II. Meinungen einiger Schriftsteller über den Begriff der Anzahl.

§ 18. Indem wir uns nun den ursprünglichen Gegenständen der Arithmetik

zuwenden, unterscheiden wir die einzelnen Zahlen 3, 4 u. s. f. von

dem allgemeinen Begriffe der Anzahl. Nun haben wir uns schon dafür

entschieden, dass die einzelnen Zahlen am besten in der Weise von

_Leibniz_, _Mill_, _H. Grassmann_ und Andern aus der Eins und der

Vermehrung um eins abgeleitet werden, dass aber diese Erklärungen

unvollständig bleiben, solange die Eins und die Vermehrung um eins

unerklärt sind. Wir haben gesehen, dass man allgemeiner Sätze bedarf,

um aus diesen Definitionen die Zahlformeln abzuleiten. Solche Gesetze

können eben wegen ihrer Allgemeinheit nicht aus den Definitionen der

einzelnen Zahlen folgen, sondern nur aus dem allgemeinen Begriffe der

Anzahl. Wir unterwerfen diesen jetzt einer genaueren Betrachtung.

Dabei werden voraussichtlich auch die Eins und die Vermehrung um eins

erörtert werden müssen und somit auch die Definitionen der einzelnen

Zahlen eine Ergänzung zu erwarten haben.

§ 19. Hier möchte ich mich nun gleich gegen den Versuch wenden, die

Zahl geometrisch als Verhältnisszahl von Längen oder Flächen zu fassen.

Man glaubte offenbar die vielfachen Anwendungen der Arithmetik auf

Geometrie dadurch zu erleichtern, dass man gleich die Anfänge in die

engste Beziehung setzte.

_Newton_[31] will unter Zahl nicht so sehr eine Menge von Einheiten

als das abstracte Verhältniss einer jeden Grösse zu einer andern

derselben Art verstehen, die als Einheit genommen wird. Man kann

zugeben, dass hiermit die Zahl im weitern Sinne, wozu auch die Brüche

und Irrationalzahlen gehören, zutreffend beschrieben sei; doch

werden hierbei die Begriffe der Grösse und des Grössenverhältnisses

vorausgesetzt. Danach scheint es, dass die Erklärung der Zahl im

engern Sinne, der Anzahl, nicht überflüssig werde; denn _Euklid_

braucht den Begriff des Gleichvielfachen um die Gleichheit von zwei

Längenverhältnissen zu definiren; und das Gleichvielfache kommt wieder

auf eine Zahlengleichheit hinaus. Aber es mag sein, dass die Gleichheit

von Längenverhältnissen unabhängig vom Zahlbegriffe definirbar ist.

Man bliebe dann jedoch im Ungewissen darüber, in welcher Beziehung die

so geometrisch definirte Zahl zu der Zahl des gemeinen Lebens stände.

Dies wäre dann ganz von der Wissenschaft getrennt. Und doch kann man

wohl von der Arithmetik verlangen, dass sie die Anknüpfungspunkte für

jede Anwendung der Zahl bieten muss, wenn auch die Anwendung selbst

nicht ihre Sache ist. Auch das gewöhnliche Rechnen muss die Begründung

seines Verfahrens in der Wissenschaft finden. Und dann erhebt sich die

Frage, ob die Arithmetik selbst mit einem geometrischen Begriffe der

Zahl auskomme, wenn man an die Anzahl der Wurzeln einer Gleichung,

der Zahlen, die prim zu einer Zahl und kleiner als sie sind, und

ähnliche Vorkommnisse denkt. Dagegen kann die Zahl, welche die Antwort

auf die Frage wieviel? giebt, auch bestimmen, wieviel Einheiten in

einer Länge enthalten sind. Die Rechnung mit negativen, gebrochenen,

Irrationalzahlen kann auf die mit den natürlichen Zahlen zurückgeführt

werden. _Newton_ wollte aber vielleicht unter Grössen, als deren

Verhältniss die Zahl definirt wird, nicht nur geometrische, sondern

auch Mengen verstehen. Dann wird jedoch die Erklärung für unsern Zweck

unbrauchbar, weil von den Ausdrücken »Zahl, durch die eine Menge

bestimmt wird« und »Verhältniss einer Menge zur Mengeneinheit« der

letztere keine bessere Auskunft als der erstere giebt.

§ 20. Die erste Frage wird nun sein, ob Zahl definirbar ist.

