, auch das, daß die Doktoren einem Menschen den Kopf
abschneiden, reparieren und wieder annähen konnten. Wenn die Leute wie
Vögel durch die Luft fliegen und mit Apparaten hören konnten, was in
China geredet wurde, dann war überhaupt alles möglich. Dem Mr. Abner
würde er ja nicht alles so leicht geglaubt haben, denn der war ein
Fremder, von dem man nicht wußte, ob er die Wahrheit sprach, weil er ja
auch nicht richtig sprechen konnte und man immer zur Hälfte raten mußte,
was er eigentlich sagen wollte. Mit Frigillo, das war schon etwas
anderes. Frigillo blieb ja auch nicht immer ganz bei der Wahrheit. Das
war schon richtig, das wußte Hacinto auch. Kein Wunder, denn der Vater
Frigillos war ja ein Fremder gewesen. Aber immerhin, Frigillo war zur
Hälfte Indianer. Hacinto kannte ihn, seit er ein Junge gewesen war, und
darum konnte man Frigillo schon eher etwas glauben als dem Fremden.
Frigillo war ja auch lange in den Staaten gewesen und sprach ebenso gut
die fremde Sprache wie der Gringo.
Wenn nun der Gringo etwas sagte, das Hacinto nicht ganz glaubhaft
schien, so sah er Frigillo an. Und wenn Frigillo das durch Kopfnicken
oder wörtliche Zustimmung bestätigte, dann natürlich wußte Hacinto, daß
es wahr sei, was da gesagt wurde.
Endlich setzten sie sich zum Abendessen nieder. Mr. Abner wurde mit dem
Essen nicht ganz einig. Er war einmal in Los Angeles in einem
mexikanischen Restaurant gewesen, aus Neugierde. Damals glaubte er, daß
die Speisen, die ihm in jenem Restaurant vorgesetzt wurden,
Phantasiegerichte seien, die man den Besuchern gab, um ihre Neugier zu
befriedigen.
Nun aber sah er hier auf der Hazienda, daß die Leute in Mexiko wirklich
das aßen, was ihm in jenem Restaurant angeboten wurde. Die Tortillas
behagten ihm nicht, und die Unmassen grünen und roten Pfeffers in den
Speisen verursachten, daß er ganze Tonkrüge voll Wasser während des
Essens trinken mußte. In Tuxpam aß er in einem Restaurant amerikanische
Gerichte. Hier auf der Hazienda dagegen mußte er sich endlich einmal
nach den Sitten des Landes richten. Er sehnte sich nach Weißbrot,
Butter, Schinken, Beefsteak, viel kalter Milch und Cookies mit
Sodageschmack.
6
Nach dem Essen saßen die Männer wieder in ihren Schaukelstühlen in dem
Portico, rauchten viel und redeten noch mehr.
Auf dem Altarstein inmitten des weit ausgedehnten Hofes vor dem
Haupthause der Hazienda brannte der mächtige Holzstoß, um Licht zu
geben.
Grillen sangen im nahen Busch und in den Feldern. Zuweilen blökte eine
Kuh. Dann schnaubte ein Pferd. Ein Mule trompetete, und ein Esel bähte
mit klagender Stimme. Weit fort, in einer der Hütten, durch deren
staketenartige Wände das Licht von den Herdfeuern glimmerte, bellte ein
Hund. Einige andere antworteten. An den Zäunen des großen Hofes drückten
sich junge Burschen wie schleichende Schatten entlang. In den Ecken
kicherten Mädchen. Aus der Küche hörte man das Schnattern der Köchinnen
und dazwischendurch die tiefe, ruhige, volle Stimme der Frau des Hauses,
die in einem Schaukelstuhl auf dem lehmgestampften Boden der Küche sich
wiegte und eine Zigarette nach der anderen rauchte, dabei den Mädchen
zusehend, ihnen Anordnungen gebend und mit ihnen lachend, schäkernd und
scherzend zur gleichen Zeit. Das Kind einer der Köchinnen winselte, und
man hörte die Frau rufen: „Dame el pobrecito, gib mir mal das Kleine
her, du behandelst es fahrlässig. Er muß ja schreien, der arme kleine
Bettler.“ Das Kind beruhigte sich auf dem Schoße der Frau sofort. Sie
blies ihm schmeichelnd leicht Tabakrauch ins Gesicht, um herumvagierende
Moskitos fern zu halten. Schweine grunzten, stießen sich und quiekten.
Der Himmel war ein tiefschwarzblauer Dom, mit goldenen Knöpfchen
festgeheftet an der gewölbten Hand des Universums.
Und Mr. Abner dachte und überlegte und rechnete, wie er die zehntausend
Dollar verteilen wollte, die ihm sicher waren.
