Die Besucher gingen wieder. Es fing auch schon an dämmrig zu werden.
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Dann begab sich etwas Schreckliches, niemals Geklärtes, vor dem denen, die
es später sich erzählten, die Haare sich sträubten, wo die Vernünftigsten
den ewigen Blödsinn der Dinge zugeben müssen und stumpfe Hirne peitschende
Schauer der Unwelt fühlen.
In der Kapelle fand man den Wahnsinnigen, den Ewig-Stummen, den zum
untersten Abgrund Geketteten. Man erfuhr niemals, was ihn dahingetrieben,
wer den Andern herführte, welcher furchtbare Auftritt stattgefunden
zwischen diesen Beiden, deren Einen Keiner kannte.
Der Irre hatte den Fremden an das Kreuz gebunden. Die Stricke waren seine
Kleider, die er sich abgerissen hatte. Aus zertrümmertem Holzgeräth,
Bänken und Stühlen, hatte er Nägel, Eisentheile, geklaubt. Dieser ganz
nackte, misshandelte Leib war buchstäblich zerstossen, zerschunden,
erwürgt damit. Er stach sie ihm in die Stirne. Er schrie, er lachte. Mit
einem schweren zugespitzten Holzstück sah man ihn grosse Streiche führen
nach der Seite unter der Brust, von wo dickes, schwärzliches Blut troff:
„Du hast die Welt zerstört! Du! Du!...
„Die Schönheit hast Du getödtet, den Ruhm, die Lust!
„Sie leben noch, aber Du hast sie vergiftet. Du hast ihnen das Gift in’s
Herz geträufelt. Schlange Du! Erste Schlange! Verfluchte!
„Mit Deinen zerrissnen Händen hast Du die Kraft unsrer Hände zerbrochen.
„Deine Füsse, die angenagelt sind, haben uns festgebohrt.
„Aus Deiner Seite fliesst unser Lebensblut.
„Die Stricke umwürgen unsre Leiber und machen sie hässlich.
„Von Deiner Stirn die Dornen sind in unsre Hirne gedrungen ... Die Dornen
von Deiner Stirn! Die Dornen!“ ...
Seine Stimme erstarb in wimmernder Klage. Er hatte seine Haare gepackt zu
beiden Seiten des Kopfes. Ganz nackt, mit blutigen Händen, über und über
mit Blut beschmiert, raufte er sie aus in vollen Fäusten.
Und es war eine Aehnlichkeit, eine furchtbare, schauerliche Brüderlichkeit
in diesen beiden gemarterten, verrenkten Leibern, dem todten und dem
lebendigen, dem, der vollendet hatte und dem, der niemals vollenden
würde, ... seinen Gliedern gekrümmt und schlaff geworden durch das Sitzen,
die Schreibtischarbeit, den Händen zu fein und zu lang, die nicht mehr
fassen konnten, verkrüppelten, zagen Füssen, die das Gehen verlernt. Viel
zu hoch war diese Stirn, blass vom Gedanken, vorgeschoben über das ganze
übrige Gesicht mit allen Organen der Sinne. Die wirren Haare bildeten eine
fürchterliche, struppige Aureole.
Er riss seine Brust auf, als ob er sein Herz packte, es ihm hinschleuderte
in Hohn und Verzweiflung: „Teufel! Teufel!“
– – – Der Blödsinnige lachte, sein leises, triumphirendes Lachen. Er that,
als ob er sein Weihrauchfass schwänge, bückte sich und küsste die
Altarstufen. Die Frau in schwarzen Trauerkleidern weinte. Ein monotones,
endloses, zweckloses Weinen ...
Der Sohn des Menschen, vom Kreuz, todt, mitleidig, erhaben, sah herab.
Der Kopf hatte sich etwas zur Seite geneigt. Die Augen unter den bleichen
Lidern waren gebrochen. Aber die Lippen standen ein wenig geöffnet, als ob
Ihn dürstete. Er hielt die beiden Arme nach oben ausgebreitet. Aus seiner
geöffneten Seite unter der Brust floss das Blut.
Das Blut floss.
Es tropfte auf die grauen, breiten Steinfliesen des Fussbodens. Die
Fliesen blieben grau und steinern. Eine rothe, schmerzliche Lache hatte
sich auf ihnen gebildet. Der Stein färbte sich violett unter ihr.
Beständig aus dem blutenden, durchbohrten Herzen fielen die Tropfen.
Druck von Ramm & Seemann in Leipzig.
Von demselben Verfasser ist erschienen:
*Ein Narr.* Roman. Mk. 3.–
*Die Jungen.* Roman. " 3.–
*Misere.* Roman. " 3.–
*Nixchen.* Ein Beitrag zur Psychologie der höheren " 1.50
Tochter. Fünfte Auflage.
*Häusliches Glück.* Aus den Papieren eines Ehemannes. " 1.50