Über die Werke dieser Periode sei zusammenfassend bemerkt, daß sie dem

Hörer im allgemeinen nur wenig Genuß gewähren. Nicht als ob, wie in

den letzten Gaben der Beethovenschen Muse der allzu hohe Ideenflug das

unmittelbare Verständnis erschwerte -- im Gegenteil, die Unkraft der

schaffenden Phantasie ist es, die es zu keiner künstlerischen Wirkung

kommen läßt und bloß Mitgefühl für den armen Meister hervorrufen kann.

Er hat, wie Dräsecke sagt, als Genie begonnen und als Talent aufgehört;

schon seit jener Erkrankung um die Mitte der vierziger Jahre ist das

allmähliche Herabsinken seines Geistesfluges, die Atrophie seines

Genius zu beobachten. Mit fiebrischer Hast, zu welcher die äußere,

fast apathische Ruhe unheimlich kontrastiert, springt er von einem

musikalischen Gebiet auf das andere, schreibt bald +Lieder+ (_op._ 107,

117, 119, 125, 135) und begeistert sich für die +Gedichte der Elisabeth

Kulmann+ (_op._ 103, 104), „einer wahren, seligen Insel, die im Chaos

der Gegenwart emporgetaucht;“ bald +Violinsonaten+ (_op._ 105, _op._

121 _D-moll_); bald wieder kleinere +Klavierstücke+ (_op._ 109, 111),

bald ein +Trio+ (_G-moll_, _op._ 110), bald +Märchenbilder+ für Viola

(_op._ 113), bald eine +Messe+ (_op._ 147) oder ein +Requiem+ (_op._

148). Richard Pohl, der nachmals berühmte Kritiker, und Moritz Horn

müssen ihm Opern- und Oratorientexte herstellen; Projekte, wie die

+Braut von Messina+ und +Hermann und Dorothea+ giebt er gleich wieder

auf, komponiert aber wenigstens Ouvertüren dazu (_op._ 100 und 136).

Auch Shakespeares +Julius Cäsar+ erhält eine Ouvertüre (_op._ 128).

Sehr lange beschäftigt ihn dann der Gedanke an ein Oratorium „Luther“,

über das sich ein reger Briefwechsel mit Pohl entspinnt. Einige

Stellen daraus seien hier angeführt, als Beispiel, bis zu welchem

Grade Schumann seine „Dichter“ beeinflußte und wie er sich das Ideal

eines Oratoriums ersonnen hatte: „Das Oratorium müßte ein durchaus

volkstümliches werden, das Bürger und Bauer verstände -- dem Helden

gleich, der ein so großer Volksmann war. Und in diesem Sinne würde ich

mich auch bestreben, meine Musik zu halten, also am allerwenigsten

künstlich, kompliziert, kontrapunktisch, sondern einfach, eindringlich,

durch Rhythmus und Melodie vorzugsweise wirkend. Im übrigen stimme ich

mit allem, was Sie wegen Behandlung des Textes in metrischer Hinsicht

sagen, wie über die volkstümlich altdeutsche Haltung, die dem Gedichte

zu geben wäre, durchaus überein. -- Das Oratorium müßte für Kirche und

Konzertsaal passen. Es dürfte mit Einschluß der Pausen zwischen den

verschiedenen Abteilungen nicht über zweieinhalb Stunden dauern. --

Alles bloß Erzählende und Reflektierende wäre möglichst zu vermeiden,

überall die dramatische Form vorzuziehen. -- Möglichst historische

Treue, namentlich die Wiedergabe der bekannten Kraftsprüche Luthers.