7
Am nächsten Morgen besahen sich die Männer die Pferde. Mr. Abner, dem
Rate Frigillos folgend, lobte die Pferde über jedes anständige Maß
hinaus, obgleich sie nur gewöhnliche mexikanische Ranchopferde waren,
ohne Rasse und ohne einen Willen zur Zucht verratend.
Es freute Hacinto, seine Pferde so von einem Fremden zu loben hören.
Denn er war sehr stolz auf seine Pferde und auf seine Mules.
Der Indianer war so freudig gestimmt über das Lob, daß er Mr. Abner alle
sechs Pferde zum Geschenk machte und sich entschieden weigerte, auch nur
einen Peso anzunehmen.
Er sagte zu Mr. Abner: „Wenn Sie die Pferde so loben, Senjor, dann kann
ich sie wahrlich nicht verkaufen. Das schmerzt meinem Herzen. Sie haben
dann auch gar keinen Preis. Ich kann sie Ihnen jetzt nur noch schenken
als eine Erinnerungsgabe von der Rosa Blanca.“
Frigillo stieß Mr. Abner heftig in die Seite, in dem Augenblick, als
Hacinto das eine der Pferde streichelte und gutmütig und abschiednehmend
auf den Mund tätschelte.
„Senjor“, sagte nun Mr. Abner mit einer Stimme, als müßte er gewaltsam
seine Rührung verbergen, „die Ehre, die Sie mir mit dem Geschenk der
Pferde, dieser köstlichen Pferde, erweisen, kann ich – ich weiß wirklich
nicht. Nein, ich kann das nicht annehmen. Die Pferde sind zu kostbar, um
sie als Geschenk anzunehmen.“
Sagte der Indianer schlicht: „Bitte, Senjor, wollen Sie mir in der Tat
ein solches Herzeleid antun und ein ehrliches Geschenk, das Ihnen die
Rosa Blanca anbietet, ablehnen? Das glaube ich nicht, daß Sie so
unhöflich sein können. Das wäre eine Schmach, die Sie mir antun. Ich
könnte die Pferde jetzt gar nicht mehr verkaufen, seit ich weiß, daß Sie
die Pferde so sehr schätzen und so sehr lieben. Ich kann die Pferde
nicht mehr zurücknehmen. Die Pferde sind Ihr Eigentum, son suyos,
Senjor.“
Nun war das ja nicht so, daß der Indianer in Wahrheit die Pferde ganz
und gar verschenkte. Nach der Sitte der Mexikaner und der indianischen
Mexikaner erwartete er natürlich ein Gegengeschenk. Das verlangte die
Höflichkeit. Eine Höflichkeit, die zu üben der Fremde in Mexiko
gewöhnlich vergißt. Absichtlich oder unabsichtlich, das kann nicht immer
leicht entschieden werden. Der Mexikaner, wenn er jemand liebgewonnen
hat, verschenkt das Hemd vom Leibe und seine Frau dazu, dem Manne, den
er ehren will. Er denkt dabei nie an ein Gegengeschenk. Nie. Aber er hat
einen peinlichen Geschmack im Munde, wenn das Gegengeschenk ausbleibt.
Nicht des materiellen Wertes wegen, der mit dem Gegengeschenk verknüpft
ist, sondern des Gefühls wegen, daß ein Vorgang sich nur zur Hälfte
entwickelte. Er empfindet dann, daß er nicht verstanden wurde, weil die
Höflichkeit und die Ehre, die er zu erweisen gedachte, nicht mit
gleicher Höflichkeit und Ehre erwidert wurde. Die Harmonie ist
zerrissen. Die Welt steht nicht mehr im Gleichgewicht. Er hat das
Empfinden, daß er selbst nicht in dem gleichen Maße geachtet und geehrt
wird, wie er den andern ehrte und achtete. Und ein solches Empfinden ist
immer weh, selbst bei Menschen, die ihre Achtung nicht mit Geschenken
beteuern, sondern nur mit leeren Worten. Geld als Gegengeschenk
anzubieten, wäre eine Beleidigung, die zu tödlicher Feindschaft führen
kann, wüßte der Mexikaner nicht, daß der Fremde unter dem Einfluß
anderer Sitten steht als er. Mr. Abner erhielt einen zweiten Stoß in die
Seite.
Darauf besann er sich seiner Rolle und sagte, beinahe mit Tränen in den
Augen: „Senjor Yanyez, die Ehre, die Sie mir erweisen, ist so herzlich,
so aufrichtig von Ihnen gemeint, daß ich mich gezwungen sehe, das
Geschenk der Pferde von Ihnen anzunehmen. Ich kann Ihnen sagen, daß die
Pferde mir mehr wert sein sollen als nur Tiere. Sie sollen mich an die
Rosa Blanca erinnern und an Sie, der Sie mir, einem Fremden, eine so
große Freundlichkeit zeigten, wie ich nie erwartet hätte, in Mexiko zu
finden. Sie als einen Freund hier gefunden zu haben, macht mir Ihr
schönes Land Mexiko wert und teuer wie ein Heimatland. Ich danke Ihnen
viele viele tausend Male für das so kostbare Geschenk, von dem ich nicht
glaube, daß ich es je in irgendeiner Form vergelten kann.“ Hacinto
umarmte Mr. Abner und hielt ihn lange so umschlossen, dabei ihm
wiederholt auf den Rücken klopfend. Dann schüttelten sie sich die Hände.
