V. Schluss.

§ 87. Die Natur der arithmetischen Gesetze 99

§ 88. Kants Unterschätzung der analytischen Urtheile 99

§ 89. Kants Satz: »Ohne Sinnlichkeit würde uns kein Gegenstand

gegeben werden«. Kants Verdienst um die Mathematik 101

§ 90. Zum vollen Nachweis der analytischen Natur der

arithmetischen Gesetze fehlt eine lückenlose Schlusskette 102

§ 91. Abhilfe dieses Mangels ist durch meine Begriffsschrift

möglich 103

_Andere Zahlen._

§ 92. Sinn der Frage nach der Möglichkeit der Zahlen nach

Hankel 104

§ 93. Die Zahlen sind weder räumlich ausser uns noch subjectiv 105

§ 94. Die Widerspruchslosigkeit eines Begriffes verbürgt nicht,

dass etwas unter ihn falle, und bedarf selbst des

Beweises 105

§ 95. Man darf nicht ohne Weiteres (c - b) als ein Zeichen

ansehn, das die Subtractionsaufgabe löst 106

§ 96. Auch der Mathematiker kann nicht willkührlich etwas

schaffen 107

§ 97. Begriffe sind von Gegenständen zu unterscheiden 108

§ 98. Hankels Erklärung der Addition 108

§ 99. Mangelhaftigkeit der formalen Theorie 109

§ 100. Versuch, complexe Zahlen dadurch nachzuweisen, dass

die Bedeutung der Multiplication in besonderer Weise

erweitert wird 110

§ 101. Die Möglichkeit eines solchen Nachweises ist für die

Kraft eines Beweises nicht gleichgiltig 111

§ 102. Die blosse Forderung, es solle eine Operation ausführbar

sein, ist nicht ihre Erfüllung 111

§ 103. Kossaks Erklärung der complexen Zahlen ist nur eine

Anweisung zur Definition und vermeidet nicht die

Einmischung von Fremdartigem. Die geometrische

Darstellung 112

§ 104. Es kommt darauf an, den Sinn eines

Wiedererkennungsurtheils für die neuen Zahlen

festzusetzen 114

§ 105. Der Reiz der Arithmetik liegt in ihrem Vernunftcharakter 115

§ 106-109. Rückblick 115-119

Einleitung.

Auf die Frage, was die Zahl Eins sei, oder was das

Zeichen 1 bedeute, wird man meistens die Antwort erhalten:

nun, ein Ding. Und wenn man dann darauf aufmerksam

macht, dass der Satz

»die Zahl Eins ist ein Ding«

keine Definition ist, weil auf der einen Seite der bestimmte Artikel,

auf der andern der unbestimmte steht, dass er nur besagt, die Zahl

Eins gehöre zu den Dingen, aber nicht, welches Ding sie sei, so wird

man vielleicht aufgefordert, sich irgendein Ding zu wählen, das man

Eins nennen wolle. Wenn aber Jeder das Recht hätte, unter diesem Namen

zu verstehen, was er will, so würde derselbe Satz von der Eins für

Verschiedene Verschiedenes bedeuten; es gäbe keinen gemeinsamen Inhalt

solcher Sätze. Einige lehnen vielleicht die Frage mit dem Hinweise

darauf ab, dass auch die Bedeutung des Buchstaben a in der Arithmetik

nicht angegeben werden könne; und wenn man sage: a bedeutet eine Zahl,

so könne hierin derselbe Fehler gefunden werden wie in der Definition:

Eins ist ein Ding. Nun ist die Ablehnung der Frage in Bezug auf a

ganz gerechtfertigt: es bedeutet keine bestimmte, angebbare Zahl,

sondern dient dazu, die Allgemeinheit von Sätzen auszudrücken. Wenn

man für a in a + a - a = a eine beliebige aber überall dieselbe Zahl

setzt, so erhält man immer eine wahre Gleichung. In diesem Sinne wird

der Buchstabe a gebraucht. Aber bei der Eins liegt die Sache doch

wesentlich anders. Können wir in der Gleichung 1 + 1 = 2 für 1 beidemal

denselben Gegenstand, etwa den Mond setzen? Vielmehr scheint es, dass

wir für die erste 1 etwas Anderes wie für die zweite setzen müssen.

