Nation. Darum können wir nicht nachgeben, weil wir höhere Interessen
haben als nur den nackten Geldgewinn. Die Erhaltung des Staates gilt uns
mehr. Sobald wir die Union der Minenarbeiter vernichtet haben, wird die
Union der Transportarbeiter vorgenommen. Sie ist, nächst der
Minenarbeiter-Gewerkschaft, die gefährlichste; denn sie hat das Rad der
Volkswirtschaft in ihrer Hand.“
Alles übrige, was Mr. Collins den Reportern erzählte, ist unwichtig. Man
kann es in jedem Traktätchen, das gegen das Proletariat geschrieben ist,
nachlesen. Mr. Collins legte auch auf das Fehlende nicht so großen Wert.
Er redete überhaupt nur noch alles übrige, um den Kernpunkt genügend zu
verschleiern. Er besaß diplomatische Fähigkeiten.
3
Die Reporter veröffentlichten die Predigt des Mr. Collins wortgetreu und
auf der ersten Seite. So kam die Meinung des Mr. Collins auch richtig
hin zu denen, für die sie gemeint war und die nun erreicht wurden, ohne
daß es nötig wurde, Unionssekretäre mit einigen tausend Dollar
aufzukaufen. Diejenigen, für die die Weisheit des Mr. Collins gemünzt
war, waren die Transportarbeiter.
Als sie hörten, daß ihre Union die nächste sei, die folgen würde, sobald
die Minenarbeiter zermanscht seien, kamen sie in Wut. Sie taten Mr.
Collins den Gefallen. Sie taten alles ganz genau so, wie es Mr. Collins
gewünscht hatte. Sie taten es sogar viel besser, als er erwartet hatte.
Bediene dich gut erprobter Rezepte, und der Kuchen muß gelingen.
Die Transportarbeiter beriefen Riesenversammlungen ein. Sie sagten, es
geht um Leben und um Sterben. Es wurde beraten und gedonnert. Und heraus
kam der Beschluß, einmütig gefaßt: „Die Minenarbeiter müssen unterstützt
werden, die Minenarbeiter dürfen nicht verlieren. Darum wird kein
Kohlenschiff an unseren Küsten ausgeladen, das von England oder
Deutschland oder aus irgendeinem fremden Lande kommt. Notwendigenfalls
Sympathiestreik im gesamten Transportarbeitergewerbe, einschließlich der
Eisenbahnen.“
Die Magnaten ließen es nicht darauf ankommen. Transportarbeiterstreik,
der ja in den Vereinigten Staaten immer mit schwerer und sehr
kostspieliger Sabotage der Transportmittel verknüpft ist, konnte man
gerade jetzt am allerwenigsten gebrauchen. Das hätte die Lage nur noch
mehr verwirrt, und man hätte dann alles aus den Händen verloren und
nicht mehr absehen können, wohin das endlich noch führen möchte.
Die Verträge mit den englischen und deutschen Kohlenhäusern wurden nicht
gezeichnet, und es kamen keine Kohlenschiffe an.
Ganz genau das war es, was Mr. Collins wollte.
4
Von nun an ging alles wie geölt.
Mr. Collins arbeitete nach dem Rezept in der Bibel, nach jenem Rezept,
das Joseph, den Sohn Jakobs, aus einem vergessenen Gefängnisbruder zum
reichsten Manne und endlich sogar zum Vizekönig in Ägypten machte. Zum
Leidwesen vieler, in damaliger Zeit, wieder ein Fremder und wieder ein
Jude. Joseph, wie man wohl recht gut weiß, sammelte alles Getreide zu
billigen Preisen in den sogenannten fetten Jahren, als der Preis sehr
tief stand, und er verkaufte das Getreide dann in den Hungerjahren zu
Wucherpreisen. Die Bibel, wie so oft, erzählt uns das nur nicht richtig.
Sie erzählt das ein wenig verbrämt, damit der liebe Gott auch etwas von
dem Ruhme abbekommen soll. Man kann ja einem Juden nicht allen Ruhm
allein lassen. Und es ist seit jener ägyptischen Periode, daß die
Blutsgenossen des Joseph nach und nach den ganzen Getreidehandel
übernommen haben, besonders in den Staaten, weil ja die Christen doch
nicht richtig mit Getreide umgehen können und weil die Juden die längere
und reichere Erfahrung haben.
Mr. Collins war nicht Jude. Er wollte sogar den Juden die Einwanderung
in die Staaten verbieten. Aber es muß gesagt werden, daß er größer war
als Joseph und größer als der Earl of Beaconsfield, der es, geschickt
wie Joseph, verstanden und vermocht hatte, sich aus einem Benjamin
D’Israeli zum englischen Vizekönig emporzuarbeiten.
Mr. Collins war größer als Joseph und größer als Beaconsfield; denn es
ist ja immer so: Wenn jemand ganz groß und rücksichtslos ist, dann ist
er ganz bestimmt kein Jude. Und hierin liegt ein Trost für die, die
nicht Juden sind.
Mr. Collins war größer. Und er war moderner. Er bediente sich nicht
eines Traumes, den ein anderer hatte, sondern er bediente sich der
proletarischen Solidarität. Jener proletarischen Solidarität, von der
immer so viel geredet wird und die man so selten sieht, wenn ein
Mobilmachungsbefehl an die Mauern geklebt wird und wenn die Soldaten
ausmarschieren.
Mr. Collins hatte den Vorteil auf seiner Seite, daß die Menschen, die
Geld hatten, eine Todesangst ausstanden, daß die Solidarität des
Proletariats zu einer gewaltigen Macht werden könnte, die Welten zu
bewegen imstande sei.
5
Mr. Collins war nicht sentimental. Er kassierte. Er kassierte die Sahne
der Nation. Ei, was mußte die Nation bluten! Die Tonne Kohle ging auf
den doppelten Preis. Auf den dreifachen. Auf den vierfachen Preis. Und
nun öffnete Mr. Collins die Scheuern und half der sterbenden Industrie
wieder auf die Beine. Er wurde der Retter der Nation. Würde er
politischen Ehrgeiz gehabt haben, man hätte ihn zum Präsidenten erwählt.
Er wurde ein zweiter Washington.
Die Company kassierte nur und kassierte. Sie hatte keine Ausgaben. Alle
Ausgaben hatte nur die Minenarbeiter-Union, deren reiche Kassen bis auf
den letzten kupfernen Cent geleert wurden. Ausgaben hatte nur das
Proletariat, das sammelte und sammelte, schimpfend und murrend, aber
doch sammelte für die hungernden Miners. Die Könige machen Krieg, und
das Proletariat blutet und stirbt. Magnaten machen einen großen
Fischzug, und das Proletariat opfert seinen letzten Cent und verhungert.
Immer das Proletariat! Und immer und nochmals das Proletariat. Verflucht
noch mal, Prolet, was bist du doch für ein Esel!
6
Mr. Collins hatte, als die Schlacht geschlagen war und das
Wirtschaftsleben und Wall Street sich wieder zu beruhigen begannen, für
seine eigene Tasche einen kleinen Reingewinn von zart einer Million
vierhunderttausend Dollar gemacht.
Die Arbeiter hatte er nun nicht mehr nötig, sie waren nur Schachfiguren
gewesen. Schlimmer als Schachfiguren. Selbst eine hölzerne Schachfigur
weiß, daß sie Schachfigur ist. Aber die Arbeiter wußten nicht, und sie
haben es bis heute nicht erfahren, daß sie nur Figuren waren, die hin
und her geschoben wurden, von Mr. Collins. Die Arbeiter erhoben ein
großes Geschrei, daß sie den Streik gewonnen hätten, als sie wieder
zurückkehren durften in die Minen, daß ihnen der Lohn nur um zehn
Prozent gekürzt wurde, und daß man ihnen wieder ihre Union ließ, damit
sie sich daran erfreuen konnten.
Denn was kümmerten sich die Companien ernsthaft um die Unionen. Union
oder nicht Union. Der Arbeiter verhungert, wenn er keine Arbeit hat. Und
ob er Arbeit hat oder nicht, das bestimmt nicht seine Union, sondern das
bestimmt der, der nicht predigt, sondern der handelt und keine
Sentimentalität kennt. Prolet, du hast vortreffliche Lehrmeister.
7
Mr. Collins zählte nicht die Gefallenen. Er stellte keine Verlustlisten
auf derer, die von der Miliz erschossen waren, derer, die auf Jahre
hinaus in Gefängnissen saßen, derer, die ihre Existenzen verloren
hatten, derer, die Selbstmord begangen hatten, derer, die ins Irrenhaus
gekommen waren, derer, die in Hospitälern lagen.
Es sind schlechte Generale, die sich um die Gefallenen kümmern.
Wir haben mit den Lebenden genug zu tun.
Und während der Prolet seine Gefallenen begräbt, beweint und beredet,
gewinnt sein Gegner Zeit, die neue Schlacht zu planen und vorzubereiten.
6
1
Mr. Collins war jetzt oben. War vollberechtigtes Mitglied im Generalstab
des Wirtschaftslebens der Nation.
Aber alle die Männer, die bisher mit ihm gearbeitet hatten, also das
Direktorium der Anthracite Company, begannen sich vor ihm zu fürchten.
Sie alle hatten keine Sentimentalität. Aber sie besaßen noch genug
Zimperlichkeit, nicht bis zur letzten Grenze zu gehen.
Was die Anthracite getan hatte, war alles innerhalb der Grenzen des
Gesetzes geblieben. In allen ihren Handlungen war die Company vom Gesetz
geschützt. Jeder hatte das Recht, Lager aufzuhäufen, wann und wo und
wieviel er wollte. Und jeder hatte das Recht, seine Lager zu öffnen,
wann es ihm am günstigsten erschien. Die Anthracite hatte niemals in
diesem großen Raubzug mit Lügen gearbeitet. Sie hatte offen verkündet,
daß sie Lager auffülle. Und sie hatte das ganze Manöver durchgeführt,
ohne das Trustgesetz irgendwo zu verletzen. Sie hatte mit keiner anderen
Company ein trustähnliches Abkommen getroffen, um den Markt zu
beherrschen. Das Geschäft war so sauber, so ehrenhaft, so anständig wie
nur immer ein Geschäft innerhalb des kapitalistischen Systems sein kann.
Daß die Menschen sich in eine Panik jagen lassen, kann man nicht der
Anthracite zum Vorwurf machen. Dafür ist der liebe Gott verantwortlich,
der alles geschaffen hat und keine Maus verrecken läßt, wenn es nicht in
seinem Willen liegt. Ließen sich Menschen nicht erschrecken, könnte nie
jemand Millionen verdienen. Nie könnte jemand Menschen für seine
Privatzwecke gebrauchen, wenn die Menschen mehr Selbstvertrauen und mehr
Mut hätten und sich nicht fürchteten vor einigen Tagen Hunger und vor
dem Alter.
Wenngleich das Geschäft durchaus in gesetzlichen Grenzen geblieben war,
so scheuten dennoch die Herren des Direktoriums vor einem neuen
ähnlichen Geschäft zurück. Es waren da immer Zeitungen von Sozialisten
und anderen Leuten, die aus Neid nörgeln, die irgendwie Weisheit
bekommen und ein derartiges Manöver aufdecken können. Und alle die
Menschen, die unter diesem Raubzug leiden, werden zu Anklägern. Wo
Ankläger sind, da finden sich auch sofort Richter ein. Ein Mensch gilt
nur so lange als ehrenhaft, solange man seine Geschäfte nicht zu
durchschauen vermag. Keiner der Männer des Direktoriums konnte in das
Zuchthaus geschickt werden, aber alle konnten in der Öffentlichkeit
beschimpft werden als Zerstörer des Staates und als Förderer
sozialistischer Ideen. Ein Kapitalist, der durch gar zu rigorose
kapitalistische Manöver der Propaganda der Sozialisten und Anarchisten
Material liefert, ist einem Verbrecher gleich, und er ist schlimmer als
ein Anarchist.
Das erkannten die Herren des Direktoriums rechtzeitig. So blieben sie
auch verschont von den Stürmen, die einige Jahre später den
amerikanischen Kapitalismus durchschüttelten und die Sozialisten mit
Dynamit versorgten, von jenen Stürmen, die der große Ölskandal, der
sogenannte Tea-Pot-Dome-Skandal, verursachte. Stürme, die sogar den
Präsidenten der Republik, Mr. Harding, so durcheinanderschüttelten, daß
er krank wurde, sich hinlegte und sofort starb. So rechtzeitig starb,
daß man ihm – Ehre vor einem Toten, der sich nicht verteidigen kann –
nicht mehr genau nachrechnen konnte, wieviel Millionen er mit Mr.
Sinclair verdient hatte auf Kosten der Nation, während sein Kronprinz,
Mr. Coolidge, darüber die Sprache verlor und seitdem der größte
Schweiger unter den Präsidenten der amerikanischen Nation genannt wird.
So kamen die Herren des Direktoriums zu der Überzeugung, es sei das
beste, Mr. Collins, diesen Allzumächtigen, aus der Anthracite
hinauszukaufen.
Mr. Collins bekam seinen Anteil am Gewinn in Aktien der Anthracite, die
jetzt sehr hoch standen, weil der Bedarf an Kohle groß war und wieder
tüchtig gefördert wurde. Durch diesen Besitz der Aktien bekam Mr.
