DAS SIEBZEHNTE KAPITEL.

Dies geschah, als eine Empörung kam im Lande.

Die Armen wollten nicht Hunger leiden und arm sein mehr. Es gab eine

grosse Anzahl der Arbeitslosen auf allen Landstrassen, weil die Zeiten

schlecht waren. Man hatte eine solche Fülle der Güter in den vergangenen

Jahren auf den Markt geworfen, dass Niemand mehr Waaren kaufen wollte. Das

Korn lag in den Speichern und verdarb. Das Fleisch wurde zu theuren

Preisen verkauft, weil die Händler nicht wussten was zu thun mit den

Massen ihres Viehs, Einige riethen es todtzuschlagen und zu vergraben.

Während die Armen Hunger litten. Sie zogen umher in grossen Banden, Weiber

und Kinder, müssig vom Morgen bis zum Abend, denn sie sprachen: „Was nützt

es, so wir doch keine Arbeit finden. Lasst uns essen und trinken und

todtschlagen, denn morgen sind wir todt.“

Gegen diese schickte man grosse Mengen Soldaten und Militair. Sie

vertilgten Viele von ihnen und schlugen sie in blutigen Schlachten, dass

das Blut auf dem Strassenpflaster floss, die Köpfe der Fallenden sich

zerschlugen am harten Stein. Ihr Gehirn stürzte aus den Schädeln gleich

Wasser aus festen Töpfen. Von Geschrei und Wehklagen war die Luft erfüllt

wie in einem Schlachthause.

Es kam aber auch vor, dass welche von den Soldaten ihre Helme und Röcke

wegwarfen, zu den Feinden übergingen, neben welchen sie kämpften auf hohen

Barrikaden, in engen Strassen, die man versperrt hatte mit umgestürzten

Wagen, Matratzen und Möbelstücken aus den Häusern.

Der Kampf wurde noch blutiger dadurch. Die Andern machten Jagd auf ihre

früheren Kameraden, schlugen sie todt wie die Hunde. Es gab keinen Pardon

mehr auf beiden Seiten. Das Gemetzel war furchtbar, dass alle Häuser

gefüllt waren mit Sterbenden und Verwundeten. Selbst die Leichen

verschonte man nicht, übte an ihnen grausame Verstümmelung, dass viele

zarte Frauen und Mädchen den Verstand verloren vom Grauen des Anblicks.

Die Leute, die sich verloren sahen, tödteten sich lieber selber, ehe sie

sich dem Feind übergaben in seiner Grausamkeit, der sie einschloss,

zusammenpackte in den Gefängnissen, getödtet zu werden oder gerichtet zum

Leben, wie es der Richter recht befand. Es waren junge Leute unter ihnen

von achtzehn und zwanzig Jahren, denen der Tod lieblich und glorreich

dünkte gegen Zuchthausarbeit und Ketten.

Solches kam auch vor den König und verdross ihn sehr in seinem Herzen,

bekümmerte ihn, dass er keine Ruhe fand, oft nicht schlafen konnte in der

Nacht.

So liess er sich den grossen Prediger der Socialisten holen, den er noch

immer im Gefängniss hielt. Denn wiewohl keine Ursache gegen ihn vorlag,

wollte man ihn doch nicht freilassen. Seine Name ward geschrieen auf den

Strassen. Viele behaupteten, dass geheime Verbindung bestand zwischen ihm

im Gefängniss und seinen Anhängern ausserhalb. Diese forderten laut, dass

man ihm den Process machte, ein Exempel statuirte zur Abschreckung der

Andern, weil er wohlbekannt war, sein Name als eine Fahne diente, der sie

Alle folgten.

Dieser sprach unerschrocken vor dem König. „Es ist Deine Schuld so gut wie

dieser, wenn sie jetzt blutgierige Thiere sind. Ihr habt sie gehalten als

Thiere in Unwissenheit und Rohheit.“

Der König sprach: „Ich will ihnen ja geben. Aber ich kann ihnen nicht

Alles geben.“

Er sprach: „Es ist viel wichtiger, dass Du giebst, denn was sie nehmen. So

lange Einer hat, werden sie unzufrieden sein. So aber Keiner hat, sich

sorge, wie er seine Habe halte, sind Alle zufrieden. Ausserdem dass es

Deiner eignen Seele gut ist.“

Davon wollte er nichts hören, schickte ihn immer und immer wieder weg.

Aber wenn seine Bekümmerniss gross war und seine Seele sehr unruhig in

ihm, schickte er von Neuem und liess ihn holen. Und wollte nichts hören,

wenn seine Räthe drängten, sie sprachen: „Wir haben den Beweis und den.

Sein Kopf muss fallen, denn er ist ein Hochverräther.“

So dass ein Gerede ging im ganzen Land: „Der Drechslergeselle ist mehr

denn unser König. Der Sohn der Gosse giebt die Gesetze im Staat.“

Sie verbreiteten dies Gerücht mit Fleiss bis zu den fremden Königen, dass

diese Briefe schrieben, sich darüber bewegten. Alle sagten: „Er hat keine

Macht mehr in seinem eignen Staat. Sie ist in die Hände dieses Aufrührers

gegeben, der ihn am Narrenseil führt, eine Herrschaft der Bettler

errichtet über seinem Thron.“

Seine Räthe beeilten sich, dieses Gerede wieder vor den Fürsten zu

bringen, denn sie wussten, dass solches ihn wurmen, in ihm fressen musste

wie glühendes Eisen. Er hielt viel auf seine Würde, die er von seinen

Vätern ererbt hatte, und war noch ein junger Fürst, solchen Tand der

Majestät gewohnt von Jugend auf.

