Das schwur ihm Gunther in die Hand.
Und sie kehrten zu den Rittern zurück und berieten die Fahrt.
Um eine Woche später stieß von Worms ein Schiff in den Rhein, das trug
Gunther und Siegfried, Hagen und Dankwart, mitsamt ihren Rossen, Panzern
und glänzenden Gewandungen. Frau Ute stand mit Kriemhild auf dem Söller
der Burg, und das Mägdlein weinte heiße Tränen, während ihr Tüchlein den
Scheidenden ein Lebewohl zuwinkte. Aus heißer Sehnsucht nach dem Helden
vom Niederrhein weinte die Königstochter.
Die Recken aber fuhren wohlgemut den Rhein hinab, bis sie zum Meere
kamen. Hier kauften sie ein kräftiges Drachenschiff, das vor Wind und
Wellen nicht bangte, und Siegfried nahm das Steuer, und sie fuhren über
die See gen Island.
Auf ihrer Felsenburg saß Brunhild, die gewaltige, und schaute hinaus
über die wilden Wasser. An Siegfried dachte sie, den stärksten Helden,
und es war ihr leid, daß er nicht wiedergekehrt war. Hundert Männer
waren gekommen, um sie zu werben, und sie hatte sie alle besiegt im
Kampfspiel, das sie forderte. Nur einen gab es auf der Welt, der stärker
war als sie: Siegfried. Und sie seufzte tief auf, und ihr Herz
entbrannte von Liebe nach ihm.
»O kämst du doch heim als ein König, du einziger Held.«
Da gewahrte sie ein Schiff in der Ferne, und das Schiff kam mit vollen
Segeln herangebraust und brach die anstürmende Brandung so stark und
sicher, daß Brunhild aufsprang und gebannt nach dem Steuermann sah. »Nur
Siegfrieds Faust ist so fest,« murmelte sie, »nur Siegfrieds Seele so
mutig. Er ist's!« rief sie jubelnd. »Er ist's! Siegfried kehrt wieder!«
Und sie schritt hastig in ihre Kemenate und rief ihren Kammerfrauen und
ließ sich schmücken, daß ein strahlender Glanz von ihr ausging.
Siegfried aber sprach im Schiff zu König Gunther und seinen Gesellen:
»Hört mich wohl an. Diese Frau ist von so unbändigem Stolze, daß sie nur
Könige und Lehnsmannen kennt. Würde ich gleichberechtigt mit Gunther vor
ihr erscheinen, ich fürchte, sie wird an des Königs Macht und Ansehn
zweifeln. Deshalb will ich mich meiner Stellung, die mir meine
königliche Geburt zuweist, begeben und als ein Lehnsmann König Gunthers
auftreten. Das wird seinen Glanz vor ihr erhöhen.«
Darüber waren die Herren froh und lobten Siegfried sehr wegen seiner
Treue.
Und Siegfried sprach weiter: »Als ich den Drachen erschlug und Alberich
bändigte, gelangte ich in den Besitz einer Tarnkappe, die mich
unsichtbar macht, wenn ich sie trage. So werde ich denn, keinem Auge
sichtbar, neben Gunther stehen und seinem Arme helfen, Brunhild in den
Kampfspielen zu besiegen. Es könnte sonst leicht König Gunthers und
unser aller Leben kosten.«
Da wurde König Gunthers Herz leicht, und er dankte Siegfried mit
beredten Worten.
Schon schritt die schöne Brunhild mit ihrem Gesinde aus dem Burgtor
hervor und nahm den Weg zum Hafen, als das Schiff den Anker warf. »Bei
Gott,« sagte Gunther und atmete tief, »die Kunde hat nicht übertrieben.
Nie sah ich ein herrlicher Weib.«
Starke Bretter schob Siegfried vom Schiffsrand ans Land. Und er nahm
zuerst König Gunthers Roß, führte es hinüber und hielt wie ein Lehnsmann
den Steigbügel, als König Gunther sich in den Sattel schwang. Dann erst
holte er sein Roß Grane und stieg mit Hagen und Dankwart zu Pferde.
Erstaunt sah Brunhild sein Beginnen.
»Vieledler Held Siegfried,« rief sie lachend, »was treibt Ihr für
Possen? Es ziemt sich nicht, einem andern Dienste zu verrichten. Doch
seid mir von Herzen willkommen und laßt Euch sagen, daß ich Euch gerne
sehe und lange Eurer harrte.«
Siegfried aber entgegnete: »Ihr irrt Euch, hohe Frau. Nicht an mich
dürft Ihr Eure Begrüßung richten, denn ich reite nur im Gefolge des
mächtigsten Königs, Herrn Gunther von Worms, den Ihr vor Euch seht, und
freue mich, sein Lehnsmann zu heißen.«
Da erbleichte die stolze Brunhild und wandte ihr Auge zu Gunther. Und
Gunther ritt auf sie zu, sprang vom Pferde und neigte sich ritterlich.
