Nun war aber in einer Stadt ein junger Mann, der sich dem geistlichen
Stande gewidmet hatte.
Nie war für ihn die Frage gewesen, irgend ein anderes Amt zu erwählen. Von
früh auf zeigte er sich in geistlichen Dingen wohlbewandert, geneigt
darüber nachzudenken, die Texte auszulegen in ihrem deutlichen Sinne.
Dabei war er von mässiger und strenger Lebensweise. Er hatte sich Jahre
lang nur von Pflanzennahrung erhalten. Sein Geld gab er den Armen und
lebte wie der Aermsten Einer mitten unter ihnen. Zudem voll Würde in aller
Gütigkeit, dass er die Spötter zurückwies, Niemand ihm etwas anhaben
konnte. Im Gegentheil, es war eine gemeine Rede in der Stadt, wenn man
Jemand etwas Gutes wünschte, und diese Leute waren älter, dass man ihnen
einen Sohn wünschte wie Johannes. Seine alten Eltern, denen er zuerst ein
Kummer gewesen, dass er also herausging aus der Bahn, die sie selbst
gegangen, ein Amt erwählte, das ihnen fremdartig war und nicht so
angesehen in ihrer Meinung wie ihr eignes vor den Leuten, priesen Gott
alle Tage, der ihnen ein solches Kind gegeben, von dem sie Ehre hatten
jede Stunde, der als ein Muster stand unter jungen Leuten, in frühen
Jahren Ruhm erwarb wie Andre, die Jahre lang gedient, Last und Mühsal
getragen hatten.
Selbst solche, die ihm heimlich entgegenstanden, weil er sie strafte in
ihren Sünden, wagten nicht, ihn offen zu missbilligen, denn sein Ansehen
war gross unter allen Leuten, und seine Rede gewaltig. Dazu, weil er eines
vornehmen Mannes Sohn war, trug das zu seinem Ruhm bei. Das Gerücht drang
bis an den Hof. Er musste predigen dort und ward als Hofprediger
angestellt auf den eignen Wunsch des Fürsten, der gern seine Predigt
hörte, auch manches Gespräch mit ihm pflog. Er war selbst von ernster und
redlicher Gemüthsart, dachte viel nach über die Pflichten und Vorrechte
seines Amtes. Wenn er sich beunruhigt fühlte in seinem Gemüth, liess er
oft den jungen Prediger rufen, dass diese wie Freunde und treue Gesellen
wurden, sein Einfluss also gross war im Lande.
Aber Niemand neidete ihm denselben. Er war wohlgeachtet von Hohen und
Geringen. Gegen Arm und Reich hielt er sich gleich. Kein Rang und kein
klingender Lohn konnte ihn bestechen in seiner Entscheidung. Wiewohl es
ihm freigestanden hätte, ein Weib zu wählen, Niemand ihm seine beste
Tochter geweigert hätte, zog er es doch vor, einzeln zu bleiben, dass
keine weltliche Lust oder Sorge ihn abzöge von seinem geistlichen Amt,
welches er als das höchste erachtete in der Welt, ihm selbst von Gott
anvertraut, davon er Rechenschaft abzulegen hatte dereinst vor Seinem
strengen Richterstuhl. Es gab keinen geachteteren und würdigeren jungen
Mann weit und breit. Sein Ruf stand fest wie ein Felsen. Sein Wort war für
Viele Recht und Unrecht, klarer und unzweifelhafter wie geschriebnes
Gesetz. Wenn sich Einige verwunderten, dass er trotz seiner Jugend so
geachtet war und solchen Einfluss besass, verwies man nur auf sein Leben,
das schlichter war wie manchen Arbeiters und keusch wie vielfach
geschliffener Stahl vor Aller Augen.
Derselbe, als er eines Tages allein spazieren ging vor der Stadt, wo die
Stadt schon aufhörte, blühende Sträucher standen und Fruchtbäume im Laub –
wie er oftmals that in seinen tiefen Gedanken, um klar zu werden vor sich
selber –, freute er sich am Gesang der Vögel, wie sie alle einträchtig
sangen und war keiner grösser und mehr geachtet denn der andre in ihrem
Singen. Jeder hatte seine besondre Gabe und Tugenden. Die, die nichts
empfingen, kleine graue Meislein und Spatzen, zwitscherten just so munter
ihre zwei Pieptöne, wie die Andern kunstreiche Triller und Solfeggien.
