DAS ZEHNTE KAPITEL.

Nun war aber in einer Stadt ein junger Mann, der sich dem geistlichen

Stande gewidmet hatte.

Nie war für ihn die Frage gewesen, irgend ein anderes Amt zu erwählen. Von

früh auf zeigte er sich in geistlichen Dingen wohlbewandert, geneigt

darüber nachzudenken, die Texte auszulegen in ihrem deutlichen Sinne.

Dabei war er von mässiger und strenger Lebensweise. Er hatte sich Jahre

lang nur von Pflanzennahrung erhalten. Sein Geld gab er den Armen und

lebte wie der Aermsten Einer mitten unter ihnen. Zudem voll Würde in aller

Gütigkeit, dass er die Spötter zurückwies, Niemand ihm etwas anhaben

konnte. Im Gegentheil, es war eine gemeine Rede in der Stadt, wenn man

Jemand etwas Gutes wünschte, und diese Leute waren älter, dass man ihnen

einen Sohn wünschte wie Johannes. Seine alten Eltern, denen er zuerst ein

Kummer gewesen, dass er also herausging aus der Bahn, die sie selbst

gegangen, ein Amt erwählte, das ihnen fremdartig war und nicht so

angesehen in ihrer Meinung wie ihr eignes vor den Leuten, priesen Gott

alle Tage, der ihnen ein solches Kind gegeben, von dem sie Ehre hatten

jede Stunde, der als ein Muster stand unter jungen Leuten, in frühen

Jahren Ruhm erwarb wie Andre, die Jahre lang gedient, Last und Mühsal

getragen hatten.

Selbst solche, die ihm heimlich entgegenstanden, weil er sie strafte in

ihren Sünden, wagten nicht, ihn offen zu missbilligen, denn sein Ansehen

war gross unter allen Leuten, und seine Rede gewaltig. Dazu, weil er eines

vornehmen Mannes Sohn war, trug das zu seinem Ruhm bei. Das Gerücht drang

bis an den Hof. Er musste predigen dort und ward als Hofprediger

angestellt auf den eignen Wunsch des Fürsten, der gern seine Predigt

hörte, auch manches Gespräch mit ihm pflog. Er war selbst von ernster und

redlicher Gemüthsart, dachte viel nach über die Pflichten und Vorrechte

seines Amtes. Wenn er sich beunruhigt fühlte in seinem Gemüth, liess er

oft den jungen Prediger rufen, dass diese wie Freunde und treue Gesellen

wurden, sein Einfluss also gross war im Lande.

Aber Niemand neidete ihm denselben. Er war wohlgeachtet von Hohen und

Geringen. Gegen Arm und Reich hielt er sich gleich. Kein Rang und kein

klingender Lohn konnte ihn bestechen in seiner Entscheidung. Wiewohl es

ihm freigestanden hätte, ein Weib zu wählen, Niemand ihm seine beste

Tochter geweigert hätte, zog er es doch vor, einzeln zu bleiben, dass

keine weltliche Lust oder Sorge ihn abzöge von seinem geistlichen Amt,

welches er als das höchste erachtete in der Welt, ihm selbst von Gott

anvertraut, davon er Rechenschaft abzulegen hatte dereinst vor Seinem

strengen Richterstuhl. Es gab keinen geachteteren und würdigeren jungen

Mann weit und breit. Sein Ruf stand fest wie ein Felsen. Sein Wort war für

Viele Recht und Unrecht, klarer und unzweifelhafter wie geschriebnes

Gesetz. Wenn sich Einige verwunderten, dass er trotz seiner Jugend so

geachtet war und solchen Einfluss besass, verwies man nur auf sein Leben,

das schlichter war wie manchen Arbeiters und keusch wie vielfach

geschliffener Stahl vor Aller Augen.

Derselbe, als er eines Tages allein spazieren ging vor der Stadt, wo die

Stadt schon aufhörte, blühende Sträucher standen und Fruchtbäume im Laub –

wie er oftmals that in seinen tiefen Gedanken, um klar zu werden vor sich

selber –, freute er sich am Gesang der Vögel, wie sie alle einträchtig

sangen und war keiner grösser und mehr geachtet denn der andre in ihrem

Singen. Jeder hatte seine besondre Gabe und Tugenden. Die, die nichts

empfingen, kleine graue Meislein und Spatzen, zwitscherten just so munter

ihre zwei Pieptöne, wie die Andern kunstreiche Triller und Solfeggien.