Sein Verhältnis zur Musik überhaupt, seine Liebe für sie, in hundert

schönen Sprüchen von ihm ausgesprochen, dürfte gleichfalls nicht

unerwähnt bleiben. -- Hutten, Sickingen, Hans Sachs, Lucas Kranach, die

Kurfürsten Friedrich und Johann von Hessen müssen wir wohl aufgeben --

leider! Erzählungsweise mögen sie aber alle vorkommen. Ich glaube, wir

müssen den Stoff auf die einfachsten Züge zurückführen, oder nur wenige

der großen Begebenheiten aus Luthers Leben herausnehmen. Auch glaube

ich, dürfen wir dem Eingreifen übersinnlicher Wesen nicht zu großen

Platz einräumen, es will mir nicht zu des Reformators ganzem Charakter

passen, wie wir ihn nun einmal recht als einen geraden, männlichen und

auf sich selbst gegründeten kennen. -- Gelegenheit zu Chören geben Sie

mir, wo Sie können. Händels ‚Israel in Egypten‘ gilt mir als das Ideal

eines Chorwerks und eine so bedeutende Rolle wünschte ich dem Chor auch

im ‚Luther‘ zugeteilt. Der Choral ‚Ein’ feste Burg‘ dürfte als höchste

Steigerung nicht eher als zum Schluß erscheinen, als Schlußchor. --

Lassen Sie uns das große Werk mit aller Kraft ergreifen und daran

festhalten.“ Doch kam es trotz der in den letzten Worten gegebenen

Versicherung zur Ausführung des so wohl bedachten Planes nicht.

Andere, wichtiger dünkende Projekte drängten sich in den Vordergrund.

Denn im verzweifelten Streben ja nur Originelles, Bahnbrechendes

zu produzieren, sann Schumann endlich gar auf die Einführung neuer

Kunstgattungen, nahm das „weltliche Oratorium“ wieder auf und erfand

das unerfreuliche, zwitterhafte Genre der „Chorballade“.

+Der Rose Pilgerfahrt+ (_op._ 112) heißt das bis zur Abgeschmacktheit

sentimentale Carmen Horns, welches jetzt ein -- sehr untergeordnetes

-- Seitenstück zu der sinnigen „Peri“ abgeben sollte, ein Carmen,

dessen Heldin eine menschgewordene Blume ist, welche liebt, heiratet

und endlich, man weiß nicht recht warum, von der +Elfen+königin unter

die +Engel+ aufgenommen wird. Kaum begreifen wir, wie Schumann dies

fade Produkt gezierter Goldschnittlitteratur anziehen konnte, ihn, der

einige Jahre vorher sich geäußert: „Schwache Worte zu komponieren ist

mir ein Greuel; ich verlange keinen großen Dichter, aber eine gesunde

Sprache und Gesinnung.“ Horn war thöricht und eingebildet zu glauben,

an dem geringen Erfolg, den das Werk bei den ersten Aufführungen

davontrug, sei die „in der Auffassung verfehlte“ Musik des Meisters

schuld. Diese gehört nun freilich nicht zu seinen besten Leistungen,

enthält aber immerhin gar manche reizvolle Nummer. Derselbe Dichter

richtete ihm auch die Uhlandsche Ballade: +Der Königssohn+ (_op._

116) für seine Experimente her, Pohl im folgenden Jahre +Des Sängers

Fluch+ (_op._ 139). Darnach kommt der Geibelsche Romanzenkranz +Vom

Pagen und der Königstochter+ (_op._ 140) an die Reihe und schließlich

1853 +das Glück von Edenhall+ (_op._ 143) von seinem Hausarzte Dr.

Hasenclever bearbeitet. Das Prinzip dieser zwischen Epos und Drama

schwankenden Gattung, wie es in _op._ 139 am deutlichsten ausgeprägt

erscheint, besteht darin, daß der erzählende Teil des Gedichtes einer

gewissen Stimme übertragen, alles Übrige jedoch, nötigenfalls mit Hilfe

von beträchtlichen Texterweiterungen, zu Sologesang, Duett, Terzett

oder Chor umgestaltet wird, je nachdem es die Situation erfordert. So

entwarf Schumann zu „des Sängers Fluch“ folgendes Schema:

Nr. 1. +Chor mit Solis.+

Es stand in alten Zeiten -- blühender Genoß.

