Aber um diese Zeit war das Gerücht von ihm sehr gewaltig geworden.
In der Hauptstadt erschütterten die Predigten Fritz Kuhlemann’s, der mit
starker Stimme sprach. Er schonte Niemand und rief laut zur Busse. Denn
die Zeit war gekommen. Ein grosses Erwachen ging durch die Völker.
Schweres Unheil, Empörung und Blutvergießen lag in der Luft, so die
Machthaber sich nicht bekehrten, die neue Lehre anerkannten von der
Theilung der Güter, der Brüderschaft aller Sterblichen. Er sprach: „Es ist
Unrecht, dass Ihr Armeen habt, Einer den Andern zu bekriegen, die Stimme
des Volks zu ersticken, die mächtig spricht. Solches thun die Thiere
nicht, die von demselben Blut und gleicher Art sind. Seid Ihr nicht besser
denn Thiere? Wehe den Reichen! Wehe denen, die Geld ansammeln und es auf
Wucherzinsen ausleihen! Die den Acker mit Schulden bedecken, dass er nicht
Frucht bringen kann unter dem verfluchten Eisen! Habt Ihr die Erde
geschaffen, dass Ihr sie Euer nennt, Grenzpfähle setzt so und so weit und
Zäune zieht, dass kein Andrer sie beschreite? Die Erde, die Luft und das
Wasser sind des Herrn. Euer aber ist Alles. Und Alle seid Ihr Eines
Geschlechts.“
So gewaltig war seine Stimme, dass ihm die Leute zuliefen in grossen
Massen. Kein Raum und kein Saal vermochte mehr die Zahl seiner Zuhörer zu
fassen. Wo man sie zurücktrieb, kamen Neue. Das Volk ward drohend, dass
man seinen Prediger antaste. Dröhnend wie Schlachtdrommeten klang seine
Rede. Er trug einen härenen Rock und nährte sich nur von Nahrung der
Pflanzen. Was er verzehrte, gewann er von seiner Hände Arbeit, denn wilde
Kraft des Volkes lebte in diesem Manne. Wenn er vor ihnen stand, gewaltig
mit dürren Händen und Armen, gedachte man der alten Prediger in der Wüste.
Seine Augen warfen Feuerflammen. Von vielem Denken und Nachtwachen war
sein Haar grau geworden. Er trug keinen Hut auf seinem Haupte. Wenn er in
einer Stadt fertig geworden war, wanderte er die Nacht über zu einer
andern.
Ueberall gegen Ungerechtigkeit und List erscholl sein Zeugniss: „Ihr nehmt
dem Armen scheffelweis. Dann straft und hängt Ihr für das, was er Euch
wiedernimmt in Körnern. Ihr predigt Demuth und freut Euch an dem, der vor
Euch steht mit abgezognem Hut und zitternden Knieen. Vor Gott beugt Ihr
die Knie, auf dass vor Euch die Menschen knieen um Eurer Gottesfurcht
willen. Seinen heiligen Namen schreibt Ihr über Eure schlechten Thaten,
Kriege und Händel, dass Eure Thaten heilig stehen in seinem Namen. Ihr
behauptet seine Weisheit zu wissen. Es ist Eure List, die Ihr fein und
schneidend schleift am adamantnen Felsen Seiner Gerechtigkeit. Ihr zieht
den Strick nicht zu, weil Euch das Lastvieh Säcke tragen soll. Dann
sprecht Ihr noch: Seht meine Langmuth und Gütigkeit, dass ich nicht würge,
wo ich doch würgen könnte. Der Aermste trägt alle Beschwerde. Ihr wischt
Euch die Stirn, sprecht von Eurem Schweiss, Nächten, die Ihr hingebt für
Euer Rechnen und Raffen in Keller, die Ihr auffüllt für Euch und Eure
Söhne. O Ihr Heuchler und dreifachen Heuchler! die Ihr die Steine
verschluckt, die man gegen Euch wirft, Euch dadurch schwerer macht, vom
Gift, das Euch tödten müsste, fresst, bis Ihr giftfest seid! Ihr seid
erkannt in Eurer Nacktheit. In Eurer Lüge steht Ihr frierend und ganz
hülflos.“
Also trieb er die Gegner vor sich her mit harten Worten. Ein mächtiger
Schrecken ging von ihm aus. Viele auch hingen ihm an, Soldaten, die in der
activen Armee standen, und man fürchtete, dass diese im Fall eines Kampfes
ihre Waffen gegen ihre Oberen kehren, gemeinsame Sache machen würden mit
dem Volk, denn des grossen Führers Wort war überzeugend. Er scheute sich
nicht und nannte die Dinge mit deutlichem Namen wie sie waren. Und Niemand
war, der ihm widerstehen konnte, weder mit feingedrehten Gründen, noch mit
Gewalt.