Und damit war von der Seite des Indianers aus ein Freundschaftspakt
geschlossen, der für den Indianer so groß gemeint war, daß er auch noch
für die Kinder des Mr. Abner galt.
8
Mr. Abner ging einen Schritt auf und einen ab. Dann blieb er wieder vor
Don Hacinto stehen und sagte: „Es fällt mir schwer, irgend etwas zu
finden, mit dem ich Ihre generöse Freigebigkeit und Gastfreundschaft
vergelten könnte, Senjor. Als die größte Ehre und Freude, die Sie mir
bereiten könnten, würde ich es betrachten, wenn Sie auf eine Woche oder
besser auf zwei Wochen mein Gast sein würden in meinem Heimatlande. Ich
würde Ihnen alles das zeigen, wovon wir hier gesprochen haben, die
himmelhohen Häuser, die Eisenbahnen, die unter dem Flusse entlang
sausen, wir würden in ihnen fahren, die Kinobilder, die sprechen können,
die Radioapparate, mit denen wir die Musik hören, die von den Chinesen
in China gemacht wird, und wir würden auch in einem Flugzeug eine kleine
Reise machen, so daß Sie sich die Erde einmal von oben aus ansehen
könnten. Mit dieser Reise, die ich natürlich hin und zurück bezahle, das
müssen Sie mir gestatten, Senjor, möchte ich Ihre so liebe
Gastfreundschaft vergelten, die mir in Ihrem Hause geboten wurde. Ich
habe auch einen Rancho in California –“
Nun begann Mr. Abner zu lügen.
„– und ich habe auch eine Maultierzucht. Ich züchte aber nicht so kleine
Mules, wie Sie hier haben. Nein, ich züchte die großen Mules, diese
großen Tiere, die Sie ja auch bei der mexikanischen Artillerie und bei
den mexikanischen Maschinengewehr-Regimentern sehen können.“ Diese Mules
hatte Hacinto in einer illustrierten Sonntagsbeilage des Universal, der
großen Zeitung in Mexiko City, gesehen, die er von einem Krämer in
Tuxpam bekommen hatte. Die Bilder mit den Riesenmules des mexikanischen
Militärs hatte er ausgeschnitten und an die Wand im Wohnraume angeklebt.
Dort hatte Mr. Abner die Bilder gesehen, und er wußte jetzt sehr
geschickt die dort abgebildeten großen Mules für seine Zwecke zu
gebrauchen.
„Daß es so große und starke Mules gibt“, sagte Don Hacinto, „hätte ich
vorher nicht geglaubt, bis ich die Bilder sah. Da hätte ich wohl viele
Freude daran, solche Mules hier zu züchten.“
„Das ist gewiß, Don Hacinto“, nickte Mr. Abner, „solche Mules zu
züchten, ist eine Freude, schon der reinen Sache wegen, auch wenn man
gar nicht an die Preise denkt, die man dafür haben kann. Ich glaube
nicht, daß ich das kostbare Geschenk, das Sie mir mit den Pferden hier
gemacht haben, besser vergelten kann, als wenn Sie mir die Ehre erweisen
würden, von mir drei Stuten und einen Eselhengst als Gegengeschenk
anzunehmen, um damit eine neue Muleszucht zu beginnen, die neben der
Freude, die Sie daran haben werden, gleichzeitig eine schöne dauernde
Erinnerung sein wird an die köstlichen Tage freundschaftlichen
Austausches von Gedanken und Erfahrungen, die wir hier auf Ihrem schönen
Rancho gemeinsam verlebt haben.“
Mr. Abner konnte reden. Das wird man ihm nach diesem Beispiel wohl
zuerkennen müssen. Er konnte besser reden als ein jüdischer
Altkleiderhändler der Eastside in New York. Mr. Abner hätte dem Teufel
die Hölle abgeschwatzt, wenn er Interesse daran gehabt hätte. Aber an
der Hölle hatte Mr. Abner zur Zeit wenig Interesse. Nach den Regeln der
christlichen Kirche, an die er als ein guter und treuer amerikanischer
Bürger mit dem hundertundein Prozent Bürgerschaftspatent glaubte, war
ihm die Hölle ja eines Tages so gewiß, daß er sich jetzt wirklich nicht
darum bekümmern konnte. Denn nur wenn die Regeln der Methodisten nicht
ganz auf Wahrheit beruhten, hatte er die stille Hoffnung, im Himmel zu
landen.
