Hier fehlt der Satz

2 + (1 + 1) = (2 + 1) + 1,

der ein besonderer Fall von

a + (b + c) = (a + b) + c

ist. Setzt man dies Gesetz voraus, so sieht man leicht, dass jede

Formel des Einsundeins so bewiesen werden kann. Es ist dann jede Zahl

aus der vorhergehenden zu definiren. In der That sehe ich nicht, wie

uns etwa die Zahl 437986 angemessener gegeben werden könnte als in der

leibnizischen Weise. Wir bekommen sie so, auch ohne eine Vorstellung

von ihr zu haben, doch in unsere Gewalt. Die unendliche Menge der

Zahlen wird durch solche Definitionen auf die Eins und die Vermehrung

um eins zurückgeführt, und jede der unendlich vielen Zahlformeln kann

aus einigen allgemeinen Sätzen bewiesen werden.

Dies ist auch die Meinung von _H. Grassmann_ und _H. Hankel_. Jener

will das Gesetz

a + (b + 1) = (a + b) + 1

durch eine Definition gewinnen, indem er sagt[13]:

»Wenn a und b beliebige Glieder der Grundreihe sind, so versteht man

unter der Summe a + b dasjenige Glied der Grundreihe, für welches die

Formel

a + (b + e) = a + b + e

gilt.«

Hierbei soll e die positive Einheit bedeuten. Gegen diese Erklärung

lässt sich zweierlei einwenden. Zunächst wird die Summe durch sich

selbst erklärt. Wenn man noch nicht weiss, was a + b bedeuten soll,

versteht man auch den Ausdruck a + (b + e) nicht. Aber dieser

Einwand lässt sich vielleicht dadurch beseitigen, dass man freilich

im Widerspruch mit dem Wortlaute sagt, nicht die Summe, sondern die

Addition solle erklärt werden. Dann würde immer noch eingewendet werden

können, dass a + b ein leeres Zeichen wäre, wenn es kein Glied der

Grundreihe oder deren mehre von der verlangten Art gäbe. Dass dies

nicht statthabe, setzt _Grassmann_ einfach voraus, ohne es zu beweisen,

sodass die Strenge nur scheinbar ist.

§ 7. Man sollte denken, dass die Zahlformeln synthetisch oder

analytisch, aposteriori oder apriori sind, je nachdem die allgemeinen

Gesetze es sind, auf die sich ihr Beweis stützt. Dem steht jedoch die

Meinung _John Stuart Mill_'s entgegen. Zwar scheint er zunächst wie

_Leibniz_ die Wissenschaft auf Definitionen gründen zu wollen,[14] da

er die einzelnen Zahlen wie dieser erklärt; aber sein Vorurtheil, dass

alles Wissen empirisch sei, verdirbt sofort den richtigen Gedanken

wieder. Er belehrt uns nämlich,[15] dass jene Definitionen keine

im logischen Sinne seien, dass sie nicht nur die Bedeutung eines

Ausdruckes festsetzen, sondern damit auch eine beobachtete Thatsache

behaupten. Was in aller Welt mag die beobachtete oder, wie _Mill_ auch

sagt, physikalische Thatsache sein, die in der Definition der Zahl

777864 behauptet wird? Von dem ganzen Reichthume an physikalischen

Thatsachen, der sich hier vor uns aufthut, nennt uns _Mill_ nur eine

einzige, die in der Definition der Zahl 3 behauptet werden soll. Sie

besteht nach ihm darin, dass es Zusammenfügungen von Gegenständen

giebt, welche, während sie diesen Eindruck ⁰₀⁰ auf die Sinne machen, in

zwei Theile getrennt werden können, wie folgt: ∘∘ ∘. Wie gut doch, dass

nicht Alles in der Welt niet- und nagelfest ist; dann könnten wir diese

Trennung nicht vornehmen, und 2 + 1 wäre nicht 3! Wie schade, dass

_Mill_ nicht auch die physikalischen Thatsachen abgebildet hat, welche

den Zahlen 0 und 1 zu Grunde liegen!

_Mill_ fährt fort: »Nachdem dieser Satz zugegeben ist, nennen wir

alle dergleichen Theile 3«. Man erkennt hieraus, dass es eigentlich

unrichtig ist, wenn die Uhr drei schlägt, von drei Schlägen zu

sprechen, oder süss, sauer, bitter drei Geschmacksempfindungen zu

nennen; ebensowenig ist der Ausdruck »drei Auflösungsweisen einer

Gleichung« zu billigen; denn man hat niemals davon den sinnlichen

Eindruck wie von ⁰₀⁰.