So dass davon bewegt wurden bis in die höchsten Schichten, Regierungen und
Ministerien. Man liess ihm unter der Hand anbieten, er sollte da eintreten
in die Verwaltung. Man würde Verbesserungen machen, Vorschläge aufstellen,
dass die Ungerechtigkeit beseitigt würde, Zufriedenheit, genug zu essen
sei im Lande.
Er aber schlug Alles aus und stiess diese in die Enge mit harten Worten:
Dass sie halb wären und niemals ganz, die den zerrissenen Schlauch flicken
wollten mit alten Lappen, klaffende Löcher verkleben mit Pappe von
papiernen Acten, Kleister von Speichel: „Ihr selbst müsst weg zunächst aus
dem Platz, da Ihr feststeht, damit frische Luft werde und Bewegung, das
Neue sich nicht zerbreche am harten Stein des Gewordenen, von der
Verwesung das Leben Farbe und Geruch annehme.“
Dieses hörten sie ungern. Da er aber sehr laut sprach, das Volk ihm
anhing, machten sie einen andern Versuch. Er ward zum Fürsten befohlen,
dass er diesen selbst spräche, vor der höchsten Majestät, so er dessen
fähig sei, zeugte für die Richtigkeit seiner Ansprüche.
Dieser, der noch ein junger und rechtlicher Monarch war, empfing ihn
freundlich. Er hatte auch gute Gedanken für die Besserung und für Alle,
beklagte dass Vieles nicht zu seinem Ohr kam, auf ihm aber als dem
Höchsten die Verantwortung ruhte. Nur hoffte er zu Gott, dass ihm das
nicht angerechnet würde, da er sich nach besten Kräften bestrebte, auch zu
Gott betete, bevor er Urtheil abgab in den grossen Sachen, die über Tod
und Leben waren und Leben und Tod vieler Tausende.
Zu ihm sprach der kühne Mann: „Mein Fürst! Du bist ganz und gar unfähig zu
urtheilen, im Einzelnen, wie nun gar über viele Hunderte und Tausende.
Siehst Du die Seelen der Menschen, vom unschuldigen Kindlein an, wie es
war, dass sie also schlecht wurden und Böses thaten? Ob es eine Krankheit
im Blut gewesen sein mag, Schlechtigkeit, Ungerechtigkeit und Unsauberkeit
der Welt, die Deines Volkes ist, davon Du Verantwortung trägst? Das
Gericht wird gesprochen in des Königs Namen. Wenn ein Krieg ist, erklärst
Du ihn. Der fremde Fürst nimmt Deine Erklärung an. Ihr Beide steht für
Eure Völker, das Recht Eurer Sache. Wie mag ein Einzelner solche
Beschwerung ernstlich übernehmen? Und wie Du zerbrechlich und von elendem
Staube bist, in Schmerzen geboren, krank eines Tages und einen andern
gesund, sterben musst und Dein Leib wird Würmerspeise, so sind Deine
Brüder, nicht besser und nicht schlechter. Niemals war es Gottes Wille,
dass der Eine herrlich gehen sollte in Purpur und Sammet, der Andre wie
ein Vieh im Staub kriechen, und viel weniger denn ein Vieh, da er nicht
hat seine Blösse zu bedecken.“
Worauf der Fürst sagte, dass er dies in der That beklage, auch sich selbst
nicht für besser hielte denn andre Menschen. Nur müsste Einer der
Mächtigste sein um der Ordnung willen. Es würde sonst Alles Unordnung und
Anarchie.