Sie neigten sich bis zur Erde vor ihm, leckten seine Schuhsohlen, während

sie ihm grobe Schmeicheleien sagten. „Dein Angesicht ist strahlender wie

die Sonne. Wer in seinem Schatten lebt, muss sterben und verkümmern.“ Sie

priesen seine Weisheit, die grösser sei denn die aller Gelehrten und

Weisesten im Land. Aber seine Macht war grösser als aller Könige ringsum.

So er nur wollte, war er der Herr der Welt. Das Wort aus seinem Munde

blieb Gesetz. Der blutige Kriegsruhm seiner Vorfahren würde ihm folgen auf

allen seinen Fahrten.

Zur selben Zeit versuchten sie geflissentlich den Reformator zu

verringern: „Wer ist dieser Mann? Ein Niedriggeborner und Aufgeblasner,

der seinen eignen Vortheil sucht in dem der Crapule. Wie wagt er zu Dir zu

sprechen, den Gott selbst gesalbt hat! Könige sind gewesen von Anbeginn

der Zeiten. Wer wird die Macht haben, wenn Du sie nicht hältst?

Vielschwätzer, armselige, kleine Krämer und Pillendreher? Man denkt, dass

Du ihn fürchtest. Der Aufruhr zieht neues Blut aus seiner Gegenwart, weil

Keiner denkt, dass Du ihn angreifen wirst, dem Dein Schweigen Recht giebt.

Du selbst bist erschüttert in Deinem Innern, glaubst nicht an Dein

heiliges Richteramt, dass Du bist von der Gnade Gottes, der Höchste der

Sterblichen, ihnen zu Dienst und Anbetung gesetzt von oben.“

So peinigten sie die Seele des Fürsten, beugten sich in den Staub, gaben

grosse Feste. Böller donnerten, Fahnen wehten. Man brachte köstliche

Geschenke von Silber und Gold. Alle Truppen in glänzenden Uniformen mit

blinkenden Waffen defilirten. Das Zucken seiner Wimpern war für sie

Gesetz. Wo er auftrat, folgten seinem Tritt Tausende.

So dass sein Herz wieder stark wurde in ihm: „Es ist Alles zum Besten

eingerichtet. Da sieh doch! Und höre den Jubel meines Volkes bei meinem

Einzug.“

Der Gefangene aber blieb fest. „Es ist nicht gut. Von Dir wird gefordert

werden Gut und Böse.“

Dass sie sich nicht einigen konnten, der König ihn wegschickte im Aerger.

Diesem stiess ein ganz seltsames Begebniss zu.

Als er nach seinem Jugendfreund Johannes fragte, der sein bester Geselle

gewesen war, Rathgeber in allen Dingen, – und er hatte keinen lieberen

Freund wie ihn oder einen, der gerechter war und weiser, – sagte man ihm,

dass dieser sein Haus nicht verlassen habe, hielt sich eingeschlossen in

seinem Hause und antwortete Niemandem, nicht seinen Eltern, die ihn mit

Thränen beschworen, noch seinen Freunden, die um ihn sorgten, auch nicht

den Vorgesetzten, die ihn zu den Pflichten seines Amtes ermahnten. So dass

Jedermann anfing an seinem Verstand zu zweifeln, die seltsamsten Gerüchte

über ihn umgingen in der Stadt. Nur eine schlechte, wilde Katze hätte er

mit sich gebracht aus dem Walde. Er gab ihr zu essen und beobachtete sie

lange auf ihren Raubgängen. Des Abends kam sie sehr nahe zum Feuer und

schlief da zusammengerollt mit eingezogenen Krallen, während er wachend

dachte, das Oel nicht ausgehen liess Tag und Nacht. Ganz verwildert war er

in seinem Aeussern, mit langhängendem Bart und Haaren, dass alle seine

Freunde anfingen, an eine Verwirrtheit zu glauben, grosse und berühmte

Aerzte herbeizogen aus der Stadt und Gegend. Sie stellten ihm viele

Fragen, betasteten seinen Puls und die Zunge. Aber er antwortete ihnen gar

nichts. Sie konnten kein Zeichen einer Krankheit an ihm finden.

Es war ein junges Mädchen in der Stadt, die Tochter eines angesehenen und

gräflichen Hauses, wohl angeschrieben bei Hofe. Diese hatte schon lange im

Geheimen eine Zuneigung zu dem jungen Prediger, wie kindliche, unschuldige

Mädchen fühlen, ohne davon zu sprechen oder gar demjenigen ein Zeichen zu

geben. Nur fehlte sie niemals in seiner Kirche, jedes kleine Geschenk oder

zufällig von seiner Hand Berührte hob sie sorgfältig auf. Traf sie ihn

unversehens, stieg sofort die hohe Röthe der Scham ihr in die Stirn, denn

sie schämte sich ihrer Sehnsucht nach dem Mann, in der Keuschheit ihres

Leibes, während ihre Liebe doch zugleich ihr höchste Freude und Seligkeit

war, also trefflich erschien er, wohlgelobt und hochgehalten vor allen

Menschen. Und war nicht, der an ihm rühren konnte, weder die Frechen, noch

die Lügner.