_Hankel_[32] spricht sich dagegen aus: »Was es heisst, ein Object

1mal, 2mal, 3mal ... denken oder setzen, kann bei der principiellen

Einfachheit des Begriffes der Setzung nicht definirt werden.« Hier

kommt es jedoch weniger auf das Setzen als auf das 1mal, 2mal, 3mal

an. Wenn dies definirt werden könnte, so würde die Undefinirbarkeit

des Setzens uns wenig beunruhigen. _Leibniz_ ist geneigt, die Zahl

wenigstens annähernd als adaequate Idee anzusehen, d. h. als eine

solche, die so deutlich ist, dass alles, was in ihr vorkommt, wieder

deutlich ist.

Wenn man im Ganzen mehr dazu neigt, die Anzahl für undefinirbar zu

halten, so liegt das wohl mehr an dem Misslingen darauf gerichteter

Versuche als an dem Bestehen der Sache selbst entnommener Gegengründe.

Ist die Anzahl eine Eigenschaft der äusseren Dinge?

§ 21. Versuchen wir wenigstens der Anzahl ihre Stelle unter unsern

Begriffen anzuweisen! In der Sprache erscheinen Zahlen meistens in

adjectivischer Form und in attributiver Verbindung ähnlich wie die

Wörter hart, schwer, roth, welche Eigenschaften der äusseren Dinge

bedeuten. Es liegt die Frage nahe, ob man die einzelnen Zahlen auch so

auffassen müsse, und ob demgemäss der Begriff der Anzahl etwa mit dem

der Farbe zusammengestellt werden könne.

Dies scheint die Meinung von _M. Cantor_[33] zu sein, wenn er die

Mathematik eine Erfahrungswissenschaft nennt, insofern sie von der

Betrachtung von Objecten der Aussenwelt ihren Anfang nehme. Nur durch

Abstraction von Gegenständen entstehe die Zahl.

_E. Schröder_[34] lässt die Zahl der Wirklichkeit nachgebildet, aus ihr

entnommen werden, indem die Einheiten durch Einer abgebildet würden.

Dies nennt er Abstrahiren der Zahl. Bei dieser Abbildung würden die

Einheiten nur in Hinsicht ihrer Häufigkeit dargestellt, indem von

allen andern Bestimmungen der Dinge als Farbe, Gestalt abgesehen

werde. Hier ist Häufigkeit nur ein anderer Ausdruck für Anzahl.

Schröder stellt also Häufigkeit oder Anzahl in eine Linie mit Farbe und

Gestalt und betrachtet sie als eine Eigenschaft der Dinge.

§ 22. _Baumann_[35] verwirft den Gedanken, dass die Zahlen von den

äussern Dingen abgezogene Begriffe seien: »Weil nämlich die äussern

Dinge uns keine strengen Einheiten darstellen; sie stellen uns

abgegränzte Gruppen oder sinnliche Punkte dar, aber wir haben die

Freiheit, diese selber wieder als Vieles zu betrachten«. In der That,

während ich nicht im Stande bin, durch blosse Auffassungsweise die

Farbe eines Dinges oder seine Härte im Geringsten zu verändern, kann

ich die Ilias als Ein Gedicht, als 24 Gesänge oder als eine grosse

Anzahl von Versen auffassen. Spricht man nicht in einem ganz andern

Sinne von 1000 Blättern als von grünen Blättern des Baumes? Die grüne

Farbe legen wir jedem Blatte bei, nicht so die Zahl 1000. Wir können

alle Blätter des Baumes unter dem Namen seines Laubes zusammenfassen.

Auch dieses ist grün, aber nicht 1000. Wem kommt nun eigentlich die

Eigenschaft 1000 zu? Fast scheint es weder dem einzelnen Blatte noch

der Gesammtheit; vielleicht gar nicht eigentlich den Dingen der

Aussenwelt? Wenn ich jemandem einen Stein gebe mit den Worten: bestimme

das Gewicht hiervon, so habe ich ihm damit den ganzen Gegenstand seiner

Untersuchung gegeben. Wenn ich ihm aber einen Pack Spielkarten in die

Hand gebe mit den Worten: bestimme die Anzahl hiervon, so weiss er

nicht, ob ich die Zahl der Karten oder der vollständigen Spiele oder

etwa der Wertheinheiten beim Skatspiele erfahren will. Damit, dass

ich ihm den Pack in die Hand gebe, habe ich ihm den Gegenstand seiner

Untersuchung noch nicht vollständig gegeben; ich muss ein Wort:

