Wie Siegfried durch die Waberlohe zu Brunhild drang, sich mit der
Befreiten verlobte, ihr Island eroberte und sich zürnend von ihr wandte
Eine Woche nur hatte Siegfried auf der Burg des Drachenfelsen gerastet,
und schon schien ihm die Zeit unerträglich lang. Denn sein junger Sinn
stand ihm nach Taten und hielt Ruhe und Bequemlichkeit nur würdig des
Alters, das befriedigt auf die getane Arbeit zurückschauen kann. Darum
entbot er den Nibelungenführer Alberich zu sich und besprach sich mit
dem kundigen Manne.
»Die Welt ist voll von Plagen und Kriegsnöten,« sagte er, »und wartet
auf den Befreier. Ich aber liege bei meinen Reichtümern und stehle Gott
den Tag ab. Das ist Schwächlings Art und nicht die meine. Weist mir ein
würdiges Abenteuer, Freund Alberich.«
Da antwortete der kriegerische Zwerg: »Nehmt uns mit, Herr, und wir
erkämpfen Euch den ganzen Erdball.«
Siegfried aber schüttelte die Locken. »Das wäre mir eine Heldentat,
meine Leute für mich kämpfen zu lassen und mir der anderen Lorbeeren um
den Helm zu winden. Erst will ich mir meinen eigenen Namen verdienen,
bevor ich andere führe und leite. Nennt mir ein Abenteuer, so schwer,
daß kein zweiter Mensch es unternähme, und ich will es bestehen oder
ruhmreich unterliegen.«
Lange sann Alberich vor sich hin. Dann hob er den behelmten Kopf und sah
dem Helden in die Augen.
»Ihr habt mich zwar weidlich beim Barte gezaust, als Ihr mich gefangen
nahmt,« begann er, »und mein Leib ist immer noch rot und blau, so
schlugt Ihr mich wider die Türpfosten. Aber Ihr habt doch mich und die
Meinen aus der Sklaverei des greulichen Fafner errettet und ritterlich
behandelt und gehalten, so daß es mir leid um Euch wäre, Euch in ein
todbringendes Abenteuer verwickelt zu sehen.«
»Nennt es mir,« drängte der Held. »Wenn Ehre und Ruhm dabei zu gewinnen
ist, darf keine Gefahr uns schrecken. Das ist kein Mann, der sich nicht
selber einsetzt.«
»Mein edler, junger Herr,« sprach Alberich, »ich will es Euch nennen,
weil ich Euch bewundere. Und -- weil ich keinem die herrlichste Beute
gönne als Euch. Ich weiß die schönste Frau, die je vom Himmel auf die
Erde kam.«
»Wo ist sie und wie heißt sie?« rief Siegfried rasch.
»Brunhild heißt sie,« sagte der Zwerg, »und war eine der Walküren, der
starken Schlachtenjungfrauen, die einst die im Kampfe gefallenen Helden
auf ihren Rossen in den Himmel Walhalla trugen. Weil sie ungehorsam
gewesen war und wider göttliches Gebot einen ihr lieben Helden gegen den
Tod geschützt hatte, liegt sie auf einem einsamen Berge im Zauberschlaf,
und der Berg ist eingehüllt von der Waberlohe, das ist ein loderndes
Flammenmeer, und nur der Starke, der furchtlos hindurchreitet, kann sie
erwecken und zum Weibe gewinnen.«
Wie Siegfrieds Augen leuchteten und seine Brust sich mächtig hob! Kaum
vermochte der Kühne seine Ungeduld zu meistern.
»Wo geht der Weg, Alberich? Noch heute versuch' ich den Ritt.«
»Stammt Euer Roß Grane nicht von den Walkürenrossen?« fragte der Zwerg.
»Ist es so, so wird es den Weg finden.«
Da nahm Siegfried Abschied von den tausend Nibelungenrittern, setzte
Alberich zum Verwalter seiner Schätze ein und rief sein Roß Grane. Sein
Schwert Balmung hing ihm an der Seite, und in einer Ledertasche führte
er die unsichtbar machende Tarnkappe mit sich. »Grane,« sagte der Held,
und das edle Tier spitzte die Ohren, »Grane, weißt du den
Brunhildfelsen, wo deine Brüder und Schwestern im Stalle stehen? Trage
mich hin, Grane, wir wollen sie befreien und die schöne Jungfrau vor
allem.«
Da wieherte das Pferd hellauf vor Freude und umsprang in wilden Sätzen
seinen Herrn. Der aber schwang sich behend auf des Pferdes Rücken, und
das Roß war mit seinem Reiter den Augen der Nachblickenden entschwunden,
bevor sie sich von ihrem Staunen erholt hatten.
