Bitte, nicht stören, bleiben Sie draußen.
Das galt für Büroschreiber, für Magnaten, für den amerikanischen
Präsidenten, für den König von England und für Jehova. Aber es galt
nicht für Betty, die ihre Garage und das dazu gehörige Haus haben
wollte. Haben mußte, und zwar sofort, weil sie ihren Freundinnen erzählt
hatte, daß sie Garage und Haus bereits habe und Montag abend ihre
House-Warming-Party, ihre Einzugsfestlichkeit geben wollte, in einer
Aufmachung, daß die Filmkönige und Filmköniginnen in Hollywood vor Neid
zerbersten würden. Ein kleiner Schwimmteich aus Marmor sollte da sein.
Der würde mit warmem Wasser gefüllt. Nachts um ein Uhr würde sie dann
den Vorschlag machen, daß sich alle ausziehen sollten, um zu baden in
jenem Teich. Sie würde elegante dünnseidene Badegewänder zur Hand haben.
Wenn dann Männchen und Weibchen im Bade wären, würde sie alle Kleider
zusammenraffen lassen, alles vertauschen und verstecken. Für den Rest
der Nacht würde nur in Badekostümen getanzt.
„Ich sehe nicht, wo da der Spaß ist“, sagte Majory, eine ihrer
Freundinnen. „So etwas machen die Filmer in Hollywood jeden Tag.“
„Warte nur ab, May“, sagte Betty, „was dann hinterher kommt.“
Sie hatte alles – bisher nur in ihrem Plan, weil das Haus ja noch fehlte
– bereits fertig. Sobald in Badekostümen getanzt würde, dann würde sie
und noch einige Eingeweihte mit Brieföffnern zwischen die Tanzenden
schleichen und alle diese dünnen Seidendinger, die ja durch das Wasser
überhaupt schon nichts mehr verbargen, aufschlitzen, so daß jedes Kostüm
in zwei Hälften geteilt würde und herunterfiele.
Diesen Plan verriet sie nicht, weil das eine der Überraschungen war. Sie
hatte noch andere Überraschungen ausgedacht, die jener in nichts
nachstanden, sondern das Vergnügen vergrößerten.
Es muß zugegeben werden, daß Betty einen künstlerischen Geschmack besaß
und auch eine reiche Phantasie. Das war ihre zweite Spezialität als Teil
der vollkommenen Frau, nach der sich Mr. Collins sehnte.
Sie hatte guten Geschmack. In ihrer Kleidung und in ihrem Benehmen im
Hotel oder im eleganten Restaurant. Solange sie nicht schwer betrunken
war. Auch dann behielt sie ihren guten Geschmack bei, nur begann sie
dann höllisch frivol zu werden zum Ergötzen aller Anwesenden. Sie sagte
die unerhörtesten Dinge, und sie tat es mit der Gebärde und dem Ausdruck
eines unwissenden Kindes.
Wenn sie mit Mr. Collins den Saal eines Café-Kabaretts oder eines
Luxus-Restaurants betrat, so glaubte selbst der Verwöhnteste, eine
Fürstin käme hereingeschritten. Eine Fürstin, nicht wie eine Fürstin in
Wahrheit ist, unmodern, linkisch und mit einem Bauerngesicht, sondern
eine Fürstin, wie sie sich ein Romanleser vorstellt und wie sie
gelegentlich im Film erscheinen.
Dieses fürstliche Benehmen und diese fürstliche Haltung übertrug sich
natürlich auf das Ansehen des Mr. Collins. Er, der nicht gerade sehr
fürstlich, ja kaum bedeutend aussah, der seine Unsicherheit, die ihm
zuweilen in eleganter Umgebung überkam, nur durch ein burschikoses,
lautes, kollegiales, handfestes Gebaren übertünchte, wuchs vor den Augen
seiner Freunde, seiner Bekannten und seiner geschäftlichen Gegner
gewaltig in der Gegenwart der Fürstin Betty. Er gewann an materiellem
Wert, mehr als an persönlichem. Ein Mann, der einen so vortrefflichen
Geschmack besaß, eine Dame von so hervorragender Erscheinung zur
Geliebten zu haben, ein solcher Mann war in geschäftlichen Dingen zu
fürchten. Man mußte ihn als Freund gewinnen. Denn ein solcher Mann ist
zu allem fähig. Was muß der Mann für Geld machen, um sich eine solche
Fürstin halten zu können. Denn daß Betty nicht seine Frau war, wußte
jeder. Mit seiner Frau geht man nicht in diese Restaurants, wo der Abend
nicht unter fünfhundert Dollar kostet. Niemand kleidet seine Frau in
dieser verschwenderischen Weise. Und kein Geldmann hat eine Frau, die
wie eine Fürstin aussieht. So sieht immer nur eine Geliebte aus.
Ein Mann, der soviel Geld macht, daß er neben seiner Familie und sicher
noch einigen Kleinen vom Theater diese Fürstin unterhalten kann, ein
solcher Mann ist mächtig. Er ist nicht nur mächtig. Er ist eine Macht.
Eine Macht, mit der man nicht spielt, die man zum Freunde macht, und
wenn das nicht gelingt, die man respektiert. Denn wehe dem, der diese
Macht zu erschüttern oder ihr Unbequemlichkeiten zu bereiten sucht.
Dieser Mann mordet rücksichtslos, um seine geschäftlichen Pläne
durchzusetzen. Nicht aus Mordlust. Sondern, um diese Fürstin behalten zu
können, um dieser Fürstin würdig zu sein. Darum wird es niemand wagen,
mit Mr. Collins zu spielen, wenn es sich um Geschäft handelt.
Den Herren der Company, den Aktionären, die Einfluß haben und
kommandieren, ohne daß die Öffentlichkeit ihre Namen kennt, ist die
Fürstin Betty teils gleich einer Geschäftsteilhaberin, teils gute
Reklame. Die Fürstin hebt das Ansehen und die Macht Mr. Collins. Und
eine Company, die einen angesehenen und mächtigen Präsidenten hat, der
respektiert und zugleich gefürchtet ist, gewinnt ihr Spiel mit größerer
Sicherheit als eine Company, die ein knauseriges, verdörrtes,
pessimistisches, scheues und furchtsames Männchen als Präsidenten hat.
Die Klugheit, die das scheue Männchen vielleicht hat, ist viel wert.
Aber Mr. Collins mit seiner Lebensrobustheit, mit der Notwendigkeit auf
seinen Schultern, mehrere Millionen im Jahr verdienen zu müssen, um
seine Fürstinnen und Hofdamen unterhalten zu können, besiegt den Knauser
mit einer Handbewegung. Der Knauser ist vorsichtig in seinem Wagen, weil
er nicht viel für sich braucht und das Sichere nicht verlieren will. Mr.
Collins ist brutal und rücksichtslos im Wagen. Weil er immer nur
verlieren kann, darum muß er gewinnen, ganz gleich, was es kostet, ganz
gleich, wer und was darüber zugrunde geht. Sein Wille ist keineswegs
frei. Er ist ein Produkt, das er nicht selbst geschaffen hat. Er wurde
geschaffen. Er ist nicht anzuklagen. Nur seine Eltern vielleicht sind zu
verurteilen. Aber seine Eltern sind: die Zeit. Man verurteile die Zeit,
wenn man glaubt, verurteilen zu müssen.
4
Die Art und Weise wie der Reverend Oberbonze der Ersten Allerheiligsten
und Alleingerechten Amerikanischen Baptisten-Kirche Einlaß in das
Himmelsheiligtum fordert und von dem erschreckten himmlischen
Aufsichtsrat, der um seine olympische Ruhe und Würde besorgt ist,
bewilligt bekommt, wurde um ein Vielfaches überboten von Betty, die vor
der Tür des Allerheiligsten der amerikanischen Nation stand und vor sich
das Plakat erblickte: Bitte, nicht stören, bleiben Sie draußen! Mit dem
schwer goldenen Griff ihres kurzen Schirmes stieß sie zweimal hart und
wuchtig, jegliche Ehrfurcht versagend, gegen die Tür, als wollte sie ein
Loch hindurchstoßen.
Die zweite Sekretärin, als sie solches sah, erbleichte, weil sie wußte,
daß sie nun ihre Stellung verloren hatte. Ihre Stellung behalten konnte
sie jetzt nur noch dadurch, daß sie Betty beim Herauskommen abfing und
sie mit verweinten Augen anflehte, Mr. Collins zu bitten, sie nicht zu
entlassen, sondern nur mit fünfundzwanzig Dollar zu bestrafen. Die
Sekretärin konnte durch eine dicke, blauanlaufende Beule unter ihrem
linken Auge vorweisen, daß sie den Eingang zum Allerheiligsten unter
Aufopferung ihres Lebens zu verteidigen versucht hatte, daß sie aber
höherer und brutalerer Gewalt habe weichen müssen. Die blaue Beule würde
ihr vielleicht angerechnet werden und ihr helfen, auch noch jene
fünfundzwanzig Dollar Strafe zu sparen.
Ohne auch nur zwei Anstandssekunden zu warten, ob man von drinnen
vielleicht rufen würde: „Come in!“, riß Betty die Tür mit einem weiten
Schwung auf.
Sie überfiel alle Anwesenden, die so würdig und feierlich beisammen
saßen wie Kardinäle bei einer Papstwahl, mit einem Blick, als ob sie
sagen wollte: „Ihr alle seid entlassen.“
Einen Schritt kam sie weiter, warf die Tür hinter sich zu mit einem
Krachen und rief zu dem Gottvater jener Conference: „What’s th’ bloomin’
idea, you little shrimp! Was denkst du dir denn eigentlich, du kleines,
armseliges, mickerndes, winselndes Jammerwürmchen, das du bist!“
5
Betty sprach sehr sorgfältig und sehr gewählt, ohne daß es je geziert
und unnatürlich gelautet hätte. Und meist sprach sie sehr ruhig und
überlegend. Für eine junge Frau hatte sie eine tiefe Stimme. Aber die
Stimme war weich und voll; und sie hatte jene warme runde Fülle der
Stimme großer Tragödinnen, deren Macht allein in der Sprache ruht. Aber
wenn Betty in großer Erregung war oder wenn sie ihren Worten bestimmten
starken Nachdruck geben wollte, dann sprach sie Slang. Nicht, weil sie
sich gehen ließ oder weil sie sich vergaß, sondern sie sprach Slang mit
voller Absicht, um größere Wirkung zu erzielen. Wie auch ein tüchtiger
Businessman, obgleich er College und Universität besucht hat, Slang zu
sprechen beginnt, wenn er einem hartnäckigen Kunden seine Ware zu
verkaufen sucht. Auf Slang fallen wir alle herein und verlieren unsere
Vorsicht.
Betty stammte aus Seattle. Ihre Eltern lebten noch und glaubten, daß
Betty Privatsekretärin bei dem Herausgeber einer Zeitung in San
Francisco sei. Würden ihre Eltern das nicht geglaubt haben, so hätte
sich Betty auch nichts daraus gemacht. Ihr Vater hatte ein Geschäft für
Schiffsartikel, und die Familie lebte in guten und geordneten
Verhältnissen. Betty hatte das College besucht und ihr Examen in
Literatur und Geschichte gemacht. Sie sprach Französisch, Deutsch und
ein wenig Spanisch. Sie war eine Zeit Lehrerin in einer kleinen Stadt in
California gewesen, wurde aber wegen schlechten Betragens vom
Schulvorstande gefeuert. Das schlechte Betragen war darin erblickt
worden, daß sie einmal den Kindern erzählt hatte, man brauche die
Schöpfungsgeschichte in der Bibel nicht wörtlich nehmen, sondern der
Mensch habe sich in vielen Milliarden von Jahren aus einer mehr
tierischen Kreatur zu seiner heutigen Gestalt langsam entwickelt. Mit
diesem Entlassungszeugnis in der Hand konnte sie natürlich in den
Städten des Westens keine neue Stellung als Lehrerin finden. Und in den
großen Städten des Ostens und des Nordens waren alle Stellen auf Jahre
hinaus vorgemerkt. Sie wurde dann Redaktionssekretärin in einer
Tageszeitung in San Francisco. Einer der jüngeren Redakteure hatte sie
zum Abendessen in einem Kabarett eingeladen und durch einen Freund des
Mr. Collins, der gleichzeitig Freund jenes jungen Redakteurs war, lernte
sie an jenem Abend Mr. Collins kennen. Sie verlor ihre Stellung in der
Zeitung, weil sie es zweimal abgelehnt hatte, sich von dem leitenden
Redakteur zum Abendessen einladen zu lassen. Am Morgen nach der zweiten
Ablehnung wurde ihr gesagt, daß ihre Arbeit nicht genügend sei, weil sie
nicht rasch genug die Diktate aufnehmen könne, und daß man ihr empfehle,
sich um eine andere Stellung umzusehen. Bei diesem Umsehen nach einer
andern Stellung traf sie auf der Straße Mr. Collins, der sie unter
Erinnerung an ihr Bekanntwerden im Kabarett ansprach und sie zum Lunch
einlud. Sie wollte die Ausgabe für Lunch sparen und nahm die Einladung
an.