Karte, Spiel, Wertheinheit hinzufügen. Man kann auch nicht sagen, dass

die verschiedenen Zahlen hier so wie die verschiedenen Farben neben

einander bestehen. Auf die einzelne farbige Fläche kann ich hindeuten,

ohne ein Wort zu sagen, nicht so auf die einzelne Zahl. Wenn ich einen

Gegenstand mit demselben Rechte grün und roth nennen kann, so ist das

ein Zeichen, dass dieser Gegenstand nicht der eigentliche Träger des

Grünen ist. Diesen habe ich erst in einer Fläche, die nur grün ist.

So ist auch ein Gegenstand, dem ich mit demselben Rechte verschiedene

Zahlen zuschreiben kann, nicht der eigentliche Träger einer Zahl.

Ein wesentlicher Unterschied zwischen Farbe und Anzahl besteht

demnach darin, dass die blaue Farbe einer Fläche unabhängig von

unserer Willkühr zukommt. Sie ist ein Vermögen, gewisse Lichtstrahlen

zurückzuwerfen, andere mehr oder weniger zu verschlucken, und daran

kann unsere Auffassung nicht das Geringste ändern. Dagegen kann ich

nicht sagen, dass dem Pack Spielkarten die Anzahl 1 oder 100 oder

irgend eine andere an sich zukomme, sondern höchstens in Bezug auf

unsere willkührliche Auffassungsweise, und dann auch nicht so, dass

wir ihm die Anzahl einfach als Praedicat beilegen könnten. Was wir ein

vollständiges Spiel nennen wollen, ist offenbar eine willkührliche

Festsetzung und der Pack Spielkarten weiss nichts davon. Indem wir ihn

aber in dieser Hinsicht betrachten, entdecken wir vielleicht, dass wir

ihn zwei vollständige Spiele nennen können. Jemand, der nicht wüsste,

was man ein vollständiges Spiel nennt, würde wahrscheinlich irgend eine

andere Anzahl eher an ihm herausfinden, als grade die Zwei.

§ 23. Die Frage, wem die Zahl als Eigenschaft zukomme, beantwortet

_Mill_[36] so:

»Der Name einer Zahl bezeichnet eine Eigenschaft, die dem Aggregat

von Dingen angehört, welche wir mit dem Namen benennen; und diese

Eigenschaft ist die charakteristische Weise, in welcher das Aggregat

zusammengesetzt ist oder in Theile zerlegt werden kann.«

Hier ist zunächst der bestimmte Artikel in dem Ausdrucke »die

charakteristische Weise« ein Fehler; denn es giebt sehr verschiedene

Weisen, wie man ein Aggregat zerlegen kann, und man kann nicht sagen,

dass Eine allein charakteristisch wäre. Ein Bündel Stroh kann z.

B. so zerlegt werden, dass man alle Halme durchschneidet, oder so,

dass man es in einzelne Halme auflöst, oder so dass man zwei Bündel

daraus macht. Ist denn ein Haufe von hundert Sandkörnern ebenso

zusammengesetzt wie ein Bündel von 100 Strohhalmen? und doch hat man

dieselbe Zahl. Das Zahlwort »Ein« in dem Ausdruck »Ein Strohhalm«

drückt doch nicht aus, wie dieser Halm aus Zellen oder aus Molekeln

zusammengesetzt ist. Noch mehr Schwierigkeit macht die Zahl 0. Müssen

denn die Strohhalme überhaupt ein Bündel bilden, um gezählt werden

zu können? Muss man die Blinden im Deutschen Reiche durchaus in

einer Versammlung vereinigen, damit der Ausdruck »Zahl der Blinden

im Deutschen Reiche« einen Sinn habe? Sind tausend Weizenkörner,

nachdem sie ausgesäet sind, nicht mehr tausend Weizenkörner? Giebt

es eigentlich Aggregate von Beweisen eines Lehrsatzes oder von

Ereignissen? und doch kann man auch diese zählen. Dabei ist es

gleichgiltig, ob die Ereignisse gleichzeitig oder durch Jahrtausende

getrennt sind.

§ 24. Damit kommen wir auf einen andern Grund, die Zahl nicht mit Farbe

und Festigkeit zusammenzustellen: die bei weitem grössere Anwendbarkeit.

