Weitab von der Stadt lag die Irrenanstalt, ein Complex langgestreckter,
gelber Häuser, am Rande des Kiefernwaldes. Von der Chaussee führte eine
Fahrstrasse, alleeartig mit Bäumen bestanden. Rechts und links lagen
Felder. Die leichter Kranken und Unbemittelten arbeiteten dort unter der
Aufsicht eines Wärters.
Man sah sie Kohlstrünke ausreissen, Gräben ziehen, jäten. Manchmal lachte
einer seltsam, kichernd, unmotivirt.
Die Vorübergehenden auf der Chaussee blieben wohl stehen und sahen sie an.
Sie stiessen sich mit den Ellenbogen. „Irre!“ Das interessirte sie. Sie
fanden es auch ein bischen komisch. Jedenfalls erwarteten sie
Außerordentliches. Vielleicht dass Einer sich auf seinen Wärter stürzte
und ihn erdrosselte oder etwas Aehnliches.
An der Chaussee lagen die Wärterhäuser. Sie sahen schmutzig grau aus mit
kahlen Fenstern. Es war einsam hier und nicht behaglich. Der fegende Wind
über die Ebene traf sie von allen Seiten. Alles das hatte etwas Trauriges.
Noch weiter ab lag ein Oeconomiegebäude. Es war mit einer hohen rothen
Backsteinmauer umgeben. Man hörte Gänsegeschnatter. Ein fauliger Gestank
von Dünger verpestete die Luft, die scharf war, prickelnd, wie im Winter
schon.
Alle Felder lagen unter Dünger und waren kahl. Auch der Rasen am Feldrain
sah verbrannt aus. Ueber der ganzen Landschaft lagerte die üble Laune des
Novembers, eine Stimmung des Unbehagens und der Trostlosigkeit, die der
blaugrüne Saum der Kiefernwälder nicht unterbrach. Sie zogen sich nach
allen Seiten. Sie schienen das natürliche Moos dieser graubraunen Erde,
stumpf, ohne Leben und Wechsel, langweilig. Das ist kein Wald. Das ist
Haide.
Das Mittelgebäude in der Anstalt selbst enthielt die Wohnungen des
Directors, der Oberärzte. Man hatte eine Kapelle für die Irren,
Gesellschaftssäle, Bibliothek- und Musiksaal. Die Räume waren mit dem
neuesten Comfort, Gas, und Centralheizung ausgestattet. Die vergitterten
Fenster zeigte man nur nach dem Garten zu, auf der Rückseite.
Alles war beinah elegant. Man versicherte gern, dass sich die Kranken da
außerordentlich wohl fühlten. Sie würden gar nicht wieder wo anders leben
mögen, selbst wenn man sie liesse. Dies war Wohlthat für überreizte
Nerven.
Die Aerzte sagten immer: „Die Kranken.“ Der Ausdruck Verrückte oder
Irrsinnige beleidigte sie fast. Noch mehr der dumme Aberglauben des
Publikums. Das war eine Krankheit so gut wie jede andre, mit ganz
bestimmten, anatomisch nachweisbaren Veränderungen im Gehirn, Störungen
des Sensoriums und der Motilität verbunden. Mit der
mönchisch-moralistischen Betrachtungsweise solcher Erscheinungen in
früheren Jahrhunderten hatte man ja Gott sei Dank! aufgeräumt. Aufgeklärte
Leute traten gern dagegen auf. Sie waren sogar zu Gesellschaften in der
Anstalt gewesen und hatten sich sehr gut unterhalten. Oder zum
Gottesdienst am Sonntag. Es gab da hinter den Mauern sehr geistreiche und
gebildete Leute. Diese Legenden von Zwangsjacken, Tollwuth, rohen,
prügelnden Wärtern erzählten sich Köchinnen. – Es war wirklich angenehm da
zu existiren. Aufgeklärte Leute versicherten, dass sie sofort bei der
ersten Störung ihres Nervensystems in eine solche Anstalt gehen würden. Es
war das einzig wahre Mittel, sich zu curiren.