Woran liegt es, dass hier grade das geschehen muss, was in jenem Falle

ein Fehler wäre? Die Arithmetik kommt mit dem Buchstaben a allein nicht

aus, sondern muss noch andere b, c u. s. w. gebrauchen, um Beziehungen

zwischen verschiedenen Zahlen allgemein auszudrücken. So sollte man

denken, könnte auch das Zeichen 1 nicht genügen, wenn es in ähnlicher

Weise dazu diente, den Sätzen eine Allgemeinheit zu verleihen. Aber

erscheint nicht die Zahl Eins als bestimmter Gegenstand mit angebbaren

Eigenschaften, z. B. mit sich selbst multiplicirt unverändert zu

bleiben? In diesem Sinne kann man von a keine Eigenschaften angeben;

denn was von a ausgesagt wird, ist eine gemeinsame Eigenschaft der

Zahlen, während 1¹ = 1 weder vom Monde etwas aussagt, noch von der

Sonne, noch von der Sahara, noch vom Pic von Teneriffa; denn was könnte

der Sinn einer solchen Aussage sein?

Auf solche Fragen werden wohl auch die meisten Mathematiker keine

genügende Antwort bereit haben. Ist es nun nicht für die Wissenschaft

beschämend, so im Unklaren über ihren nächstliegenden und scheinbar so

einfachen Gegenstand zu sein? Um so weniger wird man sagen können, was

Zahl sei. Wenn ein Begriff, der einer grossen Wissenschaft zu Grunde

liegt, Schwierigkeiten darbietet, so ist es doch wohl eine unabweisbare

Aufgabe, ihn genauer zu untersuchen und diese Schwierigkeiten zu

überwinden, besonders da es schwer gelingen möchte, über die negativen,

gebrochenen, complexen Zahlen zu voller Klarheit zu kommen, solange

noch die Einsicht in die Grundlage des ganzen Baues der Arithmetik

mangelhaft ist.

Viele werden das freilich nicht der Mühe werth achten. Dieser Begriff

ist ja, wie sie meinen, in den Elementarbüchern hinreichend behandelt

und damit für das ganze Leben abgethan. Wer glaubt denn über eine so

einfache Sache noch etwas lernen zu können! Für so frei von jeder

Schwierigkeit hält man den Begriff der positiven ganzen Zahl, dass

er für Kinder wissenschaftlich erschöpfend behandelt werden könne,

und dass Jeder ohne weiteres Nachdenken und ohne Bekanntschaft mit

dem, was Andere gedacht haben, genau von ihm Bescheid wisse. So

fehlt denn vielfach jene erste Vorbedingung des Lernens: das Wissen

das Nichtwissens. Die Folge ist, dass man sich noch immer mit einer

rohen Auffassung begnügt, obwohl schon _Herbart_[1] eine richtigere

gelehrt hat. Es ist betrübend und entmuthigend, dass in dieser Weise

eine Erkenntniss immer wieder verloren zu gehen droht, die schon

errungen war, dass so manche Arbeit vergeblich zu werden scheint,

weil man im eingebildeten Reichthume nicht nöthig zu haben glaubt,

sich ihre Früchte anzueignen. Auch diese Arbeit, sehe ich wohl, ist

solcher Gefahr ausgesetzt. Jene Roheit der Auffassung tritt mir

entgegen, wenn das Rechnen aggregatives, mechanisches Denken genannt

wird[2]. Ich bezweifle, dass es ein solches Denken überhaupt giebt.

Aggregatives Vorstellen könnte man schon eher gelten lassen; aber es

ist für das Rechnen ohne Bedeutung. Das Denken ist im Wesentlichen

überall dasselbe: es kommen nicht je nach dem Gegenstande verschiedene

Arten von Denkgesetzen in Betracht. Die Unterschiede bestehen nur

in der grösseren oder geringeren Rauheit und Unabhängigkeit von

psychologischen Einflüssen und von äussern Hilfen des Denkens wie

Sprache, Zahlzeichen und dgl., dann etwa noch in der Feinheit

des Baues der Begriffe; aber grade in dieser Rücksicht möchte die

Mathematik von keiner Wissenschaft, selbst der Philosophie nicht,

übertroffen werden.

Man wird aus dieser Schrift ersehen können, dass auch ein scheinbar

eigenthümlich mathematischer Schluss wie der von n auf n + 1 auf den

allgemeinen logischen Gesetzen beruht, dass es besondrer Gesetze des

aggregativen Denkens nicht bedarf. Man kann freilich die Zahlzeichen

mechanisch gebrauchen, wie man papageimässig sprechen kann; aber Denken

möchte das doch kaum zu nennen sein. Es ist nur möglich, nachdem durch

wirkliches Denken die mathematische Zeichensprache so ausgebildet ist,

dass sie, wie man sagt, für einen denkt. Dies beweist nicht, dass die

Zahlen in einer besonders mechanischen Weise, etwa wie Sandhaufen aus

Quarzkörnern gebildet sind. Es liegt, denke ich, im Interesse der

Mathematiker einer solchen Ansicht entgegenzutreten, welche einen

hauptsächlichen Gegenstand ihrer Wissenschaft und damit diese selbst

herabzusetzen geeignet ist. Aber auch bei Mathematikern findet man

ganz ähnliche Aussprüche. Im Gegentheil wird man dem Zahlbegriffe

einen feineren Bau zuerkennen müssen als den meisten Begriffen andrer

Wissenschaften, obwohl er noch einer der einfachsten arithmetischen ist.

