Sie sprach: „Ich war.“

Plötzlich hob sie ihren Mantel auf. Und es war ihm, als könnte er tief

hineinsehen in die Nacht, die Nacht aller Zeiten, die vor den Zeiten

gewesen war.

Er sah die Nacht, die Nacht selbst, von der die Dunkelheit kam und der

Schatten.

Sie lag wie eine Sphynx, die ein Weib war, und ihre andre Hälfte war eine

Löwin. Die Schultern des Weibes aber lagen über den Tatzen der Löwin und

ihre Brüste starrten gerade wie gerichtete Schwerter. Zu beiden Seiten

ihres Hauptes lief eine königliche Binde mit Streifen und Zeichen. Sie

schnitt die Stirn niedrig ab und ihre Augen standen weit offen, marmorne

Augen mit todten, runden Bällen, die geradeaus sahen. Ihre Lippen waren

geschlossen. Sie lag ruhig mit milchschweren Brüsten über tödtlichen

Tatzen.

Sie wechselte sich. Und wurde ein schauderhaftes Idol. Auf den Schultern

eines eisernen geharnischten Mannes reckte sich ein Vogelkopf mit spitzem,

gebognem, hackendem Schnabel. Ein kreisrundes Auge war eingesetzt aus

blauem, hellem Email, in der Höhe des Schnabels, da wo er anfing. Gen

Osten stand dieser Mann. Auf einem hohen Postament, die Hände auf sein

Schwert gelegt. Die Arme bildeten ein Viereck mit den Schultern und staken

in Schienen. Sein Schwert stand ganz gerade, breit wie eine Hand.

Senkrechte Riefen liefen mitten durch, in denen das Blut abtropfen konnte.

Die Klauen seiner Hände krallten sich um das Schwert. Der Leib und die

Beine standen gerade, nach vorne, und der Vogelkopf mit dem Schnabel sah

gegen Osten.

Wie er diesen noch betrachtete und schaudernd ansah, geschah eine Stimme

zu ihm, die sprach: „Das ist die Gewalt. Ihr fielen Könige zum Opfer. Sein

Schnabel ist schwarz vom Geifer der Lebern. Sein Schwert roth vom Blut.

Sein eiserner Leib wird glühend vom Feuer verbrannter Städte.“

Das Symbol wechselte sich. Und es wurde eine schwarze Astarte, ganz aus

schwarzem Metall, aus Stein oder Eisen, das man geschwärzt hatte, und es

glänzte nun schwärzer wie Ebenholz, gefettete Leiber der Neger. Sie stand

ganz aufrecht. Der Leib und die Beine waren mit Binden umwickelt. Sie

kreuzten sich und kamen wieder, von der Hüfthöhe bis an die Gliederung der

Zehen. Zeichen waren in diese Binden gegraben, Striche, Muster, Rubinen,

grüne Smaragden und sehr dunkle Saphire. Sie folgten sich rhythmisch und

redeten eine geheimnissvolle Sprache über dem Schwarz, das kam und ging.

Dieser ganze Theil des Leibes mit dem Bauch und den Schenkeln war sehr

dünn und gerade wie bei einem unmündigen, ganz unentwickelten Kinde. Und

darüber drängten sich erschreckend tausend Brüste. Eine Ueberfülle von

Brüsten, Beeren der reifen Traube, Wellen, die sich stossen, strömen. Man

sah den Kopf im Dunkeln, sehr hoch, mit harten Lippen, steinernen Augen,

die hierarchische Binde, die zu beiden Seiten fiel. Die Brüste gleissten,

rieselten, Aepfel, Kugeln, gehärtete Spitzen, schwarz, von einem

ungeheuerlichen, unirdischen Schwarz, Grünschwarz der Schlangenhäute,

Tollkirschen, verwester Ueberreste in ihrer Zersetzung.

Und die Stimme sprach: „Das ist die Wollust, die Verfluchte. Alles stirbt

in ihr. Nur das Eine lebt. Und es wird zur Schauderhaftigkeit, zum

Ungethüm. Unfruchtbar ist sie, denn sie ist von Eisen. Ihre Seele in ihr

ist Mord.“

Und diese wieder wechselte sich. Es wurde eine ganz weisse Schlange. Sie

trug ein Krönchen auf dem Kopf. Sie bewegte sich rhythmisch zu einer Art

Musik. Ihre Schuppen glänzten wie Perlmutter, wenn sie sich bewegte, und

ihre Augen waren rothe Rubinen. Ein rosa Züngelchen kam aus ihrem

gespalteten Kopf. Sie züngelte damit und leckte sich zierlich wie Katzen

thun. Und rollte sich zu Ringeln und lag ganz zusammengeringelt, als ob

sie schliefe. Aber sie schlief nicht. Ein Zittern von Gier und Gift rann

durch ihren Leib, der sich milchig blähte unter dem Bauch.

