DAS NEUNTE KAPITEL.

Und er ward im Geist entrückt in eine fremde Stadt.

Die Glocken läuteten. Eine ungeheure, unzählbare Anzahl von Glocken. Es

waren dumpfe, grosse darunter, die mit der Stimme des Erzes riefen, der

Kanonen, furchtbarer Ereignisse, Krieg, Pest und Feuersbrunst. So stark

riefen sie, dass Niemand ihren Klang in der Nähe aushalten konnte, die

Luft ihn lange behielt, ehe er verhallte. Sie schwangen in furchtbaren

Höhen und thronten einsam in Kammern weit über den Köpfen der Menschen.

Die ihre Stricke bewegten, sassen sehr niedrig auf schwebenden Balken und

wurden beinah gespalten von der Heftigkeit des Klanges. Diese Glocken

läutete man nur bei ganz grossen Gelegenheiten. Wenn sie klangen, sahen

die Leute auf und sagten: Es ist das oder das. Sie meinten ein sehr hohes

Fest, ein grosses Unglück oder eine grosse Freude. Die ganze Stadt und das

Land ringsum kannte den Klang dieser Glocken. Man war stolz darauf und

fürchtete sie auch.

Andre waren milder, mittlere. Die läutete man alle Sonntage. Man hörte sie

auch weit, über ein ganzes Stadttheil oder eine Strasse. Ein Klang von

Silber war in ihrem Erz, der sprach von Güte und Milde. Sie lockten, und

schreckten nicht, läuteten regelmäßig mit kräftigen, hallenden Schlägen,

wie die Stimme eines Predigers, die klangvoll spricht in schönen, malenden

Worten.

Und es waren ganz kleine, die einzeln riefen wie einzelne, verlorene

Stimmen. In mancher war ein sehr helles, feines Klingeln oder zitterndes

Wimmern, die eilige Angst einer Agonie, oder der sanfte Schmelz einer

Frauenstimme, sehr weit fortgetragen auf himmelansteigenden Trillern zu

reinen Aetherhöhen. Der pure Goldklang ganz feiner Eliteseelen, die um den

Thron Gottes lobpreisen, und ein kleines, gleichgültiges, hastendes

Bimmeln, in dem Viele sich vereinten, wie das der Pferdebahnwagen, dieser

Schellenbeutel, die herumgegeben werden in den Gemeinden zwischen den

Pausen des Gottesdienstes – lästig fast, nur die Ohren füllend, das zum

Alltagslärm gehörte, ihn irritirend machte.

Alle Glocken läuteten. Die grossen gaben den Ton an. Die mittleren fielen

ein wie ein gutgeschulter Chor. Die ganz kleinen waren Geräusche, oder

Stimmen junger Kinder. Alle läuteten. Die Luft war sehr voll und schwang

von ihrem Klange. Und die andern Stimmen des Lebens schwiegen.

In den Kirchen und Domen drängte sich die Menge. Es war halbdunkel in

diesen Hallen, dass man die Einzelnen in den Tausenden nicht erkennen

konnte, Männer oder Frauen, reiche, gutgekleidete Leute oder ganz Arme.

Ihre Gesichter bildeten blasse Flecken im Dämmer, wie aufgewandte Kelche

von Blumen, die ihr Athmen wie ein Duft umwallte. Die übrige Schwere des

Körpers blieb unbestimmt, ertrunken in unruhigem Schattenspiel der Vielen,

dem lastenden, schweren Dunkel dieser Steine, ungeheurer Steinmassen der

Gewölbe und Mauern.

Säulen standen wie Baumstämme ohne Aeste mit schweren Blättern und

Steingewinden um ihre Kronen, während feine, tiefe Rillen an ihnen

hinabliefen, von Regentropfen gegraben oder ewig fliessenden. Von

stützenden, lastbaren Pfeilern schwangen sich die Wölbungen auf, Bogen und

Brücken, gespreizte Fittiche des Adlers, kühn und immer kühner bis zum

schwindelnden Ansturm der Kuppel, die den Stein zerbrach, die Schwere des

Materials aufhob im ungeheuren, athemlosen Aufschwung der Seelen.