„Unordnung und Anarchie ist schon in der Welt,“ sprach der Mann des Volkes
traurig. „Eine Nation steht gegen die andre. Die stark sind, überwältigen
die Schwachen. Die schwach sind treten wider die Andern, die noch
schwächer sind, Weiber und Kinder. Es ist nicht mehr Gerechtigkeit denn
unter Läusen und Ungeziefer, und was das Recht genannt wird, ist eine neue
Waffe, die die Besitzenden geschmiedet haben, um ihren Besitz festzuhalten
und den Gar-nichts-Habenden zu wehren. Durch List, Ehrgeiz und Kriechen
gelingt es denen manchmal hineinzukommen. Diese Söhne von Sklaven drücken
ärger denn die Herrengebornen, denn sie sind niedrig. Ihre Seelen sind
niedrig wie der Staub, dem sie entkrochen sind. Der aber eine hohe Seele
hätte, könnte Niedriges nicht um sich dulden. Es würde ihm unerträglich
sein, sein Ebenbild besudelt zu sehen im Koth, schlechter denn der
Fussboden unter seinen Füssen, den er tritt. Ja, welcher ganz hoch dächte,
steige hernieder von seinem Thron und würfe über ihre blutige Schmach den
blutrothen Purpur seiner Hoheit, wie unser höchster Herr Christus sein
edelstes Blut vergossen hat für uns Alle. – Und recht königlich handelte
er, der so thäte, fürstlich und kaiserlich!“
Da ward der junge Fürst ungeduldig, hiess ihn fortführen. „Ich will Dich
später hören,“ sagte er. Die Rede hatte ihn unmuthig gemacht. Aber Manches
nahm er sich an, hiess auch den Mann öfter vor sich kommen, discutirte mit
ihm. Aber auf seine Rede kam er nicht zurück. Er blieb traurig. Die Diener
des Königs liessen den Demagogen nicht aus dem Gewahrsam, denn die
Aufregung war gross in der Stadt und im Land. Viele zogen durch die
Strassen in Haufen, die Brot und Arbeit verlangten. Man rief den Soldaten
zu, dass es ihre Pflicht wäre, die Waffen niederzulegen, sich zu verbinden
mit den Empörten.
Fritz Kuhlemann aber blieb im Gefängniss.
Um dieselbe Zeit nun sprach man von einem wundersamen Buch, das ein
Unbekannter geschrieben hatte, oder doch ein Bekannter, denn Viele
vermeinten die Art und Redeweise zu erkennen eines gewissen Doctor Anton
Rothe, der grosses Aufsehen erregt hatte zu einer Zeit, dann lange Jahre
verschollen war. Man sagte, dass er sie in wüsten Ausschweifungen
verbracht mit einem Fürsten auf Reisen. Derselbe war blind und auf den Tod
krank gewesen Monate lang. In diesen Wochen hatte er das Buch geschrieben.
Er hatte es einem Knaben in die Hand dictirt, der nicht schreiben konnte.
Und siehe! die Zeichen standen fest und deutlich wie Buchstaben, dass
Jeder sie lesen konnte, die die zu lesen verstanden und so nichts vom
Lesen und Schreiben wussten, als Kinder und ganz ungebildetes Volk. Es
hiess: „Die Blinden, die sehen ...“ In wundervoller und deutlicher Weise
war geschrieben, wie Christus eintritt in alle Dinge dieser Welt, das
Heilige und Kräftige in der Verwesung, die linde Sonne, die schafft und
leuchtet. Und schied das Licht von der Finsterniss, und ging grausam in’s
Gericht mit dem, was schön gewesen war und herrlich, zeigte es klar wie es
war in entsetzlicher Todtenlarve, dass ein Schauder die Menschheit
erfasste, Manche in fliegendem Entsetzen das Werk ihrer Hände zerbrachen.
Und schied überall die Finsterniss vom Licht, die Gedanken von der Form,
den Geist vom Körperlichen, das heilsam und gut gewesen für eine
kindlichere Zeit.
Und pries die Güte, die reine Unschuld, die Schwachheit, die das
Heldenthum ist. Wie Alles ewig ist und Bestand hat, das aus der Liebe
geboren ist. Das Andre ist Staub und Schlacke. Es muss verbrennen und
immer mehr wegbrennen in immer reinerem und stärkerem Licht, bis nichts
mehr bleibt, als das unaussprechliche wunderbare Licht in Gott. Einige
sehen es schon im Leibe. Viele aber erst nach diesem Leben. In Allen ist
der Funke und das Abbild. Sie leiden und brennen. Das Feuer des Leidens
ist die Läuterung.
Der aber das Buch geschrieben in den unaussprechlichen Qualen seines
Leibes und Gewissens, dem war es wie Schuppen von den Augen gefallen. Er
sah nun und niemals wieder würde ein Flecken in sein Auge kommen. Ganz
kleine Kindlein sahen von selbst. Ihre Augen sind stet, flackern nicht
unruhig wie die der Menschen.