So liebte sie allein im Garten sich zu ergehen, oder in ihrer Stube lange

zu sitzen mit dem offnen Fenster im Frühling. Sonst war sie sanft und

freundlich zu Jedermann, ein sehr liebliches, junges Mädchen, obgleich

zart, zierlich gebildet wie eine Maiblume, mit zu schweren blonden Haaren,

einer weissen Haut, unter der man die blauen Adern sah. Ihre Eltern, ob

sie gleich ihre geheime Zuneigung ahnten, sagten sie ihr doch nichts. Weil

sie so jung war, wollten sie sie nicht erschrecken, indem sie an die

Geheimnisse des Geschlechts in ihr rührten. Vielleicht hofften sie auch,

dass später sich finden würde, was noch fern war und Zeit hatte. Selbst

die alten Eltern des von ihr Verehrten wollten ihr sehr wohl, empfingen

sie oft und seine Mutter liess sie an ihrer Seite sitzen. Denn sie war ein

sehr anmuthiges und feines Kind, lind und kosend wie ein früher Lenzmorgen

unter Aprilschauern.

Diese Jungfrau, als sie von der Krankheit ihres Geliebten hörte, dass

Niemand zu ihm sprechen könnte, er allein sass mit der hässlichen Katze,

machte sie sich allein auf, ohne irgend einem Menschen etwas zu sagen. Sie

zog ihr weisses Kleid an, das ihr ihre Eltern geschenkt hatten zu dem

ersten grossen Fest am Hofe, band ihre Haare auf, machte sich zurecht also

hübsch und zierlich, als sie vermochte in ihrer Jugend und Unschuld, und

ging zu ihrem Johannes hinauf in die Kammer, wo er sass und brütete. Und

die Katze hockte neben ihm am Feuer, blinzelte mit grünlichen Augen,

putzte sich zierlich und schlug mit den Pfoten in die Luft nach Fliegen.

So satt war sie geworden von all’ der Milch und dem guten Fressen, dass

ihr Körper rund erschien wie ein Ball. Er selbst war ganz eingefallen.

Seine Backen zeigten tiefe Löcher wie die eines Todtkranken. Er starrte

aus hohlen Augen und rieb die mageren Finger hin und her, eine Hand über

der andern.

So erschien vor ihm die Jungfrau in all’ ihrer Scham und Lieblichkeit.

Aber er sah sie gar nicht, fuhr fort zu starren und die Finger

gegeneinander zu reiben.

Sprach sie zu ihm: „Lieber Herr! Was fehlt Euch? Alle Eure Freunde sind in

Sorge. Eure Eltern weinen. Vielen ist es ein grosses Kümmerniss, Euch also

schwerkrank und schweigsam zu wissen.“

Darauf sah er sie wirklich an, aber immer noch ohne sie zu sehen,

gleichsam als schaute er durch sie hindurch, da, wo sie war, blieb nichts.

„Bist Du eine Katze?“ sagte er zu ihr. „Gehst Du des Nachts auf Raub aus,

wenn es dämmrig ist? Hast Du Junge, die Du säugst mit Deinem Blute?“

Solche Rede erschreckte sie. Sie konnte nicht anders glauben, als dass es

der Wahnsinn sei, der aus ihm redete. So kamen ihr die Thränen in die

Augen. Sie sprach mit thränenvoller Stimme: „Lieber Herr! Wollt doch zu

Euch kommen und Euch bedenken. Ich bin die Jungfrau Ottilia, die Ihr wohl

kennt. Ich bin hierhergekommen, weil mich die Sorge um Euch trieb und ich

Sehnsucht zu Euch getragen lange unter meinem Herzen.“

Denn jetzt in seiner schweren Krankheit dachte sie, dass es wohl Zeit sein

müsste, ihr Geheimniss preiszugeben. Sie wollte ihn aufrütteln. Sie

fühlte, dass es für sein Leben wichtig war, wenn er sprach.

Er aber sprach: „Sehnsucht ist nichts. Auch Nachtwachen ist nicht viel,

Fasten und Hungerleiden. Ich sehne, sehne mich ...“

So kam sie noch näher an ihn heran, nahm ihn in ihre Arme. Denn ob sie

gleich ein Kind war und noch sehr jung, fühlte sie doch in ihrer grossen,

reifen Liebe, dass sie ihn retten musste, aus diesem ein Ende gefunden

würde um jeden Preis. Und nahm seine Hand. Aber seine Hand war kalt wie

Eis. Sie küsste seine Lippen. Diese Lippen waren trocken und ohne Athem,

fast wie die eines Sterbenden.

„Sehnt Ihr Euch nach Liebe,“ sprach die Jungfrau, „so will ich sie Euch

geben, warm und geduldig, wie ein Weib zu geben vermag. Folgt mir nach

draussen, Lieber! Seht, die Sonne scheint und die Vögel singen freundlich

dem wärmenden Licht.“

Damit zog sie den Vorhang vom Fenster, dass die Sonne warm hereinschien.