_Mill_[37] meint, die Wahrheit, dass, was aus Theilen zusammengesetzt

ist, aus Theilen dieser Theile zusammengesetzt ist, sei von allen

Naturerscheinungen giltig, weil alle gezählt werden könnten. Aber

kann nicht noch weit mehr gezählt werden? _Locke_[38] sagt: »Die Zahl

findet Anwendung auf Menschen, Engel, Handlungen, Gedanken, jedes Ding,

das existirt oder vorgestellt werden kann«. _Leibniz_[39] verwirft

die Meinung der Scholastiker, dass die Zahl auf unkörperliche Dinge

unanwendbar sei, und nennt die Zahl gewissermaassen eine unkörperliche

Figur, entstanden aus der Vereinigung irgendwelcher Dinge, z. B.

Gottes, eines Engels, eines Menschen, der Bewegung, welche zusammen

vier sind. Daher, meint er, ist die Zahl etwas ganz Allgemeines und

zur Metaphysik gehörig. An einer andern Stelle[40] sagt er: »Gewogen

kann nicht werden, was nicht Kraft und Vermögen hat; was keine Theile

hat, hat demgemäss kein Maass; aber es giebt nichts, was nicht die Zahl

zulässt. So ist die Zahl gleichsam die metaphysische Figur«.

Es wäre in der That wunderbar, wenn eine, von äussern Dingen

abstrahirte Eigenschaft, auf Ereignisse, auf Vorstellungen, auf

Begriffe ohne Aenderung des Sinnes übertragen werden könnte. Es wäre

grade so, als ob man von einem schmelzbaren Ereignisse, einer blauen

Vorstellung, einem salzigen Begriffe, einem zähen Urtheile reden wollte.

Es ist ungereimt, dass an Unsinnlichem vorkomme, was seiner Natur nach

sinnlich ist. Wenn wir eine blaue Fläche sehen, so haben wir einen

eigenthümlichen Eindruck, der dem Worte »blau« entspricht; und diesen

erkennen wir wieder, wenn wir eine andere blaue Fläche erblicken.

Wollten wir annehmen, dass in derselben Weise beim Anblick eines

Dreiecks etwas Sinnliches dem Worte »drei« entspräche, so müssten wir

dies auch in drei Begriffen wiederfinden; etwas Unsinnliches würde

etwas Sinnliches an sich haben. Man kann wohl zugeben, dass dem Worte

»dreieckig« eine Art sinnlicher Eindrücke entspreche, aber man muss

dabei dies Wort als Ganzes nehmen. Die Drei darin sehen wir nicht

unmittelbar; sondern wir sehen etwas, woran eine geistige Thätigkeit

anknüpfen kann, welche zu einem Urtheile führt, in dem die Zahl 3

vorkommt. Womit nehmen wir denn etwa die Anzahl der Schlussfiguren

wahr, die Aristoteles aufstellt? etwa mit den Augen? wir sehen

höchstens gewisse Zeichen für diese Schlussfiguren, nicht sie selbst.

Wie sollen wir ihre Anzahl sehen können, wenn sie selbst unsichtbar

bleiben? Aber, meint man vielleicht, es genügt, die Zeichen zu sehen;

deren Zahl ist gleich der Zahl der Schlussfiguren. Woher weiss man denn

das? Dazu muss man doch schon auf andere Weise die letztere bestimmt

haben. Oder ist der Satz »die Anzahl der Schlussfiguren ist vier« nur

ein anderer Ausdruck für »die Anzahl der Zeichen der Schlussfiguren

ist vier«? Nein! von den Zeichen soll nichts ausgesagt werden; von

den Zeichen will niemand etwas wissen, wenn nicht deren Eigenschaft

zugleich eine des Bezeichneten ausdrückt. Da ohne logischen Fehler

dasselbe verschiedene Zeichen haben kann, braucht nicht einmal die Zahl

der Zeichen mit der des Bezeichneten übereinzustimmen.

§ 25. Während für _Mill_ die Zahl etwas Physikalisches ist, besteht

sie für _Locke_ und _Leibniz_ nur in der Idee. In der That sind, wie

_Mill_[41] sagt, zwei Aepfel von drei Aepfeln, zwei Pferde von einem

Pferd physikalisch verschieden, ein davon verschiedenes sichtliches

und fühlbares Phänomen[42]. Aber ist daraus zu schliessen, dass die

Zweiheit, Dreiheit, etwas Physikalisches ist? Ein Paar Stiefel kann

dieselbe sichtbare und fühlbare Erscheinung sein, wie _zwei_ Stiefel.