Collins eine hohe Stimmenzahl in der Company; und er hätte jetzt,
lediglich durch seine Stimmenmacht, die Company abermals in ein Manöver
verlocken können, was das Direktorium vermeiden wollte. Es hatte genug
an dem einen Manöver für lange Zeit; denn das Risiko an Skandal war denn
doch zu hoch für jene Herren. Mr. Collins wurde als Abenteurer
angesehen, der sich um Skandale nicht kümmerte. Damals noch nicht, weil
er noch im Aufstieg war. Später änderte es sich auch bei ihm in dieser
Hinsicht. Mit zunehmendem Alter gibt man mehr auf gesellschaftliche Ehre
und soziale Stellung als in der Jugend, wo man vorgibt, Bohemien zu
sein. Auch wenn man sonst keinerlei Berührung mit Kunst hat.
Die Herren boten Mr. Collins einen sehr guten Preis für seine Aktien. So
wurden sie ihn los und dankten Gott und gaben der Kirche.
2
Ein Mann in den States mit einem Bank Account von einer und einer halben
Million Dollar, gewesenes einflußreiches Mitglied des Direktoriums der
mächtigen Anthracite Company, bekannt bei und gekannt von allen großen
Zeitungen als starker und smarter Knabe, ein solcher Mann muß zu einer
kapitalistischen Macht werden, auch wenn er gar nicht will. Er wird dazu
gezwungen. Er wird hineinverwickelt in alle großen Geschäfte und alle
großen Manöver. Das System duldet ihn nicht als Außenstehenden und nicht
als Zurücktretenden. Das System benötigt seine ein und eine halbe
Million Dollar, und das System benötigt seine Erfahrung, seine
Kenntnisse, seine Kraft und seinen Willen. Große Companien schenken ihm
Aktien, nur damit er drin ist, nur damit er an der Company interessiert
wird, nur damit er mit zu Rate gezogen werden kann. Die Banken lassen
ihn nicht in Ruhe. Er muß sich beteiligen hier und dort, weil man ihn
nicht für so schäbig hält, daß er sich mit vier Prozent begnügen könnte.
Und einem Manne mit dem Rufe, den Mr. Collins nun hat, kommt niemand mit
seichten Dingen. Man kommt ihm nur mit sicheren Sachen. Und nur mit
solchen Geschäften, wo achtzehn Prozent sicher sind wie der Tod. Nur die
kleinen Höker werden zu Dummheiten verlockt. Ein Mr. Collins nie. Wer
Kartoffeln fünfkiloweise verkauft und Petersilie für zwei Cent das
Sträußchen, der kann zu einem kleinen behäbigen Wohlstand gelangen, aber
er wird nie Millionen machen. Genau so wenig wie jemals ein Proletarier,
der immer in der Fabrik arbeitet und es nie wagt, sich einmal auf die
eigenen Füße zu stellen, fünfzigtausend Dollar für sich zusammenbringen
wird. Er würde dazu zehn Leben nötig haben, weil er ja stets nur einen
kleinen Teil dessen bekommt, was er produziert. Die wahrhaft großen
Vermögen werden nur gemacht von denen, die an den Nervensträngen der
Nation, an den Lebensnerven der Menschen zupacken. Und skrupellos
zupacken.
3
Die Lebensnerven der zivilisierten Menschen sind: Getreide, Baumwolle,
Kohle und Eisen. Wer eines dieser vier Dinge beherrscht, ist
allmächtiger als der liebe Gott; denn er kann Kirchen bauen und Kirchen
verweigern, kann Pfaffen ernähren und Pfaffen verhungern lassen. Und
wenn der liebe Gott keine Pfaffen mehr hat, wird er schnell vergessen.
Fleisch, Leder, Häuser und Grundstücke sind auch wichtig. Aber der
Mensch kann sich mit Fleisch sehr einschränken, kann seine Schuhe bis
zum letzten Fetzen auftragen, kann sich sehr zusammenpferchen, daß er
jahrelang ohne neue Häuser auskommt. Aber Brot braucht er, seine Hemden
und Kleider aus Baumwolle sind nicht so dauerhaft wie Leder. Kohle
braucht er, um nicht zu erfrieren, um Licht zu haben und Hilfskraft für
seine Arbeit. Eisen braucht er für Werkzeuge, Maschinen und gelegentlich
für seine Schießprügel und Kanonen.
Alles das hatte Mr. Collins rechtzeitig im Leben begriffen. Darum hatte
er sich der Kohle bedient, um in den Sattel zu kommen.
Als man ihn aus der Kohle hinausdrängte, weil er zu gefährlich war,
mußte er nach einem anderen Lebensnerv der Menschen suchen, um mit Macht
spielen zu können. Besaß er Macht, so konnte er sich alle Genüsse
verschaffen, die das moderne Leben bietet. Spielte er mit Macht, so
konnte er alle Werte auskosten, die einem Menschen das Leben interessant
und lebenswert machen. Zu spekulieren und mit Macht zu spielen ist
erregender und köstlicher als am Roulett zu sitzen. Auf das Roulett kann
man keinen Einfluß ausüben. Am Roulett zu spielen, erfordert keine
Intelligenz. Jeder Trottel kann es, darum findet man in der Nähe eines
Roulettes auch nichts anderes als Trottel, Spitzbuben und Frauen, die
auf den Gewinn der Trottel warten.
Mr. Collins war kein Trottel. Er hatte Intelligenz. Und er war ewig aus
seinem Innern heraus gedrängt, seine Intelligenz zu gebrauchen.
4
Es war die Zeit, als das Automobil aus seinen ersten schüchternen
Gehversuchen heraus war. Aber nur wenige erkannten die große Zukunft,
die das Automobil hatte. Der Glaube an die Unüberwindlichkeit der
Eisenbahn war noch unerschüttert. Die ersten Versuche mit Flugmaschinen
waren vorüber. Sie hatten vielen Männern das Leben gekostet, aber sie
waren geglückt. Man konnte bereits einige Kilometer weit fliegen und
eine halbe Stunde über dem Erdboden bleiben, bis man abstürzte und sich
das Genick brach, wenn man nicht vorher schon verbrannt war. Die
Vorarbeiten für den Dieselmotor waren auch geglückt und zeigten denen,
die Intelligenz besaßen und die nicht das Bestehende für die letzte
Weisheit menschlicher Fähigkeiten ansahen, bereits den Weg, den die
Technik gehen würde. Gehen mußte.
Mr. Collins erkannte mit seinem guten Instinkt, daß die Kohle als
Lebensnerv der Menschen zu verkalken begann und daß der Tag kommen
würde, an dem die Kohle unwichtig war, vielleicht gar entbehrt werden
konnte. Denn schon damals dachte niemand, der nur ein wenig Vernunft
besaß, daran, daß man Automobile und Flugmaschinen mit Kohlen heizen und
bewegen werde.
So kam es, daß Mr. Collins den jungen, frischen, unverbrauchten neuen
Lebensnerv der Menschen packte: das Öl.
Er tippte auch gleich die richtigen Stellen an, die damals noch ganz neu
waren. Er kaufte Felder in Kalifornien und in Oklahoma. Er kaufte in
Gegenden, wo kein Geologe Öl vermutet hatte. Und er gewann.
Er gründete die Condor Oil Co. Sie war sehr klein. Beinahe die kleinste
aller Companien an Kapital.
Aber sobald sie erst einmal geboren war, den ersten Schrei ausgestoßen
und den ersten vollen Atemzug getan hatte, da begann sie auch gleich zu
fressen. Und sie fraß und fraß. Fraß alle anderen kleinen und mittleren
Companien auf und verschlang alle Privatunternehmer. Und sie fraß und
fraß, bis sie so dick und voll war, daß sie gewichtig neben den
allergrößten Öl- und Petroleum-Companien stand, angesehen und
gefürchtet. Mr. Collins war so geschickt, daß er Manöver vermied, die
einen Sinclair, den mächtigsten Ölmagnaten, in einen der größten und
stinkigsten kapitalistischen Skandale verwickelten, die das
amerikanische Volk, das ja so unermeßlich reich ist an kapitalistischen
Skandalen, in den letzten Jahren gesehen hat. Ein Skandal, der so sehr
an den Fundamenten des kapitalistischen Systems rüttelte, wie das nie
eine kommunistische Propaganda fertigbringen wird. Daß ein System einen
solchen Skandal überleben kann, daß das Volk darüber sogar lachen und
satirische Chansons in den Vaudeville-Theatern anhören kann, ohne das
System auch nur anzuklagen, beweist, wie fest gefügt und sicher dieses
System noch steht. Beweist, daß dieses System mit den Mitteln, die
Sozialisten und Bolschewisten empfehlen, wohl schwerlich, wenn
überhaupt, gestürzt werden kann. In den Staaten einmal sicher nicht.
Noch nicht. Und jedenfalls nicht mit den angepriesenen Rezepten. Mr.
Sinclair wird nicht verflucht, sondern er wird bewundert, wie smart er
war, daß es ihm sogar gelang, die militärische Bereitschaft der Nation
zu kaufen und in Öl und Dollars zu verwandeln. Und seit Jahren arbeiten
sich die Rechtsgelehrten das Hirn in den Köpfen blutig, um
herauszufinden, nach welchem Paragraphen des amerikanischen Gesetzbuches
Mr. Sinclair und seine Spießgesellen auf Präsidentensesseln und im
Kabinett denn nun eigentlich verfolgt werden können. Ein Verbrechen
liegt vor. Ein Verbrechen, nach dem jeder Bürger, der nicht
Multimillionär ist, wegen schweren Hochverrats und Landesverrats mit dem
Tode bestraft werden muß. Es ist zwar kein Feind da, an den das Land
verraten werden könnte, denn Mexiko hat seine eigenen Sorgen. Aber es
könnte doch ein Feind da sein. Und daß ein Feind da sein könnte, dieser
Glaube muß dem Volke erhalten werden, und dieser Glaube muß genährt und
gezüchtet werden, damit die Stahlfabrikanten nicht verhungern und die
Erbauer von Panzerschiffen genügend Geld verdienen, um es mit ihren
Chormädchen der Follies in Paris und Berlin ausgeben zu können. Denn in
den Staaten ist die Unsittlichkeit mit Chormädchen und ähnlichen
Lebenshungrigen verboten. Darum ist sie so teuer. Und darum ist Mr.
Collins trotz seiner Millionengewinne immer in Geldnöten.
7
1
Seine ewige Geldnot wurzelte in seiner Not, die er mit den Frauen hatte.
Teils mit den Frauen überhaupt und im allgemeinen, und teils mit den
bestimmten Frauen, die um ihn waren.
Wie er eigentlich zu seiner angetrauten Frau gekommen war, das hätte er
so genau jetzt nicht mehr sagen können. Er konnte sich jedoch recht wohl
erinnern, daß nicht er sie geheiratet hatte, sondern sie ihn. Sie hatte
weder Geld mitgebracht, noch hatte sie ihn in eine gesellschaftliche
Schicht gehoben, wo er einflußreiche Freunde hätte finden
können. Die Heirat hatte sich begeben, als er Clerk in einer
Versicherungsgesellschaft war und fünfunddreißig Dollar die Woche
verdiente. Mit fünfunddreißig Dollar Wochenlohn kann man ja auch kaum
erwarten, eine reiche Heirat zu machen oder in die bessere und darum
wertvolle Gesellschaftsschicht durch Heirat zu gelangen.
Der Heirat war nichts, aber auch gar nichts voraufgegangen, was man
heiße Liebe oder etwa gar romantische Liebe hätte nennen können. Der
ganze Vorgang hatte sich so trocken und nüchtern abgespielt wie ein
Abschluß der Einbruchsversicherung eines Möbelhändlers. Beide, Mann und
Frau, waren dann eines Tages ziemlich erstaunt gewesen, als eine Tochter
plötzlich geboren wurde. Denn beide hatten sich keine besondere Mühe
dazu gegeben, und beide hatten nichts besonders Auffallendes empfunden
in jenem Drei-Minuten-Funkspruch, der die Möglichkeit einer nicht
unwahrscheinlichen Geburt in Aussicht stellte.
Ob er eigentlich glücklich oder unglücklich verheiratet sei, dieser
Gedanke kam Mr. Collins nie. Er stand seiner Ehe neutral gegenüber. Er
erfüllte seine Pflichten als ewig geldgebender Unterhalter der Familie,
und er erfüllte seine übrigen Pflichten so sparsam wie zulässig und
begründete diese Sparsamkeit durchaus glaubhaft mit der Entschuldigung,
daß er überarbeitet und übernervös sei.
Da seine legitime Ehegesponstin seinen Hunger nach der Frau nicht
befriedigen konnte und nie befriedigt hatte und er eines Tages die Augen
öffnete und fand, daß es Frauen gibt, die wirklich fähig zu sein
scheinen, etwas Ähnliches wie Liebe empfinden zu können, begann er die
Frau zu suchen. Er suchte die Frau und fand eine und fand auch eine
andere.
Als er dann in die Höhe stieg und genügend Mittel hatte, das Beste zu
wählen, was zu haben war, läuterte sich sein Geschmack. Der geläuterte
Geschmack wurde natürlich recht teuer. Und er wurde um so teurer, je
mehr er sich läuterte; und er läuterte sich um so mehr, je höher Mr.
