Und der Schmied sprach weiter: »Gerade deshalb bist du des Lohnes
würdig. Aber ich weiß, daß deine junge Ritterseele nicht nach Lohn
giert, der dir ohne Kampf und Zutun in den Schoß fällt. Den echten Mann
erfreut nur der Besitz, den er sich selbst erobert hat. Deshalb schuf
ich dir nur die Waffen. Dein Werk sei nun, den Schatz zu gewinnen. Und
jetzt höre mich an.«
Da erzählte Mime, der Schmied:
»Es war ein König mit Namen Nibelung, der besaß den reichsten Schatz der
Erde an Gold und Edelgestein. Mein Bruder Fafner und ich gewannen ihn
durch List; doch als es zwischen uns zur Teilung kommen sollte, höhnte
mich der arge Bruder wegen meiner Mißgestalt und bedrohte mein Leben. Da
entfloh ich vor dem Treulosen und büßte in dieser Waldeseinöde meine
Habgier. Fafner aber hielt sich von Stund an für reicher und mächtiger
als die Götter in Walhalla, erzürnte die Himmlischen und wurde zur
Strafe in einen scheußlichen Lindwurm verwandelt. Wo sich am Rhein das
Land der Sieben Berge erstreckt, gewahrst du den steil zum Strome
abstürzenden Felsen, der seine Wohnung bildet. Hier hütet der Drache
seine Schätze, tief in einer Felsenburg, in der tausend gefangene
Nibelungenritter die Wache halten. Und das gefräßige Untier, das schon
seinen Goldhunger nicht zu stillen vermochte, wirft sich auf die Bauern
des Gebirges und verschlingt sie bei lebendigem Leibe, immer wähnend, es
schlänge Gold. Nun mach du dich auf, mein Sohn, bestehe das Abenteuer
und gewinne den Schatz. Aber hüte dich vor dem Ring, den der Drache an
der Klaue trägt. Nibelung trug ihn und verfluchte ihn, als er ihm von
Fafner entrissen wurde. Vergrabe ihn tief im Bauche der Erde oder wirf
ihn ins Meer, wo sein Schlund am schwärzesten gähnt.«
Das versprach Siegfried, ließ sich von Mime wappnen und das Schwert
gürten, nahm mit Kuß und Umarmung Abschied von seinem Pflegevater,
bestieg das Roß Grane und ritt singend in die Welt.
So aber sah Siegfried aus, als er, Mann geworden, singend auszog, ein
Held zu werden: Um Haupteslänge überragte er die Menschen. Goldrot flog
ihm das Haar um den Kopf, als hätte er die Sonne in seinen Locken
gefangen. Stahlblau blickten seine Augen, und so froh und weich ihr
Glanz in guten Tagen zu sein vermochte, so dräuend und blitzend konnten
sie funkeln und flammen, schien dem Helden eine Sache nicht recht.
Wohlgebildet war sein Körper, daß es den Frauen eine Wonne wurde, ihn zu
schauen, sein Arm eisern und seine Schenkel von unermüdlicher Kraft auf
dem Pferderücken und im Weitsprung hinter der Wurfscheibe her.
Wohin er kam, staunten die Leute dem jugendschönen Recken nach, und sein
Bild machte aller Herzen fröhlich. Er aber zog singend durch die Lande,
als wäre er der Frühling.
So nahte er sich dem Siebengebirge und sah den Drachenfels wie eine
Festung über dem Strome lagern.
»Ei, mein Roß Grane,« rief er lachend, »wollen wir heute noch den Strauß
wagen? Verschiebe nicht auf morgen, was du heute noch verrichten
kannst.« Und das edle Roß Grane flog wie ein Pfeil ins Gebirge hinein.
Immer dunkler und dichter wurden die Wälder. Kein Mensch war hier
gegangen seit Jahren und Jahren. Unheimlich lastete die Einsamkeit, und
geräuschlos fast, als verstünde es die Gefahr, setzte das Roß Grane Huf
vor Huf.