Denn die Fenster waren verschlossen und verhangen gewesen die ganze Zeit,

und schwere, eiskalte Luft wie die des Grabes im Zimmer.

Er fuhr mit der Hand über die Stirn: „Liebe – Liebe ...“ sagte er. „Das

ist Liebe einer Stunde, Wärme des Lenztags. Ich möchte die Sonne selbst

sehen. – Ich habe Sehnsucht nach dem Tode.“

„Der Tod kommt,“ sprach sie freundlich und ohne Zürnen, obgleich ihr Herz

aufschwoll, ihr weh war zum Sterben. „Aber erst ist das Leben. Seht,

lieber Herr! Alle Knösplein strecken ihre zarten Blätter. Alle leben und

athmen.“

Sie nahm ihn noch fester in ihre Arme und legte seinen Kopf auf ihr Herz,

dass er ihr Herz athmen fühlte, die Wärme ihres Busens ihn umfing. „Du

lebst jetzt,“ sagte er langsam. „Aber Du wirst todt sein. Würmer werden in

Dir wachsen, Du stinkst ...“ Er schleuderte seine Hände fort, als ob er

Würmer von ihnen abschlenkerte. Seine Nüstern zogen sich zusammen im Ekel.

Dieses junge Kind in ihrer Einfalt und grossen Liebe schrak nicht zurück:

„Ich werde auch mit Euch sterben,“ sagte sie, „aber später. Es ist noch

lange hin. Dann giebt es ein ewiges Leben. Wir werden vereint sein. Alles

Fragen, alle Sehnsucht hört auf im Himmel.“

Diese einfachen Worte machten einen schrecklichen Eindruck auf den

Kranken. Er sprang plötzlich auf, fasste ihre beiden Hände in den

Gelenken, drückte sie zusammen wie in eisernen Ringen und schrie: „Das ist

nicht wahr. Es giebt keinen Himmel, es giebt keinen Gott und keinen

Teufel. Es giebt nur Aas und Maden. Diese Maden sind wir. Ekelhafte,

stinkende Maden!“

Er fing an sich die Kleider vom Leibe zu reissen, roh zu lachen,

hässliche, unfläthige Worte auszustossen, derselbe, so fein, so anmuthig

und wohlgebildet früher. Aber die Schwere der Geheimnisse war zu viel

gewesen. Im Rathen über ihnen hatte er seinen Verstand verloren. Er war

jetzt nicht viel mehr als ein Thier. Er raste und fletschte die Zähne.

Dieser Jungfrau, als sie Solches mit ansah, war es zuviel für ihr

zärtliches und noch so kindliches Herz. Sie fühlte wie einen grossen

Sprung durch sie hindurch, der durch ihre Gedanken ging, ihr Besinnen und

Wollen. Sie fiel ohnmächtig hin.

Dann stürzte er sich auf sie. Er riss sie an den Haaren. Er zerriss ihre

Kleider, zerfleischte ihr Gesicht mit den Nägeln, trat und beleidigte sie.

„Ihr – Ihr seid der Fluch der Welt,“ stiess er hervor. „Ihr habt uns zu

Grunde gerichtet. Das Weib! Das Weib! Warum habt Ihr den Apfel gegessen

und nur zur Hälfte? Warum macht Ihr das Leben neu und es ist kein Leben?

Ihr! Ihr! Der Schmutz seid Ihr, der Schlamm! Wir sind Götter. Wir sind

reine Geister. Die Engel des Lichts sind wir. Ihr habt uns in Koth

verkehrt. Ich habe die andre Hälfte wiedergefunden, die, die Ihr selbst

verzehrt habt. Ich bin Eines Geschlechts. Ich bin androgyn. Ich bin Gott!

Gott! Gott!“ ...

Die Katze mit gesträubten Haaren, auf dem Kaminsims hockend, sah zu. Ihre

Augen funkelten bösartig. Sie hatte beide Vorderkrallen vorgebogen. Als er

die Halbgestorbne zurückstiess, sprang sie ihr an die Kehle und biss sie

todt.

Die Andern fanden diesen jungen Mann, der das todte Kind über seinen

Knieen hielt. Er hatte ihr die Haare wohlgeordnet und Frühlingsblüthen

hineingestreut. Ihr weisses Kleid war über sie gebreitet wie ein Leintuch.

Aus der rothen Halswunde troff das Blut.

Die Katze hatte es an ihren Pfoten. Und leckte sie putzend.

„So viel Schönheit,“ sagte er, „so viel Unschuld und Güte. Das ist nun

Alles dahin – dahin.“

Und weinte über die junge, süsse Maid, nahm ihre Hände, küsste sie. Und

küsste ihre weissen, kleinen Füsschen in den seidnen Schuhen, die sie

angezogen, ihn zu ehren. Denn sie dachte in ihrem kindlichem Herzen:

Vielleicht, dass dieses mein Brauttag wird, der ihr Todestag geworden, des

schrecklichsten Todes.

Dann seufzte er sehr tief, sagte: „So vergehen die Blumen. O süsse Blume!

