Der Fremde sprach: „Da der Mensch anfing zu mischen von seinem Willen in
den grossen Gang des Wollens, der der reine Strom und Urquell des Lebens
ist. Er sprach – und er sollte hören. Er dachte, wo er sehen sollte. Ein
Kleines, Staubgebornes, Willkürliches will stehen, wo das Grosse, Ewige,
Gesetzte steht.“
Er sprach: „Widerspricht nicht Solches der eignen Adligkeit und
Freiwilligkeit des Menschen?“
Darauf antwortete der Fremde: „Mit nichten. Sondern ist es nicht edler,
das Gesetz in sich selbst zu erkennen und ihm folgen, als sich von aussen
verschreiben lassen, Buchstaben zu gehorchen. Das ist Sklaventhum. Das
Andre Adliger und Freigeborner.“
Johannes sprach: „Wie kann das Gesetz für Alle dasselbe sein, so doch der
Menschen viele sind und Millionen, Jeder anders geht wie der Andre?“
Er sprach: „Es ist auch nicht dasselbe Gesetz für Alle. Händewaschen ist
nicht dasselbe, Kleidertrachten und Fasten ist nicht dasselbe, Götter von
Stein und Götter von Erzen. – Aber Alle, die suchen, finden wohl den Weg.“
Da erschrak Johannes in seinem Herzen und sprach: „Die alten Weisen haben
wohl gelehrt. Sie dachten, sie hätten die Weisheit gefunden. Und waren
Edle. Tiefe Worte kamen von ihren Lippen. Buddha und Mohammed sind
gekommen. – Wie sagst Du, Einer ist wie der Andre?“
Er sprach: „Alle diese sind gegangen und haben gefunden. Unschuldige
Kindlein finden auch, kleine Blumen und Kräuter. Es führen viele Wege.
Aber unselig sind, die stehen bleiben und nicht gehen um der Dornen willen
und Steinblöcke.“
Damit wollte er weitergehen. Aber der Andre hielt ihn an in grosser Angst
seines Herzens, flehte ihn an und bat: „Gieb mir ein Zeichen.“
Er sprach: „Kein andres Zeichen habe ich als dies: Die Blinden werden
nicht blind sein, ob sie gleich blind sind. Die Lahmen werden gehen können
und eilen, ob sie lahm sind, festgekettet an ihr Lager. Die Armen sind
reich und ihr Reichthum ist köstlicher denn aller Reichen. Die Todten
sterben nicht und leben, ob sie gleich gestorben sind. – Ein Kind findet
es in seiner Einfalt. Den Weisen und Mächtigen aber bleibt es verborgen.“
Er sprach: „Sage mir nun noch dies Eine. So Einer Sünde gethan hat, ist er
nicht schlimmer denn Einer, der keine gethan hat? Warum denn sollten wir
nicht Alle sündigen und froh sein?“
Er sprach: „So Du sie thust, ist es Dir Sünde. Die Andern aber gehen auch
nicht verloren. Der Hochmuth ist das Aergste der Uebel. Freude war über
den, der Busse thut vor neunundneunzig Gerechten. Der verloren war und
heim kam, fand über dem der zu Hause geblieben, niemals irrte.“
So liess er diesen und ging von ihm weiter in der Abenddämmerung.