Bis dahin war sie ein Mädchen gewesen, wie jedes andere amerikanische
Mädchen, das eine gute Bildung bekommen hat, aber dann sein Leben selbst
verdienen muß. Unter dem Einfluß des Mr. Collins und im Umgang mit
diesem Manne, der Hunderttausende von Dollar zu verdienen schien für
keinen andern Zweck, als sie in großzügiger Weise wieder ausgeben zu
können, entwickelte sie sich innerhalb von vier Monaten zu einer der
elegantesten Damen von San Francisco, ohne je eingereiht werden zu
können in die Klasse der Halbweltdamen. Mr. Collins war ihr einziger
Mann, obgleich sie ihn ewig in der Erwartung hielt, daß er morgen nicht
mehr ihr einziger sein möchte. Daß sie ihn beherrschte, konnte man nicht
sagen. Sie vermied es sogar, ihn glauben zu lassen, daß sie ihn
beherrsche. Aber sie setzte alles durch, was sie wollte. Sie war bei
weitem gebildeter und klüger als er, und sie besaß auch mehr
Intelligenz. Und sie war in ihrem inneren Wesen vornehmer und taktvoller
als er. Sie war für ihn die Inspiration, die ein mächtiger Mann in der
Industrie so gut gebraucht wie ein Künstler. Denn Großzügigkeit und
Genialität in der Kunst wurzeln im selben Boden wie Großzügigkeit und
Genialität im Geldmachen. Als die wahre Herzensgeliebte eines Künstlers
hätte sie gelebt entsprechend dem Einkommen jenes Künstlers, und sie
wäre ebenso glücklich gewesen wie jetzt, in jener luxuriösen
Lebensweise, die dem Einkommen des Präsidenten einer der mächtigsten
Öl-Companien entsprach. Sie liebte Mr. Collins aufrichtig. Und nur, weil
sie ihn wirklich liebte, kam ihr nie der Gedanke, daß ihre Stellung von
den Menschen anders betrachtet werden könnte, als sie selbst ihre
Stellung betrachtete. Sie war überzeugt, daß sie zu Mr. Collins auch
dann stehen würde, wenn er von seiner Höhe herabstürzen sollte. Vor
seiner Großzügigkeit hatte sie Achtung, und sie bewunderte ihn darum.
Vor seiner Stellung dahingegen hatte sie gar keinen Respekt. Und darum
war es ihr auch ganz gleich, ob sie ihn durch ihr temperamentvolles
Eindringen in seine geschäftlichen Heiligtümer zum Erschüttern brachte
oder nicht. Sie glaubte an seine unüberwindliche Stärke. Sie glaubte,
daß, selbst wenn er fallen sollte, daß er immer wieder auf die Beine
käme und daß, wenn es ihm zu schwer würde, es allein zu tun, daß sie
fähig wäre, ihn so anzuspornen, daß er hoch müßte, selbst gegen seinen
Willen. Jedoch – und das wußte sie auch – sie würde diesen Mann nie
geheiratet haben, und sie würde ihn wohl kaum heiraten, auch wenn sie
Gelegenheit dazu hätte.
Heirat hatte für sie nur einen Sinn: Kinder haben zu können. Andernfalls
war Heirat Unsinn und Liebe besser. Wenn sie auch sonst alles von ihm
annahm, alles von ihm wünschte, eines wünschte sie auf keinen Fall von
ihm, und das war: ein Kind von ihm. Den Vater ihres Kindes dachte sie
sich anders. Der Vater ihres Kindes sollte haben: Seele. Und wenn es
sehr hoch kam: Die Seele eines Künstlers. Das aber war es, was Mr.
Collins vor allem fehlte: Seele. Jenes Ding, das sich eben nicht anders
bezeichnen läßt als: Seele.
Betty war aber dennoch nicht so vollkommen, daß sie nur Licht
ausstrahlte. Sie war weder eine Heilige noch ein Engel. Sie hatte ihre
heftigen Schatten. Einige dieser Schatten waren schon in ihr vorhanden
gewesen, als sie noch Kind war. Als sie größer wurde, hatte sie diese
Schatten ein wenig aufleuchten müssen, um unbestoßen durchs Leben zu
schlüpfen. Jedoch unter dem Einfluß des Mr. Collins hatten sich jene
leichten Schatten, die vielleicht endlich zu dünnen Nebeln geworden
wären, zu schweren Schlagschatten verdichtet.
6
Mr. Collins war ein bedeutender Mann, wie immer man auch seine
Handlungen beurteilen mag. Er war in seinem Berufe ein Genie. Ein Genie
kann überall ein Genie sein. Nicht nur in der Kunst, nicht nur als
Feldherr, sondern auch als Schuhfabrikant, als Bankier, als Öl-Magnat.
Es sind auch oft genug Verbrecher Genies, weil ihre Genialität innerhalb
gesetzlicher Grenzen kein Wirkungsfeld findet. Im Grunde ist jedes Genie
ein Verbrecher, weil jedes Genie bestehende und ausgeprobte Gesetze
übertritt und zu Fall bringt. Darum sind Genies immer gefürchtet von dem
guten Bürger, dessen Existenz, die allein in Beharrlichkeit beruht, von
den Genies gefährdet wird.
Eine Frau nun, die Geliebte eines bedeutenden Mannes sein und bleiben
will, muß wohl in vielen ihrer Eigenschaften das unüberbrückbare
Gegenteil jenes Mannes sein, und zugleich muß sie ihm in vielen
Eigenheiten so ähnlich sein, als wäre sie ein Teil seines Selbst.
Liebende dürfen sich in vielen Dingen nicht verstehen, um immer wieder
Neues, Unerwartetes und Fremdes im andern zu finden. Das verhindert die
Monotonie, die sich in jeder gutgeschlossenen Ehe einstellt, wo jeder
des andern sicher ist. Und Liebende müssen sich in vielen Dingen so
gleich sein, daß sie sich mit einem Wink, im Tonfall der Stimme, sofort
verstehen.
In ihrer Bildung, in ihrem guten Geschmack, in ihrem künstlerischen
Empfinden, in ihren philosophischen Anschauungen war Betty das scharfe
Gegenstück des Mr. Collins. Dieser Eigenschaften wegen bewunderte er
sie, achtete er sie, kam er sich ihr gegenüber armselig vor, fürchtete
sie und vergaß sich nie als Gentleman. Sie dagegen bewunderte ihn seiner
geschäftlichen Brutalität wegen, seines robusten Wagens und seiner
Sicherheit wegen, mit der er geschäftliche Dinge beurteilte,
wirtschaftliche Vorgänge übersah und Ereignisse auf dem Markt voraus
verkündete, klarer und bestimmter als die alten Orakel.
Das waren ihre Gegensätze.
Ihre Ähnlichkeiten lagen mehr im Materiellen. Beide liebten Luxus, beide
liebten es, aufzufallen und zu strahlen. Er hatte gesagt: „Land, das ich
haben will und nicht kriegen kann, das gibt es im ganzen Universum
nicht. Wenn ich Land auf dem Jupiter haben will, dann bekomme ich es.“
Er meinte es wörtlich so. Er hatte auch Deutschland nach dem Kriege
kaufen wollen, als er aber hörte, daß dort ein Streichholz fünf
Milliarden Mark kostete, ließ er seine Kaufabsichten wieder fallen, weil
mit solchen geschäftsuntüchtigen Leuten, wie die Deutschen seien, nichts
unternommen werden könne.
Ähnlich, nein ebenso, war es mit Betty. Wenn sie etwas wollte, und
nachdem sie sich überzeugt hatte, daß das, was sie wollte, auf Erden zu
haben sei, dann mußte sie es bekommen. In diesem Wollen war sie
unerbittlich und rücksichtslos. Und ähnlich war sie ihm im Temperament.
Er war kühler in seinem Temperament, weil er wußte, daß, wenn er sich
vom Temperament fortreißen ließe, er Dummheiten machen könnte. In
geschäftlichen Manövern aber darf man keine Dummheiten machen. Jedoch
das Temperament war vorhanden, und es loderte über im letzten Rennen um
einen Erfolg, den er schon so weit zu seinen Gunsten entschieden hatte,
daß Dummheiten nun nicht mehr gemacht werden konnten. Er konnte jetzt so
weit in seinem Temperament gelangen, daß er seinen Gegner mit der Faust
ins Gesicht hieb, um ihn zum Nachgeben zu zwingen.
Diesen Eigensinn, ihren Willen durchzusetzen, und dieses Temperament,
die Betty seit ihrer Kindheit gehabt hatte und die sie beim
Heranwachsen, in der Schule, als Lehrerin, als Sekretärin, mehr und mehr
hatte unterdrücken müssen, waren unter dem Einfluß des Mr. Collins
gewachsen, bis sie sich endlich zu ihrer ganzen Pracht entfaltet hatten.
7
Mr. Collins hatte das gewünschte Auto gekauft. Das eleganteste
Automobil, das auf dem Markte war. Hinsichtlich der Garage hatte er
gesagt, er wolle sehen. Er wiederholte es zu oft, das „Wir werden
sehen“. So begann es ihr langweilig zu werden. Und der ebensooft
wiederholten Ausrede „Ich habe noch nichts Passendes soweit finden
können“ wurde sie so überdrüssig, daß es zu dieser Katastrophe kommen
mußte, in das Allerheiligste der Nation mit Gewalt und Donnergetöse
einzubrechen.
In sein Privathaus wäre sie nie eingedrungen. Denn seiner Frau ging sie
aus dem Wege. Nicht weil sie etwa Angst vor ihr hatte, sondern weil das
zu Komplikationen hätte führen können. Vielleicht gar zu einer
Scheidung. Das wollte sie vermeiden. Ein frischgeschiedener Mann nach
langer Ehe, die zur Gewohnheit wurde, benimmt sich meist recht hilflos.
Wie ein Kind, das die Mutter verloren hat. In dieser Hilflosigkeit hätte
sie sich gar verleiten lassen, ihn zu heiraten. Das wollte sie auf
keinen Fall. Darum war es aus reinen Klugheitsgründen, daß sie sich nie
in sein Eheleben mischte. Mit keinem Worte. Sie drängte ihn sogar, sein
Eheleben und seine Frau nicht zu sehr zu vernachlässigen. Ob Mrs.
Collins von der Existenz der Betty wußte, war nicht sicher. Aber es darf
angenommen werden, daß sie unterrichtet war und daß auch sie es vermied,
es zu einem Skandal kommen zu lassen. Bei einer Scheidung in ihrem Alter
kam nicht viel heraus für sie. Sie konnte eine hohe Rente herausklagen.
Gewiß. Aber ihre gesellschaftliche Stellung war höher an der Seite des
Mr. Collins als ohne ihn. So tat sie, als ob sie nichts wisse. Und wenn
ihr eine Freundin es direkt zu melden wagte, so sagte sie: „Geschwätz,
nichts als Geschwätz. Ich kenne ihn besser. Er hat sein Vergnügen und
ein wenig Zerstreuung mit ihr, das ist alles. Ich gönne es ihm. Er hat
schwer zu arbeiten. Haben Sie die neuen Modelle gesehen bei Boiret &
Martin? Ich kaufe morgen vier davon.“
8
Betty stand noch dicht bei der Tür. Sie wartete oder schien zu warten
auf das erste schüchterne Zeichen des Erwachens aller Anwesenden, die
von ihrem Donnerschlag betäubt worden waren.
Mr. Collins hatte heute nicht den Vorsitz in der Conference. Er hatte
den Vorsitz dem zweiten Vizepräsidenten übertragen, um für sich selbst
freier zu sein in der Behandlung der zu beratenden Gegenstände. Er stand
gerade, hatte ein Blatt in der Hand, von dem er soeben etwas vorgelesen
zu haben schien, in dem Augenblick, als der Donnerschlag erfolgte. Die
Herren alle standen auf in der Gegenwart der Dame. Sie rückten an ihren
Stühlen, sei es, um besser stehen zu können, oder sei es, weil sie
willens zu sein schienen, Betty einen Stuhl anzubieten, obgleich
genügend leere Stühle im Raum waren.
Die erste Privatsekretärin des Mr. Collins, die der Conference
beiwohnte, um Diktate aufzunehmen, sah auf zu Mr. Collins. Er bewegte
die Augenlider ein wenig, und die Sekretärin stand auf. Sie stand nicht
eigentlich auf, sondern sie schlich wie eine Schlange von ihrem Stuhle
herunter und wurmte sich still, unauffällig und völlig geräuschlos aus
dem Raume, als hätte sie etwas verbrochen. Ihr Hinausgehen wurde von
niemand bemerkt.
Einige der Herren kannten Betty, oder richtiger Miß Betty Cuttens, recht
gut. Jene Herren, begleitet von ihren Freundinnen, hatten sich zufällig
einmal im gleichen Kabarett mit Mr. Collins getroffen, als er mit Betty
dort war, um einen vergnügten Abend zu verbringen. So geschah es, daß
jene Herren gemeinschaftlichen Tisch mit Mr. Collins machten; und es
ergab sich dann ganz von selbst, daß jeder einzelne jener Herren einmal
oder zweimal an jenem Abend mit Betty tanzte, während Mr. Collins, in
höflicher Wiedervergeltung, der Reihe nach mit den Freundinnen jener
Herren in dem kleinen, aber sehr eleganten Saal herumfegte. Mr. Collins
war ein guter Tänzer, wohlgeübt und ausdauernd. Und er machte von seiner
Fähigkeit, gut und ausdauernd tanzen zu können, reichlich Gebrauch, weil
er meinte – und wohl mit gutem Recht so meinte –, daß Tanzen den Körper
geschmeidig und damit jung erhält. Auf dem amerikanischen Kontinent sind
die Männer viel weniger als in Europa darum besorgt, daß sie ihre Würde
verlieren möchten, wenn sie tanzen, wo immer sich eine Gelegenheit dazu
bietet. Hier können die Männer gar nicht so leicht ihre Würde verlieren,
wie das in Europa geschehen kann; denn ihre Würde wurzelt nicht in einem
Autoritätsglauben jener, die durch die Würde eines Präsidenten einer
gigantischen Schiffahrts-Gesellschaft klein und demütig gemacht werden
sollen, sondern die Würde wurzelt vielmehr in dem wirklichen, rein
praktischen Können des Mannes. Es ist eine Würde, die theoretisch und
dem Glauben nach, von jedem beliebigen anderen Manne auch erworben
werden kann, falls er die Möglichkeiten, die sich ihm bieten, zu seinen
Gunsten ausnutzt. Und weil die Würde, selbst die Würde des Präsidenten
der Republik, in demokratischen Gefühlen wurzelt, kann jene Würde nicht
verlorengehen dadurch, daß sich ein Mann in seinem Privatleben und in
seinen Vergnügungen durchaus demokratisch benimmt. Wenn er Gefallen
daran findet, fährt er auf der Rutschbahn in Coney Island genau so
würdelos, genau so kreischend und johlend wie der Maurer oder der
Kesselschmied, der mit ihm im gleichen Wagen der Rutschbahn sitzt. Daß
er Generalpostmeister oder Staatssekretär des Krieges oder Präsident der
Missouri Railroad Company ist, kommt für ihn nur dann in Frage, wenn er
in seinem Allerheiligsten, in seinem Büro, sitzt. Wenn einer wirklich
den Würdefanatiker zu schauspielern versucht, so darf man ganz sicher
sein, daß er entweder ein schwaches Herz hat oder chronische
Verdauungsbeschwerden oder eine verrostete Leber. Mr. Collins jedenfalls
war gesund genug, seine Präsidentschaft in ein Schubfach seines
Schreibtisches einzukapseln, wenn er sich demokratisch vergnügen wollte.