Nun sagt _Mill_: »Die Rechnungen folgen nicht aus der Definition

selbst, sondern aus der beobachteten Thatsache.« Aber wo hätte sich

_Leibniz_ in dem oben mitgetheilten Beweise des Satzes 2 + 2 = 4 auf

die erwähnte Thatsache berufen sollen? _Mill_ unterlässt es die Lücke

nachzuweisen, obwohl er einen dem leibnizischen ganz entsprechenden

Beweis des Satzes 5 + 2 = 7 giebt.[16] Die wirklich vorhandene Lücke,

die in dem Weglassen der Klammern liegt, übersieht er wie _Leibniz_.

Wenn wirklich die Definition jeder einzelnen Zahl eine besondere

physikalische Thatsache behauptete, so würde man einen Mann, der mit

neunziffrigen Zahlen rechnet, nicht genug wegen seines physikalischen

Wissens bewundern können. Vielleicht geht indessen _Mill_'s Meinung

nicht dahin, dass alle diese Thatsachen einzeln beobachtet werden

müssten, sondern es genüge, durch Induction ein allgemeines Gesetz

abgeleitet zu haben, in dem sie sämmtlich eingeschlossen seien. Aber

man versuche, dies Gesetz auszusprechen, und man wird finden, dass

es unmöglich ist. Es reicht nicht hin, zu sagen: es giebt grosse

Sammlungen von Dingen, die zerlegt werden können; denn damit ist nicht

gesagt, dass es so grosse Sammlungen und von der Art giebt, wie zur

Definition etwa der Zahl 1000000 erfordert werden, und die Weise der

Theilung ist auch nicht genauer angegeben. Die millsche Auffassung

führt nothwendig zu der Forderung, dass für jede Zahl eine Thatsache

besonders beobachtet werde, weil in einem allgemeinen Gesetze grade das

Eigenthümliche der Zahl 1000000, das zu deren Definition nothwendig

gehört, verloren gehen würde. Man dürfte nach _Mill_ in der That nicht

setzen 1000000 = 999999 + 1, wenn man nicht grade diese eigenthümliche

Weise der Zerlegung einer Sammlung von Dingen beobachtet hätte, die von

der irgendeiner andern Zahl zukommenden verschieden ist.

§ 8. _Mill_ scheint zu meinen, dass die Definitionen 2 = 1 + 1,

3 = 2 + 1, 4 = 3 + 1 u. s. w. nicht gemacht werden dürften, ehe nicht

die von ihm erwähnten Thatsachen beobachtet wären. In der That darf man

die 3 nicht als (2 + 1) definiren, wenn man mit (2 + 1) gar keinen Sinn

verbindet. Es fragt sich aber, ob es dazu nöthig ist, jene Sammlung und

ihre Trennung zu beobachten. Räthselhaft wäre dann die Zahl 0; denn bis

jetzt hat wohl niemand 0 Kieselsteine gesehen oder getastet. _Mill_

würde gewiss die 0 für etwas Sinnloses, für eine blosse Redewendung

erklären; die Rechnungen mit 0 würden ein blosses Spiel mit leeren

Zeichen sein, und es wäre nur wunderbar, wie etwas Vernünftiges dabei

herauskommen könnte. Wenn aber diese Rechnungen eine ernste Bedeutung

haben, so kann auch das Zeichen 0 selber nicht ganz sinnlos sein. Und

es zeigt sich die Möglichkeit, dass 2 + 1 in ähnlicher Weise wie die 0,

einen Sinn auch dann noch haben könnte, wenn die von _Mill_ erwähnte

Thatsache nicht beobachtet wäre. Wer will in der That behaupten, dass

die in der Definition einer 18ziffrigen Zahl nach _Mill_ enthaltene

Thatsache je beobachtet sei, und wer will leugnen, dass ein solches

Zahlzeichen trotzdem einen Sinn habe?

Vielleicht meint man, es würden die physikalischen Thatsachen nur für

die kleineren Zahlen etwa bis 10 gebraucht, indem die übrigen aus

diesen zusammengesetzt werden könnten. Aber, wenn man 11 aus 10 und

1 blos durch Definition bilden kann, ohne die entsprechende Sammlung

gesehen zu haben, so ist kein Grund, weshalb man nicht auch die 2 aus

1 und 1 so zusammensetzen kann. Wenn die Rechnungen mit der Zahl 11

nicht aus einer für diese bezeichnenden Thatsache folgen, wie kommt es,

dass die Rechnungen mit der 2 sich auf die Beobachtung einer gewissen

Sammlung und deren eigentümlicher Trennung stützen müssen?