Nr. 2. +Duettform+ (etwa zehn Zeilen).

+Alter und Jüngling.+

Nun sei bereit -- steinern Herz.

Nr. 3. +Recitativ+ (Sopran).

Schon stehen -- zum Ohre schwoll.

+Ensemble.+

Alter, Jüngling, König, Königin, Chor.

(Breit auszuführen).

Nr. 4. +Recitativ.+

Und wie vom Sturm zerstoben -- Gärten gellt.

Nr. 5. +Harfner.+

Weh euch!

Nr. 6. +Chor.+

Der Alte hat’s gerufen -- Das ist des Sängers Fluch.

Pohl legt nun den beiden Sängern ganze Uhlandsche Lieder in den Mund

und der Chor drückt seine Ergriffenheit mit dem, zu diesem Zwecke

veränderten Verse: „Wie schlägt der Greis die Saiten, so wundervoll

und mild“ aus. Ferner wird der Königin ein früheres, zärtliches

Verhältnis zum Jünglinge insinuiert. Die beiden sind so unvorsichtig,

im Angesichte des ganzen Hofes ein langes Liebesduett anzustimmen,

worauf der König in begreiflicher Entrüstung den kecken Troubadour mit

den Worten: „Stirb feiger Sklavensohn!“ niedersticht. Daß Schumann die

poetischen Sünden eines unerfahrenen Kunstnovizen für gut befinden, ja

sogar veranlassen konnte, zeugt gewiß von einer bedeutenden Trübung

seines einst so klaren, richtigen Blickes.

Im März 1852 gab das Schumannsche Ehepaar unter großem Zulauf

auswärtiger Musiker (Liszt, Robert Franz, Joachim, Meinardus u. a.)

eine Anzahl von Konzerten in Leipzig, doch vermochten selbst vor diesem

wohlgesinnten Publikum gerade die letzten Werke keinen rechten Erfolg

zu erringen. Denn selten nur erhellt in ihnen ein Blitz, manchmal

wohl ein fernes Wetterleuchten des Genies das lastende Dunkel. Müde

und abgespannt kehrte der Meister nach Düsseldorf zurück, an dem

Männergesangsfest (im August) beteiligte er sich nur wenig und eine

Kur in Scheveningen, wo er mit seinem alten Freunde Verhulst das

Wiedersehen feierte, brachte nur vorübergehende Besserung. Von seinem

sonderbaren Zustand giebt eine Erinnerung des Malers Bendemann an eine

Abendgesellschaft, bei welcher auch Schumann zugegen war, interessanten

Bericht: „Nach dem Essen trug Klara einige Klavierstücke vor. Schumann

hatte sich unterdes seiner Gewohnheit nach in ein Nebenzimmer

zurückgezogen. Seine Frau, die immer sehr besorgt um ihn war, ging

nach Beendigung ihrer Vorträge zu ihm hin. Ich begleitete sie. Als wir

eintraten, schrak er aus seinem träumerischen Versunkensein empor und

fragte: Wer hat da gespielt? Ich merkte, wie die Frage Frau Schumann

ins Herz schnitt. Aber Robert, ich habe ja gespielt, erwiderte sie mit

bebender Stimme. So warst du das!? gab Schumann gleichgültig zurück

und versank wieder in seine Meditationen. Die sonderbaren Worte hatten

die liebe Frau so angegriffen, daß sie förmlich unwohl wurde und den

Wunsch aussprach, nach Hause zu gehen. Schumann hatte darnach nur ein

kurzes: Warum denn? Es ist ja ganz nett hier! -- Aber bester Schumann,

wenn Ihre Frau unwohl ist, müssen Sie sie doch nicht zurückhalten,

sagte ich, mich ins Mittel legend. Da brach er denn auf. Am andern

Morgen aber empfing ich einen Brief von ihm, worin er sich ziemlich

beleidigt über meine Einmischung aussprach.“ (Schrattenholz, E.