Um nun jenen Wahn zu widerlegen, dass in Bezug auf die positiven

ganzen Zahlen eigentlich gar keine Schwierigkeiten obwalten, sondern

allgemeine Uebereinstimmung herrsche, schien es mir gut, einige

Meinungen von Philosophen und Mathematikern über die hier in Betracht

kommenden Fragen zu besprechen. Man wird sehn, wie wenig von Einklang

zu finden ist, sodass geradezu entgegengesetzte Aussprüche vorkommen.

Die Einen sagen z. B.: »die Einheiten sind einander gleich«, die

Andern halten sie für verschieden, und beide haben Gründe für ihre

Behauptung, die sich nicht kurzer Hand abweisen lassen. Hierdurch

suche ich das Bedürfniss nach einer genaueren Untersuchung zu wecken.

Zugleich will ich durch die vorausgeschickte Beleuchtung der von Andern

ausgesprochenen Ansichten meiner eignen Auffassung den Boden ebnen,

damit man sich vorweg überzeuge, dass jene andern Wege nicht zum Ziele

führen, und dass meine Meinung nicht eine von vielen gleichberechtigten

ist; und so hoffe ich die Frage wenigstens in der Hauptsache endgiltig

zu entscheiden.

Freilich sind meine Ausführungen hierdurch wohl philosophischer

geworden, als vielen Mathematikern angemessen scheinen mag; aber

eine gründliche Untersuchung des Zahlbegriffes wird immer etwas

philosophisch ausfallen müssen. Diese Aufgabe ist der Mathematik und

Philosophie gemeinsam.

Wenn das Zusammenarbeiten dieser Wissenschaften trotz mancher Anläufe

von beiden Seiten nicht ein so gedeihliches ist, wie es zu wünschen

und wohl auch möglich wäre, so liegt das, wie mir scheint, an dem

Ueberwiegen psychologischer Betrachtungsweisen in der Philosophie,

die selbst in die Logik eindringen. Mit dieser Richtung hat die

Mathematik gar keine Berührungspunkte, und daraus erklärt sich leicht

die Abneigung vieler Mathematiker gegen philosophische Betrachtungen.

