Damit sah er ihn an, der das gesagt hatte. Er sah, dass es ein sehr alter
Mann war, und Einer, der lange gewandert war. Sein Haar und Bart hingen
wild. Der Staub der Wege lagerte in den Runzeln seines Gesichts. Sie zogen
sich tief eingegraben wie von zahllosen Jahren gezeichnet. Die Müdigkeit
einer ungeheuren Anstrengung wohnte in den tiefen Höhlen seiner Wangen.
Man erkannte die Sonnen von brennenden Sommern, die über sein Haupt
dahingegangen waren und die Haare auf ihrer Höhe gebleicht hatten zu
Schnee. Seine Kleider waren fahl vom Staub. Sie hingen zerrissen und
schlugen in gefaserten Fetzen um seine mageren Kniee, die ausgearbeitet
und knotig waren wie Hölzer eines uralten Baumes, von denen die Moose
hingen in weissen Flocken. Keine Unze Fleisch war mehr an diesen Knieen.
Unter der braunen Haut traten die Knochen vor wie durchgeschubbert,
gewetzt in einer unausgesetzten Reibung. Seine Nase bog sich scharf wie
ein Adlerschnabel. Er hatte keinen Zahn in seinem Munde vor hohem Alter.
Aber in seinen schwarzen Augen glomm unauslöschlich Feuer des Lebens. Sie
brannten wie Fackeln in einer sehr tiefen, nächtlichen Grotte. So stark
war der Glanz ihres rothen Feuers, dass sie die Höhlen ausgebrannt hatten
um sich, die Brauen vorstanden wie Dachbalken eines eingeäscherten Hauses.
Der Schnee vieler Winter hing von seinen Brauen. Sein Haar war unbedeckt
und flatterte im Winde.
Er hielt einen rohen Stab in der Hand aus Knoten des Dornstrauchs. Ueber
seiner Schulter hing der Bettelsack. Wie er wanderte, stützte er sich auf
den Stock. Die Fetzen seines zerlumptem Gewandes schlugen um seine
schreitenden Lenden.
„Ich wandre – wandre ...“ sagte der alte Mann. „Ich weiss nicht, wie lange
ich wandre. Ich habe alle Städte der Menschen gesehen, die Wüste und die
hohen Schneegebirge, wo der Schnee ungestört liegt wie der weisse Flaum
auf dem königlichen Lager der Jungfrau. Alle Thaten und Dinge der Menschen
weiss ich. Ich habe ihre Weisheit gehört, das Mitternachtöl verbrannt über
ihren Büchern. Und ich habe dieses gefunden: dass sie gar nicht sind. All’
ihre Weisheit ist Bilder von Worten, das Echo eines Klingklang, und sie
sind eine Spiegelung des Nichts im Leeren. Dies weiss ich und bin stolz,
dass ich es weiss und lache aller ihrer Leiden und Busse. Es ist mir, als
ob ich in einen Spiegel des Wassers sehe, der schnell verrinnt, oder
Spiele des Guckkastens, wie man Kindern zeigt auf Jahrmärkten, Launen des
Lichts und Wechselungen der Schatten! So man darauf pustet und mit der
Hand hineinschlägt, ist es nichts.“
Er hauchte und schlug mit der Hand in’s Hohle und lachte laut auf.
„Aber Gott ist!“ sagte der Fremde.
„Eine Spiegelung der Spiegelbilder. Die Fratzen werfen ihren Schatten und
weil sie ihn von weit werfen, ist er grösser und dunkler. Wie die Wolken,
die Du da oben siehst. Und wenn Du hinkommst, sind es nicht Wolken,
sondern leere Luft. Nur die Sonne und Spiegelung macht sie zu Wolken.“
„Etwas muss sein.“
„Etwas muss sein. Ich suche es im Unendlichen, tausend Jahre, Schatten,
der ich bin, im Nichts, das sich bewegt und still bleibt in der Bewegung.
Bewegung ist Nichts. Und Stillstand ist nicht. Um Sonnen drehen sich
Welten. Aber die Sonne ist nur ein Schein andrer Sonne, und Welten sind
Schattenflecken im Leeren. Ich wandre – wandre – wandre.“ ...
Er fasste seinen Stab und ging weiter durch die Nacht. Die Eisenspitze
seines starken Stockes klang hart auf dem harten Kies. Die Fetzen seiner
zerlumpten Kleider schlugen um seine dürren schreitenden Lenden im Winde.
Und Einer sprach: „Das ist der ewige Jude, Ahasver, der Zweifel des
Menschen, der nicht ruht. Ob er wohl sieht und nicht sieht, das Gesehene
selbst für Hirngespinste erklärt. So er die Hand in die Seite legte und
die Wundenmale rührte mit seinem Finger, wird er sagen, dass das Blut
Farbe ist und die Seite ist Seite einer Leiche. Dieser wird niemals selig
und wandert bis an’s Ende der Tage. Alsdann wird er blind werden, wenn
Alle sehen. Und in seiner Blindheit sehen, was in ihm war und immer
gewesen ist von Anbeginn.“
„Werden Alle finden?“ fragte er eifrig.
„Alle, die suchen. Bis auf Einen, der nicht sucht.“
„Lass mich den sehen, der nicht findet,“ bat er.
„Es ist zu schrecklich zu sehen für menschliche Augen. Sie können ihn nur
ausdrücken in dem, was sie nicht kennen. Er ist die Nacht.“
Indem er das sagte, ward die Nacht noch tiefer. Sie drang in seine Seele
ein wie das Gefühl eines hohlen, schrecklichen Abgrunds. So stark war der
Schrecken der Finsterniss, dass ihm der Schweiss von der Stirne rann, und
wie er fiel, waren es Tropfen Blutes.
... Damit kam die Morgenröthe und die Sonne ging auf.