Sie fragten: „Was bezeichnen Sie als sein Gesetz?“

Er sprach: „Es steht geschrieben: Wer gestohlen hat, der stehle nicht

wieder, sondern schaffe mit seinen Händen, auf dass er habe zu geben dem

Dürftigen. Du sollst Deinem Bruder vergeben sieben mal siebenzig mal. Und

was Du nicht gethan hast diesem Geringsten Einem, das hast Du mir nicht

gethan.“

„Ein geschriebnes Recht muss sein um der Ordnung willen,“ warfen sie ein.

„Ich sehe nur Unordnung. Ihr habt täglich zu thun mit Solchen.“

„Das sind Ausnahmen.“

„Die Andern bleiben in der Regel, weil sie den Vortheil davon haben.“

„Er ist scharf wie ein alter Fuchs,“ schmunzelte der Amtsrichter.

„Ohne Zwang ist in menschlichen Dingen kein dauerhafter Zustand möglich.“

„Der Zwang trifft nur die Aeusserung. Er ändert die Gesinnung nicht. Die

mächtig genug sind, verachten ihn, und diese sind die stärksten, die das

Beispiel geben.“

„Da hat er, den Teufel! nicht Unrecht. Unsre Banquiers und Minister

könnten davon ein Liedchen singen.“

„Glauben Sie, dass dieser Zustand ohne Gesetzlosigkeit, ohne Mord und

Todtschlag je möglich sein wird?“

„Wenn Jeder sich selbst Gesetz ist.“

„Dann hat’s gute Weile.“

Der Gelbe wollte wissen, ob er Seine Majestät den König anerkennte?

„Wenn Unordnung ist, ist es gut, dass Einer sei. So aber Ordnung ist, wozu

ist ein Herr?“

Der Feierliche fand, dass darin doch eine Majestätsbeleidigung läge, zum

Mindesten Zweideutigkeit.

„Glauben Sie an Gott?“

Er glaubte natürlich nicht. Der Pfarrer hatte es haarklein bewiesen,

Aussprüche zusammengestellt. Ein ganz hohler Pantheismus war vielleicht

vorhanden.

Der Assessor fand, ein paar Monate könnten nichts schaden. Man musste sich

schneidig zeigen.

Der joviale Amtsrichter war dagegen: „Er hat nicht gestohlen, thut Keinem

was zu Leide. Lassen Sie ihn laufen!“

Der Assessor langweilte sich. Er fand, dass es für ihn überhaupt nicht der

Mühe werth sei, sich mit einem abgerissnen Strolch länger zu beschäftigen.

Man hatte genug zu thun, Beleidigungen socialistischer Redacteure

aufzunehmen. Das machte einen guten Eindruck nach oben. Er sah sich gern

als Präsidenten des Reichsgerichts in scharfer, schneidender Rede die

Gesellschaft retten. Das war vornehm gewesen seit Jeffrey’s Zeiten. Aus

diesem Grunde opinirte er auch gegen Dreyfus.

Den Vorsitzenden verfolgte die fixe Idee der Majestätsbeleidigung: „Ob man

die Steuer zahlen sollte?“ wollte er wissen.

„Ist sie für das Allgemeine, so ist es billig, dass ein Jeder trage. Ist

sie nicht, so mag der tragen, der sie braucht.“

Sie stellten ihm eine Menge Fragen, woher er käme, was sein Name und Stand

sei? Auch über seine Geldverhältnisse wollten sie wissen? Wovon er sich

ernährte?

Auf dieses Alles antwortete er nicht.

Nun fingen sie an, Erkundigungen anderweitig einzuziehen. Es gab Leute,

die es beschworen, dass er ein Joseph Schäppli aus Bing in Württemberg

sei, der schon in seiner Jugend geistesgestört gewesen, seinen Eltern

davongelaufen und dann verschwunden war.

Man that noch ein Uebriges. Da die alte Mutter Schäppli noch lebte,

beschloss man ihn mit dieser zu confrontiren, sie auf Gerichtskosten

herkommen zu lassen.

Der Erfolg schien allen Zweiflern Recht zu geben. Es erschien vor Gericht

eine uralte verhutzelte Bauersfrau, ganz benommen von der Wichtigkeit und

Würde des Orts, diesen vielen Augen, die auf sie gerichtet waren. Sie

versuchte abwechselnd ihren mitgebrachten Korb mit Esswaaren zu sichern,

aus den Mienen der Umstehenden zu errathen, was man mit ihr vorhatte.

