Da gab ihm der alte Mann frisches Wasser, Brot und eine reife Frucht von
den Fruchtbäumen, die vor seiner Hütte wuchsen.
Der alte Mann sprach: „Dies ist meine Nahrung Winter und Sommer. Ich nehme
niemals andre. Fleisch und Blutiges kommt nicht über meine Lippen. Und
Frucht der Traube nicht, deren Saft gegohren ist. Ich bin stark damit und
gesund. Nichts fehlt mir. Ein Arzt hat meine Hütte nicht betreten, seit
ich diese Lebensweise annahm. Winter und Sommer stehe ich zeitig auf. Ich
trage mein Holz selbst und reinige meine Hütte. Meine Mahlzeit bereite ich
mir mit meinen Händen. Ein wollner Rock genügt mir, wenn es kalt ist, und
ein leinener für den Sommer. Wasser reicht mir die Quelle vor meiner
Hütte. Mit meinen Händen habe ich diese Fruchtbäume gepflanzt, die um mein
Haus stehen. Mein Acker, den ich selbst bestelle, giebt mir mein Brot.
Meine Thiere sind meine Freunde. Sie hören meine Stimme. Wenn ich einsam
bin, leisten sie mir Gesellschaft. Ihre Nöthe sind meine Nöthe. Das Kalb,
das geboren wird, gehört mir, wie es zu seiner Mutter läuft. Sie kennen
keine Scheu und keine Furcht. Selbst die wilden Thiere des Waldes kennen
mich und kommen zu meiner Hütte, wenn sie Futter suchen. Die scheuen Vögel
unter dem Himmel setzen sich auf meine Hand, wenn ich sie ausstrecke, und
erzählen ihre unschuldigen Geschichten.“
Damit streckte er seine Hand aus. Kleine Meislein und Rothkelchen, die
hüpften und liefen, kamen kecklich, flogen auf seinen Finger. Sie pickten
an seinen Lippen, als ob sie anfragen wollten, setzten sich auf seine
Schulter und klappten mit den Flügeln. Rehe aus dem Walde traten heraus
ohne Scheu und nahmen ihr Futter aus seiner Hand. Die furchtsamen Hasen
machten friedliche Männchen, putzten und überschlugen sich.
„Alle sind meine Brüder,“ sagte der alte Mann. „Meine Kinder, weil sie
schwächer und unkluger sind wie ich. Aber ihre Unklugheit ist nur
scheinbar. Sie wissen sehr gut, wie sie zu leben haben, wo sie ihre
Nahrung finden. Sie wissen auch, dass noch etwas Andres ist wie hienieden;
nur sie _wissen_ es und sorgen nicht. Höre!“
Im Busch schlug die Nachtigall eine sehnende Weise. So lieblich, so voll
Klage und schmelzendem, lockendem Zuruf! Das Reh sah ihn an mit treuen,
verständigen Augen.
„Es ist nicht nur die Brunst, die sie lebendig macht für die Fortsetzung
dieses armen, kleinen, lebendigen Lebens. Weil sie fühlen, dass sie in
einer Kette sind, Alle zum Lobe Gottes, den sie preisen aus ihren kleinen
Kehlen, mit dem stummen Blühen ihrer Kelche, täglich. Das sind die
Unschuldigen der Natur. Ich liebe sie, obgleich die Menschen sie
verachten, sich klüger dünken in ihrem Stolz, ihrer Geschäftigkeit.“
Er aber erstaunte sich, so viel Weisheit und Demuth zu finden in einem
alten Mann. Ein wundersamer Mann war er, mit der grossen, viereckigen
Stirn, die das Denken ausgearbeitet hatte wie einen Marmorblock. Sein Haar
und Bart war langgewachsen. Er sah aus wie ein Bauer und war doch ein
Herr. Ruhende Stärke lag in ihm, der Blick, der über Viele sieht. Aber er
blieb milde. Seine Hand koste den Flaum des Rehs, wo es weich ist unter
dem Hals des Thiers.
Er fuhr fort: „Früher war ich auch wie die andern Menschen. Hochmüthig und
geschäftig, verzagt in meinem Thun, wenn es nicht ging wie ich wollte.
Geschäfte der Könige wollte ich thun an Fürstenhöfen. Ich wollte weise
sein wie ihre Weisesten, lustig leben wie die Lustigen und Tollen. Ich
habe ihre Bücher gelesen. Ich habe Frauen geküsst. Ich habe um Reichthum
gesorgt und gerafft. Alles ist eitel. Glücklich ist, der Niemandes bedarf,
und Alles zu geben hat den Andern.
„... Ich habe ihre Künste getrieben. Mir gefiel das schlanke Spiel der
Wörter, dass sie sich verwirrten und kreuzten wie blanke Schwerter –
auseinander sinken und zur Erde flattern, harmlose Strohhalme. Farben
liebte ich, die die Worte lebendig machen wie von getrunknem Blut, Töne,
die rufen, die locken und befehlen, weinen machen und lachen, wie es der
Zauber verfügt, der sie Alle regiert. – Ich berauschte mich selbst am
Wohlklang meiner Töne. Wollust war in der Farbe meiner Bilder. Meine Worte
waren klingelnd wie Schlittenklang, tönende Erze und hallende Schellen. –
Alles ist eitel. _Eine_ Kunst giebt es zu thun, was recht ist. Eine Farbe
der Wahrheit. Einen Ton, des Verlornen, den wir wiedergefunden.“
Er sprach: „Welches ist der Ton, den Du wiedergefunden? Lass mich hören,
dass ich weiss, ob es der rechte ist.“
Der alte Mann sprach: „Vor langen Jahrhunderten klang er am See. Am See,
der zwischen den Bergen liegt, Genezareth. Was da gesprochen in
himmlischen Tönen, durch die Zeiten und Alter klingt es als Wahrsang. Wir
zählen die Jahre. Der Sang ging verloren in Schwertschlag und Goldklink.
In blinkenden Fabeln von Wissen und Kunst. – Es giebt nur den. Niemals
ward er vollkommen.“
Er sprach: „Der Sang ist der rechte, den Du gefunden. In ihm liegt Alles.
Erfüllung und Leben.“
„In ihm liegt Antwort, Weisheit und Einfalt. Dreierlei seh’ ich die Zeiten
zu deuten: Dass Einige weigern Kriegsdienst zu thun, Verfolgung erleiden,
Gefängniss und Tod. Dass Viele erkannten, ihr Wissen ist eitel im weiseren
Wissen. Dass Keuschheit wieder die oberste Tugend, die Frauen erwachen,
die stark sind und künden. – Der bedarf nicht der Schätze, der die Perle
gefunden. Der Tod ist ihm Freund, der das Leben erkannt. Ich sitze hier
und warte des Todes. Des Führers harr’ ich, der einführt zum Tage.“
So nahmen sie Abschied. Der alte Mann sass ganz still auf der Bank vor
seiner Hütte. Um ihn liefen die Thiere, weideten, piepten. Er sah in die
rothe, sinkende Sonne.
Die Sonne sank.