Betty wurde von den Freunden und Geschäftsbekannten des Mr. Collins
durchaus so respektiert als wäre sie seine Frau. Die Herren wußten
stets, ob sie sich mit der Dame, die einer ihrer Freunde bei sich hatte,
vertraulich zeigen und sie gelegentlich umarmen oder küssen durften oder
nicht. Weder mit Flossy noch mit Betty durften sie sich irgendwelche
Vertraulichkeiten herausnehmen, so wenig wie sie es je mit Mrs. Collins
gewagt haben würden. Dagegen durfte man wohl in Gegenwart von Betty –
oder Flossy – Witze erzählen, die man in Anwesenheit von Mrs. Collins
nicht einmal hätte andeuten dürfen. Womit freilich nicht gesagt sein
soll, daß nicht Mrs. Collins kräftige Witze ebenso gern hörte wie
irgendeine andere Frau, die, um ihre Anständigkeit zu beweisen, die
Verpflichtung hat, an der passenden Stelle des Witzes zu erröten; jedoch
keine Verpflichtung hat, zu erröten, wenn sie den Witz an ihre
Freundinnen weiter gibt.
In Gegenwart von Betty durfte man sich aber, um doch einen Unterschied
machen zu können, viel freier, lustiger und vergnügter betragen als in
Gegenwart der Ehefrau. Man durfte die Champagnerflaschen, die der
Prohibition wegen und um den äußeren Anschein zu wahren, unter dem Tisch
zu stehen hatten, unbekümmert hervornehmen und offen zugeben, daß es
wirklicher Champagner sei und kein Canadian Ginger Ale, jenes harmlos
sein sollende Giftprodukt als Ersatz für die allein wirkliche und echte
Ware. Die Champagnerflaschen und die Whiskyflaschen und
Benediktinerkrüge standen der Vorsicht wegen unter dem Tisch. Denn wenn
ein Raid von den Agenten der Prohibition gemacht werden sollte, so
konnte jeder einzelne den Besitz jener Champagnerflaschen abschwören;
denn niemand ist verantwortlich für das, was ohne sein Wissen unter den
Tischen steht und dort sicher schon stand, ehe er den Saal betrat, und
was offenbar frühere Gäste, die ohne Moral, ohne Religion und ohne
Achtung vor dem Gesetze waren, dort unter dem Tisch zurückgelassen
hatten. Der Champagner wurde in Kristallgläsern serviert, weil ja
offiziell angenommen wurde, daß es Canadian Ginger Ale sei. Der Whisky
jedoch und der Martini Dry wurden in Mokkatassen serviert, mit
Zuckerdose und Creamkännchen, als wäre es wirklich Mokka. Wer in den
Saal trat und die Tische übersah, gewann den Eindruck, daß er sich bei
dem unschuldigen Tanzvergnügen eines Temperenzler-Stiftungsfestes
befände. Sollte wirklich von Agenten der Prohibition geraidet werden,
weil sie vom Wirt nicht genügend hoch mit Dollars besänftigt worden
waren, oder weil das Department einen neuen eifrigen Chef bekommen
hatte, der nach Lorbeer haschte, dessen Preis in Dollars noch nicht
entschieden war, oder weil die Agenten doch gelegentlich wieder einmal
eine „Nasse Hölle“ ausheben mußten, um dem guten Bürger zu zeigen, wie
ernst man die Gesetze der Prohibition behandele und wie nötig es sei,
das Budget für die Überwachung der Prohibition zu erhöhen – und damit
das Einkommen des Departments-Chefs –, sollte also wirklich ein
unerwarteter Raid erfolgen, dann wurden alle Mokkatassen mit einem Ruck
leer getrunken und schwarzer Kaffee, der für diesen Zweck auf den
Tischen bereit stand, in die Tassen gefüllt, um den Geruch des Whiskys
zu vernichten. Kein neugeborenes Lämmchen konnte unschuldiger sein als
die Leutchen, die hier versammelt waren, um sich nach der aufreibenden
Tagesarbeit harmlos und innerhalb der gesetzlichen Grenzen zu vergnügen.
Wer betrunken gefunden wurde, hatte sich irgendwo anders betrunken und
war bereits betrunken, ehe er das Haus betrat, und der Wirt hatte sich
vergeblich bemüht, wie wohl bezeugt werden konnte, den Mann oder das
Paar in Ruhe abzuschieben. Ohne großen Skandal heraufzubeschwören, wäre
das aber nicht gelungen, und darum hatte der Wirt endlich dem Manne oder
dem Pärchen gestattet, hierzubleiben, falls sie sich anständig benahmen.
Man konnte ja nicht den Wirt dafür verantwortlich machen, was jenes Paar
in einem andern Lokal getrunken und sonst verübt hatte. Betty war good
sport, das will sagen, sie machte alles mit und sie verdarb niemand sein
Vergnügen oder seine gute Laune. In ihrem Beisein durften die Herren
unbekümmert ihre Freundinnen am Tisch küssen, und sorglos durfte man
zugeben, daß man schon ein wenig tipsy-topsy sei, daß man also bereits
einen kleinen Spencer weg habe. Jeder einzelne der Herren wußte aber
auch, wie weit man in Gegenwart Bettys gehen durfte.
Jedoch, wenn Mr. Collins mit einem der neuaufgenommenen Chormädchen
erschien, ging es bei weitem wilder zu. Und es kam oft genug sehr nahe
bis zu jenem Punkte, wo man nicht mehr genau unterscheiden konnte, wer
die Freundin wessen ist. Es konnte natürlich mit der Zeit recht wohl der
Fall eintreten, daß auch eins der Chormädchen respektiert werden mußte,
beinahe wie die Frau. Vorläufig aber hatte sich noch keine der beiden
Chordamen des Mr. Collins so weit hinaufschwingen können. Sie standen
beide noch im Wartesaal, und es war noch nicht zu erraten, welche von
den beiden im Luxuszug weiterreisen würde. Vielleicht kam keine der
beiden je so weit.
9
Alle Herren des Aufsichtsrates, die hier jetzt im Allerheiligsten
versammelt waren, hatten von Betty gehört. Und als sie hereingedonnert
kam, wußte jeder, auch wer sie persönlich nicht kannte, daß diese Dame
Betty sei. Denn die Frau des Präsidenten würde das nicht gewagt haben,
was Betty getan hatte. Die Frau würde draußen in einem besonderen Zimmer
gewartet haben, bis ihr Gatte eine Minute Zeit für sie gehabt haben
würde. Und alle Herren, ohne Ausnahme, die jetzt zum ersten Male die
viel besprochene Fürstin persönlich sahen, waren erschreckt.
Unter einer Fürstin hatten sie sich immer sehr viel vorgestellt. Wenn
von der Freundin eines Magnaten gesprochen wurde, daß sie fürstlich
aussehe, so hatte man sofort seine bestimmten Ideen. Ideen und
Vorstellungen, die durch den Film gebildet wurden. Durch den Film, wo
eine ehemalige Verkäuferin in einem Krawattenladen so lange
aufgezaubert, aufgepinselt, aufgediademt, aufgeglittert, aufgeglasperlt,
aufgeatlast und aufgeseidet wird, bis sie das Fürstinnenbedürfnis der
Stenotypistinnen und der Lohnlistenschreiber befriedigt.
Aber was die Herren hier jetzt sahen, war keine
Florence-Vidor-Film-Puppe und keine entthronte Schafhirten-Königin aus
dem mythischen Balkanstaate Limonia-Silvania nach dem snickernden Stile
einer Gloria Swanson. Denn was die Herren hier vor sich sahen, war
hundertmal mehr, als sie je gedacht hatten, zu sehen. Sie sahen keine
Fürstin; sie sahen eine – ja, was denn nun –, nein, eine Kaiserin war
das nicht. Denn auch Kaiserinnen sind altmodisch und bäuerisch. Das war
auch keine Filmkönigin im Straßenanzug. Den Filmköniginnen haftete immer
unausbleiblich und unverwischbar der Geruch des Büros an oder der
Kartonfabrik oder des Warenhauses, aus denen sie hervorgegangen waren.
Betty haftete kein Geruch an aus ihrer Versuchszeit als Lehrerin und als
Zeitungssekretärin. Vielleicht weil sie niemals wirklich in ihrem Gefühl
Lehrerin oder Sekretärin gewesen war.
Betty war zur Fürstin geboren, und sie war nie etwas anderes gewesen als
Fürstin. Daß sie jetzt einen Satz in Slang hinausgefeuert hatte,
erniedrigte sie nicht, sondern bestätigte sie nur in ihrem Range als
Fürstin. So hat eine Fürstin mit ihren Untertanen umzuspringen. Mit den
Untertanen, die den Zorn und den Unwillen ihrer Fürstin heraufbeschworen
haben. So und nicht anders. Und die Untertanen haben alle stille zu sein
und dürfen nicht mucksen, sonst werden sie alle gehenkt.
Das Gefühl, daß sie von dieser Fürstin zum Tode verurteilt werden
könnten, hatten alle die Herren, die jetzt Betty zum ersten Male sahen.
Und selbst jene Herren, die mit ihr am gleichen Tische gesessen und
sogar mit ihr getanzt hatten, fühlten sich merkwürdig klein werden.
Nun darf ja in den Vereinigten Staaten eine Frau immer viel mehr tun und
viel mehr wagen, als ein Mann auch nur zu denken sich erlauben dürfte.
Die Staaten sind das Paradies der Frau. Die Frau kommandiert. Sie
herrscht in der Schule schon, weil es keine männlichen Lehrer gibt. Sie
herrscht natürlich erst recht im Haus. Sie herrscht in der Politik. Sie
darf sich überall vordrängen, überall mit dem Ellbogen die Männer
beiseitestoßen; und wehe dem armen Manne, der sie daran hindern oder zur
Rede stellen wollte. Sie ist die freieste der Frauen in der freiesten
Republik des Universums. Sie ist die freieste, solange sie gut gekleidet
ist, solange sie nicht in einer Arbeiterprozession die rote Fahne trägt,
solange sie nicht streikende Textilarbeiterin ist, solange sie nicht
keift und geifert, weil ihr Mann als streikender Minenarbeiter von den
Maschinengewehren der Miliz erschossen wurde, solange sie nicht
pazifistische Propaganda macht. Sobald sie das tut, wird sie mit dem
Knüttel des Polizisten genau so gut auf den Schädel geschlagen wie der
Mann. So weit kann die Freiheit selbst in der freiesten Republik nicht
gehen. Eine Grenze muß doch schließlich auch Freiheit haben, sonst wüßte
man ja nicht, wo die Freiheit anfängt und was Freiheit überhaupt ist.
Wäre sie nur eine Arbeiterin gewesen, die hier einmal beim Aufsichtsrat
hätte persönlich anfragen wollen, warum sie denn mit einem Wochenlohn
von vierzehn Dollar zu leben habe, während die Company Millionen Dollar
Überschüsse im Jahre habe, so hätte sie auch nicht so hier hereindonnern
dürfen wie Betty. Hätte sie das nur gewagt als Arbeiterin, so würde sie
sechzig Tage Arbeitshaus oder Korrektionshaus bekommen haben wegen
ungehörigen Benehmens und wegen Trunkenheit, auch wenn sie ebensowenig
betrunken war wie Betty, sondern überhaupt nie etwas trank, weil sie
keine zehn Dollar für eine Flasche Whisky ausgeben konnte.
Betty durfte aber tun, was sie wollte. Denn sie war eine Frau in der
freiesten Republik, wo die Frauen nicht gleich Sklaven behandelt werden,
wie das noch in Europa vorkommt und in Asien. Denn Betty war hier im
Recht. Sie mußte ihre Garage haben und das dazugehörige Wohnhaus, den
dazugehörigen Gärtner, der auch das Automobil zu waschen hatte und alle
vorkommenden Handwerkerarbeiten im Hause verrichten mußte. Und wenn das
Haus schon zur Garage gehörte und der Gärtner zum Haus und zum eleganten
Automobil, so gehörte auch ein chinesisches oder ein französisches
Kammermädchen dazu, um Betty in persönlichen Dingen behilflich zu sein,
damit sie nicht ihr Bett selbst ordnen, ihr Bad selbst anlassen und ihre
seidenen Strümpfe selbst auswaschen muß. Mr. Collins wollte doch auch
gelegentlich bei ihr essen, und so gehörte auch eine schwarze oder eine
irische oder eine schwedische Köchin zu der gut ausgestatteten Küche, wo
nichts fehlen durfte und wo das Geschirr mit elektrisch betriebener
Maschine gewaschen wurde und wo nur elektrisch gekocht werden sollte, um
Arbeit zu sparen und keinen Staub zu haben.
