1. Kapitel

Wie Siegfried jung war, zu Mime in die Lehre kam, den Drachen erlegte

und den Nibelungenschatz gewann

Wenn ihr den Rhein hinunterwandert, immer tiefer ins niederrheinische

Land hinein, seht ihr aus der schweigenden Ebene eine altertümliche

Stadt sich erheben, die zu träumen scheint. Xanten ist sie geheißen, und

sie träumt von ihrer großen Vergangenheit. Von alten, stolzen Zeiten, da

noch ein König hier herrschte weit bis nach Niederland hinein, da noch

die Drachenschiffe nordischer Seeräuber vom Meere heraufkamen in den

Rhein, und des Königs starke Ritter, die auf den Rheinwiesen ihre Rosse

im Turniere tummelten, die Feinde erschlugen und ersäuften, daß es eine

wilde Lust war. Hei, wie in den Heldentagen die Trompeten jauchzten, die

Schwerter blitzten und die Schilde krachten, als kämpfte ein herrlich

Gewitter rheinauf und rheinab.

Das war die Zeit, da dem König Siegmund und seiner Königin Siegelinde

ein Sohn geboren wurde, und weil nach heißen Siegen Friede herrschte, so

nannten sie ihn Siegfried.

Wie ein junger Baum, den die Gärtner mit Fleiß und Liebe hüten, wuchs

der Knabe auf. Spielend lernte er die Aufgaben, die seine Lehrer ihm

stellten, und war als Kind schon so klugen und hellen Geistes wie wenige

vor ihm und nach ihm. Das tat, daß er nach den Schulstunden nicht in den

Stuben hockte und sich nicht an Mutters Schürzenband hängte, sondern wie

ein rechter Knabe, der ein ganzer Mann zu werden wünscht, durch Wiesen

und Wälder rannte, die Stimmen aller Tiere erforschte und die

Geschichten, die der Wald erzählt und die Wellen des Rheines raunen. So

wurde nicht nur sein Körper stählern und biegsam wie eine gute Klinge,

sondern auch sein Blick wurde scharf und sein Gehör hell und sein Denken

rasch und sicher.

Mit zehn Jahren ritt er den wildesten Hengst ohne Zügel und Zaum,

beschlich ihn auf der Weide, warf sich auf seinen Rücken und bändigte

den rasend Dahinstürmenden mit eisernem Griff in die Mähne. Denn Furcht

war ihm fremd, und wer furchtlos ist, bleibt Sieger im Leben.

Mit zwölf Jahren besiegte er alle Edelknappen und Waffenknechte seines

Vaters, und mit vierzehn Jahren ritt er heimlich zum Turnier der starken

Ritter, mit geschlossenem Helmvisier, damit sie nicht wüßten, daß es der

Knabe Siegfried sei und sie ihn wegen seiner Jugend von der Bahn

verwiesen, legte den Speer ein, den er sich aus dem Stamme einer jungen

Esche geschnitzt hatte, und warf die stolzen Ritter aus dem Sattel, daß

sie aus ihren Panzerstücken herausgeschält werden mußten, wie gesottene

Krebse aus ihren Schalen.

Da trat er vor seinen Vater, den König, und bat ihn: »Laßt mich in die

Welt, Herr Vater, überall hin, wo Feinde sind und es für eine gute Sache

zu fechten gilt.«

Der König aber sprach: »Die Kraft allein tut's nicht, um die Feinde zu

bändigen, sondern ein weiser Sinn, der aus Feinden Freunde macht und dem

Lande die Segnungen des Friedens beschert. Werde älter, mein Sohn, und

du wirst mir meine Worte danken.«

Siegfried aber dachte: »Er hat gut reden, der Herr Vater, denn sein Bart

ist heute grau, und die Tage, in denen er selber mit Schwert und Speer

auf die Feinde rannte, liegen hinter ihm. Wenn es Abend ist, kommen die

Harfner in die Halle und singen von König Siegmunds Taten. Da ist es

leicht für ihn, zu verzichten und anderen vom Verzicht zu reden.«

Und er ging bekümmert umher und wußte nicht aus noch ein mit seinem

wachsenden Jugendmut.