Collins stieg und je mehr Geld er ausgeben konnte. Alles das ergab sich
wie von selbst.
Daß sein Geschmack einen hohen Grad von Läuterung erreicht hatte,
vielleicht den höchsten Grad, den ein Mann von der Art des Mr. Collins
überhaupt je erlangen kann, bewies zur Genüge, daß er es vermocht hatte,
Betty zu gewinnen und Betty zu erhalten. Mit Geld allein hätte er Betty
nicht halten können; wenngleich natürlich sein Geld eine wichtige Rolle
in diesem Unternehmen zu erfüllen hatte. Betty verlangte mehr als nur
gerade Geld. Sie verlangte alles das von ihm, was er sich im Laufe der
Jahre, in denen er auf der ständigen Suche nach der vollkommenen Frau
gewesen war, im Umgang mit zahlreichen Frauen, angefangen bei
bescheidenen und weiterentwickelt bei den Künstlerinnen ihres Faches,
erworben hatte. Wäre er frisch und unentwickelt von seiner Ehefrau zu
Betty gekommen, so hätte er sich keine Hoffnung auf irgendwelchen Erfolg
ihr gegenüber machen können, auch wenn er doppelt soviel an Einkommen
gehabt hätte, als er zu dieser Zeit hatte. Trotz seines Geldes würde ihn
Betty verstoßen haben, auch wenn sie keine heilen Schuhe an den Füßen
gehabt hätte. Denn Betty verkaufte ihre Neigung nicht. Sie gab und
empfing wie eine Ehefrau.
Das Geld, was Mr. Collins an Betty verwandte, war in keiner Weise
verschwendet oder verloren, wie das Geld, das er auf Chormädchen
auslieh. Das Geld, das er für Betty ausgab, gleich wieviel, gleich in
welcher Weise, war eine seiner besten Kapitalsanlagen. Das wußte er
wohl, und das wußte auch Betty recht gut. Dennoch, und das muß hier auch
gesagt werden, um Mr. Collins gerecht zu werden, war er doch weit davon
entfernt, seine Beziehungen zu Betty als Kapitalsanlage zu betrachten.
In Betty und durch Betty hatte er, der reife Mann, wohl zum ersten Male
in seinem aufregenden und unromantischen Leben die Erkenntnis und das
Verständnis für das gewonnen, was zwei Menschen mit ihren Herzen
zueinander führt und zueinander hält.
Diese Erkenntnis hatte Mr. Collins als Mensch hart getroffen. Und wäre
er nicht von Natur aus sehr robust und durchaus unsentimental veranlagt
gewesen, so hätte ihn eine solche Erkenntnis aus den Angeln werfen
können. Aber damit hätte er Betty wieder verloren; denn seine
Unsentimentalität, sein völliger Mangel an Romantik machte ihn für Betty
erträglich. Sentimentale Säuseleien konnten ihr seelisches und
körperliches Erbrechen erzeugen.
Betty war von Hause aus reichlich mit angeborener Sentimentalität
versorgt. Das tat gewiß der Schuß schwedischen Blutes, der in ihr war.
Den größten Teil ihrer Sentimentalität verlor sie, als, aus rein
ökonomischen Gründen, ihre erste große und tiefe Liebe in die acht Winde
ging. Das war ein verteufelt harter Hieb gegen ihr Leben gewesen. Aber
der Hieb befreite sie von allen Schlacken bürgerlicher Primitivität, die
ihr bis zu jener entscheidenden Stunde noch angehaftet hatten.
Sie ging endlich als eine Persönlichkeit, die bewußt im Leben steht, aus
jener Katastrophe hervor. Und sie hatte eine große und leidenschaftliche
Freundschaft mit dem ersten Manne ihres Herzens gerettet, eine
Freundschaft, die haltbarer und größer an wahren Werten war, als je eine
noch so heiße Liebe werden kann.
Sentimentalität ist nirgends mehr hinderlich als im Leben. Und
Sentimentalität ist am meisten hinderlich in den Staaten, wo sie ein
Verbrechen ist und in vielen Fällen auch sehr schwer bestraft wird.
Den letzten schwachen Rest ihrer Sentimentalität verlor Betty dann als
Redaktionssekretärin, wo sie es lernte, Backpfeifen an aufdringliche
Redakteure und Reporter mit solcher nachdrücklichen Schärfe und mit
einer so überraschenden Häufigkeit auszuteilen, daß sie den Nicknamen
Beaty bekam, die Dreschende.
2
Betty wuchs unter dem Einfluß des Allerheiligsten, in dem sie sich jetzt
befand, über die Fürstin hinaus. Sie wuchs hinan zu einer Göttin. Im
gegenwärtigen Augenblick zu einer Göttin der Rache, deren Blick und
deren Gebärde den Menschlein, die ihr nicht zu Willen waren, Unheil ohne
Gnade ankündigten. So hatte sie Mr. Collins noch nie gesehen.
Aber so hatte er auch noch nie mit ihr zu spielen und zu handeln gewagt,
wie er es in den letzten Tagen getan hatte, in denen er sie hinhielt mit
dem Versprechen, daß er die Garage und das Haus besorgen würde, und dann
gar nicht mehr daran dachte, sobald er sie nicht mehr hörte oder sah.
So konnte er seine Chormädchen behandeln. Aber nicht Betty. Hier hatte
ihn seine Weisheit, die er als Führer im Wirtschaftsleben der Nation so
sicher offenbarte, völlig im Stich gelassen. Er schwor sich jetzt zu,
daß er das nie wieder versuchen würde.
Ohne daß sie ein Wort weiter sagte, wußte er, daß die Geschichte nun
sehr teuer werden würde. Zehnmal teurer, als sie gewesen wäre, wenn er
gleich am ersten Tage, an dem sie den Wunsch aussprach, Garage und Haus
gemietet hätte.
Jetzt verlangte sie mehr. Sie sagte kurz: „Wann kaufst du das Haus?“ Von
einem Mieten des Hauses wurde schon gar nicht mehr geredet.
„Ja; also, wann kaufst du das Haus?“ wiederholte sie sachlich: „Montag
ist die Party. Dann muß möbliert sein. Alles, bis auf den letzten Ring
an den Vorhängen. Und Telephon und Licht. Ich will alles baden in Licht,
überfluten und überschwemmen mit Licht. Gentlemen“ – sie wandte sich
direkt an die Herren – „Gentlemen, Sie alle werden Mr. Collins und mir
gewiß die Ehre erweisen, bei der Party anwesend zu sein. Bringen Sie
alles mit, was Sie wünschen, alles Weibliche, was Sie an Freunden haben.
Es geht durchaus ungezwungen zu. Paris in Frisco. Verstehen Sie, meine
Herren. Ungezwungen. Importierter Prediger ist auch da, um Ehen zu
schließen und später, wenn die Paare finden, die Charaktere stimmen
nicht zueinander, sie wieder zu lösen. Und wenn Sie dann am Morgen
gehen, sind Sie frei wie vorher. Die Kosten für Eheschließung und
Ehescheidung müssen Sie selbst tragen. Das sind Privatkosten. Er macht
es billig. Imitation ist immer billig, und wenn Sie zwei oder mehr Ehen
schließen und scheiden während der Nacht, gibt er Ihnen Rabatt. Ist
Schwede. Versteht aber, was Sie wollen. War in Schweden wirklich
Prediger. In Stockholm. Sie haben ihm das Fahrgeld nach Amerika gegeben,
weil er über Kirchengelder, die fehlten, nicht Auskunft geben konnte, wo
sie geblieben waren. Collins, mein Liebling, du erinnerst die Herren,
bitte, an die Party.“
Sie ging auf ihn zu, umarmte ihn, küßte ihn und war wieder hinaus.
3
Die Herren waren nicht aus dem Lachen gekommen, während sie im
Telegrammstil ihre Party empfahl. Sie alle sagten zu, daß sie kommen
würden. Sie sagten es im Ernst und mit Inbrunst. Und sie hatten nur
einen unangenehmen Gedanken, daß etwas dazwischenkommen könnte, was sie
verhindern möchte, bei der Party anwesend zu sein. Daß sie nicht ihre
Frauen mitbringen mußten, sondern ihre Freundinnen, die weniger
langweilig waren und auf jeden Scherz sprangen, ihn verstanden,
geschickt erweiterten und meist sofort praktisch anwandten, versprach
den Eingeladenen alle irdischen Genüsse, die die Großen der Nation nötig
haben, um ihre Spannkraft nicht zu verlieren und nicht durch Nervosität,
Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit zur Arbeitsunfähigkeit verurteilt zu
werden. Wer arbeitet, soll auch genießen. Und wer tüchtig arbeitet, der
soll auch nach dem Maßstabe des Wertes und des Gewinnes seiner Arbeit
genießen.
Es sei schon jetzt gesagt, daß alle Herren des Aufsichtsrates zur Party
kamen; daß alle mit ihren Freundinnen, oder was es sein mochte, kamen,
und daß alle am nächsten Morgen, lange nach vier Uhr, heimkehrten mit
dem Bewußtsein, daß sie alles genossen hatten, was sie erwartet hatten,
zu genießen. Jeder war wenigstens einmal verheiratet und einmal
geschieden worden. Und wenn er sich noch kräftig genug in den Lenden
fühlte, so war auch ein zweites Mal und ein drittes Mal geheiratet und
geschieden worden. Zehn Dollar kostete die Eheschließung und zehn Dollar
die Scheidung. Brautgemächer waren auch da. Die Kammermädchen, die für
die Bereithaltung der Brautgemächer zu sorgen hatten, bekamen für jede
Öffnung eines der Brautgemächer zehn Dollar von dem glücklichen
Bräutigam.
So ging am Ende ein jeder reich beschenkt nach Hause.
Es wurde nur darauf gesehen, daß jeder, der nach Hause ging, auch wieder
richtig geschieden war; denn es war wiederholt versichert worden, daß
der Prediger echt sei und daß die Heirat infolgedessen vor dem Gesetz
ihre Gültigkeit habe. Was die jungen Bräute bei der Scheidung von ihren
scheidenden und sich lösenden ehemaligen Ehemännern an Ablösegeld
empfingen, hatten die Paare unter sich selbst auszumachen, weil man die
Kosten für eine gerichtliche Entscheidung vermeiden wollte. Die Bräute
sagten auch alle vor der Eheschließung schon, wieviel sie erwarteten,
falls die Ehe noch in derselben Nacht, häufig in derselben Stunde,
wieder geschieden würde. Darum ging auch alles viel schöner, viel
reibungsloser – aber nein, reibungslos will ich nicht sagen –, viel
glatter, viel ordentlicher und mit viel weniger Zank und Gestank zu, als
das sonst im Leben geschieht, wo man Sachen ernst nimmt, die der Mensch
niemals ernst nehmen sollte. Aber nein, es muß immer gleich alles ewig
sein. Nun wohl, wenn ihr an ewigen Genuß, an ewige Liebe, an ewige Treue
glaubt, dann müßt ihr für euren törichten Glauben eben auch bezahlen, so
wie ihr der Kirche bezahlen müßt, wenn ihr daran glaubt.
4
Als Betty gegangen war, wurde die Konferenz wieder aufgenommen. Aber
niemand wußte etwas zu sagen. Jeder hatte andere Gedanken. Gedanken an
die Fürstin, Gedanken an die eigene Geliebte, Gedanken an das
bevorstehende Fest, Gedanken an den Schimmer der Göttlichkeit, der für
einige Minuten im Raume geweilt hatte, wo alles ungöttlich war, wenn
auch sehr reich. Und es war keiner da, der nicht Mr. Collins in jenen
Augenblicken angesehen hätte, als wäre er nicht von dieser Welt. Wie
kann einem Manne wie Mr. Collins, einem Geldmanne, wenn auch einem
mächtigen Geldmanne, so etwas in den Schoß fallen!
Und diese Herren, die so geübt sind, sich zu jeder Minute auf jede
beliebige Sache mit aller ihrer Schärfe konzentrieren zu können, gaben
es auf und beschlossen, die Konferenz zu vertagen. Millionen von Dollars
blieben infolge dieser Vertagung, die Betty verursacht hatte, für einige
Tage länger in den Händen, in denen sie heute waren.
Die Tatsache, daß alle Herren zugesagt hatten, zur Party der Miß Betty
zu erscheinen, gab Mr. Collins nur noch vermehrte Macht in der Company.
Denn es war ja nicht nur Bettys Party, es war ja auch seine. Er bezahlte
ja die ganze Party. Und er bekam alle Herren nahe und zu einer
Intimität, die allen seinen Plänen nur günstig war. Um bei einem so
übertollen Feste zu einem reinen und vollen Genuß zu kommen, müssen alle
Gesetze gebrochen werden, die Bigamie, Nackttänze und Alkoholkonsum
unter schwere Strafe stellen und die abgestempelte bürgerliche Ehre und
Anständigkeit der Großen des Volkes bedrecken, wenn es bekannt wird.
Darum werden Verschwörer und Verbündete eines solchen Festes sich auch
immer willig zeigen, Verschwörer und Verbündete zu sein in Geschäften,
mit deren Hilfe man die Unkosten für jenes Fest zu bestreiten und die
Kosten für ein anderes noch tolleres Fest heranzuschaffen gedenkt.