10
Als die Herren der Conference hörten, um was es sich handelte,
verstanden sie Betty durchaus, warum sie hier dröhnend einbrechen mußte.
Sie war sicher nicht schuld, daß die heilige Conference mit so profanen
Dingen gestört wurde. Der Schuldige war Mr. Collins. Wie durfte er es
wagen, der Fürstin Betty etwas zu verweigern. Er bewies damit nur, daß
er von sehr weit unten heraufgekommen sein mußte und daß er den Geruch
von Corned Beef and Cabbage noch nicht völlig abgebadet hatte.
So war Betty in jeder Hinsicht gerechtfertigt.
Die Herren, die sich inzwischen von dem Donnerschlage so weit erholt
hatten, daß sie Betty nicht nur verstanden, ihr wildes Eindringen nicht
nur vollkommen entschuldigten, ihr sogar zubilligten, daß es ihre
Pflicht war, hier dem Collins mit Fäusten auf die Schultern und auf die
Brust zu trommeln, waren von ihren Stühlen mehr und mehr fortgegangen,
um Betty aus größter Nähe zu betrachten und sie in Gedanken
auszukleiden.
Dabei wuchs Mr. Collins in der Achtung der Mitglieder des Aufsichtsrates
mehr und mehr; und in den Augen der Herren, die Betty jetzt zum ersten
Male sahen, nahm Mr. Collins eine überirdische Größe an. War er bisher
schon sehr mächtig in der Company gewesen, so wurde er jetzt nach diesem
Vorgange übermächtig, und seine Stellung wurde unerschütterlich.
4
1
Mr. Chaney Collins war ja nun in keinem Sinne ein Angestellter der
Condor Oil Co. So war das nicht. Er war Präsident der Company, aber
nicht ein Präsident in der Form eines Beamten. Er war Präsident, weil er
die Company gegründet hatte und weil er einer der Hauptaktionäre war.
Dennoch konnte er seine Stellung als Präsident verlieren. Wenn er in
einen Skandal verwickelt wurde, so sehr, daß er im Mittelpunkt des
Skandals stand, dann mußte er zurücktreten, weil ein Skandal ihres
Präsidenten das Ansehen einer Company erschüttern kann und ihre
Geschäfte leiden. Der Öffentlichkeit gegenüber muß der Präsident
makellos dastehen. Er muß ein Muster an Ehrbarkeit und Sittenreinheit
sein, sowohl der guten Bürger wegen, die ihr Geld in den Geschäften der
Company anlegen sollen, als auch und ganz besonders der Kommunisten und
ähnlicher Nörgler und Staatsumstürzler wegen. Die billigen Agitatoren,
denen die Fähigkeit fehlt, den Kapitalismus und das kapitalistische
System in ihren Grundproblemen zu begreifen und von den Grundproblemen
aus anzugreifen, verfallen immer zu leicht in die Torheit, das
Privatleben kapitalistischer Giganten zu untersuchen und am Privatleben
der Großen des Kapitals zu beweisen, wie verrottet und wie
zusammenbrechend das kapitalistische System sei.
Die Proletarier erfreuen sich an Klatsch und an Bettgeschichten anderer
ebensosehr wie die Mittelschicht des Volkes, wie die guten Bürger, die,
weil sie selbst zu ängstlich und zu knickerig sind, einen guten saftigen
Skandal zu inszenieren, ihre Neigung für Sauerei ausleben in der Sauerei
anderer, ob die anderen Großkapitalisten, Bischöfe oder Monarchen sind.
Und der Agitator ist, wenn er Skandalgeschichten auftischen kann, des
Beifallklatschens seiner Zuhörer sicherer, als wenn er von Problemen
spricht und Systeme zergliedert.
Um aber den Proletarier nicht zur Genußsucht zu verleiten und ihn
dadurch aufzustacheln, immer wieder höhere und noch höhere Löhne zu
verlangen und Mitrechte an dem zu fordern, was er produziert, muß der
Glaube in der Öffentlichkeit aufrechterhalten werden, daß der
Großkapitalist, der sich nach Meinung der Agitatoren vom Schweiße der
Proletarier sättigt, ein Muster an Sittenstrenge, an Sparsamkeit und an
Achtung vor dem Gesetz ist.
So kann ein peinlicher Skandal einen großen Mann zu Falle bringen, weil
die übrigen Großen, um sich zu decken und ihre Macht zu erhalten und zu
vermehren, den Mann fallen lassen müssen, um öffentlich kund zu tun, daß
sie keine Gemeinschaft mit ihm haben und daß sie nicht sind, wie jener
ist.
Wäre Mr. Collins in einen Skandal verwickelt worden, so konnte er nicht
mehr Präsident sein. Aber er wäre dennoch ein mächtiger Mann in der
Company geblieben, und er hätte, im Hintergrunde arbeitend, vielleicht
mehr tun können für die Company als vorher. Aber die Company hätte
dennoch gelitten. Denn einen so mächtigen und befähigten Mann wie Mr.
Collins als Präsidenten zu verlieren, überwindet eine Company nicht
leicht.
Durch seine Persönlichkeit und durch die majestätische Hoheit, die ihm
Betty als seine Geliebte verlieh, konnte er Erfolge für die Company
erzielen, die für jeden andern Präsidenten unerreichbar waren. Er konnte
den Bau von Straßen durchsetzen, die für die Geschäfte der Company
nützlich waren, weil sie eine rasche Verbindung zu ihren Ölfeldern
schufen, Straßen, die nur der Company dienten und die deshalb die
Company hätte bauen lassen müssen, die aber nun der Staat baute. Denn
Staatsgouverneure, Kongreßmitglieder, Bürgermeister, Stadtväter mußten
tun, was er bestimmte. Taten sie es nicht, so konnten sie nicht mehr
sein, was sie augenblicklich waren. Er machte die Politik, ohne daß er
sich je um Politik bekümmerte. Die Politiker, die berufsmäßig sich mit
Politik beschäftigten, wußten nie, daß sie genau das taten, was Mr.
Collins wollte, das sie tun sollten. Die Mehrzahl dieser Politiker
bildete sich ein, freie und unabhängige Politiker zu sein, die dem
Interesse des Gemeinwohls dienten. Viele von ihnen waren, vor ihrem
eigenen Gewissen, durchaus anständige und durchaus ehrenhafte Männer.
Wie man Politik macht, ohne daß die Politiker fühlen, daß sie nicht frei
handeln, sondern daß sie von einer irdischen Gottheit in ihrem Willen,
ihren Gedanken, ihren Reden und ihren Handlungen geleitet werden, das
hatte Mr. Collins frühzeitig in seinem Leben gelernt. Er war der
Schöpfer dieser Idee gewesen. Und er war auf die Idee verfallen, als er
mit seiner genialen Auffassungsgabe und Beobachtungsfähigkeit die wahre
Geschichte eines großen Bauarbeiterstreiks in Chicago erfaßt hatte.
2
Mr. Collins stammte aus Harrisburg, Pa. Sein Vater hatte dort einen
Grocery Store, einen Laden für Kolonialwaren, Konserven und
Delikatessen. Nicht sehr bedeutend. Jahreseinkommen dreitausend Dollar.
Mr. Chaney Collins mußte sich durch das College durcharbeiten und
durchhungern. Sein Vater gab ihm nur einen Scheck von vierzig Dollar im
Monat, und es kam vor, daß der Scheck mehrere Male auf dreißig Dollar
herabgesetzt wurde.
Nachdem Mr. Collins das College verlassen hatte, ohne sich ausgezeichnet
und ohne ein besonderes Examen gemacht zu haben, bekam er
eine Anstellung in einer Bank durch die Vermittlung eines
Konservenfabrikanten, der dem alten Collins Waren verkaufte und sich die
Freundschaft und damit das Geschäft des alten Collins erhalten wollte.
Mr. Collins begann in der Bank mit sechzehn Dollar in der Woche. Nach
einem Jahr hatte er es auf achtzehn Dollar gebracht. Er wechselte über
zu einer Versicherungsgesellschaft, wo er mit zweiundzwanzig Dollar die
Woche begann und nach drei Jahren Arbeit vierzig Dollar erhielt.
Nun gelangte er in ein Inseratengeschäft. Er begann mit vierzig Dollar
die Woche und brachte es nach vier Jahren auf hundert Dollar
wöchentlich. Ein ganz unerhört hoher Lohn, den er sich erwarb, weil er
einige gute Ideen und Vorschläge für die Propaganda einer Zahnbürste,
eines Gesichtscreams, eines elektrischen Brotrösters, einer neuen
Zigarette, einer Messingputzpomade, eines zusammenlegbaren Tragstuhles
für kleine Kinder und einer neu erfundenen Bedachung, die aus einer
Mischung von Zement und Teer bestand, ausarbeitete. Seine Firma erzielte
aus seinen Ideen einen Reingewinn von vierzigtausend Dollar. Als er das
eines Tages aus den Büchern erfuhr, brach endlich der Weisheitszahn bei
ihm durch. Er erkannte, daß er bisher ein Esel gewesen sei.
So beschloß er, nun mit dem Weisheitszahn versehen, für sich selbst
anzufangen. Als er erklärte, daß er die Firma verlassen wollte, bot man
ihm hundertfünfzig Dollar die Woche an, endlich hundertachtzig und
zuletzt zweihundert Dollar und fünf Prozent Gewinnanteil von dem Verkauf
seiner Pläne, die er in Zukunft haben würde.
Er lehnte das alles ab, weil er sich von nun an nicht mehr um
Kleinigkeiten bekümmern wollte.
3
Seine Beschäftigung mit dem Ausarbeiten von Inseratenplänen für die neue
Hausbedachung hatte ihn in Verbindung mit dem Hausbau gebracht, und sie
brachte ihn in Verkehr mit Hausbauspekulanten.
Er dachte selbst daran, sich mit Grundstücken und Häuserbau zu befassen.
Aber da kam der große Bauarbeiterstreik in Chicago. Rein zufällig erfuhr
er von einem der Spekulanten, der angetrunken war und prahlte, wie smart
er sei und wie er allen Hammeln Ringe durch die Nase gezogen habe, die
wahre Geschichte jenes Streikes.
Es waren da zwei Magnaten in Real Estate, in Grundstück- und
Häuserspekulation, die beide um die Vorherrschaft kämpften. Denn wer die
Vorherrschaft hatte, der machte die Politik in Chicago. Und wer die
Politik machte, der ordnete an, wo Straßenbahnen angelegt werden sollten
und wo nicht, wo Eisenbahnhöfe erbaut werden dürften und wo es verboten
wurde im Interesse der Einwohnerschaft, wo die Stadt ein Hospital zu
errichten hatte und wo die Gegend der Genesung von Kranken ungünstig
war. Wer die Macht hatte, wußte Jahre hindurch im voraus, wo eine
Straßenbahn hinkam. So konnte er Land billig aufkaufen von denen, die
nicht wußten, daß eine Straßenbahn beabsichtigt war, und konnte es mit
fünftausend Prozent Gewinn verkaufen, sobald die Bahn gelegt wurde. So
mit Bahnhöfen, so mit Hospitälern, so mit Schlachthäusern, so mit
Schulhäusern, so mit Mietkasernen, so mit allem, das von Bauland abhing.
Beide Magnaten hatten zu gleicher Zeit mehrere Blocks an Häusern,
Wohnhäusern, Bürohäusern, Läden, unter Konstruktion. Ein Objekt, das in
die vielen Millionen von Dollar ging.
Wer mit seinem Bauprogramm am ersten fertig war, hatte gewonnen. Er
konnte alle Mietverträge, die bereits gezeichnet waren, auf den Tag
einhalten, während der, der nicht zu dem gesetzten Termin fertig war, an
die Hauskäufer und Mieter hohe Konventionalstrafen zu zahlen hatte. Wer
zuerst fertig war, bekam alle Mieter, die auf Häuser warteten, und wer
zuletzt fertig war, konnte seine Häuser vielleicht monatelang leer
stehen haben. Niemand kaufte sie, weil der Bedarf an leeren Wohnungen,
Läden und Büros gedeckt war für die nächsten Monate.
So ging der Magnat, der am meisten Geld dafür ausgeben wollte und zuerst
die Idee hatte, zur Bauarbeiterunion und kaufte den Sekretär für
zehntausend Dollar. Unter dem erlauchten Einfluß des großen
unvergeßlichen Arbeiterführers Samuel Gompers, der einst die Ehre hatte,
unter den arbeitsamen und anständigen Proletariern des Gettos in
Amsterdam geboren zu werden, war das Führen einer Arbeiterunion genau so
gut ein Geschäft wie die Massenanfertigung von fertig gelöteten
Herrenanzügen oder schlecht abgesäumten Frauenhemden. Ein Unionführer
dieser Art, der bei seinem Tode nicht ein Bankguthaben von einigen
hunderttausend Dollar seinen verschiedenen weinenden Witwen und Waisen
hinterlassen konnte, hatte seinen Beruf nicht verstanden, sondern war
ein Dummkopf gewesen, der aus dem Gefängnis nur herauskam, um am
nächsten Tage wieder hineinzukommen, weil er glaubte, eine Arbeiterunion
habe etwas mit Sozialismus zu tun.