Der Schritt klang hohl vom Echo der Millionen Schritte, die da schliefen

in tausendjährigen Steinquadern. Von schlanken, weissen Kerzen stiegen

gelbe, zitternde Flammen, umgekehrte Herzen, blauen Schein der Sehnsucht

ausathmend. Ein Duft von Weihrauch, Wachs und Thränen lag schwer in Nebeln

und wallenden Wogen.

Man sah Altäre sich golden recken, Gold vom Fuss bis zur Spitze, in immer

feineren Säulchen, Treppen, Bögen, inkrustirt mit bunten Edelsteinen, die

Lichter gaben im Dunkeln wie Schlangenhäute, Augen seltsamer Reptile und

Käfer, Wunder von goldnen und silbernen Spitzen, Rosen und Blumen,

eingefrorne Rhythmen, mystische Zeichen und Runen aufsteigend wie

Gedichte. Eine unverwelkliche Pflanzung aus menschlichen Herzen,

mirakulöse Flora des Glaubens, hierher geflüchtet in eine heilige Grotte,

unter dem Dämmerlicht der bunten Gläser, gefärbt mit ihrem Blute: Roth,

welches die Liebe und der Tod ist, Blau des Glaubens, festruhendes warmes

Grün der Hoffnung und des Lebens. Und Krämpfe, furchtbare Leiden,

zerschnitten den himmlischen Dreiklang: Gelb der Pein und des Geizes, in

den Gewändern der Aeltesten und Schreiber; Violett der Eifersucht, das

zugleich die heilige Farbe der priesterlichen Macht und der Ehrfurcht ist;

ein helles, gefiltertes Rosa, welches gemartertes Fleisch der Gequälten

vorstellt und auch die liebliche Unschuld des Kindes. Alle spiegelnd,

irrend, flehend um das klare Gold des Triumphes, Farbe der Sonne, wo die

Mutter thront mit dem Kinde, die Heiligen knieen in seliger,

weltentrückter Anbetung.

Wie ewige Pfeiler standen sie da, die Starken, der Apostel heilige

Zwölfzahl, wunderbar die Reihe der Monde, des Sternkreises wiederholend,

Propheten, Sybillen – die wussten und aushielten. Märtyrer öffneten

blutrothe Wunden, Laurentius auf dem flammenden Bett, Sebastian mit

durchbohrter Brust, Agnes, ganz nackt, nur in den strahlenden Mantel ihrer

Haare gehüllt, unter den Augen der Wollust, – aufgerissne Seiten,

furchtbare Verrenkungen der Gefolterten, Striemen der Gegeisselten. Die

Heiligenscheine dominirten über verklärten Stirnen. Die weisse Taube des

Geistes schwingt sich glorreich auf über Blut, Flammen und Qual.

Sie singen. Aus den Tiefen hebt es sich. Von der geknickten, schwarzen,

wimmelnden Masse – De Profundis. Langgetragen, hohle Rufe wie Appellrufe

in der Noth, schneidender Wehschrei der Gequälten, zitternd, sehr hoch

schwebend, wie ein Weib schreit in Kindesnöthen: Miserere – Miserere ...

Dumpfer Trommelschlag. Vokale fast Alles, sonore, volltönige, die nicht

fallen – Ora pro nobis, aufsteigend zu männlichem Muth, Schlachtgesang,

bis zum jauchzenden, hellen Posaunenstoss der Befreiten, gellend fast,

schmetternd in Siegeszuversicht: Tedeum laudamus.

Die Stimmen schweigen. Das Wort allein spricht. In marmornen Worten,

Sätze, die feststehen wie die Welt. Rollende Vokale, geheimnissvoll,

kräftig, wie die die schufen, – das grösste Mysterium der Menschheit, Wein

und Brot, uralte Mysterien, heiligste Symbole des sacrosancten Lebens.