Von Zeit zu Zeit erschoss sich ein Arzt. Er hatte an sich selbst die
Fortschritte der Krankheit beobachtet und genau festgestellt: Noch so und
so lange. Dann greift man zur Pistole ...... „Kranke eben.“
Es gab so viel Krankheitsursachen im modernen Leben: Lärm,
Pferdebahngebimmel, electrische Bahnen, der immer härter werdende Kampf
um’s Dasein, Rastlosigkeit. Die Zeit verbrauchte die Menschen. Da hinten
lagen die Ungethüme, Grossstädte, die sie schickten. Hier war’s still.
Gesunder Kiefernadelduft.
Es gab sehr interessante Sujets unter den Internen: Einige, die am
Verfolgungswahn litten; eine ältere adelige Dame glaubte, dass man sie in
ihrem Standesgefühl beleidigen wollte; dann der Mann, der einen Schatz
gefunden hatte; Einer, der sich einbildete, der Kaiser Napoleon zu sein;
besonders scherzhaft war der sogenannte „Gott Ra“, eine Persönlichkeit,
die plötzlich mitten im Gespräch abbrach, die Kiefern auf- und
zuschnappte, als ob er etwas verschlänge. Alle diese waren ungefährlich,
lebten beinah glücklich. Da waren welche, die die griechischen Tragödien
in der Ursprache lasen, sich mit Forschungen beschäftigten.
Auch die Blödsinnigen litten ja nicht. Diese Menschen wurden Thiere. Die
Hauptsache für sie war Essen und Trinken. Sie hatten keine Ahnung von
ihrer Degradation. – Das Publikum macht sich so falsche Vorstellungen.
Es war unangenehm, dass einmal eine ältere Dame eine Häkelnadel
verschluckt hatte. Natürlich war es den Wärterinnen streng verboten
gewesen, Derartiges zu arbeiten, oder dass die Wärter an Kranke Schnaps
verkauften. – So etwas kam überall vor. Man konnte nicht vorsichtig genug
sein in der Auswahl des Materials. Das war die wichtigste Frage.
Es war ein sehr friedlicher Platz. Im Sommer, wenn Alles grün ist, war es
noch viel schöner, beinah heiter. Der Kiefernwald erstickt. Man hatte die
Gitter sehr weit vorgeschoben, immerhin. Und man musste sich gegen die
Neugier des Publikums schützen. Die Leute, die da wohnten, waren Stille.
Ihre Angehörigen bezahlten für sie, erster, zweiter oder dritter Klasse,
je nachdem sie vermögend waren. Erster Klasse hatte man natürlich bessres
Essen und mehr Luxus. Die ganz Unbemittelten übernahm der Staat. Sie
machten auch allerlei Arbeiten. Wohlwollende Besucher kauften von diesen
Arbeiten. Alle waren immer entzückt von der Reinlichkeit, Vortrefflichkeit
und practischen Anlage der Anstalt. Wirklich! Die da hinein kamen, waren
nicht zu bedauern. Sie waren in einem Hafen förmlich. Die Bilder grosser
Ärzte und Philanthropen schmückten das Wartezimmer. Es war ein Segen, dass
die Wissenschaft dies übernommen hatte. Wenn man dachte, welche Zustände
früher herrschten!
Man konnte seine theuersten Angehörigen mit der grössten Seelenruhe
dalassen. Was sollte man denn auch thun?
Ab und zu dann ein Begräbniss. Ernst, ohne Prunk. Es war vorüber. Er oder
sie waren „erlöst“. Eine grosse Last war von den Schultern ihrer Familie
genommen. Fast konnte man sie beneiden um den Frieden. Man musste zurück.
In den Kampf. In’s Laute.
Sie waren nicht sehr interessant. Etwas zwischen Kindern und Thieren.
Sogar ihre Leiden waren halb komisch, eingebildete Leiden. Man giebt ihnen
Alles zu wie Kranken. Jedermann ist gut und wohlwollend gegen diese
Unglücklichen.
Bei Vielen ist die Krankheitsanlage erblich. Sie sind idiot, ganz harmlos.
