Wie Siegfried gen Worms kam und für König Gunther die Dänen und Sachsen
schlug
Durch das schwarze Nordmeer war Siegfried gefahren und durch das blaue
Meer des Südens. An den sonnigen Küsten des Landes Italia hatte er die
Sarazenen bekriegt und sie mit blutigen Köpfen heimgesandt in ihre wilde
afrikanische Heimat. Über die Alpen war er geritten durch die Eiswelt
der Gletscher hindurch und hatte die Riesen gebändigt, die von den
Bergen die Lawinen rollten. Überall, wo es galt, die Menschen von ihren
Unterdrückern zu befreien, hatte Siegfrieds Schwert geleuchtet durch
alle Lande und Meere. Doch so sehr der Ruhm seines Namens anschwoll und
den Erdball erfüllte, aus seinem Herzen war der Frohsinn gewichen, seit
ihn eine Frau, seit ihn Brunhild enttäuscht hatte.
So kehrte er nach Jahren in deutsche Lande zurück und kam mit Rittern
und Mannen an den Rhein.
Als er die Ufer des geliebten Stromes entlang ritt, befiel ihn das
Heimweh. Und er sagte zu sich selber: »Könnte ich doch einmal ausruhen
und, wie andere Recken pflegen, den Kopf in lieben Schoß legen. Daß mir
das nicht beschieden ist, macht mich traurig. Denn wo habe ich eine
Heimat? Von Xanten bis ins Niederland herrscht mein Vater König
Siegmund, und hier am Rhein gebieten die Burgundenfürsten. Fern vom
Rhein aber mag ich nicht leben.«
Und er ritt weiter und wälzte viele Pläne in seinem Kopfe. Bis er gen
Worms kam, dem Sitz des Burgundenkönigs Gunther und seiner Brüder Gernot
und Geiselher. Als er die reiche Landschaft sah, schlug ihm das Herz
hoch, und heimatlich ward ihm zu Sinn. Da gedachte er, vor Gunther
hinzutreten und ihm einen Teil seines Landes abzukaufen gegen ein
goldbeladenes Rheinschiff, oder aber, falls ihm der König den Handel
abschlüge, Gunther und die Seinen in ehrlichem Zweikampf herauszufordern
um Leben und Güter.
In seinem Thronsaal saß König Gunther. Hochgewachsen war er, fast wie
Siegfried groß, und in den Kampfspielen bewandert wie kaum ein zweiter.
Aber ein strenger Hochmut lag auf seinen Zügen und heiße Herrschbegier.
Ein kräftiger Degen war Gernot, sein Bruder, ein ritterlicher und
tapferer Mann. Der jüngste Bruder aber, Geiselher, war fast noch ein
Kind, mit blondem Gelock, blauen, schwärmerischen Augen und einem Herzen
voll lachender Begeisterung.
Um den Thron herum saßen und standen die Großen des Landes.
Da war vor allem Hagen von Tronje, der Oheim der Burgundenfürsten, ein
hagerer und knochiger Mann mit finsterem, schwarzbärtigem Antlitz. Nur
ein Auge besaß er, das blitzte scharf und spähend unter der buschigen
Braue. Das andere hatte er verloren, als er als Geisel aus dem
Hunnenlande heimgekehrt war und auf der Landstraße seinen Gesellen
Walther überfallen wollte. Als erster Ratgeber stand Hagen dem Throne
am nächsten, und seine eifersüchtige Seele kannte nichts anderes als
die Größe und Macht seiner Herren. So war er gleich furchtbar in der
Treue zu seinen Fürsten wie in seinem Haß gegen alle Widersacher.
Da waren ferner Hagens Bruder Dankwart, ein wilder Recke, der blindlings
seines Bruders Willen tat; Herr Ortwein von Metz, ein heißblütiger
Haudegen, dem das Schwert so locker saß wie die Zunge und der ein
Schwestersohn Hagens war; Herr Volker von Alzey, der die Fiedel so heiß
und lieblich erklingen lassen konnte, wie er lustig und nimmermüd den
Degen pfeifen ließ; Ritter Rumold, der der Oberküchenmeister hieß;
Ritter Hunold, dem das Amt des Mundschenken oblag; Ritter Sindold, der
Herold; und manch ein anderer.