Ueber der Menge, die kniet, hungernd, brünstig, erhebt der Priester das

Allerheiligste. Er selbst ist weiss, ganz weiss. Er ist hundertjährig. –

Es giebt einen goldnen Schein wie die Sonne.

In einem ungeheuren wehen Seufzer hebt sie sich, es zu empfangen – das

Opfer von Gott angeboten. Blut und Fleisch, für das andre Opfer des

Fleisches und des Blutes, des Lebens, an das grosse Leben, das prangend

weggeht über den Tod, Jammer und Kleinheit.

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... Ein enger Holzpfad im Gebirge. Das Gebirge liegt verschneit seit

Wochen. Bis an die Knie hoch steigt der Schnee. Die Tannenzweige brechen

unter seiner Last. Gleich Zuckerhüten ragen die Baumwipfel aus der Weisse.

Man unterscheidet nur höhere und niedrigere Lagen, Steine sind

Schneekuppen. Gleichmässig ist er im Grunde, hart, vereist, eingestampft.

Aber die Oberschicht ist federweich, eine Hand hoch, glitzernd, feiner wie

der Flaum auf Brüsten der Eidergänse, mit Seidenreflexen.

Unter dem Schnee begraben liegen Moos, Gräser und Gesträuche. Er stäubt in

Puder von den überlasteten Zweigen. Kleine Aeste und Holzstückchen, die

sich ablösen, versinken lautlos. Die Lücke, die sie verursachen, schliesst

sofort die streichelnde Sammethand. Der ganze Wald leuchtet weiss,

blauweiss vom Schimmer des jungfräulichen Schnees. Der Fuss versinkt in

ihm wie in Daunenteppichen. Ohne Kühle fast. Aber er hebt sich schwer

heraus. Das Leder des Stiefels wird hart und spröde von der Feuchtigkeit,

die nirgends das Wasser zeigt.

Und immer fällt der Schnee. Man sieht keine Spuren des Wildes. Es ist

erfroren, festgefroren wie stehende, steinerne Bildsäulen in Mauern von

schmeichelnden Krystallen oder es verkriecht sich im inneren Tann, wo das

Dach der Zweige es schützt, karge Nahrung sich findet an Sprossen und

Rinde. Der Schnee füllt die Fahrgeleise des Weges aus. Er steigt zu seinen

Rändern und vermischt sie. Wie Gespinnste in seinem Innern ziehen sich

dürre Bastadern der Farne und Heidelbeerbüsche. – Die Stille ist sehr tief

und der Schnee fällt.

Durch den tiefen Schnee sucht sich der kleine Priester seinen Weg. Er

trägt die letzte Tröstung zu einem Sterbenden.

Der Tod ist rasch gekommen. Ein blutjunger Bursch, der Spielmann Anderl.

Heute hatte sein Schatz Hochzeit gemacht mit einem Andern. Der Spielmann

war zurückgesprungen über die Berge, das fressende Gift im Leibe und den

Kopf im Feuer. „Geht’s schlecht, so geht’s schlecht, geht’s gut, kürz’ ich

mir den Weg um Stunden.“

Am Hornbiehel war er abgestürzt. Jetzt lag er im Todeskampf in der

Holzschlägerhütte.

Durch Schnee und Nebel im beeisten Gebirge kämpfte sich der kleine

Priester zu dem Sterbenden.

Er war noch sehr jung, noch nicht lange da oben. Man nahm für die Stelle

die ganz Unbedeutenden, die Bescheidenen, die nicht Carriere machen

würden. Niemals hatte er daran gedacht, ein Findelkind, das man den

Priestern übergeben. Regelmäßig liefen die kargen Beiträge für ihn ein,

von einem Büreau bezahlt an eine Kasse, ohne Persönlichkeit, ohne Namen.

Er hatte niemals eine andre Heimath gekannt als das Kloster. Da war seine

Stätte, am Altar. Der liebte ihn und der hatte ihn nicht zurückgestossen.