Hier haben wir einen Zahlenunterschied, dem kein physikalischer

entspricht; denn _zwei_ und _Ein Paar_ sind keineswegs dasselbe,

wie _Mill_ sonderbarer Weise zu glauben scheint. Wie ist es endlich

möglich, dass sich zwei Begriffe von drei Begriffen physikalisch

unterscheiden?

So sagt _Berkeley_[43]: »Es ist zu bemerken, dass die Zahl nichts Fixes

und Festgestelltes ist, was realiter in den Dingen selber existirte.

Sie ist gänzlich Geschöpf des Geistes, wenn er entweder eine Idee

an sich oder eine Combination von Ideen betrachtet, der er einen

Namen geben will und sie so für eine Einheit gelten lässt. Jenachdem

der Geist seine Ideen variirend combinirt, variirt die Einheit, und

wie die Einheit so variirt auch die Zahl, welche nur eine Sammlung

von Einheiten ist. Ein Fenster = 1; ein Haus, in dem viele Fenster

sind, = 1; viele Häuser machen Eine Stadt aus.«

Ist die Zahl etwas Subjectives?

§ 26. In diesem Gedankengange kommt man leicht dazu, die Zahl für

etwas Subjectives anzusehen. Es scheint die Weise, wie die Zahl in

uns entsteht, über ihr Wesen Aufschluss geben zu können. Auf eine

psychologische Untersuchung also würde es dann ankommen. In diesem

Sinne sagt wohl _Lipschitz_[44]:

»Wer über gewisse Dinge einen Ueberblick gewinnen will, der wird mit

einem bestimmten Dinge beginnen und immer ein neues Ding den früheren

hinzufügen«. Dies scheint viel besser darauf zu passen, wie wir etwa

die Anschauung eines Sternbildes erhalten, als auf die Zahlbildung.

Die Absicht, einen Ueberblick zu gewinnen, ist unwesentlich; denn man

wird kaum sagen können, dass eine Herde übersichtlicher wird, wenn man

erfährt, aus wieviel Häuptern sie besteht.

Eine solche Beschreibung der innern Vorgänge, die der Fällung eines

Zahlurtheils vorhergehen, kann nie, auch wenn sie zutreffender ist,

eine eigentliche Begriffsbestimmung ersetzen. Sie wird nie zum Beweise

eines arithmetischen Satzes herangezogen werden können; wir erfahren

durch sie keine Eigenschaft der Zahlen. Denn die Zahl ist so wenig ein

Gegenstand der Psychologie oder ein Ergebniss psychischer Vorgänge,

wie es etwa die Nordsee ist. Der Objectivität der Nordsee thut es

keinen Eintrag, dass es von unserer Willkühr abhängt, welchen Theil

der allgemeinen Wasserbedeckung der Erde wir abgrenzen und mit dem

Namen »Nordsee« belegen wollen. Das ist kein Grund, dies Meer auf

psychologischem Wege erforschen zu wollen. So ist auch die Zahl etwas

Objectives. Wenn man sagt »die Nordsee ist 10,000 Quadratmeilen gross,«

so deutet man weder durch »Nordsee« noch durch »10,000« auf einen

Zustand oder Vorgang in seinem Innern hin, sondern man behauptet etwas

ganz Objectives, was von unsern Vorstellungen und dgl. unabhängig ist.

Wenn wir etwa ein ander Mal die Grenzen der Nordsee etwas anders ziehen

oder unter »10,000« etwas Anderes verstehen wollten, so würde nicht

derselbe Inhalt falsch, der vorher richtig war; sondern an die Stelle

eines wahren Inhalts wäre vielleicht ein falscher geschoben, wodurch

die Wahrheit jenes ersteren in keiner Weise aufgehoben würde.

Der Botaniker will etwas ebenso Thatsächliches sagen, wenn er die

Anzahl der Blumenblätter einer Blume, wie wenn er ihre Farbe angiebt.

Das eine hängt so wenig wie das andere von unserer Willkühr ab. Eine

gewisse Aehnlichkeit der Anzahl und der Farbe ist also da; aber

diese besteht nicht darin, dass beide an äusseren Dingen sinnlich

wahrnehmbar, sondern darin, dass beide objectiv sind.