Und König Gunther hob lauschend und mißvergnügt den Kopf und sprach:
»Was ist das für ein Lärmen am Rhein? Weiß das Volk nicht, daß es sich
ruhig zu verhalten hat, wenn die Fürsten mit ihren Räten niedersitzen?
Der Herold gehe und erforsche die Ursache.«
Da ging der Ritter Sindold eilends hinaus und kam eilends wieder.
»König Gunther,« berichtete er hastig, »ein fremder Recke ist angelangt
mit Rittern und Mannen, und das Volk strömt zusammen von weit und breit,
den herrlich im Sattel sitzenden Mann zu bewundern und nicht minder sein
und seiner Leute kostbares Rüstzeug und Gewand.«
»Was schiert mich Rüstzeug und Gewand,« eiferte Gunther. »Den Namen will
ich wissen.«
Und Sindold mußte bekennen, daß er ihm unbekannt sei und keiner ihn
wisse.
Da erhob sich König Gunther von seinem Thron und schritt schnell zum
Fenster, und seine Brüder und Räte mit ihm. Aber so sehr sie auch
schauten, keiner konnte ein Zeichen finden, an dem er den Helden
erkundete, und Gunthers Zorn war groß.
»Erlaubt mir ein Wort,« sprach endlich Hagen. »Mir ist von meinen weiten
Fahrten kein Ritter der Christen und Heiden unbekannt geblieben, und
wen ich nicht selber sah, von dem hörte ich doch sagen. Dieser aber, so
deucht mich, kann nach Wuchs, Muskelkraft und vollendetem Anstand kein
anderer sein als der gewaltige Siegfried vom Niederrhein.«
Da wurde es still im Saal, und jeder gedachte des Helden ruhmreicher
Taten. Bis endlich Gunther sprach: »Was mag ihn hergeführt haben? Und
sollen wir ihn als Freund oder als Feind empfangen?«
»Ich rate,« sagte der verschlagene Hagen, »ihm freundlich
entgegenzukommen. Können wir ihn zum Freunde gewinnen, so wird er uns in
manchen Dingen nutzbar sein können, denn seine Macht und sein Reichtum
reichen weit. Bedenket wohl, daß er den Lindwurm erschlug und dadurch in
den Besitz der unermeßlichen Schätze des Nibelungenhortes kam.«
»Ich fürchte,« entgegnete Gunther, »es wird ihm wenig an unserer
Freundschaft gelegen sein, da er so selbstherrlich und unangemeldet in
unser Land kommt.«
Hagen von Tronje lächelte. »Ich weiß, wie man solche Falken zähmt.
Held Siegfried, der stärkste Mann der Welt, hat ein knabenhaftes Herz,
weich und sehnsüchtig, wenn ihn der wilde Zorn nicht bedrängt. Lasset
uns damit rechnen und klug und behutsam zu Werke gehen. Sehet, wie er
sich stattlich vom Pferde schwingt! Wir wollen ihm entgegengehen und ihn
wie einen edlen Herrn an der Schwelle des Saales empfangen.«
Ungern tat es Gunther, aber die Klugheit war größer als sein Hochmut,
und er empfing den fremden Gast mit ausgestreckter Hand im Türbogen der
Halle.