Mit weissen Blumen umkränzte er ihn. Er sang. Er schwang seine

Weihrauchschale, weissgekleidet als Chorknabe, Diener am heiligsten

Messopfer, eh’ er selbst daran theilgenommen. So war er aufgewachsen, in

dieser Atmosphäre der Liebe, Weiss und Gold, den heiligen Farben der

Unschuld und des Triumphes. Ohne einen andern Gedanken. Er liebte Alles.

Es war um ihn wie der weiche, milde Schein, der vom linnengedeckten Altar

ausging, der Lampe, die ewig brannte in all dieser Weisse, dieser Stille.

In lasterverzerrten Zügen sah er das Leid. In ihrem Hochmuth die Angst. In

ihrer Schönheit, rührender als ihre Schönheit, den Tod.

Wie auf weissen Rosen ging er mit nackten Füssen, lächelnd das Heilige

tragend gleich Engelknaben. Und vor seiner demüthigen Stirn neigten sich

die Stolzen. Die Bescheidnen fassten Muth. Alles liebte ihn. Es war, wie

wenn die Vögel süsser sangen, wenn er vorbeischritt im Klostergarten. Sie

waren zutraulich und pickten von seinen Händen. Die Blumen, die er

pflanzte, gediehen. Ruhig und majestätisch entfalteten sie sich. Die Sonne

schien nicht zu heiss auf sie. Irgendwie hörte der Sturm auf um ihre

schlanken Stengel.

Es gab alte Mönche im Kloster, die das Leben gekannt hatten. Es hatte

harte Narben gegraben in ihre Seele. Sie liebten ihn, die alten Wunden

brannten nicht, wenn er da war. Nur eine Gabe besass er, die lieblichste

David’s, der Musik. Die Töne wurden lind unter seiner Hand und wenn er

spielte, hörte der Tumult auf in leidenschaftdurchwühlten Herzen.

Niemals war er stolz gewesen oder ungütig. Ein Kind Jesu! Er trug diesen

Namen, halb der Schande, wie eine feine, goldne Aureole.

Die Grossen übersahen ihn und für die Klugen war er nichts. Er hatte keine

Disputationen geschrieben über Fragen des Glaubens. Die weltliche Macht

der Kirche liess ihn kalt. Der Beifall einer Menge hätte ihn schüchtern

gemacht.

Aber er liebte die kleinen Kinder. Sehr alte, hülflose Leute waren ihm

ehrwürdig. Er richtete die geknickten Halme auf und ihn erbarmte der Vogel

unter dem Himmel.

Tapfer kämpfte der kleine Priester durch den Schnee. Der Schnee fiel in

weichen, grossen, fasernden Flocken aus Wolken, die selbst Schneesäcke

waren. Sie hingen so niedrig, dass man nicht sah, wo sie aufhörten und das

Gestöber anfing. Ihre Vorräthe schienen unendlich, als ob ein ganzer

Himmel voll von Schnee hinter ihnen läge. Er leerte sich langsam. Von den

Schichten bauten sich Mauern ihm entgegen. Nichts konnte mehr welchen

aufnehmen. Aus dem Ueberfluss wallten neue Hügel über. – Diese Flocken

lösten sich nicht auf. Sie schwebten und drehten sich langsam in der Luft

und blieben hängen wie im Festen, Gesättigten. Man dachte an Nesterbauen

dabei, Eiderdaunen, in die man sehr tief einsank. Und es war gar nicht

kalt. Der Schnee schien wie eine schützende Schicht zwischen der Kälte und

der Erde. Es war wunderbar, wie lautlos er fiel. Und überall, wo er fiel,

hörten die Contouren auf, alles Steife, Eckige, Nackte. Wie ein

liebevoller Pelzmantel hüllte er sie ein, dass sie nicht mehr froren,

zeigten. Er fiel ... fiel ...