Mr. Collins konnte bei diesem Fest seine Spießgesellen besser studieren
als in den Konferenzen. Hier lernte er ihre schwachen Seiten kennen, wo
er sie anpacken und niederzwingen konnte, wenn sie ihm nicht folgen
wollten bei der Ausarbeitung eines neuen großen Raubzuges.
So war es wieder Betty gewesen, die ihn zu größerer Macht erhob. Seine
Frau hätte das nie vermocht. Ihr fehlte die Gabe, Dinge so zu schieben
und zu lenken, daß niemand sah, wie und von wem gelenkt wurde.
5
Es war ein kühner Schachzug von Betty gewesen, daß sie im rechten
Augenblick die Herren mit der Einladung überrumpelte. Sie tat es aus
zwei Gründen. Und sie tat es keineswegs so spontan wie es schien. Sie
hatte in zwei Sekunden die Situation übersehen und sofort zugeschlagen.
Sie erfaßte sofort den Kern. Sie wußte, daß, wenn sie die Herren einlud
und die Herren zusagten, daß Mr. Collins nun keine Ausrede mehr
gebrauchen konnte. Er mußte das schönste und teuerste Haus kaufen, das
zu haben war, er mußte das Haus verschwenderisch ausmöblieren, und er
mußte das Fest so reich halten, daß einflußreiche Millionäre, die
verwöhnt sind, sich nicht langweilten und das Fest etwa als eine „rotten
affair full of boredom“, eine ludermäßig langweilige Geschichte
bezeichneten.
Das war der eine Grund für ihre Einladung. Der andere Grund war rein
sachlich und geschäftlich. Sie verhalf Mr. Collins, ohne daß er es
ahnte, zu einer intimen Freundschaft mit jenen mächtigen Männern, was
seinem Geschäft nützlich war und dadurch ihrem eigenen Einkommen; denn
je mehr er verdiente, um so mehr konnte sie aus ihm herauswirtschaften.
6
Nachdem die Herren eingeladen waren und zugesagt hatten, mußte Mr.
Collins in der Tat nach dem teuersten Hause suchen und es kaufen. Es war
ein Palast. Reich möbliert. Das frühere Eigentum einer Filmkönigin, die
mehr als Tempelhüterin der Venus verdient hatte als im Film, obgleich
sie auch im Film dreitausend Dollar wöchentlich machte. Aber das war nur
eine schlichte Nebeneinnahme, die gerade für die Unterwäsche reichte.
Die Filmkönigin hatte sich kürzlich einen neuen Palast bauen lassen, und
so war dieser Palast hier frei geworden.
Der Palast war in spanischem Kolonialstil erbaut. Der Innenhof war
überdacht mit Glas, das mosaikartig und reich in Farben gefaßt war. Es
war eine Bequemlichkeit besonderer Art, daß das Marmorbad, das bei dem
Fest eine so große Rolle spielen sollte, schon da war, im Innenhof, und
daß die Monturen des Bades reich versilbert waren. Es konnte geheizt
werden, und der ganze Innenhof konnte rasch auf tropisches Klima
gebracht werden. Das Bad selbst war an ähnliche Überraschungen, wie die
bevorstehenden, gewöhnt und fand sich freudig bereit, alles zu tun, was
man von ihm wünschte. Die Plätze für die drei Orchester waren so gut
verdeckt, daß man weder die Musiker sah, noch daß die Musiker – was
wichtiger war – unter keinen Umständen sehen konnten, was die taten,
denen sie aufspielten. Bei jedem Orchester war außerdem eine
Vertrauensperson, ein zuverlässiger Neger, der die Verantwortung für das
gute Verhalten der Musiker übernahm, um spätere Erpressungen mit Hilfe
von geglückten Blitzlichtaufnahmen zu vermeiden. Die Musiker wußten, was
geschah. Aber sie kümmerten sich um nichts. Sie hatten alle Familien,
wurden sehr gut bezahlt, und sie wußten, daß bei gutem Verhalten sie
auch bei ferneren Festen anderer Gastgeber zur Mitwirkung herangezogen
werden würden. Was auch immer man dem Luxus und dem Genuß nachsagen mag
an bösen Dingen, sie haben meist das Gute an sich: sie lassen andere
verdienen. So wird ein Ausgleich geschaffen, der die Achse der sich
drehenden Erde in ihrer Ruhe hält.
Betty trank nur drei Glas Champagner. Nur aus Höflichkeit. Sie
verheiratete sich nicht ein einziges Mal auf diesem Fest. Nicht einmal
mit Mr. Collins. Als er etwas andeutete, holte sie eine der freien
Bräute herbei, nahm beide unter den Arm und führte sie dem schwedischen
Prediger zu. Mr. Collins ließ sich vermählen, und Betty gratulierte dem
jungen Paar und übergab es einem Kammermädchen der Brautgemächer. Betty
hatte gelernt, Welt und Männer zu regieren. Die ganze volle Woche nach
dem Fest seufzte Mr. Collins in ihrer Gegenwart, wollte sich von seiner
Frau scheiden lassen, um Betty zu heiraten, gab ihr in seiner Tollheit
schriftliche Gelöbnisse – ein gefährliches Ding in den Staaten – und
erwürgte sie beinahe in seinem Hunger nach ihr. Sie zerriß die
Gelöbnisse vor seinen Augen und warf ihm die Stücke ins Gesicht.
Von diesem Tage an konnte er für sie morden.
7
Er verfiel in eine Raserei des Machthungers. Er gab sich auf. Das will
sagen: Er gab sich auf als einer, der für sich selbst Macht erobern
möchte. Er wollte Macht zu keinem andern Zwecke mehr, als vor Betty und
in ihren Augen als der Mächtigste, der Klügste und der Kühnste
dazustehen. In alten Zeiten wäre er jetzt ausgezogen und hätte
Kontinente erobert.
Aber Kontinente werden heute nicht mehr mit Soldaten aus Fleisch und
Blut erobert. Und Generale und Generalfeldmarschälle haben ihren Nymbus
verloren. Als General Pershing sogenannt siegreich von den Feldern in
Frankreich heimkehrte, jubelte man ihm zu. Am Tage des Einzugs. Am
nächsten Tage war er vergessen. Die erste Seite der Zeitungen, die
gestern voll war von seinem Ruhm, ihn Alexander, Cäsar, Washington und
Grant gleichstellte, war heute überdröhnt von dem Fallen der Stahlaktien
und von der nahenden Sintflut des Bolschewismus. Niemand dachte
auch nur für einen Augenblick daran, ihn auf die Liste der
Präsidentschafts-Kandidaten zu setzen. Er war nur gerade ein
angestellter Metzgergeselle der Nation gewesen. Wer hat heute Zeit, sich
um arbeitslose Metzger zu bekümmern!
Die Armee eines Mr. Collins, die er ausschickt, um Kontinente zu
beherrschen – erobern will er sie gar nicht –, ist anderer Art. Seine
Armee besteht aus Agenten, die Prämien bekommen. Seine Soldaten sind
Schecks. Seine Kriegspläne bauen sich auf aus Renntips, aus den Tips für
das Rennen um Öl.
Es beherrscht nicht länger mehr der die Welt und die Menschen, der die
größte Armee, die besten Kanonen und die meisten Flugzeuge hat, sondern
der beherrscht die Welt, der das Öl beherrscht. Was kann der größte
Feldherr heute tun, wenn ihm Mr. Collins das Öl verweigert? Dann
schwirrt kein Bomben tragendes, kein Giftgas spritzendes Flugzeug durch
die Lüfte. Dann kriecht kein Kriegstank über das Schlachtfeld. Dann
schleppen keine Lastautos Armeen von einer Front, wo sie im Augenblick
nicht gebraucht werden, zu einer anderen Front, wo sie den Krieg
entscheiden sollen. Dann fährt kein Unterseeboot in den Meeren. Dann
bewegt sich keines der Riesengeschütze.
Wenn Mr. Collins sagt: „Ich habe kein Öl!“, so muß man es ihm glauben,
und niemand kann ihn des Landesverrats anschuldigen, denn niemand kann
Beweise bringen. Er hat die Pläne von den Rohrleitungen, von den
Zufahrtsstraßen, von den Brunnen, von den Pumpstationen. Mit wenigen
Kommandos kann er die Dinge alle so verwirren, daß keine hunderttausend
Hektoliter Öl herangeschafft werden können, ohne hunderttausend
Hektoliter Öl an Kraft unnötig zu vergeuden.
Man kann es wagen, die Gesetze der Rechte des Privateigentums zu
erschüttern dadurch, daß man allen seinen Ölbesitz konfisziert. Aber
wenn man nicht seine Kenntnisse, sein so kompliziertes System der
Förderung, der Verteilung und des Transportes gleichzeitig mit
konfiszieren kann, so ist der, der konfisziert, ebenso hilflos wie der
Franzose, der das Transportsystem des Ruhrgebietes in Deutschland
konfiszierte. Es bewegt sich. Freilich. Aber es bewegt sich so
schwerfällig, daß der Nutzen aufgefressen wird von der Bewegung.
8
1
Es war zwei Tage nach dem Feste Bettys.
Mr. Collins kam in seine Office um elf ein halb Uhr morgens. Er fand
aufgehäuft auf seinem Tische die Rechnungen für den Palast, den er
gekauft hatte, für die Ummöblierung des Hauses, für die Party, für den
Champagner. Bei dem Schmuggel von Champagner, Whisky und anderen
Sorten Alkohols wird viel abgefangen, Tausende von Dollars an
Bestechungsgeldern müssen den Beamten der Prohibitionsüberwachung
gezahlt werden, hohe Summen an Strafen müssen aufgebracht werden.
Diejenigen, die an Stelle der Größeren die Gefängnisstrafen absitzen,
müssen unterstützt werden, damit sie ruhig bleiben und nicht reden und
damit man immer wieder andere findet, die neue Gefängnisstrafen
übernehmen. Alles das kommt in einer Flasche Champagner im Preise zum
Ausdruck. Und so ist es billig, wenn eine Flasche Champagner nur sechzig
Dollar kostet. Fünfhundert Flaschen Champagner waren auf dem Feste, die
Weine, Liköre und Whiskys nicht gezählt. Bei einem solchen Gelage wird,
wie bei allen solchen Gelagen, kaum ein Drittel getrunken, der Rest wird
vergeudet und ausgegossen von den Schwelgenden, in Trunkenheit, in
Übermut und im Protzen.
Ein roher Überschlag der Rechnungen, der Palast eingeschlossen, ergab
die lächerlich kleine Summe von achthundertvierzigtausend Dollar. Die
Rechnungen für die Kostüme und Juwelen der Betty standen noch aus, weil
die Lieferanten dieser Dinge höflich sind gegenüber denen, wo das Geld
sicher ist.
Die beiden Chordamen Mr. Collins’, die jüngsten Datums waren
hinsichtlich ihres Eintritts in das Leben des Magnaten, hatten von dem
Fest gehört. Sie waren aufs höchste erbost, daß sie nicht eingeladen
worden waren. Sie meldeten sich darum in ihrer wütendsten Stunde und
lagen fest auf Mr. Collins, ihren Zorn zu besänftigen. Sie drohten mit
Skandal, Briefen an die Zeitungen, Briefen an die Kirche, der Mr.
Collins angehörte, Briefen an die Agenten der Prohibition. Sie zählten
das nicht einzeln auf in ihrem Telephongeschnatter, aber sie sagten:
„Dann mache ich Sauce für dich, sweet Daddy, mein süßes Väterchen.“ Die
eine wußte noch immer nicht von der anderen. Mr. Collins wußte, was
Sauce bedeutete. Sie würden zwar die Sauce nicht machen; denn Mr.
Collins war ein zu guter und fetter Kunde, als daß man es voreilig mit
ihm verdorben hätte. Ein endgültiger Schlag wurde nur dann geführt, wenn
jede Hoffnung, sich ihn warm zu halten, für dauernd aufgegeben werden
mußte. Die Besänftigung ihrer Bosheit mit einigen neuen Kostümen, einem
Pelz und einem Brillantenarmband als Zugabe, schätzte Mr. Collins auf
rund fünfundzwanzigtausend Dollar.
Wenn alles schön beisammen war, was noch fehlte in dem Berg der
Rechnungen, die hier lagen und die noch zu erwarten waren, so kamen rund
neunhunderttausend Dollar in ruhiger Erhabenheit zusammen.
Mr. Collins sagte halblaut: „Purty in the neighborhood of one Million
nice little beautiful bucks, hübsch nahe einer Million guter und schöner
Dollar.“
2
Als er das überdachte, schwankte er ein wenig, als ob er fallen wollte.
Denn obgleich er an Summen gewöhnt war, so war eine solche Ausgabe, die
unmittelbar aus seiner Tasche ging und die genau betrachtet nur einem
Zeitvertreib galt, doch so stark in ihrer Wirkung, daß er den Atem
unbewußt für einige Sekunden anhielt und dann in einem schweren Seufzer
ausstieß.
Diese gewaltige Summe warf seine gesamte Privatfinanz über den Haufen.