Blume der Unschuld, der Güte und des Verzeihens! Sie hätte liebliche,

kleine Kinder gehabt. Ihre Enkel hätten sie gesegnet. Keinem hast Du je

Unrecht gethan. Kein unreiner und unfreundlicher Gedanke hat Dich

bestürzt. Kein Anblick der Hässlichkeit Deinen Sonnenweg gekreuzt. Weint

nicht um sie, denn ihr ist wohl. Warum weint Ihr?“

Er begriff es nicht, dass sie weinten, versank in tiefes Brüten. Da

Etliche die Katze todtgeschlagen hatten, nahm er den Balg auf, streichelte

ihr zerrüttetes Fell und bettete sie neben die Jungfrau. Die Hand der

Jungfrau lag auf dem runden Kopf des Thieres. Beide waren weiss, Eine wie

die Andre, von zierlichen Gliedern, weich anzusehen und zärtlich in ihrer

Geberde.

Dies that er. Niemand konnte ihn hindern. Denn es war etwas Besondres in

seinem Wesen, weit weg, als ob er erhaben wäre über alles Lob oder

Anschuldigung der Welt. Und that, was er wollte. Denn es war Niemand, der

ihm zuwider sein konnte, oder erklären mochte, warum er so that.

Etliche forderten, dass er vor Gericht gestellt würde um des Todes willen

der Jungfrau. Ihre Eltern waren reiche Leute, wohlangesehen bei Hofe.

Andre sagten, er sei nicht richtig in seinem Gemüth, das viele Lernen habe

ihn verwirrt. Diese hatten wohl recht.

Da nun aber auch Etliche der Jungfrau nachsagten, dass sie mit Recht zu

Schaden gekommen sei, weil sie zu einem Manne gegangen um die einsame

Stunde, wurden sie bestraft. Denn wie man den Staub auf ihr Grab warf,

darin sie begraben war mit der Katze, blühten daraus Lilien auf. Also dass

das ganze Grab ein Liliengarten war. Die Lilien wuchsen ohne Unterschied

über der Jungfrau und über der Katze. Und war grosses Wunder vor allem

Volk.

Er schwieg zu Allem. Da er vom Kirchhof zurückkam, legte er sein Kleid

nicht ab und zog seine Schuhe nicht aus. Aber er setzte sich an’s Fenster

und sah in die Nacht.

So sass er viele Tage. Alle, die ihn mit Thränen beschworen, seine Eltern,

die klagten, die Freunde, die ihn lieb hatten, die Richter, die ihn

ausfragten, das Volk, das gegen ihn lärmte, sah er gar nicht. Er nahm

nicht Speise und Trank, sah in die Nacht gen Osten gerichtet und wartete

auf den Morgen.

Zu diesem, da er noch in diesem Zustand war, kam der Fürst, weil er sein

Freund gewesen und der Vertraute seiner Jugend, der ihm guten Rath gegeben

in allen Dingen. Sein Wort stand fest wie ein Fels. Und es war eine Regel

der Gerechtigkeit, gerecht zu sein wie Johannes.

Der Fürst, da er ihn so bleich sah mit grossen, unirdischen, blauen Augen,

erschrak er wie alle die Andern, sprach zu ihm: „Warum sitzt Du und

schaust in die Nacht? Denn es ist Nacht draussen.“

Er sprach: „Es ist wohl Nacht jetzt. Aber der Morgen kommt. Ich warte auf

die Sonne.“

Und wandte seine Augen wieder gen Osten, sass und wartete.

Dann veränderte sich sein Benehmen. Er wurde eilfertig, thätig, voller

Freude, scheerte sich und legte ordentliche Kleidung an. Seinen Dienern

gab er gute Vermahnung, dankte ihnen für Alles, was sie ihm gethan hatten.

Als seine alten Eltern kamen, tröstete er sie mit freundlichen und

sonderlichen Worten: „Seid froh, liebe Eltern, denn es ist bald Zeit für

uns Alle, vereint zu sein. Ich habe Eure weissen Haare lieb, Eure Thränen

sind mir Lindigkeit,“ küsste ihre Hände. Einen jungen Bruder der Jungfrau,

fast ein Knabe noch, den er oft geliebkost, befahl er ihnen als Sohn,

segnete diesen und liess ihn nicht von seiner Seite.

Es war aber schon die siebente Nacht. Danach als die Sonne aufging, that

er einen lauten Schrei: „Die Sonne! Die Sonne!“ ... fiel hin und war todt.

Dies verbreitete grossen Schrecken über Alle, die es mit angesehen hatten.

Der Fürst blieb sehr bedrückt in seinem Gemüth, wurde nicht froh, griff

Dieses auf und Jenes, liess es wieder fallen in der wandernden Unruhe

seiner Gedanken.

Es war aber sehr schwül im Gemach, unleidlich, vom sengenden Brand der

Sommersonne. Seit Wochen prallte die Sonne. Man konnte keine Frische

finden, weder auf der Terrasse, noch in den Gärten. Die ganze Luft schien

mit Feuer gesättigt und verschlang sich schwer wie stagnirendes Wasser,

das Uebelkeit hervorruft, eine Umwendung im Magen. Jeden Abend sah man am

Horizont Feuerspiele, vom Licht, das niemals ganz unterging, weil es in

den Ausströmungen der Erde selbst war, der lagernden Hitze, die nie ein

Regen erfrischte.