Man fragt vielleicht, wie die Arithmetik bestehen könne, wenn wir durch

die Sinne gar keine oder nur drei Dinge unterscheiden könnten. Für

unsere Kenntniss der arithmetischen Sätze und deren Anwendungen würde

ein solcher Zustand gewiss etwas Missliches haben, aber auch für ihre

Wahrheit? Wenn man einen Satz empirisch nennt, weil wir Beobachtungen

gemacht haben müssen, um uns seines Inhalts bewusst zu werden, so

gebraucht man das Wort »empirisch« nicht in dem Sinne, dass es dem

»apriori« entgegengesetzt ist. Man spricht dann eine psychologische

Behauptung aus, die nur den Inhalt des Satzes betrifft; ob dieser

wahr sei, kommt dabei nicht in Betracht. In dem Sinne sind auch alle

Geschichten Münchhausens empirisch; denn gewiss muss man mancherlei

beobachtet haben, um sie erfinden zu können.

Sind die Gesetze der Arithmetik inductive Wahrheiten?

§ 9. Die bisherigen Erwägungen machen es wahrscheinlich, dass die

Zahlformeln allein aus den Definitionen der einzelnen Zahlen mittels

einiger allgemeinen Gesetze ableitbar sind, dass diese Definitionen

beobachtete Thatsachen weder behaupten noch zu ihrer Rechtmässigkeit

voraussetzen. Es kommt also darauf an, die Natur jener Gesetze zu

erkennen.

_Mill_[17] will zu seinem vorhin erwähnten Beweise der Formel 5 + 2 = 7

den Satz »was aus Theilen zusammengesetzt ist, ist aus Theilen von

diesen Theilen zusammengesetzt« benutzen. Dies hält er für einen

charakteristischern Ausdruck des sonst in der Form »die Summen von

Gleichem sind gleich« bekannten Satzes. Er nennt ihn inductive Wahrheit

und Naturgesetz von der höchsten Ordnung. Für die Ungenauigkeit seiner

Darstellung ist es bezeichnend, dass er diesen Satz gar nicht an der

Stelle des Beweises heranzieht, wo er nach seiner Meinung unentbehrlich

ist; doch scheint es, dass seine inductive Wahrheit _Leibnizens_ Axiom

vertreten soll: »wenn man Gleiches an die Stelle setzt, bleibt die

Gleichung bestehen.« Aber um arithmetische Wahrheiten Naturgesetze

nennen zu können, legt _Mill_ einen Sinn hinein, den sie nicht haben.

Er meint z. B.[18] die Gleichung 1 = 1 könne falsch sein, weil ein

Pfundstück nicht immer genau das Gewicht eines andern habe. Aber das

will der Satz 1 = 1 auch gar nicht behaupten.

_Mill_ versteht das + Zeichen so, dass dadurch die Beziehung der

Theile eines physikalischen Körpers oder eines Haufens zu dem Ganzen

ausgedrückt werde; aber das ist nicht der Sinn dieses Zeichens.

5 + 2 = 7 bedeutet nicht, dass wenn man zu 5 Raumtheilen Flüssigkeit 2

Raumtheile Flüssigkeit giesst, man 7 Raumtheile Flüssigkeit erhalte,

sondern dies ist eine Anwendung jenes Satzes, die nur statthaft ist,

wenn nicht infolge etwa einer chemischen Einwirkung eine Volumänderung

eintritt. _Mill_ verwechselt immer Anwendungen, die man von einem

arithmetischen Satze machen kann, welche oft physikalisch sind

und beobachtete Thatsachen zur Voraussetzung haben, mit dem rein

mathematischen Satze selber. Das Pluszeichen kann zwar in manchen

Anwendungen einer Haufenbildung zu entsprechen scheinen; aber dies ist

nicht seine Bedeutung; denn bei andern Anwendungen kann von Haufen,

Aggregaten, dem Verhältnisse eines physikalischen Körpers zu seinen

Theilen keine Rede sein, z. B. wenn man die Rechnung auf Ereignisse

bezieht. Zwar kann man auch hier von Theilen sprechen; dann gebraucht

man das Wort aber nicht im physikalischen oder geometrischen, sondern

im logischen Sinne, wie wenn man die Ermordungen von Staatsoberhäuptern

einen Theil der Morde überhaupt nennt. Hier hat man die logische

Unterordnung. Und so entspricht auch die Addition im Allgemeinen nicht

einem physikalischen Verhältnisse. Folglich können auch die allgemeinen

Additionsgesetze nicht Naturgesetze sein.