Bendemann). Über seinen damaligen Geisterglauben erzählt ein anderer

Freund, Wasiliewski, Folgendes: „Als ich im Mai 1853 eines Tages in

Schumanns Zimmer eintrat, lag er auf dem Sofa und las in einem Buche.

Auf mein Befragen, was der Inhalt des letzteren sei, erwiderte er mit

gehobener Stimme: ‚O! Wissen Sie noch nichts vom Tischrücken?‘ ‚Wohl!‘

sagte ich in scherzendem Tone. Hierauf öffneten sich weit seine für

gewöhnlich halbgeschlossenen Augen. Die Pupille dehnte sich krampfhaft

auseinander und mit eigentümlich geisterhaftem Ausdrucke sagte er

langsam: ‚+die Tische wissen alles+.‘ Als ich diesen drohenden Ernst

sah, ging ich, um ihn nicht zu reizen, auf seine Meinung ein, infolge

dessen er sich beruhigte. Dann rief er seine zweite Tochter herbei und

fing an mit ihr und einem kleinen Tische zu experimentieren, wobei

er ihn auch den Anfang der _C_-mollsymphonie von Beethoven markieren

ließ.“ Doch konnte Schumann zu gewissen Zeiten auch recht umgänglich,

ja wohl aufgeräumt sein. Beim großen niederrheinischen Musikfest

(Pfingsten 1853) that er sich als Dirigent sogar wieder hervor und

brachte nebst der umgearbeiteten _D_-mollsymphonie auch eine neu

komponierte +Festouvertüre über das Rheinweinlied+ mit Gesang (Soli

und Chor) unter vielem Beifall zur Aufführung. Denkwürdig ist sodann

sein Verhältnis zu Johannes Brahms, der an ihn durch Joachim empfohlen

war. Schumann, die außergewöhnliche Begabung des zwanzigjährigen

Künstlers erkennend, griff anerkennungsfreudig wie immer, noch einmal

zur Feder und proklamierte ihn in der Brendelschen Zeitschrift --

nicht als vielverheißenden Jünger, sondern als „starken Streiter“

und Meister, der berufen sei, „den höchsten Ausdruck unserer Zeit in

idealer Weise auszusprechen.“ Brieflich bezeichnet er ihn als den, „der

kommen mußte“, als „einen jungen Aar“, welcher „die größte Bewegung

in der musikalischen Welt hervorrufen werde“. Selbst wer diesem

enthusiastischen Preise nicht in ganzem Umfange beipflichten kann,

muß zugeben, daß Brahms unter den absoluten Musikern der letzten Zeit

entschieden und verdientermaßen den ersten Platz sich erobert hat.

Kurz, der „blonde Johannes“ war Schumanns erklärter Liebling von Stund

an. Oft gedachten die beiden Künstler bei ihrem Beisammensein auch des

fern weilenden, aber zum Konzerte erwarteten Freundes Joachim, ja, der

stille, schweigsame Robert schwang sich gar einmal zu folgendem Toast

in Charadenform auf: „Drei Silben; die erste liebte ein Gott, die zwei

anderen lieben viele Leser, das Ganze lieben wir alle; das Ganze und

der Ganze sollen leben!“ (Jo-achim). Auch existiert eine Violinsonate,

welche er, Brahms und der junge Musiker Albert Dietrich dem berühmten

Geigenvirtuosen zu Ehren geschrieben haben. Sie wurde ihm nach seiner

Ankunft in Düsseldorf vorgespielt und richtig erkannte er den Verfasser

jedes einzelnen Satzes. Später ersetzte Schumann die zwei fremden Sätze

durch eigene Musik und gab die Komposition als (_op._ 131) heraus.

