Wie Siegfried mit Gunther gen Island fuhr, an des Königs Stelle Brunhild
im Kampfspiel besiegte und vom Rheine Schätze holte
Goldenen Glanzes lag die Sonne über Worms am Rhein und seiner
Königsburg. Wie selige Stimmen sangen die Glocken vom hohen Münster und
luden die Heimgekehrten zum Dank gegen Gott. Aus dem Portale traten sie
heraus, gesegnet und erhoben. Und in prunkvollem Zuge schritten sie zur
Kurzweil des Tages, die König Gunther den Siegern bot mit Turnier,
Spielmannssang und Becherklang.
Da öffneten sich die Gemächer der königlichen Frauen, und von ihrer
Mutter, Frau Ute, geleitet, von holden Jungfrauen umringt, betrat
Kriemhild den Festplatz.
Weiße Seide floß an ihrem jungen Leib herab, die war mit
buntschimmernden Borten reich geziert. Den Kopf mit dem schweren
Blondhaar hielt sie züchtig geneigt, und ein feines Krönlein leuchtete
aus den Flechten. In der Hand hielt sie einen kunstvoll gebogenen
Eichenzweig. So schritt sie über den von brausenden Heilrufen erfüllten
Festplatz und trat vor die Männer.
Staunend sah Siegfried auf das wunderliebliche Mägdlein, und sein Herz
schlug laut, als er ihre süße Stimme vernahm.
[Illustration: Siegfried erblickt Kriemhild zum erstenmal]
»Herr Siegfried,« hörte er sie sagen, »vieledler und tapferer Held, ich
bringe Euch den Dank des Burgundenlandes dar für Eure siegreiche Hilfe
und Euer Heldentum. Ich bitte Euch, nehmt diesen Kranz.«
Tief ins Knie sank Siegfried vor der wonniglichen Jungfrau, und mit
zitternden Händen drückte sie ihm den Kranz ins Haar.
Da schaute er auf, und ihre Augen begegneten sich, wurden groß und weit,
tranken sich satt und wollten sich nicht mehr lassen. Und Kriemhild
beugte sich über ihn, der immer noch vor ihr kniete, und Auge in Auge
versenkt küßte sie ihn auf den Mund.
Jauchzend stiegen Fanfaren gen Himmel, rasselten Schwerter gegen
Schilde, schwang sich das Jubelgeschrei des Volkes durch die Lüfte.
Kriemhild aber stand noch immer über Siegfried gebeugt, die Hände auf
seinen Schultern, Auge in Auge staunend versenkt und weltvergessen, bis
Frau Ute lächelnd zu ihrer Tochter trat und ihre Hand faßte. Da erwachte
Kriemhild wie aus tiefem Traume, errötete heiß und ließ sich von der
Mutter zu ihren Plätzen geleiten.
Siegfried aber sprang auf, lachte glückselig über die Bahn hin, rief
seinem Roß und warf im Turnier, was sich ihm entgegenstellte, wohl an
die dreißig der stärksten Ritter.
Als die Männer am Abend in der Halle saßen und gewichtige Becher hoben,
heischte König Gunther ein Lied, und Herr Volker von Alzey hob lustig
den Fiedelbogen.
»Es brandet die See um ein bergiges Eiland,« so sang er, »als müßte sie
hüten den herrlichsten Hort. Wißt ihr, warum, ihr Ritter und Recken?
Laßt es euch sagen vom Sänger heut. Ein Weib weilt dort von schimmernder
Schöne, ein Weib, wie das Auge kein zweites ersah. Wuchtig ihr Wuchs und
das Haupt erhaben, den lieblichen Leib von Eisen umhüllt. Brunhild heißt
sie, die bräunliche Wilde, ihr nachtschwarzes Haar strömt den Nacken
hinab. Stählern ihr Arm, der den Wurfspeer schleudert, Kräfte der Riesin
wohnen im Weib. Mancher wohl kam, von Minne getrieben, keiner kehrt'
wieder zum heimischen Herd. Blutend blieb er im Kampfspiele Brunhilds,
nichts gewann er als trüben Tod. Ein Weib weiß ich wohl, Brunhild
geheißen, die herrlichste Heldin, die minnigste Maid. Hei, König
Gunther, das wär' die Genossin, würdig, zu wohnen zu Worms am Rhein!«
Noch einmal schwirrte der Fiedelbogen auf. König Gunther saß in Sinnen.
»Wollt Ihr dem Spielmann nicht danken?« rief Herr Hagen von Tronje. »Es
war ein ritterlich Lied.«
Da hob König Gunther den Kopf und blickte sich um im Kreis.
»Noch immer bin ich unbeweibt,« sagte er langsam. »Das Land braucht eine
Königin, die Krone einen Erben. Brunhild! Es könnte mich gelüsten, dich
zu gewinnen.« Und er wandte sich an den Fiedler. »Wie heißt das Eiland,
und wo ist es gelegen?«
»Island heißt es, Herr, und ist trotzig gelegen im schwarzen Nordmeer.«
»Herr Siegfried,« sagte König Gunther, und Siegfried fuhr auf, denn er
hatte nichts getan, als an die liebliche Kriemhild gedacht. »Herr
Siegfried, Ihr habt alle Meere befahren. Könntet Ihr wohl den Weg mir
weisen zu Brunhild auf Island?«
»Herr,« erwiderte Siegfried erschrocken, »wie kommt Ihr auf solche
Gedanken?«
»Sie soll mein Weib und meine Königin werden,« sprach Gunther, »sie und
keine andere.«
»Herr König,« bat Siegfried, »laßt ab. Sie ist von wildem Denken und
Tun, und es möchte Euch leicht das Leben kosten.«
»Was?« lachte Gunther. »Ich werde doch wohl noch die Kräfte eines Weibes
bändigen können?«
»Herr,« sagte Siegfried, »ich habe vor Jahren Brunhild gekannt. Und ob
ich auch weiß, daß Ihr ein starker Ritter seid, sie ist nicht zu
bändigen, und Ihr zwingt sie nicht.«
Das ergrimmte den König, und sein Wunsch, Brunhild zu gewinnen, wurde
nur noch stärker. Er führte Siegfried beiseite und beschwor ihn, ihm
beizustehen auf der Fahrt. »Wählet das Köstlichste meiner Kleinodien,«
sprach er, »wählt, was Ihr wollt. Nur verhelft mir zu Brunhild, und ich
will es Euch nie vergessen.«