9
Durch den innigen Freundschaftspakt, durch den sich der Indianer mit Mr.
Abner verbunden fühlte, verlor der Indianer alle Vorsicht und alles
Mißtrauen jenem Fremden gegenüber.
Wir, die wir weder Indianer noch Mexikaner sind, können uns aus einer
solchen Einladung, die uns verdächtig erscheint oder die uns unbequem
ist, herausziehen dadurch, daß wir sagen: „Danke für die große Ehre,
aber ich habe gerade jetzt keine Zeit für eine Reise. Vielleicht später
einmal.“ Ein Mexikaner jedoch, und noch viel weniger ein Indianer, kann
sich aber nicht so leicht aus der Schlinge, in der man ihn fangen
möchte, befreien. Sein Charakter läßt es nicht zu, sich mit leeren
Worten herauszureden.
Der Mestize Frigillo kannte seine Leute vortrefflich. Darum war der Tip,
den er Mr. Abner gegeben hatte, um die hundert Dollar Fanggeld zu
verdienen, so wirksam.
Denn genau so wie Mr. Abner Don Hacinto schwer beleidigt haben würde,
hätte er das Geschenk der Pferde abgelehnt, ebenso sehr würde jetzt Don
Hacinto den Mr. Abner beleidigt haben, würde er die angebotene Reise,
die Gastfreundschaft und die Zuchttiere nicht angenommen haben. Der
Indianer würde dem Fremden eine viel größere Beleidigung zugefügt haben,
weil ja der Fremde das Geschenk angenommen hatte. Auch der
Freundschaftspakt ließe keine Ablehnung zu. Und endlich war auch Don
Hacinto nicht so wohl versorgt mit guten Kniffen und wirksamen Ausreden,
um eine Ablehnung begründen zu können, ohne den Freund zu beleidigen und
zu verletzen. Was war eine Freundschaft wert, wenn sie schon beim ersten
Freundschaftsbeweis in die Brüche zu gehen drohte?
Hätte freilich Don Hacinto gewußt, daß die Reise nach San Francisco und
zurück ungefähr zweihundertfünfzig Dollar kostete, hätte er gewußt, wie
teuer gute Zuchttiere in den Staaten sind, dann wäre er vielleicht
vorsichtiger gewesen und hätte sich das alles erst einmal gut überlegt.
Aber er war bereits so gut gefangen mit Hilfe des Mestizen, daß, selbst
wenn er alle Preise gekannt hätte, er dann geglaubt hätte, daß Mr. Abner
eben die Pferde so hoch einschätzte, daß sie ein so hohes Gegengeschenk
wert waren. Und diese hohe Einschätzung seiner Pferde hätte Don Hacinto
nur noch entscheidender besiegt, weil er auf seine Pferde sehr stolz war
und weil die Anerkennung des Wertes, den er in seinen Pferden sah, eine
Ehre für ihn bedeutete, der diese Pferde gezüchtet hatte.
So war der Indianer in seinen eigenen Sitten, in seinem eigenen
Charakter gefangen. Und kein Mensch auf Erden sitzt fester als der, der
in diesen Dingen gefangen ist. Fange einen Menschen in dem, was er seine
Ehre nennt, und er gibt dir seinen Gott, seine Weltanschauung und seine
elfjährige Tochter als Dreingabe. Ein so gottverdammt blödes Ding wie
ein Duell, in dem der erschossen wird, dessen Ehre geschändet wurde von
dem, der ihn erschoß, beweist mehr als Psychologen in dicken Büchern
vergeblich zu beweisen suchen.
Frigillo kannte die Stelle, an der ein Mexikaner und erst recht ein Don
Hacinto verwundbar ist. Nicht nur der Speer eines Hagen, sondern eine
Giftfliege, im Misthaufen gezeugt und geboren, kann einen Siegfried
töten, wenn sie seine verwundbare Stelle kennt.
10
Nach drei Tagen war Don Hacinto reisefertig.
Mr. Abner war jetzt des Indianers so sicher, daß er Frigillo schon in
Tuxpam das Fanggeld auszahlte; und weil alles so gut gegangen war, ihm
nicht hundert, sondern zweihundert Dollar auszahlte.
Von Tuxpam fuhren Mr. Abner und Don Hacinto durch die Laguna auf einem
Motorlastboot nach Tampico.
Mr. Abner konnte nun mit seinem Opfer über San Luis Potosi nach El Paso
reisen. Aber er überlegte und wählte dann den Weg Monterrey–Laredo.
Durch diesen Weg hatte er Don Hacinto bereits in einem und einem halben
Tage aus Mexiko heraus, während es auf dem andern Wege zwei Tage länger
gedauert haben würde.