[Illustration: König Gunther heißt Siegfried willkommen]
»Willkommen, Held Siegfried, im Burgundenlande. Nehmt Quartier, und wenn
Ihr Euch geruht und mit Speise und Trank gekräftigt habt, so erscheint
aufs neue unter uns und tut uns zu wissen, welcher glückliche Umstand
uns einen so vieledlen Gast beschert hat.«
»Ihr seid Gunther, der König,« sprach Siegfried ernst. »Und da Ihr
wisset, wer ich bin, so ziemt es mir nicht, Gastfreundschaft von Euch
anzunehmen, die Ihr später vielleicht gern ungeschehen machen möchtet.«
»Was könnte das wohl sein,« rief Gunther erstaunt, »das imstande wäre,
Euch uns unlieb zu machen?«
»König Gunther,« entgegnete Siegfried, »es liegt in Eurer Hand. Euer
Reich ist so groß, daß Ihr es kaum übersehen, geschweige denn all Eure
Grenzen schützen könnt. Schon rüsten im Osten die gottlosen Hunnen zu
neuem Kriegszug, und im Norden rührt sich der ewig unruhige Däne und
sein Bruder, der Sachse. Wie wollt Ihr Euch allein da helfen? Mich aber
hat tödliches Heimweh an den Rhein zurückgetrieben, und wenn ich nicht
daran sterben will, muß ich am Rheine bleiben. So biete ich Euch denn
für einen Teil Eurer Lande des Goldes so viel, als Ihr begehrt, dazu
meine Freundschaft und mein Schwert gegen alle anrückenden Feinde.«
Er schwieg. Und alle im Kreise standen betroffen.
Da rief der vorschnelle Herr Ortwein von Metz:
»Ei, ist das Euer einziges Gebot? Da Ihr als Kaufmann kommt, müßt Ihr
den Handel verstehen mit Zu und Ab!«
Siegfried sah über den Vorlauten hinweg. Doch als König Gunther seinen
Mann nicht tadelte, färbte sich sein Gesicht.
»Ich trage noch einen zweiten Vorschlag mit mir,« sagte er mit lauter
Stimme. »Wollt Ihr lieber um die Lande mit mir fechten als handeln, so
ist jeder von Euch, zu Pferd und zu Fuß, mit Schwert oder Speer, vor
meinen Waffen zum Zweikampf willkommen.«
Das Schwert fuhr Herrn Ortwein aus der Scheide. »Glaubt Ihr, Ihr sprecht
mit Memmen? Kommt her, wenn Ihr mögt!«
»Herr Ortwein,« rief Hagen, »wer erlaubt Euch, das Schwert zu ziehen,
bevor der König befiehlt?« Und des Königs Brüder Gernot und Geiselher
liefen und trugen Sorge, daß das Schwert in der Scheide verschwand.
Hagen aber raunte seinem Herrn Gunther zu: »Gewinnet Zeit, damit wir die
Frage zu unseren Gunsten lösen!«
Ein süßes Lächeln glitt um König Gunthers Mund, als er auf Siegfried
zutrat und des Helden Hände faßte. »Ihr seid mir lieb, Held Siegfried,
und Euch meinen Freund zu nennen, könnte mir mehr wert sein als die
Hälfte meines Reiches. Aber sagt Euch selber, daß Euer Vorschlag
plötzlich und unerwartet kam und Euer ritterlicher Sinn uns Zeit lassen
muß, in Ruhe und Gesetztheit zu prüfen und zu überlegen. Betrachtet Euch
also hier zu Hause, und wir werden in den folgenden Tagen mit Euch
gemeinsam das Rechte finden.«
Damit winkte er Hunold, dem Mundschenk, und Hunold brachte ein reich mit
Gold und funkelnden Steinen besetztes Büffelhorn, mit rheinischem Wein
gefüllt, und König Gunther trank es Siegfried zu auf Frieden und
Freundschaft. Da verneigte sich Siegfried besänftigt und höflich, nahm
das Horn und leerte es in kräftigen Zügen. Und der lang entbehrte Wein
vom Rheine machte ihn fröhlich und gütigen Sinnes.
Schon erschien Rumold, der Oberküchenmeister, in der Tür und meldete
das Mahl. Und die Fürsten und Herren gingen guter Dinge in den
Speisesaal, und Siegfried saß zu seiten Gunthers auf erhabenem
Thronsessel, und sein Herz war so voll Sonne und Heiterkeit wie seit
Jahren nicht.