Wie die Windsbraut jagte das Roß dahin. Die Locken flogen Siegfried um
die Stirn, und er schlug sich vor Freude klatschend auf den Schenkel.
Durch Berge und Wälder ging es im gestreckten Lauf, Ströme und Seen
wurden durchschwommen und alle Hindernisse im sausenden Sprunge
genommen. Den ganzen Tag jagte Grane mit Siegfried dahin und die ganze
Nacht, und als der frühe Morgen dämmerte, hob sich in weiter Einöde ein
Berg vor ihnen, der eine einzige Feuersbrunst schien. Das wogte und
wallte vom Fuß bis zum Gipfel in Flammen und Gischt.
Mit bebenden Flanken stand das Roß. Aber Siegfried zog sich die
Tarnkappe über den Kopf, die Roß und Reiter vor dem Feuer hütete, packte
sein scharfes Schwert, gab Grane die Sporen und sprengte in die Glut
hinein. Mit mächtigen Hieben schuf er sich Bahn durch das brennende
Dickicht, durch mannshohe Dornenhecken schlug er sich einen Weg, und so
oft sie wieder zusammenrückten und ihn zu ersticken drohten, sein Mut
und seine Kraft erlahmten nicht, und das brennende Gestrüpp flog unter
seinem Schwert wie Feuergarben nach links und nach rechts. »Spring an,
Grane!« rief der Held, »spring an! Beiß zu, Balmung! Hei, mein gutes
Schwert, beiß zu!« Und in gewaltigen Sätzen sprengte das Roß aufwärts,
keuchend und stöhnend, Funken und Flammen unter seinen Hufen. Und der
Stahl Balmung zischte und blitzte, zerbiß Eichenstämme wie dünne Ruten
und hielt die Bahn frei, bevor sich die lodernde Wildnis wieder
schließen konnte. Der Gipfel des Berges war erreicht. Ein ragendes Tor
stieß Siegfried mit dem Schwertknauf ein. Da donnerte es rings um den
Himmel herum minutenlang, und als das letzte Rollen des Donners verhallt
war, waren die Flammen des Berges erloschen, und der Wald grünte und
blühte in der goldenen Morgensonne.
Siegfried zog sich die Tarnkappe vom Haupt. Sein Gesicht glühte, und die
Adern lagen ihm wie Stricke auf der Stirn. »Das war, bei Gott, nicht
leicht,« stieß er, nach Atem ringend, hervor, schüttelte die Locken und
sprang vom Pferde. Neben seinem Rosse Grane kniete er hin, das Auge auf
die goldene Morgensonne gerichtet, und dankte dem Himmel für die
sichtbare Behütung.
Dann nahm er Grane beim Zügel und schritt durch das Tor.
Da lag auf mauerumgürtetem Platze eine große, wunderbar schöne Frau,
gepanzert und behelmt, angeschmiedet auf einem eisernen Lager. Wie eine
Schlafende lag sie mit geschlossenen Augen.
Leise trat Siegfried heran und beugte sich über sie. Nie glaubte er
Herrlicheres geschaut zu haben. Denn wie eine Kriegsgöttin war diese
Frau anzusehen, von mächtigem Körperbau und doch von Antlitz schön und
stolz wie eine hehre Jungfrau. Nachtschwarz fielen ihr die Locken um die
Wangen, und der Mund blühte rot und sehnsüchtig.
[Illustration: Siegfried tritt an das Lager Brunhilds]
Behutsam nahm Siegfried sein Schwert, und der Balmung durchschnitt die
Eisenfesseln, als wären es weiche Stricke gewesen. Da dehnte die
heldische Jungfrau traumbefangen ihre Glieder. Und Siegfried beugte sich
tiefer über sie und küßte sie sacht auf den Mund.
Groß und weit öffnete die Jungfrau ihre Augen. Dunkel waren sie wie ihr
nachtschwarzes Gelock, und sie erwachten aus dem Traum und gewannen
Leben und Feuer.
»Wer bist du, Held?« sprachen ihre Lippen. »Und wo kommst du her?«
Und der Held antwortete und war noch immer über sie gebeugt: »Ich bin
Siegfried, Siegmunds Sohn und gebürtig aus Xanten am Niederrhein.«
»Was trieb dich, o Siegfried, dies Wagestück zu bestehen?«
»Der Wunsch, o Brunhild, dich zu befreien und dich zu gewinnen.«
Sie stützte sich auf ihre starken Arme und richtete sich auf. Ihr
Blick schweifte durch das offene Tor den Berg hinab.