Der kleine Priester fror gar nicht. Im Gegentheil, ihm war warm. Er trug

das Allerheiligste unter seiner Soutane, gegen die Brust gepresst. Und es

war ihm, als wäre es da eingedrungen. Es sass da und brannte. Goldne

Strahlen warf es. Immer grösser, immer weiter. In der Mitte war ein

blutrothes, glühendes Herz und sein Scheinen war wie Karfunkel. Es

leuchtete weit durch den nächtlichen Wald.

„Das ist, als ob ich ein Licht bei mir trage,“ sagte der kleine Priester.

„Wie seltsam das ist! Und wie schön!“

Schön war es in der That. Alle Bäume standen wie schwarze Säulen, ganz

gerade mit seltsamem Ast- und Aderwerk. Ihre Zweige verbanden sich. Sie

kreuzten sich und rankten ineinander geheimnissvoll in Rosetten, Sternen,

wie ein Kirchendach. Er ging ganz leise, wie auf weichen, weissen Rosen.

Er zertrat sie nicht. Sie richteten sich auf unter seinem Fusstritt. Sie

dufteten sehr süss, Ambra, Weihrauch und Myrrhen, die mystischen Düfte der

Kirche, die Seele darstellend, die sich spiritualisirt in Sehnsucht.

Jetzt fing es auch an zu läuten. Zwischen den hohen Bäumen schwangen die

Glocken. Sie hingen da in Stricken von einem Baum zum andern. Und sie

schwangen, schwangen. Wunderbare Melodieen waren die Melodieen der hohen,

ernsten Bäume. Den kleinen Priester erstaunten sie. „Ich habe es doch oft

rauschen hören im Walde. Niemals wusste ich, was es war. Aber jetzt weiss

ich es.“

Und er hörte kleine, liebliche Stimmen. Das waren die der todten Blumen

unter dem Schnee. Er hatte gedacht, dass sie todt wären. Sie waren nicht

todt, sie warteten nur auf den Frühling, lagen warm und weich gebettet

unter dem Schnee, der sie zudeckte und fiel – fiel.

Die Schneeflocken selbst sangen. Sie fassten sich an und tanzten. Es war

richtiger Rhythmus in ihrer Bewegung. Dazu klangen sie. Und dann waren sie

Engelsköpfchen mit weichen, flaumigen, ganz jungen Flügeln. Das sind die

Seelen der todten Kinderchen, die sterben, ehe sie zum Bewusstsein ihrer

Seele erwachen.

Er hatte nie gewusst, wo diese todten Seelen hinkommen. Jetzt wusste er

es. Sie waren glücklich und deckten die kleinen Blumen zu, dass sie gut

schliefen, nicht erfroren im harten Winter.

Er musste über einen Bach, der ganz zugefroren war. Aber das Wasser war

auch nicht todt, es schlief nur in der Tiefe. Er hörte es singen

geschäftig am Werke, in kleine Röhrchen tausend Tröpfchen zu giessen, die

Erde aufzuweichen. Es wird Frühling! Es wird Frühling!

Auf einmal war es Frühling.

Er wandelte in einem grünen Dom. Wände von lichterem Grün schoben sich

zwischen die andern, hohen. Alle regten tausend Blättchen. Einige waren

fast durchsichtig vom Licht, das sie golden durchglühte. Die Andern

blieben im Schatten beinah schwarz, oder ihre Ränder zeichneten sich wie

in hellem Feuer gezogen. Atlasglänzend lief es entlang am Buchenstamm wie

feinste Haut des Apfelschimmels, röthlich schwelend an der rissigen

Kiefernborke. Die Birken standen ganz weiss mit gesenkten, wehenden

Zweigen, ein kleines, zitterndes Herz jedes Blättchen, Jungfrauen

vergleichbar in der Schönheit ihrer Haare im Mai. Pelze hatten die

Haselnussblätter. Die Erlen bogen sich, schwärzliche, schuppige

Schlangenleiber, dem Sumpf entsprossen, mit klebrigem, bitterschmeckendem,

starkgerieftem Blattgrund. – Und da oben über dem Blätterdach stand die

Sonne, goldne, warme Frühlingssonne.