In der Nacht aber saß Hagen lange noch bei seinem Herrn Gunther und
beriet mit ihm, wie man Siegfrieds Schwert und Schätze für sich gewinnen
könne, ohne eines Pfennigs Gegenwert.
»Er muß Kriemhild sehen, Eure liebliche Schwester,« sagte Hagen endlich
und erhob sich, weil schon der Morgen graute. »Die Liebe zähmt und macht
zum Sklaven.«
So sprach der grimme Hagen, der unbeweibt geblieben war wie Gunther,
sein Herr.
Und von Stund an wich Hagen nicht mehr von Siegfrieds Seite. Er rühmte
des Helden Kraft, wenn er im Turnier dahergesprengt kam wie der
Sonnengott und mit seiner schlanken Lanze die Burgundenritter aus dem
Sattel hob, als wären sie ohne Gewicht. Und er sprach bedauernden Tones
davon, daß nicht ein Geschlecht von Siegfriedssöhnen Namen und Art
fortpflanzte zum Heile und zur Freude der Menschheit. »Es müßte eine
Königstochter sein, schön wie keine zweite unter der Sonne und dem Mond,
von mildem Stolz und zärtlichem Gemüt, die nichts anderes wüßte, als
ihrem Herrn in Liebe zu gefallen und sein Herz mit Glück zu erfüllen.
Doch wo gäbe es eine, die Siegfrieds würdig wäre. O ja, eine wohl wüßte
ich, die eine Einzige, aber König Gunther und seine Brüder gäben wohl
eher ihr ganzes Reich her als dieses Kleinod, ihre Schwester.«
»Wie heißt sie?« fragte Siegfried.
»Kriemhild heißt sie,« sprach Hagen von Tronje, »und ist schlank und
fein, mit blauen Sonnen in den Augen. Und wenn sie ihr Blondhaar löst,
steht sie in einem Mantel da aus lichten, fließenden Sonnenstrahlen. Der
wallt ihr bis auf die schmalen Füße und verhüllt neidisch die Schönheit
ihres Leibes.«
»Ich möchte sie wohl sehen, wenn sie so lieblich ist,« sagte Siegfried
und ritt träumerisch hindann.
Und in seinen Träumen sah er die Frau, die er aus der wabernden Lohe
befreit hatte, die seinen Verlobungsring trug, der er ihr Heimatland
fern im brüllenden Nordmeer zurückgewonnen hatte, und die für all seine
heischende Liebe unempfänglich gewesen war in ihrem überhebenden
Hochmut. Das stolze Mannweib Brunhild.
Da wurde die Sehnsucht übermächtig in ihm nach echter und rechter Minne.
Und jetzt war er es oft, der zu Hagen sprach: »Erzählet mir doch von
Kriemhild.«
Wieder saßen die Fürsten und Herren in der Halle, horchten auf Herrn
Volkers, des ritterlichen Spielmanns Weisen und tranken aus goldenen
Bechern. Und Volkers Fiedelbogen klang so süß von Frauenliebe und
Rittertat, daß es Siegfried weich und wild zugleich ums Herze wurde.
»König Gunther,« sagte er leise und atmete schwer, »Ihr habt eine
Schwester, Kriemhild geheißen.«
Verlegen blickte Gunther in seinen Becher. Die Werbung kam ihm zu früh,
und noch hatte der Gast auf seine Pläne nicht verzichtet.
»Sie ist fast noch ein Kind,« entgegnete er ausweichend, »wenn auch an
Gestalt und Anmut die blühendste Jungfrau.«
»Gestattet mir,« bat Siegfried, »daß ich ihr meine Ehrfurcht erweise.