Aber ein solch wundersames Buch war nicht geschrieben seit die Welt stand.
Und zeigte den Strom des Lichts von Gott, vom Licht ausgehend, durch alle
Zeiten und Alter, wie er Form und Blut geworden in Golgatha, und floss in
herrlicher, schimmernder Fluth. Um die Häupter der Heiligen, niedrige
Stirnen der Suchenden, Bibelerforscher, Bastillestürmer. ... Immer mit nie
fehlender Sicherheit der Gang zum Licht.
Das endete ausbrechend mit der grossen Apotheose: Friede auf Erden und den
Menschen ein Wohlgefallen. Gold – das Reichste, daran des Menschen Herz
hängt, Weihrauch, der den Aufschwung der Seele begleitet, und Myrrhen, die
feinste, edle Blüthe der schönen Künste.
Dies Buch war in der wunderbarsten Sprache geschrieben, die wie Gesang
ging. Die Worte waren einfach und tief, dass die Weisesten davor
ehrfürchtig standen und die Einfältigen sie fassen konnten. Die Kraft
dieser Worte war wie ein zweischneidendes Schwert und ihre Süsse süsser
denn Honig, feinster Duft der Blumen.
Ein solches Buch war nicht geschrieben worden und es stand leuchtend und
in Erz gegraben, was man an ihm drehte und deutete. Im Gegentheil, seine
Strahlen wurden rother und inbrünstiger. Alle rothe Wuth und Finsterniss
der Welt konnte das leuchtende Buch nicht umstossen.
Wie auf das Volk die Rede des grossen Socialisten, so wirkte das Buch auf
die Gebildeten. Es gab vornehme Herren und Grafen, die ihre Güter abgaben
und niederstiegen zu den Geringen. Die Frauen richteten sich auf in
leuchtender Keuschheit. Was man als Notwendigkeit mit Widerwillen
geleistet, wurde wieder die herrlichste der Tugenden. Maler und Bildner
ergriffen begeistert Pinsel und Meissel. Es war ein Wettlauf nach der
leuchtenden Schönheit, wie er nie gewesen. Ahnend standen die Völker vor
den Werken der Geweihten, denn solche Schönheit war nicht gesehen worden.
Und jubelnd noch einmal schwang der Sang des Unbekannten sich auf, im
schwindelnden Adlerflug der Seele, das Hohelied des Lichts, das Neue
Jerusalem, die Stadt, die den Schatten nicht kennt. Die Farben steigen an
in Tonleitern, Symphonieen des Glanzes schwingen sich schwirrend, der
trunkne Pinsel, in Sonne getaucht, stolzirt im tönenden Reigengesang der
Edelsteine. Zum schmetternden Tedeum vereinen sich die Lichtspender.
„Der erste Grund war ein Jaspis, der andre ein Saphir, der dritte ein
Chalcedonier, der vierte ein Smaragd.
„Der fünfte ein Sardonyx, der sechste ein Sarder, der siebente ein
Chrysolith, der achte ein Beryll, der neunte ein Topas, der zehnte ein
Chrysopras, der elfte ein Hyacinth, der zwölfte ein Amethyst.
„Und die zwölf Thore waren zwölf Perlen und ein jeglich Thor war von einer
Perle; und die Gassen der Stadt waren lauter Gold als ein durchscheinend
Glas.
„Und ich sah keinen Tempel darinnen, denn der Herr, der allmächtige Gott
ist ihr Tempel und das Lamm.
„Und die Stadt bedarf keiner Sonne, noch des Mondes, dass sie ihr
scheinen, denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie und ihre Leuchte ist
das Lamm.
„Und die Heiden, die da selig werden, wandeln in demselben Licht; und die
Könige auf Erden werden ihre Herrlichkeit in dieselbige bringen.
„Und ihre Thore werden nicht verschlossen des Tages, denn da wird keine
Nacht sein.“
... Und es war ein Jüngling in einer Stadt desselbigen Landes, der hatte
die Schönheit gesucht sein Leben lang. Denn er dachte richtig, dass, wer
die Wahrheit findet, der Schönheit nahe ist und es keine andre Wahrheit
giebt denn in der Vollkommenheit der Schönheit. Erst hatte er sie gesucht
in der Schönheit des Gedankens. Dann hatte er zu der Schönheit des
Fleisches gebetet, denn der lebendige Leib ist mehr denn der Schatten und
die Form höher denn das Wort; aber das Alter und die Unvollkommenheit
nehmen alle Schönheit hinweg.