»Das Feuer ist erloschen,« sagte sie leise und atmete tief. »Und der
furchtbare Bannspruch ist mit ihm erloschen.«
Sie sprang auf die Füße, daß ihr Panzer klirrte, reckte die Arme und
streckte den Leib. »Frei! Frei!«
Und Siegfried stand neben ihr, staunte ihres Leibes Kraft und Schönheit
an und wußte nichts zu sagen.
Da wendete sie den Kopf nach ihm, gewahrte sein bewunderndes Auge,
gewahrte seine Reckengestalt und errötete tief.
»Blicke mich nicht so an, o Held.«
»Du bist so schön, o Brunhild.«
»Nur wer mein Gemahl wäre, dürfte mich so anschauen. Und es gibt keinen
Mann auf Erden, der so stark ist, daß er mich bezwänge.«
»Wehr' dich,« lachte Siegfried, trat auf sie zu und schloß sie in seine
Arme, daß sie sich nicht regen konnte. Aber der Zorn flammte aus ihren
Augen und färbte ihre Wangen.
»Gib mich frei,« stieß sie hervor, »oder es könnte dich reuen.«
»Hab' nimmer gelernt, was Furcht ist,« lachte der Held und küßte sie auf
den zornigen Mund.
»Du Unband,« stöhnte sie, aber nun lachte auch sie.
»Siehst du wohl,« sagte Siegfried, »es geht schon an. Nun küsse auch du
mich einmal.«
Sie glaubte seine Arme gelockert und sprang plötzlich gegen ihn an, daß
es ihn fast umgeworfen hätte. Aber nun umschlang er sie, daß sich ihr
Panzer bog und ihr der Atem in der Kehle stockte. »Ist das dein Kuß, du
Wilde? So will ich dich wohl auf deine Weise wieder küssen, wenn dir das
eher gefällt.«
Da hob sie, von seiner Kraft und seinem Lachen bezwungen, den Kopf und
küßte ihn.
Und allsogleich ließ er von ihr ab, bog das Knie und huldigte ihr
ritterlich.
Das Blitzen ihrer Augen schwand, und ihr Blick wurde weich und
frauenhaft. Ihre Hand spielte in seinen Locken.
»Mein Held,« sagte sie und atmete tief. »Mein Held und Befreier.«
»Danke mir besser, o, ich bitte dich, Brunhild.«
»Was könntest du Besseres begehren als meine Freundschaft?«
Und Siegfried sprang vom Boden auf und rief: »Dich selber! Werde mein
Weib!«
Lange sann Brunhild in die Ferne hinaus. Dann sprach sie:
»Fern im Nordmeer liegt ein Inselreich. Wie eine unbezwingbare Festung
steigt es aus der wildrollenden See. Eine Kette von feuerspeienden
Bergen umgürtet es, und kochend heiße Flüsse zischen ins schwarzblaue
Meer. Island heißt das Land, das nie bezwungene, und mir gehörte es, bis
mich der Spruch des zürnenden Gottvaters hierher und in Ketten in die
wabernde Lohe warf. Seit ich fern bin, ist Island unterjocht. Du willst
mich zum Weibe, Siegfried? Wo ist dein Brautgeschenk? Ich will es dir
nennen und will die Deine sein, so du es mir schaffst: Nimm Island mit
stürmender Hand für mich. Setze mich wieder auf den Thron meiner Heimat.
Ich kann mich nur als Königin dir schenken und nicht als Magd.«
So sprach die stolze Frau, und Siegfried, hingerissen von der Größe
ihrer Sprache, gelobte es ihr in die Hand und zog den Ring Nibelungs von
seinem Finger und steckte ihn ihr an als Verlobungsring.
Auf dem Ringe aber lastete der Fluch, von dem Mime gesprochen hatte, als
Siegfried auszog, den Lindwurm zu erlegen, der Fluch Nibelungs, der den
Träger des Ringes sich überheben läßt in wachsendem Ehrgeiz und
nimmersatten Wünschen. Und Siegfried hatte Mimes Warnung vergessen, als
er den Ring an Brunhilds Finger schob. --
Im Stalle des Bergfrieds stand Brunhilds Walkürenroß. Und bei ihm stand
Grane und leckte ihm zärtlich den Hals.
»Hoho, mein guter Genoß,« rief Siegfried, »hast du den Kameraden
gefunden? Nun, wenn es auch gar so schnell wieder auf die Reise geht,
ihr bleibt zusammen. Gefällt euch das?«
Da wieherten die Rosse vor Vergnügen und ließen sich willig satteln und
zäumen.
