Der berühmte Professor wusch sich die Hände. Er that das immer mit
besondrer Umständlichkeit und Sorgfalt, schon um des guten Beispiels
willen. Man musste ein Beispiel geben. Uebrigens hatte er berühmt schöne
Hände.
„Es giebt nichts, was auf das Gehirn schädlicher einwirkt, als religiöse
Wahnvorstellungen,“ sagte der grosse Mann. „Schon das Bedürfniss einer
Religion überhaupt. Ich will nicht mit einem hochlöblichen Consistorium in
Conflict kommen oder auf den neuesten Paragraphen der Lex eingesteckt
werden ...“ Der Geheimrath geruhte zuweilen dergleichen Witze, die immer
auf brüllenden Applaus rechnen konnten ... „Es ist bekannt, dass Mohammed
epileptisch war, an der Fallsucht litt. Christus hatte in seiner Jugend
die Satzungen der Essäer angenommen, unter denen die Forderung der
absoluten geschlechtlichen Enthaltsamkeit, neben strictem Vegetarismus,
Fasten, Waschungen aller orientalischen Kulte, obenan stand. Nun weiss
heutzutage Jedermann, dass die Unterdrückung des Paarungstriebes die
Ursache zahlreicher Verbrechen, in vielen Fällen des Irrsinns ist. Chassez
le naturel, il reviendra au galop. Die Natur, meine Herren! Die
Wissenschaft ist die erkannte Natur.“
Der Professor hatte seine Hände fertig gewaschen und sorgfältig
abgetrocknet. Er stand jetzt, die Fingerspitzen beider gegeneinander
gepresst. Er wusste, dass er keinen Widerspruch zu erwarten hatte. Er war
nicht an Widerspruch gewöhnt. Er verachtete ihn.
„Es ist eine Schande für unser Jahrhundert, dass derartige Erscheinungen
noch möglich sind,“ fuhr er streng fort, „dass der Aberglaube eine solche
Macht auf die Gemüther noch ausüben kann. Allein die Ignoranz ist daran
schuld, systematisches Zurücksetzen des Wissenschaftlichen, des Positiven
in der Erziehung gegen Abstractionen, sogenannte Moral. Ich bitte Sie,
meine Herren! Was ist Moral? Moral ist die Anforderung des Magens in
Einklang gebracht mit dem, was von aussen diesen Magen befriedigen kann.
Unsre Moral, gesellschaftliche Moral ist das geregelte Productions- und
Consumtionsverhältniss. Moral endlich ist eine Sache des Bluts, der
Hirnpartikeln, Zellenconglomerat. Die Zelle ist Alles.“
Der grosse Mann sah sich triumphirend um. Er wusste, dass er etwas Grosses
gesagt hatte. „Wie es übrigens die Seele selber ist ...“ fuhr er
leutseliger fort. „Was ist Seele, als das vitale Princip der
Zellenschwingung auf das Abstracte angewendet? In den ersten Zeiten
brauchte man Kutscher und Pferde für die Wagen. Dann machte man’s mit
Dampf. Jetzt treibt die Electricität ohne äusserlich sichtbaren
Fortbewegungsapparat. Ein Grieche des Alcibiades hätte an Dämonen
geglaubt, ein Mönch des Mittelalters an den Teufel, ein von den
Missionaren bekehrter Wilder an Gott. – Wir wissen, weil wir sehen. Wo wir
nicht mehr sinnlich wahrnehmen, haben wir nur ein: Ignorabimus.“
Der Professor verbeugte sich gegen sein Publikum. Er war eilig. Eine hohe
Persönlichkeit verlangte seine Autorität in schwierigen Nervenleiden.
„Grosse Ueberreizung,“ decretirte der Professor. Ruhe, frische Luft,
blutbildende Nahrung, Pepton: Hygieia.
Das hatte er selbst erfunden und sich patentiren lassen. Der Professor
verstand auch das. Er war ein wirklich grosser Mann.