11
In San Francisco angekommen, mietete Mr. Abner sofort ein möbliertes
Haus, dessen Lage und Charakter ihm für seine Zwecke günstig erschienen.
Er reportierte in der Privatoffice des Mr. Collins die Ankunft des
Indianers.
Es wurde sofort beraten, was man zu tun gedenke.
Don Hacinto wurde endlich von Mr. Abner in das Gebäude der Condor Oil
Company gebracht, und es wurde nun mit allen Kräften und Schlichen an
dem Manne gearbeitet, einem Verkauf der Rosa Blanca zuzustimmen.
Aber in dieser Angelegenheit wußte Don Hacinto ganz genau, was er
wollte. So blieben alle Verhandlungen ergebnislos. Eine Million Dollar,
die ihm als letztes Gebot bewilligt wurden, machten keinen besonderen
Eindruck auf ihn. Es hätten auch zehn Millionen Dollar sein dürfen. Für
ihn war die Rosa Blanca ein Gut, das nicht verkauft werden konnte, so
wenig verkauft werden konnte, wie jemand die Notwendigkeit, essen und
trinken zu müssen, verkaufen kann.
Als nun alles versucht worden war, als sich endlich ergab, daß auch alle
weiteren Versuche und Angebote, Don Hacinto zum Verkauf zu bewegen,
fruchtlos sein würden, ersuchte Mr. Collins den Mr. Abner um eine
Privatbesprechung. Die Privatbesprechung fand ohne Zeugen statt.
12
Don Hacinto hatte in San Francisco einen Bekannten getroffen. Dieser
Mann war in der Nähe von Tuxpam groß geworden, hatte dort geheiratet und
war kurz nach seiner Heirat mit seiner Frau nach San Francisco gezogen,
wo er einen kleinen Laden aufgemacht hatte. Der Name jenes Mannes war
Espinosa. Aus irgendeinem Grunde hatte Don Hacinto seinem Freunde Mr.
Abner nichts davon gesagt, daß er jenen Bekannten getroffen hatte.
Dieser Mexikaner Espinosa konnte später einiges an Aufklärung
beibringen, als er beim mexikanischen Konsul war, und das erzählte, was
er wußte. Es war vielleicht ein Glück für ihn, daß Don Hacinto diese
Bekanntschaft nie erwähnt hatte. Denn Senjor Espinosa wurde im Verlauf
der Geschichte der Condor Oil Company sehr unbequem. Aber als die Condor
Oil von dem Manne hörte, war es zu spät, ihm so oder so den Mund zu
stopfen. Wäre der Plan nicht gar zu gut vorbereitet und ausgeführt
worden, so hätte er an Senjor Espinosa scheitern können. Senjor Espinosa
wußte nicht viel, aber das Wenige, was er wußte, bestätigte alles das,
was der mexikanische Konsul in San Francisco und die mexikanischen
Beamten in ihrem Heimatlande ahnten.
13
Eines Tages wurde Don Hacinto von Mr. Abner eingeladen, mit ihm im
Automobil nach seinem Ranch, nach dem Ranch des Mr. Abner zu fahren. Mr.
Abner hatte natürlich keinen Ranch.
Und als sie spät am Abend auf der offenen Landstraße waren, wurde das
Automobil angehalten von Leuten, die dort irgendwo gewartet hatten. Don
Hacinto erhielt mit einem Knüttel einen heftigen Hieb über den Schädel.
In dem Summen, das sein Hirn durchsauste, dachte er an die Weiße Rose,
an das alte Karrenrad im Hofe, an große Mules, an Pferde, an Margarito,
an den Papagei und an Domingo, seinen erwachsenen Sohn. Vielleicht
dachte er an andere Dinge. Aber die erwähnten mögen wohl wirklich die
gewesen sein, an die er dachte. Er war nicht völlig betäubt. Er richtete
sich halb auf, als wollte er etwas zu dem neben ihm sitzenden Mr. Abner
sagen. In diesem Augenblick erhielt er einen zweiten kräftigen Hieb, der
ihn zusammensinken ließ. Er wurde aus dem Wagen gezerrt, und Mr. Abner
fuhr weiter. Hacinto wurde ausgekleidet bis auf die Haut. Ihm wurden
zerlumpte Hemden und Kleider auf den Körper gezogen. Dann fuhr ein
zweites Auto vor, in dem die angekommen waren, die das Auto des Mr.
Abner aufgehalten hatten. Der jetzt ganz zerlumpt aussehende Indianer
wurde nun mitten auf die Straße gelegt, das Auto entfernte sich ein
Stück und raste dann in voller Geschwindigkeit über den Körper, sorgsam
achtgebend, daß die Räder der einen Seite über den Hals Hacintos liefen.