An einem stürmischen Herbstabend hatte er sich wieder in die Halle

geschlichen, in der König Siegmund, von seinen Rittern umgeben, thronte

und das Trinkhorn kreisen ließ. Der Sänger saß mit der Harfe auf den

Stufen des Thrones. Er sang von den Kämpfen der Götter und Menschen.

Von den Helden sang er, die das Land befreit hatten von Räubern und

Drachen. Von den Mutigen und Starken, die mit dem blanken Schwert ein

Königreich erobert und die schönste Prinzessin zur Frau gewonnen hatten.

Und er sang das alte Lied von den Goldschätzen des Zwergenkönigs

Nibelung, die von Fafner, dem greulichen Lindwurm, im Berge gehütet

wurden und der erobernden Heldenfaust harrten.

Da ward's dem lauschenden Knaben heiß und hoch zu Sinn, und er fand in

der Nacht keinen Schlaf und stand auf, kleidete sich an und trat vors

Burgtor. Hui, riß ihm der Sturmwind die Mütze vom Kopf, und er lief mit

dem Sturmwind um die Wette, sie zu fangen, und jagte durch die

schauernden Wiesen in die nachtdunklen Wälder hinein, die sich

unermeßlich dehnten und in denen es schrie, jauchzte und winselte von

tausend Stimmen der Nacht.

Siegfried aber lachte, daß es durch den Wald hallte, denn das gefiel

ihm wohl. Und er packte einen jungen Eichbaum, bog ihn nieder, riß ihn

mitsamt der Wurzel aus und erschlug mit ihm, was sich in der Finsternis

gegen ihn warf: einen schnaufenden Eber mit gleißenden Hauern, ein

gewaltiges Einhorn mit glühenden Augen und eine Schlange, deren

Lindwurmkopf rote Flammen und giftgrüne Dämpfe spie.

Und Siegfried schrie in den Sturm hinein: »Das ist ein Leben! Ha, das

ist ein Leben!«

Die Nebel brodelten auf, zerfetzten sich in den Kronen der Bäume und

ließen den dämmernden Tag in den Wald hinein. Siegfried schaute sich um.

Er mußte über die Grenze in ein fremdes Land geraten sein, denn er fand

sich nicht mehr zurecht. Das machte ihn noch einmal von Herzen lachen,

denn nun konnte er wohl seine Tapferkeit vor den Menschen beweisen. Aber

wie er weiter und weiter durch Dickicht und Gestrüpp den Weg sich

bahnte, verspürte er plötzlich einen Hunger, der immer grimmiger in ihm

wütete. Da lugte er, wo er den höchsten Baum fände, und kletterte bis

in den Wipfel, Ausschau nach einer Menschensiedelung zu halten, und

seine scharfen Augen entdeckten bald den Rauch einer Hütte, die an einem

fließenden Wasser in einer Waldlichtung lag. Dorthin sprang er in weiten

Sätzen.

Es stand ein Schmied vor der Tür, und Siegfried staunte ihn an. Denn der

Mann hatte einen schweren, kurzgefügten Körper mit einem großen Höcker

zwischen den Schultern und einen verwitterten Kopf. Daß ein Mensch so

häßlich sein konnte, tat dem schönen Knaben leid, und er wünschte dem

verwachsenen Schmied recht fröhlich einen guten Morgen.

