DAS FÜNFZEHNTE KAPITEL.

Aber um diese Zeit war das Gerücht von ihm sehr gewaltig geworden.

In der Hauptstadt erschütterten die Predigten Fritz Kuhlemann’s, der mit

starker Stimme sprach. Er schonte Niemand und rief laut zur Busse. Denn

die Zeit war gekommen. Ein grosses Erwachen ging durch die Völker.

Schweres Unheil, Empörung und Blutvergießen lag in der Luft, so die

Machthaber sich nicht bekehrten, die neue Lehre anerkannten von der

Theilung der Güter, der Brüderschaft aller Sterblichen. Er sprach: „Es ist

Unrecht, dass Ihr Armeen habt, Einer den Andern zu bekriegen, die Stimme

des Volks zu ersticken, die mächtig spricht. Solches thun die Thiere

nicht, die von demselben Blut und gleicher Art sind. Seid Ihr nicht besser

denn Thiere? Wehe den Reichen! Wehe denen, die Geld ansammeln und es auf

Wucherzinsen ausleihen! Die den Acker mit Schulden bedecken, dass er nicht

Frucht bringen kann unter dem verfluchten Eisen! Habt Ihr die Erde

geschaffen, dass Ihr sie Euer nennt, Grenzpfähle setzt so und so weit und

Zäune zieht, dass kein Andrer sie beschreite? Die Erde, die Luft und das

Wasser sind des Herrn. Euer aber ist Alles. Und Alle seid Ihr Eines

Geschlechts.“

So gewaltig war seine Stimme, dass ihm die Leute zuliefen in grossen

Massen. Kein Raum und kein Saal vermochte mehr die Zahl seiner Zuhörer zu

fassen. Wo man sie zurücktrieb, kamen Neue. Das Volk ward drohend, dass

man seinen Prediger antaste. Dröhnend wie Schlachtdrommeten klang seine

Rede. Er trug einen härenen Rock und nährte sich nur von Nahrung der

Pflanzen. Was er verzehrte, gewann er von seiner Hände Arbeit, denn wilde

Kraft des Volkes lebte in diesem Manne. Wenn er vor ihnen stand, gewaltig

mit dürren Händen und Armen, gedachte man der alten Prediger in der Wüste.

Seine Augen warfen Feuerflammen. Von vielem Denken und Nachtwachen war

sein Haar grau geworden. Er trug keinen Hut auf seinem Haupte. Wenn er in

einer Stadt fertig geworden war, wanderte er die Nacht über zu einer

andern.

Ueberall gegen Ungerechtigkeit und List erscholl sein Zeugniss: „Ihr nehmt

dem Armen scheffelweis. Dann straft und hängt Ihr für das, was er Euch

wiedernimmt in Körnern. Ihr predigt Demuth und freut Euch an dem, der vor

Euch steht mit abgezognem Hut und zitternden Knieen. Vor Gott beugt Ihr

die Knie, auf dass vor Euch die Menschen knieen um Eurer Gottesfurcht

willen. Seinen heiligen Namen schreibt Ihr über Eure schlechten Thaten,

Kriege und Händel, dass Eure Thaten heilig stehen in seinem Namen. Ihr

behauptet seine Weisheit zu wissen. Es ist Eure List, die Ihr fein und

schneidend schleift am adamantnen Felsen Seiner Gerechtigkeit. Ihr zieht

den Strick nicht zu, weil Euch das Lastvieh Säcke tragen soll. Dann

sprecht Ihr noch: Seht meine Langmuth und Gütigkeit, dass ich nicht würge,

wo ich doch würgen könnte. Der Aermste trägt alle Beschwerde. Ihr wischt

Euch die Stirn, sprecht von Eurem Schweiss, Nächten, die Ihr hingebt für

Euer Rechnen und Raffen in Keller, die Ihr auffüllt für Euch und Eure

Söhne. O Ihr Heuchler und dreifachen Heuchler! die Ihr die Steine

verschluckt, die man gegen Euch wirft, Euch dadurch schwerer macht, vom

Gift, das Euch tödten müsste, fresst, bis Ihr giftfest seid! Ihr seid

erkannt in Eurer Nacktheit. In Eurer Lüge steht Ihr frierend und ganz

hülflos.“

Also trieb er die Gegner vor sich her mit harten Worten. Ein mächtiger

Schrecken ging von ihm aus. Viele auch hingen ihm an, Soldaten, die in der

activen Armee standen, und man fürchtete, dass diese im Fall eines Kampfes

ihre Waffen gegen ihre Oberen kehren, gemeinsame Sache machen würden mit

dem Volk, denn des grossen Führers Wort war überzeugend. Er scheute sich

nicht und nannte die Dinge mit deutlichem Namen wie sie waren. Und Niemand

war, der ihm widerstehen konnte, weder mit feingedrehten Gründen, noch mit

Gewalt.