Man sprach von einem Brand der Welt. Hass und Aufruhr schlugen sehr hohe

Wogen. Die sengende Hitze blies in’s Hirn der Menge wahnwitzige Gedanken

von Tod und Orgie. Sie sprachen: „Lasst uns sterben und saufen.“

Auf seinem purpurnen Lager ruhte der König. Aber er wälzte sich rastlos,

die Kissen aufwerfend und niederdrückend. Seine Finger stachen in weichen

Atlas. Seine Augenhöhlen schienen verbrannt von der Hitze, der

Schlaflosigkeit langer Nächte, die seine Lider mit Braun gemalt hätte,

dass die Pupillen wie Kohlenfunken glühten in einem Haufen von Asche. Von

den aufgesprungnen, gedörrten Lippen hauchte Glutathem. Das innere Zittern

schlug und schüttelte ihn wie eine ferne, aufreizende Musik. Er hatte

Fieber und der kühlende Trank des Arztes gab keine Labe.

Durch die weiten Hallen des Palastes trieb das ruhelose Fieber den jungen

Fürsten.

Alle Wände waren mit wundervollen Fresken und Gobelins verziert,

Grossthaten seines Hauses, Schlachten, Krönungen, Staatsakte. Auf

feurigen, sich bäumenden Schlachtrossen stiegen junge Helden,

lockenumwallte, im flatternden Helmbusch. Das ausgestreckte Schwert

deutete nach vorne. Der Brustpanzer gleisste. Unter den Hufen wand sich

formlos, ein Gequältes, Bezwungnes, der Drache, der Lindwurm der

Unordnung, der Feind. Andre waren ernsthafter. Sie standen gerade,

hierarchisch, die Mäntel flossen in weiten priesterlichen Falten. Eine

Hand hielt den Apfel, das Sinnbild der Gewalt, die andre den Stab. Ueber

der Stirn gleisste mystisch der Goldreif. Das waren die Sagenhaften, die

grossen Gründer, die Könige, Hirten, Väter der Geschlechter. Sie hüteten

und herrschten. – Es gab ganz geharnischte unter ihnen, schwarz in

schwarzen Rüstungen, wo das Gesicht klein, vogelartig schien unter dem

Eisen der Sturmhaube. Ihre Nasen bogen sich wie Raubthierschnäbel. In der

schweifenden Linie des Bartes wohnte die Grausamkeit. Sie hielten das

Schwert in eiserner Faust. Der Fuss im Stahlschuh trat auf graslose Wüste.

Einige beteten. Ganz junge Knaben waren, denen die schweren Gewänder zu

schwer erschienen, zu weit der gezackte Goldreif über zarten, bläulich

geäderten Stirnen. Sie verblühten in kaum erschlossner Knospe.

Melancholische schauten mit Schatten des Wahnsinns in erschrocknen Augen.

Heuchlerische mit tückischem Fuchsunterbau des Gesichts. Das Scapulier

hing an ihrer Hüfte. – Die Carreaus der Gemälde zeigten kleine Pläne der

Städte, Festungsbauten in Miniatur. Fröhliche Könige trugen zierliche,

gestickte Hoftracht. Der Falke auf der Faust zeigte den Jäger, das

lächelnde Auge den Freund der Damen. Und Kolosse folgten: Wandelnde

Fleischmassen, doppelte und dreifache Kinne, bartlose, saftige Lippen der

Wollüstlinge, kleine, feuchte, in Fett vergrabne Augen, das Ganze mit

Gold, Purpurstickerei überladen, unter enormen Perrücken, die sie grotesk

und übermenschlich machten. – Alles das wurde blasser. Ein Gedanke war

hineingekommen, eine gewisse Traurigkeit, Schrecken bei Einigen,

Resignation der Andern, unter der gegebenen Maske, derselben Decoration

von Gold, Kronen, Löwen, Hermelinfalten, – der Mensch, etwas Einzelnes,

Abgelöstes, Persönliches. _Der_ war gestorben in der Verachtung der

Menschen, nachdem er sie gegeisselt und gegängelt hatte. Dieser hatte die

Verbannung gekannt, das Unglück, den Verrath, die Demüthigung. Jener

Junggestorbne wollte und konnte nicht. Sein Nachfolger hatte gewogen und

klug gerechnet. Unter der gesuchten Bonhomie, dem fast gemüthlichen

Lächeln, lauerte der Tigerzug. – Sie hatten gewusst und durften nicht

sagen. Einige hatten sagen gewollt. Aber sie waren todt. Sie waren traurig

und unglücklich. – Ueber die ging man schnell hinweg, wie über Kranke,

deren Krankheit gefährlich ist und anstecken könnte.

Er war der Letzte. Er war ein Ende ihrer Rasse. Sie betrachteten ihn Alle:

Die herrischen Augen, die ruhigen, satten, die anklagenden,

flackernden ... Zehn Jahrhunderte! Er war da. Alle diese Jahrhunderte

waren in seinem Blut, ein Stück von ihm. Es war sein Leben, was er schon

vorher gelebt hatte. Es erschien ihm furchtbar auf einmal – ein so langes

Leben! – eine Kette, eine erstickende Last, drückende Schwere ...