Sorgten nicht um den Tag, bauten sich Nestlein, setzten ihre Kinder in die
Welt, dass die Sonne sie grosszog, sie satt würden von dem, was flog und
kroch in der Luft, auf der Erde.
Die Schwalben flogen auf und nieder. Sie wiegten sich in der Luft und
beschrieben Wellenlinien. Manchmal strichen sie so niedrig, dass ihre
Schwingen fast die Erde berührten. Dann hoben sie sich wieder, blieben
segelnd im Blauen. Aus dem Gras der Böschung dufteten Veilchen. Libellen
schwirrten aus der Wasserrichtung von der andern Seite. Es roch fischig
von da, Teichgeruch, nach sich zersetzender Pflanzenfaser.
Wie er nun also ging und sich freute, die Vöglein lieblich und fröhlich
sangen, sah er eine magere, gelbgefleckte Katze, die Jagd machte, auf
einem der Bäume. Leise schlich sie auf unhörbaren, tastenden Zehen. Ihr
Kopf war lang vorgestreckt, die kugelige Stirn mit spitzen Oehrchen. In
den Flanken sassen tiefe Löcher von der Anstrengung des Dehnens. Die
Rippen flogen kurzathmend in der Aufregung der Jagd. Auch war sie mager,
schlechtgenährt und struppig, wie eine Katze, die wohl schon lange heimlos
geirrt ist, keinen Herrn mehr hat, sondern der Wildniss preisgegeben ist.
So war sie ausgegangen auf die Jagd, da es dämmrig wurde, sass auf dem
Baum und hob ihre Kralle über dem Nestchen.
Da Johannes solches sah, ergrimmte er in seinem Herzen. Es dauerten ihn
die unschuldigen Vöglein um dieser schlechten Katze willen. Er nahm einen
Stein, zielte und warf. Und traf so gut, dass er die Katze hart schlug in
ihrer Seite, wo es weich ist, die Knochen nicht schützen. Sie stiess einen
schrillen, klagenden Schrei aus und fiel herab vom Baum, lag da auf der
Erde, das Blut floss von ihrer getroffenen Seite, schrie ganz jämmerlich
wie ein kleines, wehleidiges Kind, versuchte sich zu lecken, vorwärts zu
strecken mit strebenden Vorderfüssen und schwachem, nachschleppendem
Rücken. Und lag im Staube, blutend.
Da fing ihn an zu gereuen, was er gethan hatte. Er kam herzu, um der Katze
aufzuhelfen. Wie er sie genau betrachtete, sah er, dass diese Katze heute
oder den Tag zuvor Junge geworfen haben musste, denn die Haut ihres
Bauches hing ganz lose unter den vorstehenden Rippen, dass sie fast auf
dem Boden schleppte. Die Oeffnung des Afters war unnatürlich weit, noch
vom geronnenen Blute verklebt. Man sah die Zitzen, die weit, aber schlaff,
ohne Milch sich sackten. Denn sie war sehr erschöpft und hatte gehungert
seit langen Tagen. Nun lag sie im Staub und blutete. Niemand würde diesem
Nest voll kleiner Katzen in irgend einer verlassnen Scheune oder auf einem
Heuboden Nahrung bringen. Sie würden warten und miauen, elendiglich
verhungern, um ihre Mutter, die nicht kam, den spitzen, harten Stein, den
er geworfen und sie getroffen hatte, da sie ging Jagd zu machen auf Vögel
für ihre Kleinen, die hungerten.
Er stand nun da vor der Katze und sah sie an. Die Katze sah auf zu ihm mit
schiefen, wilden Augen, ob er ihr helfen würde oder sie weiterquälen? Sie
wusste nicht, dass es sein Stein gewesen, der sie getroffen hatte. Aber
sie hatte Angst vor den Menschen, die stark sind, war da wie ein wildes
Ding, das man eingefangen hat. Und es kann sich nicht wehren, denn all’
sein Gift, scharfe Zähne und Krallen, die ihm ja nützlich sind gegen die
Kleinen und ganz Schwachen, werden ohnmächtig und nützen ihm nichts. Es
wartet, dass man es vollendet.