Wenn z. B. _Stricker_[3] die Vorstellungen der Zahlen motorisch,

von Muskelgefühlen abhängig nennt, so kann der Mathematiker seine

Zahlen darin nicht wiedererkennen und weiss mit einem solchen Satze

nichts anzufangen. Eine Arithmetik, die auf Muskelgefühle gegründet

wäre, würde gewiss recht gefühlvoll, aber auch ebenso verschwommen

ausfallen wie diese Grundlage. Nein, mit Gefühlen hat die Arithmetik

gar nichts zu schaffen. Ebensowenig mit innern Bildern, die aus Spuren

früherer Sinneseindrücke zusammengeflossen sind. Das Schwankende und

Unbestimmte, welches alle diese Gestaltungen haben, steht im starken

Gegensatze zu der Bestimmtheit und Festigkeit der mathematischen

Begriffe und Gegenstände. Es mag ja von Nutzen sein, die Vorstellungen

und deren Wechsel zu betrachten, die beim mathematischen Denken

vorkommen; aber die Psychologie bilde sich nicht ein, zur Begründung

der Arithmetik irgendetwas beitragen zu können. Dem Mathematiker als

solchem sind diese innern Bilder, ihre Entstehung und Veränderung

gleichgiltig. _Stricker_ sagt selbst, dass er sich beim Worte

»Hundert« weiter nichts vorstellt als das Zeichen 100. Andere mögen

sich den Buchstaben C oder sonst etwas vorstellen; geht daraus nicht

hervor, dass diese innern Bilder in unserm Falle für das Wesen der

Sache vollkommen gleichgiltig und zufällig sind, ebenso zufällig wie

eine schwarze Tafel und ein Stück Kreide, dass sie überhaupt nicht

Vorstellungen der Zahl Hundert zu heissen verdienen? Man sehe doch

nicht das Wesen der Sache in solchen Vorstellungen! Man nehme nicht die

Beschreibung, wie eine Vorstellung entsteht, für eine Definition und

nicht die Angabe der seelischen und leiblichen Bedingungen dafür, dass

uns ein Satz zum Bewusstsein kommt, für einen Beweis und verwechsele

das Gedachtwerden eines Satzes nicht mit seiner Wahrheit! Man muss, wie

es scheint, daran erinnern, dass ein Satz ebensowenig aufhört, wahr

zu sein, wenn ich nicht mehr an ihn denke, wie die Sonne vernichtet

wird, wenn ich die Augen schliesse. Sonst kommen wir noch dahin, dass

man beim Beweise des pythagoräischen Lehrsatzes es nöthig findet, des

Phosphorgehaltes unseres Gehirnes zu gedenken, und dass ein Astronom

sich scheut, seine Schlüsse auf längst vergangene Zeiten zu erstrecken,

damit man ihm nicht einwende: »du rechnest da 2 ∙ 2 = 4; aber die

Zahlvorstellung hat ja eine Entwickelung, eine Geschichte! Man kann

zweifeln, ob sie damals schon so weit war. Woher weisst du, dass in

jener Vergangenheit dieser Satz schon bestand? Könnten die damals

lebenden Wesen nicht den Satz 2 ∙ 2 = 5 gehabt haben, aus dem sich

erst durch natürliche Züchtung im Kampf ums Dasein der Satz 2 ∙ 2 = 4

entwickelt hat, der seinerseits vielleicht dazu bestimmt ist, auf

demselben Wege sich zu 2 ∙ 2 = 3 fortzubilden?« Est modus in rebus,

sunt certi denique fines! Die geschichtliche Betrachtungsweise, die

das Werden der Dinge zu belauschen und aus dem Werden ihr Wesen zu

erkennen sucht, hat gewiss eine grosse Berechtigung; aber sie hat auch

ihre Grenzen. Wenn in dem beständigen Flusse aller Dinge nichts Festes,

Ewiges beharrte, würde die Erkennbarkeit der Welt aufhören und Alles in

Verwirrung stürzen. Man denkt sich, wie es scheint, dass die Begriffe

in der einzelnen Seele so entstehen, wie die Blätter an den Bäumen und

meint ihr Wesen dadurch erkennen zu können, dass man ihrer Entstehung

nachforscht und sie aus der Natur der menschlichen Seele psychologisch

zu erklären sucht. Aber diese Auffassung zieht Alles ins Subjective und

hebt, bis ans Ende verfolgt, die Wahrheit auf. Was man Geschichte der

Begriffe nennt, ist wohl entweder eine Geschichte unserer Erkenntniss

der Begriffe oder der Bedeutungen der Wörter. Durch grosse geistige

Arbeit, die Jahrhunderte hindurch andauern kann, gelingt es oft erst,

einen Begriff in seiner Reinheit zu erkennen, ihn aus den fremden

Umhüllungen herauszuschälen, die ihn dem geistigen Auge verbargen. Was

soll man nun dazu sagen, wenn jemand, statt diese Arbeit, wo sie noch

nicht vollendet scheint, fortzusetzen, sie für nichts achtet, in die

Kinderstube geht oder sich in ältesten erdenkbaren Entwickelungsstufen

der Menschheit zurückversetzt, um dort wie _J. St. Mill_ etwa eine

Pfefferkuchen- oder Kieselsteinarithmetik zu entdecken! Es fehlt nur

noch, dem Wohlgeschmacke des Kuchens eine besondere Bedeutung für den

Zahlbegriff zuzuschreiben. Dies ist doch das grade Gegentheil eines

vernünftigen Verfahrens und jedenfalls so unmathematisch wie möglich.

Kein Wunder, dass die Mathematiker nichts davon wissen wollen! Statt

eine besondere Reinheit der Begriffe da zu finden, wo man ihrer Quelle

nahe zu sein glaubt, sieht man Alles verschwommen und ungesondert

wie durch einen Nebel. Es ist so, als ob jemand, um Amerika kennen

zu lernen, sich in die Lage des Columbus zurückversetzen wollte, als

er den ersten zweifelhaften Schimmer seines vermeintlichen Indiens

erblickte. Freilich beweist ein solcher Vergleich nichts; aber er

verdeutlicht hoffentlich meine Meinung. Es kann ja sein, dass die

Geschichte der Entdeckungen in vielen Fällen als Vorbereitung für

weitere Forschungen nützlich ist; aber sie darf nicht an deren Stelle

treten wollen.

Dem Mathematiker gegenüber, wäre eine Bekämpfung solcher Auffassungen

wohl kaum nöthig gewesen; aber da ich auch für die Philosophen die

behandelten Streitfragen möglichst zum Austrage bringen wollte, war ich

genöthigt, mich auf die Psychologie ein wenig einzulassen, wenn auch

nur, um ihren Einbruch in die Mathematik zurückzuweisen.