»Was sucht Ihr bei mir und in meinem Lande?« fragte sie hochmütig.
»Euch suche ich, herrliche Brunhild, und Eure Minne,« rief der König.
»Ich weiche nicht anders aus diesem Land als mit Euch!«
Spöttisch maß ihn die heldische Frau vom Scheitel bis zur Sohle.
»Ihr habt Euch viel Last gemacht, edler Herr. Konntet Ihr nicht zu Hause
sterben?«
»Ich gedenke,« sprach Gunther, »nicht eher zu sterben, als bis ich
weidlich Eure Minne gekostet habe.«
Hellauf lachte Brunhild.
»Wenn Euch die Aussicht auf Schläge reizt, so stellt Euch morgen bei
Sonnenaufgang zum Turnier. Und Ihr sollt den Mittag nicht mehr erleben.
Kämmerer, weist den Herren für die letzte Nacht Herberge an.«
Und immer noch hohnvoll lachend, wandte sie sich und schritt zur Burg
zurück. Siegfried aber, den bescheiden abseits Stehenden, beachtete sie
mit keinem Blick. So schwer hatte es ihren Stolz getroffen, daß der
einzige Mann, den sie geliebt hatte, ein Dienstmann geworden war.
Die Herren aus Worms aber legten sich bald zur Ruhe nieder. Denn sie
wußten, daß der kommende Tag ihrer Kräfte reichstes Maß beanspruchte.
Kaum graute der Morgen, als helle Fanfarenstöße sie aus dem Schlummer
weckten. Eiligst sprangen sie auf und halfen Gunther, sich rüsten. Und
jeder wappnete sich selber aufs beste. So ritten sie auf ihren Rossen
zum Turnierplatz.
Umgeben von ihren Rittern und Frauen nahte Brunhild. Ein goldener Panzer
schirmte ihr Brust und Leib, ein strahlender Helm mit Adlerflügeln das
schwarz umlockte Haupt. Nackt waren die mächtigen weißen Arme, die
Schild und Speer hielten, und das Bild der Heldin war so übergewaltig,
daß Gunther den Atem stocken fühlte.
»Drei Aufgaben nenne ich Euch,« sprach die Starke. »Löst Ihr sie, so
gebe ich mich als Euer Weib. Laßt Ihr Euch nur in einer besiegen, so ist
mir Euer Kopf und der Eurer Gesellen verfallen. Entscheidet Euch.«
»Nennt die Aufgaben,« antwortete Gunther kurz.
Und Brunhild sprach weiter: »Zuerst zeigt Eure Kraft im Speerwurf und
sorgt, daß Ihr mich niederwerft. Zum zweiten gilt es, den
hundertpfündigen Felsstein zu schleudern. Sorgt, daß Ihr nicht eine
Spanne hinter mir zurückbleibt. Und zum dritten sollt Ihr mich,
gepanzert und gewaffnet, im Weitsprung überholen. Nun? Traut Ihr Euch
immer noch?«
Da sprach Siegfried: »Herr König, gebt mir Urlaub, damit ich zum Schiffe
gehe und das Brautgeschenk hole.«
Das gewährte Gunther, und Brunhild biß sich die Lippen.
Siegfried aber ging nur bis vor die Burg, wo ihn keiner sah, zog die
Tarnkappe über und kehrte unsichtbar zu seinen Gefährten zurück. »Mut,«
flüsterte er und berührte Gunthers Arm, »ich bin bei Euch.«
Die Rosse wurden aus der Bahn geführt. Brunhild begab sich auf ihren
Stand. Sie wog den furchtbaren Speer in ihrer Hand, als wäre es eine
Gerte, stemmte den Schild vor, bog sich zurück, zielte und schleuderte
die Waffe mit solcher Wucht, daß die Luft aufheulte, die Speerspitze
Gunthers Schild zersplitterte und der König niedergebrochen wäre, hätte
ihn Siegfrieds Faust nicht gehalten. Mit eisernem Ruck zog Siegfried den
Speer aus dem Schild, so, daß es aussah, als täte es Gunther. Und
ritterlich, als ob es gälte, die schöne Frau nicht allzusehr zu treffen,
kehrte er den Spieß um und schleuderte ihn, mit dem stumpfen Schaftende
nach vorn, zurück, so furchtbar aber, daß er dröhnend Brunhilds Schild
zerbeulte, die Starke den Boden unter den Füßen verlor und rücklings in
den Staub fiel.