Natürlich hatte sie ihren besten Sonntagsstaat angelegt. Man hatte das

Gefühl eines alten Nacht- oder Erdthiers, plötzlich an’s Licht gebracht,

das in die Sonne blinzelt, sich verkriechen möchte.

Sie erkannte ihn sofort: „O mein Sohn Joseph!“ schrie sie. „Mein armer

Sohn! Du böses Kind! Bist Du mir fortgelaufen und wo hast Du Dich

umgetrieben so lange?“

Auf dies Alles antwortete er kühl, aber freundlich: „Du irrst, Frau! Ich

bin Dein Sohn nicht.“

Nun gerieth die Alte ganz ausser sich: „Nicht mein Sohn? Was? Habe ich

Dich nicht in Schmerzen geboren? So spät kamst Du, dass die Wehmutter es

aufgab. Wir dachten, ich würde nicht lebendig bleiben. Dann war es ein

grosses, starkes Kind, zehn Pfund schwer, dass alle Nachbarinnen über das

Wunder schrieen. Hinterher kam das mit dem schwachen Kopf, wo gar nichts

anzufangen war. Nicht mal zum Viehhüten taugte das. ‚Geben Sie’s nur auf,

Schäpplerin,‘ sagte der Herr Pfarrer. ‚Den hat sich der Herrgott

gezeichnet.‘“

Sie fing plötzlich an zu weinen und wurde zärtlich. „Bin ich nicht doch

gut zu Dir gewesen? Hab’ Dich trocken gelegt jede Nacht, wenn Du

schrieest? Und wie Du krank warst, hab’ ich Dir Hirsenbrei gekocht. Du

assest so gern Hirsenbrei und getrocknete Pflaumen. Dafür liessest Du

gerade Dein Leben. Mein Joseph! Mein Seppli! Mein eigner Herzbub! Und

willst nun Deine eigne alte Mutter nicht kennen?“

Er sprach: „So nun sind die Weiber. Weil sie Dir Brot gegeben und den Leib

gewaschen, bilden sie sich ein, dass sie Dir eine Seele geschaffen, einen

unsterblichen Menschen aus Dir gemacht haben. O kleine Kinder im grauen

Haar! Thörinnen, die Ihr Mütter seid!“

Danach, wie er sah, dass Einige diese Rede hart fanden, Andre sie richtig

nannten, die Alte aber schluchzte und lamentirte, sagte er:

„Dennoch ist die Mutter immer verehrungswürdig. Sie hat gelitten. Sie hat

leibliche Schmerzen gelitten, wie das Kind zur Welt kam. Alle Noth und

Last trägt sie mit ihm in seiner Schwachheit. Danach wird es zum Manne und

lässt sie. So ist es wohl ihres und doch nicht ihrs. – Sie leidet im

Fleische um einer unsterblichen Seele willen. – Viele schelten dies

Geschlecht schwach. Es ist aber nicht so, da sich in ihrem Leibe sichtlich

das heilige Wunder der Erlösung zeigt.“

Und war gütig zu der alten Frau, tröstete sie und hinterliess sie mit

Gaben, die seine Freunde für ihn sandten.

Vielen war das wieder ein Zeichen: „Er weiss sehr wohl, dass er ihr Sohn

ist. Würde er sie ehren, wenn sie nicht seine Mutter ist?“

Er sprach: „Und wenn sie es wäre? Was ist eine Mutter? Hat sie mir meine

Gedanken gegeben? Trägt sie Schmerzen für mich? Und fühlt sie mit meinem

Fühlen? Der Antheil der Mutter ist vom Fleisch. Wir sind aber nicht

Fleisch, sondern Geist.

... „Vor Augen siehet diese Art, was wahrscheinlich ist. – Das Wahre aber

siehet sie nicht. Wenn sie es sähen, würde es ihre Augen verbrennen. –

Aber die Blinden haben auch Augen.“

Danach schwieg er und sagte nichts mehr über diesen Fall, erklärte sich

auch nicht deutlicher.

Dieser Umstand der Recognoscirung durch die eigne Mutter beruhigte die

Richter ganz und gar. Sie dachten nun wohl, dass er ein Narr und Kranker

sei. Uebrigens bildete nicht die Familie die Grundlage und Urform jedes

gesunden Staatsorganismus? Das heiligste Gut der Nation? Einer, der nicht

mal die Familie anerkannte, leugnete das Bestehende durch diese Thatsache

schon. – Der Gelbe war für mindestens zwei Jahre und kurzen Process. Aber

die Herren amüsirten sich zu gut bei dem Fall. Es machte ihnen Spass, ihn

auszuhorchen über seine Ansichten. Was er von ihrer Justiz denke? Ob er

mehr für deutsches Recht sei oder für römisches? Auch fanden sie

verzwickte Streitfälle, die er entscheiden sollte. Und ob er die

Todesstrafe billigte oder missbilligte?