Leider zählten solche Perioden geistiger Frische nur nach Tagen. In

demselben Monate (Oktober), in welchen der Verkehr mit Brahms fällt,

nahmen auch die Abonnementskonzerte ihren Anfang und schon beim ersten

zeigte es sich deutlich, daß Schumann seiner Aufgabe als Dirigent

nicht mehr gewachsen sei. Man bat ihn, das Dirigieren zur Schonung

seiner Gesundheit wenigstens vorläufig dem zweiten Kapellmeister

zu überlassen, beleidigte aber durch dieses vielleicht nicht genug

schonend vorgebrachte Ansinnen den reizbaren Meister derart, daß er

seine Stelle ohne Verzug niederlegte.

Er wandte Düsseldorf den Rücken und begab sich mit Klara auf eine

Konzerttour nach Holland. Da durfte er denn, mit Ehren überhäuft, die

ihm vermeintlich zugefügten Kränkungen vergessen. „Das holländische

Publikum,“ schreibt er frohbewegt, „ist das enthusiastischste, die

Bildung im ganzen dem Besten zugewendet. Überall hört man neben den

alten Meistern auch die neuen. So fand ich in Hauptstädten Aufführungen

meiner Kompositionen vorbereitet (der dritten Symphonie in Rotterdam

und Utrecht, der zweiten in Haag und Amsterdam, auch der Rose in Haag),

daß ich mich nur hinzustellen brauchte, um sie zu dirigieren. Ich habe

zu meiner Verwunderung gesehen, daß meine Musik hier beinahe heimischer

ist als im Vaterlande.“

Am 22. Dezember traf das Künstlerpaar wieder zu Hause ein, mit dem

Vorsatz, die leidige Stadt im Laufe des kommenden Frühlings für

immer zu verlassen. Zwei litterarische Pläne beschäftigten den

Meister fortan: Zuerst die Herausgabe seiner gesammelten Aufsätze in

Buchform,[9] wobei es ihm eine Freude war zu bemerken, daß er in der

langen Zeit, seit über zwanzig Jahren, von den damals ausgesprochenen

Ansichten fast gar nicht abgewichen sei; dann eine Zusammenstellung

aller Dichtersprüche über Musik von den ältesten Zeiten an, unter dem

Titel „Dichtergarten“. An der Vollendung dieser Arbeit verhinderte ihn

jedoch sein neuerdings ausbrechendes Leiden.

Becker erzählt, daß Schumann einmal im Gasthause plötzlich die Zeitung

weggelegt habe mit den Worten: „Ich kann nicht mehr lesen; ich höre

fortwährend _A_.“ Solche Sinnestäuschungen kehrten jetzt mit

doppelter Stärke wieder. Des Nachts erscheinen ihm Schubert und sein

lieber Mendelssohn und singen ihm eine rührende Melodie vor, bis er

vom Lager springt und sie aufzeichnet.[10] Geisterstimmen tönen ihm

entgegen, bald mild und freundlich, bald drohend und vorwurfsvoll.

Eine furchtbare Angst ergreift den Beunruhigten, während Klara durch

vierzehn bange Nächte und Tage alles aufbietet, um die quälenden

Gedanken des Gatten zu zerstreuen. Umsonst! Am Fastnachtsmontag, am 17.

Februar 1854, entfernt er sich heimlich aus dem Hause, eilt auf die

Rheinbrücke und springt, seinen peinlichen Zustand zu enden, in den

eisigen Strom. Aber anwesende Schifferknechte fischen ihn noch lebendig

wieder heraus: einen Wahnsinnigen. Man brachte ihn am 4. März in die

Privatheilanstalt des Dr. Richarz zu Endenich bei Bonn.

Ererbte Disposition und übermäßige Anstrengung des Geistes -- das gaben

die Ärzte als Ursache der Krankheit an. Allein sie erklären damit nicht

alles. Schumann war ein großer, kräftiger, gesund aussehender Mann,

dessen Leben im ganzen glücklich genannt werden darf. Alles, was er

wünschte, hatte er errungen, Freundschaft, Liebe, Künstlerschaft; nie

hatte ihm die Sorge ums tägliche Brot ihr bleiches Antlitz gewiesen.