Und Siegfried hob mit starken Armen Brunhild in den Sattel, daß sie im
stillen aufjauchzte über seine Kraft, und er selber schwang sich auf
Granes Rücken, schaute nach dem Stand der Sonne, versicherte sich der
Himmelsrichtung und ritt mit Brunhild den Berg hinab. In der Ebene aber
ließen sie den Gäulen die Zügel, daß sie Seite an Seite dahinstoben wie
Falken im Revier.
Als die Sterne aufstiegen, suchte Siegfrieds scharfes Auge aus den
Figuren der Gestirne den Polarstern heraus und ritt ihm nach gen Norden.
Und je mehr sie sich dem Meere näherten, desto heller und stärker hub
Siegfried zu singen an. So ritten sie Tage und Nächte, vom Rheine zur
Wesermündung, und eines Morgens rauschte machtvoll hinter den Dünen her
die Melodie des Meeres in Siegfrieds Lied.
Ein seefestes Schiff fanden sie, und der Held gab dem Schiffer eine
breite, goldene Armspange als Fährlohn und versprach ihm mit
ritterlichem Handschlag einen Schild, angefüllt mit gemünztem Gold, so
er ihn, Brunhild und die Rosse in kürzester Frist hinüberbrächte nach
Island. Da spannte der Schiffer die braunen Segel, und Siegfried packte
das Steuer. Am Mast waren die Rosse angebunden, und Brunhild saß vorn am
Bugspriet des Schiffes, durchforschte die wilde See und rief ihrem
Steuermann die Richtung zu.
Hui, warf sich der Sturm in die Segel und jagte das Schiff durch die
Wellenberge, daß es im Gischt verschwand. Aber Siegfrieds Faust hielt
das Steuer umklammert, und ob das Schiff in den Fugen krachte und der
Mast sich bog unter den schier berstenwollenden Segeln, er handhabte das
Steuer mit eisernen Griffen und warf das Schiff über die Wasserschlünde,
als tummelte er seinen Renner über Hecken und Gräben.
Und der Sturm schrie mit gellenden Stimmen, und Siegfried schrie nicht
minder in den Sturm hinein, und seine Locken flatterten wie heiße Sonne
um seinen Kopf: »Heia, heia! Es ist eine Lust zu leben!«
Dann lugte Brunhild über die Schulter nach dem Helden, und er schien ihr
begehrenswert vor allen Männern und ein erlesen Werkzeug für ihren
weitschweifenden Ehrgeiz.
Tage und Nächte tobte der Sturm, drang vom Steuer her Siegfrieds helles
Singen. An einem Morgen aber gewahrten sie an der Brandung, daß sie
Island nahe waren. Da stellte Siegfried das Singen ein und tastete nach
seinem Schwert.
In den Hafen fuhren sie ein, und gewappnete Männer eilten herbei, ihnen
die Landung zu wehren. Siegfried aber packte das Tau, mit dem er das
Schiff am Lande befestigen wollte, und sprang mit jähem Satze unter sie,
daß sie von dannen stoben und nicht anders vermeinten, als der
leibhaftige Teufel säße ihnen im Nacken. Nun warf der Schiffer die
Planke ans Ufer, und Siegfried holte Brunhild herüber und die
stampfenden Rosse. Wohl gerüstet ritten sie vor die Burg des Königs, und
alles Volk strömte auf die Mauern.
»Der König soll kommen!« rief Siegfried befehlend, und man rannte, dem
König die seltsame Mär zu künden.
In schwarzen Panzer geschient, ritt der König auf schwarzem Streitroß
vor das Tor.
»Frecher Fremdling,« schalt er drohend, »welcher Sprache erkühnst du
dich? Ich werde die Fische mit deinem Leichnam mästen.«
Siegfrieds Adern schwollen auf der Stirn. Doch beherrschte er sich.
»Sitz' ab,« gebot er, »denn du bist nur ein Emporkömmling und hast
deiner Königin demütig zu Fuße zu nahen. Brunhild ist heimgekommen.
Sitz' ab, sage ich dir noch einmal, nimm die Krone vom Helm und trage
sie ihr an den Steigbügel.«
Da riß der König wutschnaubend sein Visier herab, senkte den riesigen
Speer und sprengte gegen Siegfried an. Der trug Balmung nackt in der
Hand, trieb Grane mit einem Schenkeldruck an, hob den guten Stahl und
trennte mit wagerechtem Hieb den Speer vom Faustkorbe. Mit aller Kraft
warf der König den Gaul herum, um das schirmende Burgtor zu erreichen.