Ich sah sie noch nie.«
Und Gunther antwortete: »Sie ist scheu und zeigt sich nur unter Männern,
wenn es gilt, einen Sieger zu kränzen.«
»Ha,« rief Siegfried ungestüm, »den Sieger will ich schon schaffen, ich
habe lange genug geruht!«
Erbleichend gewahrte Gunther des Helden aufsteigende Wildheit. Schon
wollte er Hagen zur Hilfe zu sich winken, da schollen Stimmen vom Gange
her, und der Herold lief, die Ursache zu erforschen. »Herr König,« rief
er, als er zurückkehrte, und seine Stimme war erregt, »es sind Sendboten
gekommen von König Lüdegast von Dänemark und König Lüdeger von Sachsen
und heischen, vor Euer Angesicht geführt zu werden.«
»Das ist der Krieg,« sagte Hagen von Tronje.
»Ich will ihre Botschaft hören,« gebot König Gunther und packte die
Lehnen seines Thronsessels.
Da wurden die Boten vom Herold hereingeführt, und auf einen Wink
Gunthers begannen sie ihren Spruch.
»Unsere Herren und Könige Lüdegast und Lüdeger haben uns hergesandt,
weil Eure Grenzen, die an die unsern stoßen, sie beleidigen. Sie lassen
Euch Krieg ansagen und werden ins Land rücken mit dreißigtausend Rittern
und Gewappneten, Eure Burgen brechen und Eure Städte nehmen, so Ihr
nicht schleunigst um Frieden bittet und nach ihrem Willen tut, die
Grenzen regelt und gebührend Kriegszins zahlt. Das sollen wir Euch,
König Gunther, und Euren Brüdern vermelden von König Lüdegast und König
Lüdeger.«
Und wieder winkte Gunther, daß man die Boten hinausführe und bewirte.
»Was tun wir?« fragte er, als die Boten draußen waren, und sah Hagen an.
Und mürrisch entgegnete der Tronjer: »Wir sind nicht vorbereitet und
könnten in der Eile nicht mehr als ein paar Tausende ins Feld bringen.
Was ist das gegen die furchtbare Überzahl?«
»So sollen wir nachgeben?« fragte Gunther und zerbiß seine Lippen. Und
atemlos saßen die Ritter und wußten nicht, wie sie der drohenden Gefahr
begegnen sollten.
Da tat Siegfried den Mund auf und lachte in die beklommene Stille sein
fröhlichstes Lachen. »Herr König Gunther,« rief er, »vor wenigen Minuten
erst versprach ich Euch, einen Sieger zu schaffen. Die Gelegenheit ist
da. Gebt mir diese Herren hier mit und tausend Mann, und ich werde den
Dänen und Sachsen das Wiederkommen verleiden. Auf! Ruft die Boten in den
Saal! Ich will meinen Kranz!«
»Und ich?« rief König Gunther. »Was soll ich inzwischen verrichten?«
»Ihr regiert das Land und sorgt, daß alle beruhigt unter Eurem Schutze
leben.«
Da sprang Hagen zum Könige und redete ihm zu. Und Gunther ließ die Boten
in den Saal zurückrufen.
Majestätisch saß der König, und hochmütigen Tones sprach er:
»Reitet geschwind heim, und wenn euch eure Herren fragen, weshalb ihr
eure Pferde nicht besser geschont hättet, so sollt ihr ihnen antworten:
Weil uns die Burgunden schon auf den Fersen waren! Fahrt wohl!«
Da stoben die Sendboten der Dänen und Sachsen mit verhängten Zügeln von
dannen. Siegfried aber und die Burgundenrecken prüften Harnische und
Helme, Schwerter und Speere, prüften Sattel und Zaumzeug und ließen die
Hufe der Pferde mit frischen Eisen beschlagen. Auf gut beschirrten Wagen
wurde der Proviant verladen und manch ein Fäßlein kräftigen Weins. Und
ehe die Woche zu Ende war, ritt Siegfried mit Gernot und Hagen und den
andern Burgundenrittern, gefolgt von tausend Mannen, ins Feld. Herr
Volker aber, der feurige Spielmann, führte die Fahne.