Uebrigens kommen auch in mathematischen Lehrbüchern psychologische

Wendungen vor. Wenn man eine Verpflichtung fühlt, eine Definition zu

geben, ohne es zu können, so will man wenigstens die Weise beschreiben,

wie man zu dem betreffenden Gegenstande oder Begriffe kommt. Man

erkennt diesen Fall leicht daran, dass im weitern Verlaufe nie mehr auf

eine solche Erklärung zurückgegriffen wird. Für Lehrzwecke ist eine

Hinführung auf die Sache auch ganz am Platze; nur sollte man sie von

einer Definition immer deutlich unterscheiden. Dass auch Mathematiker

Beweisgründe mit innern oder äussern Bedingungen der Führung eines

Beweises verwechseln können, dafür liefert E. _Schröder_[4] ein

ergötzliches Beispiel, indem er unter der Ueberschrift: »Einziges

Axiom« Folgendes darbietet: »Das gedachte Princip könnte wohl das Axiom

der Inhärenz der Zeichen genannt werden. Es giebt uns die Gewissheit,

dass bei allen unsern Entwicklungen und Schlussfolgerungen die Zeichen

in unserer Erinnerung -- noch fester aber am Papiere -- haften« u. s.

w.

So sehr sich nun die Mathematik jede Beihilfe vonseiten der Psychologie

verbitten muss, so wenig kann sie ihren engen Zusammenhang mit der

Logik verleugnen. Ja, ich stimme der Ansicht derjenigen bei, die eine

scharfe Trennung für unthunlich halten. Soviel wird man zugeben,

dass jede Untersuchung über die Bündigkeit einer Beweisführung oder

die Berechtigung einer Definition logisch sein muss. Solche Fragen

sind aber gar nicht von der Mathematik abzuweisen, da nur durch ihre

Beantwortung die nöthige Sicherheit erreichbar ist.

Auch in dieser Richtung gehe ich freilich etwas über das Uebliche

hinaus. Die meisten Mathematiker sind bei Untersuchungen ähnlicher Art

zufrieden, dem unmittelbaren Bedürfnisse genügt zu haben. Wenn sich

eine Definition willig zu den Beweisen hergiebt, wenn man nirgends

auf Widersprüche stösst, wenn sich Zusammenhänge zwischen scheinbar

entlegnen Sachen erkennen lassen und wenn sich dadurch eine höhere

Ordnung und Gesetzmässigkeit ergiebt, so pflegt man die Definition

für genügend gesichert zu halten und fragt wenig nach ihrer logischen

Rechtfertigung. Dies Verfahren hat jedenfalls das Gute, dass man

nicht leicht das Ziel gänzlich verfehlt. Auch ich meine, dass die

Definitionen sich durch ihre Fruchtbarkeit bewähren müssen, durch die

Möglichkeit, Beweise mit ihnen zu führen. Aber es ist wohl zu beachten,

dass die Strenge der Beweisführung ein Schein bleibt, mag auch die

Schlusskette lückenlos sein, wenn die Definitionen nur nachträglich

dadurch gerechtfertigt werden, dass man auf keinen Widerspruch

gestossen ist. So hat man im Grunde immer nur eine erfahrungsmässige

Sicherheit erlangt und muss eigentlich darauf gefasst sein, zuletzt

doch noch einen Widerspruch anzutreffen, der das ganze Gebäude zum

Einsturze bringt. Darum glaubte ich etwas weiter auf die allgemeinen

logischen Grundlagen zurückgehn zu müssen, als vielleicht von den

meisten Mathematikern für nöthig gehalten wird.

Als Grundsätze habe ich in dieser Untersuchung folgende festgehalten:

es ist das Psychologische von dem Logischen, das Subjective von dem

Objectiven scharf zu trennen;

nach der Bedeutung der Wörter muss im Satzzusammenhange, nicht in ihrer

Vereinzelung gefragt werden;

der Unterschied zwischen Begriff und Gegenstand ist im Auge zu behalten.

Um das Erste zu befolgen, habe ich das Wort »Vorstellung« immer im

psychologischen Sinne gebraucht und die Vorstellungen von den Begriffen

und Gegenständen unterschieden. Wenn man den zweiten Grundsatz

unbeachtet lässt, ist man fast genöthigt, als Bedeutung der Wörter

innere Bilder oder Thaten der einzelnen Seele zu nehmen und damit

auch gegen den ersten zu verstossen. Was den dritten Punkt betrifft,

so ist es nur Schein, wenn man meint, einen Begriff zum Gegenstande

machen zu können, ohne ihn zu verändern. Von hieraus ergiebt sich

die Unhaltbarkeit einer verbreiteten formalen Theorie der Brüche,

negativen Zahlen u. s. w. Wie ich die Verbesserung denke, kann ich in

dieser Schrift nur andeuten. Es wird in allen diesen Fällen wie bei

den positiven ganzen Zahlen darauf ankommen, den Sinn einer Gleichung

festzustellen.