Es wurde ihm wirr im Hirn. Er wußte für den Augenblick nicht, wie er
diese Summe herbeischaffen konnte, ohne ein solches Loch in seinen
Finanzen zu reißen, daß kaum eine Aussicht blieb, es zu stopfen. Es war,
als ob plötzlich in ein gutes Schiff mitten im Ozean eine Platte
durchstoßen war und das Wasser in einem so dicken Strahl hereinschoß,
daß alle Pumpen dagegen machtlos schienen.
Denn neben dieser Summe, die plötzlich aus seinem Budget herausgerissen
wurde, liefen gerade in der gleichen Zeit viele andere Ausgaben, die
nicht aufgehalten werden konnten. Seine Frau wollte nach Paris gehen und
dort einige Monate leben, dann nach Deutschland und Italien. Seine
Tochter wollte und sollte nach England gehen und nach Dresden, um zwei
Jahre in Europa zu studieren. Flossy mußte auch nach Paris, weil sie
einen geschickten Arzt benötigte, der eine unvorsichtige Liebesnacht mit
Mr. Collins regulieren sollte. In Amerika war das zu gefährlich. Dann
brauchte Flossy, wenn es vorüber war, eine Erholung am Mittelmeer. Alle
diese Ausgaben konnten nicht vermieden und nicht aufgeschoben werden.
Mit der notwendigen Reiseausstattung für Frau, Tochter und Flossy
einbegriffen kam das auf etwa dreihunderttausend Dollar.
3
Die Gedanken, die das Hirn eines Menschen, der sich in großer Erregung
befindet, innerhalb von zehn Sekunden durcheilen können – etwa, wenn er
soeben von einem vorbeirasenden Automobil am Arme gestreift wurde und
ihm bewußt wird, daß er buchstäblich nur um die Dicke eines Zündholzes
vom Tode entfernt war –, lassen sich kaum in einem dicken Buche alle
aufzählen. Die Fähigkeit des Hirns, im Zustande eines plötzlichen
Blutandranges rasch und dennoch logisch zu denken, ist ungeheuerlich.
Von den Tausenden von Gedanken, die Mr. Collins in den ersten Sekunden
hatte, als ihm die Summe, die er beschaffen mußte, zum Bewußtsein kam,
können hier nur einige aufgezählt werden.
Zuerst dachte er daran, sich zu erschießen, um dieser Aufgabe, jenen
Forderungen gerecht zu werden, zu entgehen. Aber das verwarf er sofort
wieder. Er war viel zu stark in seinem Wesen, als daß er in einer
solchen Art von Flucht eine Lösung hätte suchen können.
Dann dachte er daran, die Kaufverträge rückgängig zu machen oder den
Palast Agenten zu einem sofortigen Wiederverkauf anzubieten. Auch das
raste davon so schnell wie gekommen. Denn was Mr. Collins einmal
entschieden hat, das bleibt entschieden. Er ist viel zu stolz zuzugeben,
daß er irgendwelche Dinge übereilt getan haben könnte. Wenn er wirklich
den Palast verkaufen will, dann verkauft er ihn, wann er will, und
nicht, wann er gedrängt wird, weil er Forderungen nicht decken kann.
Seine Aufgabe ist, Geld zu machen, um das zu bezahlen, wofür er sich
verpflichtet hat.
Dann bekam er eine heftige Wut auf Betty, weil sie ihn derartig
überwältigen konnte, sie eine solche Macht über ihn besaß, so daß er
Überlegung, Berechnung und Urteil verlor. Aber die Wut verhauchte noch
im Entstehen. „Was kann denn sie dafür?“ sagte er in seinen fließenden
Gedanken. „Sie kann doch wahrhaftig nichts dafür; denn wenn ich nicht
will, brauche ich doch ihren Wünschen nicht nachzugeben. Wenn ich so
schlapp bin, daß ich tue, was sie wünscht, so ist sie durchaus im Recht,
mich zu nehmen für das, was ich wert bin.“ Gleichzeitig aber redete er
sich aus, daß er schlapp sei und ein Weiberknecht. Er war Manns genug,
zu wissen, was er wollte, und zu wissen, wem er gab und warum er gab. So
schlug die aufkommende Wut in einen Respekt gegen sie um. Er fühlte eine
tiefe Hochachtung ihr gegenüber, daß sie so smart sei, ihn so geschickt
zu behandeln, daß er tun mußte, was sie wünschte. Er wurde sehr stolz
auf sich und fühlte sich allen andern Männern überlegen, daß es ihm
geglückt sei, eine so smarte und dabei so elegante und stolze Frau zu
gewinnen und zu halten. Aus diesem Stolz heraus wuchs noch in derselben
Sekunde ein starkes Selbstbewußtsein. Ein erneutes Kraftgefühl
durchströmte sein Blut in dem Gedanken, diese Frau zu haben und für sie
Aufregungen durchkosten zu müssen. Seine Gedanken begannen sich jetzt zu
ordnen. Er begann, sich zu konzentrieren. Er verfiel in eine rasende
Sehnsucht, Betty jetzt im Arm zu halten und zu küssen, um gewiß zu sein,
daß er sie besitze. Sie allein war wert, daß er überhaupt lebte. Er
begann sie in einer ganz neuen Art zu lieben. Nicht nur mehr als Frau,
sondern als den einzigen Lebenszweck. Als einen Genius, der mehr wert
war als ein Genius, weil er auch Fleisch war und irdische Genüsse geben
konnte. Der Gedanke an sie, die ungemein starke Liebe, die er für sie
fühlte, die inniger wurde, weil er ihr abbat, daß er wütend auf sie
werden konnte, gab ihm eine unerhörte Schwungkraft. Alles
Pessimistische, was er eben gedacht hatte, alles Ängstliche verflog. Er
bedauerte plötzlich, daß er nur eine Million dreihunderttausend Dollar
zu decken hatte. Er wünschte, daß es zehn Millionen Dollar wären, die er
heranzuschaffen hätte. Er fühlte die Welt zu klein und eng werden, um
seine Kräfte spielen lassen zu können, um sich so zu entfalten, wie es
seinem Kraftgefühl wohl getan hätte. Eine und eine halbe Million Dollar
zu machen, das war gar nichts. Es war gar nicht der Rede wert. Das war
nur gerade die Arbeit für einen Stümper. Wenn er ansetzte, einmal
wirklich und ernsthaft ansetzte, dann wirbelten Milliarden. Dann sollten
Milliarden ihren mysteriösen Wertfaktor verlieren und nichts anderes
mehr sein als hilflose Objekte, mit denen er spielte.
„Eine und eine halbe Million?“ rief er laut aus. „Eine und eine halbe
Million? Nichts weiter? Ein Dreck. Fünf Millionen müssen herangeschafft
werden. Betty, du sollst deine Jacht haben. Du sollst die eleganteste
Jacht haben, die der amerikanische Kontinent zu bauen vermag. Und wenn
du die Jacht des Königs von England außerdem noch haben willst, ich
mache ihn bankerott und kaufe alle seine Jachten, Pferde und Schlösser
auf der Auktion. Eine und eine halbe Million Dollar. Was für lange
überflüssige Reden für ein Trinkgeld!“
Er war so laut geworden, daß seine Privatsekretärin an die Tür klopfte,
die Tür vorsichtig öffnete und leise fragte: „Haben Sie mich gerufen,
Mr. Collins?“
„Ja. Nein. Augenblick. Kommen Sie in einer Minute wieder, Ida, habe
dringende Briefe.“
„Yes, Sir.“ Ida machte die Tür geräuschlos zu.
Mr. Collins nahm das Telephon: „Lucky, wie geht es dir. Abendessen
heute. Siberts? Oder. Gut denn, Siberts. Hör, wie ist der Chauffeur?
Gut. Halt ihn fest an der Leine. Die Burschen wollen immer kommandieren.
Puffe ihn gleich am ersten Tag an seinen richtigen Platz. Wie kommst du
durch mit dem großen Haus? Besser, du nimmst noch einen Mann, der
zugreifen kann. Vielleicht auch noch ein Mädchen mehr. Also um neun. Wir
nehmen deinen Wagen. Das grüne? Nei–, ach nein. Sehe dich lieber im
blaßblauen. Nein, nicht doch. Scheitele das Haar. Gefällt mir mehr.
Aber, warum denn? Besser, du nimmst nicht die neuen Schuhe. Wollen doch
tanzen. Neue Schuhe machen immer rasch müde. Später? Weißt du doch. Bei
dir natürlich. Ich schicke meine Sachen und einen Officeanzug heute
nachmittag zu dir. Habe eine Überraschung. Hat was mit Perlen zu tun.
Nein, sage ich nicht. Also neun. Kuß. Bye, bye. Bin mitten drin in der
dicksten Arbeit. Bye, bye.“
4
Und es war genau in dieser Minute, daß die Sekretärin wieder an die Tür
klopfte und – weil sie eine Vertraute war – sofort in ihrer leisen Art
eintrat, ohne das „Come in“ abzuwarten. Es war ihr schon einmal
geschehen, daß sie so herein kam, während sich Mr. Collins gerade mit
einem – nun sagen wir einem Chormädchen – in einer Weise unterhielt, wie
man sich gewöhnlich in seiner Office nicht mit einer Dame zu unterhalten
pflegt. Aber Ida hatte Takt. Es wurde nicht einmal bemerkt, daß sie hier
gewesen war. Aber Mr. Collins hatte es gefühlt. Und als jene Dame
gegangen war, rief Mr. Collins die Sekretärin herein und sagte: „Ida,
Sie sind eine der tüchtigsten Sekretärinnen, die ich je hatte. Sie
verstehen Ihre Arbeit und Sie haben Takt. Beide Dinge schätze ich. Hier
ist die Anweisung zur Kasse, von Montag ab bekommen Sie achtzig die
Woche. Ich habe später noch Briefe.“
Ida hatte bis zu jenem Tage nur fünfundfünfzig Dollar die Woche gehabt.
Nicht der Lohnerhöhung wegen, sondern wegen der Art, in der Mr. Collins
die Angelegenheit erledigte, wegen des Tones in seiner Stimme, wegen der
Tatsache, daß er mit keiner Miene, keinem Augenzwinkern etwas andeutete
oder Schweigen gebot, verehrte Ida seit jenem Tage Mr. Collins wie einen
Halbgott. Er hätte tun dürfen mit ihr oder in ihrer Gegenwart, was immer
er wollte, sie hätte jede seiner Handlungen als ein Sakrament
betrachtet.
Das war eine der Ursachen der Erfolge des Mr. Collins. Er sah einen
Menschen, und er wußte, wie er ihn zu gewinnen hatte. Die einen brüllte
er nieder, die andern redete er nieder und wieder andere streichelte er
nieder. Und wenn nichts half, schlug er sie zu Boden. Aber stets blieb
ihm eine lächelnde Höflichkeit eigen, eine Höflichkeit, die nichts
verbergen sollte, sondern die echt war und darum ihrer Wirkung stets
gewiß.
Ida sagte: „Die Herren sind da mit dem Report aus Mexiko. Es ist die
Sache mit der Rosa Blanca.“
5
Und es war in diesem Augenblick, als Mr. Collins noch unter dem Eindruck
der einen und einen halben Million Dollar stand, die gedeckt werden
mußten.
Es war in diesem Augenblick, als, in dem Gedanken an Betty, seine Kraft
gigantische Größe annahm, fünf Millionen heranzuschaffen, um die
eleganteste Jacht für Betty zu kaufen und den König von England zur
Bankerotterklärung zu zwingen.
In diesem selben Augenblick war es, daß die Herren des
Grundstückdepartments der Condor Co. sich zur Beratung anmelden ließen,
um den Report des Licenciados Perez aus Mexiko vorzulegen und mit Mr.
Collins durchzusprechen und zu beschließen, was getan werden sollte: ob
man von der Rosa Blanca absehen oder ob man einen neuen Versuch
unternehmen sollte, die Rosa Blanca zu gewinnen.
Und weil der Report gerade in jenem Augenblick vorgetragen und zur
Beratung unterbreitet wurde, darum war es, daß Mr. Collins rief, rief
mit dem ganzen Kraftbewußtsein, in das er sich während der letzten
vergangenen drei Minuten hineingerast hatte: „Das Land, das ich haben
will und nicht kriegen kann, gibt es im ganzen großen Universum nicht.
Wäre es selbst auf dem Jupiter, ich hole es herunter. Die Weiße Rose
will ich haben. Und kein Gott und kein Präsident von Mexiko und keine
Anti-Imperialistische Liga kann mich daran hindern, die Weiße Rose zu
brechen. Ich will sie brechen, und ich werde sie brechen. – Danke für
heute, Gentlemen. Ich werde nachdenken. Werde Ihnen mitteilen lassen,
wann ich die Beschlüsse und Pläne genügend vorbereitet habe, um sie mit
Ihnen besprechen zu können. So long. Goodbye.“
6
Nachdem jene Beratung mit den Herren des Grundstückdepartments vorüber
war, wurde erneut in allen Registern in Mexiko herumgesucht, ob sich
nicht doch noch eine Lücke fände, wo man die Besitztitel des Hacinto
Yanyez angreifen könnte. Es gab keine Lücken. Die Titel waren alt und
gut; und sie waren stets rechtskräftig erneuert worden, wann die Gesetze
es verlangten.