Ich unterscheide das Objective von dem Handgreiflichen, Räumlichen,

Wirklichen. Die Erdaxe, der Massenmittelpunkt des Sonnensystems sind

objectiv, aber ich möchte sie nicht wirklich nennen, wie die Erde

selbst. Man nennt den Aequator oft eine _gedachte_ Linie; aber es wäre

falsch, ihn eine _erdachte_ Linie zu nennen; er ist nicht durch Denken

entstanden, das Ergebniss eines seelischen Vorgangs, sondern nur durch

Denken erkannt, ergriffen. Wäre das Erkanntwerden ein Entstehen, so

könnten wir nichts Positives von ihm aussagen in Bezug auf eine Zeit,

die diesem vorgeblichen Entstehen vorherginge.

Der Raum gehört nach Kant der Erscheinung an. Es wäre möglich, dass

er andern Vernunftwesen sich ganz anders als uns darstellte. Ja, wir

können nicht einmal wissen, ob er dem einen Menschen so wie dem andern

erscheint; denn wir können die Raumanschauung des einen nicht neben

die des andern legen, um sie zu vergleichen. Aber dennoch ist darin

etwas Objectives enthalten; Alle erkennen dieselben geometrischen

Axiome, wenn auch nur durch die That, an und müssen es, um sich in

der Welt zurechtzufinden. Objectiv ist darin das Gesetzmässige,

Begriffliche, Beurtheilbare, was sich in Worten ausdrücken lässt. Das

rein Anschauliche ist nicht mittheilbar. Nehmen wir zur Verdeutlichung

zwei Vernunftwesen an, denen nur die projectivischen Eigenschaften

und Beziehungen anschaulich sind: das Liegen von drei Punkten in

einer Gerade, von vier Punkten in einer Ebene u. s. w.; es möge dem

einen das als Ebene erscheinen, was das andere als Punkt anschaut und

umgekehrt. Was dem einen die Verbindungslinie von Punkten ist, möge

dem andern die Schnittkante von Ebenen sein u. s. w. immer dualistisch

entsprechend. Dann könnten sie sich sehr wohl mit einander verständigen

und würden die Verschiedenheit ihres Anschauens nie gewahr werden,

weil in der projectivischen Geometrie jedem Lehrsatze ein anderer

dualistisch gegenübersteht; denn das Abweichen in einer ästhetischen

Werthschätzung würde kein sicheres Zeichen sein. In Bezug auf alle

geometrische Lehrsätze wären sie völlig im Einklange; sie würden sich

nur die Wörter in ihre Anschauung verschieden übersetzen. Mit dem Worte

»Punkt« verbände etwa das eine diese, das andere jene Anschauung.

So kann man immerhin sagen, dass ihnen dies Wort etwas Objectives

bedeute; nur darf man unter dieser Bedeutung nicht das Besondere ihrer

Anschauung verstehn. Und in diesem Sinne ist auch die Erdaxe objectiv.

Man denkt gewöhnlich bei »weiss« an eine gewisse Empfindung,

die natürlich ganz subjectiv ist; aber schon im gewöhnlichen

Sprachgebrauche, scheint mir, tritt ein objectiver Sinn vielfach

hervor. Wenn man den Schnee weiss nennt, so will man eine objective

Beschaffenheit ausdrücken, die man beim gewöhnlichen Tageslicht an

einer gewissen Empfindung erkennt. Wird er farbig beleuchtet, so

bringt man das bei der Beurtheilung in Anschlag. Man sagt vielleicht:

er _erscheint_ jetzt roth, aber er ist weiss. Auch der Farbenblinde

kann von roth und grün reden, obwohl er diese Farben in der Empfindung

nicht unterscheidet. Er erkennt den Unterschied daran, dass Andere

ihn machen, oder vielleicht durch einen physikalischen Versuch. So

bezeichnet das Farbenwort oft nicht unsere subjective Empfindung,

von der wir nicht wissen können, dass sie mit der eines Andern

übereinstimmt -- denn offenbar verbürgt das die gleiche Benennung

keineswegs -- sondern eine objective Beschaffenheit. So verstehe ich

unter Objectivität eine Unabhängigkeit von unserm Empfinden, Anschauen

und Vorstellen, von dem Entwerfen innerer Bilder aus den Erinnerungen

früherer Empfindungen, aber nicht eine Unabhängigkeit von der Vernunft;

denn die Frage beantworten, was die Dinge unabhängig von der Vernunft

sind, hiesse urtheilen, ohne zu urtheilen, den Pelz waschen, ohne ihn

nass zu machen.