So dass davon bewegt wurden bis in die höchsten Schichten, Regierungen und

Ministerien. Man liess ihm unter der Hand anbieten, er sollte da eintreten

in die Verwaltung. Man würde Verbesserungen machen, Vorschläge aufstellen,

dass die Ungerechtigkeit beseitigt würde, Zufriedenheit, genug zu essen

sei im Lande.

Er aber schlug Alles aus und stiess diese in die Enge mit harten Worten:

Dass sie halb wären und niemals ganz, die den zerrissenen Schlauch flicken

wollten mit alten Lappen, klaffende Löcher verkleben mit Pappe von

papiernen Acten, Kleister von Speichel: „Ihr selbst müsst weg zunächst aus

dem Platz, da Ihr feststeht, damit frische Luft werde und Bewegung, das

Neue sich nicht zerbreche am harten Stein des Gewordenen, von der

Verwesung das Leben Farbe und Geruch annehme.“

Dieses hörten sie ungern. Da er aber sehr laut sprach, das Volk ihm

anhing, machten sie einen andern Versuch. Er ward zum Fürsten befohlen,

dass er diesen selbst spräche, vor der höchsten Majestät, so er dessen

fähig sei, zeugte für die Richtigkeit seiner Ansprüche.

Dieser, der noch ein junger und rechtlicher Monarch war, empfing ihn

freundlich. Er hatte auch gute Gedanken für die Besserung und für Alle,

beklagte dass Vieles nicht zu seinem Ohr kam, auf ihm aber als dem

Höchsten die Verantwortung ruhte. Nur hoffte er zu Gott, dass ihm das

nicht angerechnet würde, da er sich nach besten Kräften bestrebte, auch zu

Gott betete, bevor er Urtheil abgab in den grossen Sachen, die über Tod

und Leben waren und Leben und Tod vieler Tausende.

Zu ihm sprach der kühne Mann: „Mein Fürst! Du bist ganz und gar unfähig zu

urtheilen, im Einzelnen, wie nun gar über viele Hunderte und Tausende.

Siehst Du die Seelen der Menschen, vom unschuldigen Kindlein an, wie es

war, dass sie also schlecht wurden und Böses thaten? Ob es eine Krankheit

im Blut gewesen sein mag, Schlechtigkeit, Ungerechtigkeit und Unsauberkeit

der Welt, die Deines Volkes ist, davon Du Verantwortung trägst? Das

Gericht wird gesprochen in des Königs Namen. Wenn ein Krieg ist, erklärst

Du ihn. Der fremde Fürst nimmt Deine Erklärung an. Ihr Beide steht für

Eure Völker, das Recht Eurer Sache. Wie mag ein Einzelner solche

Beschwerung ernstlich übernehmen? Und wie Du zerbrechlich und von elendem

Staube bist, in Schmerzen geboren, krank eines Tages und einen andern

gesund, sterben musst und Dein Leib wird Würmerspeise, so sind Deine

Brüder, nicht besser und nicht schlechter. Niemals war es Gottes Wille,

dass der Eine herrlich gehen sollte in Purpur und Sammet, der Andre wie

ein Vieh im Staub kriechen, und viel weniger denn ein Vieh, da er nicht

hat seine Blösse zu bedecken.“

Worauf der Fürst sagte, dass er dies in der That beklage, auch sich selbst

nicht für besser hielte denn andre Menschen. Nur müsste Einer der

Mächtigste sein um der Ordnung willen. Es würde sonst Alles Unordnung und

Anarchie.