Meine Ergebnisse werden, denke ich, wenigstens in der Hauptsache die

Zustimmung der Mathematiker finden, welche sich die Mühe nehmen,

meine Gründe in Betracht zu ziehn. Sie scheinen mir in der Luft zu

liegen und einzeln sind sie vielleicht schon alle wenigstens annähernd

ausgesprochen worden; aber in diesem Zusammenhange mit einander

möchten sie doch neu sein. Ich habe mich manchmal gewundert, dass

Darstellungen, die in Einem Punkte meiner Auffassung so nahe kommen, in

andern so stark abweichen.

Die Aufnahme bei den Philosophen wird je nach dem Standpunkte

verschieden sein, am schlechtesten wohl bei jenen Empirikern, die als

ursprüngliche Schlussweise nur die Induction anerkennen wollen und auch

diese nicht einmal als Schlussweise, sondern als Gewöhnung. Vielleicht

unterzieht Einer oder der Andere bei dieser Gelegenheit die Grundlagen

seiner Erkenntnisstheorie einer erneueten Prüfung. Denen, welche etwa

meine Definitionen für unnatürlich erklären möchten, gebe ich zu

bedenken, dass die Frage hier nicht ist, ob natürlich, sondern ob den

Kern der Sache treffend und logisch einwurfsfrei.

Ich gebe mich der Hoffnung hin, dass bei vorurtheilsloser Prüfung auch

die Philosophen einiges Brauchbare in dieser Schrift finden werden.

§ 1. Nachdem die Mathematik sich eine Zeit lang von der euklidischen

Strenge entfernt hatte, kehrt sie jetzt zu ihr zurück und strebt gar

über sie hinaus. In der Arithmetik war schon infolge des indischen

Ursprungs vieler ihrer Verfahrungsweisen und Begriffe eine laxere

Denkweise hergebracht als in der von den Griechen vornehmlich

ausgebildeten Geometrie. Sie wurde durch die Erfindung der höhern

Analysis nur gefördert; denn einerseits stellten sich einer strengen

Behandlung dieser Lehren erhebliche, fast unbesiegliche Schwierigkeiten

entgegen, deren Ueberwindung andrerseits die darauf verwendeten

Anstrengungen wenig lohnen zu wollen schien. Doch hat die weitere

Entwickelung immer deutlicher gelehrt, dass in der Mathematik eine blos

moralische Ueberzeugung, gestützt auf viele erfolgreiche Anwendungen,

nicht genügt. Für Vieles wird jetzt ein Beweis gefordert, was früher

für selbstverständlich galt. Die Grenzen der Giltigkeit sind erst

dadurch in manchen Fällen festgestellt worden. Die Begriffe der

Function, der Stetigkeit, der Grenze, des Unendlichen haben sich

einer schärferen Bestimmung bedürftig gezeigt. Das Negative und die

Irrationalzahl, welche längst in die Wissenschaft aufgenommen waren,

haben sich einer genaueren Prüfung ihrer Berechtigung unterwerfen

müssen.

So zeigt sich überall das Bestreben, streng zu beweisen, die

Giltigkeitsgrenzen genau zu ziehen und, um dies zu können, die Begriffe

scharf zu fassen.

§ 2. Dieser Weg muss im weitern Verfolge auf den Begriff der Anzahl

und auf die von positiven ganzen Zahlen geltenden einfachsten Sätze

führen, welche die Grundlage der ganzen Arithmetik bilden. Freilich

sind Zahlformeln wie 5 + 7 = 12 und Gesetze wie das der Associativität

bei der Addition durch die unzähligen Anwendungen, die tagtäglich von

ihnen gemacht werden, so vielfach bestätigt, dass es fast lächerlich

erscheinen kann, sie durch das Verlangen nach einem Beweise in Zweifel

ziehen zu wollen. Aber es liegt im Wesen der Mathematik begründet,

dass sie überall, wo ein Beweis möglich ist, ihn der Bewährung durch

Induction vorzieht. Euklid beweist Vieles, was ihm jeder ohnehin

zugestehen würde. Indem man sich selbst an der euklidischen Strenge

nicht genügen liess, ist man auf die Untersuchungen geführt worden,

welche sich an das Parallelenaxiom geknüpft haben.

So ist jene auf grösste Strenge gerichtete Bewegung schon vielfach

über das zunächst gefühlte Bedürfniss hinausgegangen und dieses ist an

Ausdehnung und Stärke immer gewachsen.