§ 10. Aber sie könnten vielleicht dennoch inductive Wahrheiten sein.

Wie wäre das zu denken? Von welchen Thatsachen soll man ausgehen, um

sich zum Allgemeinen zu erheben? Dies können wohl nur die Zahlformeln

sein. Damit verlören wir freilich den Vortheil wieder, den wir durch

die Definitionen der einzelnen Zahlen gewonnen haben, und wir müssten

uns nach einer andern Begründungsweise der Zahlformeln umsehen. Wenn

wir uns nun auch über dies nicht ganz leichte Bedenken hinwegsetzen,

so finden wir doch den Boden für die Induction ungünstig; denn hier

fehlt jene Gleichförmigkeit, welche sonst diesem Verfahren eine grosse

Zuverlässigkeit geben kann. Schon _Leibniz_[19] lässt dem Philalèthe

auf seine Behauptung:

»Die verschiedenen Modi der Zahl sind keiner andern Verschiedenheit

fähig, als des mehr oder weniger; daher sind es einfache Modi wie

die des Raumes«

antworten:

»Das kann man von der Zeit und der geraden Linie sagen, aber

keinesfalls von den Figuren und noch weniger von den Zahlen, die

nicht blos an Grösse verschieden, sondern auch unähnlich sind. Eine

gerade Zahl kann in zwei gleiche Theile getheilt werden und nicht eine

ungerade; 3 und 6 sind trianguläre Zahlen, 4 und 9 sind Quadrate, 8 ist

ein Cubus u. s. f.; und dies findet bei den Zahlen noch mehr statt als

bei den Figuren; denn zwei ungleiche Figuren können einander vollkommen

ähnlich sein, aber niemals zwei Zahlen.«

Wir haben uns zwar daran gewöhnt, die Zahlen in vielen Beziehungen

als gleichartig zu betrachten; das kommt aber nur daher, weil wir eine

Menge allgemeiner Sätze kennen, die von allen Zahlen gelten. Hier

müssen wir uns jedoch auf den Standpunkt stellen, wo noch keiner von

diesen anerkannt ist. In der That möchte es schwer sein, ein Beispiel

für einen Inductionsschluss zu finden, das unserem Falle entspräche.

Sonst kommt uns oft der Satz zu statten, dass jeder Ort im Raume und

jeder Zeitpunkt an und für sich so gut wie jeder andere ist. Ein Erfolg

muss an einem andern Orte und zu einer andern Zeit ebensogut eintreten,

wenn nur die Bedingungen dieselben sind. Das fällt hier hinweg, weil

die Zahlen raum- und zeitlos sind. Die Stellen in der Zahlenreihe sind

nicht gleichwerthig wie die Orte des Raumes.

Die Zahlen verhalten sich auch ganz anders als die Individuen etwa

einer Thierart, da sie eine durch die Natur der Sache bestimmte

Rangordnung haben, da jede auf eigne Weise gebildet ist und ihre

Eigenart hat, die besonders bei der 0, der 1 und der 2 hervortritt.

Wenn man sonst einen Satz in Bezug auf eine Gattung durch Induction

begründet, hat man gewöhnlich schon eine ganze Reihe gemeinsamer

Eigenschaften allein schon durch die Definition des Gattungsbegriffes.

Hier hält es schwer, nur eine einzige zu finden, die nicht selbst erst

nachzuweisen wäre.