„Unordnung und Anarchie ist schon in der Welt,“ sprach der Mann des Volkes

traurig. „Eine Nation steht gegen die andre. Die stark sind, überwältigen

die Schwachen. Die schwach sind treten wider die Andern, die noch

schwächer sind, Weiber und Kinder. Es ist nicht mehr Gerechtigkeit denn

unter Läusen und Ungeziefer, und was das Recht genannt wird, ist eine neue

Waffe, die die Besitzenden geschmiedet haben, um ihren Besitz festzuhalten

und den Gar-nichts-Habenden zu wehren. Durch List, Ehrgeiz und Kriechen

gelingt es denen manchmal hineinzukommen. Diese Söhne von Sklaven drücken

ärger denn die Herrengebornen, denn sie sind niedrig. Ihre Seelen sind

niedrig wie der Staub, dem sie entkrochen sind. Der aber eine hohe Seele

hätte, könnte Niedriges nicht um sich dulden. Es würde ihm unerträglich

sein, sein Ebenbild besudelt zu sehen im Koth, schlechter denn der

Fussboden unter seinen Füssen, den er tritt. Ja, welcher ganz hoch dächte,

steige hernieder von seinem Thron und würfe über ihre blutige Schmach den

blutrothen Purpur seiner Hoheit, wie unser höchster Herr Christus sein

edelstes Blut vergossen hat für uns Alle. – Und recht königlich handelte

er, der so thäte, fürstlich und kaiserlich!“

Da ward der junge Fürst ungeduldig, hiess ihn fortführen. „Ich will Dich

später hören,“ sagte er. Die Rede hatte ihn unmuthig gemacht. Aber Manches

nahm er sich an, hiess auch den Mann öfter vor sich kommen, discutirte mit

ihm. Aber auf seine Rede kam er nicht zurück. Er blieb traurig. Die Diener

des Königs liessen den Demagogen nicht aus dem Gewahrsam, denn die

Aufregung war gross in der Stadt und im Land. Viele zogen durch die

Strassen in Haufen, die Brot und Arbeit verlangten. Man rief den Soldaten

zu, dass es ihre Pflicht wäre, die Waffen niederzulegen, sich zu verbinden

mit den Empörten.

Fritz Kuhlemann aber blieb im Gefängniss.

Um dieselbe Zeit nun sprach man von einem wundersamen Buch, das ein

Unbekannter geschrieben hatte, oder doch ein Bekannter, denn Viele

vermeinten die Art und Redeweise zu erkennen eines gewissen Doctor Anton

Rothe, der grosses Aufsehen erregt hatte zu einer Zeit, dann lange Jahre

verschollen war. Man sagte, dass er sie in wüsten Ausschweifungen

verbracht mit einem Fürsten auf Reisen. Derselbe war blind und auf den Tod

krank gewesen Monate lang. In diesen Wochen hatte er das Buch geschrieben.

Er hatte es einem Knaben in die Hand dictirt, der nicht schreiben konnte.

Und siehe! die Zeichen standen fest und deutlich wie Buchstaben, dass

Jeder sie lesen konnte, die die zu lesen verstanden und so nichts vom

Lesen und Schreiben wussten, als Kinder und ganz ungebildetes Volk. Es

hiess: „Die Blinden, die sehen ...“ In wundervoller und deutlicher Weise

war geschrieben, wie Christus eintritt in alle Dinge dieser Welt, das

Heilige und Kräftige in der Verwesung, die linde Sonne, die schafft und

leuchtet. Und schied das Licht von der Finsterniss, und ging grausam in’s

Gericht mit dem, was schön gewesen war und herrlich, zeigte es klar wie es

war in entsetzlicher Todtenlarve, dass ein Schauder die Menschheit

erfasste, Manche in fliegendem Entsetzen das Werk ihrer Hände zerbrachen.

Und schied überall die Finsterniss vom Licht, die Gedanken von der Form,

den Geist vom Körperlichen, das heilsam und gut gewesen für eine

kindlichere Zeit.

Und pries die Güte, die reine Unschuld, die Schwachheit, die das

Heldenthum ist. Wie Alles ewig ist und Bestand hat, das aus der Liebe

geboren ist. Das Andre ist Staub und Schlacke. Es muss verbrennen und

immer mehr wegbrennen in immer reinerem und stärkerem Licht, bis nichts

mehr bleibt, als das unaussprechliche wunderbare Licht in Gott. Einige

sehen es schon im Leibe. Viele aber erst nach diesem Leben. In Allen ist

der Funke und das Abbild. Sie leiden und brennen. Das Feuer des Leidens

ist die Läuterung.

Der aber das Buch geschrieben in den unaussprechlichen Qualen seines

Leibes und Gewissens, dem war es wie Schuppen von den Augen gefallen. Er

sah nun und niemals wieder würde ein Flecken in sein Auge kommen. Ganz

kleine Kindlein sahen von selbst. Ihre Augen sind stet, flackern nicht

unruhig wie die der Menschen.