Der Beweis hat eben nicht nur den Zweck, die Wahrheit eines Satzes

über jeden Zweifel zu erheben, sondern auch den, eine Einsicht in die

Abhängigkeit der Wahrheiten von einander zu gewähren. Nachdem man

sich von der Unerschütterlichkeit eines Felsblockes durch vergebliche

Versuche, ihn zu bewegen, überzeugt hat, kann man ferner fragen, was

ihn denn so sicher unterstütze. Je weiter man diese Untersuchungen

fortsetzt, auf desto weniger Urwahrheiten führt man Alles zurück; und

diese Vereinfachung ist an sich schon ein erstrebenswerthes Ziel.

Vielleicht bestätigt sich auch die Hoffnung, dass man allgemeine Weisen

der Begriffsbildung oder der Begründung gewinnen könne, die auch in

verwickelteren Fällen verwendbar sind, indem man zum Bewusstsein

bringt, was die Menschen in den einfachsten Fällen instinctiv gethan

haben, und das Allgemeingiltige daraus abscheidet.

§ 3. Mich haben auch philosophische Beweggründe zu solchen

Untersuchungen bestimmt. Die Fragen nach der apriorischen oder

aposteriorischen, der synthetischen oder analytischen Natur der

arithmetischen Wahrheiten harren hier ihrer Beantwortung. Denn, wenn

auch diese Begriffe selbst der Philosophie angehören, so glaube ich

doch, dass die Entscheidung nicht ohne Beihilfe der Mathematik erfolgen

kann. Freilich hangt dies von dem Sinne ab, den man jenen Fragen

beilegt.

Es ist kein seltener Fall, dass man zuerst den Inhalt eines Satzes

gewinnt und dann auf einem andern beschwerlicheren Wege den strengen

Beweis führt, durch den man oft auch die Bedingungen der Giltigkeit

genauer kennen lernt. So hat man allgemein die Frage, wie wir zu dem

Inhalte eines Urtheils kommen, von der zu trennen, woher wir die

Berechtigung für unsere Behauptung nehmen.

Jene Unterscheidungen von apriori und aposteriori, synthetisch und

analytisch betreffen nun nach meiner[5] Auffassung nicht den Inhalt des

Urtheils, sondern die Berechtigung zur Urtheilsfällung. Da, wo diese

fehlt, fällt auch die Möglichkeit jener Eintheilung weg. Ein Irrthum

apriori ist dann ein ebensolches Unding wie etwa ein blauer Begriff.

Wenn man einen Satz in meinem Sinne aposteriori oder analytisch nennt,

so urtheilt man nicht über die psychologischen, physiologischen und

physikalischen Verhältnisse, die es möglich gemacht haben, den Inhalt

des Satzes im Bewusstsein zu bilden, auch nicht darüber, wie ein

Anderer vielleicht irrthümlicherweise dazu gekommen ist, ihn für wahr

zu halten, sondern darüber, worauf im tiefsten Grunde die Berechtigung

des Fürwahrhaltens beruht.

Dadurch wird die Frage dem Gebiete der Psychologie entrückt und dem der

Mathematik zugewiesen, wenn es sich um eine mathematische Wahrheit

handelt. Es kommt nun darauf an, den Beweis zu finden und ihn bis auf

die Urwahrheiten zurückzuverfolgen. Stösst man auf diesem Wege nur auf

die allgemeinen logischen Gesetze und auf Definitionen, so hat man

eine analytische Wahrheit, wobei vorausgesetzt wird, dass auch die

Sätze mit in Betracht gezogen werden, auf denen etwa die Zulässigkeit

einer Definition beruht. Wenn es aber nicht möglich ist, den Beweis zu

führen, ohne Wahrheiten zu benutzen, welche nicht allgemein logischer

Natur sind, sondern sich auf ein besonderes Wissensgebiet beziehen,

so ist der Satz ein synthetischer. Damit eine Wahrheit aposteriori

sei, wird verlangt, dass ihr Beweis nicht ohne Berufung auf Thatsachen

auskomme; d. h. auf unbeweisbare Wahrheiten ohne Allgemeinheit,

die Aussagen von bestimmten Gegenständen enthalten. Ist es dagegen

möglich, den Beweis ganz aus allgemeinen Gesetzen zu führen, die selber

eines Beweises weder fähig noch bedürftig sind, so ist die Wahrheit

apriori.[6]

§ 4. Von diesen philosophischen Fragen ausgehend kommen wir zu

derselben Forderung, welche unabhängig davon auf dem Gebiete der

Mathematik selbst erwachsen ist: die Grundsätze der Arithmetik, wenn

irgend möglich, mit grösster Strenge zu beweisen; denn nur wenn aufs

sorgfältigste jede Lücke in der Schlusskette vermieden wird, kann man

mit Sicherheit sagen, auf welche Urwahrheiten sich der Beweis stützt;

und nur wenn man diese kennt, wird man jene Fragen beantworten können.