Das Auto kehrte um und überfuhr Hacinto ein zweites Mal. Die Männer
stiegen aus und beleuchteten Hacinto mit elektrischen Taschenlampen. Sie
untersuchten ihn sorgfältig, und als sie sahen, daß er tot war, wirklich
tot, stiegen sie wieder ein und rasten zurück zur Stadt. Mr. Abner nahm
einen andern Weg, um zur Stadt zurückzugelangen.
14
Der Leichnam des Don Hacinto wurde am nächsten Morgen gefunden. Der
Coroner, der amtliche Leichenbeschauer, gab seinen Bericht; und Don
Hacinto wurde auf Staatskosten eingegraben.
Der Bericht besagte, daß ein armer, zerlumpter Mann, offenbar ein
Mexikaner, den Händen nach zu urteilen ein Landarbeiter, der sich über
die Grenze geschmuggelt hatte, um in den Staaten Arbeit zu finden, in
der Nacht von mehreren Automobilen überfahren worden sei. Weder der Name
des Mannes, noch die Nummern der Automobile konnten festgestellt werden.
Um eine spätere Identifikation zu ermöglichen, wurde der Leichnam
gemessen, Haar- und Augenfarbe festgestellt, besondere Merkmale des
Körpers gesucht und gefunden, und endlich wurden Gesicht und Profil
photographiert. Der Identifikationsbericht wurde dem Department für
Identifikation der Polizei in Los Angeles übergeben, in deren Bereich
der Leichnam gefunden wurde. Dort lagert der Bericht, und dort wird er
lagern, bis eines Tages ein Erdbeben die Stadt und alle amtlichen
Dokumente zerstören wird.
Denn niemand auf Erden hat ein Interesse an dem Leichnam eines
zerlumpten mexikanischen Landarbeiters, der sich nach den Staaten
eingeschmuggelt hat.
12
1
Zwei Wochen später wurden bei der Regierung in Jalapa von der Condor Oil
Company die Verkaufsakten der Rosa Blanca zur Bestätigung eingereicht.
Der Besitzwechsel wurde in die Register eingetragen. Die Aktien
bestanden aus einem Verkaufskontrakt in Höhe von vierhunderttausend
Dollar, für welchen Betrag die Company die Stempelmarken, die Steuern
und die Registrierung bezahlte. Der Kontrakt war unterzeichnet von
Hacinto Yanyez, dem ersten Vizepräsidenten der Condor Oil Company, zwei
Zeugen und einem Syndikus. Dem Kontrakt lag ein Affidavit, eine
eidesstattliche Urkunde, eines amtlich vereideten amerikanischen Notars
bei, der den Verkauf und die Zeichnung der Unterschriften bestätigte.
Alle Dokumente waren ordnungsmäßig von dem mexikanischen Konsul in San
Francisco beglaubigt, gleichfalls waren die Übersetzungen in das
Spanische von ihm beglaubigt worden. Er hatte ja nichts weiter zu
beglaubigen als die Unterschriften und die amtliche Befugnis jenes
Notars.
Streng nach dem Gesetz hätte freilich der Verkauf in der Office des
mexikanischen Konsuls und im Beisein von mexikanischen Konsularbeamten
stattfinden müssen, um unantastbare Gültigkeit zu haben. Aber das
Affidavit des Notars kann wohl unoffiziell bezweifelt werden, kann
jedoch amtlich und offiziell nie bestritten oder gar angegriffen werden,
ohne zu diplomatischen Auseinandersetzungen zu führen, die man bei einem
solchen Objekt gern vermeidet, um so mehr als der Vizepräsident der
Company, seine zwei Zeugen, der Syndikus und der Notar in jeder Hinsicht
ehrenhafte und achtbare Bürger sind, die in vorzüglichem Rufe stehen und
– eine wichtige Sache – politischen Einfluß haben. Ein ganz leiser
Zweifel nur an ihrer Rechtschaffenheit kann zu sehr unangenehmen und
peinlichen Folgerungen führen.
Also sind die Dokumente gut und werden ohne Bedenken als vollwertige
Dokumente registriert.
2
Nach der Registrierung verging ein Monat.
Dann trafen auf der Rosa Blanca die Ingenieure der Company ein, um zu
vermessen.
Es kam sofort zu Streitigkeiten auf der Hazienda.
Der älteste Sohn des Hacinto und Senjora Yanyez, die Frau des Hacinto,
widersetzten sich dem Herumwühlen der Ingenieure. Die Männer, die auf
der Hazienda wohnten, kamen alle herbei, und wären die Ingenieure nicht
schnell wieder abgezogen, so wäre es zu bösen Gefechten gekommen.