Es war ein förmlicher Sport unter ihnen geworden. Der dicke

Amtsgerichtsrath war der Lustigste. Er nannte ihn scherzhaft seinen

Christus und sich Pontius Pilatus. – Der Assessor dachte an Berlin und die

Blumensäle. Er war weit weg. Der grosse Gelehrte fand, dass dergleichen

die Köpfe verwirrte. Er war sehr gegen Verwirrung der Köpfe. Er hatte alle

Materien in Schubfächer und Unterschubfächer eingetheilt, und man wusste,

dass sein Urtheil unbestechlich war. Ueberdies _fand_ er die

Majestätsbeleidigung. Die Majestätsbeleidigung lag sonnenklar.

Besonders konnte ihn eine Behauptung des Jovialen irritiren, dass der

Fremde eigentlich ein „genialer Kerl“ sei, ein religiöses Genie.

„Genies – Genies – die hätte man auch Alle einstecken sollen.“

„Auch Goethe?“

„Was ist Goethe? Ein Kerl, der keinen Patriotismus hatte, einen

unmoralischen Lebenswandel führte.“

„Er ist aber doch Excellenz geworden.“

„Es kommt ja vor. Im Grunde ist das Alles höherer Anarchismus,

selbstverfertigte Autoritäten, Parvenügewalten. Sehen Sie selbst

Bismarck ...“ Der eminente Jurist war ultramontan.

„Aber Pommeränicke!“ Der dicke Polizeidiener bildete das besondere

Steckenpferd seines humoristisch veranlagten Vorgesetzten. In seinen

Mussestunden schlachtete er Schweine, lieh Geld auf Wucherzinsen und

füllte in seiner kleinen Methodistengemeinde ein kirchliches Amt aus.

„Pommeränicke ist nothwendig, existenzberechtigt. Pommeränicke _ist_!“

„Die Fleisch und Fett gewordene Potenz des mittleren

Gerechtigkeitsgefühls. _Es lebe_ Pommeränicke!“

„Sie sind ein Farceur.“ Der Gelbe grollte und kollerte in sich hinein. Er

hasste, wenn man irgend etwas, das mit einer Staatseinrichtung

zusammenhing, nicht ernsthaft nahm. Er war immer ernsthaft. Lachen war

eine Frechheit eigentlich. Anarchismus, Majestätsbeleidigung. Nur

pietätlose Menschen lachten.

Der Assessor hatte Besuch von Berlin. Diese Damen und Herren wünschten

innig ein Zuchthaus zu besichtigen. Das Sociale war Mode. Man verständigte

sich mit dem Director.

Auch der Amtsrichter und sein Freund waren mit.

Alles interessirte ausnehmend. Die Hunderte von kleinen Zellen mit starken

Eisenbarren vor den hohen Fensterluken, der Arbeitssaal, die Kirche, wo

die einzelnen Sitze durch Brettwände abgetheilt waren, um eine

Communication der Sträflinge miteinander zu verhindern, der gepflasterte

Hofstreifen zwischen Steinwänden, in dem sie ihre Spaziergänge machen.

Alles war musterhaft eingerichtet, beinah comfortabel, mit Lazareth,

Apotheke, Badeanstalt. Und diese wohlthuende Stille! „Förmlich

nervenberuhigend,“ meinte die Mama.

Der Herr erkundigte sich, ob und unter welchen Bedingungen geprügelt

werden dürfte? Er liess sich die Einrichtung erklären. Er war sehr

überzeugt von der Zweckmässigkeit solcher Strafen. Der affenartige

Gehorsam, mit dem die Sträflinge aufsprangen, Antwort gaben, imponirte

ihm. Er war selbst Besitzer eines grossen industriellen Etablissements.

„Da haben Sie’s bequemer!“ meinte er scherzend.

Die jungen Damen interessirten hauptsächlich die Insassen. Besonders ganz

schwere Verbrecher. Sie waren fast enttäuscht, dass ihre Unthaten nicht

noch viel furchtbarer waren. Und waren Frauen da? Sie baten und flehten,

wenigstens einen Ausblick auf die im Hofe Promenirenden thun zu dürfen. –

Es war so amüsant, durch die kleinen Gitterfenster zu gucken, gerade als

ob man wilde Thiere beobachtete. So Einer konnte doch jeden Moment

ausbrechen und ihnen mit der Hand an die Gurgel fahren.