Wenn man nun dieser Forderung nachzukommen versucht, so gelangt man

sehr bald zu Sätzen, deren Beweis solange unmöglich ist, als es nicht

gelingt, darin vorkommende Begriffe in einfachere aufzulösen oder auf

Allgemeineres zurückzuführen. Hier ist es nun vor allen die Anzahl,

welche definirt oder als undefinirbar anerkannt werden muss. Das

soll die Aufgabe dieses Buches sein.[7] Von ihrer Lösung wird die

Entscheidung über die Natur der arithmetischen Gesetze abhangen.

Bevor ich diese Fragen selbst angreife, will ich Einiges

vorausschicken, was Fingerzeige für ihre Beantwortung geben kann. Wenn

sich nämlich von andern Gesichtspunkten aus Gründe dafür ergeben,

dass die Grundsätze der Arithmetik analytisch sind, so sprechen

diese auch für deren Beweisbarkeit und für die Definirbarkeit des

Begriffes der Anzahl. Die entgegengesetzte Wirkung werden die Gründe

für die Aposteriorität dieser Wahrheiten haben. Deshalb mögen diese

Streitpunkte zunächst einer vorläufigen Beleuchtung unterworfen werden.

I. Meinungen einiger Schriftsteller über die Natur der arithmetischen

Sätze.

Sind die Zahlformeln beweisbar?

§ 5. Man muss die Zahlformeln, die wie 2 + 3 = 5 von bestimmten Zahlen

handeln, von den allgemeinen Gesetzen unterscheiden, die von allen

ganzen Zahlen gelten.

Jene werden von einigen Philosophen[8] für unbeweisbar und unmittelbar

klar wie Axiome gehalten. _Kant_[9] erklärt sie für unbeweisbar und

synthetisch, scheut sich aber, sie Axiome zu nennen, weil sie nicht

allgemein sind, und weil ihre Zahl unendlich ist. _Hankel_[10] nennt

mit Recht diese Annahme von unendlich vielen unbeweisbaren Urwahrheiten

unangemessen und paradox. Sie widerstreitet in der That dem Bedürfnisse

der Vernunft nach Uebersichtlichkeit der ersten Grundlagen. Und ist es

denn unmittelbar einleuchtend, dass

135664 + 37863 = 173527

ist? Nein! und eben dies führt _Kant_ für die synthetische Natur

dieser Sätze an. Es spricht aber vielmehr gegen ihre Unbeweisbarkeit;

denn wie sollen sie anders eingesehen werden als durch einen Beweis,

da sie unmittelbar nicht einleuchten? _Kant_ will die Anschauung von

Fingern oder Punkten zu Hilfe nehmen, wodurch er in Gefahr geräth,

diese Sätze gegen seine Meinung als empirische erscheinen zu lassen;

denn die Anschauung von 37863 Fingern ist doch jedenfalls keine reine.

Der Ausdruck »Anschauung« scheint auch nicht recht zu passen, da

schon 10 Finger durch ihre Stellungen zu einander die verschiedensten

Anschauungen hervorrufen können. Haben wir denn überhaupt eine

Anschauung von 135664 Fingern oder Punkten? Hätten wir sie und hätten

wir eine von 37863 Fingern und eine von 173527 Fingern, so müsste

die Richtigkeit unserer Gleichung sofort einleuchten, wenigstens für

Finger, wenn sie unbeweisbar wäre; aber dies ist nicht der Fall.

_Kant_ hat offenbar nur kleine Zahlen im Sinne gehabt. Dann würden

die Formeln für grosse Zahlen beweisbar sein, die für kleine durch

die Anschauung unmittelbar einleuchten. Aber es ist misslich, einen

grundsätzlichen Unterschied zwischen kleinen und grossen Zahlen zu

machen, besonders da eine scharfe Grenze nicht zu ziehen sein möchte.

Wenn die Zahlformeln etwa von 10 an beweisbar wären, so würde man mit

Recht fragen: warum nicht von 5 an, von 2 an, von 1 an?

§ 6. Andere Philosophen und Mathematiker haben denn auch die

Beweisbarkeit der Zahlformeln behauptet. _Leibniz_[11] sagt:

»Es ist keine unmittelbare Wahrheit, dass 2 und 2 4 sind;

vorausgesetzt, dass 4 bezeichnet 3 und 1. Man kann sie beweisen und

zwar so:

Definitionen: 1) 2 ist 1 und 1,

2) 3 ist 2 und 1,

3) 4 ist 3 und 1.

Axiom: Wenn man Gleiches an die Stelle setzt, bleibt die Gleichung

bestehen.

Beweis: 2 + 2 = 2 + 1 + 1 = 3 + 1 = 4.

Def. 1. Def. 2. Def. 3.

Die Grundlagen der Arithmetik Eine logische mathematische Untersuchung über den Begriff der Zahl · 第 5 / 26 题