Die Ingenieure behaupteten, die Company habe die Hazienda gekauft. Das
bestritten der Sohn, die Frau, Margarito und alle Männer. Denn jeder
wußte, daß Hacinto die Hazienda niemals zu verkaufen gedachte. Die
Ingenieure hatten keine Abschriften der Dokumente bei sich, und so
konnten sie freilich nichts anderes tun, als wieder abreisen.
3
Die Company telegraphierte an die Regierung nach Jalapa und ersuchte um
militärischen Schutz bei der Übernahme der Hazienda.
Jetzt erfuhr der Gouverneur von der Angelegenheit zum ersten Male; denn
mit der Registrierung der Dokumente hatte er ja nichts zu tun. „Da ist
etwas nicht in Ordnung“, sagte er als erstes Wort zu seinem Sekretär. Er
ließ sich sofort die Akten bringen, sah sie aufmerksam durch und sagte
dann: „Die Dokumente sind richtig, haben Siegel und Zeichnung unseres
Konsuls. Aber ich verstehe nicht den Yanyez. Er dachte gar nicht daran,
zu verkaufen. Freilich ist der Betrag nun in vierhunderttausend Dollar
bezahlt, während früher Don Hacinto nur vierhunderttausend Peso geboten
waren. Das ist immerhin ein so gewaltiger Unterschied im Preise, daß
dieser Unterschied wohl für Don Hacinto entscheidend gewesen sein mag.
Was kann man wissen, was die Burschen ihm sonst noch versprochen haben.“
Er sandte die Akten wieder zurück in das Registeramt.
Einige andere Dinge kamen dazwischen. Als er damit durch war, stand er
auf, zündete sich eine Zigarette an, ging zum Tische des Sekretärs im
Nebenraum und redete zu ihm in einer Weise, als wollte er durch das
Reden seine Gedanken ordnen und in eine bestimmte Richtung leiten.
„Dennoch verstehe ich nicht“, der Sekretär wußte noch nicht, daß der
Gouverneur unausgesetzt an den Fall der Rosa Blanca gedacht hatte,
während er andere Dinge erledigte, „dennoch verstehe ich nicht“,
wiederholte der Gouverneur, „warum da militärischer Schutz nötig ist.
Wenn er die Hazienda verkauft hat und für eine so hohe Summe, warum
übergeben die Leute denn die Hazienda nicht? Ist er selbst denn nicht
da, noch nicht zurückgekehrt?“
Ihm fegte ein Gedanke so heftig das Hirn, daß er erschrak.
In nervöser Hast kommandierte er dem Sekretär: „Sofort amtliches
Telegramm zur Telegraphen- oder Telephonstation nächst zur Rosa Blanca,
daß ich ältesten Sohn und wennmöglich Senjora Yanyez ebenfalls sofort
mit raschester Gelegenheit hier zu sehen wünsche mit Briefen oder
Telegramm versehen, die sie etwa von Don Hacinto empfangen haben
sollten, während er in San Francisco war. Don Hacinto soll mitkommen,
falls er inzwischen eingetroffen ist. Ich bin überzeugt“, sagte der
Gouverneur in einem andern Ton, um anzudeuten, daß dies nicht für das
Telegramm bestimmt sei, „Don Hacinto ist nicht auf der Hazienda, sonst
könnten da keine Auseinandersetzungen sein. Aber wo ist er denn dann?“
„Vielleicht macht er sich gute Tage in San Francisco mit dem vielen
Geld“, sagte der Sekretär lachend.
„Das ist möglich. Aber ich glaube es nicht. Ein paar Tage ja,
vielleicht. Man kennt ja einen Menschen nicht wieder, wenn er plötzlich
viel Geld in die Hand bekommt.“
Darauf sagte der Sekretär: „Kann sein, daß er sich einen guten Ranch
ansieht, um sich dort anzukaufen, in California.“
„Kann auch sein“, gab der Gouverneur zur Antwort. „Aber es scheint,
seine Leute hier haben von ihm gar keine Nachricht, nicht einmal eine
Nachricht von dem Verkauf. Merkwürdig ist es auf alle Fälle.“
Abermals kamen andere Dinge zur Office, die der Gouverneur zu bearbeiten
hatte.
Es schien, daß er den Fall nicht los wurde aus seinen Gedanken. Denn als
er um vier Uhr des Nachmittags zurückkam zur Office, sagte er zu seinem
Sekretär: „Da ist doch das Affidavit in den Akten. Wozu in aller Welt
ist denn da ein Affidavit nötig? Ist doch gar nicht nötig.“
„Das scheint mir aber doch nötig zu sein“, warf der Sekretär ein. „Da
der Verkaufskontrakt nicht auf dem mexikanischen Konsulat abgeschlossen
wurde, wie es hätte eigentlich geschehen müssen, so haben die
Kontrahenten als Ersatz hierfür das Affidavit eines amtlichen Notars
eingesetzt. Vielleicht war der Konsul nicht anwesend.“
„Dann ist doch eine Vertretung auf dem Konsulat“, sagte der Gouverneur.
