4. Kapitel

Wie Siegfried mit Gunther gen Island fuhr, an des Königs Stelle Brunhild

im Kampfspiel besiegte und vom Rheine Schätze holte

Goldenen Glanzes lag die Sonne über Worms am Rhein und seiner

Königsburg. Wie selige Stimmen sangen die Glocken vom hohen Münster und

luden die Heimgekehrten zum Dank gegen Gott. Aus dem Portale traten sie

heraus, gesegnet und erhoben. Und in prunkvollem Zuge schritten sie zur

Kurzweil des Tages, die König Gunther den Siegern bot mit Turnier,

Spielmannssang und Becherklang.

Da öffneten sich die Gemächer der königlichen Frauen, und von ihrer

Mutter, Frau Ute, geleitet, von holden Jungfrauen umringt, betrat

Kriemhild den Festplatz.

Weiße Seide floß an ihrem jungen Leib herab, die war mit

buntschimmernden Borten reich geziert. Den Kopf mit dem schweren

Blondhaar hielt sie züchtig geneigt, und ein feines Krönlein leuchtete

aus den Flechten. In der Hand hielt sie einen kunstvoll gebogenen

Eichenzweig. So schritt sie über den von brausenden Heilrufen erfüllten

Festplatz und trat vor die Männer.

Staunend sah Siegfried auf das wunderliebliche Mägdlein, und sein Herz

schlug laut, als er ihre süße Stimme vernahm.

[Illustration: Siegfried erblickt Kriemhild zum erstenmal]

»Herr Siegfried,« hörte er sie sagen, »vieledler und tapferer Held, ich

bringe Euch den Dank des Burgundenlandes dar für Eure siegreiche Hilfe

und Euer Heldentum. Ich bitte Euch, nehmt diesen Kranz.«

Tief ins Knie sank Siegfried vor der wonniglichen Jungfrau, und mit

zitternden Händen drückte sie ihm den Kranz ins Haar.

Da schaute er auf, und ihre Augen begegneten sich, wurden groß und weit,

tranken sich satt und wollten sich nicht mehr lassen. Und Kriemhild

beugte sich über ihn, der immer noch vor ihr kniete, und Auge in Auge

versenkt küßte sie ihn auf den Mund.

Jauchzend stiegen Fanfaren gen Himmel, rasselten Schwerter gegen

Schilde, schwang sich das Jubelgeschrei des Volkes durch die Lüfte.

Kriemhild aber stand noch immer über Siegfried gebeugt, die Hände auf

seinen Schultern, Auge in Auge staunend versenkt und weltvergessen, bis

Frau Ute lächelnd zu ihrer Tochter trat und ihre Hand faßte. Da erwachte

Kriemhild wie aus tiefem Traume, errötete heiß und ließ sich von der

Mutter zu ihren Plätzen geleiten.

Siegfried aber sprang auf, lachte glückselig über die Bahn hin, rief

seinem Roß und warf im Turnier, was sich ihm entgegenstellte, wohl an

die dreißig der stärksten Ritter.

Als die Männer am Abend in der Halle saßen und gewichtige Becher hoben,

heischte König Gunther ein Lied, und Herr Volker von Alzey hob lustig

den Fiedelbogen.

»Es brandet die See um ein bergiges Eiland,« so sang er, »als müßte sie

hüten den herrlichsten Hort. Wißt ihr, warum, ihr Ritter und Recken?

Laßt es euch sagen vom Sänger heut. Ein Weib weilt dort von schimmernder

Schöne, ein Weib, wie das Auge kein zweites ersah. Wuchtig ihr Wuchs und

das Haupt erhaben, den lieblichen Leib von Eisen umhüllt. Brunhild heißt

sie, die bräunliche Wilde, ihr nachtschwarzes Haar strömt den Nacken

hinab. Stählern ihr Arm, der den Wurfspeer schleudert, Kräfte der Riesin

wohnen im Weib. Mancher wohl kam, von Minne getrieben, keiner kehrt'

wieder zum heimischen Herd. Blutend blieb er im Kampfspiele Brunhilds,

nichts gewann er als trüben Tod. Ein Weib weiß ich wohl, Brunhild

geheißen, die herrlichste Heldin, die minnigste Maid. Hei, König

Gunther, das wär' die Genossin, würdig, zu wohnen zu Worms am Rhein!«

Noch einmal schwirrte der Fiedelbogen auf. König Gunther saß in Sinnen.

»Wollt Ihr dem Spielmann nicht danken?« rief Herr Hagen von Tronje. »Es

war ein ritterlich Lied.«

Da hob König Gunther den Kopf und blickte sich um im Kreis.

»Noch immer bin ich unbeweibt,« sagte er langsam. »Das Land braucht eine

Königin, die Krone einen Erben. Brunhild! Es könnte mich gelüsten, dich

zu gewinnen.« Und er wandte sich an den Fiedler. »Wie heißt das Eiland,

und wo ist es gelegen?«

»Island heißt es, Herr, und ist trotzig gelegen im schwarzen Nordmeer.«

»Herr Siegfried,« sagte König Gunther, und Siegfried fuhr auf, denn er

hatte nichts getan, als an die liebliche Kriemhild gedacht. »Herr

Siegfried, Ihr habt alle Meere befahren. Könntet Ihr wohl den Weg mir

weisen zu Brunhild auf Island?«

»Herr,« erwiderte Siegfried erschrocken, »wie kommt Ihr auf solche

Gedanken?«

»Sie soll mein Weib und meine Königin werden,« sprach Gunther, »sie und

keine andere.«

»Herr König,« bat Siegfried, »laßt ab. Sie ist von wildem Denken und

Tun, und es möchte Euch leicht das Leben kosten.«

»Was?« lachte Gunther. »Ich werde doch wohl noch die Kräfte eines Weibes

bändigen können?«

»Herr,« sagte Siegfried, »ich habe vor Jahren Brunhild gekannt. Und ob

ich auch weiß, daß Ihr ein starker Ritter seid, sie ist nicht zu

bändigen, und Ihr zwingt sie nicht.«

Das ergrimmte den König, und sein Wunsch, Brunhild zu gewinnen, wurde

nur noch stärker. Er führte Siegfried beiseite und beschwor ihn, ihm

beizustehen auf der Fahrt. »Wählet das Köstlichste meiner Kleinodien,«

sprach er, »wählt, was Ihr wollt. Nur verhelft mir zu Brunhild, und ich

will es Euch nie vergessen.«

Siegfried, der Held · 第 11 / 17 题