Da lag die kahle Höhe des Felsen.
Das Roß erschauerte. Ein Dampf quoll auf, der in Stößen den Himmel
verfinsterte, und ein giftiger Brodem erfüllte die Luft und stach in die
Lungen.
Siegfried zog das Helmband fester und lockerte den gewaltigen
Eschenspeer, der von der Spitze bis zum Schaft mit zweischneidigem Eisen
beschlagen war. Mit der Linken tastete er nach seinem guten Schwert
Balmung, strich beruhigend seinem Pferde über den Kopf und lenkte es
behutsam um einen Felssturz.
Da lag das Untier, an die hundert Fuß lang, mit dem Kopfe eines
Krokodils, den Krallen eines Löwen und dem schuppigen Schwanze eines
fürchterlichen Wurmes. Es schlief.
»Pfui,« sagte Siegfried und hätte gern das Wort zurückgenommen. Denn vom
Klange seiner Stimme war der Drache erwacht, glotzte aus vorquellenden
Augen den tollkühnen Ritter an, öffnete den Rachen und -- lachte ein
grausenerregendes Lachen.
Das erbitterte den Helden, denn er spürte den Hohn.
»Schließe den Schnabel, du Vieh!« rief er zornig. »Dein Atem riecht
übel. Warte, ich sperr' ihn dir!«
Und er bog den Arm zurück, sprengte vor und schleuderte den
eisenbeschlagenen Speer dem Drachen ins Maul, daß nur noch das Ende des
Schaftes hervorwippte. Das Untier aber erhob sich, würgte und spie den
Speer mit solcher Wucht zurück gegen Siegfrieds auffangenden Schild, daß
sich das Roß auf die Hinterbeine setzte und sich überschlagen hätte,
wäre Siegfrieds zwingende Hand nicht so stark gewesen. Jetzt aber ging
der Drache zum Angriff vor. Er brüllte, daß die Felsen erdröhnten und
das Gestein ringsum zersprang. Und bei jedem Atemzug schossen lodernde
Flammen aus seinem Rachen, daß der Held vor Hitze schier glaubte
verkommen zu müssen. Den Gaul riß er herum, um dem sengenden Qualm zu
entgehen. Da holte der Lindwurm mit dem Schuppenschwanze zum Schlage
aus. Aber das Roß Grane stieg hoch und schwang sich wie ein Vogel über
den Rücken des Ungetüms, hinüber und wieder herüber, wie die Schläge des
Schwanzes fielen, und Siegfried holte sein Schwert Balmung aus der
Scheide, und plötzlich beugte er sich vom Rücken des springenden Rosses
tief hinab, der Stahl pfiff durch die Luft und durchhieb den Schwanz des
Untiers, daß er losgetrennt gegen die Felswand klatschte. Heulend fuhr
der Drache in die Höhe, und ein Prankenschlag traf den Steigbügel und
riß Siegfried vom Pferd.
»Ich will's dir vergelten, du Nimmersatt.« rief der Held und sprang zu
Fuß den Drachen an. Aber die Glut, die ihm entgegenströmte, war so
furchtbar, daß ihm die Panzerschnallen schmolzen und der Harnisch von
seinem Körper fiel. »So ist's bequemer,« lachte grimmig der Held und
ließ den Balmung wie einen Wirbel tanzen. Schon lief ihm der Schweiß in
Strömen über den Leib, schon fühlte er das Mark im Arm verdorren vor
der höllischen Hitze, und immer noch war der Drache übermächtig. Da
gewahrte er an der Klaue des Lindwurms einen blitzenden Ring, den Ring
des Königs Nibelung. Und er nahm seine letzte Kraft zusammen, duckte
sich, sprang vor, warf sich an des Untiers Kehle und durchschlug mit
sausendem Querhieb die zum Schlag erhobene Tatze, daß die Krallen mit
dem Ringe in die Steine flogen.