Zornig sprang sie auf und ordnete Rüstzeug und Gewand. Blutrot lief die
Scham über ihr Gesicht, und der Haß sprang gleich Blitzen aus ihren
nachtdunklen Augen.
»Frohlockt nicht zu früh,« rief sie ergrimmt, »ich habe nur gescherzt!«
Und sie ergriff den hundertpfündigen Felsblock, ließ ihn wie einen Ball
auf der flachen Hand tanzen, packte an und warf ihn in wildem Schwunge
wohl fünfzig Ellen weit. Und mit gewaltigem Anlauf hob sie sich im
Panzer in die Lüfte und schwang sich hinter dem Stein her und sprang
weiter noch, als der Stein gefallen war.
Da wurde es totenstill auf der Bahn, und Hagen flüsterte seinem Bruder
Dankwart zu: »Mach dein Schwert locker und stell dich mir Rücken an
Rücken. Es wird heiße Arbeit geben.«
Gunther schritt zum Steine, und unsichtbar schritt Siegfried neben ihm.
Und Siegfried hob den Stein, als höbe ihn Gunther, spannte alle Muskeln
an und warf den Felsblock noch zehn Ellen über Brunhilds Marke, packte
Gunther um den Leib, sprang an und trug Gunther durch die Luft, als
sause ein Falke daher. Weit über den Stein hinaus ging er mit Gunther
zur Erde nieder.
Mit vorgebeugtem Leib und verzerrtem Gesicht hatte Brunhild Wurf und
Sprung verfolgt. Jetzt sanken ihr die mächtigen Arme an den Leib.
»Nie,« sagte sie, und ihr Atem ging erregt, »hätte ich geglaubt, daß
außer Siegfried ein sterblicher Mann solches vermöchte. Nun weiß ich,
daß Ihr recht tatet, König Gunther, Siegfried zu Eurem Dienstmann zu
nehmen. Ich werde Euch als Euer Weib folgen, wie ich es Euch versprach.«
Da schmetterten die Trompeten, da stürmte der Jubel des Volkes durch die
Luft.
Siegfried aber war wieder vor das Tor geeilt, hatte die Tarnkappe
abgezogen und kehrte nun auf die Bahn zurück, als wüßte er noch nichts
von den Geschehnissen.
»Vorwärts,« rief er, »König Gunther! Auf zum Kampf! Es wird Euch
gelingen!«
Da lachten sie alle, daß er das herrliche Kampfspiel versäumt hatte, und
Brunhild schaute hochmütig auf ihn herab.
»Wo habt Ihr den Brautschmuck, Mann?« fragte sie ihn herrisch.
Siegfried aber bog huldigend das Knie und entgegnete: »Gütige Herrin, er
ist so groß, daß meine Arme ihn nicht zu fassen vermochten. Des Schiffes
ganzer Inhalt ist Euer.«
Da ging sie achselzuckend an ihm vorbei und ging zum Schiffe und
musterte, was es an Gold und Steinen barg.
»Mit so elendem Kram,« rief sie höhnisch, »glaubt Ihr vor Islands
Königin bestehen zu können? Wähnet Ihr, mich beleidigen zu dürfen, so
rufe ich meine Ritter und Mannen, daß sie Euch allesamt greifen und im
Meer ersäufen!«
Erblaßten Gesichtes stand Gunther vor der Ergrimmten und fand keine
Antwort.
Siegfried aber lachte: »Nicht so, Frau Königin. Es ist dies nur eine
Probe der Schätze, die für Euch unterwegs sind. Das Schiff, das sie
birgt, wurde vom Sturm verschlagen. Gebt mir Urlaub, damit ich es auf
dem Meere aufsuche und zu Euch in den Hafen geleite.«
Mit düsteren Augen blickte Brunhild den Kühnen an. »Es könnte Euch
furchtbar gereuen,« sprach sie, »so Ihr mich zu betrügen gedächtet.
Diese hier bleiben als Geiseln in meiner Hand. Sputet Euch, daß Ihr bald
wiederkehrt und Eure Worte wahr macht. Euer Herr und seine Gefährten
dürften sonst den Rhein nicht wiedersehen.«
Da nahm Siegfried Abschied von Gunther, Hagen und Dankwart, beurlaubte
sich von der Königin und ging mit seinem Roß Grane an Bord des Schiffes.