Man muss sie einschliessen, wenn sie gemeingefährlich werden. Jedermann
kennt solche Erscheinungen in Dörfern, abgelegenen Gebirgshöfen. Man
nannte sie „Gottes Narr“, Fexe, Gezeichnete. Heilbar sind solche
secundären Formen der Geisteskrankheiten selten. Dann giebt es Wahnsinn,
Schwermuth. Diese Leute können ganz lichte Zeiten haben. Sie kehren wohl
von Zeit zu Zeit wieder in ihre Familien, ihre Umgebung zurück. Aber
irgendwie tragen sie eine Kette am Fuss. Eine Schraube bleibt locker.
Immer wieder wollten die Damen wissen, ob die Kranken „es fühlen“, sich
ihrer mentalen Abirrung bewusst sind, unter dem Stigma leiden? Man las
darüber so Schauerliches in Romanen. – Nur die Melancholischen leiden. Sie
empfinden wirkliche neuralgische, acute Schmerzen. Ganz hoffnungslos sind
die mit fixen Ideen Behafteten, oder solche, die religiöse
Wahnvorstellungen haben. Sie hatten eine sehr feine, dreissigjährige Dame
aus gutem Hause, die an erotischem Wahnsinn litt. Eine Dame, sonst sehr
scheu und wohlerzogen!
Man rief berühmte Beispiele zurück: Torquato Tasso, Johanna von Castilien,
Ludwig von Bayern. War Hamlet wahnsinnig gewesen, oder König Lear?
Aber ein Thema interessirte sie Alle. Sie hatten ein wirklich
interessantes Sujet, einen Clou. Das kitzelte nicht nur die Damen.
Die erste Intelligenz der Zeit, die brillanteste, genialste. Der Mann,
dessen Adlerflug die Welt erst schweigend, dann mit wüthenden
Verwünschungen in glühender Bewunderung verfolgt hatte.
Jetzt, wo er wahnsinnig war, konnte man ihn ja ungehindert bewundern.
Niemand hatte mehr eine Concurrenz zu befürchten, seinen schneidenden Hohn
schlimmer als seine Verachtung. Aus dem Löwenfell des grossen Mannes hatte
man sich kleine Fellchen geschnitten, die so gut standen. Was konnte man
da interpretiren, insinuiren, Kapital schlagen. Aus diesem ungeheuren
Brachfeld, das er mit den Schätzen einer ungehobnen Welt hinterlassen.
Seine Fehler und Extravaganzen vermied man natürlich. Er war ja eben
bekanntlich ... Ein Strich über die Stirne vollendete den Gedanken.
O ja! Für den interessirte man sich. Gedichte, Blumen wurden für ihn
gesandt. Alle Augenblicke standen in den Zeitungen gefälschte Interviews.
Es bildete den beständigen Aerger der Aerzte. Sie hatten es doch so klar
gesagt: Eine organische Krankheit, colossale Ueberanstrengung, verschärft
durch Schlafmittel, Narcotica. – Es wurde Zeit, dass endlich einmal mit
dem alten Aberglauben aufgeräumt wurde.
Fromme Leute betrachteten diesen Irrsinn als eine gerechte Strafe des
Himmels. In ihren Augen war er der Antichrist. Man sah Gottes Gericht
recht deutlich! Der Titan, der Ihn anzugreifen gewagt, Felsblöcke gegen
Ihn geschleudert und jetzt ohnmächtig und gebrochen im Stuhl sass in einer
Irrenhauszelle: „Ich bin dumm. Ich bin dumm.“
Selbst die, die nicht so weit gingen, moralisirten über den Fall auf ihre
Weise. „Bleib’ im Land und nähr’ Dich redlich.“ Hier sah man, wohin das
Gegentheil führte: „die grosse Kunst macht Dich rasend.“ Wozu auch? Wenn
man arbeitete, recht that, kam man immer noch zurecht auf dieser Welt. Der
religiöse Aberglaube war zu missbilligen. Ebenso wie die rohe
Ausschweifung. Das Leben fand schon immer die Mittellinie. Es ist gut auf
der Mittellinie bleiben.
