DAS ZWANZIGSTE KAPITEL.

Der berühmte Professor wusch sich die Hände. Er that das immer mit

besondrer Umständlichkeit und Sorgfalt, schon um des guten Beispiels

willen. Man musste ein Beispiel geben. Uebrigens hatte er berühmt schöne

Hände.

„Es giebt nichts, was auf das Gehirn schädlicher einwirkt, als religiöse

Wahnvorstellungen,“ sagte der grosse Mann. „Schon das Bedürfniss einer

Religion überhaupt. Ich will nicht mit einem hochlöblichen Consistorium in

Conflict kommen oder auf den neuesten Paragraphen der Lex eingesteckt

werden ...“ Der Geheimrath geruhte zuweilen dergleichen Witze, die immer

auf brüllenden Applaus rechnen konnten ... „Es ist bekannt, dass Mohammed

epileptisch war, an der Fallsucht litt. Christus hatte in seiner Jugend

die Satzungen der Essäer angenommen, unter denen die Forderung der

absoluten geschlechtlichen Enthaltsamkeit, neben strictem Vegetarismus,

Fasten, Waschungen aller orientalischen Kulte, obenan stand. Nun weiss

heutzutage Jedermann, dass die Unterdrückung des Paarungstriebes die

Ursache zahlreicher Verbrechen, in vielen Fällen des Irrsinns ist. Chassez

le naturel, il reviendra au galop. Die Natur, meine Herren! Die

Wissenschaft ist die erkannte Natur.“

Der Professor hatte seine Hände fertig gewaschen und sorgfältig

abgetrocknet. Er stand jetzt, die Fingerspitzen beider gegeneinander

gepresst. Er wusste, dass er keinen Widerspruch zu erwarten hatte. Er war

nicht an Widerspruch gewöhnt. Er verachtete ihn.

„Es ist eine Schande für unser Jahrhundert, dass derartige Erscheinungen

noch möglich sind,“ fuhr er streng fort, „dass der Aberglaube eine solche

Macht auf die Gemüther noch ausüben kann. Allein die Ignoranz ist daran

schuld, systematisches Zurücksetzen des Wissenschaftlichen, des Positiven

in der Erziehung gegen Abstractionen, sogenannte Moral. Ich bitte Sie,

meine Herren! Was ist Moral? Moral ist die Anforderung des Magens in

Einklang gebracht mit dem, was von aussen diesen Magen befriedigen kann.

Unsre Moral, gesellschaftliche Moral ist das geregelte Productions- und

Consumtionsverhältniss. Moral endlich ist eine Sache des Bluts, der

Hirnpartikeln, Zellenconglomerat. Die Zelle ist Alles.“

Der grosse Mann sah sich triumphirend um. Er wusste, dass er etwas Grosses

gesagt hatte. „Wie es übrigens die Seele selber ist ...“ fuhr er

leutseliger fort. „Was ist Seele, als das vitale Princip der

Zellenschwingung auf das Abstracte angewendet? In den ersten Zeiten

brauchte man Kutscher und Pferde für die Wagen. Dann machte man’s mit

Dampf. Jetzt treibt die Electricität ohne äusserlich sichtbaren

Fortbewegungsapparat. Ein Grieche des Alcibiades hätte an Dämonen

geglaubt, ein Mönch des Mittelalters an den Teufel, ein von den

Missionaren bekehrter Wilder an Gott. – Wir wissen, weil wir sehen. Wo wir

nicht mehr sinnlich wahrnehmen, haben wir nur ein: Ignorabimus.“

Der Professor verbeugte sich gegen sein Publikum. Er war eilig. Eine hohe

Persönlichkeit verlangte seine Autorität in schwierigen Nervenleiden.

„Grosse Ueberreizung,“ decretirte der Professor. Ruhe, frische Luft,

blutbildende Nahrung, Pepton: Hygieia.

Das hatte er selbst erfunden und sich patentiren lassen. Der Professor

verstand auch das. Er war ein wirklich grosser Mann.