Sorgten nicht um den Tag, bauten sich Nestlein, setzten ihre Kinder in die

Welt, dass die Sonne sie grosszog, sie satt würden von dem, was flog und

kroch in der Luft, auf der Erde.

Die Schwalben flogen auf und nieder. Sie wiegten sich in der Luft und

beschrieben Wellenlinien. Manchmal strichen sie so niedrig, dass ihre

Schwingen fast die Erde berührten. Dann hoben sie sich wieder, blieben

segelnd im Blauen. Aus dem Gras der Böschung dufteten Veilchen. Libellen

schwirrten aus der Wasserrichtung von der andern Seite. Es roch fischig

von da, Teichgeruch, nach sich zersetzender Pflanzenfaser.

Wie er nun also ging und sich freute, die Vöglein lieblich und fröhlich

sangen, sah er eine magere, gelbgefleckte Katze, die Jagd machte, auf

einem der Bäume. Leise schlich sie auf unhörbaren, tastenden Zehen. Ihr

Kopf war lang vorgestreckt, die kugelige Stirn mit spitzen Oehrchen. In

den Flanken sassen tiefe Löcher von der Anstrengung des Dehnens. Die

Rippen flogen kurzathmend in der Aufregung der Jagd. Auch war sie mager,

schlechtgenährt und struppig, wie eine Katze, die wohl schon lange heimlos

geirrt ist, keinen Herrn mehr hat, sondern der Wildniss preisgegeben ist.

So war sie ausgegangen auf die Jagd, da es dämmrig wurde, sass auf dem

Baum und hob ihre Kralle über dem Nestchen.

Da Johannes solches sah, ergrimmte er in seinem Herzen. Es dauerten ihn

die unschuldigen Vöglein um dieser schlechten Katze willen. Er nahm einen

Stein, zielte und warf. Und traf so gut, dass er die Katze hart schlug in

ihrer Seite, wo es weich ist, die Knochen nicht schützen. Sie stiess einen

schrillen, klagenden Schrei aus und fiel herab vom Baum, lag da auf der

Erde, das Blut floss von ihrer getroffenen Seite, schrie ganz jämmerlich

wie ein kleines, wehleidiges Kind, versuchte sich zu lecken, vorwärts zu

strecken mit strebenden Vorderfüssen und schwachem, nachschleppendem

Rücken. Und lag im Staube, blutend.

Da fing ihn an zu gereuen, was er gethan hatte. Er kam herzu, um der Katze

aufzuhelfen. Wie er sie genau betrachtete, sah er, dass diese Katze heute

oder den Tag zuvor Junge geworfen haben musste, denn die Haut ihres

Bauches hing ganz lose unter den vorstehenden Rippen, dass sie fast auf

dem Boden schleppte. Die Oeffnung des Afters war unnatürlich weit, noch

vom geronnenen Blute verklebt. Man sah die Zitzen, die weit, aber schlaff,

ohne Milch sich sackten. Denn sie war sehr erschöpft und hatte gehungert

seit langen Tagen. Nun lag sie im Staub und blutete. Niemand würde diesem

Nest voll kleiner Katzen in irgend einer verlassnen Scheune oder auf einem

Heuboden Nahrung bringen. Sie würden warten und miauen, elendiglich

verhungern, um ihre Mutter, die nicht kam, den spitzen, harten Stein, den

er geworfen und sie getroffen hatte, da sie ging Jagd zu machen auf Vögel

für ihre Kleinen, die hungerten.

Er stand nun da vor der Katze und sah sie an. Die Katze sah auf zu ihm mit

schiefen, wilden Augen, ob er ihr helfen würde oder sie weiterquälen? Sie

wusste nicht, dass es sein Stein gewesen, der sie getroffen hatte. Aber

sie hatte Angst vor den Menschen, die stark sind, war da wie ein wildes

Ding, das man eingefangen hat. Und es kann sich nicht wehren, denn all’

sein Gift, scharfe Zähne und Krallen, die ihm ja nützlich sind gegen die

Kleinen und ganz Schwachen, werden ohnmächtig und nützen ihm nichts. Es

wartet, dass man es vollendet.