Aber Granes schneller Flug holte den Streithengst ein, Steigbügel
klirrte an Steigbügel, und Siegfried warf seinem Roß die Zügel über den
Kopf, umklammerte mit den Schenkeln Granes Bug, streckte die freien
Hände nach dem weit zurückweichenden König aus, umarmte ihn wie mit
Zangen, riß ihn im Dahinjagen aus dem Sattel und schleuderte ihn vor
Brunhilds Füße, wo er liegen blieb, ohne sich im Leben noch einmal zu
erheben.
»Sagte ich dir nicht,« rief der zürnende Held, »daß du deiner Königin zu
Fuß nahen solltest?«
Vom Pferde sprang er, hob die Krone auf und drückte sie Brunhild ins
Haar. Und wandte sich wieder der Burgmauer zu und rief zum Volke
hinauf: »Sehet hier eure Königin, die heimgekehrt ist, eure Treue zu
erproben. Kommet heraus auf euren schnellsten Sohlen und huldigt ihr, so
euch an ihrer Huld gelegen ist.«
Da kamen sie in langem Zuge, mit Fahnen und Musikanten, bogen das Knie
und boten auf goldener Schüssel Brot und Salz, in goldenem Becher den
Willkommtrunk.
Stolz und erhaben saß Brunhild zu Pferde, die Krone im Haar. Und sie
nahm von dem Brot und dem Salz mit königlicher Gebärde und netzte ihre
Lippen an dem Becher und reichte ihn huldvoll Siegfried dar, der ihn
lachend nahm und ihn bis zur Nagelprobe leerte. Das Volk aber klatschte
dem starken und frohen Helden begeisterten Beifall.
Hocherhobenen Hauptes zog Brunhild in die Königsburg, heiteren Auges
Siegfried neben ihr.
Acht Tage ordnete Brunhild die Regierungsgeschäfte, und Siegfried ließ
sie fröhlich gewähren. Am neunten Tage aber trat er vor sie hin, küßte
ihre schönen Hände und fragte nach dem Tage der Hochzeit.
Brunhild schlug die Augen nieder. Ihr Blick fiel auf den glitzernden
Ring des Nibelung an ihrer Hand.
»Mein Held,« begann sie, »dieses Reich ist nur klein und allzu klein für
unseren Heldensinn. Dein Vater Siegmund aber lebt und kann noch lange
regieren.«
»Das wünsche ich ihm von Gottes gnädigster Huld,« sagte der Held.
»Nun wohl denn,« fuhr die Königin fort, »nimm meine besten Schiffe,
meine besten Ritter und Mannen, segle nach Norge hinüber und nach
Dänemark, bekriege die Länder und gründe dir ein großes Nordlandreich.«
Siegfried schaute auf. Dann lächelte er.
»Du willst mich auf die Probe stellen. Ich bin kein seeräubernder
Wiking, sondern ein Ritter. Und Norge und Dänemark leben in Frieden mit
uns. Sprich also, wann soll die Hochzeit sein?«
Brunhild aber antwortete: »Sobald du heimgekommen bist mit den Kronen
von Norge und Dänemark.«
Da merkte der Held, daß ihr Sinn hochfahrend geworden war, und er suchte
in der Königin das liebende Weib zu wecken.
»Brunhild, gedenke, daß wir Verlobte sind. Ich will kein Mannweib an
meiner Seite, sondern die süße Genossin, die sich der Taten ihres Mannes
freut und seinen wilden Kopf in ihrem Schoße zur Ruhe bettet. O laß mich
nach all den heißen Schlachtgesängen dir von Liebe singen und singe mir
wieder von Liebe, damit ich weiß, für welchen Reichtum ich draußen
kämpfe, und doppelt scharf den Balmung schwinge.«
Hohnvoll lachte sie über ihn hinweg.
»Hier ist kein Asyl für Ermattete und Bresthafte. Eine Königin schenkt
sich nur einem König. Laß dein Schwert für dich reden und nicht deine
Zunge.«
Siegfrieds Stirn zog sich zusammen. Hochaufgerichtet stand er vor
Brunhild und maß sie mit blitzenden Augen. Dann wandte er sich und
schritt zum Strande.
Da lag noch der Schiffer, der sie hergebracht hatte, und wartete auf
günstigen Wind.
»Fahr zu,« gebot ihm Siegfried, »ich nehme wieder das Steuer.«
Auf der Burgmauer stand Brunhild, prächtig zu schauen in ihres Leibes
Schönheit und den reichen Gewändern aus Purpur und Gold. Wie die
herrliche Mitternachtssonne war sie anzusehen unter ihren dienenden
Frauen. Nun hob sie die Hand.
»Siegfried,« rief sie voll königlichen Bewußtseins, »Siegfried, ich
harr' deiner Wiederkehr!«