Am leichtesten möchte sich unser Fall noch mit folgendem vergleichen

lassen. Man habe in einem Bohrloche eine mit der Tiefe regelmässig

zunehmende Temperatur bemerkt; man habe bisher sehr verschiedene

Gesteinsschichten angetroffen. Es ist dann offenbar aus den

Beobachtungen, die man an diesem Bohrloche gemacht hat, allein nichts

über die Beschaffenheit der tiefern Schichten zu schliessen, und ob die

Regelmässigkeit der Temperaturvertheilung sich weiter bewähren würde,

muss dahingestellt bleiben. Unter den Begriff »was bei fortgesetztem

Bohren angetroffen wird« fällt zwar das bisher Beobachtete wie das

Tieferliegende; aber das kann hier wenig nützen. Ebenso wenig wird es

uns bei den Zahlen nützen, dass sie sämmtlich unter den Begriff »was

man durch fortgesetzte Vermehrung um eins erhält« fallen. Man kann

eine Verschiedenheit der beiden Fälle darin finden, dass die Schichten

nur angetroffen werden, die Zahlen aber durch die fortgesetzte

Vermehrung um eins geradezu geschaffen und ihrem ganzen Wesen nach

bestimmt werden. Dies kann nur heissen, dass man aus der Weise, wie

eine Zahl, z. B. 8, durch Vermehrung um 1 entstanden ist, alle ihre

Eigenschaften ableiten kann. Damit giebt man im Grunde zu, dass die

Eigenschaften der Zahlen aus ihren Definitionen folgen, und es eröffnet

sich die Möglichkeit, die allgemeinen Gesetze der Zahlen aus der

allen gemeinsamen Entstehungsweise zu beweisen, während die besondern

Eigenschaften der einzelnen aus der besondern Weise zu folgern wären,

wie sie durch fortgesetzte Vermehrung um eins gebildet sind. So kann

man auch, was bei den Erdschichten, schon durch die Tiefe allein

bestimmt ist, in der sie getroffen werden, also ihre Lagenverhältnisse,

eben daraus schliessen, ohne dass man die Induction nöthig hätte; was

aber nicht dadurch bestimmt ist, kann auch die Induction nicht lehren.

Vermuthlich kann das Verfahren der Induction selbst nur mittels

allgemeiner Sätze der Arithmetik gerechtfertigt werden, wenn man

darunter nicht eine blosse Gewöhnung versteht. Diese hat nämlich

durchaus keine wahrheitverbürgende Kraft. Während das wissenschaftliche

Verfahren nach objectiven Maasstäben bald in einer einzigen Bestätigung

eine hohe Wahrscheinlichkeit begründet findet, bald tausendfaches

Eintreffen fast für werthlos erachtet, wird die Gewöhnung durch Zahl

und Stärke der Eindrücke und subjective Verhältnisse bestimmt, die

keinerlei Recht haben, auf das Urtheil Einfluss zu üben. Die Induction

muss sich auf die Lehre von der Wahrscheinlichkeit stützen, weil sie

einen Satz nie mehr als wahrscheinlich machen kann. Wie diese Lehre

aber ohne Voraussetzung arithmetischer Gesetze entwickelt werden könne,

ist nicht abzusehen.

§ 11. _Leibniz_[20] meint dagegen, dass die nothwendigen Wahrheiten,

wie man solche in der Arithmetik findet, Principien haben müssen, deren

Beweis nicht von den Beispielen und also nicht von dem Zeugnisse der

Sinne abhangt, wiewohl ohne die Sinne sich niemand hätte einfallen

lassen, daran zu denken. »Die ganze Arithmetik ist uns eingeboren und

in uns auf virtuelle Weise.« Wie er den Ausdruck »eingeboren« meint,

verdeutlicht eine andere Stelle[21]: »Es ist nicht wahr, dass alles,

was man lernt, nicht eingeboren sei; -- die Wahrheiten der Zahlen sind

in uns, und nichtsdestoweniger lernt man sie, sei es, indem man sie aus

ihrer Quelle zieht, wenn man sie auf beweisende Art lernt (was eben

zeigt, dass sie eingeboren sind), sei es ...«.

Sind die Gesetze der Arithmetik synthetisch apriori oder analytisch?

§ 12. Wenn man den Gegensatz von analytisch und synthetisch hinzunimmt,

ergeben sich vier Combinationen, von denen jedoch eine, nämlich

analytisch aposteriori

ausfällt. Wenn man sich mit _Mill_ für aposteriori entschieden hat,

bleibt also keine Wahl, sodass für uns nur noch die Möglichkeiten

synthetisch apriori

und

analytisch

zu erwägen bleiben. Für die erstere entscheidet sich _Kant_. In

diesem Falle bleibt wohl nichts übrig, als eine reine Anschauung

als letzten Erkenntnissgrund anzurufen, obwohl hier schwer zu sagen

ist, ob es eine räumliche oder zeitliche ist, oder welche es sonst

sein mag. _Baumann_[22] stimmt _Kant_, wenngleich mit etwas anderer

Begründung, bei. Auch nach _Lipschitz_[23] fliessen die Sätze,

welche die Unabhängigkeit der Anzahl von der Art des Zählens und

die Vertauschbarkeit und Gruppirbarkeit der Summanden behaupten,

aus der inneren Anschauung. _Hankel_[24] gründet die Lehre von

den reellen Zahlen auf drei Grundsätze, denen er den Charakter

der _notiones communes_ zuschreibt: »Sie werden durch Explication

vollkommen evident, gelten für alle Grössengebiete nach der reinen

Anschauung der Grösse und können, ohne ihren Charakter einzubüssen,

in Definitionen verwandelt werden, indem man sagt: Unter der Addition

von Grössen versteht man eine Operation, welche diesen Sätzen genügt.«

In der letzten Behauptung liegt eine Unklarheit. Vielleicht kann

man die Definition machen; aber sie kann keinen Ersatz für jene

Grundsätze bilden; denn bei der Anwendung würde es sich immer darum

handeln: sind die Anzahlen Grössen, und ist das, was man Addition

der Anzahlen zu nennen pflegt, Addition im Sinne dieser Definition?