Dieser kam zu Ihm, da Er auf einem sehr hohen Berge war. Die ganze Nacht
war er den Berg hinaufgeklettert. Die Dornen hatten seine Hände zerrissen,
dass sie bluteten. Er war gestolpert im Finstern. Die Steine hatten seine
Kniee zerschlagen, dass sie matt und wund geworden waren unter ihm. Oft
war er irre gegangen. Lichter hatten ihn genarrt im Finstern. Im Nebel
tastete er sich vorwärts mit Händen und Füssen. Seine Augen waren wie
blind, dass er die Hand nicht sah vor seinen Augen.
Er sah nicht das Gesicht dessen, der vor ihm stand. Aber er fiel vor ihm
nieder und hob die Hände hoch. Flehte ihn an und bat: „Lass mich sehen die
grosse Schönheit Deines Antlitzes und sterben.“
Er sprach: „Ich will sie Dir zeigen. Aber hüte Dich wohl, dass der
Schrecken Dich nicht niederstürzt vom Felsen. Denn meine Schönheit ist
schrecklich wie der Adler.“
Und er sah ein Unendliches, Furchtbares. Das fuhr dahin über seinem
Haupte. Kreisende Sterne sassen in Seinen Lenden. Wolken bildeten den Saum
Seines Kleides. Seine Stimme glich dem Donner und das Zucken Seiner Brauen
war der Blitz. Zugleich geschah ein Windesbrausen wie von tausend Winden.
Er fiel auf den Boden wie betäubt und der Blitz fuhr über ihn hin.
Danach hörte er Schalmeien. Die kamen sehr lieblich und klingend aus
goldner Ferne. Er sah einen Jüngling ganz nackt in der jungen Herrlichkeit
seiner prangenden Glieder. Der Bogen hing über seiner Schulter und die
Leyer lehnte zu seinen Füssen. Die Gesänge seiner Leyer waren lockender
wie Goldklingen. Wo er hintrat, blühten Veilchen. Die wilden Thiere des
Waldes kamen angezogen von dem Wunder seiner Laute. – Aber das Antlitz des
Jünglings blieb marmorn.
Danach sprach eine andre Stimme: „Kennst Du mich?“ Er sah einen Mann am
Kreuze hängen. Sein Antlitz hing auf seine Brust und seine Arme blieben
ausgestreckt; denn die Schwere seines Körpers war zu gross für seine Arme.
Dornen krönten seine Stirn. Das Blut troff von den Dornenmalen. Es floss
aus seiner geöffneten Seite. Die Nägel gingen durch sein Fleisch und die
Stricke schnitten tiefe Wundenstriemen. Aber der Mund blieb weit gezerrt.
Der Mund schrie in seiner Qual und rief: „Mich dürstet ...“
Seine Thränen tropften sehr schnell, er sprach: „Herr! Ich kenne Dich. Du
bist schön und der Edelste unter den Geschaffnen. Aber ich habe eine
Schönheit geträumt, grösser denn Deine. Und ich bitte Dich, dass Du mir
zeigest Deine letzte Schönheit.“
Aber der Mann am Kreuz schien zu lächeln. Seine Wunden wurden Rosen und
die Rosen fielen im rothen, duftenden Regen. Die Dornen um seine Stirn
waren Strahlen, die aus seiner Stirn brachen wie Sonnengluth. Vom Gold
dieser Strahlen wurde die Welt warm und tönend. – Aber die Schlange war
der Strick, der ringelnd niedersank.
Und das Kreuz wurde der Baum, der Baum des Lebens aus dem Paradiese. Und
Er streckte seine Hand aus und brach von ihm die Frucht der Erkenntniss,
die roth war vom Blut des Lebens, in der Form des Apfels, der den Samen
birgt. Und Er reichte sie ihm hin und sprach: „Iss!“
Da fiel der hin wie sinnlos.
Als man diesen aufhob, waren seine Augen blind. Er sah niemals wieder und
seine Haare waren weiss geworden wie die eines sehr alten Mannes. Aber er
hatte die Dinge geschaut, die unbeschreiblich sind, frohlockte in seinem
Herzen und pries jeden Tag Gott, bis an seinen Tod, der bald kam. Denn er
hatte in einer Stunde das ganze Leben gesehen und allen Kreislauf des
Gewordnen. Und die Fibern und Hirne der Sterblichen sind schwach.