Bedenkt man, wie andere Künstler schwach an Körper, bettelarm, mit

wundem Herzen durch die Welt gewandelt sind, ebenso produktiv,

vielleicht noch produktiver als unser Meister, ohne dabei dem Wahnsinn

verfallen zu sein, so muß man einräumen, daß es hier eine besondere

Bewandtnis gehabt habe. Fragen wir darum nicht weiter die Medizin,

sondern lieber einen mitfühlend verstehenden Genius -- Grillparzer.

Und dieser sagt uns mit ausdrücklichem Bezug auf Schumann: „Ich meine

immer, ein Künstler, der wahnsinnig wird, sei im +Kampfe gegen

seine Natur+ gelegen.“ Herrlicher Tiefblick des Dichters! Wie

beschämt er die Instrumente des secierenden Gelehrten, welche nur über

Gehirnentartung, Gefäßerweiterung und dergleichen Aufschluß zu geben

wußten. Grillparzer, der Schumann bloß einmal flüchtig gesehen, löst

uns durch einen scharfen Hieb seines Intellekts den gordischen Knoten

der Schumannfrage und führt uns zur Erkenntnis, daß nicht das Übermaß

des Schaffens, sondern das Schaffen gegen seine Natur und Eigenart

diesen Geist erschöpft und zerrüttet habe. Im Verlaufe unserer

Darstellung wurde dieses Moment schon mehrmals hervorgehoben.

Zu Endenich lebte Schumann meist in einem Zustande tiefster

melancholischer Depression. Manchmal trat wieder eine so bedeutende

Besserung ein, daß man sogar auf völlige Genesung hoffen zu können

glaubte: dann verschwand der irre Blick aus seinen Augen, er

musizierte und schrieb an Familie und Verleger. Doch am Beginn des

Sommers 1856 ging es mit ihm merklich zu Ende. Seine Freunde, die in

treuer Anhänglichkeit oft zum Krankenhaus wanderten, um Nachrichten

einzuholen, kamen mit immer traurigerer Botschaft heim. Die einzige

Beschäftigung dieses einst so bedeutenden Geistes bestände darin,

sich in einem, von Brahms geschenkten Atlas eingebildete Reisen

zusammenzusuchen. Am 29. Juli um vier Uhr nachmittags verschied er

sanft in den Armen seiner Gattin. Sie und alle, die Schumann liebten,

fühlten sich erleichtert: er war ja befreit von schwerem Leiden.

Die Nachricht von Schumanns Tode durcheilte Bonn und die anderen

rheinischen Städte in wenigen Stunden. Auf Straßen und Plätzen wurde

man darauf angeredet, ob man die Trauerkunde schon vernommen. Von fern

und nah eilten die Verehrer des Meisters zu seinem Begräbnis, Brahms,

Joachim, Dietrich gingen barhaupt hinter dem Sarge, Hiller sprach die

Grabrede und die Bevölkerung Bonns war in Scharen herbeigeströmt, um

den Leichenzug zu sehen, als würde ein König beerdigt. Auf dem Bonner

Kirchhof vor dem Sternenthor, nicht weit von Vater Arndt, ruht jetzt

der müde Sänger. Dort hat ihm im Mai 1880 die Liebe seiner Freunde ein

würdiges Denkmal errichtet.

[8] Bekannte Irrenanstalt.

[9] Erschienen bei Wigand, 1854. Später ging das Verlagsrecht an

Breitkopf und Härtel über. Neue Ausgabe: Universal-Bibliothek

Nr. 2472/73. 2561/62. 2621/22.

[10] Johannes Brahms hat über dieses im Nachlasse des Meisters

vorgefundene Thema sehr schöne Variationen geschrieben (_op._

23).

8. Rückblick.

Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da.