Günstig wehte der Wind, die Segel knallten und knatterten, des Helden
Hand lag am Steuer, und wie ein Vogel schwand das Schiff am fernen
Horizont.
In halber Zeit erreichte Siegfried die Mündung des Rheines, gebot den
Schiffsleuten, bis zu seiner Wiederkehr zu warten und schwang sich auf
Granes Rücken. Und das treue Roß trug ihn im Fluge durch die rheinischen
Lande, bis das Siebengebirge vor ihnen blaute und der Held den ihm
wohlbekannten Weg zur Drachenburg ritt, die den reichen Nibelungenhort
barg.
[Illustration]
Nacht war's, als Siegfried vom Pferde stieg. Und er gedachte seines
Verwalters Alberich Wachsamkeit zu erproben und lärmte wie ein Trunkener
am Tore und begehrte mit hämmernden Faustschlägen Einlaß.
Da öffnete sich mit einem Ruck die Pforte, und der wilde Zwerg sprang
mit einer langen Eisenstange heraus und prügelte so fürchterlich auf
Siegfried ein, daß dem Helden die Funken aus den Augen stoben, und er
Island nie wiedergesehen hätte, wäre es ihm nicht gelungen, unter den
hageldichten Hieben den wilden Zwerg beim Barte zu erwischen und fest in
seine Arme zu reißen.
»Guten Abend, Freund Alberich,« lachte er dabei. »Ich sehe, Ihr seid
immer noch gesund und munter.«
Da erkannte der Wütende seines Herrn Siegfried Stimme, und er ließ nach
mit Strampeln und Fußtritten.
»Verzeiht,« bat er ganz außer Atem, »daß ich Euch ein wenig unwirsch
begegnete.«
»Ein wenig?« lachte Siegfried und befühlte seine Beulen. »Gott soll mich
behüten, wenn es einmal mehr als ein wenig geschieht.« Und er klopfte
seinem getreuen Verwalter fröhlich die Schulter.
Dann befahl er ihm, eilends die Nibelungenritter zu wecken, und er
wählte aus ihnen eine starke, glänzende Schar, und aus den Schätzen
erwählte er so viel, als ein Rheinschiff fassen konnte, und am anderen
Tage fuhr er mit den Schätzen und den Rittern wieder den Rhein hinab zum
Meere, wo er sein Drachenschiff und seine Schiffsleute fand und eine
schnelle Umladung erwirkte. Durch Sturm und Wogenprall ging die
Meerfahrt gen Island.
König Gunther saß mit Hagen und Dankwart am Strande. Tief in Sorgen saß
er, und keine Hoffnung war mehr in seiner Seele. Und sie sprachen unter
sich von Siegfrieds Flucht und manch ein schlimmes Wort von dem Helden,
der jetzt wohl schon die bergende Heimat erreicht hätte, während sie
verzweifelnd den Tod erwarteten, schimpflich dazu, von eines Weibes
Hand; der wohl gar das ganze Burgundenland sich zu eigen mache und sich
prahlerisch auf Gunthers Thron setze.
So sprachen sie mit vergifteten Gemütern und glaubten nicht an
Siegfrieds Treue, als Hagen aufsprang und erregt in die Ferne wies. Denn
sein scharfes Einauge hatte am Horizont das Drachenschiff erspäht.
»Er naht, er naht!« rief er. »Siegfried kommt wieder!«
Da kehrte in König Gunthers Seele aller Hochmut zurück, und er erhob
sich und sagte kalt: »Er hatte es geschworen.«
Eilig kam Brunhild aus den Toren der Burg, und ihre Ritter und Frauen
folgten ihr mit staunenden Gebärden.
»Hohe Fürstin,« redete Gunther sie an, »rüstet Euch zur Reise nach
Worms. Siegfried kommt, und ich wünsche nicht einen Tag länger ohne Eure
Minne zu weilen.«
Mit starren Augen sah Brunhild dem heranschießenden Schiffe entgegen.
Nun warf es Anker, nun schoben kräftige Hände die Laufplanken ans Land.
Und Siegfried stand hochaufgerichtet an Bord und führte die glanzvolle
Schar seiner Nibelungenritter vor Brunhild hin, daß die Mannen Brunhilds
erbleichten, und wies lachend auf die aufgehäuften Schätze seines
Schiffes.
»Ich habe daheim neue geholt, edle Königin. Es deuchte mir einfacher
so.«
Geblendet blickte Brunhild auf die Reichtümer, bewundernd auf die
auserlesene Ritterschar. Und willig ging sie an Gunthers Seite an Bord,
zur Fahrt nach Worms, zur Hochzeit am Rhein.