Der gekaufte Sekretär fand nun heraus, daß eine Arbeitszeit von zehn
Stunden zu lang und ein Tagelohn von sieben Dollar zu niedrig sei und
daß nun, inmitten dieser regen Bautätigkeit, endlich die Stunde gekommen
sei, das durchzusetzen, wofür einige Jahre vorher die Anarchisten in
Chicago gehenkt worden waren. Um das mit Erfolg durchzusetzen, dürfe man
aber nicht, wie der Sekretär den einberufenen Versammlungen von
Bauarbeitern erzählte, überall zugleich streiken, sondern man müsse erst
den einen Magnaten zu Tode streiken und dann den andern. Dann habe man
beide überwunden, und die Bauarbeiter seien dann endlich die Herren von
Chicago. Er wußte das alles gut und schön klarzumachen, und die
Bauarbeiter glaubten ihm alles, denn er war ja ihr Sekretär.
Der Magnat, der zuerst bestreikt werden sollte, war der Gegner jenes
Magnaten, der die zehntausend Dollar an den Sekretär bezahlt hatte. Der
Streik brach aus. Er wurde mit aller Wut und allem Haß geführt, der nur
aufgebracht werden kann von Arbeitern, die statt ihre sieben Dollar
Tagelohn jetzt nur die magere Streikunterstützung bekommen. Es gab viel
Schlägereien mit Streikbrechern, es wurden Streikende und Streikbrecher
erstochen, es wurde von Polizei in erregte Massen geschossen, und es gab
viel Gefängnis.
Endlich war der Magnat, der den Sekretär gekauft hatte, mit seinem
Bauprogramm fertig, und der Magnat, der nicht fertig war infolge des
Streiks, verlor sein Vermögen und war ausgeschaltet aus dem Wettrennen
um die Vorherrschaft im Real Estate in Chicago.
Die Arbeiter redeten sich halb zu Tode in ihren Versammlungen über die
Stärke des Unternehmertums und die unüberwindliche Macht des
Kapitalismus und rackerten mit vereinten Kräften, ihre Organisation zu
stärken und auch den letzten unorganisierten Mann heranzuschaffen, denn
nur eine starke Organisation war vonnöten, um den Kapitalismus zu
zerschmettern oder wenigstens einen auskömmlichen Tagelohn zu erhalten,
wenn man die sozialistische Weltordnung denn doch nicht so bald
erblicken sollte.
Die Kenntnis der wahren Geschichte dieses Streiks schuf die Grundlage
der Macht des Mr. Collins.
4
Mr. Collins erinnerte sich eines Mitschülers aus seiner Collegezeit,
dessen Vater Vizepräsident einer der größten Anthracite Companien in
Pennsylvania war. Durch diesen Schulfreund gelang es ihm, eine
Unterredung mit dem Vizepräsidenten bewilligt zu erhalten.
Nachdem der Vizepräsident den Plan, den ihm Mr. Collins unterbreitete,
erfaßt hatte, wurde Collins eingeladen, einer besonderen Conference des
Direktoriums der Company beizuwohnen und dort seinen Plan ausführlich
noch einmal vorzubringen.
Der Plan des Mr. Collins war so geschickt, daß Collins, obgleich er nur
ein Niemand war, um seine Idee nicht betrogen werden konnte. Denn
versuchte die Company, den Plan auszuführen, ohne sich mit Mr. Collins
vorher über den Preis verständigt zu haben, so brauchte Mr. Collins nur
zu einer Zeitung gehen, und der Plan war vereitelt. Es gab immer eine
Zeitung, die, um eine große Sensation für sich allein zu haben, das
bevorstehende Manöver der großen Kohlen-Company veröffentlicht und Mr.
Collins sogar dafür bezahlt hätte.
Das erkannte das Direktorium sofort, und darum begann man, mit Mr.
Collins in ernsthafte Unterhandlungen einzutreten.
Mr. Collins forderte acht Prozent vom Reinertrag des Manövers. Man
einigte sich endlich auf fünf Prozent, die zu einem Zehntel in bar und
zu neun Zehnteln in Aktien der Company bezahlt werden sollten. Ferner
wurde Mr. Collins als Mitglied in den Aufsichtsrat aufgenommen und für
die Dauer des Manövers zum Privatsekretär des Präsidenten ernannt mit
einem Monatsgehalt von dreitausend Dollar. Praktisch hatte er wenig zu
tun; denn für die laufenden Geschäfte blieb die erste Privatsekretärin
im Dienst. Er hatte nur immer zur Hand zu sein, um seinen Rat bei allen
Truppenverschiebungen, die nötig sein sollten, abzugeben.
Er war damals noch nicht dreißig Jahre alt.
5
Das Manöver begann. Es zeigte sich, daß das Manöver sich genau so
abwickelte, wie Mr. Collins geplant und wie er vorausgesehen hatte.
Der Haupttrick bestand darin, daß kein Wort vorzeitig laut wurde.
Die Company ließ in allen ihren Minen mit Überdruck arbeiten.
Überstunden und Überstunden. Es gab reichliche Prämien an die
Minenarbeiter für Hochleistungen. Tausende von neuen Arbeitern wurden
aus Europa herangeschleppt.
Alle Lager wurden mit Anthrazitkohle aufgefüllt bis zur Grenze. Große
Plätze wurden gemietet, um die geförderte Kohle aufzunehmen und
aufzuspeichern.
Neue Kunden wurden nicht angenommen. Es wurden nur die laufenden
Verträge mit den Eisenbahnen und Schiffsgesellschaften und
Großkohlenhändlern eingehalten, um keinen Verdacht aufkommen zu lassen.
Die Aktion wurde nach den Ratschlägen des Mr. Collins so geschickt
geleitet, ging so ruhig und unauffällig vor sich, daß keine andere
Company auch nur auf den Gedanken kam, daß hier einer der gewaltigsten
Schläge vorbereitet wurde, die in den Staaten je erlebt worden waren.
Denn das Manöver vollzog sich in jener ruhigen und satten Periode, die
schweren Wirtschaftskrisen voranzugehen pflegt. Jener satten Periode, in
der man nicht zu unsinnig wagt, weil der normale Verlauf der Geschäfte
genügend Gewinn einträgt und ein zu übermütiges Spekulieren nur zu einer
Unsicherheit führt, die einem augenblicklich unwillkommen ist. Man hält
sich an die fetten Aufträge, die man selbst hat, und man kümmert sich
nicht so viel darum, was andere tun, weil man nun, wo man genug Aufträge
hat, auch einmal vornehm tun darf und sich erlauben kann, auch andern
etwas zu gönnen.
Und eines Tages, nachdem mehrere Monate lang alles vorbereitet worden
war, wurde der große Schlag geführt.
Der Schlag begann nicht als Schlag, sondern er begann ganz ruhig als ein
Vortasten, als ein leises Streicheln.
Die Anthracite-Company verkündete allen ihren Arbeitern, daß von Freitag
nächster Woche ab alle Kontraktlöhne um fünfundzwanzig Prozent und alle
Tagelöhne um fünfzehn Prozent gekürzt würden.
Die Company arbeitete nach einem neuen System. Sie kaufte nicht
Unionssekretäre. Das brauchte sie gar nicht. Der Erfolg war viel größer
ohne die Mitwirkung von Unionssekretären, die vielleicht das Manöver
vermanscht hätten. Außerdem sind die Sekretäre der Minenarbeiter
unzuverlässig. Sie halten meist zu den Arbeitern, und sie sind ehrliche
Kameraden. Sie stehen auf ihrer Soap Box, ihrer Seifenkiste, und lassen
sich nicht eher zum Schweigen bringen, als bis sie von den Agenten der
Kohlenmagnaten mit Steinen so blutig geworfen sind, daß sie bewußtlos
von ihren Kameraden fortgetragen werden müssen. Die Zehntausende von
Arbeitern der Anthracite beriefen sofort Versammlungen ein, aber es kam
nichts heraus. Sie glaubten immer noch genug zu verdienen, auch nach dem
Abzug, mit dem Prämiensystem und wenn sie noch mehr rackerten und noch
mehr Überstunden machten als bisher. Einige Herren des Direktoriums
begannen schon unsicher zu werden. Mr. Collins jedoch blieb ganz ruhig.
Er zeigte in dieser Lage zum ersten Male seine Begabung als ein Großer
unter den Magnaten.
„Wir beginnen ja erst, Gentlemen“, sagte er. „Nur jetzt nicht unruhig
werden. Ich gebe Ihnen das Recht, mich zum Tode zu verurteilen, wenn es
nicht glückt. Und ich will das Urteil selbst an mir vollstrecken und
werde mich erschießen, wenn das Urteil gefällt ist. Aber stehen Sie.“
Man ließ ihn völlig frei handeln.
6
Eine Woche darauf wurde das Prämiensystem aufgehoben.
Die zweite Woche darauf wurden alle Überstunden abgesagt, und die
Arbeiter, die auf die Prämien, auf die Überstunden, auf die hohen Löhne
inzwischen eingestellt waren, in Abzahlungsverpflichtungen eingegangen
waren, kleine Grundstücke gekauft und Hausbauten begonnen hatten, ihre
Kinder zum College geschickt hatten und so vieles mehr getan hatten, das
sie jetzt zu erwürgen drohte, begannen verwirrt zu werden.
Ein neues scharfes System wurde in den Minen eingeführt. Wer eine Minute
zu spät an der Förderstelle eintraf, durfte den ganzen Tag nicht
arbeiten, mußte aber im Schacht bleiben, weil für ihn kein Förderkorb da
war. Er mußte warten, bis seine Schicht ausfuhr. Außerdem wurde ihm für
die Minute, die er zu spät kam, ein halber Tagelohn abgezogen vom
nächsten Tage, den er wieder arbeitete.
Es geschah mehr. Die geförderte Kohle wurde schärfer untersucht. Wurden
mehr als vier Steine gefunden, mehr als eine halbe Schaufel Staub oder
Geriesel und fehlten mehr als fünf Pfund am Gewicht, dann wurde der
ganze Wagen geförderter Kohle als Null gebucht. Die Miners bekamen ihn
nicht bezahlt, aber die Company nahm ihn dennoch. Nun wurde die
Gewerkschaft von den Arbeitern angerufen, um einzugreifen. Sie war schon
beim Lohnabzug angerufen worden; aber nach langer Beratung beschlossen
die Vertrauensleute, daß man erst einmal abwarten wolle, ob nicht nur
ein Manöver der Company vorläge; denn nach den Berichten, die der
Sekretär studiert hatte, war das Geschäft in Anthrazit glänzend.
Die Vertreter der Gewerkschaft ersuchten um eine Conference mit dem
Direktorium. Das Direktorium erklärte, daß es mit fremden Leuten, die in
keiner der Minen der Company arbeiten, nicht verhandeln könne. Drei Tage
später, als das System der Vernullung geförderter Kohle immer
rücksichtsloser gehandhabt wurde, ersuchten die hierfür gewählten
Vertrauensleute, die bei der Company arbeiteten, um eine Conference
nach.
Ihnen wurde die Conference bewilligt. Und gleich nach den ersten Worten
wurde den Leuten gesagt, daß sie für den Verlust der Zeit, den sie durch
die Conference hätten, voll entschädigt werden sollten. Das sei ganz
natürlich.
Das stimmte die Leute, die gekommen waren, um zu zeigen, wie erregt sie
waren, friedlich, und sie, die sich vorgenommen hatten, sich wie
hungrige Tiger in der Conference zu benehmen, wurden durch gute
Zigarren, die man ihnen anbot, und durch höfliches Bitten, sich doch in
die tiefen weichen Sessel zu setzen, so zahm, daß der Präsident seinen
Kopf in die Rachen der Tiger stecken konnte, ohne befürchten zu müssen,
daß er einen Zahn fühlen würde.
Es wurde den Leuten klargemacht, es sei so viel Überschuß an Kohle
vorhanden, daß man die Absicht habe, die Minen für eine gute Weile
stillzulegen, und daß man nur die Pumpen und die Zimmerleute arbeiten
lassen wolle. Man ging so weit, daß man den Leuten die Bücher der
vorhandenen Lagerbestände vorlegte.
Die Leute verstanden nicht, solche Bücher zu lesen, weil das mit Kredit
und Debit, mit Soll und Haben ging und die Leute nicht wußten, auf
welcher Seite der Bestand war und auf welcher Seite der Abgang. Aber sie
blätterten in den Büchern herum und taten, als ob sie alles verstünden.
Sie mußten endlich zugeben, daß Riesenbestände von unverkaufter Kohle
vorhanden seien.
Die Leute wurden während der Conference, in der sie selbst wenig
redeten, immer mit Gentlemen angesprochen. Ohne daß sie es zugeben
wollten, ohne daß sie es zugegeben hätten, würde man sie gefragt haben,
so wurden sie dennoch durch diese höfliche Anrede beduselt. Sie hatten
ein heimliches Gefühl, daß sie hier gleichfalls Aufsichtsratsmitglieder
seien, die mitzubestimmen haben, über das, was nun mit den Minen
geschehen soll.
Als sie endlich wieder draußen waren, erkannten sie, daß sie um nichts
klüger waren als vorher. Es wurde ihnen verteufelt schwer, am Nachmittag
in der Versammlung einen Bericht zu geben, von dem, was sie geleistet
hatten und was alles geredet worden war. Diejenigen unter den Zuhörern,
die ganz genau das Gleiche geleistet haben würden, hätte man sie für die
Conference gewählt, schrien erbost zu den Vertrauensleuten hinauf: „Ihr
Hosenschieter, ihr lumpigen, ihr habt euch da wieder einmal gründlich
verseifen und verzuckern lassen; da haben wir die richtigen
schleichenden Katzenfüßer gewählt. Laßt euch in Teig einbacken und in
den Backofen schieben.“ Einer schrie gellend hinauf: „Wieviel hat euch
denn der lausige Hund bezahlt? Jetzt kannst du ja deinen Phonographen
bezahlen, he, Billy, he?“ Darauf folgte Lachen im Saal.