Es war ja freilich wahr, dass jeder Esel ebenso gut wahnsinnig werden
konnte. Sie blieben doch überzeugt, dass Müller es zum Beispiel nie würde,
und Buchholz ebenfalls nicht. Diese würden sich auch nie das Leben nehmen
oder mit der Polizei in Conflicte gerathen.
Die Fachleute bemühten sich vergebens, das ganz Natürliche, rein
Anatomische des Vorgangs auseinander zu setzen. Ein junger Arzt zeigte zur
Exemplificirung sorgfältig präparirte Plättchen, auf denen man den Verlauf
der Aederchen im Gehirn normal und anormal verfolgen konnte. Ordentlich
niedlich anzusehen waren diese Präparate, etwa wie Blumenblättchen,
fettig-weiss und rosig durchzeichnet. – Einige Damen grauten sich davor, –
immer zurück in der Cultur, diese Frauenzimmer! Der junge Gelehrte liebte
seine Plättchen. Er zitterte, ihren Schatz zu bereichern. Für ihn war auch
dieser Kranke nur ein Object.
Ganz Intime waren zuweilen zugelassen worden. Sie erzählten, dass der
grosse Philosoph im Rollstuhl auf der Terrasse gesessen. Er sah in die
sinkende Sonne. Er schien ganz „friedlich“, der kranke Adler. Man nahm ein
ganz angenehmes Gefühl mit fort der allgemeinen Rührung und der eignen
speciellen Empfänglichkeit für schöne Emotionen.
Uebrigens hatte er’s gut. Erster Klasse sogar. Mancher hatte es nicht so.
Was dachte er in den langen vierundzwanzig Stunden des Tages seit sieben
Jahren? Die Aerzte versicherten, Nichts. Er lächelte. Er wartete ... Es
war doch furchtbar. Der Mann des jauchzenden Lachens, der sich selbst die
Stirn mit Rosen bekränzt und das schwache Mitleid verachtete. – Nun, das
war immer schon Wahnsinn gewesen.
Den Schluss der Besichtigung bildete immer die Kapelle. Nur ein steinernes
Kreuz stand hinter dem Altar. Eine Lebensähnlichkeit, Blut und Nacktheit,
hätte die Kranken gestört. Man musste vorsichtig sein. Eine Frau in
schwarzen Schleiern weinte zu seinen Füssen. Sie bildete sich ein, die
Pietà zu sein. Sieben Schwerter des Weltwehs gingen durch ihren Busen. Sie
weinte immer – immer. Eine vornehme Frau aus reichen, guten Verhältnissen,
Mutter und Gattin. – Man liess sie, weil sie ganz sanft und ungefährlich
war.
Ein engelschönes, blödsinniges Kind, das zwischen den Bänken hantirte,
nickte und lachte geheimnissvoll. Die Geschlechter schienen hier seltsam
verwoben. Man wusste nicht, ob es ein Knabe oder ein Mädchen war. Die
Aerzte erklärten ihn für einen Adolescent von sechzehn Jahren. Er lief
überall frei umher. Die Kapelle war sein Lieblingsaufenthalt. Er bildete
sich ein, ein Chorknabe zu sein, schwang sein Räucherfass, bückte sich und
nickte und küsste dann mit Inbrunst die Altarstufen. Dieser Jüngling war
immer glücklich, von einer Serenität der Cherubim. Jeder verwöhnte und
liebte ihn.
Auch von dem neuen Patienten wurde gesprochen, diesem „Fremden“ der
Zeitungen und Verhandlungen, der sich einbildete, Christus zu sein.
Der Arzt erklärte, dass dies eine häufig vorkommende specielle Form des
religiösen Wahnsinns sei: „Wir haben hier Chiliasten, Gott Vater, eine
Jungfrau Maria, Apostel Paulus und Petrus. In Wahrheit ist dieser Mensch
ein schwachsinniger Zimmermannssohn aus dem Württembergischen. – Braucht
man bündigere Beweise, dass es Zeit ist, mit dem alten Priesterhocuspocus
aufzuhören?“