Der Gouverneur in Jalapa wurde erneut bearbeitet, den Verkauf der Rosa
Blanca durch ein besonderes Decreto zu verfügen mit der Begründung, daß
Staatsgründe über Privatrechten zu stehen hätten und daß aus
Staatsgründen der Verkauf der Rosa Blanca angeordnet worden sei. Es
wurde dem Gouverneur durch einen Diputado, den die Condor Co. für ihre
Interessen gewonnen hatte, auch gleich geschickt zu suggerieren
versucht, was die Staatsgründe seien.
Dieser Diputado, der wegen zwei Frauen, die er in Mexiko City außer
seiner eigenen Frau unterhielt, immer in Geldnöten war, versuchte dem
Gouverneur klarzumachen, daß der Staat die Einnahmen aus den
Ausfuhrzöllen für das Öl unbedingt gebrauche, daß jene Ausfuhrzölle eine
Lebensbedingung des Staates und der ganzen Nation seien. Aus diesem
Grunde müßte die Produktion und die Ausfuhr von Öl mit allen Kräften
unterstützt werden. Gemeinwohl ginge über Privatrecht. Die Rosa Blanca
enthalte vielleicht das reichste Ölfeld in Mexiko, und ein Gouverneur
dürfe gar nicht die Einnahmen aus diesem Öl der Nation vorenthalten aus
einer falschen Einstellung heraus und aus Rücksicht auf ein paar
Indianerfamilien, die irgendwo anders angesiedelt werden könnten.
Der Diputado hatte sein Verschen schön auswendig gelernt, besser als
seine inhaltlosen Reden, die er in der Camera de Diputados, dem
mexikanischen Parlament, zu halten pflegte.
Der Gouverneur in Jalapa jedoch ließ sich durch den schmalzigen Diputado
nicht in seiner Meinung beirren.
Er erklärte dem Licenciado Perez, der die Condor Oil Co. als ihr
Syndikus in Mexiko vertrat und der den Diputado vorgeschickt hatte, um
das Feld übersichtlich zu machen: „Ich werde den Fall noch einmal genau
untersuchen. Es liegt nicht in meiner Absicht, die Condor Company in
irgendeiner Weise zu schädigen oder ihre ernste Arbeit zu erschweren. Im
Gegenteil, ich betrachte es als meine Aufgabe, solange ich hier
Gouverneur bin, jede Produktion, sei es Öl oder sei es Zucker oder Holz
oder Baumwolle oder Früchte oder Landwirtschaft, zu fördern. Und ob es
sich um eine fremde Company handelt oder um eine mexikanische, das
bleibt hier ohne Einfluß auf mich. Die konstitutionellen Rechte eines
jeden in Mexiko, sei er Bürger oder Fremder, achte ich. Ich verspreche
Ihnen, Licenciado, daß ich mein Bestes tun werde, der Condor Company zu
helfen bei dem Ankauf der Rosa Blanca, wenn ich mich überzeugen kann,
daß der Besitz der Rosa Blanca für die Condor Company unbedingt
notwendig ist, um die Produktion von Öl zu fördern. Ich werde mit Don
Hacinto dann auch sprechen, und ich glaube versichern zu können, daß ich
ihn bewegen kann, dem Verkauf seiner Hazienda zuzustimmen. Aber ich
vergesse doch nicht einen Augenblick lang, daß auch Don Hacinto Rechte
und Meinungen in dieser Sache hat, die ebenso gut begründet sind,
vielleicht noch besser als die der Condor Company. Aber ohne das Für und
Dagegen genau untersucht zu haben, kann ich nicht urteilen und will ich
auch nicht urteilen. Ich verstehe, daß nicht nur Don Hacinto allein in
Frage kommt, sondern daß hier auch das Schicksal von sechzig oder
siebzig mexikanischen Familien in Erwägung gezogen werden muß.“
„Die können alle Arbeit bei der Condor Company bekommen, oder die können
auf Kosten der amerikanischen Company irgendwo anders im Staate
angesiedelt werden“, warf Licenciado Perez ein.
„Gewiß kann das getan werden“, sagte der Gouverneur. „Gewiß, como no,
warum nicht? Aber so einfach erscheint mir das denn doch nicht. Es steht
hier nicht nur das nackte Materielle in Frage. Es tritt auch noch etwas
rein Seelisches hinzu. Sehen Sie denn das nicht, Licenciado?“
„Ich weiß nicht, Senjor Gouverneur“, antwortete Senjor Perez, „was Sie
meinen. Worauf Sie zielen.“
Der Gouverneur lächelte ironisch. Er ließ seine blendend weißen Zähne
sehen, die in dem braunen Gesicht, das bewies, daß er reichlich viel
indianisches Blut aufgenommen hatte, wie hochpoliertes Elfenbein
glänzten. Er sagte: „Don Hacinto und die indianischen Familien geben
doch nicht nur Land auf, das ersetzt werden kann durch Land in anderer
Gegend der Republik, sie geben doch auch Land auf, das ihre Heimat ist,
das die Heimat ihrer Vorfahren ist, das in seinem Boden die Gebeine
ihrer verehrten Väter birgt. Sie geben Land auf, das gedüngt wurde mit
dem Blute, mit dem Schweiß, mit den Hoffnungen, mit der Trauer, mit der
Freude ihrer Väter und Mütter und ihrer selbst. Sie geben Land auf, das
um dieser Dinge wegen ihnen heilig ist, heilig wie mir meine Mutter,
mein Vater, meine Frau und meine Kinder sind.“
Nach einer längeren Pause, in der weder von ihm noch von Senjor Perez
etwas gesagt worden war, trat der Gouverneur wieder an seinen
Schreibtisch und sagte sehr sachlich: „Nun wohl, Licenciado, wie ich
gesagt habe: Ich erweise Ihnen gern eine Gefälligkeit, aus alter
Schulfreundschaft heraus, und ich bin auch gern bereit, der
amerikanischen Company gefällig zu sein, wenn es sich mit dem, was ich
für richtig halte, vereinbaren läßt. Aber ich will Ihnen nun doch sagen
– und das soll gelten –, daß, wenn die Company nicht sehr gute Gründe
hat, daß ich dann in dieser Sache nichts zu verfügen gedenke, daß ich es
dann Don Hacinto allein überlasse, was er tun will. Er hat das Recht, zu
verkaufen oder nicht zu verkaufen. Kann ich überzeugt werden, der
Verkauf der Rosa Blanca ist notwendig im Staatsinteresse, dann werden
wir weiter sehen. Kann ich mich von dieser Notwendigkeit jedoch nicht
überzeugen, dann schließe ich den Fall, soweit ich oder der Staat
Veracruz in Frage kommen. Was macht die Familie, Perez? Ist Maria schon
durch mit dem Examen in der Medizin?“
„Ah, noch nicht. Sie hat noch zwei Jahre zu machen. Meine Senjora ist in
Guadalajara bei meiner Schwägerin.“
„Meine Grüße, Perez. Adios. Adios.“
Die Herren schüttelten sich sehr freundschaftlich die Hände, und
Licenciado Perez verließ das Regierungsgebäude in dem Bewußtsein, daß er
gewonnen habe.
Er telegraphierte an das Hauptquartier der Company in San Francisco:
Gouverneur in Sachen Rosa Blanca gewonnen, noch etwas gedulden.
7
Nachdem Licenciado Perez gegangen war, machte der Gouverneur einige
Notizen auf seinen Erinnerungsblock, dann drückte er auf einen der
zahlreichen Knöpfe des Klingelsystems und empfing die übrigen Besucher,
die sich zu persönlichen Conferencen angemeldet hatten. Es kamen
Direktoren von amerikanischen, mexikanischen, englischen, holländischen
Companien, es kamen Arbeiter in Overalls, es kamen Sekretäre und
Vertreter von Arbeitersyndikaten, es kamen Indianer aus fernen Winkeln
des Staates, es kamen Lehrer, Ingenieure, Architekten, Beamte der
Elektrizitätsgesellschaften.
So vergaß der Gouverneur bald wieder die Rosa Blanca.
Am Samstag reiste er zu einer politischen Conference in Mexiko City,
einer Conference, die vom Präsidenten der Republik einberufen worden
war. In dieser Conference wurde auch gesprochen, daß man nun bald daran
zu denken habe, die Paragraphen der Konstitution, die durch die
Revolution des Volkes geschaffen wurde, endlich in Kraft zu setzen,
insbesondere jene Paragraphen, die sich mit der Tyrannei der
katholischen Kirche befassen, und jene, die den Naturreichtum des
Landes, insbesondere das Öl, als Volkseigentum erklären.
Da erinnerte sich der Gouverneur wieder an die Rosa Blanca. Er machte
eine erneute Notiz in seinem Taschenbuch und unterstrich sie mehrere
Male.
Als er am Montag zurückkehrte, ließ er sich sofort alle Akten bringen,
die sich auf die Condor Oil Company bezogen. Er rief einen Ingenieur des
Arbeitsamtes zur Mithilfe herbei. Mit ihm studierte er alle Pläne der
Ländereien, die die Company besaß, zählte ihre Brunnen aus, studierte
die statistischen Aufstellungen ihrer Produktion, ihrer produzierenden
und ihrer toten Brunnen, studierte alle Parzellen, wo die Company
augenblicklich auf Öl bohrte, und alle Parzellen, wo die Company nicht
bohrte, berechnete alle Reserven an ölhaltigem Land, das die Company
hielt, und alle Reserven an zweifelhaftem Land, das die Company unter
ihrer Kontrolle hatte. Er notierte sich alles gut auf, und was er nicht
genügend verstand, das ließ er sich von dem Ingenieur, dessen besonderes
Arbeitsgebiet bei der Regierung die Überwachung der Ölfelder war,
ausführlich erklären.
Am nächsten Freitag nahm er sich drei Tage Urlaub für Inspektionen und
reiste mit seinem Burschen zur Hazienda La Rosa Blanca, um Don Hacinto
kennenzulernen, seine Meinung zu hören und die Hazienda zu sehen.
Er blieb zwei Nächte und einen halben Tag auf der Hazienda, aß mit
Hacinto am gleichen Tisch dasselbe schlichte Essen, das Hacinto aß,
schlief in dem Bett, das man ihm anbieten konnte und dessen Matratze nur
Bretter waren, über die zwei der üblichen Petates, Schilfmatten,
gebreitet waren. Mehr konnte ihm die Rosa Blanca nicht bieten, denn mehr
hatte sie nicht, mehr brauchte sie nicht, mehr hatte sie seit mehreren
hundert Jahren nicht gehabt, mehr wollte sie nicht haben; denn sie war
vollkommen glücklich in dem, was sie hatte.
Der Gouverneur besuchte mit Hacinto und Margarito alle Familien, die auf
der Hazienda wohnten, ging in alle Hütten, sprach mit allen Leuten,
hätschelte die Kinder, nahm das eine und das andere auf den Arm, gab
ihnen Zuckerwaren und kleine Geldmünzen. Wenn er eine Hütte verließ, um
zur nächsten zu gehen, folgte ihm die ganze Familie nach. So ging es von
einem Hause zum andern, bis er, bei der letzten Hütte angelangt, alle
Familien der Hazienda, mit allen Kindern, Hunden, Eselsfüllen und
Schweinen hinter sich hatte.
Niemand auf der ganzen Hazienda, auch Hacinto nicht, auch Margarito
nicht, ermüdete ihn damit, nach jedem zweiten Worte Senjor Gouverneur zu
sagen, niemand sagte ihm ein schmeichelhaftes Wort, niemand haschte nach
einer Gunst, niemand strengte sich an, ihn lächeln zu machen.
Aber in jeder Hütte, wo er eintrat, kam ihm der Hausherr entgegen, wenn
er nicht schon vor der Tür gestanden hatte, neigte den Kopf und sagte
schlicht: „A sus ordenes, Senjor, ich stehe zu Ihren Diensten; das Haus,
in dem Sie sich befinden, ist Ihr Haus.“
Die Frau des Hauses, immer ein nacktes Kind auf dem Arm, pflückte sofort
Blumen und gab sie einem der größeren Kinder, die nackt und halbnackt
herumliefen, damit es die Blumen dem Gouverneur überreiche. Dann ging
der Gouverneur, gefolgt von allen in einem Haufen, über die Felder der
Rosa Blanca, betrachtete sich den Mais, das Zuckerrohr, die Orangen- und
Zitronenpflanzung, die Trapiche, in der das Zuckerrohr ausgepreßt wurde,
das Baumwollfeld, die Papayapflanzung, die Bananenpflanzung, die Weide,
wo die Kühe waren, die Mules, die Pferde, die Esel. Auch den Papagei,
der ein häßliches Schwein zum Freunde hatte und sich mit den andern
Schweinen herumzankte, mußte er sehen. Alles, was zu sehen war, sah er
sich an. Sah sich alles so an, als ob er in den Ferien wäre und
nirgendwo in der Welt ein Amt zurückgelassen habe, das viel Sorgen
bereitet, viel Arbeit mit sich trägt, viel Neid hervorruft und wenig
Freude bringt.
Der Gouverneur war in einer Großstadt geboren und aufgewachsen. Er hatte
immer nur in der Großstadt gelebt. Hatte in Mexiko City studiert. War
zuweilen von Freunden eingeladen worden auf die Haziendas der reichen
Mexikaner, die gleich Lords auf ihrem Besitztum leben, meist jedoch mehr
Großstädter als Landbewohner sind und mehr Wochen im Jahr in Mexiko, in
Puebla, in Queretaro oder in San Luis Potosi zubringen als auf ihrer
Hazienda, deren Leitung sie ihrem Mayordomo überlassen.