Eine goldne Sonne war im Plafond des Saals gemalt. Sie schickte ihre

Strahlen nach allen Seiten. Kreisrund war diese Sonne, ohne Schatten, und

ihre Strahlen standen gerade wie geschliffne Schwerter. Goldne Leisten

liefen am Gesims entlang. In unnatürlicher, üppiger Fülle drängten sich

Beeren, Früchte, Blumen, die Ecken hielten Adler, Greifen und

Wappenschilder mit anspringenden Löwen. An den Fenstern fielen senkrechte

Purpurdraperieen. Sie fielen in runden, tiefen Falten einer Tuba. Dunkler,

lichtlos erschien der Sammet in den Wölbungen, tiefroth glühend in den

Schatten zwischen den Falten. Wie Priestermäntel fielen sie, rothe Güsse

von Blut, gleichmässig ausgegossen in immerwährendem strömenden Fliessen.

Alles Gold, zurückgeworfen im Glanz von hundert Spiegeln, ertränkte sich

im Purpur, ohne ihn zu erwärmen, der alles Licht verschlang, dunkler

wurde, satt, brutal, sich triumphirend breitete, ein Vampyr, der Oger der

Farben.

Und er sah eine Jungfrau, wunderbarer denn sterbliche Weiber, und über die

Grösse der Frauen.

Ganz von Gold erschien diese Jungfrau, leuchtender wie die leuchtende

Sonne. Das Gold schmiegte sich um ihre Schenkel in schmalen gehämmerten

Ringen von seltner Feinheit. Es umschloss ihre Arme wie in einem

Handschuh. Die Spitzen der Finger waren von dunklerem Golde wie in

Goldstaub gepudert. Es schuppte sich über ihrem Leib in gleissender

Schuppenbräune. Aber ihre Brüste waren aus reinem, geschmiedetem Gold,

aufrechtstehend mit geschliffnen Spitzen wie Schwerter. Sie trug einen

goldnen Helm auf dem Haupte. Der war geformt mit überragender Spitze wie

ein Helm der Pallas, aufrechtgestellter Fittich eines Adlers. Er stieg

sehr tief in die Stirn. Die Stirn war gebunden mit einer purpurnen Binde.

Purpurstreifen fielen nieder von ihrer Schulter und hingen nieder zu ihren

Beinen wie Lazzis, Striemen geschnittnen Leders, die benäht waren mit

Edelsteinen in Streifen und Kreisen. Bei jeder Bewegung funkelten und

blitzten die Steine, dass man nicht hinsehen konnte, die Augen geblendet

bluteten vom sprühenden Glanz der Steine. Sie trug in ihrer Hand zwei

stählerne Schwerter. Schellen waren an ihren Gelenken befestigt, die

klirrten und klangen. Der Arm reckte sich frei aus den Purpurstreifen der

Schulter. Wenn sie ihn bewegte, klatschten und fielen die purpurnen

Streifen wie Peitschenbänder. Die Schwerter kreuzten sich in der Luft über

ihrem Haupte und beschrieben Kreise, und fielen herunter.

Die Haare dieser Jungfrau waren schwarz mit stählernem Glanz wie des

Rabenfittichs, roth vom aufsteigenden Gleisch der Flammen. Ihre Augen

waren grün wie Smaragden im Ring schwarzer Diamanten, die purpurne Lichter

schossen, dass ihr Glanz unerträglich war für den, der hineinsehen wollte,

der Blick gebannt sass in ihnen, hängen blieb wie die Motte in der Flamme.

Aber ihr Mund war Blut. Die Röthe ihrer Lippen war röther denn die vom

Blute, als ob sie Blut getrunken hätten, unersättlich gierig, frisches

Blut jeden Tages. Ihre Zähne waren Raubthierzähne, spitz mit geschliffnen

Spitzen. Zähne, die bissen in Fleisch, das blutete. Dieses Blut tranken

ihre tödtlichen Lippen.

Und er wusste, dass diese Jungfrau „die Macht“ hiess, Helena von Troja,

Judith und Herodias, Cleopatra, die Aegypterin. Sie war von königlichem

Geschlecht, eine einzige Jungfrau in der Welt und gab mehr Wollust denn

Jede. Und es hatte sie nie ein Mann besessen. Alle, die sie freiten, waren

gestorben. Sie hatte ihr Blut getrunken. Und es war ihr Blut und ihre

Kraft, die sie so schön machte, unwiderstehlich und herrlich vor den

Sinnen der Männer.

Und sie tanzte vor ihm.

Sie tanzte. Sehr langsam wandte sie sich und ihre Schulter kehrte an ihren

Platz zurück. Sie hob den Arm. Und der andre Arm stieg rund auf, die Brust

aus den Hüften reckte sich in langsamer, schwellender Anstrengung. Einen

Moment blieb sie weit vorgeschoben, keuchend, wie eine gezüngelte,

gefährliche Schlange, während die Beine angenagelt warteten, zitternd,

gezwungen. Im Kopf, zurückgebogen, schlugen die Lider. Der Hals strebte

weiss, liliensehnsüchtig unter dem blutigen, dürstenden Bogen der

Lippen ... Eine Woge schien die harte Linie der Schultern zu verwirren.

Das Kinn sank zur Seite mit einem Seufzer.

Kriegerische, wilde Musik schien sie zu wecken. Sie richtete sich auf ganz

erzitternd. Man sah das Erzittern vom Fuss bis zur Helmspitze laufen, wie

eines Uhrwerks, dessen Feder man berührt hat, das sich in Gang setzt. Die

Hüften krümmten sich abgezeichnet zum Sprunge. Ganz vorgeneigt, das Kinn

in der Luft, beide Hände flach ausgespreizt, dass die ganze Last des

Körpers auf der Zehe ruhte, horchte sie. – Sie bückte sich noch tiefer.