Am Mittwoch der folgenden Woche gab die Company bekannt, daß alle
Angehörigen der Gewerkschaft mit Ende der Woche entlassen seien, daß nur
die weiter arbeiten dürften, die ihre Unionsausweise auf dem Büro der
Company abgeben würden und daß alle übrigen, die keine Ausweise abgeben,
durch Unterschrift erklären sollen, daß sie nicht Mitglieder irgendeiner
Gewerkschaft seien. Käme heraus, daß jemand seine Unterschrift gegeben
habe und trotzdem Mitglied einer Gewerkschaft geblieben sei, so würde er
sofort entlassen, ohne daß ihm sein stehender Lohn ausbezahlt würde und
daß er mit seiner Familie innerhalb von achtundvierzig Stunden die
Häuser und das Gelände der Company verlassen haben müsse. Wenn nicht,
würde er wegen unberechtigten Betretens des Geländes der Company der
Polizei übergeben. Samstag morgen brach der Streik aus auf allen Minen
der Anthracite-Company. Es brach aus der Streik, den die Company
brauchte, um den Gewinn des Manövers einzukassieren. Wie hier, so immer:
Arbeiter streiken vielleicht selten, wenn es den Arbeitern günstig ist,
sondern sie streiken meist, wenn es dem Kapitalismus günstig ist. Nicht
aus Dummheit, sondern ehernen Gesetzen folgend. Was immer auch Arbeiter
tun mögen, innerhalb des kapitalistischen Wirtschaftssystems werden sie
das tun, was dem Kapitalismus dienlich ist, weil sie ein Teil des
Kapitalismus sind, weil sie mit ihm, während der Herrschaft dieses
Systems, verbunden sind auf Tod und Verderben, auf Leben und Untergang.
Der Aktive leistet, der Inaktive leidet. Innerhalb dieses Systems ist
der Kapitalist der Aktive. Er weiß, was er will. Er will Geld verdienen.
Der Arbeiter will nur etwas abhaben. Er will es genau so machen wie der
Kapitalist, er will mehr haben als sein Mitprolet. Wenn der Bäcker
streikt und gewinnt, dann wird für den Schuster das Brot teurer, und
dann muß der Bäcker mehr für die Stiefelsohlen bezahlen. Innerhalb
dieses Systems dient alles dem Kapitalismus. Nicht weil die einen
brutale Ausbeuter, die andern Hungernde und die übrigen Arbeiterverräter
sind, sondern weil sie sich alle in derselben Maschine befinden.
Mr. Chaney Collins kannte dieses Gesetz, und er nützte es zu seinen
Gunsten. Das war seine ganze Weisheit.
7
Nun begann die Anthracite zu kassieren. Sie war die erste Company, die
moderne Ideen von proletarischen Rechten und proletarischer
Freiheitsbewegung zu Millionen von Dollar an Gewinn ausmünzte. Es ist
seitdem so oft getan worden, daß es inzwischen zur Gewohnheit und zu
einem anständigen Geschäftsgebaren geworden ist. Der Staat hat sich
dieses Tricks bedient, als er eine Lousitania notzüchtigte, um zu
offenbaren, daß seine Ehre zertrampelt worden sei und er nun nicht mehr
anders könne, als Wall Street das Nerven-Allheilmittel zu bewilligen.
Aber zur Zeit, als Mr. Collins dreißig Jahre alt war, da war dieses
Geschäft noch unabgegriffen, und es hatte keine Konkurrenten. Darum hat
auch seitdem nie wieder eine einzelne Company so viele Millionen
einkassiert für diesen Trick als damals die Anthracite-Company.
Der Streik bei der Anthracite hatte begonnen. Es waren ungefähr
zwanzigtausend Minenarbeiter beteiligt. Die großen Zeitungen sandten
Spezialreporter zu der Company, um dort alles das über den Streik und
seine Geschichte zu erfahren, was die Zeitungsleser hätte interessieren
können und was zur Sensation und damit zu fetten Zeitungsüberschriften
sich aufzaubern ließ.
Das Direktorium der Anthracite Co. bestimmte Mr. Collins auf seinen
eigenen Wunsch, im Namen des Direktoriums den Hunger der Reporter nach
aufregenden Geschichten zu befriedigen. Die Zeitungen erfolgreich zu
behandeln, ohne daß die Zeitungen fühlten, daß sie für die Pläne der
Anthracite gebraucht wurden, gehörte mit zu den Truppenbewegungen, die
Mr. Collins sorgfältig, lange vorher, ausgedacht hatte.
Den Reportern wurde erzählt, daß die Company übermäßig overstocked sei,
daß also alle ihre Lager überfüllt seien. Der Verkauf von Kohle habe
immer mehr und mehr nachgelassen. Die Company wüßte nicht, wohin mit der
vielen überschüssigen Kohle, weil der Bedarf weit unter der Produktion
stehe. Das wurde an Lagerbüchern und an Verkaufskontrakten, die man den
Reportern vorlegte, alles bewiesen.
Mr. Collins sagte, daß ein unerhörter Preissturz für Kohle bevorstünde.
Aus diesem Grunde hatte man, als einzigen Ausweg, beschlossen, die Löhne
zu kürzen, um den bevorstehenden Preissturz aushalten zu können. Die
Arbeiter hätten jedoch die Notwendigkeit dieser Lohnkürzung nicht
eingesehen, was man ja auch begreifen könnte, weil Arbeiter eben nicht
in der Volkswirtschaft genügend geschult seien. Er erklärte, die Company
könne von der Lohnkürzung nicht absehen, weil Beibehaltung der früheren
Löhne den Ruin der Company, ja den Ruin der gesamten amerikanischen
Kohlenindustrie nach sich ziehen müßte. Soweit die Company in Frage
käme, würde nicht nachgegeben, weil man nicht nachgeben könne, ohne
wirtschaftlichen Selbstmord zu begehen. Auf die Frage, warum die Company
ihren Arbeitern verboten hätte, einer Gewerkschaft anzugehören, erklärte
Mr. Collins, daß die Arbeiter gern für die gekürzten Löhne arbeiten
wollten, aber daß die Union es ihnen nicht erlaubte. Man könne eine
Einmischung von außen in die wirtschaftliche Politik der Company nicht
gestatten, ohne damit alle Rechte und Freiheiten, die dem Handel und der
Arbeit auf Grund der Konstitution gewährleistet seien, preiszugeben. Die
Company würde ihren willigen Arbeitern empfehlen, eine Gewerkschaft zu
gründen, der nur Arbeiter, die in den Minen der Company beschäftigt
sind, angehören sollen. Diese Gewerkschaft allein wolle man als
berechtigte Vertreterin der Arbeiter der Company ansehen. Es scheint
aber, fügte Mr. Collins hinzu, daß die Arbeiter nicht willens seien, den
durchaus berechtigten und notwendigen Wünschen der Company Rechnung zu
tragen. Deshalb könne er mit Sicherheit voraussagen, daß der Streik sehr
lange dauern würde, sechs Monate wenigstens, vielleicht auch acht oder
gar vierzehn Monate.
Die Reporter bedankten sich für die ausreichende Darlegung der Gründe
des Streikes, soweit die Company in Frage kam.
8
Reporter dienen nur der Wahrheit; und sie betrachten es als ihre
heiligste Pflicht, die Wahrheit zu suchen, selbst wenn die Wahrheit in
den Kloaken des Volkes und in den Bettlaken von Individuen gesucht
werden muß. Denn nur die Wahrheit und nichts als die Wahrheit ihren
Lesern zu berichten, ist die einzige hehre Aufgabe einer amerikanischen
Zeitung. Darum ist sie das irdische Instrument Gottes und die Zuchtrute
für alle Verlogenen und alle Volksvergifter, Aufwiegler, Juden, Fremde
und europäische Emigranten, die mit anarchistischen und ähnlichen
sozialistischen Ideen vollgefüllt an den Ufern unserer glorreichen
Republik landen, um unser schönes Land zu besudeln und zu zerstören.
Darum gingen die Reporter auch zur Union, um die Meinung der andern
Partei zu hören. Hier fanden sie jedoch, wie sie später ihren Lesern
mitteilten, nicht die Ruhe und Sicherheit in den Zielen, die sie bei dem
Direktorium der Company gefunden hatten. Hier fanden sie Unruhe,
Nervosität, inhaltlose Reden, anarchistische Schreier, unklare Begriffe
und verwirrte Vorstellungen über Profit, gemeinsames Zusammenwirken der
ganzen Nation, Rechte der Arbeiter, sich zu organisieren, angebliche
Pflichten gegen die eigenen Familien, verrückte Ansichten über Regierung
im allgemeinen und Bösartigkeit und Verworfenheit der Kapitalisten im
besonderen. Aber als klarer eindeutiger Wille trat hervor die feste
unerschütterliche Absicht, nicht eher nachzugeben, als bis die
Organisation anerkannt sei und die früheren Löhne, wenn auch mit einigen
kleinen Änderungen, wiederhergestellt seien; denn, so sagte man in der
Union, die früheren scheinbar so hohen Löhne seien schon niedrig genug
gewesen, um den zahlreichen und täglich zahlreicher und höher werdenden
Forderungen des täglichen Lebens gerecht werden zu können. Und auch hier
wurde den Reportern bestätigt, daß man auf einen langen, auf einen sehr
langen Streik vorbereitet sei und einen sehr langen Streik erwarte, weil
es nicht mehr nur um Löhne ginge, sondern um Prinzipien, die nun
endgültig entschieden werden müßten.
So wurde in fetten Überschriften auf der ersten Seite der Zeitungen
erklärt, der Wahrheit gemäß, daß ein Kohlenstreik von unabsehbarer Dauer
begonnen habe, der die gesamte amerikanische Industrie, ja das gesamte
amerikanische Wirtschaftsleben lahmzulegen drohe.
Hätte Mr. Collins den Bericht selbst geschrieben und hätte er die
Zeitungen bezahlt, daß sie seinen eigenen Bericht drucken sollten, der
Bericht hätte nicht besser in seine Pläne passen können.
9
Die Anthracite hatte – denn auch das gehörte zu dem Plane des Mr.
Collins – die übrigen Anthracite- und Kohlen-Companien vor Ausbruch des
Streiks davon unterrichtet, daß ihr Verkauf stocke, daß sie ihre Lager
überfüllen müsse und daß sie sich genötigt sehe, erhebliche
Veränderungen in Löhnen vorzunehmen.
Jene übrigen Companien waren überreich beschäftigt, weil die Anthracite
sich vorsichtig aus dem Markte zog. Deshalb verstanden jene Companien
nicht, aus welchem Grunde die Anthracite so kurz laufe im Verkauf. Wenn
aber eine der größten Companien keinen Verkauf habe, Lager füllen müsse
und Lohnkürzungen vornehme, dann geht etwas vor auf dem Markte. Das
wurde sofort von allen Companien begriffen.
Sie begannen vorsichtig zu werden und beauftragten ihre Lohningenieure,
neue Lohnskalen auszuarbeiten mit gekürzten Löhnen. Aber die neuen
Lohnskalen wurden noch nicht in Wirkung gesetzt, weil man vorläufig noch
genügend reiche Aufträge hatte und keine Unruhe unter den eigenen
Arbeitern hervorrufen durfte.
Als der Streik bei der Anthracite Co. ausgebrochen war und die Berichte
in den Zeitungen ihre Schuldigkeit taten, antwortete die Börse in New
York mit einem Nachlassen der Kohlenaktien, mit einem Unsicherwerden der
Aktien der Eisenbahnen und der Schiffahrts-Gesellschaften und mit einem
deutlichen Flauwerden von Stahlaktien. Es begann eine Stille in Wall
Street einzusetzen. Eine Stille, die nach wenigen Tagen ängstlich wurde
und sich jener Stille näherte, die gefürchteten Orkanen in Wall Street
vorauszugehen pflegt.
Aber es kam noch nicht zu einer Katastrophe, noch nicht zu jenem wilden
Hin- und Herkaufen von Papieren und unsinnigen Verschleudern von Werten,
die dem Zyklonzentrum am nächsten lagen. Es schien, als ob man sich
gewaltsam zur Ruhe zwänge. Denn niemand wußte, was da vor sich ging.
Jeder wollte erst einmal warten, bis er den richtigen Tip von jemand
bekomme oder den richtigen Tip vielleicht träumen oder von einem
Wahrsager erhalten könnte. Aber das ganze Geschäft an der Börse wurde
flau. Zwei Tage darauf antwortete Chicago mit einer Flauheit, die man
seit vielen Monaten nicht erlebt hatte.
Als Ganzes jedoch genommen, war der Markt fest, weil die Werte, die
wenig mit Kohle zu tun hatten, tätig blieben und sich in der üblichen
Weile bewegten mit zwei Punkten herunter, mit fünf Punkten hinauf, und
morgen umgekehrt. Elektrizitätswerte begannen sogar auffällig
anzuziehen. Aber das stete Anziehen der Elektrizitätswerte schien zu
beweisen, daß man der Kohle immer weniger zu trauen anfange. Auf dieses
Anziehen der Elektrizität mußte, für jeden Eingeweihten klar, sehr bald
ein weiteres Nachlassen der Kohle folgen. Und dann natürlich begann der
Sturm zu fegen.