„Schon“, meinte der Sekretär, „aber vielleicht hatte die Vertretung
nicht so weitgehende Vollmachten.“
Der Gouverneur schüttelte den Kopf: „Bei Abschließung eines so wichtigen
Kontraktes, der sich auf Besitzwechsel in einem fremden Lande bezieht,
insbesondere wo ein Besitzwechsel aus den Händen eines Staatsbürgers in
die Hände eines Fremden in Frage kommt, kann man auch einige Tage
warten, bis der Konsul zurückkommt, oder sie konnten nach Los Angeles
reisen, um dort auf dem Konsulat den Verkauf abzuschließen.“
„Aber die Company ist in San Francisco ansässig“, wandte der Sekretär
ein. „Für die Company ist das mexikanische Konsulat in San Francisco
zuständig.“
„Die Company wollte ganz sicher gehen, darum das Affidavit des Notars“,
sagte der Gouverneur. „Aber wenn sie so sicher gehen wollte, war das
Sicherste, zu unserm Konsul zu gehen und dort den Kontrakt in seinem
Beisein abzuschließen. Warum die Vertragsschließenden das vermieden
haben, unsern Konsul aufzusuchen, ist ja eben gerade das, was mir so
merkwürdig erscheint.“
„Aber, Senjor Gouverneur“, sagte der Sekretär, „erlauben Sie, bitte,
unser Konsul hat die Dokumente bestätigt.“
„Was hat er denn bestätigt? Was denn? Er hat die Richtigkeit der
Unterschriften der Personen bestätigt, die ihm persönlich bekannt zu
sein scheinen, nach dem, was in seiner Bestätigung gesagt ist. Er hat
ferner bestätigt, daß der Notar, der das Affidavit ausgestellt hat, ein
Public Notary, ein amtlich vereideter öffentlicher Notar ist, dessen Amt
und Befugnis zu Recht bestehen. Weiter nichts. Aber es bleibt mir nichts
anderes übrig. Also dann, weiteres Telegramm an die Condor Oil, daß
militärischer Schutz vorbereitet werde und, wenn notwendig, in wenigen
Tagen zur Verfügung stehe. Solange der Kontrakt nicht bezweifelt werden
kann, hat die Company alle Rechte auf ihrer Seite.“
4
Einige Tage später kamen der Sohn und die Frau des Hacinto nach Jalapa.
Sie wurden sofort vom Gouverneur gerufen.
Er kannte beide Leute persönlich von seinem Besuch auf der Rosa Blanca
her.
Sie sahen beide sehr verhärmt aus. Trugen ihre Sorgen und ihre
schlaflosen Nächte offen auf dem Gesicht.
Der Gouverneur war herzlich zu ihnen. Er ließ sie fühlen, daß sie
Vertrauen zu ihm haben durften.
Bot dem Sohne Zigaretten an und der Frau Schokolade aus einem Karton,
den er aus einem Schubfache seines Schreibtisches zog.
Als er ihr den Karton reichte, damit sie sich einige Stücke herausnehmen
sollte, begann er zu lächeln und sagte: „Entschuldigen Sie, Donja
Concepcion, Sie rauchen lieber auch Zigaretten. Hier, bitte, versuchen
Sie diese.“ Er reichte ihr sein ledernes Zigarettentäschchen, und die
Frau nahm eine Zigarette heraus, lächelnd unter Tränen, die ihr dick in
den Augen standen.
„Wo ist Don Hacinto?“ fragte der Gouverneur.
„Das wissen wir nicht“, sagte die Frau. „Wir machen uns so viel Sorge,
was mit ihm geschehen sein kann. Seit er mit dem Amerikaner fortgereist
ist, haben wir nichts mehr von ihm gehört.“
„Er hat die Rosa Blanca an die Company verkauft.“
„Das ist eine Lüge“, schrien beide, die Frau und der junge Mann. „Das
hat er nicht getan. Er verkauft die Rosa Blanca nicht für hunderttausend
Millionen Peso“, setzte die Frau allein hinzu.
Der Gouverneur nahm die Dokumente zur Hand, die er sich hatte bringen
lassen, und reichte sie der Frau: „Hier sind die Verkaufsakten, Donja
Concepcion.“
Die Frau überflog den Inhalt, ohne eigentlich zu lesen. Sie kam zu den
Unterschriften und schrie: „Das hat Hacinto nicht geschrieben, diesen
Namen.“
Der Gouverneur fragte rasch: „Warum glauben Sie, Don Hacinto hätte das
nicht geschrieben?“
„Einfach, einfach“, schrie die Frau erregt, „er kann ja gar nicht
schreiben. Nicht einen einzigen Buchstaben kann er schreiben.“