Er wandelte mit nackten Füssen auf einem Blumenteppich. Wo er hintrat,

blühten die Blumen. Sie blühten auf wie Kissen unter seinen Füssen, nur

Blumen ohne Blätter und Stengel. Vögel sangen, goldne Vögel mit silbernen

Schwingen, die Stimme des Windes, der Erde und des Wassers, Alle priesen

Gott.

Er sah auf und die Sonne war Gott. Seine Strahlen fielen warm über Alles.

Er war gut – gut.

„Ihr könnt mich nicht verstehen so. So gross und gut bin ich. Darum bin

ich das Grösste und das Gute, was Ihr verstehen könnt.“

Er verstand sehr wohl, wie gut Er war. Und dass Er tausendmal besser und

grösser sein musste, als er verstehen konnte.

Aber es war da eine Brücke aus den Strahlen, die von Seiner Brust

ausgingen, und den weissen, funkelnden Sonnenstrahlen mit Perlen und

Emeralden und köstlichen Topasen geschmückt, die das Licht gebiert im

Wasser, aus der Tiefe. Auf der schritt er.

Durch das Blaue schritt er gerade in die strahlende Sonne hinein. Er

wusste, dass sie Feuer war, aber sie brannte nicht. Sie war auch nicht

golden. Sie war weiss, von einer lichten, unbeschreiblichen Klarheit,

lichter denn das Mondlicht im Kerne der junggebornen Mondsichel, und

Atlasschimmer aus keuschen Lilienkelchen.

Er sah eine Frau in der obersten Klarheit. Sie hielt einen Lilienstengel

in der Hand. Er wusste, dass es seine Mutter war, die er nie gekannt und

verloren hatte. Jetzt erkannte er sie gleich. Sie lächelte ihm zu.

„Ich komme. Ich komme,“ sagte der kleine Priester begeistert.

Auch ein ganz weisses Lamm sah er. Er freute sich, dass es da war. Er

hatte die Thiere immer geliebt. Er hoffte, dass es auch für sie einen

Himmel gab. Dies wusste er nun auch.

Alle Bäume waren eitel lichtes Silber. Ihre Früchte waren Diamanten und

Perlen. Weisse Schneelilien sprangen auf, die süss dufteten. Man konnte in

die Erde sehen, tief hinein, denn sie war weiss und durchsichtig wie

Milchglas, Opale, in denen das Sternenlicht floss. Es war dies innere

Licht, von dem sie leuchtete, denn es gab nicht Schatten mehr. Wo Festes

gewesen war, wurde es weich und floss im Schimmer, der löste.

Und er war ganz weiss, er selbst. Seine Finger waren weisse Strahlen. Aus

seiner Brust schien die Klarheit, Alles, wo sie hinfiel, ward weiss.

Er trat in das kleine Stübchen der Holzschlägerhütte. Dies war ein elendes

winziges Gelass. Blut lag da auf der Bettdecke, Blut auf dem Fussboden,

Blut über den hastig hingeworfenen Kleidern. Man hatte die Fiedel

gerettet. Aber der Kasten war zerschlagen im Falle. Die Saiten hingen wirr

und ungesträngt.

Die Augen des Sterbenden waren weitgeöffnet. Ein Ausdruck des Schreckens

lag darin, und Brennen, als ob er sähe und Furcht hatte. Er phantasirte:

„Hast Du die Frauen gesehen, wenn sie zur Kirche schreiten? Ihre Hacken

schlagen kurz auf und ihre Hüften tanzen unter den runden Röcken, die der

Wind hin- und herschlägt. Wenn der Sechzehnender durch das Unterholz

bricht und der Stolz des Waldes ist in seiner keilenden Brust! Hei! Der

Zug der Burschen, der zum Schützenfest zieht. Alle Fiedeln spielen auf und

die Schenkel stampfen. Wie Herrenblick, der zwingt, trifft der nie

fehlende Bolzen. – Ich sage Dir, es ist nichts, was über des Weibes Anmuth

geht, denn ihre Falschheit! Wie ich sie geliebt habe und wie ich sie

hasse! Ihre Augenbrauen, die wie Bögen der Krönung sind, darunter

triumphirende Heere einziehen. Ihre Augen locken und ertränken wie der

wilde Bergsee. – Das ist roth – roth Alles – vor meinen brennenden Augen!“

Der kleine Priester strich mit der Hand über die Augen. Sie schlossen

sich. Sie brannten nicht mehr.