Und zur Beantwortung müsste man jene Sätze von den Anzahlen schon

kennen. Ferner erregt der Ausdruck »reine Anschauung der Grösse«

Anstoss. Wenn man erwägt, was alles Grösse genannt wird: Anzahlen,

Längen, Flächeninhalte, Volumina, Winkel, Krümmungen, Massen,

Geschwindigkeiten, Kräfte, Lichtstärken, galvanische Stromstärken u.

s. f., so ist wohl zu verstehen, wie man dies einem Grössen_begriffe_

unterordnen kann; aber der Ausdruck »Anschauung der Grösse« und gar

»reine Anschauung der Grösse« kann nicht als zutreffend anerkannt

werden. Ich kann nicht einmal eine Anschauung von 100000 zugeben,

noch viel weniger von Zahl im Allgemeinen oder gar von Grösse im

Allgemeinen. Man beruft sich zu leicht auf innere Anschauung, wenn man

keinen andern Grund anzugeben vermag. Aber man sollte dabei den Sinn

des Wortes »Anschauung« doch nicht ganz aus dem Auge verlieren.

_Kant_ definirt in der Logik (ed. Hartenstein, VIII, S. 88):

»Die Anschauung ist eine einzelne Vorstellung (repraesentatio

singularis), der Begriff eine allgemeine (repraesentatio per notas

communes) oder reflectirte Vorstellung (repraesentatio discursiva).«

Hier kommt die Beziehung zur Sinnlichkeit gar nicht zum Ausdrucke,

die doch in der transcendentalen Aesthetik hinzugedacht wird, und

ohne welche die Anschauung nicht als Erkenntnissprincip für die

synthetischen Urtheile apriori dienen kann. In der Kr. d. r. V. (ed.

Hartenstein III, S. 55) heisst es:

»Vermittelst der Sinnlichkeit also werden uns Gegenstände gegeben und

sie allein liefert uns Anschauungen.«

Der Sinn unseres Wortes in der Logik ist demnach ein weiterer als in

der trancendentalen Aesthetik. Im logischen Sinne könnte man vielleicht

100000 eine Anschauung nennen; denn ein allgemeiner Begriff ist es

nicht. Aber in diesem Sinne genommen, kann die Anschauung nicht zur

Begründung der arithmetischen Gesetze dienen.

§ 13. Ueberhaupt wird es gut sein, die Verwandtschaft mit der Geometrie

nicht zu überschätzen. Ich habe schon eine leibnizische Stelle

dagegen angeführt. Ein geometrischer Punkt für sich betrachtet, ist

von irgendeinem andern gar nicht zu unterscheiden; dasselbe gilt von

Geraden und Ebenen. Erst wenn mehre Punkte, Gerade, Ebenen in einer

Anschauung gleichzeitig aufgefasst werden, unterscheidet man sie. Wenn

in der Geometrie allgemeine Sätze aus der Anschauung gewonnen werden,

so ist das daraus erklärlich, dass die angeschauten Punkte, Geraden,

Ebenen eigentlich gar keine besondern sind und daher als Vertreter

ihrer ganzen Gattung gelten können. Anders liegt die Sache bei den

Zahlen: jede hat ihre Eigenthümlichkeit. Inwiefern eine bestimmte Zahl

alle andern vertreten kann, und wo ihre Besonderheit sich geltend

macht, ist ohne Weiteres nicht zu sagen.

§ 14. Auch die Vergleichung der Wahrheiten in Bezug auf das von ihnen

beherrschte Gebiet spricht gegen die empirische und synthetische Natur

der arithmetischen Gesetze.