Aber ein solch wundersames Buch war nicht geschrieben seit die Welt stand.

Und zeigte den Strom des Lichts von Gott, vom Licht ausgehend, durch alle

Zeiten und Alter, wie er Form und Blut geworden in Golgatha, und floss in

herrlicher, schimmernder Fluth. Um die Häupter der Heiligen, niedrige

Stirnen der Suchenden, Bibelerforscher, Bastillestürmer. ... Immer mit nie

fehlender Sicherheit der Gang zum Licht.

Das endete ausbrechend mit der grossen Apotheose: Friede auf Erden und den

Menschen ein Wohlgefallen. Gold – das Reichste, daran des Menschen Herz

hängt, Weihrauch, der den Aufschwung der Seele begleitet, und Myrrhen, die

feinste, edle Blüthe der schönen Künste.

Dies Buch war in der wunderbarsten Sprache geschrieben, die wie Gesang

ging. Die Worte waren einfach und tief, dass die Weisesten davor

ehrfürchtig standen und die Einfältigen sie fassen konnten. Die Kraft

dieser Worte war wie ein zweischneidendes Schwert und ihre Süsse süsser

denn Honig, feinster Duft der Blumen.

Ein solches Buch war nicht geschrieben worden und es stand leuchtend und

in Erz gegraben, was man an ihm drehte und deutete. Im Gegentheil, seine

Strahlen wurden rother und inbrünstiger. Alle rothe Wuth und Finsterniss

der Welt konnte das leuchtende Buch nicht umstossen.

Wie auf das Volk die Rede des grossen Socialisten, so wirkte das Buch auf

die Gebildeten. Es gab vornehme Herren und Grafen, die ihre Güter abgaben

und niederstiegen zu den Geringen. Die Frauen richteten sich auf in

leuchtender Keuschheit. Was man als Notwendigkeit mit Widerwillen

geleistet, wurde wieder die herrlichste der Tugenden. Maler und Bildner

ergriffen begeistert Pinsel und Meissel. Es war ein Wettlauf nach der

leuchtenden Schönheit, wie er nie gewesen. Ahnend standen die Völker vor

den Werken der Geweihten, denn solche Schönheit war nicht gesehen worden.

Und jubelnd noch einmal schwang der Sang des Unbekannten sich auf, im

schwindelnden Adlerflug der Seele, das Hohelied des Lichts, das Neue

Jerusalem, die Stadt, die den Schatten nicht kennt. Die Farben steigen an

in Tonleitern, Symphonieen des Glanzes schwingen sich schwirrend, der

trunkne Pinsel, in Sonne getaucht, stolzirt im tönenden Reigengesang der

Edelsteine. Zum schmetternden Tedeum vereinen sich die Lichtspender.

„Der erste Grund war ein Jaspis, der andre ein Saphir, der dritte ein

Chalcedonier, der vierte ein Smaragd.

„Der fünfte ein Sardonyx, der sechste ein Sarder, der siebente ein

Chrysolith, der achte ein Beryll, der neunte ein Topas, der zehnte ein

Chrysopras, der elfte ein Hyacinth, der zwölfte ein Amethyst.

„Und die zwölf Thore waren zwölf Perlen und ein jeglich Thor war von einer

Perle; und die Gassen der Stadt waren lauter Gold als ein durchscheinend

Glas.

„Und ich sah keinen Tempel darinnen, denn der Herr, der allmächtige Gott

ist ihr Tempel und das Lamm.

„Und die Stadt bedarf keiner Sonne, noch des Mondes, dass sie ihr

scheinen, denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie und ihre Leuchte ist

das Lamm.

„Und die Heiden, die da selig werden, wandeln in demselben Licht; und die

Könige auf Erden werden ihre Herrlichkeit in dieselbige bringen.

„Und ihre Thore werden nicht verschlossen des Tages, denn da wird keine

Nacht sein.“

... Und es war ein Jüngling in einer Stadt desselbigen Landes, der hatte

die Schönheit gesucht sein Leben lang. Denn er dachte richtig, dass, wer

die Wahrheit findet, der Schönheit nahe ist und es keine andre Wahrheit

giebt denn in der Vollkommenheit der Schönheit. Erst hatte er sie gesucht

in der Schönheit des Gedankens. Dann hatte er zu der Schönheit des

Fleisches gebetet, denn der lebendige Leib ist mehr denn der Schatten und

die Form höher denn das Wort; aber das Alter und die Unvollkommenheit

nehmen alle Schönheit hinweg.