§ 27. Deswegen kann ich auch _Schloemilch_[45] nicht zustimmen, der

die Zahl Vorstellung der Stelle eines Objects in einer Reihe nennt[46].

Wäre die Zahl eine Vorstellung, so wäre die Arithmetik Psychologie.

Das ist sie so wenig, wie etwa die Astronomie es ist. Wie sich diese

nicht mit den Vorstellungen der Planeten, sondern mit den Planeten

selbst beschäftigt, so ist auch der Gegenstand der Arithmetik keine

Vorstellung. Wäre die Zwei eine Vorstellung, so wäre es zunächst nur

die meine. Die Vorstellung eines Andern ist schon als solche eine

andere. Wir hätten dann vielleicht viele Millionen Zweien. Man müsste

sagen: meine Zwei, deine Zwei, eine Zwei, alle Zweien. Wenn man latente

oder unbewusste Vorstellungen annimmt, so hätte man auch unbewusste

Zweien, die dann später wieder bewusste würden. Mit den heranwachsenden

Menschen entständen immer neue Zweien, und wer weiss, ob sie sich nicht

in Jahrtausenden so veränderten, dass 2 × 2 = 5 würde. Trotzdem wäre

es zweifelhaft, ob es, wie man gewöhnlich meint, unendlich viele Zahlen

gäbe. Vielleicht wäre 10^{10} nur ein leeres Zeichen, und es gäbe gar

keine Vorstellung, in irgendeinem Wesen, die so benannt werden könnte.

Wir sehen, zu welchen Wunderlichkeiten es führt, wenn man den Gedanken

etwas weiter ausspinnt, dass die Zahl eine Vorstellung sei. Und wir

kommen zu dem Schlusse, dass die Zahl weder räumlich und physikalisch

ist, wie Mills Haufen von Kieselsteinen und Pfeffernüssen, noch auch

subjectiv wie die Vorstellungen, sondern unsinnlich und objectiv. Der

Grund der Objectivität kann ja nicht in dem Sinneseindrucke liegen, der

als Affection unserer Seele ganz subjectiv ist, sondern, soweit ich

sehe, nur in der Vernunft.

Es wäre wunderbar, wenn die allerexacteste Wissenschaft sich auf die

noch zu unsicher tastende Psychologie stützen sollte.

Die Anzahl als Menge.

§ 28. Einige Schriftsteller erklären die Anzahl als eine Menge,

Vielheit oder Mehrheit. Ein Uebelstand besteht hierbei darin, dass die

Zahlen 0 und 1 von dem Begriffe ausgeschlossen werden. Jene Ausdrücke

sind recht unbestimmt: bald nähern sie sich mehr der Bedeutung von

»Haufe,« »Gruppe,« »Aggregat« -- wobei an ein räumliches Zusammensein

gedacht wird -- bald werden sie fast gleichbedeutend mit »Anzahl«

gebraucht, nur unbestimmter. Eine Auseinanderlegung des Begriffes der

Anzahl kann darum in einer solchen Erklärung nicht gefunden werden.

_Thomae_[47] verlangt zur Bildung der Zahl, dass verschiedenen

Objectenmengen verschiedene Namen gegeben werden. Damit ist offenbar

eine schärfere Bestimmung jener Objectenmengen gemeint, für welche

die Namengebung nur das äussere Zeichen ist. Welcher Art nun diese

Bestimmung sei, das ist die Frage. Es würde offenbar die Idee der Zahl

nicht entstehen, wenn man für »3 Sterne,« »3 Finger,« »7 Sterne« Namen

einführen wollte, in denen keine gemeinsamen Bestandtheile erkennbar

wären. Es kommt nicht darauf an, dass überhaupt Namen gegeben werden,

sondern dass für sich bezeichnet werde, was Zahl daran ist. Dazu ist

nöthig, dass es in seiner Besonderheit erkannt sei.

Noch ist folgende Verschiedenheit zu beachten. Einige nennen die Zahl

eine Menge von Dingen oder Gegenständen; Andere wie schon _Euklid_[48],

erklären sie als eine Menge von Einheiten. Dieser Ausdruck bedarf einer

besondern Erörterung.

Die Grundlagen der Arithmetik Eine logische mathematische Untersuchung über den Begriff der Zahl · 第 8 / 26 题