+Antigone.+

Wenn unser Auge bei der Betrachtung des Schumannschen Lebensganges an

manchen Schwächen und Irrtümern haften mußte, so darf der folgende

Abschnitt nun ganz dem Preise seiner bedeutenden Leistungen gewidmet

sein. Mag der eine dieser, der andere jener den Vorzug zuerkennen --

über ihren hohen Wert ist heutzutage alle Welt einig und zählt ihn,

wenn auch nicht zu jenen Gewaltigen, welche die gesamten idealen

Bestrebungen des verfließenden Zeitalters kraftvoll zusammenfassend,

einem künftigen den Stempel ihres Geistes aufdrücken, so doch zu

den Musikern ersten Ranges. Er war ein musikalischer Kernmensch und

vermag darum sogar in Kunstgattungen, für welche ihm die spezielle

Befähigung abging, in Ehren zu bestehen und die volle Teilnahme des

Hörers zu erwecken. Sollen wir aber diese seine spezielle Befähigung

genauer umschreiben, was könnten wir Treffenderes vorbringen, als das

Urteil, welches er selbst, über einen anderen Künstler (L. Berger)

freilich, gefällt hat: „Überhaupt war er in kleinen Formen glücklicher

als in größeren, wie dies oft bei Naturen der Fall, die stets ihr

Bestes, Tiefstes, Innigstes geben möchten. Schlage man solche Stücke

nicht zu gering an. Eine gewisse breite Unterlage, ein bequemes

Aufbauen und Abschließen mag mancher Leistung zum Lobe gereichen. Es

giebt aber Tondichter, die, wozu andere Stunden brauchen, in Minuten

auszusprechen wissen: zur Darstellung, wie zum Genießen solcher geistig

konzentrierter Kompositionen gehört aber freilich auch eine gesteigerte

Kraft des Darstellenden wie des Aufnehmenden und dann auch die rechte

Stunde und Zeit; denn schöne, bequeme Form läßt sich immer genießen

und auslegen; tiefer Gehalt wird aber nicht zu jeder Zeit verstanden.

Daß Berger auch größerer Formen Meister war, hat er in seinen Sonaten

und Konzerten bewiesen. Keineswegs aber geben wir für diese eben jene

kleineren, genialeren Arbeiten hin, wie jene Charakterstücke, einige

seiner Variationen und vor allem seine Lieder.“

So Schumann. Um die Schönheiten seiner Musik zu empfinden, bedarf

es natürlich, wie bei allen tiefer gedachten Kunstwerken einer

eingehenden Bekanntschaft. „Als ich Schumann zu spielen anfing,“

erzählt Robert Hamerling,[11] „glaubte ich in seiner Tonsprache dem

hellen Klangreize anderer Meister gegenüber etwas Herbes, Dumpfes

zu finden, welches jedoch, sobald es nur vom rechten Geschick und

Verständnis bewältigt war, in den süßesten Wohllaut sich auflöste.

Vor allem will das Individuelle, Charakteristische des Tonstückes

bei ihm erfaßt und festgehalten sein und aus diesem Grunde ist die

Kenntnisnahme der Überschriften, die er über seine Werke setzt, für

den vollen Genuß des Hörers so unentbehrlich, wie für den Vortrag. Was

soll der Hörer von den Sprüngen des Harlekins denken, wenn er nicht

weiß, daß es eben Harlekinssprünge sind.“ Als Gegensatz zu Mendelssohns

ohrenfälligem Formenspiel wurde diese Musik vom Publikum anfangs

mit der -- gleichfalls unverständlich dünkenden -- „Zukunftsmusik“

zusammengeworfen, wozu noch der Umstand beitrug, daß Brendel in seiner

Zeitschrift die beiden Richtungen mit demselben Enthusiasmus verfocht.

Schumanns Parteigänger protestierten entschieden, aber nicht ganz mit

Recht gegen solche Beiordnung, denn thatsächlich finden sich zwischen

ihm und der „Weimarer Schule“ gar viele und wichtige Berührungspunkte.

Schumann · 第 6 / 8 段