Da er noch stand, dieses Thier ihn ansah und er über solches dachte in

seinem Herzen, kam ein fremder Mann des Wegs. Er nahm die Katze, die nach

ihm fauchte, wusch ihre Wunden sorgfältig mit Wasser und gab ihr zu

trinken aus einer Flasche, die er bei sich führte. Dazu, um das Wasser zu

finden, hatte er hinabsteigen müssen zum Fluss. Wie der wieder heraufkam

und die Katze auf seinen Arm nahm, biss ihn das Vieh in die Hand und

entsprang zwischen die Weidengebüsche.

Da dieser nun die Schramme an seiner Hand besah, das Blut abtrocknete mit

seinem Tuch, sprach Johannes zu ihm: „Wie magst Du dem schädlichen

Raubzeug helfen? Sein Leben ist der Tod Vieler. So es verreckt, wem

schadet es? Ein werthloses Vieh! Tückisch und voll Argheit.“ Das sagte er

aber, den Andern zu versuchen, denn in seinem Herzen gereute ihn der

Katze. Er wusste wohl, dass es ihre Natur ist, Vögel und Mäuse zu fangen.

Er fragte sich nur: Warum ist das in der Natur, und hätte gern eine

Antwort gewusst.

Der fremde Mann sprach: „Ich helfe jeglicher Creatur. Sie war hungrig und

litt. So war es meine Schuld, ihr zu geben, sie zu heilen.“

„Sie wird hingehen und neues Uebel stiften, tödten und quälen.“

„Der Tod ist kein Uebel,“ sagte der fremde Mann. „Der Geist, der

widerstehet dem Uebel, der ist vom Uebel.“

Diese Antwort verstand Johannes nicht, aber sie quälte ihn in seinem

Herzen. Er sprach: „Deute mir das!“

Der Andre sprach: „So Dich Jemand schlägt und Du schlägst ihn wieder, so

ist der Schlag Dir nicht Unehre, aber dass Du zurückschlägst und also

Böses vergiltst mit Bösem. So ist das Böse an sich nicht böse, aber es

böse _macht_ in seiner Wirkung, sind Böse.“

Johannes sprach: „Soll ich einen Mann nicht tödten, der Andre tödtet?

Würde Mord und Todtschlag nicht überhandnehmen in der Welt, so Solches

ungestraft bliebe? Jeder thun könnte, was ihm gefällt, sein böser Muth ihm

eingiebt gegen seinen Nächsten?“

Der Fremde sprach: „So es sein böser Muth thut, ist es seine Natur. Alles,

was in der Natur ist, ist von Gott. Der Mensch kann nichts dagegen. So Du

aber schlägst _gegen_ Deine Natur, ist es Dir Sünde, grösseres Unrecht

denn dess, der Dich geschlagen.“

Er sprach: „So werden alle Bösen fortab triumphiren und straflos sein. Die

Guten müssen nur dulden und ertragen.“

Der Fremde sprach: „Dulden und ertragen ist nicht böse. Selig sind, die

das erkannt haben! Aber es ist dem Menschen schwer, zu erkennen, und

Wenige sind, die es fassen hier im Leibe. Das Fleisch ist schwach in

ihnen. Der Tod scheint bitter dem, der kräftig ist und sich bewegt.“

„Der Tod ist immer bitter,“ sagte Johannes. „Das ist auch gegen die Natur

des Menschen.“

„Weil sie die Natur nur halb erkannt haben,“ sagte der Fremde. „Sie

wissen, dass sie sterben müssen, aber sie wissen nicht, was hinterher

kommt. Sie sehen, so lange es hell ist. Aber die Nacht lebt auch, hat

Farben und Formen. Nur sie sehen sie nicht. Sie nennen das Eine Leben und

das Andre Tod. Und der Tod ist Leben, eins so gut wie das Andre. Alles ist

Leben. Es ist ein Neugebären in jeglichem Sterben.“

Der Fremde sagte ihm ein andres Gleichniss und sprach: „Die Menschen

rechnen die That, die Gedanken sehen sie nicht. Sie können die Gesinnung

nicht lesen, die im Herzen ist. Die That ist nicht besser wie der Gedanke.

Sondern er war der Erstgeborne und wirkt weiter. Die Sünde ist geboren,

ehe die That That wird. Es ist nicht mehr Sünde im Thun wie im Wollen. Zu

diesem aber sprach die Schlange. – Und der Stolz ist der Urgrund alles

Uebels.“

Der Fremde: Ein Gleichniss · 第 13 / 46 题