Einen einzigen Schrei tat der Drache. Einen Schrei, wie ein Verdammter
schreit. Und brach in seinem Blute tot zusammen.
Held Siegfried stützte sich auf seinen Schwertknauf. Die Zunge lag ihm
trocken im Munde. Einen Trunk mußte er tun, wollte er nicht verdursten,
und er beugte sich über das Drachenblut und schöpfte mit der Hand. Als
er aber die Hand zurückzog, war sie, soweit er sie in das Blut getaucht
hatte, wie mit einer Hornhaut überzogen. Da erkannte sein scharfer Sinn
sofort das Wunder, und er warf die Kleider ab und badete den ganzen
Leib in dem Blute, so, daß sein ganzer Körper hörnern wurde und
undurchdringlich für Hieb und Stich. Nur zwischen den Schulterblättern
blieb eine kleine Stelle frei. Ein Lindenblatt hatte sich im Walde
gelöst und war ihm beim Baden angeflogen.
[Illustration: Siegfried badet im Blut des Drachens]
Angetan mit seinen Kleidern, das Schwert Balmung in der Hand, schritt
der Held zum Eingang der Felsenburg. Mit dem Fuß stieß er an die
abgehauene Klaue, und als er den Ring blitzen sah, bückte er sich, zog
ihn von der Kralle und streifte lachend das Kleinod an seinen Finger.
»Aufgemacht!« rief er und schlug mit dem Schwert gegen das Eisentor.
Blitzschnell öffnete sich das Tor, und ein Hagel von Schwerthieben fiel
auf den Recken nieder, daß er des Todes gewesen wäre, hätte ihn die
hörnerne Haut nicht geschützt. Hageldicht fielen die Hiebe, und doch
gewahrte er niemanden, der sie schlug. Da griff er blindlings geradeaus
und nach rechts und nach links, und plötzlich hielt er einen Bart in
seiner Faust und fühlte wohl, daß er an dem Barte einen Menschen
herumschwang, und er schlug diesen unsichtbaren Menschen gegen die
steinernen Torpfosten, bis eine Stimme kläglich um Erbarmen bat.
»Zeig' dich,« rief Siegfried, »oder ich fresse dich an diesem Bart mit
Stumpf und Stiel.«
Da rieselte es wie ein Nebel zu seinen Füßen nieder, und er hielt in den
Händen einen eisengeschienten, kriegerischen Zwerg, der an seinem
eigenen Barte zappelte.
»Wer bist du?« befragte ihn Siegfried. »Und was machte dich unsichtbar?«
Und der Zwerg stöhnte: »Ich heiße Alberich und bin der Führer der
Nibelungenritter, die der greuliche Fafner sich dienstbar machte. Wenn
ich Euch schlug, tat ich, was meine Pflicht mir gebot. Habt ein Einsehen
deshalb, so Ihr selber ein Ritter seid. Und ich weise Euch die
Tarnkappe, die ihren Träger unsichtbar macht vor den Menschen.«
»Schwöre mir,« sagte Siegfried, »daß du fortan in Treuen mein Dienstmann
sein willst mit deinen Rittern, und ich will euch ritterbürtig halten.
Schwöre getrost. Denn ich habe euch von eurem Bedrücker befreit.«
Da beugte Alberich das Knie, überreichte die Tarnkappe und schwur sich
mit seinen Mannen Siegfried in die Hand. Und die tausend
Nibelungenritter eilten herbei, schlugen Schilder und Schwerter zusammen
und huldigten ihrem Befreier und ritterlichen Herrn mit brausendem
Jauchzen.
Alberich aber führte Siegfried durch die gewaltigen Schatzkammern und
wies ihm den Nibelungenhort, der so reich war an Gold und Edelgestein,
daß es mehr als hundert Leiterwagen bedurft hätte, um ihn von dannen zu
führen.
Wie Siegfried da fröhlich lachte!