Dabei machte er sich niemals durch Propaganda missliebig. In seinem
Wahlkreis wählte er conservativ. „Für die Crapule ist das gut und schön.
Halbbildung bleibt das Allergefährlichste. Das fehlte uns gerade noch,
dass jeder Apothekerlehrling auf eigne Hand Experimente anstellte. Die
Laien sind eben Laien.“
Es war eine Lieblingsredensart von ihm, dass in der modernen Gesellschaft
die Autorität des Arztes die des Priesters ersetzt habe. Die Wissenschaft
war eine Macht, die Macht. Eigentlich verachtete er alle Andern, die
vielleicht momentan viel Lärm machten, sich wichtiger dünkten. Sie hatten
das nicht nöthig. „Alles das sind Blasen, flüchtige Gährungserscheinungen
an der Oberfläche, die die Grundbedingungen ganz unangetastet lassen. Es
ist das eben wie der Unterschied, ob ich mit meinen Augen sehe oder durch
ein sehr scharfes, vollkommenes Instrument. – Der grösste Geist, ein
König, ein Eroberer ist doch schließlich nur ein Laie, ein Decadent, ein
Entarteter vielleicht. Er betrifft uns eigentlich darum gar nicht, ändert
aber auch gar nichts an der Marche du jeu, den einmal gewonnenen und
festgelegten Resultaten. _Wir_ passen ihn ein, nicht er uns.“
Er machte einen abschneidenden Eindruck, wenn er dergleichen sagte,
inmitten seiner Arbeitssäle und Laboratorien, mit ihren kahlen,
weissgestrichnen Wänden, wo Instrumente und Präparate standen. Alle diese
Instrumente waren tadellos gehalten und blinkten in der Sonne. Man sah
alle Stoffe in ihre primitivsten Elemente zerlegt. Diese geistvollen
Einrichtungen und Neuerfindungen arbeiteten mit erstaunlicher Präcision
und Genauigkeit. Der Mann passte in dieses Milieu. Zusammen hatten sie
eine gewisse Grösse. Sein Colleg war immer gedrängt voll. Es gab eine
ganze neue Generation von Jugend, die sich mit Stolz seine Schüler
nannten. Er hatte sein ganzes Leben geforscht und gearbeitet. Arbeit und
Forschung waren ihm das Höchste.
Man warf ihm den grossen, weltumwendenden Einfluss des Christentums vor.
Er hatte einen jüngeren Freund und Collegen, der sich gern mit dem
Philosophischen befasste.
„Das sind Epidemieen, die ganze Zeitalter erfassen, wie die Blattern, die
Beulenpest. Uebrigens, was rechnen diese zwei- oder dreitausend Jahre
gegen die Tausende von Jahrtausenden, die die Erdoberfläche gebraucht hat,
sich zu bilden, ein einziger Diamant zu seiner Crystallisation bedurfte!
Das ist Alles sehr gleichgültig.“
„Es haben sich doch Menschen dafür schlachten und verbrennen lassen.“
„Menschen haben von jeher eine grosse Vorliebe dafür gehabt, sich um hohle
Töpfe die Schädel zu zerschlagen. Wie Hamlet sagt: Worte – Worte – Worte.
Uebrigens dieser Hamlet ist sehr interessant. In seinen Reflexionen auf
dem Kirchhof finden Sie alle Anfänge der Naturphilosophie. Sie erinnern
sich des Passus von Cäsar’s Staub?“
„Trotzdem stach er sich um ein Phantom.“
„Hamlet war eben ein Künstler,“ sagte der Professor beinah mitleidig.