Die Erfahrungssätze gelten für die physische oder psychologische

Wirklichkeit, die geometrischen Wahrheiten beherrschen das Gebiet des

räumlich Anschaulichen, mag es nun Wirklichkeit oder Erzeugniss der

Einbildungskraft sein. Die tollsten Fieberphantasien, die kühnsten

Erfindungen der Sage und der Dichter, welche Thiere reden, Gestirne

stille stehen lassen, aus Steinen Menschen und aus Menschen Bäume

machen, und lehren, wie man sich am eignen Schopfe aus dem Sumpfe

zieht, sie sind doch, sofern sie anschaulich bleiben, an die Axiome

der Geometrie gebunden. Von diesen kann nur das begriffliche Denken in

gewisser Weise loskommen, wenn es etwa einen Raum von vier Dimensionen

oder von positivem Krümmungsmaasse annimmt. Solche Betrachtungen

sind durchaus nicht unnütz; aber sie verlassen ganz den Boden der

Anschauung. Wenn man diese auch dabei zu Hilfe nimmt, so ist es doch

immer die Anschauung des euklidischen Raumes, des einzigen, von dessen

Gebilden wir eine haben. Sie wird dann nur nicht so, wie sie ist,

sondern symbolisch für etwas anderes genommen; man nennt z. B. gerade

oder eben, was man doch als Krummes anschaut. Für das begriffliche

Denken kann man immerhin von diesem oder jenem geometrischen Axiome

das Gegentheil annehmen, ohne dass man in Widersprüche mit sich

selbst verwickelt wird, wenn man Schlussfolgerungen aus solchen der

Anschauung widerstreitenden Annahmen zieht. Diese Möglichkeit zeigt,

dass die geometrischen Axiome von einander und von den logischen

Urgesetzen unabhängig, also synthetisch sind. Kann man dasselbe von

den Grundsätzen der Zahlenwissenschaft sagen? Stürzt nicht alles

in Verwirrung, wenn man einen von diesen leugnen wollte? Wäre dann

noch Denken möglich? Liegt nicht der Grund der Arithmetik tiefer als

der alles Erfahrungswissens, tiefer selbst als der der Geometrie?

Die arithmetischen Wahrheiten beherrschen das Gebiet des Zählbaren.

Dies ist das umfassendste; denn nicht nur das Wirkliche, nicht nur

das Anschauliche gehört ihm an, sondern alles Denkbare. Sollten also

nicht die Gesetze der Zahlen mit denen des Denkens in der innigsten

Verbindung stehen?

§ 15. Dass _Leibnizens_ Aussprüche sich nur zu Gunsten der analytischen

Natur der Zahlgesetze deuten lassen, ist vorauszusehen, da für ihn

das Apriori mit dem Analytischen zusammenfällt. So sagt er[25], dass

die Algebra ihre Vortheile einer viel höhern Kunst, nämlich der

wahren Logik entlehne. An einer andern Stelle[26] vergleicht er die

nothwendigen und zufälligen Wahrheiten mit den commensurabeln und

incommensurabeln Grössen und meint, dass bei nothwendigen Wahrheiten

ein Beweis oder eine Zurückführung auf Identitäten möglich sei. Doch

diese Aeusserungen verlieren dadurch an Gewicht, dass _Leibniz_ dazu

neigt, alle Wahrheiten als beweisbar anzusehen[27]: »... dass jede

Wahrheit ihren apriorischen, aus dem Begriff der Termini gezogenen

Beweis hat, wiewohl es nicht immer in unserer Macht steht, zu

dieser Analyse zu kommen.« Der Vergleich mit der Commensurabilität

und Incommensurabilität richtet freilich doch wieder eine für uns

wenigstens unüberschreitbare Schranke zwischen zufälligen und

nothwendigen Wahrheiten auf.

Sehr entschieden im Sinne der analytischen Natur der Zahlgesetze

spricht sich _W. Stanley Jevons_ aus[28]: »Zahl ist nur logische

Unterscheidung und Algebra eine hoch entwickelte Logik.«

§ 16. Aber auch diese Ansicht hat ihre Schwierigkeiten. Soll dieser

hochragende, weitverzweigte und immer noch wachsende Baum der

Zahlenwissenschaft in blossen Identitäten wurzeln? Und wie kommen

die leeren Formen der Logik dazu, aus sich heraus solchen Inhalt zu

gewinnen?

_Mill_ meint: »Die Lehre, dass wir durch kunstfertiges Handhaben der

Sprache Thatsachen entdecken, die verborgene Naturprocesse enthüllen

können, ist dem gesunden Menschenverstande so entgegen, dass es schon

einen Fortschritt in der Philosophie verlangt, um sie zu glauben«.