Dass Alle glattgeschoren und rasirt waren, wunderte sie am meisten. „Die

sehen ja fast wie katholische Priester aus,“ meinte ein Offizier.

Von da kam man auf physische Eigenthümlichkeiten, Abnormitäten der

Verbrecher zu sprechen. Der Assessor als moderner Mann hatte sich mit

Anthropometrie befasst. Man citirte Charcot, Tarbe, Lombroso. Es stand ja

beinah fest, dass alle Verbrechen Wahnsinn seien, erbliche Belastung,

durch Alkoholismus hervorgerufen: „Man müsste die Leute einfach in

Irrenanstalten unterbringen.“

„Oder blenden, verstümmeln,“ schlug Einer vor.

Man rechnete genau aus, wieviel ein solcher Zuchthäusler dem Staat

jährlich kostete. Davon konnte fast schon ein ehrlicher Arbeiter satt

werden. Zudem drückte ihre Arbeit die Preise der in Freiheit Arbeitenden

herab. Nun ja, das jetzige System war dumm.

Der Amtsgerichtsrath erzählte von einer Hinrichtung, der er als ganz

junger Mensch aus professionellen und psychologischen Gründen beigewohnt

hatte. Es handelte sich um irgend einen ganz entsetzlichen Mörder, einen

Zwanzigjährigen, der eine alte Frau, seine eigne Grossmutter, mit der Axt

todtgeschlagen und zerstückelt hatte. Er war nach vollbrachter That ruhig

noch in ein Café gegangen, um eine Parthie Billard zu spielen. Da war er

auch arretirt worden.

„Sie ärgerte mich,“ blieb seine stereotype Antwort auf alle Fragen nach

den Beweggründen seines Verbrechens. Er blieb ganz stumpfsinnig, ass und

trank und ergab sich in sein Schicksal.

„Nun gut. Diesen Kerl habe ich genau beobachtet. Er hatte nur etwas

Verblüfftes, wie Einer, der eben aus dem Schlaf geweckt und noch nicht

vollständig wach geworden ist. Alle Reden des Pastors, der Gerichtsbeamten

liess er ruhig über sich ergehen. Noch zuletzt forderte er eine Cigarette.

– Alles hatte etwas Eiliges, Unvorbereitetes, Gesudeltes, obgleich es

feierlich sein sollte, eindrucksvoll, wirksam. Dieser Mann starb wie ein

Ochse, der geschlachtet wird. Ich hatte nur den Eindruck stupidester,

verantwortungsloser Dummheit.“

Man kam auf die politischen Verbrecher zu sprechen, Verbrecher aus

Mitleid, Nihilisten und Fenier. Jeder wusste curiose Facta: Dieser hatte

jedes Stück Brot mit Aermeren getheilt. Ein Andrer schrieb die

sentimentalsten Verse und päppelte kranke Hunde auf. Ein Dritter wieder

besass eine Geliebte, die mit ihm sterben wollte, Freunde, die um ihn zu

rächen ihr eignes Leben dran setzten. Manche waren Märtyrer, Helden.

Spätere Jahrhunderte hatten ihnen Denksteine gesetzt.

Der Contrast brachte den Gerichtsrath auf einen andern Fall. „Da haben wir

nun heute eine Frau im hochschwangeren Zustand, die beim Jäten im Garten

ein Gericht Bohnen gestohlen hat. Die Frau bekam für ihre Arbeit

fünfundsiebzig Pfennig Tagelohn. Sie war hungrig. Das Gericht Bohnen hat

einen Werth von fünfundzwanzig Pfennigen. Die eigentliche wirkliche

Gemeinheit ist die Anzeige der Gartenbesitzerin, als der Arbeitgeberin,

die sie seit sechs Jahren beschäftigt. Die ärztliche Wissenschaft, die

Menschlichkeit sprechen sie frei. Dennoch müssen wir sie verurtheilen,

weil es der Buchstabe will, weil es gedruckt steht. Wo bleibt nun da die

Vernunft?“

Der Amtsgerichtsrath zuckte die behäbigen Schultern. „Schliesslich, meine

Herrschaften – was ist Vernunft?“

Der Fremde: Ein Gleichniss · 第 42 / 46 题