„Shakespeare war ein grosser Dichter. Die grossen Dichter sind immer sehr
miserable Naturforscher. Nehmen wir Goethe! Die Phantasie – die
Phantasie!“
„Die Phantasie kann doch aber auch immer nur Vorstellungen von
Existirendem weiterspinnen. Sie müssen irgendwie in der Natur mit
vorhanden sein.“
„In der Natur ist noch Vieles.“ Der Professor zuckte die Achseln. „Wir
wissen es nicht.“
Aber der Freund ereiferte sich. Er war jung. Er neigte zur Phantastik. –
Jemand Andres war miteingetreten. Es war die junge Frau des Professors.
Sie war noch sehr jung, glücklich verheirathet und sollte zum ersten Mal
Mutter werden. Sie sprach wenig. Es war etwas Schleppendes, Sachtes in
ihren Bewegungen. Sie trug den Nacken gesenkt wie eine zu beschwerte
Aehre. Der Professor schob ihr sorgsam einen Stuhl zurecht. Sie sah nur
dankbar lächelnd zu ihm auf, und blieb so sitzen, ihre Hand in seiner.
„Es könnte doch aber eine Zeit kommen, dass wir wüssten,“ argumentirte der
Freund. „Und wäre es nicht denkbar, dass besonders begnadete Genies, sagen
wir Shakespeare, Goethe, Christus, Vieles vorgeahnt haben? Auch
Geheimnisse wieder verloren gingen? Waren doch schon die Phänomene des
Hypnotismus, der Autosuggestion den Alten bekannt? Dass man mit ihnen die
Wunder der biblischen Geschichte erklären könnte?“
„Ich weiss es nicht. Das erscheinen mir wieder Speculationen.“
Der Andre war begeistert, einmal lancirt: „Denken Sie sich auf diesem rein
empirischen Wege die Vereinigung des Uebersinnlichen mit der Wissenschaft
wiederhergestellt, im Fortschritt den Aufschritt! Die Natur, die wir arm
und nüchtern auffassen, tausendmal reicher, üppiger, wollüstiger. Eine
beseelte Natur. Die _Seele_, die wir suchen, nach der wir verhungern,
unsre Künstler, unsre grossen Energieen, unsre Jugend – da hätten wir die
Seele! Im Christentum die Darwinsche Theorie, Lombroso, Krafft-Ebing, kein
Gut und kein Böse, Tolstoi nicht mehr pathologisch, – unser ewiges,
elendes, billiges ‚pathologisch‘!“
Er gestikulirte heftig, den Sprüngen seiner Gedanken folgend. Er war ein
schöner, feuriger Mensch, fuhr sich mit der Hand durch die dichten
Haarbüschel.
Die junge Frau des Professors hatte aufmerksam zugehört. Sie sagte nichts,
sie dachte. Ein sehr süsser, sehnsüchtiger Friede lag auf ihrem Gesicht.
„Sie sind ein Dichter,“ sagte der Professor. „Enfin ... Wie wir uns drehen
und wenden: ‚Ein Mensch, der speculirt‘ ... Carpe diem. Es giebt keine
Weisheit als diese.“
„Zarathustra? Zarathustra! Auch blos ein pathologisches Problem jetzt –
der Weisheit letzter Schluss, das Endglied der grossen Kette. – Dionysos!
Die Entfesslung aller Kräfte. Flügel! Flügel! Flügel!“
„Wir müssen uns an die Erde, an das Normale halten.“
„Und das heutzutage Uebernormale, das Unternormale? Wo bringen wir das
unter?“
Das offne Gesicht des Freundes glühte. Er stand da in einer Pose des
Kampfes mit gereckten Fäusten.
Die junge Frau sah von einem der Männer zum andern. Sie litt nicht. Aber
sie war müde – von einer süssen Müdigkeit. Das beschwerte sie, aber machte
sie froh. – Ihre Augen hatten sich verschleiert. Es war, als ob sie sähe,
in etwas sehr Helles, Glänzendes sähe. Aber sie sprach nicht. Ein
träumendes Fühlen war in ihrem Sehen. ...
Der Professor machte eine abschneidende Handbewegung: „In unsern
Irrenhäusern.“