Dabei machte er sich niemals durch Propaganda missliebig. In seinem

Wahlkreis wählte er conservativ. „Für die Crapule ist das gut und schön.

Halbbildung bleibt das Allergefährlichste. Das fehlte uns gerade noch,

dass jeder Apothekerlehrling auf eigne Hand Experimente anstellte. Die

Laien sind eben Laien.“

Es war eine Lieblingsredensart von ihm, dass in der modernen Gesellschaft

die Autorität des Arztes die des Priesters ersetzt habe. Die Wissenschaft

war eine Macht, die Macht. Eigentlich verachtete er alle Andern, die

vielleicht momentan viel Lärm machten, sich wichtiger dünkten. Sie hatten

das nicht nöthig. „Alles das sind Blasen, flüchtige Gährungserscheinungen

an der Oberfläche, die die Grundbedingungen ganz unangetastet lassen. Es

ist das eben wie der Unterschied, ob ich mit meinen Augen sehe oder durch

ein sehr scharfes, vollkommenes Instrument. – Der grösste Geist, ein

König, ein Eroberer ist doch schließlich nur ein Laie, ein Decadent, ein

Entarteter vielleicht. Er betrifft uns eigentlich darum gar nicht, ändert

aber auch gar nichts an der Marche du jeu, den einmal gewonnenen und

festgelegten Resultaten. _Wir_ passen ihn ein, nicht er uns.“

Er machte einen abschneidenden Eindruck, wenn er dergleichen sagte,

inmitten seiner Arbeitssäle und Laboratorien, mit ihren kahlen,

weissgestrichnen Wänden, wo Instrumente und Präparate standen. Alle diese

Instrumente waren tadellos gehalten und blinkten in der Sonne. Man sah

alle Stoffe in ihre primitivsten Elemente zerlegt. Diese geistvollen

Einrichtungen und Neuerfindungen arbeiteten mit erstaunlicher Präcision

und Genauigkeit. Der Mann passte in dieses Milieu. Zusammen hatten sie

eine gewisse Grösse. Sein Colleg war immer gedrängt voll. Es gab eine

ganze neue Generation von Jugend, die sich mit Stolz seine Schüler

nannten. Er hatte sein ganzes Leben geforscht und gearbeitet. Arbeit und

Forschung waren ihm das Höchste.

Man warf ihm den grossen, weltumwendenden Einfluss des Christentums vor.

Er hatte einen jüngeren Freund und Collegen, der sich gern mit dem

Philosophischen befasste.

„Das sind Epidemieen, die ganze Zeitalter erfassen, wie die Blattern, die

Beulenpest. Uebrigens, was rechnen diese zwei- oder dreitausend Jahre

gegen die Tausende von Jahrtausenden, die die Erdoberfläche gebraucht hat,

sich zu bilden, ein einziger Diamant zu seiner Crystallisation bedurfte!

Das ist Alles sehr gleichgültig.“

„Es haben sich doch Menschen dafür schlachten und verbrennen lassen.“

„Menschen haben von jeher eine grosse Vorliebe dafür gehabt, sich um hohle

Töpfe die Schädel zu zerschlagen. Wie Hamlet sagt: Worte – Worte – Worte.

Uebrigens dieser Hamlet ist sehr interessant. In seinen Reflexionen auf

dem Kirchhof finden Sie alle Anfänge der Naturphilosophie. Sie erinnern

sich des Passus von Cäsar’s Staub?“

„Trotzdem stach er sich um ein Phantom.“

„Hamlet war eben ein Künstler,“ sagte der Professor beinah mitleidig.