Durch Hessen hindurch ging der rasche Zug ins Sachsenland hinein. König
Lüdeger aber war schon mit seinem Heere zu seinem Bruder Lüdegast
gestoßen, so daß an der dänischen Grenze an die vierzigtausend Streiter
beisammen waren.
»Ordnet unsere Tausend,« gebot Siegfried dem grimmigen Tronjer, »und
stellt vor jedes Hundert einen Recken, daß er den andern das wütende
Beispiel gebe. Den Troß laßt zurück. Werden wir auf dem Felde
totgeschlagen, so brauchen wir nicht mehr zu essen. Siegen wir aber, so
sollen uns die Vorräte der Feinde nicht schlechter munden. Ich werde
jetzt einmal auf Kundschaft reiten.«
Mit vorsichtigen Hufen trabte Grane durchs Feld. In der Ferne dehnte
sich das riesige Lager der Feinde. Und als Siegfried näher kam, sah er
einen goldgeschirrten Reiter die Schildwacht halten. Das war der
Dänenkönig Lüdegast.
Siegfried legte die Lanze ein. Aber schon hatte der Däne ihn erblickt,
den Speer eingesetzt und den Schild gehoben. Die Rosse griffen aus, daß
die Ackerschollen flogen, und so heftig war der Anprall der zornigen
Gegner, daß die Lanzen an den Schilden bis auf den Faustgriff
zersplitterten. Wortlos griffen die beiden Führer nach den Schwertern,
doch bevor Siegfried den Balmung aus der Scheide hatte, schlug ihm der
riesige Däne schon so fürchterliche Hiebe über den Helm, daß dem Helden
schier Hören und Sehen vergehen wollte. Nun aber hatte er den Balmung
frei, und ein gespenstischer Kampf hob an auf der einsamen, nächtigen
Heide.
Kein Wort wurde gesprochen. Nur das Stampfen der Rosse, das Klirren der
Harnische, das Sausen der Schwerter scholl. Mit einem Schlage spaltete
Siegfried des Königs Lüdegast Schild. Der nahm die Stücke und
schmetterte sie Siegfried an den Kopf. Der Held aber in wildem Grimm
schlug noch einmal zu. Da flog des Dänenkönigs Harnisch in Fetzen. Und
als der Däne den Streitkolben packte und ihn in rasenden Hieben auf
Siegfried niedersausen ließ, tat Siegfried den dritten Schlag, der den
Dänenkönig blutend vom Pferde warf. Da gab sich Lüdegast in Siegfrieds
Hand, und der Held nahm ihn als ritterlichen Gefangenen und führte ihn
zu den Burgunden. Hei, wie die Herren und Mannen Siegfrieds Lob sangen
und allen der Mut mächtig emporwuchs, trotz der Vierzigtausend, die
gegen sie standen!
Kaum lugte die frühe Morgensonne über den Horizont, da sahen sie das
Feld lebendig werden. So weit das Auge reichte, erblickte man nichts als
Schlachthaufen hinter Schlachthaufen, Reiter und Fußvolk.
»Fürchtet euch nicht,« rief Siegfried den Seinen zu. »Wenn das Korn
dicht steht, mäht es sich am leichtesten!« Und er ließ Herrn Volker, den
Spielmann, die Fahne entrollen. »Mir nach!« schrie Siegfried, gab Grane
die Sporen und stürzte sich mitten in die Feinde. In den Bügeln stand er
aufrecht, daß alle ihn sehen konnten, und nach links und nach rechts
hieb er mit gewaltigem Arme eine Bresche und dann eine Gasse und wütete
bald mitten in den feindlichen Haufen. Hinter ihm jagte Volker mit der
Fahne und pfiff ein Liebeslied zu seinen schneidigen Hieben. Und links
und rechts brachen Gernot in die Heerhaufen und der grimmige Hagen,
dessen Einauge funkelte, und der nur mit dem Streitkolben malmend in die
Menge schlug, und Dankwart, der blindlings dreinhieb ohne Furcht um sein
Leben, Herr Ortwein von Metz, der zu jedem Schlag ein Fluchwort
spendete, und die Herren Sindold, Hunold und Rumold, mit
zusammengebissenen Zähnen und beißenden Schwertern.