„Ich habe die Erde gerochen am Frühlingsmorgen, wenn sie dampfend

aufbricht, ehe der Tag kommt. Tausend Würzbäche strömen, wo die

tausendjährige Edelfichte krachend niederschlägt. Gefährlich wie Blutdunst

ist der umnebelnde Duft des Weines, der zu Kopfe steigt und die Fäuste

straff macht. Aber der Frauen Athem ist röther wie Blut. Wie Weizenacker

frisch geöffnet ist der Leib des Weibes. – Es ist die Schwüle der

Sommererde, die die Todten nicht schlafen lässt.“

Er strich mit der Hand über die Nasenlöcher. Leise fuhr der tröstende

Finger die zitternden, hastenden Nüstern entlang. Der Geruch war fort.

„Hast Du auf Deinen Lippen ihre Küsse gefühlt? Wenn sie schwören und

lügen. Worte, die fallen wie der Wasserfall, lieblicher denn

Nachtigallentriller. – Worte! Worte! Worte!“

Er strich über die Lippen und sie schlossen sich. Sie wurden stumm und

weich.

„Ich habe sie mit meiner Hand gehalten. Ich lasse sie nicht. – Wenn man

das Messer sehr fest packt und rothes Herzblut springt herüber ... Weisst

Du, dass ich mein Messer unter meiner Hand hatte? Sie haben mir gesagt,

dass ich das Holz sprechen machen konnte, die Saiten riefen unter meinen

Fingern wie mit Menschenstimmen. Ich will spielen. Sie sollen tanzen. Sie

sollen lachen und schreien. Ich will den Ton finden, der die Todten tanzen

macht. Die Todten haben Knochenhände und lassen nicht los.“

Die gekrampften Finger lösen sich unter den andern streichenden,

gleitenden. Die Hände fielen. Sie lagen ruhig und straff.

„Meine Füsse tragen mich nicht mehr. Aber sie haben mich getragen durch

die Nacht. Im Tanze. Wer kann tanzen wie ich, der Spielmann Anderl! Wenn

der Boden knackt, die Dirne hoch anfliegt zur schwelenden Decke. Ich kann

springen! Der Teufel ist in meinen Füssen. Ich springe mit dem Teufel zur

Hölle!“

Er berührte die Füsse an ihren Sohlen. Er salbte den rechten. Er salbte

auch den linken. Die Füsse lagen still.

Der ganze Mann war weiss und still jetzt.

Der kleine Priester hatte die Fiedel genommen, das Holz zeigte keinen

Sprung, die Saiten fügten sich wie von selbst und erklangen:

„Wenn Eure Sünde gleich blutroth ist, soll sie doch schneeweiss werden,“

sang der kleine Priester. „Und wenn sie gleich ist wie Rosinfarbe, soll

sie doch wie Wolle werden.

„Und heute noch wirst Du mit mir im Paradiese sein!“ schloss der kleine

Priester.

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In der Holzschlägerhütte lag der Wilddieb todt. Er lag mit gefalteten

Händen und lächelnden Lippen. Eine weisse Kerze brannte. Das blasse goldne

Herz stand zitternd aufrecht im Dunkel, das der Schnee warf.

Der Schnee fiel.

Unter der weissen Schneedecke, das Allerheiligste gegen seine Brust

gepresst, schlief der kleine Priester.

Der Schnee fiel ... fiel.

Der Fremde: Ein Gleichniss · 第 12 / 46 题