10
Noch in derselben Woche zogen die Elektrizitätswerte, die von Kohle
unabhängig waren und ihre Kraft vom Wasser erhielten, plötzlich heftig
an und stürmten in einem Tage achtzehn Punkte hinauf.
Das war das erste Heulen des kommenden Orkans.
Die Schiffahrtsgesellschaften, die Eisenbahngesellschaften, die
Stahlwerke und die großen Kohlenhändler zeichneten keine neuen Verträge
und begannen nur zu kaufen für den Wochenbedarf. Ein Preissturz von
Kohle stand bevor, und ehe man nicht den neuen Preis kannte und ehe sich
der neue niedrige Preis nicht festgesetzt hatte, konnte man keine neuen
Verträge abschließen.
Nun begannen die übrigen Kohlen-Companien den schwer werdenden Markt zu
fühlen. Auf große Lager waren sie nicht vorbereitet. Denn große
Lagervorräte machen hohe Bankkredite nötig. Diese Bankkredite können
nicht über Nacht herangeschafft werden; sie erfordern Beratungen und
Verträge und Abberufung anderer Kredite. Die Banken wurden, infolge des
mehr und mehr unsicher werdenden Marktes, sehr vorsichtig im Kreditieren
von Kohlenvorräten, weil der Wert unsicher war. Wenn sie überhaupt
kreditierten, so kreditierten sie kaum mehr als den nackten Förderlohn
für die Kohle. So geschah es, daß die übrigen Companien keine
erheblichen Lager schaffen konnten.
Sie mußten die Kohle billiger fördern. Und nach dem üblichen System
konnte die Kohle nur dann billiger gefördert werden, wenn man die Löhne
der Arbeiter erheblich kürzte. Um sicher zu gehen, nahm man gleich die
Lohnskala der Anthracite-Company an.
Was blieb den Arbeitern übrig? Sie taten, was Mr. Collins wünschte, und
sie traten auch bei den übrigen großen Companien in den Streik, weil sie
sich den Lohnabzug nicht gefallen lassen konnten. Denn erstens hatten
sie Ehre und zweitens Familien.
Die kleineren Companien, die ja von dem Schwanken der Börse nicht so
sehr in Mitleidenschaft gezogen werden, weil sie meist eine kleine, aber
sichere Kundschaft haben, wußten nun überhaupt nicht, was zu tun. Die
einen kürzten Löhne und verboten die Mitgliedschaft zur Union, während
die andern gar kein Risiko übernehmen wollten und einfach die Arbeiter
aussperrten und die Minen stillegten, um abzuwarten, was die Großen nun
erst einmal tun würden.
Alles das vollzog sich ohne ein geplantes und organisiertes Zusammen-
und Ineinanderarbeiten der verschiedenen Companien. Ein Zusammenarbeiten
mit den andern Companien hätte den Plan des Mr. Collins gestört. Aber es
war so geschickt von Mr. Collins gearbeitet worden, daß keine einzige
Company fühlte, daß sie absichtlich aus dem großen Raub ausgeschaltet
worden war. Mr. Collins hatte ja allen vorher mitgeteilt, daß die
Anthracite gefüllte Lager habe und Löhne kürzen müsse. Dadurch hatte er
den Schein bewahrt, daß er in Gemeinschaft mit allen Companien arbeite.
Niemand konnte ihm einen Vorwurf machen. Aber mit jener Mitteilung hatte
er gleichzeitig seine Pläne vollkommener gemacht und den Schleier über
seine Absichten gebreitet, den er nötig hatte, um ungestört arbeiten zu
können.
11
Zweihundertvierzigtausend Minenarbeiter standen im Streik.
Zweihundertvierzigtausend Männer mit ihren Familien mußten von der
mageren Streikunterstützung leben, die ihnen die Unionen zahlten. Eine
Unterstützung, die geringer werden mußte mit jeder Woche, die der Streik
anhielt. Weil zweihundertvierzigtausend Familien weniger Geld hatten, so
konnten sie weniger kaufen. Und das riß Tausende von Geschäftsleuten und
kleinen Handwerkern mit sich, die gleichfalls weniger verdienten und
darum weniger ausgeben konnten, wodurch weitere Kreise wirtschaftlich in
Mitleidenschaft gezogen wurden. Jede Woche kamen mehr tausend Leute zur
Bank, um von ihren Sparguthaben abzuheben, weil sie leben mußten und
Verpflichtungen zu erfüllen hatten. So wurde das Geld in den Banken
knapp. Kredite zu bekommen, wurde immer schwerer mit jeder neuen Woche.
Der Zinsfuß wurde erhöht. Alles, was verpfändet werden mußte, bekam
weniger und weniger Wert. Die Leute mußten ihre teuer erworbenen
Möbelstücke für ein Zwanzigstel ihres Wertes verkaufen, um dafür Geld
für notwendige Lebensmittel zu bekommen. Darunter litten Möbelhändler
und Möbelfabrikanten sowie alle Leute, die Dinge verkauften oder Dinge
anfertigten, die jetzt weit unter ihrem Wert verschleudert wurden.
Die Arbeiter schlugen sich mit Polizisten herum und holten sich blutige
Köpfe. Sie stritten sich mit Fäusten in den Versammlungen, was
Streikbrecher sei und was unbedingt notwendiger Arbeiter sei, damit die
Mine nicht ersöffe. Sie schlugen und hetzten sich herum mit ihren
Frauen, die Geld haben wollten. Sie klagten die Sekretäre der Union an,
daß sie bestochene Agenten der Kapitalisten seien. Sie zerrissen ihre
Mitgliedsausweise der Union und spuckten darauf. Sie winselten bei den
Kolonnenführern um die Gnade, sie wieder aufzunehmen und sie nicht zu
vergessen, wenn der Streik zu Ende sei. Sie schworen, nie wieder zu
streiken, und wenn man die Löhne um sechzig Prozent kürze. Und sie
gingen zu den Hallelujasängern der Methodisten, der Baptisten und der
Episcopalians und warfen sich vor ihnen in den Staub der Kirchendiele
und wimmerten, daß ihre Seele nun geläutert und gerettet sei und daß sie
endlich in dieser schweren Prüfung heimgefunden hätten zu unserm Heiland
Jesus Christus. Und da waren die ewig Optimisten, die ewig Pessimisten,
die ewig Heulenden, die ewig Schimpfenden und endlich die
Kraftstrotzenden, die die Zähne aufeinanderbissen und halblaut in sich
hineinfraßen: „Zehntausendmal lieber verrecken, als diesen Räubern einen
Cent nachgeben!“ Da waren alle, alle, alle vertreten, die man auch in
einer Revolution findet. In jeder Revolution. Menschen, die essen wollen
und nichts zu essen haben. Menschen, die für ihr geregeltes Essen ihre
Seele verkaufen. Menschen, die sich lieber in die Faust beißen, als daß
sie „Zu Ihren Diensten, mein Herr!“ sagen. Menschen und Menschen und
Menschen. Und unter ihnen die Allgerechten, die Pharisäer der
proletarischen Bewegung.
12
Der Orkan war da.
Es rasselte in der Börse von New York, daß man seine strahlende Freude
daran haben konnte, wenn man keine Papiere besaß und nur neutraler
Zuschauer war.
Das flog nur so wie Fetzen.
Die Fetzen des stolzen und bewunderten Wirtschaftssystems.
Es hagelte und dröhnte. Die Wände des Gebäudes dieses ehernen Systems
erzitterten.
Die Telephonzellen der Broker, der Börsenagenten, krachten.
Dreißig Punkte rauf. Schnell verkauft. Aber ehe zugesagt ist, zwanzig
runter, und niemand kauft sie für dreißig runter. Vierzig Punkte runter.
Vier Punkte rauf. Hoffnung. Einen Punkt rauf. Cable über den Erdglobus.
Markt beginnt sich zu festigen. Vierzehn Punkte runter. Markt erneut
flattrig.
Drei Schüsse in drei verschiedenen kleinen Zellen in der Wall Street.
Jede Zelle kostet viertausend Dollar Miete im Monat. Eine Mönchszelle
ist ein Rittersaal dagegen.
Zwölf Punkte rauf. Drei runter. Sieben runter. Vier runter. Zwei rauf.
Telephonmädchen bekommen Krämpfe. Telegraphisten werden irrsinnig. In
den Büros der Banken und in den winzigen Stübchen der Agenten rasen die
schmalen weißen Streifen mit den Todesurteilen und mit den
Hoffnungsbelebungen aus den Mäulern der Privattelegraphen heraus mit
unerfaßbarer Schnelligkeit.
Vier Mann stehen herum und lesen. Und lesen. Und lesen. Lesen die
herausschießenden Ziffern, die unaufhörlich und gespensterhaft sich
verändern. Lesen und erfassen mit einem dünnen Nervenfädchen ihres
Unterbewußtseins den Sinn und die Bedeutung und den ganzen
wirtschaftlichen Zusammenhang jener wenigen Buchstaben, die den Ziffern
voranticken und die den Namen der Company, deren Werte hin und her
fliegen, denen klar geben, die zu den Eingeweihten gehören. Für den
Uneingeweihten sind jene Buchstaben ebenso schwer zu lösen wie
alt-ägyptische Hieroglyphen. Und die Männer, die herumstehen um den
Ticker, lesen und lesen. Lesen, mit der rechten Hand den weißen Streifen
zerrend, um ihn noch schneller herauszuholen aus dem unermüdlich
spuckenden Maule, mit der linken Hand den Telephonbecher vor den
bebenden Mund gepreßt, um Orders zu geben. Orders zu geben so schnell,
wie das splitternde Hirn Ziffern, Situationen und Aktien, die man an der
Hand hat, zusammenreimen kann. Hirne, Mäuler, Ohren, Münde, Buchstaben
und zerrende Hände sind gejagt von Mächten, die hier nicht gesehen,
nicht gefühlt, sondern nur empfunden werden.
Und der unendlich lange weiße schmale Streifen schießt heraus, springt
heran und flattert herum.
Der schmale weiße Streifen sprudelt und zischt heran, entscheidet in
einer Sekunde die Schicksale von Zehntausenden von fleißigen und
willigen Arbeitern, deren menschliche Persönlichkeit, deren
Individualität hier ausgelöscht ist und die nur noch den Wert von
einigen Punkten rauf oder runter in Aktien haben. Und der Streifen
entscheidet die Schicksale von Hunderten von molligen Bürgern, die
Studienpläne ihrer Söhne, die Heiratspläne ihrer Töchter, die
Behäbigkeit ihres Alters. Und der lange, schmale weiße Streifen rennt
und rennt und rennt über die Spulen. Getrieben, gejagt, gehetzt,
gezerrt.
Nachdem er seine Sprache geredet hat, ballt er sich auf unter dem
kleinen Tischchen, auf dem der Apparat tickt und tickt und tickt. Die
tickende Uhr des Weltgerichts für Tausende und Tausende. Der Streifen
ballt sich auf in einen immer größer werdenden Knäuel. Papierkorb.
Die erregten Männer stehen in dem Knäuel, der sich mehr und mehr um ihre
Füße schlingt, wie eine lange dünne Schlange.
Nachdem Giganten und Pygmäen versucht haben, so rasch zu entscheiden,
wie die Ziffern heranstürmen, bäumt sich der Streifen tot und vergessen
über den Papierkorb hinweg, zu einem wirren Haufen aufknüllend. Niemand
hat auch nur so viel Zeit, den Streifen einmal abzureißen. Er knüllt und
bauscht und bäumt sich rastlos weiter auf.
Und endlich sieht der Knäuel aus wie ein Skelett mit tausend
verschlungenen und vertwisteten langen dünnen Knöchelchen.
Der Leichnam finanzieller Gedanken.
Erdbeben in der Wall Street. Erdbeben des Wirtschaftssystems.
Jeden Tag Selbstmorde von Männern, die gestern groß, mächtig,
unangreifbar, unerschütterlich schienen und waren. Säulen einer
Wirtschaft, die so gesund und kraftstrotzend in die Welt blickte, als
müßte das Universum sich vor ihr verbeugen.
Niemand mehr vermag die Katastrophe zu beherrschen. Sie wird größer und
größer.
Was so mächtig und ehern erschien, dieses so wohlorganisierte, scheinbar
so klug durchdachte, so gefestigt sein sollende Wirtschaftssystem kracht
in allen seinen Fundamenten, weil ein Zweig unsicher geworden ist: Die
Kohle, die Nahrung der Industrie.
Niemand kann das Rad still halten. Es rennt, es rast schneller und
schneller und reißt tiefer und tiefer in den Körper der Wirtschaft
hinein.
13
Bankstürme beginnen. Die Sparer sind von Panik erfaßt worden. Sie
fürchten, nein schlimmer, sie sind sicher, daß ihr Geld, für das sie
gespart und gedarbt haben, verloren ist. In unendlich langen Reihen
stehen sie schon vor Mitternacht vor den Banken, um die ersten zu sein,
wenn die Kassen öffnen. Je früher man da ist, je größer die Möglichkeit,
noch etwas zu retten. Das geordnete Leben der Banken wird zerrissen.
Alle Kräfte müssen heran, um auszuzahlen. Niemand zahlt etwas ein. Alle
Kredite werden aufgekündigt. Banken in andern Ländern werden bittend
angekabelt, auszuhelfen mit flüssigem Geld und mit Schecks. Alle
Reserven der nationalen Bankvereinigung werden aufgerufen. Aber die
Reihen vor den Banken verlängern sich.
Und dann beginnen die Banken zu krachen, weil sie nicht zahlen können.
Das Geld ist ausgeliehen; denn wenn die Bank kein Geld ausleihen kann,
dann kann sie ihren kleinen Sparern keine Zinsen zahlen. Erst krachen
die kleinen Banken. Die großen helfen sich noch damit, daß sie die
Kassenstunden auf zwei, endlich auf eine beschränken.