Gewiss dann, wenn man sich bei dem kunstfertigen Handhaben nichts

denkt. _Mill_ wendet sich hier gegen einen Formalismus, der kaum

von irgendwem vertreten wird. Jeder, der Worte oder mathematische

Zeichen gebraucht, macht den Anspruch, dass sie etwas bedeuten, und

niemand wird erwarten, dass aus leeren Zeichen etwas Sinnvolles

hervorgehe. Aber es ist möglich, dass ein Mathematiker längere

Rechnungen vollführt, ohne unter seinen Zeichen etwas sinnlich

Wahrnehmbares, Anschauliches zu verstehen. Darum sind diese Zeichen

noch nicht sinnlos; man unterscheidet dennoch ihren Inhalt von ihnen

selbst, wenn dieser auch vielleicht nur mittels der Zeichen fassbar

wird. Man ist sich bewusst, dass andere Zeichen für Dasselbe hätten

festgesetzt werden können. Es genügt zu wissen, wie der in den Zeichen

versinnlichte Inhalt logisch zu behandeln ist, und wenn man Anwendungen

auf die Physik machen will, wie der Uebergang zu den Erscheinungen

geschehen muss. Aber in einer solchen Anwendung ist nicht der

eigentliche Sinn der Sätze zu sehen. Dabei geht immer ein grosser Theil

der Allgemeinheit verloren, und es kommt etwas Besonderes hinein, das

bei andern Anwendungen durch Anderes ersetzt wird.

§ 17. Man kann trotz aller Herabsetzung der Deduction doch nicht

leugnen, dass die durch Induction begründeten Gesetze nicht genügen.

Aus ihnen müssen neue Sätze abgeleitet werden, die in keinem einzelnen

von jenen enthalten sind. Dass sie in allen zusammen schon in gewisser

Weise stecken, entbindet nicht von der Arbeit, sie daraus zu entwickeln

und für sich herauszustellen. Damit eröffnet sich folgende Möglichkeit.

Statt eine Schlussreihe unmittelbar an eine Thatsache anzuknüpfen,

kann man, diese dahingestellt sein lassend, ihren Inhalt als Bedingung

mitführen. Indem man so alle Thatsachen in einer Gedankenreihe durch

Bedingungen ersetzt, wird man das Ergebniss in der Form erhalten, dass

von einer Reihe von Bedingungen ein Erfolg abhängig gemacht ist. Diese

Wahrheit wäre durch Denken allein, oder, um mit _Mill_ zu reden, durch

kunstfertiges Handhaben der Sprache begründet. Es ist nicht unmöglich,

dass die Zahlgesetze von dieser Art sind. Sie wären dann analytische

Urtheile, obwohl sie nicht durch Denken allein gefunden zu sein

brauchten; denn nicht die Weise des Findens kommt hier in Betracht,

sondern die Art der Beweisgründe; oder, wie _Leibniz_ sagt[29], »es

handelt sich hier nicht um die Geschichte unserer Entdeckungen, die

verschieden ist in verschiedenen Menschen, sondern um die Verknüpfung

und die natürliche Ordnung der Wahrheiten, die immer dieselbe ist.«

Die Beobachtung hätte dann zuletzt zu entscheiden, ob die in dem so

begründeten Gesetze enthaltenen Bedingungen erfüllt sind. So würde

man schliesslich eben dahin gelangen, wohin man durch unmittelbare

Anknüpfung der Schlussreihe an die beobachteten Thatsachen gekommen

wäre. Aber die hier angedeutete Art des Vorgehens ist in vielen Fällen

vorzuziehen, weil sie auf einen allgemeinen Satz führt, der nicht nur

auf die grade vorliegenden Thatsachen anwendbar zu sein braucht. Die

Wahrheiten der Arithmetik würden sich dann zu denen der Logik ähnlich

verhalten wie die Lehrsätze zu den Axiomen der Geometrie. Jede würde

in sich eine ganze Schlussreihe für den künftigen Gebrauch verdichtet

enthalten, und ihr Nutzen würde darin bestehen, dass man die Schlüsse

nicht mehr einzeln zu machen braucht, sondern gleich das Ergebniss

der ganzen Reihe aussprechen kann[30]. Angesichts der gewaltigen

Entwickelung der arithmetischen Lehren und ihrer vielfachen Anwendungen

wird sich dann freilich die weit verbreitete Geringschätzung der

analytischen Urtheile und das Märchen von der Unfruchtbarkeit der

reinen Logik nicht halten lassen.

Wenn man diese nicht hier zuerst geäusserte Ansicht im Einzelnen

so streng durchführen könnte, dass nicht der geringste Zweifel

zurückbliebe, so würde das, wie mir scheint, kein ganz unwichtiges

Ergebniss sein.

Die Grundlagen der Arithmetik Eine logische mathematische Untersuchung über den Begriff der Zahl · 第 7 / 26 题