„Shakespeare war ein grosser Dichter. Die grossen Dichter sind immer sehr

miserable Naturforscher. Nehmen wir Goethe! Die Phantasie – die

Phantasie!“

„Die Phantasie kann doch aber auch immer nur Vorstellungen von

Existirendem weiterspinnen. Sie müssen irgendwie in der Natur mit

vorhanden sein.“

„In der Natur ist noch Vieles.“ Der Professor zuckte die Achseln. „Wir

wissen es nicht.“

Aber der Freund ereiferte sich. Er war jung. Er neigte zur Phantastik. –

Jemand Andres war miteingetreten. Es war die junge Frau des Professors.

Sie war noch sehr jung, glücklich verheirathet und sollte zum ersten Mal

Mutter werden. Sie sprach wenig. Es war etwas Schleppendes, Sachtes in

ihren Bewegungen. Sie trug den Nacken gesenkt wie eine zu beschwerte

Aehre. Der Professor schob ihr sorgsam einen Stuhl zurecht. Sie sah nur

dankbar lächelnd zu ihm auf, und blieb so sitzen, ihre Hand in seiner.

„Es könnte doch aber eine Zeit kommen, dass wir wüssten,“ argumentirte der

Freund. „Und wäre es nicht denkbar, dass besonders begnadete Genies, sagen

wir Shakespeare, Goethe, Christus, Vieles vorgeahnt haben? Auch

Geheimnisse wieder verloren gingen? Waren doch schon die Phänomene des

Hypnotismus, der Autosuggestion den Alten bekannt? Dass man mit ihnen die

Wunder der biblischen Geschichte erklären könnte?“

„Ich weiss es nicht. Das erscheinen mir wieder Speculationen.“

Der Andre war begeistert, einmal lancirt: „Denken Sie sich auf diesem rein

empirischen Wege die Vereinigung des Uebersinnlichen mit der Wissenschaft

wiederhergestellt, im Fortschritt den Aufschritt! Die Natur, die wir arm

und nüchtern auffassen, tausendmal reicher, üppiger, wollüstiger. Eine

beseelte Natur. Die _Seele_, die wir suchen, nach der wir verhungern,

unsre Künstler, unsre grossen Energieen, unsre Jugend – da hätten wir die

Seele! Im Christentum die Darwinsche Theorie, Lombroso, Krafft-Ebing, kein

Gut und kein Böse, Tolstoi nicht mehr pathologisch, – unser ewiges,

elendes, billiges ‚pathologisch‘!“

Er gestikulirte heftig, den Sprüngen seiner Gedanken folgend. Er war ein

schöner, feuriger Mensch, fuhr sich mit der Hand durch die dichten

Haarbüschel.

Die junge Frau des Professors hatte aufmerksam zugehört. Sie sagte nichts,

sie dachte. Ein sehr süsser, sehnsüchtiger Friede lag auf ihrem Gesicht.

„Sie sind ein Dichter,“ sagte der Professor. „Enfin ... Wie wir uns drehen

und wenden: ‚Ein Mensch, der speculirt‘ ... Carpe diem. Es giebt keine

Weisheit als diese.“

„Zarathustra? Zarathustra! Auch blos ein pathologisches Problem jetzt –

der Weisheit letzter Schluss, das Endglied der grossen Kette. – Dionysos!

Die Entfesslung aller Kräfte. Flügel! Flügel! Flügel!“

„Wir müssen uns an die Erde, an das Normale halten.“

„Und das heutzutage Uebernormale, das Unternormale? Wo bringen wir das

unter?“

Das offne Gesicht des Freundes glühte. Er stand da in einer Pose des

Kampfes mit gereckten Fäusten.

Die junge Frau sah von einem der Männer zum andern. Sie litt nicht. Aber

sie war müde – von einer süssen Müdigkeit. Das beschwerte sie, aber machte

sie froh. – Ihre Augen hatten sich verschleiert. Es war, als ob sie sähe,

in etwas sehr Helles, Glänzendes sähe. Aber sie sprach nicht. Ein

träumendes Fühlen war in ihrem Sehen. ...

Der Professor machte eine abschneidende Handbewegung: „In unsern

Irrenhäusern.“

Der Fremde: Ein Gleichniss · 第 43 / 46 题