Zum ersten Male in seinem Leben war er nun auf einer Hazienda, deren
Besitzer Indianer war, und wo alle Menschen, die dort lebten, Indianer
waren.
Es geschah ganz unerwartet, daß in ihm sich plötzlich der Indianer
regte, der in seinem Blute war. Denn obgleich er gebildet war wie ein
gebildeter Amerikaner, obgleich er gekleidet war wie jeder amerikanische
Großstädter, obgleich er lebte, wie jeder zivilisierte Mensch in einer
Großstadt lebt, so war seine Hautfarbe, die Farbe und die Schwermut
seiner Augen, die Farbe und Strähnigkeit seines Haares doch so durchaus
gleich Hacinto, daß sie waren, als hätte beide dieselbe Mutter geboren.
Das weiße Blut, das er von einem spanischen Vorfahren in seinen Adern
hatte, war nicht stark genug gewesen, auch nur einen Schimmer in ihm zu
zeigen. Die Ur-Rasse des Kontinents war so mächtig, daß sie alles fremde
europäische Blut, das in ihm war, aufgesogen hatte, wie sie alles fremde
Blut nach und nach aufsaugt, das hier geboren wird. Denn das fremde Blut
unterliegt ja nicht nur dem Einfluß des indianischen Blutes durch
Mischungen bei der Zeugung, sondern es unterliegt auch denselben
Einflüssen des Klimas, des Wassers und der Nahrung, die in Jahrtausenden
die Eigenheit und Einzigkeit der indianischen Rasse schufen.
Und weil der Indianer in ihm sich regte, sich geltend machte unter
dieser Umgebung, darum begann er, mit den Indianern jetzt und hier zu
fühlen und zu empfinden. Dinge, die er vorher nicht verstanden hatte,
begann er jetzt in seinem Gefühl und in seiner Seele zu verstehen.
Als er zu Licenciado Perez von der Heimat und den Heimatsrechten der
Leute auf der Rosa Blanca geredet hatte, da sprach er rein theoretisch
von Heimat. Etwa so wie von Heimat in Gesetzesparagraphen geredet wird,
durch die Nationalität und Staatsangehörigkeit von Individuen festgelegt
werden soll. Heimat war dann ein allgemeiner Begriff, der sich durch
Dokumente ausdrücken ließ, durch Auszüge aus dem Geburtsregister
bestätigt und begrenzt wurde. Eine rein zufällige Sache, die durch den
Wohnungswechsel der Eltern und auch durch absichtliche und
unabsichtliche Fehler in den Registern beeinflußt werden konnte.
Hier nun aber sah der Gouverneur den Begriff Heimat von einer Seite aus,
die ihm bisher fremd geblieben war. Diese Heimat konnte durch Gesetz,
durch Register weder bestimmt noch beeinflußt werden. Diese Heimat war
eine Angelegenheit der Seele. Diese Heimat war etwas, das den Menschen
schuf. Den Großstädter sowie auch viele Bauern und Farmer kann man in
eine andere Großstadt oder auf eine andere Farm versetzen, und sie sind
sofort wieder daheim. Aber hier waren die Menschen so eins mit der Erde,
daß sie aufhörten Mensch zu sein, wenn sie aus dieser Heimat entwurzelt
wurden.
So kam der Gouverneur, aus seinem indianischen Blute heraus, zu der
Überzeugung, daß kein Öl auf der Erde, kein Automobil, kein Dieselmotor
wertvoll genug sei, dagegen Heimat auszutauschen. Öl und Automobile und
Flugmaschinen sind schöne Dinge, die dem Menschen viel Nutzen und viel
Erleichterung in seiner Arbeit bringen; aber was bedeuten dem Menschen,
insbesondere diesen Menschen hier, Öl und Motoren, wenn sie ihn in
seinem Wesen und in seiner Seele viel ärmer machen als er ist mit der
Heimat als Lebensbasis, mit der Heimat, die ihm Inbegriff alles dessen
ist, was Freude, Glück, Zufriedenheit, Ruhe, Lebenssicherheit, Liebe,
Poesie, Kunst, Religion, Gottheit, Paradies sind.
Wir alle, wir Armen, wir freuen uns an der Maschine, am Flugzeug, am
Radioapparat, am Fernkino nur darum, weil wir unsere Heimat verloren
haben. Der Verlust unserer Heimat ließ uns stumpf und zerrissen zurück.
Um uns zu betäuben, um unseres Verlustes, unseres Schmerzes uns nicht
bewußt zu werden, darum brauchen wir Gasolin, das uns Schnelligkeit
vorzaubert, damit wir rascher fliehen können vor uns selbst und vor
unseren Herzensnöten.
Das alles kam hier jetzt dem Gouverneur zum Bewußtsein. Weil er
indianisches Blut hatte und in seinem Blute der Heimat noch näher stand
als der Weiße, der seine Heimat seit Jahrtausenden verloren hat und
seitdem rastlos in der Welt umherflitzt, immer getrieben und gehetzt,
niemals Zeit habend, niemals Zeit gewinnend, ob er Eisenbahnen baut und
Expreßzüge, oder ob er Flugzeuge baut oder drahtlose Telephone. Er wird
immer rastloser, immer gehetzter, hat immer weniger Zeit, je mehr er
auch erfindet, um Zeit zu gewinnen. Gejagt von einem Kontinent zum
andern, von Asien nach Europa, von Europa nach Amerika, von Amerika
wieder nach Asien. Dann Kriegszüge und Weltkriege, um eine neue Heimat
zu finden. Und alle seine Wissenschafter suchen und suchen vergebens, zu
finden, wo die Heimat des Weißen ist.
Und der Gouverneur sprach mit Hacinto und mit Margarito und mit den
übrigen Männern. Sprach mit ihnen, als hätte er sie gekannt seit
zehntausend Jahren. Er verstand alles, was sie sagten, und begriff
alles. Begann sich mit ihnen allen zu duzen. Trank mit ihnen Tequila und
Habanero aus derselben Flasche, die von Mund zu Munde ging.
Er, der Indianer, hatte heimgefunden, hörte zum ersten Male seine Seele
zu ihm sprechen, hatte zum ersten Male in seinem Leben das Bewußtsein,
daß er zu Hause sei, war zum ersten Male in seinem Leben wahrhaft
glücklich, zufrieden und eines unbekümmert freudigen Mutes, der keine
Furcht vor Sorgen kennt.
Er zog die eleganten braunen Schuhe von den Füßen und ließ sich von
Hacinto ein paar alte Sandalen geben. Zog den Rock aus, knöpfte den
Kragen ab, steckte den Kopf durch den Schlitz der Tilma und warf sie
sich über. Drehte sich Zigaretten aus Maisblättern. Aß Tortillas und
Frijoles. Schälte das Fleisch von den gebackenen Hühnchen mit den
Fingern ab und tunkte es mit den Fingern in die rotbraune Mole. Nahm
nach Indianerart das Salz prisenweise mit den Fingern auf und schob es
so in den Mund. Biß große Stücke von der grünen Chile ab und trank den
Kaffee schwarz und gesüßt mit dem braunen rohen Zucker, der auf der
Hazienda selbst gemacht wurde.
Der Gouverneur mußte alle Pferde reiten, um zu sagen, welches das beste
sei.
War der Gouverneur in der Stadt mit seinen Freunden zusammen und wurde
nicht über Politik geredet, dann wußten meist nach einer Weile weder er
noch seine Freunde, was man reden sollte. Und weil man keinen Unsinn
reden und keinen Klatsch breittreten und ausstänkern wollte, fanden sich
der Gouverneur und seine Freunde immer recht hilflos. Dann mußte man
sich mit Dominoklötzchen helfen oder mit Schach oder mit Billard oder
mit Karten; weil man nicht wußte, was man mit sich und mit seinen
Freunden beginnen sollte und man doch auch nicht ganz und gar verdusseln
wollte.
Hier, auf der Rosa Blanca, kam dem Gouverneur auch nicht für eine Minute
der Wunsch nach Domino oder Karten.
Er saß mit Hacinto und Margarito in Schaukelstühlen in dem Portico. Alle
Männer der Hazienda waren da. Einige saßen auf der Holztreppe, die vom
Hofe in den Portico führte, andere hockten auf dem Erdboden vor der
Treppe, wieder andere hockten im Portico, auf dem Fußboden aus dicken
Bohlen, andere saßen auf dem Geländer des Porticos, und wieder andere
lehnten sich gegen die Säulen. Sie mischten sich nicht in das Gespräch,
das die drei Männer, die in den Schaukelstühlen sich wiegten, führten.
Sie hörten nur zu, um zu hören und zu erfahren. Zuweilen flüsterte der
eine der zuhörenden Männer zu einem andern. Zuweilen rief Hacinto oder
Margarito einen der Männer herbei, um ihn etwas zu fragen, was auf das
Gespräch sich bezog, eine Auskunft über die Mules, über das Vieh, über
eine Familie und was es so gab im Leben auf der Hazienda.
Die Dinge, die der Gouverneur mit Hacinto und Margarito besprach, waren
so ureinfach, wie Dinge überhaupt nur sein können. Sie sprachen über
Mais, über Zucker, über Salz, über den Preis für Kühe und Schweine, über
Holz und Wald, über gutes und schlechtes Weideland, über den Ertrag
anderer Haziendas, über die Zahl der Kinder, die einzelne Familien
hatten, über Krankheiten des einen Mannes oder einer Frau, über
Kurmittel für Kühe, Pferde und Mules, über die Beschaffenheit der Wege
in der Nähe, über die weite Entfernung der Schule für die Kinder, die
nur unregelmäßig die Schule besuchten, über die Tatsache, daß Hacinto
noch im selben Jahr eine Schule bauen wolle auf der Hazienda und daß er
den Lehrer bezahlen werde, über Wetter, über die Menge des Regens, über
Trockenheit, über die Tiger, die im Busch herumfauchten und zuweilen ein
Kalb oder eine Ziege fortschleppten, über Moskitos, über Henequen, den
zu bauen man angefangen habe und von dessen Fasern man jetzt auf der
Hazienda alle Leinen und Lassos selbst anfertige und man sogar schon
überschüssige Ware verkaufte, und was es so an den Vorgängen und
Geschehnissen auf einer großen Hazienda gab.
Mit keinem Worte redeten die Leute von Politik. Ob Don Manuel oder Don
Justo Präsident der Republik war, darum kümmerte sich hier kein Mensch;
ob die Amerikaner in die Republik einmarschieren wollten oder ob sie in
den Häfen von Nicaragua mit Panzerschiffen protzten und dort Kanonen
abfeuerten, das war für die Menschen hier ohne jedes Interesse. Ihre
Heimat war nicht die mexikanische Republik, ihre Heimat war die Weiße
Rose; und Dinge, die sich nicht auf die Rosa Blanca in irgendeiner Weise
bezogen, existierten nicht für die Leute.
Dennoch, trotzdem es erschien, als hätten die Männer keine weiten
Interessen über ihre enge Heimat hinaus, so waren doch ihre Reden
zuweilen so voll von Weisheit und Philosophie, daß der Gouverneur mehr
als einmal aufhorchte und im Vergleichen so viele Meinungen, die er
anderswo gehört oder gelesen hatte, recht nichtig und unbedeutend fand,
nicht wert, über sie nachzudenken.
Hier mußte er immerwährend denken. Eine völlig neue Welt eröffnete sich
vor ihm. Eine Welt, von deren Existenz er nichts gewußt hatte, obgleich
er glaubte, alles studiert zu haben, was es auf Erden und in Büchern
gab. Alles war hier einfach und natürlich. Alles ließ sich sofort
verstehen, weil alles in natürlichen Dingen und Vorgängen wurzelte.
Nichts erschien kompliziert. Nichts war umkleidet und verkleidet von
Paragraphen, Formeln und Entscheidungen in Parlamenten und in
Obergerichtshöfen. Hier waren keine Gesetze, keine Katechismen, keine
Statuten, keine Parteiprogramme. Und trotzdem lebten die Menschen hier,
und trotzdem ging alles seinen Lauf. Nirgends war ein Zusammenstoßen,
nirgends ein Verwirren, nirgends eine Unklarheit. Die Frauen bekamen
alle viele Kinder. Für alle war Nahrung vorhanden, und alle wuchsen
heran, wenn sie die ersten Jahre überstanden hatten. Hier gab es keine
Probleme. Hier gab es keine sozialen Fragen. Hier gab es weder Reiche
noch Arme, weder Ausbeuter noch Sklaven. Und wenn es wirklich Streit
gab, so wurzelte er in so einfachen Ursachen, daß er mit einem Worte
Hacintos geschlichtet und so entschieden wurde, daß alle seine
Entscheidung als die einzige und als die richtige anerkannten. Es gab
hier keine Ungerechtigkeit, weil die Gerechtigkeit natürlich und
selbstverständlich war. Denn niemand dachte über Gerechtigkeit nach,
weil Begriffe von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit hier völlig fehlten
und sich nicht entwickeln konnten.