Da er noch stand, dieses Thier ihn ansah und er über solches dachte in
seinem Herzen, kam ein fremder Mann des Wegs. Er nahm die Katze, die nach
ihm fauchte, wusch ihre Wunden sorgfältig mit Wasser und gab ihr zu
trinken aus einer Flasche, die er bei sich führte. Dazu, um das Wasser zu
finden, hatte er hinabsteigen müssen zum Fluss. Wie der wieder heraufkam
und die Katze auf seinen Arm nahm, biss ihn das Vieh in die Hand und
entsprang zwischen die Weidengebüsche.
Da dieser nun die Schramme an seiner Hand besah, das Blut abtrocknete mit
seinem Tuch, sprach Johannes zu ihm: „Wie magst Du dem schädlichen
Raubzeug helfen? Sein Leben ist der Tod Vieler. So es verreckt, wem
schadet es? Ein werthloses Vieh! Tückisch und voll Argheit.“ Das sagte er
aber, den Andern zu versuchen, denn in seinem Herzen gereute ihn der
Katze. Er wusste wohl, dass es ihre Natur ist, Vögel und Mäuse zu fangen.
Er fragte sich nur: Warum ist das in der Natur, und hätte gern eine
Antwort gewusst.
Der fremde Mann sprach: „Ich helfe jeglicher Creatur. Sie war hungrig und
litt. So war es meine Schuld, ihr zu geben, sie zu heilen.“
„Sie wird hingehen und neues Uebel stiften, tödten und quälen.“
„Der Tod ist kein Uebel,“ sagte der fremde Mann. „Der Geist, der
widerstehet dem Uebel, der ist vom Uebel.“
Diese Antwort verstand Johannes nicht, aber sie quälte ihn in seinem
Herzen. Er sprach: „Deute mir das!“
Der Andre sprach: „So Dich Jemand schlägt und Du schlägst ihn wieder, so
ist der Schlag Dir nicht Unehre, aber dass Du zurückschlägst und also
Böses vergiltst mit Bösem. So ist das Böse an sich nicht böse, aber es
böse _macht_ in seiner Wirkung, sind Böse.“
Johannes sprach: „Soll ich einen Mann nicht tödten, der Andre tödtet?
Würde Mord und Todtschlag nicht überhandnehmen in der Welt, so Solches
ungestraft bliebe? Jeder thun könnte, was ihm gefällt, sein böser Muth ihm
eingiebt gegen seinen Nächsten?“
Der Fremde sprach: „So es sein böser Muth thut, ist es seine Natur. Alles,
was in der Natur ist, ist von Gott. Der Mensch kann nichts dagegen. So Du
aber schlägst _gegen_ Deine Natur, ist es Dir Sünde, grösseres Unrecht
denn dess, der Dich geschlagen.“
Er sprach: „So werden alle Bösen fortab triumphiren und straflos sein. Die
Guten müssen nur dulden und ertragen.“
Der Fremde sprach: „Dulden und ertragen ist nicht böse. Selig sind, die
das erkannt haben! Aber es ist dem Menschen schwer, zu erkennen, und
Wenige sind, die es fassen hier im Leibe. Das Fleisch ist schwach in
ihnen. Der Tod scheint bitter dem, der kräftig ist und sich bewegt.“
„Der Tod ist immer bitter,“ sagte Johannes. „Das ist auch gegen die Natur
des Menschen.“
„Weil sie die Natur nur halb erkannt haben,“ sagte der Fremde. „Sie
wissen, dass sie sterben müssen, aber sie wissen nicht, was hinterher
kommt. Sie sehen, so lange es hell ist. Aber die Nacht lebt auch, hat
Farben und Formen. Nur sie sehen sie nicht. Sie nennen das Eine Leben und
das Andre Tod. Und der Tod ist Leben, eins so gut wie das Andre. Alles ist
Leben. Es ist ein Neugebären in jeglichem Sterben.“
Der Fremde sagte ihm ein andres Gleichniss und sprach: „Die Menschen
rechnen die That, die Gedanken sehen sie nicht. Sie können die Gesinnung
nicht lesen, die im Herzen ist. Die That ist nicht besser wie der Gedanke.
Sondern er war der Erstgeborne und wirkt weiter. Die Sünde ist geboren,
ehe die That That wird. Es ist nicht mehr Sünde im Thun wie im Wollen. Zu
diesem aber sprach die Schlange. – Und der Stolz ist der Urgrund alles
Uebels.“