Gerade hatte der Kleine mit Armen, die stark waren wie Hebebäume, einen

Eisenbalken auf den Amboß gewälzt, als Siegfried ihn anrief. Er richtete

sein wirrbärtiges Gesicht auf, packte einen ungefügen Hammer und fragte:

»Was willst du hier?«

»Ei,« rief Siegfried, »was wird ein nüchterner Magen wollen? Eine

Morgensuppe will er, wie sie dort auf Eurem Herde so appetitlich

duftet.«

»Hand weg,« sagte drohend der Schmied. »Müßiggänger brauchen nicht zu

essen.«

»Ich will's Euch wohl beweisen, ob ich das Essen verdiene,« zürnte

Siegfried. »Habt Ihr was zu schaffen für mich?«

Der Schmied reichte ihm den ungefügen Hammer und wies auf den

Eisenbalken, der über dem Amboß lag.

»Wenn dein Arm so stark ist wie dein Mundwerk --«

Da hob Siegfried wütend den Hammer und ließ ihn auf den Eisenbalken

niedersausen, daß der in Stücken durch die Lüfte flog und der Amboß eine

Klafter tief in die Erde fuhr.

»Was ist das für ein Kinderspielzeug?« rief der starke Siegfried. »Gebt

mir Männerarbeit!«

Mit weitgeöffneten Augen starrte der Schmied auf den Zornigen. »Nun

könnt Ihr mich morden, Jungherr, denn Ihr habt die Waffe in der Hand.«

Siegfrieds Zorn aber war schon verraucht. »Da habt Ihr sie wieder. Ich

kämpfe nicht mit Waffenlosen. Auch scheint die Natur Euch Armen so

schwer mißhandelt zu haben, daß man Euch mit Liebe begegnen muß.«

Der Mißgestaltete sah ihn noch immer an. Aber in seinen Augen war ein

warmes Aufleuchten.

»Reicht mir die Hand. Ihr könnt nur Siegfried sein, der junge Held, von

dessen Stärke schon heute die Sänger Kunde tun. Nun aber weiß ich, daß

Ihr in Wahrheit ein Ritter seid. Denn Ihr habt ein reines und gütiges

Herz.«

»Und wer seid Ihr?« fragte Siegfried.

»Ich bin Mime, der Schmied. Bleibt bei mir, so lange es Euch gefällt,

und ich will Euch viele Künste lehren.«

Da blieb Siegfried bei Mime im Walde und wußte nicht, daß es ein Jahr

ward und ein zweites und drittes, so lief die Zeit dahin wie ein Wunder

und wurde von Meister und Schüler weidlich genützt. War Siegfried als

Knabe stark gewesen, so wurde er als Jüngling ein Hüne an Kraft und

doch geschmeidig wie der schnellfüßigste Hirsch. Er lernte den Bären mit

den Fäusten fangen und ihn am Bratfeuer ohne Messer und Spieß zerreißen

und zerlegen. Das frische Blut trank er wie einen Becher Rotwein und

genoß zum Wildbret eine Fülle von saftigen Wurzeln und Kräutern, die ihn

vor jeder Krankheit bewahrten. Täglich aber unterrichtete ihn Mime in

der höchsten Kunst des Waffenhandwerks und lehrte ihn die feinsten

Handgriffe und die Vollendung in Ansturm und Abwehr, so daß ein

einzelner leicht ein Dutzend bestände.

Es stand ein Roß im Stall, das stammte von den Rossen Wotans, auf denen

einst die Walküren ritten, und hieß Grane. Das schenkte Mime seinem

Zögling. Und Helm und Panzer schmiedete er ihm und ein Schwert, das

durch härtestes Eisen schnitt wie durch einen Butterkloß, und das

Schwert hieß Balmung. Wie da Siegfrieds Augen leuchteten!

»Vater Mime,« fragte er, »weshalb macht Ihr mich so reich?«

Und der Mißgestaltete sprach: »Laß es dir gefallen, mein junger Held.

Keiner auf der Welt hat mir Liebe geschenkt als du. Ist es da nicht

verständlich, daß ich dir auf meine Art davon zurückgeben möchte?«

Siegfried, der Held · 第 7 / 17 题