Und die Stimme sprach: „Das ist die falsche Weisheit der Welt. Sie ist

arglos und ungefährlich anzuschauen. Aber das feinste, siebenmal

gefilterte Gift. Wer diese Schlange anrührt, der stirbt und fühlt nicht

den kleinsten Schmerz, nicht wie einen Nadelstich in die Hand, da man sich

das Blut abwischt und weitergeht.“

Danach sah er noch eine schwarze Kröte, die in ihrem Sumpf sass und

glotzte, Harpyen, die mit den Flügeln schlugen, Bären und Wölfe. „Das sind

die gewöhnlichen Sünden, Reichthum, faules Leben, Unfrieden und

Zankhaftigkeit der Weiber. Alle diese sind nur hässlich. Und Sünden der

gewöhnlichen Menge. Denn vornehme Herzen werden von ihnen nicht gerührt,

die Andern aber sind die Vornehmen, die Grossen. Die Besten verfallen

ihnen.“

Diese Vision verschwand. Er blieb allein in der Nacht. Die Kälte war um

ihn her und er fror. Die Gedanken huschten in seinem Kopf und schlugen an

das Schädeldach wie mit klappenden Flügeln. Seine Seele war sehr matt in

ihm. Er sprach: „So es so viele Uebel giebt, die Sünde also gross und

mächtig ist für die Besten, wäre es nicht besser zu nehmen was schön ist,

fröhlich sein im Tage und sterben, wenn es Zeit ist, das Unglück kommt?“

Alsbald kam da ein Zug von lieblichen Mädchen, die Cymbeln und Schalmeien

trugen. Und hielten in ihren Händen Flöten und Harfenspiele, harte Hölzer,

die sie schwirrend schwangen oder gegeneinanderschlugen im Tanze. Ihre

Haare waren mit Blumen gekränzt. Die Blumen fielen gleich Sternen über ihr

Gelock. Sie trugen Blumen in ihren Armen und hatten lichte Gewänder an und

sangen: „Lasst uns fröhlich sein und singen! denn das Leben ist kurz, die

Jugend verfliegt schnell. Die Jugend ist die Lenzzeit im Leben und die

Liebe ist der Sonnenschein am Maitag!“

Dann kamen junge Knaben und holten sich diese, führten sie weg zu

blühenden Lauben und heimlichen Grotten. Und wandelten mit ihnen Arm in

Arm, küssten sich zärtlich, lachten und kosten.

Sie tanzten wilder. Die Lust stieg. Becher wurden gebracht. Ein Jüngling

erschien auf goldnem Wagen, den Pardel zogen, von Weinlaub umkränzt. Und

Alle schrieen: „Heil! Heil! Bacchus Evoë!“

Der Jubel ihrer Freude scholl durch die Nacht. Sie schwangen Fackeln. Es

gab welche, die sich selbst durchstachen, sich Wunden schlugen mit kurzen

Schwertern, denn sie wollten heute sterben, weil sie doch morgen todt

sind.

Und Einige wohnten in Hüttchen und hatten Kinder gezeugt, die sie

jauchzend emporhoben: „Wir sind glücklich. Und das Leben ist kurz. Die

Liebe ist reifes Erntegold im Sommer.“

Er sah eine junge, lächelnde Mutter, die ihr Kind an der Brust hielt. Der

Sommerhimmel lag in ihren Augen blau und satt. Ihr Leib blühte und

entsandte Wärme wie der Weizenacker im Juni. Man hatte um sie einen Rahmen

gebaut in der halben Brusthöhe wie eine goldne Aureole. Das Kind sog. Sie

lächelte. Sie war glücklich.

Dies verschwand.

Er hörte neben sich die Stimme eines alten Mannes, der laut auflachte. Er

sprach höhnisch: „Diese sind Eintagsfliegen, Jahrmarktsplunder. Sie

glauben zu geniessen und geniessen doch nicht. Sie sind nicht besser denn

Schweine. Ihre Freuden sind Freuden des Magens und der Sinne. Aber der

feine Magen sagt Pfui! zu ihren schalen Freuden. Der Sinn, der fühlen

gelernt hat, rührt sich nicht mehr bei der Grobheit ihrer Eindrücke.“

Der Fremde: Ein Gleichniss · 第 28 / 46 题