Die Spitzen der Brüste schienen den Schooss zu berühren. Sie kroch. Sie

schnellte sich. Sie stiess einen rauhen Schrei aus. Die Finger griffen

krallend in die Leere. Hart über dem Boden wie im Anzug einer Armbrust,

bohrte der Ellbogen, ein Tremolo, das nicht nachliess, rascher und rascher

wurde. – Sie war wach geworden.

Ihre Zunge gegen ihren Gaumen gab einen Lockton. Sie warf sich nach

rechts. Sie schnellte ihre Schultern nach links hinüber. Der Hals im

scharfen, zuckenden Rücken gab das Tempo an. Ein Fuss stahl sich tastend

vor. Der andre folgte in schürfender Schleife. Ihre Kniee tanzten. Sie

gaukelte in den Hüften. Die Erde liess sie. Sie flog auf, ihr gellendes

Tambourin schüttelnd.

Das war die Bewegung. Die Erde belebt durch den Willen, unsterbliche Kunst

des Ausdrucks. Es giebt keine Schwere. Kein Gesetz der Unwandelbarkeit

hemmt. Der Körper spricht. Die Formen singen, das Fleisch hat Seele. – Sie

tanzte.

Sie marschirte in einem tönenden, triumphirenden Marsche. Ihre Sohlen

stampften den Boden wie Schlachtrosse, schwere Kolonnen Gepanzerter. Der

Leib zwischen den stelzenden Säulen der Beine schien getragen wie eine

kostbare Last, ein Altartisch köstlicher Güter, der avancirte, langsam,

feierlich, mit der Feierlichkeit und Langsamkeit einer Procession. Ihre

Arme blieben steif wie die Arme einer Statue, einer ehernen Jungfrau, die

zermalmt, was sie an ihren Busen drückt. Sie näherte sich wie ein

Traumbild, ein schrecklicher Alpdruck der Fiebernacht, die schwarze Venus

der Aegypter, der Leben gegeben ist. ... Wie man Elephanten zur Schlacht

ruft, in kurzen Stössen, antworteten die Schellen und Schwerter.

Sie tanzte. Sie stiess kurze, wilde Schreie aus wie Möwengekreische über

dem Sturmmeer. Ihre Arme schlugen die Luft aufgescheucht. Ihre Füsse

suchten mit gekrümmten Spitzen im sich steigernden Zittern, der Furcht,

des Wunsches, der Raserei. Sie drehte sich. Ihre Haare peitschten den

Boden wie ein aufgespanntes, schwarzes Pfauenrad. Die unteren Glieder

schienen sich zu verschieben mit den Gelenken der oberen im verzweifelten

Wunsche der Vermählung. Losgelöst zwischen den Hüften, eine Blüthe im

Sturmwind, schwankte und bog sich die Taille. Sie zerbrach sich, knickte.

Mit irrem Klopfen huschten die Finger in der Leere. Kleine Wehmuthsrufe

schrillten die Schellen, Klagegezwitscher flatternder, fremder Vögelchen.

Diese Drehung wurde schneller, schwindelnd schnell. Schnell, wie von

Rädern, Maschinen, Stählernem. Man unterschied die Töne der Schellen und

Castagnetten nicht mehr. Es war ein Wirbel, ein zügelloser Tanz,

Sichineinanderverschlingen der Töne. Die Arme waren die Flügel einer

Windmühle, die sich schwangen im Drehen. Roth und goldne Streifen. Sie

peitschten, flogen. Die Felder wurden Kreise. Vom Boden, Kreisel gleich,

immer an derselben Stelle, wirbelten die Fussspitzen. Sie war ein Kreisel

im Ganzen, mit der weiten Fläche nach oben, ein Rad, eine Blume, eine

Libelle aufgespiesst an einer Nadel, eine rothgoldne Rose, über der das

Gesicht schwebte, unbeweglich, zurückgebogen mit lächelnden Lippen unter

dem goldnen Helme.

Sie drehte sich, drehte. Sie war die Sonne. Rothgoldne Sonne. Die Lazzi

waren Strahlen. Strahlen waren ihre Arme und Beine. Die Brüste waren die

Scheibe, die stille stand, mit metallnen, weissglühenden Spitzen. Sie

stachen wie brennende Eisennadeln. Ein Athem von Blut und Hitze schlug

über ihn hin. Immer wieder Hitze und Blut, roth und gold, nur noch eine

Farbe bildend, die der Wollust, der Frau, der Bewegung. – Der Lustwille

des Feuers, der die Erde dreht, in den Adern kocht wie Gluthsud.

Das war keine Frau mehr, die Frau nicht. Das war die Schlange, spiegelnd

in allen Farben des Universums, die glorreiche, erste Schlange, sie, die

herrlicher war denn alle Thiere. Sie richtete sich zischend auf mit ihrem

ganz weissen Leibe, der goldnen Krone und der blutrothen, dürstenden

Zunge: Und wirst wie Gott sein ... Wie Gott. Wie Gott. ...

Der Fremde: Ein Gleichniss · 第 38 / 46 题