Dieser kam zu Ihm, da Er auf einem sehr hohen Berge war. Die ganze Nacht

war er den Berg hinaufgeklettert. Die Dornen hatten seine Hände zerrissen,

dass sie bluteten. Er war gestolpert im Finstern. Die Steine hatten seine

Kniee zerschlagen, dass sie matt und wund geworden waren unter ihm. Oft

war er irre gegangen. Lichter hatten ihn genarrt im Finstern. Im Nebel

tastete er sich vorwärts mit Händen und Füssen. Seine Augen waren wie

blind, dass er die Hand nicht sah vor seinen Augen.

Er sah nicht das Gesicht dessen, der vor ihm stand. Aber er fiel vor ihm

nieder und hob die Hände hoch. Flehte ihn an und bat: „Lass mich sehen die

grosse Schönheit Deines Antlitzes und sterben.“

Er sprach: „Ich will sie Dir zeigen. Aber hüte Dich wohl, dass der

Schrecken Dich nicht niederstürzt vom Felsen. Denn meine Schönheit ist

schrecklich wie der Adler.“

Und er sah ein Unendliches, Furchtbares. Das fuhr dahin über seinem

Haupte. Kreisende Sterne sassen in Seinen Lenden. Wolken bildeten den Saum

Seines Kleides. Seine Stimme glich dem Donner und das Zucken Seiner Brauen

war der Blitz. Zugleich geschah ein Windesbrausen wie von tausend Winden.

Er fiel auf den Boden wie betäubt und der Blitz fuhr über ihn hin.

Danach hörte er Schalmeien. Die kamen sehr lieblich und klingend aus

goldner Ferne. Er sah einen Jüngling ganz nackt in der jungen Herrlichkeit

seiner prangenden Glieder. Der Bogen hing über seiner Schulter und die

Leyer lehnte zu seinen Füssen. Die Gesänge seiner Leyer waren lockender

wie Goldklingen. Wo er hintrat, blühten Veilchen. Die wilden Thiere des

Waldes kamen angezogen von dem Wunder seiner Laute. – Aber das Antlitz des

Jünglings blieb marmorn.

Danach sprach eine andre Stimme: „Kennst Du mich?“ Er sah einen Mann am

Kreuze hängen. Sein Antlitz hing auf seine Brust und seine Arme blieben

ausgestreckt; denn die Schwere seines Körpers war zu gross für seine Arme.

Dornen krönten seine Stirn. Das Blut troff von den Dornenmalen. Es floss

aus seiner geöffneten Seite. Die Nägel gingen durch sein Fleisch und die

Stricke schnitten tiefe Wundenstriemen. Aber der Mund blieb weit gezerrt.

Der Mund schrie in seiner Qual und rief: „Mich dürstet ...“

Seine Thränen tropften sehr schnell, er sprach: „Herr! Ich kenne Dich. Du

bist schön und der Edelste unter den Geschaffnen. Aber ich habe eine

Schönheit geträumt, grösser denn Deine. Und ich bitte Dich, dass Du mir

zeigest Deine letzte Schönheit.“

Aber der Mann am Kreuz schien zu lächeln. Seine Wunden wurden Rosen und

die Rosen fielen im rothen, duftenden Regen. Die Dornen um seine Stirn

waren Strahlen, die aus seiner Stirn brachen wie Sonnengluth. Vom Gold

dieser Strahlen wurde die Welt warm und tönend. – Aber die Schlange war

der Strick, der ringelnd niedersank.

Und das Kreuz wurde der Baum, der Baum des Lebens aus dem Paradiese. Und

Er streckte seine Hand aus und brach von ihm die Frucht der Erkenntniss,

die roth war vom Blut des Lebens, in der Form des Apfels, der den Samen

birgt. Und Er reichte sie ihm hin und sprach: „Iss!“

Da fiel der hin wie sinnlos.

Als man diesen aufhob, waren seine Augen blind. Er sah niemals wieder und

seine Haare waren weiss geworden wie die eines sehr alten Mannes. Aber er

hatte die Dinge geschaut, die unbeschreiblich sind, frohlockte in seinem

Herzen und pries jeden Tag Gott, bis an seinen Tod, der bald kam. Denn er

hatte in einer Stunde das ganze Leben gesehen und allen Kreislauf des

Gewordnen. Und die Fibern und Hirne der Sterblichen sind schwach.

Der Fremde: Ein Gleichniss · 第 30 / 46 题