Dann beginnen auch größere zu krachen.
Und hinter all diesem Wirrwarr sitzt kein plötzliches Verschwinden eines
Erdteils, sitzt keine gigantische Naturkatastrophe, die
unwiederbringliche Werte vernichtete. Hinter all diesem Zusammenbrechen
wirtschaftlicher Ordnung und wirtschaftlicher Sicherheit, die ständig
bedroht wird von Aufwieglern, sitzt nichts anderes als die gestörte
Einbildung derer, die etwas haben, die unsicher gewordene Hoffnung
derer, die viel besitzen, und derer, die wenig besitzen. Alles das, was
nun in der Wall Street geschieht, beruht in nichts anderem, als daß die
Gedanken plötzlich, zu plötzlich, eine andere Richtung eingenommen haben
als die gewohnte. Massenhypnose. Massensuggestion. Die Suggestion, die
Einbildung: „Ich kann verlieren!“ reißt dieses schöne, von Gott
gewollte, von Gott begnadete, von Gott beschützte Wirtschaftssystem in
Fetzen. Und dennoch sind alle Werte gleichgeblieben. Die Werte haben
sich nicht geändert. Es ist ebensoviel Kohle auf Erden wie vorher. Alles
Geld ist noch da, und es ist kein Cent vom Erdball heruntergefallen in
das Weltall, aus dem er nicht mehr gefischt werden kann. Alle Häuser
stehen noch da. Alle Wälder. Alle Wasserfälle. Alle Ozeane. Die
Eisenbahnen und Schiffe sind alle noch unversehrt. Und Hunderttausende
gesunder und kräftiger Menschen sind willig, zu arbeiten und zu
produzieren und den vorhandenen Reichtum der Erde zu vermehren. Kein
Ingenieur hat die Fähigkeit verloren, neue Maschinen zu konstruieren.
Kein Kohlenschacht ist von einer Naturgewalt verschüttet worden. Die
Sonne steht leuchtend und warm am Himmel wie immer. Es regnet wie immer.
Das Getreide steht auf den Feldern und reift wie immer. Die
Baumwollfelder stehen in Pracht. Nichts hat sich am vorhandenen Wert
irdischen Reichtums geändert. Die Menschen, als Einheit gesehen, sind
ebenso reich wie gestern. Und nur darum, und allein nur darum, weil sich
der Besitz einzelner zu verändern und zu verschieben droht, darum bricht
eine Katastrophe für die gesamte Menschheit herein. Eine Katastrophe
gleich den Katastrophen vergangener Zeiten, wenn Hungersnöte in einem
Erdstrich ausbrachen und man keinen Ausgleich mit jenen Erdstrichen
schaffen konnte, die im Überfluß erstickten, weil Transportmittel und
Telegraphen fehlten.
Ein Wirtschaftssystem, eine Wirtschaftsordnung, geschaffen von Menschen,
die von sich selbst behaupten, Intelligenz zu besitzen. Menschen jedoch,
die trotz aller ihrer so hochentwickelten Technik, die sie schufen, noch
immer nicht die Primitivität völlig unzivilisierter Menschen überwunden
haben, soweit ein durchdachtes und wohl geregeltes Wirtschaftssystem in
Frage kommt.
14
Die Wirtschaftskrise, gefürchtet gleich einem Strafgericht des Himmels,
und monatelang vorher, oder eigentlich ständig, in prophetischer Weise
mit drohendem Zeigefinger angekündigt von Kommunisten und Sozialisten,
die behaupten, so etwas immer voraus zu wissen, begann nun kräftig
einzusetzen.
Wirtschaftskrisen haben für neunundneunzig Prozent der Menschen etwas
Unheimliches an sich, etwas Mystisches. Denn neunundneunzig Prozent der
Menschen, ob religiös oder irreligiös, sehen in einer Wirtschaftskrise
die Zuchtrute einer übernatürlichen Gewalt, die mit dem kapitalistischen
System unlöslich verbunden erscheint und die sich offenbar von Menschen
nicht abwenden oder vermeiden läßt. Neunundneunzig Prozent der Menschen
leiden unter einer Krise. Die einen mehr, die andern weniger. Darum wird
sie angesehen, wie man in vergangenen Jahrhunderten Pestilenzen,
Hungersnöte und Mongolenüberfälle betrachtete.
Dennoch werden diese Wirtschaftskrisen keineswegs durch übernatürliche
und mystische Mächte hervorgerufen, sondern immer nur dadurch, daß eine
Einzelperson oder eine Gruppe von Einzelpersonen in das geregelte
Wirtschaftsleben gewalttätig eingreift, um es zu einem großen privaten
Vorteil auszunützen. Geht das Wirtschaftsleben seinen ruhigen Gang
weiter, ohne daß Paniken künstlich erzeugt werden, so können wohl
Schwankungen innerhalb der Wirtschaft vor sich gehen, aber es kann
niemals eine schwere Krise ausbrechen. Denn ganz so chaotisch, wie es
häufig erscheint, ist das kapitalistische Wirtschaftssystem ja nun
keineswegs. Die Kapitalisten machen zuweilen Dummheiten, aber sie sind
keine Narren. Und nur Narren werden sinnlos darauflos produzieren, ohne
stets beide Augen auf den Markt und dessen Aufnahmefähigkeit gerichtet
zu halten. Selbst Erfindungen und selbst Neukonstruktionen besserer
Maschinen können wohl den einen oder den anderen aus dem Sattel werfen,
aber selbst sie können keine Krisen hervorrufen. Etwas hat man immerhin
auf unserm Kontinent schon gelernt: Je höher die Löhne und je kürzer die
Arbeitszeit und je größer die Bildung der Arbeiter ist, desto
gesicherter ist der ruhige Ablauf des Wirtschaftslebens, und desto
schwieriger ist es selbst für einen Mächtigen, eine schwere Krise
heraufzubeschwören.
Wenn Hunderte und aber Hunderte von Millionen Tonnen bester Kohle
unauffällig und geschickt ihrer Bestimmung entzogen werden, ohne daß die
Menschheit sich darauf vorbereiten konnte, so muß das Resultat genau das
gleiche sein, als ob ein Erdbeben oder eine gewaltige Wasserflut die
Werte eines großen Teiles der Erde zerstörte. Aber eine Naturkatastrophe
kann das Wirtschaftsleben nicht so in Unordnung bringen wie eine große
Spekulation. Bei einer Naturkatastrophe weiß man, was geschehen ist, man
weiß, wo es fehlt und wo man und wie man anzusetzen hat, um den Schaden
wieder zurechtzurücken. Aber bei einer Spekulation weiß niemand, was
eigentlich geschehen ist. Niemand weiß, ob Kohle die Ursache ist oder
Geld oder Mangel an Eisen oder Erz oder Spekulation in Getreide oder in
Baumwolle oder in Öl. Darum kann niemand an die Quelle des Unheils
heran, weil die Quelle nur einem einzigen bekannt ist, der seine
Wissenschaft nicht verrät, um seine Vorteile in dem Wirrwarr zu finden.
5
1
Es wurde nun recht lebhaft im Lande.
Volkswirtschafter, Großindustrielle, Bankiers schrieben weise Aufsätze
in den Zeitungen. Alle kamen zu dem Ergebnis, daß nur die Kohlennot, die
jetzt schwer fühlbar wurde, die Ursache dieser so unerwartet rasch
gekommenen Krise sei, und wenn man die Kohlennot beheben könnte, so wäre
die Krise bald zu Ende. Die Kohlennot war tatsächlich nun vorhanden.
Denn wenn alle Minenarbeiter streikten, so mußte in wenigen Wochen jeder
Brocken Kohle aufgezehrt sein.
In fetten Überschriften riefen die Zeitungen die Regierung an, den
Streik zu schlichten um jeden Preis. Aber diesem Vorschlag widersetzten
sich Hunderte großer Companien und Tausende von Großindustriellen, weil
ein Eingreifen der Regierung in den Streik die Freiheit von Handel und
Arbeit antaste und also gegen die Heilige Konstitution sei.
Die Regierung zeigte auch gar keine Miene, einzugreifen. Sie tat das
einzige, dessen eine Regierung heute fähig zu sein scheint: Sie sandte
Miliz und Maschinengewehre in die Streikdistrikte. Es kam zu
Beschimpfungen und Steinwürfen auf die Soldaten, weil ihre Anwesenheit
die Streikenden erregte. So wurde dann tüchtig in die Streikprozessionen
hineingepfeffert. Heute hier, morgen dort. Und alle Leute, die das
Gespenst der Kohlennot fürchteten – und das waren hundert Prozent der
Bevölkerung, nachdem die Streikenden abgerechnet waren –, sagten: „Das
ist gut, daß die Regierung da Ordnung schafft und den Anarchisten das
Hirn aus dem Schädel bläst; nun werden die Streikenden wohl zur Vernunft
kommen.“
Selbst Arbeiter und selbst organisierte Arbeiter waren den streikenden
Minenleuten durchaus nicht freundlich gesinnt. Wenn der Kohlenstreik
lange anhielt, dann mußten nach und nach auch alle Fabriken schließen,
und es gab keine Arbeit mehr. Es wurde zwar Geld an die Miners
geschickt, aber man tat es mit saurer Gebärde, und man knabberte an
jedem Cent herum, ehe man ihn endgültig leistete.
Der langsam einsetzenden Kohlennot folgte ein Kohlenhunger. Und dieser
Kohlenhunger begann schnell in eine Tollwut überzugehen. Es kam zu
Angstkäufen. Man kaufte Kohle für Jahre auf, um den Keller voll zu haben
und für alle Fälle gerüstet zu sein. Und war der Keller endlich so voll,
daß der Besitzer sagen konnte: „Meinetwegen kann der Streik fünf Jahre
dauern, ich bin gerüstet!“, dann war der Mann wahrhaft glücklich. Ob
sein Nachbar noch ein Kilogramm Kohle erwischen konnte, das war ihm
gleichgültig.
Das waren die kleinen Leute, die nur Kohle für das Haus brauchten.
Die Großen, die Eisenbahn- und Schiffsgesellschaften, warteten noch,
weil sie noch nicht klar sehen und vorläufig noch von Lager abheben
konnten. Aber die Kleinen bauten den Preis auf. Nach wenigen Wochen
kostete die Tonne Kohle im Großhandel, was sie bisher im Verkauf von
zehn Kilo, also im allerkleinsten Handel, gekostet hatte.
Die Großen begannen Verträge mit englischen, deutschen und französischen
Companien abzuschließen, um sich Kohle zu sichern.
2
Nun mußte Mr. Collins, der bisher nur zugesehen hatte, wie sich sein
Plan abwickelte, wieder eingreifen, damit der Markt nicht vorzeitig sich
beruhige.
Die Reporter waren nur zu willig, Neuigkeiten von Mr. Collins zu
erfahren; denn sie hielten ihn bereits für einen ganz Großen, der alles
vorausgewußt hatte. Hätte man seine Prophezeiungen damals, als bei ihm
der Streik ausbrach, genügend ernst genommen, so wäre es sicher nicht zu
dieser Krise gekommen.
Als die Reporter nun wieder bei ihm saßen, um zu hören, ob er etwas
Neues wußte und wie er sich den weiteren Verlauf des Streikes denke, da
sagte er ganz ruhig: „Die Unionen sind schuld an der ganzen Not, unter
der die Nation jetzt leidet. Wir hätten uns leicht mit unsern Leuten
verständigen können. Es sind alles fleißige, nüchterne, ehrenhafte
Arbeiter, die wir haben. Einige wenige ausgenommen. Aber stets müssen
sich die Agitatoren und Aufwiegler der Union hineindrängen. Sie allein
verhindern jede Verständigung. Die Absicht der Unionen ist ja durchaus
klar. Ich brauche darüber nicht viel zu sprechen. Sie, als erfahrene
Zeitungsleute, wissen das viel besser als ich, der ich ja nur ein
Geschäftsmann bin. Es ist die Absicht der Unionen, das Wirtschaftsleben
der Nation in Verwirrung zu bringen. Und wenn es so verwirrt ist, daß
alle Menschen ohne Arbeit und Brot sind, dann wollen jene Leute die
politische Macht ergreifen und ihren sozialistischen Zukunftsstaat
verwirklichen. Das würde ein Ende unserer freien und wahrhaft
demokratischen Republik sein, für die unsere Vorväter so glorreich
gekämpft und gelitten haben und ehrenvoll gestorben sind. Denken Sie
sich, wenn unser Volk ausgeliefert würde jenen fremden Aufwieglern, die
ihrer anarchistischen Ideen wegen aus ihren unfreien Ländern vertrieben
wurden und nun eine gastliche Aufnahme bei uns fanden, weil wir niemand
seiner Meinung und seiner Ansichten wegen verfolgen und verstoßen. Zum
Dank dafür, daß wir ihnen Schutz und Gastfreundschaft gewährten, führen
sie unsere Nation zum Ruin.
Wenn wir in unsern Minen die Mitgliedschaft zur Union verbieten, so
wissen wir, was wir tun. Wir wollen die United States of America nicht
vernichtet und zertrümmert sehen von wahnsinnigen Wirrköpfen, sondern
wir wollen sie erhalten und aufbauen zu einem großen schönen Lande, in
dem jeder glücklich sein soll und kann, der guten Willens ist. Ich
glaube fest, treu und zuversichtlich, wie auch Sie, meine Herren von der
Zeitung, an unser gutes und erprobtes, echt amerikanisches Evangelium
von den beiden B, Bigger and Better, Größer und Besser, in bezug auf
unsere große Nation.