8
Am Abend, als die Nacht schwarz war, wurde auf einem altarähnlichen
Block von Steinen, der in der Mitte des Hofes war, eine großer Haufen
Holz angezündet, der den weiten Platz des Hofes der Hazienda
erleuchtete. So wurde es getan seit vielen hundert Jahren.
Dann kamen alle Familien zum Tanz.
Einige Männer der Hazienda spielten auf Geigen, Gitarren und Flöten die
Tanzmusik. Es wurde zu den Tänzen meist gesungen von denen, die
musizierten, und von denen, die nicht tanzten.
Um Mitternacht oder so begannen alle Männer und Frauen zu singen, ohne
dabei zu tanzen.
Und dann sangen sie ihre Nationalhymne, das Lied ihrer Heimat, den
Gesang des heimatlichen Ranchos, das Lied von der Weißen Rose, die nahe
der Barranca so traulich und friedlich blüht seit ewigen Zeiten her:
Wenn ich auch einst verwelken muß,
Weiße Rose, du sollst blühen,
Und mein letzter Lebenshauch
Ist für dich mein Abschiedskuß.
Die Leute standen eine Weile still, vom flackernden Feuer des Altars
beleuchtet.
Dann begannen sie aus drängendem Gefühl, den letzten Sang noch einmal zu
wiederholen, begleitet von der schlichten Musik der Geigen, Gitarren und
Flöten:
Cuándo llame la muerte a mi
Pensaré en ti mi Rosa Blanca
Y mi ultimo suspiro
Lleve dulces besos para ti.
Hacinto und Margarito hatten das Lied mitgesungen. Den letzten Sang, als
er wiederholt wurde, sang auch der Gouverneur mit. Und als er sang,
dachte er, daß diese Hymne ebenso schön sei wie die Nationalhymne des
mexikanischen Volkes. Und er dachte, daß ihr eigenes Lied den Leuten
hier mehr sagte als die strahlend schöne Hymne der Republik, die zwar
süß ist und feurig zugleich, aber doch nicht den Frieden dieses
schlichten Gesanges hier atmet, denn sie beginnt mit einem schmetternden
Kriegsschrei, der alle Söhne und Töchter der Republik aufruft, ihr
schönes Land gegen den Feind, der es zertreten will, zu verteidigen.
Hätten die Mexikaner als Volk die brüderliche Liebe, die jene Menschen
hier auf der Rosa Blanca vereint zu einer einigen Familie, so brauchten
sie weder Amerikaner noch Briten zu fürchten; weil sie dann sicherer
wären als mit Soldaten und Geschützen. Denn kein fremdes Kriegsheer kann
weit in mexikanische Erde kommen, wenn es keine Verbündeten unter den
Mexikanern selbst findet. So war es, als Cortes in Mexiko
einmarschierte, so war es, als MacMahon in das Land zog, und so war es,
als die Amerikaner nach Chapultepec und siebzig Jahre später nach
Veracruz kamen. Der Feind des mexikanischen Volkes, sein größter Feind,
sitzt im Lande und nicht draußen. Das dachte der Gouverneur, als das
Heimatlied endlich verklungen war und die Leute wieder zu tanzen
begonnen hatten.
Der Tanz dauerte bis zum ersten Aufleuchten des Morgensternes.
Der Gouverneur tanzte mit den Frauen und Mädchen.
Er vergaß Bälle, Parlamentsreden, Regierungsgeschäfte und Öl-Companien.
Alles das hatte aufgehört in der Welt zu existieren.
Es waren nur noch in der Welt: Tanz, Musik, süße Lieder. Es waren nur
noch auf Erden, beleuchtet von einem rotgelben flackernden Feuer,
weißgekleidete Männer und Frauen in bunten Röcken und weißen Jacken,
reichgestickt mit roten, grünen, gelben Blättern und verzierten Ranken.
Es gab nur noch lachende, tanzende, schwitzende Frauen mit schweren
schwarzen Augen, nacktem braunen Hals und nackten braunen kräftigen
Armen. Nur noch Frauen und Mädchen mit glänzenden freudigen Augen und
mit leuchtenden Blumen und roten Wollbändern in das tiefschwarze dicke
Haar geflochten.
Es war nur noch Singen in der Welt, nur noch Freude, Sorglosigkeit,
Zufriedenheit, Sicherheit, ein loderndes Feuer auf einem Steinaltar.
Und Heimat. Und Heimat. Nichts als Heimat.
9
Der Gouverneur war zurückgekommen nach Jalapa.
Er bestellte Licenciado Perez zur Audienz.
Sagte zu ihm: „Ich habe den Fall Condor Oil noch einmal genau
vorgenommen. Ingenieur Ramirez vom Industrie- und Arbeitsdepartment ist
mir behilflich gewesen. Er kennt alle Akten und Pläne. Wir haben
folgendes festgestellt: Die Condor Oil ist die zweitstärkste Company in
Mexiko, soweit der Besitz und soweit Leases von Ölland in Frage kommen.
Die Company hat bis heute nur ein Vierzigstel ihrer Ländereien unter
Produktion und unter Bohrungen. Selbst wenn die Company im gleichen
Tempo wie bisher weiter arbeiten sollte, was ich nicht glaube, dann hat
die Company noch für fünfzig Jahre genügend Land zur Verfügung und unter
ihrer Kontrolle, um so viel Öl zu produzieren, wie sie benötigt. Es
liegt also keine Notwendigkeit vor, ihr noch mehr Land – und jetzt
zwangsweise – zuzuschieben, um sie arbeitsfähig und produktiv zu
erhalten. Sie hat bei weitem noch nicht den zwanzigsten Teil derjenigen
ihrer Felder unter Arbeit genommen, die nicht zweifelhafte Felder sind,
sondern sichere und tragende Felder. Wir haben festgestellt, daß die
Company selbst jene Felder noch nicht angebohrt hat, die anzubohren sie
auf Grund der Konzessionen, die ihr gegeben wurden, verpflichtet war.
Wir haben das Recht, ihr diese Felder abzunehmen und sie frei zu stellen
für andere willige Companien oder für die Nationalproduktion, weil sie
die Konzessionsbedingungen nicht erfüllt hat. Wir denken vorläufig nicht
daran, sie zur Einhaltung der Konzessionsverpflichtungen zu zwingen, um
nicht den Anschein in den Staaten zu erwecken, als ob wir den fremden
Companien das Arbeiten erschweren. Die Condor Oil benötigt also die Rosa
Blanca nicht. Eine andere Company kommt nicht in Frage, weil die Condor
Oil alles Land rund um die Rosa Blanca unter Kontrolle hält mit ihren
Leases, soweit es nicht Besitz der Condor Oil ist.
Unter diesen Umständen kann ich nicht, selbst wenn ich Ihnen und der
Condor Oil gefällig sein wollte, ein Staatsinteresse vorschieben, um den
Verkauf der Rosa Blanca durch Decreto zu verfügen. Das wäre ungerecht
und unwahr.
Ferner: Dasselbe Staatsinteresse, das die Condor Oil anzurufen gedenkt,
um ihre Produktion zu heben, dasselbe Staatsinteresse zwingt mich, die
Rosa Blanca in dem Besitz zu lassen, in dem sie sich heute und seit
Hunderten von Jahren befindet. Der Besitzer hat nicht die Absicht, zu
verkaufen. Und das Staatsinteresse gebietet uns eher, die Rosa Blanca zu
erhalten und mit allen Kräften des Staates zu schützen, als sie für die
Produktion von Öl freizugeben. Die Condor Oil Company ist in Mexiko
registriert, aber ihre Aktionäre sind bis auf einen, den ich den
gesetzlichen mexikanischen Aktionär nennen möchte, keine mexikanischen
Bürger. Dahingegen sind alle Leute, die auf der Rosa Blanca leben und
von ihr leben, mexikanische Bürger, denen wir aus demselben
Staatsinteresse heraus, das die Condor Oil zu ihren Gunsten anruft, die
Heimat nicht nehmen können, die Heimat, auf die sie in ihrem Lande ein
konstitutionelles Recht haben.
Läge freilich der Fall vor, daß das Öl, das nach Angaben der Geologen
die Rosa Blanca in reichem Maße trägt, unbedingt notwendig gebraucht
wird und genügend Öl aus den Ländereien, die unter Kontrolle der
Oil-Companien stehen, nicht herangeschafft werden kann, dann muß die
Rosa Blanca geopfert werden. Ein solcher Fall liegt nicht vor. Nach
menschlichem Ermessen wird ein solcher Fall in den nächsten fünfzig
Jahren nicht eintreten. Und tritt er nach fünfzig Jahren wirklich ein,
das zu entscheiden, was dann zu geschehen hat, ist nicht meine Aufgabe
und ist nicht die Aufgabe der Federal-Regierung. Dann wird Zeit genug
sein, den Fall zu entscheiden, und ich überlasse die Entscheidung den
Männern, die dann leben und regieren werden.
Und damit, lieber Licenciado, ist der Fall La Rosa Blanca für mich und,
solange ich im Amte bin, auch für die mexikanische Regierung
abgeschlossen. Wenn die Company dennoch den Kauf der Rosa Blanca von Don
Hacinto auf privatem Wege erzielt, so ist das eine Sache, die über meine
Rechte und Befugnisse hinausgeht. Die Regierung jedenfalls kann hier
nichts verfügen und wird hier nichts verfügen.“
„Ja, dann“, sagte Licenciado Perez, „dann muß die Condor Oil wohl eben
die Idee aufgeben. Ich habe das meinige getan.“
Der Gouverneur stand auf, ging um den Tisch herum und kam ganz dicht auf
Licenciado Perez zu. Er tippte ihn freundschaftlich auf die Brust und
sagte: „Das war es, Perez, was ich Ihnen amtlich zu sagen hatte. Und das
ist es, was als Schlußdokument in die Akten kommt, den Fall Condor Oil
Company und La Rosa Blanca betreffend. Persönlich aber möchte ich Ihnen
sagen: Lassen Sie die Finger fort von der Weißen Rose. Es wäre schade um
sie, wenn sie gebrochen würde und sich in ein stinkendes, lärmendes
Ölfeld verwandelte. Ich war dieser Tage dort. Sie ist ein Juwel. Und es
wohnen Menschen dort. Indianer. Prachtmenschen, die Lumpen und Banditen
werden, wenn sie die Weiße Rose nicht mehr haben. Wir haben doch genug
der Fälle in der Republik. Wer sind denn alle die Banditen und
Zugräuber, die wir haben? Alles Leute, denen eine Rosa Blanca
verlorenging, und die nun nicht länger wissen, was sie mit sich anfangen
sollen, die in den Städten verludern und dann auf den billigsten Ausweg
verfallen, sich am Leben zu halten, auf Stehlen und auf Morden. Außerdem
noch etwas. Es kann der Tag kommen, daß wir, die Mexikaner, Öl
gebrauchen und nicht wissen, wo wir es haben können, weil die Gringos
alles in Händen halten. Dann kann uns vielleicht die Weiße Rose zur
Rettung werden, kann vielleicht unsere letzte Rettung sein, weil die
Männer vor uns, besonders der Coyote Porfirio Diaz, das Land verkauft
und verschachert haben. Dann mag die Weiße Rose geopfert werden, dann
mag eine kleine Heimat geopfert werden, um eine größere Heimat, die
Republik, die Heimat des mexikanischen Volkes, zu erhalten. Ja, das –
das wäre dann eigentlich alles, lieber Licenciado. Wenn ich sonst für
Sie etwas tun kann, Sie wissen, Sie dürfen immer auf mich zählen.“
10
Perez ging zur Western Union Cable Office und schrieb das Telegramm aus
für San Francisco: Rosa Blanca verloren.
Als er das Telegramm dem Beamten überreichen wollte, stand da ein
amerikanischer Zeitungsmann, der ein längeres Telegramm für die A. P. –
Associated Press, Telegraphendienst der Vereinigten amerikanischen
Zeitungen – aufgab und in der Preisverhandlung mit dem Beamten englisch
sprach.
Licenciado Perez fühlte sich plötzlich als Mexikaner, was er lange Zeit
vergessen zu haben schien, weil ihn die Condor Oil sehr gut bezahlte.
Er zerriß das Formular und schrieb ein neues Telegramm.
Es hieß nun: Rosa Blanca aus.
Damit wollte er sagen, daß die Weiße Rose aus dem Rennen endgültig
ausgeschieden sei.
Obgleich er für ihre Erhaltung nichts getan hatte, so fühlte er jetzt
dennoch eine stille Freude, daß die Weiße Rose für Mexiko gewonnen war.
11
Sechs Tage später erhielt er einen Brief vom Hauptquartier der Condor
Oil, in dem ihm empfohlen wurde, dem Gouverneur auf geschickte Art
hunderttausend Dollar beizubringen, wenn nötig, seien auch
einhundertfünfzigtausend zur Verfügung. Zwei Schecks lagen dem Briefe
bei.
Perez antwortete sofort und riet der Condor Co., keine
Bestechungsversuche irgendwelcher Art gegenüber dem Gouverneur zu wagen,
sie könne dabei nur verlieren, und er könne ihr die übelsten Geschichten
machen, denn er sei nicht von dem Schlage, der in den Staaten in den
Filmen und in den billigen Romanen gezeigt wird.