Wie das Roß Grane seinen Reiter trug! In den Rücken der Feinde war
Siegfried gelangt, und er warf jauchzend den Gaul herum und bahnte sich
mit dem blutigen Schwert eine zweite Gasse, Tote und Stöhnende hinter
sich lassend. Wieder hatte er die Heerhaufen durchbrochen, und wieder
riß er sein Roß herum. Da warf sich der Sachsenkönig Lüdeger gegen ihn
mit so wilder Wucht, daß sich Grane überschlug und Siegfried mit sich
niederriß. Aber schon war Grane auf den Beinen und Siegfried im Sattel,
und die Wut über den Sturz machte ihn doppelt furchtbar.
»Seid Ihr der Teufel?« schrie Lüdeger und wehrte sich wie ein
Verzweifelter.
Und Siegfried schrie zurück: »Riechst du den Schwefelstank, so schwitzt
ihn deine Angst!« Und er fegte des Königs Helm und seinen Harnisch, daß
kein Teil am andern blieb. Da gab sich ermattet Lüdeger in Siegfrieds
ritterliche Haft, und der Held packte den Gefangenen und zeigte ihn dem
Heere der Sachsen und Dänen vor. Und es ward ein wildes Flüchten.
Die Burgunden setzten ihnen nach und griffen an Beute und Gefangenen,
was ihre Hände fassen konnten. Der am besten Berittene aber wurde
abgesandt, König Gunther die Siegesbotschaft nach Worms zu bringen.
Als der Bote an den Rhein kam, stand die liebliche Kriemhild am Fenster
ihrer Kemenate. »Sieg!« rief ihr der Reiter zu und schwenkte seinen
Helm.
Weit beugte sich Kriemhild zum Fenster hinaus. »Nennt mir den
Tapfersten, Mann!«
»Siegfried -- Siegfried!« scholl es zurück.
Da spürte Kriemhild, daß ihr glühendes Rot über Hals und Wangen rann,
denn sie hatte viele Lieder vernommen von dem herrlichen Helden und war
ihm in der Stille zugetan, ohne ihn je erschaut zu haben. --
Nach Wochen kamen die Burgunden mit den gefangenen Königen heim und
unermeßlicher Beute. Gunther ging ihnen entgegen, und als Siegfried vom
Pferde sprang, umarmte und küßte er ihn.
»Nie werde ich es Euch vergessen,« sprach König Gunther, »was Ihr für
mich vollbrachtet.«
Und sie saßen in der Halle beim Mahle, und die Heimgekehrten hieben in
die Schüsseln, als ob es in die Feinde ging, und die Trinkhörner,
gefüllt mit rheinischem Wein, machten immer wieder die Runde. Da bat
Siegfried, daß man die gefangenen Könige teilnehmen lasse, und man
führte sie herein.
»Wählt Euren Teil an der Beute, mein tapferer Siegfried,« rief König
Gunther und schwenkte ihm das Trinkhorn zu.
»So wähle ich mir,« sprach der Held, »die beiden Herren Lüdegast und
Lüdeger und schenke ihnen die Freiheit, denn sie haben sich wie die
Löwen geschlagen.«
Nicht gern hörte König Gunther den Wunsch, aber er mußte ihn gewähren,
und die Kunde von Siegfrieds ritterlichem Sinn lief bald in die
Frauenkemenate, und Kriemhild vernahm sie mit Freuden.
»Morgen,« flüsterte sie vor sich hin, und ihre Wangen brannten, »morgen
werde ich ihn kränzen und sein Angesicht schauen.«
Da schlief die Königstochter nicht eine Stunde in der Nacht.